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Das GUTE LEBEN 2016

Lake Side Laze, Literatur 7. Mai 2016

Die Sommersaison im Seehof eröffnen wir indem wir das Gute leben, also das gute Leben leben. Am Ende des Tages ging es dabei dieses Jahr natürlich nicht um Groß- und Kleinschreibung. Und über große Literatur entscheiden ohnehin andere Dinge. Sich mit den eigenene Dämonen zu beschäftigen sei beispielsweise wichtig, fand Vea Kaiser, als sie am Donnerstag vergangener Woche unsere philosophischen Tage eröffnete. Beim schreiben ihres neuen Buchs „Makarionissi“ hat sich Vea also ihren Dämonen gestellt. Für uns las sie immer wieder Textstellen, deren Genese wir dann im Gespräch nachvollziehen konnten. Wie kommt man zu einem Text, wie findet man seine literarische Sprache und wo trifft sich beides mit einem guten Leben? Die Antworten liegen für Vea oft in den Orten, die sie prägten, ob es nun die Kindheit in Niederösterreich, das Sprachstudium in Hildesheim, oder auch der Abstand von allem, an Orten wie dem Seehof oder ihrer Lieblingsinsel in Griechenland, ist (die Lieblingsinsel heißt übrigens nicht „Makarionissi“, war aber trotdem die Inspiration für den Buchtitel).

Der Freitag begann mit einer Führung durch Rudis Kräutergarten, der Vogerlsalat für den Saibling war also schwer erarbeitet – das Gute leben eben. Am Abend diskutierten Michael Fleischhacker und Salzburger Festspielintendant Markus Hinterhäuser darüber, welche Rolle Hochkultur und das Musiktheater für ein gutes Leben spielen. Welchen Sinn macht es zur Lösung der Probleme der Gegenwart immer wieder alte Stoffe zu inszenieren? Für Hinterhäuser stellt sich diese Frage nicht. Der harmonische Zeichenvorrat sei immerhin begrenzt, besonders Lied und Gesang wirkten um den Verstand herum. Diese „Wirkung“ habe den Höhepunkt ihrer Entwicklung bereits erreicht, so zumindest konnte man Hinterhäuser interpretieren, als er darauf verwies, dass die „neue Musik“, wie die von Stockhausen, wohl aus guten Gründen heute nicht das selbe Publikum wie Mozart habe. Das Abstrakte der Musik sei somit das Element, welches den Zuhörer individuell und tief im Herzen treffe. Zeitgenössisch könne nur die szenische Inszenierung sein. Und welche Rolle nimmt bei einer solchen zeitgenössischen Inszenierung dann ein werbender Palmers-Vorhang vor der Vorstellung ein? Auch der könne bei Mozarts Don Giovanni zum stimmigen Element werden, so Hinterhäuser. Und muss man im Gegenteil historische Stücke nicht in ihrer Historizität respektieren? Wer so denkt, dem ruft Markus Hinterhäuser in Erinnerung: „J.S. Bach in der Carnegy oder der Royal Albert Hallauf einem Steinway Flügel zu spielen, das ist bereits eine zeitgenössische Interpretation.“
Die Frage nach jener Inszenierung, die Hinterhäuser am ehesten als „zeitgenössische“ in Erinnerung geblieben ist, kann er ohne zu überlegen beantworten: „Orpheus und Eurydike“, inszeniert von Romeo Castellucci für die Wiener Festwochen 2013. Für Castellucci war Bedingung für die Inszenierung eine Liveschaltung zu einer im Koma liegenden Eurydike. Hinterhäuser fand sie in der Komastation Lainz, in Person einer jungen Frau, deren Leben vor ihrem Schicksalsschlag geprägt war von Musik und Tanz, die nun die Musik auf Kopfhörern im Krankenhaus hörte und dabei in den Konzertsaal projeziert wurde. Und spätestens in diesem Moment des Hinterhäuser-Fleischhackergesprächs war klar: Auch historische Stoffe sind jedenfalls nicht weniger hart, provokant, bewegend oder relevant als zeitgenässische, wenn ihre Inszenierung sie in die Gegenwart holt. Nur eben mit einer zeitgenössischen Syntax der Musik hat das für Hinerhäuser nichts zu tun – eher im Gegenteil. Immerhin habe Schönberg stets gewollt, dass seine Melodien auf der Straße nachgepfiffen werden wie die von Tschaikowsky, aber… „, „Er hatte seine Chance“, befand Fleischhacker in fleischhackerscher Manier.
Der Abend endete beim Essen mit politischen Debatten über Popularitätsdruck und die sinkenden Fördermittel großer Festivals, über die Frage ob das Publikum der Salzburger Festspiele bald unter Minderheitenschutz gestellt werden müsse, oder ob in ihm ohnehin schon immer nur eine priveligierte Minderheit subventionierte wurde und ja, es ging auch um die Bundespräsidentenwahl und ja, es wurde an der langen Tafel im blauen Salon etwas lauter.

Dass Michael Fleischhaker auch ein exzellenter Wanderführer ist, war am Samstag Vormittag zu bestauenen. Wir wollen aber nicht für einen schulaufsatzähnlichen Erfahrungstext gescholten zu werden, daher klammern wir diese Episode aus. Den Samstag Abend bestritten dann Suhrkamp Cheflektor Raimund Fellinger und Vea Kaiser im Gespräch über das Schreiben, über die Rollen des Lektors, die des Autors und über die schnell beantwortete Frage „Was ist gute Literatur und wie schreibt man sie.“ Die Antwort ist uns sicherlich allen ohnehin bekannt, darum sei hier nicht näher darauf eingegangen.

Matthias Hartmann schloss das Gute Leben am Sonntag mit einem Gespräch über die Grenzen des guten Lebens. Manchmal geht es ganz schnell, man wird von einer Krise getroffen, die man kaum hat kommen sehen, schon steht man vor einem Trümmerfeld. Kultur, Politik, und Presse dienen eben nicht nur unserer Unterhaltung. Sie können auch desktrutive Dynamiken entwickeln, den es manchmal nur noch schwer möglich machen unbeschadet davon zu kommen. Von Krisen und vom wieder aufstehen sprach also Hartmann, kein Gespräch also das zwingend in allen Details seinen Weg in die Weiten des Internets finden muss. Wer heuer nicht dabei war, der sei hiermit im kommenden Jahr herzlich eingeladen. Unser Dank gilt Vea, Michael, Markus Hinterhäuser, Matthias Hartmann und Raimund Fellinger für Ihre Offeneheit und Zeit. Auf das gute Leben.

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