Thomas Glavinic – Kolumne BETREUTES WOHNEN – TEIL 9

Lake Side Laze 11. Juni 2019

Liebe O,

Betreutes Wohnen oder Aus dem Leben des Einzig Wahren Nachtportiers lautet der vollständige offizielle, etwas großspurige Titel dieser Kolumne, die das Scheitern meiner bürgerlichen Existenz thematisiert, das ich mittlerweile dank des vor Ort schwelenden nihilistischen Optimismus als vorübergehend zu bezeichnen geneigt bin. Du bittest mich um eine Interpretationshilfe; diesen deinen Wunsch flankieren Zwinkersmileys, die du gewöhnlich nicht verwendest. Was hat es damit auf sich?
Der Titel meiner Kolumne deutet an, ich wäre nachtaffin und nachterfahren, und lasziv sei er noch dazu, schreibst du, denn was hätte man sich denn unter betreutem Wohnen vorzustellen? Dem Reinen ist alles rein, sage ich, und wer an Pepsch denkt, meinen Dienstherrn, der denkt nicht an Escort. Und wenn doch, dann an das Auto. Die mit den halbseidenen Kontakten sind seine politischen Mitbewerber.
Mitbewerber: So nennt man Konkurrenten neuerdings. Was ich Sepp Schellhorn unbedingt einmal fragen muss: Gehören politische Mitbewerber eigentlich immer einer anderen Partei an? Das erschiene mir unlogisch. Gerade der Begriff Mit-Bewerber suggeriert doch inhaltliche Nähe. Daraus folgt, dass das Bekleiden (!) eines politischen Amts innerparteilich eigentlich eine Art Betreuendes Wohnen mit gemeinsamem Hebel (Leverage) ist und für den Posten eines Parteivorsitzenden im Grunde Hotelierserfahrung eine wünschenswerte Voraussetzung wäre, wenngleich der Begriff Betreutes Wohnen eine Art sexuellen Sommeliersunterton hat und ein Parteivorsitzender im Grunde seit jeher nichts anderes als ein Puffbetreiber ist.

Ja, du liegst nicht ganz falsch. Der Titel Betreutes Wohnen spekuliert ein wenig mit dem Triebstau des Lesers, der, wie die meisten Menschen, die nicht gerade am Anfang einer Liebesbeziehung stehen, unter Sexmangel leidet, was wegen des Verlusts an Sozialprestige niemand je zugeben würde, nicht einmal sich selbst gegenüber. Ungeliebt zu sein raubt uns weniger soziales Kapital als ungefickt zu sein, was eigentlich pervers ist und ungeheuer traurig.

Liebe O, die es nicht gibt, denn du bist nur ein literarischer Kniff, um im Leser hinterrücks das Gefühl von Privatheit, gar Intimität zu erzeugen, liebe O, ich muss zurück in mein Zimmer, um mein Workout fortzusetzen und die Leser mit ihrer Neugier alleinzulassen. Diese O und der Ich-Erzähler: Haben die einmal miteinander oder nicht? Fragt sich das nicht so manch verdorbener Leser?
Erwischt?

Ich kann dich beruhigen: Nein. Das fragt sich nicht mancher Leser, das fragt sich unbewusst jeder, denn Liebe und Sex und somit Betreutes Wohnen sind das Einzige, was uns in dieser Welt wirklich interessiert.

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