Thomas Glavinic – Kolumne BETREUTES WOHNEN – TEIL 37

Literatur 4. Februar 2020

Vor einigen Jahren las ich auf irgendeiner Toilette irgendein Toilettenbuch, in dem stand, wie wichtig es sei, die eigenen Gedanken zu kontrollieren. Wenn ich den Autor richtig verstanden habe, sieht er darin eine der fundamentalen Voraussetzungen für ein Leben, das nicht von inneren oder äußeren Konflikten ausgehöhlt wird. Ich bin mir nicht sicher, ob ich da vorbehaltlos zustimmen kann. Ein regelmäßiges Hinterfragen der eigenen Standpunkte halte ich für sehr vernünftig, solange man der Versuchung widersteht, einen Selbstanklagekult zu betreiben und sich Hochofenmengen von Asche auf das Haupt zu streuen, ehe es womöglich ein anderer tut. Das Prinzip des vorauseilenden Gehorsams war mir schon immer zutiefst unsympathisch, noch unsympathischer als das der Kontrolle. Mit Kontrolle assoziiere ich Mangel an Mut, wenn nicht gar Angst, und nichts auf der Welt raubt uns mehr Zeit und Energie als Angst. Vor Zeitverschwendung habe ich mehr Angst als vor Enttäuschungen.

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Thomas Glavinic – Kolumne BETREUTES WOHNEN – TEIL 36

Literatur 24. Januar 2020

Zeit (1)

Als ich 12 Jahre alt war, wurde meine Leidenschaft für das Schachspiel so groß, dass sie alles andere aus meinem Leben verdrängte. Ich vernachlässigte meine Freunde, ich schwänzte das Karate-Training (das mir ohnehin zu anstrengend war), und für die Schule tat ich nur noch das Allernötigste. Zumindest dachte ich das, doch ein paar Monate später wurde ich eines Besseren belehrt, als mir mein Klassenvorstand ein Zeugnis überreichte, in dem drei Nichtgenügend standen, wodurch ich nicht einmal die Chance einer Nachprüfung bekam. Zu diesem Zeitpunkt überraschte mich dieses Fiasko nicht mehr, im Gegensatz zu meinen Großeltern, die um Fassung rangen, in diesem Kampf jedoch auf verlorenem Posten standen.

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Thomas Glavinic – Kolumne BETREUTES WOHNEN – TEIL 35

Literatur 9. Januar 2020

Grübelzwang (1)

Auf dem Stuhl des Seehofschen Nachtwächters liegen Fluch und Segen, sagte mir die alte Nachbarin, von der ich annehme, dass sie mindestens sieben meiner Vorgänger gekannt hat, denn so sie sieht aus. Ein Bekannter schätzt ihr Alter auf 180 Jahre, ein alter Stammgast des Hauses findet das absurd, sie sei höchstens 140. Ich tippe auf knapp 100. Trotzdem tut sie so, als wäre sie 500 Jahre alt, womit sie, wie ich gerade merke, gar keine Ausnahme ist, denn ab einem gewissen Alter fühlt man sich so alt wie eine grauhaarige Schildkröte, und zwar sowohl was die Erinnerungen als auch die körperliche Verfassung anbelangt, es sei denn, man hat das ganze Leben lang Sport getrieben und Müsli gegessen und auf Alkohol, Tabak und Schweinefleisch verzichtet, dann erinnert man sich an alles, nur ist dieses Alles dummerweise nicht mehr als eine Aneinanderreihungen von Tagen des Verzichts. Wer möchte sich an so etwas erinnern? Unter diesem Gesichtspunkt kann man Demenz als eine Form der Notwehr interpretieren.

