Thomas Glavinic – Kolumne BETREUTES WOHNEN – TEIL 8

Literatur 1. Juni 2019

Vor meiner Zeit als Nachtportier und Analyst von Kryptowährungen war ich vollamtlicher Schriftsteller, übte somit einen Beruf aus, den man sich zumindest am Anfang nur leisten kann, wenn man noch einen zusätzlichen Beruf ausübt. Zumindest solange man so schlecht schreibt, dass es anderen Leuten auffällt, braucht man ein zweites Standbein (ich liebe hirnrissige Floskeln, und das zweite Standbein ist ziemlich rissig).

Womit kann man im Alter von 20 Geld verdienen? Am ehesten mit Dingen, die einem Spaß machen, erfuhr ich am Arbeitsamt von einer ziemlich attraktiven Sachbearbeiterin. „Was macht Ihnen denn Spaß?“ fragte sie mich in kokettem Ton. Als ob der notwendig gewesen wäre.
„Von vorne, von hinten, von der Seite, oral, anal, Dreier, Vierer, Reverse Gangbang, CMNF, alles, was ich mit meinem dritten Standbein machen kann…“
Nein. Leider. Ich habe das nicht gesagt, damals hatte ich allerhand Zivilisationsballast noch nicht abgeworfen, und Stil und Skrupel verdarben mir so manchen Abend.
Von da an fragte ich mich, was die schlimmere Folter ist: Etwas, was man gern tun würde, nicht tun zu könne, oder nicht tun zu dürfen. Erst vor ein paar Jahren habe ich für mich die Antwort gefunden. Wie lautet Ihre?

Für die Dinge, die mir Spaß machten, wollte mich also niemand bezahlen. Kurz erwog ich, mich für den Objektschutz zu bewerben, aber mit 20 sah ich so unschuldig aus wie ein Engelswesen, noch zarter und umgänglicher als heute, und trat zu sanftmütig auf, um einen würdigen Nachtportier und Nachtwächter abzugeben. Und so wurde ich Taxifahrer.
Ungefähr zu dieser Zeit glaubte ich zum ersten Mal zu bemerken, dass ich gelegentlich Erwartungshaltungen enttäusche.
Indizien: 1) Manchen meiner Kunden standen nach der Fahrt mit mir die Haare zu Berge. Dabei hatte ich sie eigens gefragt, ob ihnen ein zügiger Fahrstil recht wäre. 2) Andere Kunden beklagten den vorübergehenden Verlust des Gehörsinns, dabei hatte ich mich höflich erkundigt, ob sie Led Zeppelin mögen. 3) Einmal musste ich eine Schicht absagen, weil ich betrunken war, oder besser, weil ich ZU betrunken war, oder besser, weil ich mich für zu betrunken HIELT. Mein Chef konnte es nicht ausstehen, wenn einer seiner Wagen in der lukrativen Nacht von Samstag auf Sonntag in der Garage stand, und er HIELT sich nie für irgendetwas ZU betrunken.
„Jetzt muss ich deine Schicht übernehmen, du Oa…!!“ war das Letzte, was ich hörte, ehe er auflegte.
Es war tatsächlich das Letzte, was ich von ihm hörte. Die Blutprobe, die man seiner nach dem Zusammenstoß mit dem Güterzug schrecklich entstellten Leiche entnahm, ergab eine für ihn mittlere Alkoholisierung: 2,3 Promille. Seine Mutter verweigerte mir bei der Beerdigung den Handschlag.
Ja, und einmal, viel später, als es mit den Depressionen so schlimm war, dass ich oft tagelang nicht schlief, bis ich ohnmächtig wurde, wartete ein Medium zwei Tage nach Redaktionsschluss noch immer auf einen Text von mir, nicht ahnend, dass ich mit einer blutenden Kopfwunde und einem angeknacksten Halswirbel zuhause auf dem Küchenboden lag und sich die Dunkelheit und die Angst um mich stritten, bis ich den beiden in einem unbeobachteten Moment entwischen konnte. Und so wissen Taxiunternehmer und Chefredakteure: Mit mir ist es manchmal schwierig. Nur, was soll ich da erst sagen? Ich werde mich ja den ganzen Tag nicht los. Aber da sitzen wir alle im gleichen Boot – jeder in seinem.

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