Thomas Glavinic – Kolumne BETREUTES WOHNEN – TEIL 7

Lake Side Laze, Literatur 25. Mai 2019

Heute saß ich nach dem Wachdienst mit einer angereisten Kollegin auf der Terrasse beim Frühstück. Zu meinen Füßen bettelte Herr Herrmann um Schnitzelreste, hoch über mir hatte ich einen Geier auf Nahrungssuche entdeckt, was ich durchaus zu interpretieren wusste, und die Kollegin las mir die aus ihrer Sicht amüsantesten Artikel des Wochenendfeuilletons vor. Irgendwann stieß sie auf eine Buchbesprechung, in der es vordergründig um das Werk eines Wüstlings ging, in Wahrheit aber um den Rezensenten selbst.

Während ich verträumt versuchte, den Duftnuancen in Herrn Herrmanns Darmwinden das Geheimnis der Zusammensetzung seines Frühstücks zu entlocken, wurde ich von dem Kritiker aus der Zeitung dahingehend informiert, ich würde oft und gern über Sex schreiben, was mit zwei Zitaten aus den einzigen zwei Sexstellen belegt wurde, die das betreffende Buch enthält. Ferner wurde darauf hingewiesen, in meinen Büchern werde seit jeher schwer gesoffen. Es klang nach: Wahrscheinlich macht der das auch noch oft und gern. Oder knapper: Der ist selber so.

Ich Sau verstand.

Michael Köhlmeier schrieb einmal sinngemäß, Rockmusik habe die Gitarre erst da hingehängt, wohin sie gehört, nämlich auf Schwanzhöhe. Als ich dies las, staunte ich. Nicht wegen des Inhalts, denn der war richtig, nicht wegen Köhlmeiers Sachkenntnis, denn der war schon eine Elektrogitarre, ehe die meisten noch nicht einmal eine Maultrommel waren, sondern wegen des Schwanzes. Dass ihm die Redaktion den so hatte durchgehen lassen. Ich persönlich glaube ja, nur Ärzte und Sanitäter können einen Penis haben, die anderen haben zumindest begrifflich das Zeug zum Rock’n’Roller. In unserer restaurativen Zeit, in der die Primärtugenden eines Künstlers Wohlerzogenheit und Umgänglichkeit sind, Zuverlässigkeit und Kompromissfähigkeit, muss ein Schriftsteller antiseptisch sein, und das sowohl biographisch als auch sprachlich. Aber ich schreibe ja gar nicht so oft über Sex. Und wenn doch, na und? Ich schreibe wenigstens nur darüber, es gibt Leute, die machen das hundertprozentig konkret, und das oft und viel und gern. Was sind denn das dann erst für welche. Über die könnte sich der Redakteur mal aufregen. Wieso man einer so zahmen Entität wie einem Buch bzw. seinem Schöpfer gleich die Ehre absprechen muss, möchte ich wirklich wissen. So wie ich wissen möchte, wie viele Viagra die Herren, die im Thomas-Bernhard-Zimmer wohnen, gestern Abend geschluckt haben. Mehrfach musste ich in der Nacht eine erboste Dame beruhigen, die sich über den Liebeslärm beschwerte. Gut, es war wirklich etwas laut, und ich gab ihr dahingehend recht, dass Stefan seinen Harald wirklich nicht so oft loben müsste, aber nicht deswegen, weil ich Obszönitäten nicht aufgeschlossen gegenüberstehen würde, sondern weil ich im Laufe dieses Exzesses immer neugieriger wurde, ob es sich bei diesem Harald a) um seinen Freund oder b) um Stefans eigenen Penis oder c) um den seines Freundes handelte. Es gibt ja Männer, die sich selbst beim Sex anfeuern, wahrscheinlich weil es sonst niemand tut, oder vielleicht handelt es sich um ehemalige Fußballstars,

Solche Fragen müssen ewige Rätsel bleiben, sonst nimmt man ihrer Geschichte jede Heilsversprechung. Statt im Gästebuch nachzusehen, welche Gäste im Bernhard-Zimmer residierten, weil ich ohnehin nur zwei und nicht vier Vornamen finden würde, las ich wieder in Hunter Thompsons „Rum Diary“. Ein großartiger Roman, sein einziger übrigens, gewöhnlich schrieb er etwas, das man fallweise Reportage nennt oder gleich Gonzo. Denn Hunter Thompson war es, der den Begriff des Gonzo-Journalismus prägte, jener Textsorte, die den subjektiven Berichterstatter ins Zentrum der Ereignisse rückt.

Die Sache hat nur einen Haken: Wenn man „Ich“ sagt, sollte man es auch bemerken.

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