Thomas Glavinic – Kolumne BETREUTES WOHNEN – TEIL 35

Literatur 9. Januar 2020

Grübelzwang (1)

Auf dem Stuhl des Seehofschen Nachtwächters liegen Fluch und Segen, sagte mir die alte Nachbarin, von der ich annehme, dass sie mindestens sieben meiner Vorgänger gekannt hat, denn so sie sieht aus. Ein Bekannter schätzt ihr Alter auf 180 Jahre, ein alter Stammgast des Hauses findet das absurd, sie sei höchstens 140. Ich tippe auf knapp 100. Trotzdem tut sie so, als wäre sie 500 Jahre alt, womit sie, wie ich gerade merke, gar keine Ausnahme ist, denn ab einem gewissen Alter fühlt man sich so alt wie eine grauhaarige Schildkröte, und zwar sowohl was die Erinnerungen als auch die körperliche Verfassung anbelangt, es sei denn, man hat das ganze Leben lang Sport getrieben und Müsli gegessen und auf Alkohol, Tabak und Schweinefleisch verzichtet, dann erinnert man sich an alles, nur ist dieses Alles dummerweise nicht mehr als eine Aneinanderreihungen von Tagen des Verzichts. Wer möchte sich an so etwas erinnern? Unter diesem Gesichtspunkt kann man Demenz als eine Form der Notwehr interpretieren.

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Thomas Glavinic – Kolumne BETREUTES WOHNEN – TEIL 34

Literatur 2. Januar 2020

Eine wertvolle Informationsquelle regionaler Historiker und Volkswissenschaftler ist das vom Seehof keine zehn Minuten Fußweg entfernte Heimatmuseum, wo sich die von Fermentforscher Dr. Wilhelm Karas kuratierte Ausstellung sämtlicher erhaltener Tagebuchaufzeichnungen der Seehofschen Nachtwächter seit 1747 befindet (anzumerken ist, dass der für den Seehof zuständige Wächter auch für die Sicherheit des ganzen Weilers “Gold-Eck” bzw “Goldenegg”, wie Goldegg ursprünglich im Katasteramt genannt wurde, verantwortlich war, wobei der Seehof zugleich als Polizeistube und Rathaus gedient zu haben scheint). Wer sich die Mühe macht, die in den meisten Fällen kaum leserlichen Handschriften meiner Vorgänger zu entziffern, kann den vergilbten, seit dem Hochwasser von 1926 nach Moder riechenden Blättern wertvolle Blicke in die Vergangenheit abringen. Zwar scheinen die meisten Nachtwächter etwa ab dem 50. Lebensjahr zunehmend unter Gicht sowie Zwangsvorstellungen gelitten zu haben und schließlich in vollkommener Umnachtung gestorben zu sein, aber das ist ja heute nicht anders, es gibt niemanden, der einem Nachtberuf (Gastronomie, Beförderungswesen, Gesundheitswesen, Journalismus, Kunst) nachgeht, an dem nach zehn Jahren noch keine Symptome tiefer existentieller Verstörung zu beobachten sind.

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Thomas Glavinic – Kolumne BETREUTES WOHNEN – TEIL 33

Literatur 25. Dezember 2019

Das Wort Arbeitsplatz hat verschiedene Bedeutungen, und keine davon erzeugt bei einem geistig gesunden Menschen überwiegend angenehme Assoziationen. Man muss kein Fundamentalpessimist sein, um von Arbeitsplatz die Begriffe Arbeitsplatzverlust und Arbeitslosigkeit abzuleiten. Wenn man Umfragen glauben darf (was man darf, aber nicht sollte), fürchten sich die Österreicher vor nichts so sehr wie vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Das stellt dem Land kein gutes Zeugnis aus.

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Thomas Glavinic – Kolumne BETREUTES WOHNEN – TEIL 32

Literatur 22. Dezember 2019


Es wurde an dieser Stelle bereits darauf hingewiesen, dass der Volksmund generell die Pappen halten soll. Das Wort Volksmund klingt schon so, wie das Bezeichnete ist, alle Assoziationen sind widerlich. Auf einer abstrakten Ebene verbindet man den Volksmund schnell und nicht unzutreffend mit dem Begriff “Völkischer Bote”, und wenn jemand einen Satz mit “Wie der Volksmund so schön sagt…” beginnt, kann man davon ausgehen, dass man entweder mit einem Arsch oder mit Karl Heinrich Waggerl redet, und da Waggerl schon vor langer Zeit das Leben verlernt hat,.steckt man bis über die Ohren in Problemen, weil man entweder das Valium mit dem LSD verwechselt hat oder tot ist. Da ist es besser, mit einem Arsch zu reden, solange es kein Selbstgespräch ist, denn vor den anderen Ärschen kann man davonlaufen, wenn man sie einmal identifiziert hat.

