Thomas Glavinic – Kolumne BETREUTES WOHNEN – TEIL 5

Lake Side Laze, Literatur 4. Mai 2019

Als Einzig Wahrer Nachwächter des Seehof halte ich jede Nacht vor Gott und den Sternen über mich selbst Gericht. Das sind manchmal ziemlich dunkle Stunden, denn bei mir besteht seit jeher kein überdurchschnittlicher Weisheitsverdacht. Einer meiner besten Freunde, der Maler und Bildhauer Erwin Michenthaler, äußerte sich dazu einmal sinngemäß ungefähr dahingehend, er hoffe, ich würde niemals in einen Weisenrat berufen werden. Seinem Sermon entnahm ich, dass er mich dazu nicht etwa für intellektuell, sondern moralisch unberufen hielt. Da konnte ich ihm nur recht geben, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Ich fühle mich anderen nicht moralisch überlegen, und für den Fall, dass sich das ändert, ist ein Sklave beauftragt, den ganzen Tag hinter mir zu stehen und mir zuzuflüstern: „Bedenke, dass auch du nur ein Trottel bist.

Man kann sagen, ich habe meine eigene Moral. Im Gegensatz zu manch anderen bilde ich mir nichts auf sie ein, ich will sie niemandem verkaufen, und ich versuche anderen nicht mit meinem Wunsch nach einem offiziellen Zertifikat für allumfassende Anständigkeit auf die Nerven zu gehen. Leute mit solchen Charakterzügen erkennt man in den sozialen Medien an ihrer Begeisterung für Petitionen aller Art, Solidaritätskundgebungen mit vermeintlichen Minderheiten, ihrer rätselhaften Gier, für gute Menschen gehalten zu werden, und ihren Bekenntnissen zu einem linken Weltbild. Diese Leute sind in ähnlichem Maß links, wie Aasgeier Veganer sind. Ihre Ausländerfreundlichkeit kaschiert inländerhass, hinter der Bezeichnung Feminismus verbirgt sich die Sehnsucht nach einem gesamtgesellschaftlichen Penisverbot, und was am allerschlimmsten ist: Sie sehen Menschen tendenziell sowieso schon wenig nach, aber ein gutes Leben verzeihen sie niemandem. Am allerwenigsten sich selbst.

Aus gegebenem Anlass wurde mit der Hotelleitung vereinbart, alle Seehof-Gäste bis auf Weiteres vom Nachtwächter auf Lebensfreude kontrollieren zu lassen.

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