Thomas Glavinic – Kolumne BETREUTES WOHNEN – TEIL 4

Kunst am See, Literatur 27. April 2019

Seit vier Wochen bin ich Nachtportier im Seehof, und allmählich stellt sich eine gewisse Routine ein. Nachdem ich die ganze Nacht über Strolche und Banditen daran gehindert habe, den Seehof zu überfallen, sehe ich im Morgengrauen draußen nach dem Rechten. Dies erscheint mir angezeigt, seit ich vergangene Woche einen betrunkenen Journalisten nahe dem Seeufer aufsammeln musste, der sonst erfroren wäre. Eine schöne Schlepperei, einen Journalisten vom See zum Seehof zu schleppen.
Man sollte annehmen, Journalisten seien Leichtgewichte, aber da irrt man. Ich möchte zum Beispiel nicht gezwungen werden, Christian Seiler zu tragen, aber das sieht umgekehrt vermutlich auch so aus. Jedenfalls, nachdem ich mich mit dem Alkoholjournalisten abgerackert hatte, stellte sich heraus, dass er nicht zum Haus gehörte. Da ich nur für die Verwahrung hauseigener Journalisten zuständig bin, legte ich den Mann, dessen lautes Schnarchen im Winter eine Lawine ausgelöst hätte, vor das Kaufhaus der ehrbaren Familie Lorenz, wo er bestimmt von jemandem, dem er gehörte, gefunden werden würde.

Nach meinem Rundgang esse ich zu Abend, was in meinem Fall bedeutet, ich nehme ein Frühstück ein. Dabei frage ich mich manchmal, ob ich in einem Hotel bin oder in einer Zeitungsredaktion. Es ist ja nicht so, dass die Journalisten nur am Seeufer herumliegen würden, der ganze Seehof wimmelt davon. In jeder Ecke sitzt ein Fleischhacker, an der Theke stehen Nowaks, die Chefredakteure grassieren hier geradezu.

Man muss sich fragen, inwiefern Kochen und Schreiben miteinander in Verbindung stehen. Ich zum Beispiel kann überhaupt nicht kochen. Es gibt aber Menschen, die meinen, ich könne auch nicht schreiben, und während meiner zunehmend länger werdenden Lebensrücksetzern stehe ich selbst diesem Gedanken nicht fern.

Den Begriff Rücksetzer habe ich von der Börse, genauer gesagt von der Kryptobörse. Eine Aktie macht ja meistens drei Schritte vorwärts und dann einen zurück. Oder 5 vor, 2 zurück, manchmal sogar 6 vor, 1 zurück. 6 vor, 7 vor, 15 vor, das gibt es nicht, es gibt dazwischen Rücksetzer. Auch wenn es abwärts geht: 3 zurück, 1 vor. Oder 5 zurück, 2 vor.

Wenn es nach einem Sturz einer Aktie ein Stück nach oben geht, ehe der Kurs weiter stürzt, nennt man das an der Börse „dead cat bouncing“: Das Vieh lebt nicht mehr, aber die Kräfte der Natur lassen es noch einen Satz nach oben machen, ehe es liegenbleibt bzw. im Fall der Aktie noch tiefer sinkt.

So ist es im Leben auch: Wenn es aufwärts geht, weiß man nie, ob man sich wieder auf der Siegerstraße befindet oder ob man eine tote Katze ist.

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