Thomas Glavinic – Kolumne BETREUTES WOHNEN – TEIL 44

Literatur 29. März 2020

Mein Dienstherr, Freund und Lieblingsquerkopf, der einzigartige Sepp Schellhorn, veranstaltet jedes Sommer das Festival “Das gute Leben”. Bis dahin ist noch Zeit, und ich hoffe, dass sich die planetare Gesamtsituation bis dahin verbessert, ich habe nämlich eine Wette laufen, dass es nicht abgesagt wird, und wenn doch, dann zumindest erst nach der Absage der Olympischen Spiele.

Warum?

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Thomas Glavinic – Kolumne BETREUTES WOHNEN – TEIL 41

Literatur 28. Februar 2020

Das richtige Leben im falschen (1)

Ich verhöre mich ja ständig. Ich meine damit kein polizeiliches Interview mit mir selbst, obwohl das auch vorkommt, sondern den Fluch, bei allem, was die Menschen sprechen, knapp danebenzuhören. Zum Beispiel schnappte ich neulich im Supermarkt auf, dass es ein Märchen gibt, in dem der Protagonist in eine Art Süßspeisen-Hungerstreik tritt, zumindest war das mein erster Gedanke, als ich jemanden “Der Strudelpeter” sagen hörte.

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Thomas Glavinic – Kolumne BETREUTES WOHNEN – TEIL 37

Literatur 4. Februar 2020

Vor einigen Jahren las ich auf irgendeiner Toilette irgendein Toilettenbuch, in dem stand, wie wichtig es sei, die eigenen Gedanken zu kontrollieren. Wenn ich den Autor richtig verstanden habe, sieht er darin eine der fundamentalen Voraussetzungen für ein Leben, das nicht von inneren oder äußeren Konflikten ausgehöhlt wird. Ich bin mir nicht sicher, ob ich da vorbehaltlos zustimmen kann. Ein regelmäßiges Hinterfragen der eigenen Standpunkte halte ich für sehr vernünftig, solange man der Versuchung widersteht, einen Selbstanklagekult zu betreiben und sich Hochofenmengen von Asche auf das Haupt zu streuen, ehe es womöglich ein anderer tut. Das Prinzip des vorauseilenden Gehorsams war mir schon immer zutiefst unsympathisch, noch unsympathischer als das der Kontrolle. Mit Kontrolle assoziiere ich Mangel an Mut, wenn nicht gar Angst, und nichts auf der Welt raubt uns mehr Zeit und Energie als Angst. Vor Zeitverschwendung habe ich mehr Angst als vor Enttäuschungen.

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Thomas Glavinic – Kolumne BETREUTES WOHNEN – TEIL 36

Literatur 24. Januar 2020

Zeit (1)

Als ich 12 Jahre alt war, wurde meine Leidenschaft für das Schachspiel so groß, dass sie alles andere aus meinem Leben verdrängte. Ich vernachlässigte meine Freunde, ich schwänzte das Karate-Training (das mir ohnehin zu anstrengend war), und für die Schule tat ich nur noch das Allernötigste. Zumindest dachte ich das, doch ein paar Monate später wurde ich eines Besseren belehrt, als mir mein Klassenvorstand ein Zeugnis überreichte, in dem drei Nichtgenügend standen, wodurch ich nicht einmal die Chance einer Nachprüfung bekam. Zu diesem Zeitpunkt überraschte mich dieses Fiasko nicht mehr, im Gegensatz zu meinen Großeltern, die um Fassung rangen, in diesem Kampf jedoch auf verlorenem Posten standen.

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Thomas Glavinic – Kolumne BETREUTES WOHNEN – TEIL 35

Literatur 9. Januar 2020

Grübelzwang (1)

Auf dem Stuhl des Seehofschen Nachtwächters liegen Fluch und Segen, sagte mir die alte Nachbarin, von der ich annehme, dass sie mindestens sieben meiner Vorgänger gekannt hat, denn so sie sieht aus. Ein Bekannter schätzt ihr Alter auf 180 Jahre, ein alter Stammgast des Hauses findet das absurd, sie sei höchstens 140. Ich tippe auf knapp 100. Trotzdem tut sie so, als wäre sie 500 Jahre alt, womit sie, wie ich gerade merke, gar keine Ausnahme ist, denn ab einem gewissen Alter fühlt man sich so alt wie eine grauhaarige Schildkröte, und zwar sowohl was die Erinnerungen als auch die körperliche Verfassung anbelangt, es sei denn, man hat das ganze Leben lang Sport getrieben und Müsli gegessen und auf Alkohol, Tabak und Schweinefleisch verzichtet, dann erinnert man sich an alles, nur ist dieses Alles dummerweise nicht mehr als eine Aneinanderreihungen von Tagen des Verzichts. Wer möchte sich an so etwas erinnern? Unter diesem Gesichtspunkt kann man Demenz als eine Form der Notwehr interpretieren.

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