Thomas Glavinic – Kolumne BETREUTES WOHNEN – TEIL 2

Lake Side Laze, Literatur 15. April 2019

Nachts gewähre ich den Gästen des Seehof kraft meines Amtes als Einzig Wahrer Nachtportier Schutz, tagsüber schützt uns alle der Seehof. Er schützt uns vor den Zumutungen der Welt, so wie er uns vor unseren eigenen Lügen schützt. Das uns durch seine Größe alltäglich überfordernde Draußen darf nicht herein, das lassen die Schellhorns nicht zu, vielleicht sogar ohne dass ihnen ihr ehrenvolles Walten als Türhüter und existentielle Gangaufsicht selbst bewusst wäre, und mit unseren Dämonen können wir es plötzlich aufnehmen, was uns aber auch erst auffällt, wenn wir schon eine Weile unverwundet im Feld stehen.


Wenn man jemanden beschützt, heißt das nicht, dass man ihm etwas erspart, und der Ort Seehof geizt nicht mit Informationen und Erkenntnissen. So manches, was ich nie über mich wissen wollte, hat mir der Seehof diktiert.
Dabei nimmt er einem bisweilen etwas Wertvolles, so wie damals, als mir ein langer, schamloser, quälend erregender Blick einer Frau in der Haussauna bewusst machte, wie wichtig es für meine innere Ordnung ist, regelmäßig diese mal eher gleichgültige, mal schmeichelhaft intensive Auseinandersetzung einer Frau mit dem Anblick meines Geschlechtsteils zu erleben. Als ich in meiner liebenswerten Naivität eine kleine Umfrage zum Thema machte und mit viel Entrüstung auch von Seiten vermeintlich weltoffener Bekannter konfrontiert wurde, hatte ich eine Weile mit einiger Verunsicherung zu kämpfen.
Der Seehof gibt einem allerdings etwas dafür zurück: In diesem Fall bald darauf die erleichternde Erkenntnis, dass nicht der Exhibitionist der Fehler im System ist, zumindest solange er sich nicht vor Kindern im Park entblößt, sondern der Fehler bei denen liegt, die sich über ihn das Maul zerreißen. Zwischen aggressivem Spott gegen Exhibitionisten oder Voyeure oder SM-Liebhaber und aggressivem Spott gegen Homosexuelle besteht kein moralischer Unterschied. Was immer uns erregt, es geht niemanden etwas an, solange wir uns keiner Strafrechtsverletzung schuldig machen. Aus diesem Grund habe ich Respekt für Pädophile, die sich freiwillig in Therapie begeben, um ihre Phantasien, für die sie nichts können, nie Wirklichkeit werden zu lassen. Solche mutigen Menschen empfange ich mit Freundlichkeit und Frohsinn. Für den Empfang derer, die diesbezüglich Schuld auf sich geladen haben, hängen bei mir zuhause neben Freundlichkeit und Frohsinn Morgenstern und Baseballschläger an der Wand.
Eine Freundin meinte einmal zu mir, wo immer ich bin, klafft ein Riss im Universum. Ein größenwahnsinniger Satz, der mir selbstverständlich gefiel, weil ich etappenweise größenwahnsinnig bin. Als ich neulich im Geheimen Tagebuch meines Vorgängers im Amt des Einzig Wahren Nachportiers las, einer Überlieferung zufolge befände sich genau unter dem Seehof ein enormer Riss im Universum, war ich baff. Nun wächst zusammen, was zusammengehört.
Es stellt sich die Frage, wer der Seehof ist. Kaum jemand von uns Ortskundigen würde leugnen, dass hier etwas existiert, das einen eigenen Charakter hat. Ist der Seehof unser kollektives Unbewusstes? Nein, das kann nur ich sein. Leider. Aber wer oder was ist der Seehof? Fest steht nur: Er lebt, er ist, er interagiert. Was immer der Seehof ist, er ist ein Lebewesen.