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Thomas Glavinic – Kolumne BETREUTES WOHNEN – TEIL 31

Literatur 7. Dezember 2019

Zum ersten Mal in meinem ganzen Leben hat am heutigen Tag ein Computer einen meiner Texte atomisiert. So oft hörte ich einst die Warnungen, immer Sicherungskopien zu machen, am besten automatisiert, so dass man nicht mehr daran denken muss, und so oft hörte ich tragische Geschichten, in denen es um verlorengegangene Romandateien ging, doch mir ist so etwas nie passiert, sodass ich irgendwann sogar die theoretische Möglichkeit eines Texttotalausfalls ausschließen begann. Denn selbst wenn der Akku leer ist und der Rechner von jetzt auf gleich den Geist aufgibt, wird eine wiederhergestellte Datei bereits auf mich warten, sobald ich den Laptop mit einem Stromnetz verbunden habe.

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Thomas Glavinic – Kolumne BETREUTES WOHNEN – TEIL 30

Literatur 2. Dezember 2019

Mit meinem Dienstherrn Sepp Schellhorn verbindet mich neben einem etwas diffusen Wertekanon ein unzulänglich austherapierter Drang zur Produktion von Schabernack. In meinem Fall ist dieser Drang so unbezähmbar wie ungünstig, als ich aufgrund meiner Unfähigkeit, Scherz und Ernst klar voneinander zu unterscheiden, sehr leicht zur Zielscheibe von Racheakten werden kann. Mich reinzulegen ist nicht schwierig, weil ich alles für möglich halte.

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Thomas Glavinic – Kolumne BETREUTES WOHNEN – TEIL 29

Literatur 20. November 2019

Mit Namen hat es eine eigene Bewandtnis. Ich weiß nicht, ob dieser Satz korrekt ist, aber ich wollte ihn unbedingt einmal schreiben. Mit Namen ist es ja wirklich so eine Sache: Jeder hat einen, also hält sich jeder für einen Namensachverständigen. „Agnes ist ein hässlicher Name“, kann man so jemanden sagen hören, worauf sein Gegenüber, ebenfalls Namensachverständiger, entschieden widerspricht: „Agnes ist ein königlicher Name!“

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Thomas Glavinic – Kolumne BETREUTES WOHNEN – TEIL 28

Literatur 10. November 2019

Neulich kam bei einer Konferenz meiner verschiedenen Persönlichkeiten die Frage auf, wann der Konsum seinen Aufstieg zum primären Antidepressivum begonnen haben mochte. Ich verzichte darauf, die Schlägerei zu schildern, die in mir darüber entbrannte; wir sind in meinem Gehirnplenum traditionell sehr meinungsdivergent, und bevor wir uns auf einen neuen Kompromiss einigen, der sich semiotisch bescheiden mit den Buchstaben I, C und H begnügt, besteht allerhand Klärungsbedarf. Sollten Ihnen an mir oder einem beliebigen anderen Menschen viele widersprüchliche Äußerungen oder Handlungen auffallen, dürfen Sie davon ausgehen, dass dessen aktuelles Ich bei der jüngsten internen Urabstimmung seiner Persönlichkeiten von einer absoluten Mehrheit weit entfernt war.

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Thomas Glavinic – Kolumne BETREUTES WOHNEN – TEIL 27

Literatur 3. November 2019

Unlängst wurde wieder einmal Allerheiligen begangen. Dieses Wort hat mir schon als Kind nicht gutgetan, ich rätselte, ob sich am 1. November der Gründungstag des gleichnamigen steirischen Ortes jährt, und was zum Kuckuck es nützen sollte, mir Leichen vorzustellen, denn das war meine kindliche Interpretation des Begriffs Totengedenken. Was das anbelangt, bin ich bis heute nicht schlauer. Ich brauche kein Allerheiligen, um der verstorbenen Menschen zu gedenken, die mir lieb und teuer waren, ich denke ohnehin fast jeden Tag an sie, zumindest hier und da für einen Moment, für das Aufleuchten einer Erinnerung, die mich zum Lächeln und zum Seufzen bringt. Eines steht fest: Heilige waren meine Toten allesamt nicht.

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