Thomas Glavinic – Kolumne BETREUTES WOHNEN – TEIL 6

Lake Side Laze, Literatur 11. Mai 2019

Ein Nachtportier ist wie ein Schriftsteller: er arbeitet immer, aber eigentlich hat er immer frei.
Beim Schriftsteller verhält es sich so, dass in seiner arbeitsreichen Freizeit die Schriftstellerei durch sein Unterbewusstsein marodiert und ähnliche Spuren hinterlässt wie eine Horde russischer Hooligans in den Fußgängerzonen der Städte, in denen Auswärtsspiele ausgetragen werden (mit Steinen gefüllte Arbeitsfäustlinge sind der letzte Schrei), während der Nachtportier sich der digitalen Zukunft hingeben kann, sofern gerade kein Einbrecher den Seehof bedroht. Um mir eine Freude zu machen, bezahlt mein Dienstherr, ein echter Mäzen alten Schlags, ein bis zwei Mal die Woche arbeitslose Schauspieler dafür, dass sie maskiert ums Haus schleichen und sich von mir festsetzen lassen, damit ich mich nicht sinnlos fühle. Was gar nicht nötig wäre, denn ich bin noch nie sinn-los gewesen, außer damals, als ich im Koma lag, das ist eine ungleich tiefere Nacht als der gewöhnliche Schlaf, das ist der Marianengraben. In mir klingen ständig so viele Sinnesreize nach, dass ich froh bin, mich gerade mehr mit unserer Zukunft mit der Blockchain-Technologie und ihren Ablegern, den Kryptowährungen, zu beschäftigen, weil die intensive Auseinandersetzung mit Zahlen die poetische Phantasie dämpft. Ich bin kein Finanzberater, und dies ist keine Finanzberatung, aber wer sich in diesen Tagen bei einer Kryptobörse registrieren lässt und sich 100 EOS kauft, könnte sein Kapital binnen 1-2 Jahren womöglich verzwanzigfachen. Dies nur als ein Beispiel, womit sich Nachtportiere heute herumschlagen: Ich habe mich zum Fundamentalanalysten für Kryptowährungen umgeschult.

Nicht ganz, ehrlich gesagt. Das Schreiben oder Schreibdenken kommt immer dann hervor, wenn ich es für gebannt halte. Hemingway hat uns gelehrt, den wahrsten Satz zu schreiben, der uns einfällt. Meiner lautet gerade:

Vorgestern kam eine meiner Ex-Freundinnen zu Besuch, die nach ein paar Minuten meinte, ich hätte eine Dusche nötig.

Das ist kein angenehmer Satz. Vor allem nicht für den, der ihn schreiben muss. Aber Hemingway hat uns auch gelehrt zu schreiben, was weh tut. Körperliche Vernachlässigung ist eine Begleiterscheinung von Depressionen, darüber redet und schreibt aber niemand. Ich bin Steffi sehr dankbar, denn sie hat mir meinen Willen wiedergegeben: den zum Duschen und den zum Schreiben. Ich frage mich bloß, wieso Frauen für mich immer erst nach unserer Liebesbeziehung das Prädikat Besonders wertvoll verdienen. Nein, das frage ich mich jetzt nicht, ich darf mich auch nicht gleich wieder alles auf einmal fragen.

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