Thomas Glavinic „EWN – einzig wahrer Nachtportier“

Lake Side Laze, Literatur 1. März 2019

Als Kind erfuhr ich, dass man arbeiten geht. Wer arbeitet, der geht arbeiten. Das verwirrte mich, und zudem klang es gefährlich. Arbeit. Das Wort gefiel mir nicht.

Es gab einige Wörter, die ich nicht gern las und nicht gern hörte, und in der Rückschau muss ich feststellen, dass die Wörter, die mir am wenigsten gefielen, entweder a) etwas mit anderen Menschen, speziell der Obrigkeit zu tun hatten (Bundesheer, Direktor, Aufsicht, Gruppe) oder b) das Verlassen der Wohnung bzw. den Aufenthalt an einem anderen Ort als der eigenen Wohnung thematisierten (Freizeitpark, Schülerhort, Kirche, Dauerlauf). Man wird unschwer feststellen, dass Fall a) überdies eine schwer zu vermeidende Begleiterscheinung von Fall b) ist à Kollateralschaden.

Es wird von Satz zu Satz ersichtlicher, dass jede Art von Tätigkeit, die einzig dem Zwecke dient, Geld zu verdienen, bei jemandem wie mir früher oder später Krätze, Mordlust und Wahn hervorruft. Ich wollte nie etwas anderes als glücklich sein, aber bei dem in unserer Epoche amtierenden Weltgeist ist das zuviel verlangt. Da berufliche Veränderung jedoch dem Schriftsteller neue Einblicke in die Abgründe der Menschheit gewähren können, bin ich immer auf der Suche nach interessanten Ferialpraktika.

Jüngst geschah Wundervolles.

Ich war gegen Mitternacht gegenüber der Schank des Seehof eingeschlafen, und geweckt wurde ich im Morgengrauen von Menschen, die auf dem Weg zum Frühstück meinen Schlafplatz passieren mussten. Im Halbschlaf wähnte ich mich sakrosankt in meiner Wohnung liegend und bedachte die Störenfriede mit heftigen Unmutsbekundungen. Erst nach einer Weile erkannte ich meinen Irrtum. Als ich mich bei Sepp und Susi für meine Verschandelung des Ortsbildes entschuldigen wollte, winkte Susi ab: „Die Gäste müssen sich daran gewöhnen, dass es hier Verrückte gibt.“ Sepp fügte hinzu: „Ich habe den perfekten Job für dich.“

Am Abend darauf wurde ich im Rahmen einer würdigen Zeremonie, die sogar mich alten Spötter beeindruckte, schon weil Sepp Schellhorn dabei zum ersten Mal seit fünf Jahren seinen Geheimen Gegenstand trug, zum EWN, zum Einzig Wahren Nachtportier ernannt.

Hist. Exkurs: Der bis dahin Letzte, der diesen Ehrentitel, vollständig lautend: Einzig Wahrer Nachtportier des Seehof , tragen hatte dürfen, war ein gewisser Franz König. Er behütete die Seehofschen Nächte unter Patriarch Peter Paul Schellhorn von 17.7.1778 – 2.7.1799 (+) und hatte, wie es im Kataster steht, „die Eynbrenne höchlich gern und oft geschlungen“, womit vordergründig gesagt wird, dass Einbrennsuppe seine Lieblingsspeise war, womit aber zugleich dem mit den Codes der damaligen Zeit die Homosexualität des EWN offenbart wird. Es heißt folgerichtig, er habe sich um die Lebensumstände der Dienstmägde wenig verdient gemacht.

Nachtportier ist wirklich der ideale Beruf für mich. Ich muss nicht schlafen, ich kann die Kryptobörsen aufmischen, und es herrscht nur mäßige Bewegungspflicht. Ich werde die Zeit nützen, um mehr über Menschen zu erfahren. Erst wollte ich ja die ganze erste Woche der Frage widmen, wie a) der ideale und wie b) der durchschnittliche Gast des Seehof innerlich strukturiert sein könnten, aber nach zwei Minuten wurde mir bewusst, dass es sich beim einen wie dem anderen um Michael Fleischhacker handelt.

 Thomas Glavinic / 02/2019