Thomas Glavinic – Kolumne BETREUTES WOHNEN – TEIL 1 „JEMAND ANDERER“

Lake Side Laze, Literatur 28. März 2019

Dies ist meine letzte Haushalts-Kolumne in der F.A.S., und ich muss aus meiner Wohnung ausziehen. Das passt zusammen, denn ein Stadtstreicher, der über das Wohnen schreibt, ist wie ein Kritiker, der über Bücher schreibt, also voller Anmaßung und bar jeder Kompetenz. Nur dass Schriftsteller ebenso voller Anmaßung sind, weil Anmaßung und Größenwahn Voraussetzung für große Bücher sind. Als Wohnungskritiker, der mangels Unterkunft an seinem Arbeitsplatz wohnt, wie ich vor vielen Jahren in meinem Taxi, käme ich mir allerdings seltsam vor, wäre die neue Unterkunft, an der ich der alten Tätigkeit nachgehen kann, nicht etwas Besonderes. In Hinkunft wohne ich dort, wo diese Kolumne in Hinkunft betreut wird, nämlich im „Seehof“ in Goldegg, das bei Bischofshofen liegt, das bei Salzburg liegt.

Seehof klingt wie ein Schulmodell, aber Sepp und Susi Schellhorns „Seehof“ ist keine Erziehungsanstalt, sondern eher eine Zufluchtsstätte für in die Jahre gekommene missratene Kinder, übersetzt: ein Gastronomie- und Herbergsbetrieb mit Haubenküche und Künstlerstipendien, wo Maler, Manager, Politiker, Schriftsteller, Journalisten und ähnliches Gelichter für die Zeit ihres Aufenthalts vergessen dürfen, wer oder was sie geworden sind.

Denn egal, wer oder was man geworden ist, gelegentlich sollte man es abstreifen. Ob man Erfolg hat oder Misserfolg, ob man scheitert oder siegt, ab und zu muss man jemand anderer sein, und wenn einem niemand anderer einfällt, kann man versuchen, sich an den zu erinnern, der man früher war, als alles noch anders war. Den Wenigsten gelingt das auf Zuruf, es bedarf des richtigen Zeitpunkts und der passenden Örtlichkeit. Aber der richtige Zeitpunkt ist jeder Zeitpunkt, alles andere sind Ausreden. Der richtige Ort hingegen findet sich tatsächlich nicht so leicht. Ich kenne nur eine solche Zauberstätte. Dort wohne und arbeite ich von nun an, was bedeutet, dass von nun an diese Kolumne im virtuellen „Seehof“ zu besichtigen ist.
Der „Seehof“ ist ein vornehmes Haus und drängt sich niemandem auf, daher empfiehlt es sich den Interessierten, eine kurze Nachricht an office@derseehof.at zu schicken und darin die Absicht zu äußern, von nun an meiner Kolumne „Betreutes Wohnen“ folgen zu wollen. Alternativ besuchen Sie derseehof.at, wo Sie nicht nur meine Kolumne, sondern auch einen Hinweis auf ein von Sepp Schellhorn jährlich organisiertes Festival finden werden. Es trägt den Namen „Das gute Leben“.
Möge es bald beginnen.

 Thomas Glavinic / 03/2019