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Thomas Glavinic – Kolumne BETREUTES WOHNEN – TEIL 34

Literatur 2. Januar 2020

Eine wertvolle Informationsquelle regionaler Historiker und Volkswissenschaftler ist das vom Seehof keine zehn Minuten Fußweg entfernte Heimatmuseum, wo sich die von Fermentforscher Dr. Wilhelm Karas kuratierte Ausstellung sämtlicher erhaltener Tagebuchaufzeichnungen der Seehofschen Nachtwächter seit 1747 befindet (anzumerken ist, dass der für den Seehof zuständige Wächter auch für die Sicherheit des ganzen Weilers “Gold-Eck” bzw “Goldenegg”, wie Goldegg ursprünglich im Katasteramt genannt wurde, verantwortlich war, wobei der Seehof zugleich als Polizeistube und Rathaus gedient zu haben scheint). Wer sich die Mühe macht, die in den meisten Fällen kaum leserlichen Handschriften meiner Vorgänger zu entziffern, kann den vergilbten, seit dem Hochwasser von 1926 nach Moder riechenden Blättern wertvolle Blicke in die Vergangenheit abringen. Zwar scheinen die meisten Nachtwächter etwa ab dem 50. Lebensjahr zunehmend unter Gicht sowie Zwangsvorstellungen gelitten zu haben und schließlich in vollkommener Umnachtung gestorben zu sein, aber das ist ja heute nicht anders, es gibt niemanden, der einem Nachtberuf (Gastronomie, Beförderungswesen, Gesundheitswesen, Journalismus, Kunst) nachgeht, an dem nach zehn Jahren noch keine Symptome tiefer existentieller Verstörung zu beobachten sind.

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Thomas Glavinic – Kolumne BETREUTES WOHNEN – TEIL 33

Literatur 25. Dezember 2019

Das Wort Arbeitsplatz hat verschiedene Bedeutungen, und keine davon erzeugt bei einem geistig gesunden Menschen überwiegend angenehme Assoziationen. Man muss kein Fundamentalpessimist sein, um von Arbeitsplatz die Begriffe Arbeitsplatzverlust und Arbeitslosigkeit abzuleiten. Wenn man Umfragen glauben darf (was man darf, aber nicht sollte), fürchten sich die Österreicher vor nichts so sehr wie vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Das stellt dem Land kein gutes Zeugnis aus.

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Thomas Glavinic – Kolumne BETREUTES WOHNEN – TEIL 32

Literatur 22. Dezember 2019


Es wurde an dieser Stelle bereits darauf hingewiesen, dass der Volksmund generell die Pappen halten soll. Das Wort Volksmund klingt schon so, wie das Bezeichnete ist, alle Assoziationen sind widerlich. Auf einer abstrakten Ebene verbindet man den Volksmund schnell und nicht unzutreffend mit dem Begriff “Völkischer Bote”, und wenn jemand einen Satz mit “Wie der Volksmund so schön sagt…” beginnt, kann man davon ausgehen, dass man entweder mit einem Arsch oder mit Karl Heinrich Waggerl redet, und da Waggerl schon vor langer Zeit das Leben verlernt hat,.steckt man bis über die Ohren in Problemen, weil man entweder das Valium mit dem LSD verwechselt hat oder tot ist. Da ist es besser, mit einem Arsch zu reden, solange es kein Selbstgespräch ist, denn vor den anderen Ärschen kann man davonlaufen, wenn man sie einmal identifiziert hat.

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Thomas Glavinic – Kolumne BETREUTES WOHNEN – TEIL 31

Literatur 7. Dezember 2019

Zum ersten Mal in meinem ganzen Leben hat am heutigen Tag ein Computer einen meiner Texte atomisiert. So oft hörte ich einst die Warnungen, immer Sicherungskopien zu machen, am besten automatisiert, so dass man nicht mehr daran denken muss, und so oft hörte ich tragische Geschichten, in denen es um verlorengegangene Romandateien ging, doch mir ist so etwas nie passiert, sodass ich irgendwann sogar die theoretische Möglichkeit eines Texttotalausfalls ausschließen begann. Denn selbst wenn der Akku leer ist und der Rechner von jetzt auf gleich den Geist aufgibt, wird eine wiederhergestellte Datei bereits auf mich warten, sobald ich den Laptop mit einem Stromnetz verbunden habe.

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