Thomas Glavinic – Kolumne BETREUTES WOHNEN – TEIL 3

Lake Side Laze, Literatur 21. April 2019

Ich habe beschlossen, dem guten Beispiel meiner ehrenwerten Vorgänger zu folgen und ein Tagebuch anzulegen, das mir Zeitvertreib in Mußestunden bescheren und meinem geschätzten Nachfolger im Amte des Seehofschen Nachtportiers gute Dienste leisten soll.
Beim Gedanken an meinen Nachfolger, der diese Zeilen dereinst lesen wird und den ich hiermit gewissermaßen auf dem Wege temporaler Telepathie grüßen möchte, muss ich lächeln. Zweifellos wird es sich auch bei ihm um einen zerlumpten Künstler handeln, dessen Lotterleben seiner bürgerlichen Existenz die Luft abgeschnürt hat. Es kann nur so geschehen, denn Sepp Schellhorns (VI.? VII.? VIII.?) Herz schlägt für die Gestrauchelten. Ich hoffe nur, die anderen erfahren es nie. Ich will sie nicht dahaben, ich bin mir selbst genug. Stimmt nicht, nein, ich bin mir manchmal selbst zu viel.

Einige Wochen erst lebe und arbeite ich im „Seehof“, und schon wird mein Weltbild ins Wanken gebracht – durch die Literatur, wie könnte es anders sein, stellt sie doch die kompaktere Wirklichkeit dar, eine weniger frivole, eine hoffnungsvollere, eine entschlossenere Wirklichkeit als die unsere. Jede Nacht finden sich einige Stunden, in denen ich in den Geheimen Tagebüchern der Seehofschen Nachtwächter lesen kann, über die gemunkelt wird, der Autor des ersten Bandes sei mit dem Teufel im Bund gestanden. Wie bei diesem Bund üblich, hat der Gehörnte den Nachtwächter über den Tisch gezogen und neben der Seele auch zwei Flaschen Birnenschnaps aus dem hauseigenen Keller mitgehen lassen. Der Mär nach lastet seit jenem Tag auf dem Amt des Nachtportiers ein Fluch, der dafür sorgt, dass jeder Seehofsche Nachtwächter über kurz oder lang vollkommen wahnsinnig wird. Damit nicht genug, wird jeder, der in den Tagebüchern liest, seinerseits unweigerlich verrückt, wovon eigentlich abzuleiten wäre, dass auf jeden, der diesen Satz liest, die Umnachtung wartet.
(Über diesen Aspekt noch nachdenken, EWN)
Informationen von so heikler Natur beziehe ich durch Einschüchterung Ortsansässiger, die mir leider mehrheitlich konditionell überlegen sind, weswegen ich bei Bedarf einer zwitterhaften Greisin mit üppigem Damenbart auflauere. Sie und der einbeinige Ziehharmonikaspieler können mir nicht standhalten. Dieser Musikant, der aussieht wie ein Reservekobold, soll mit meinem Amtsvorgänger eng befreundet gewesen sein (wie eng, kann ich mir aufgrund seiner gezierten Gestik leider nur zu gut vorstellen). Er vertritt unerhörte Theorien, zum Beispiel über die Licht-Laut-Abfolge, die sich häufig und global irgendwo zwischen Erde und Weltall ereignet, zumeist von einem heftigen Regenschauer begleitet. Wenn nachts am Himmel ein Lichtblitz zu sehen ist, nimmt man gemeinhin an, es mit einem vertrauten Wetterphänomen zu tun zu haben, doch der Einbeinige schwört Treu und Glauben, dass in diesen grellen Momenten Gott höchstselbst auserwählte Menschenkinder fotografiert. Das muss stimmen, das kann sich kein Mensch ausdenken.