Max Simonischek

Verstörungen 2016 „Thomas Bernhard : Ingeborg Bachmann“

Literatur 29. September 2016

„Aber man muss ja schon bedenken, dass Literatur sonst nicht diesen Stellenwert hat“

Am Samstagabend beginnt die kleine Literatur-Gesellschaft im Seehof sich langsam auf den Abschied in den Alltag vorzubereiten. Seit drei Tagen drehen sich die Gespräche jetzt schon um Ingeborg Bachmann und Thomas Bernhard, darum wie mit jeder Lesung die Messlatte höher gelegt worden, wie Jens Harzer mit der Bernhard-Dampfwalze über die Zuhörer gerollt sei, wie präzise Max Simonischek sein Timing gesetzt und wie man beim Zuhören Wiebke Puls oder Charlotte Schwab für Ingeborg Bachmann gehalten habe. Zwischen Schloss Goldegg und Seehof hätte man es fast vergessen können: Verstörungen ist nicht der diskursive Normalfall. Damit der Abschied am Sonntag also nicht zu hart wird, gilt es sich schon am Samstag darauf einzustellen: Nein, Literatur hat normalerweise nicht diese Stellenwert und ja, spätestens am Rückreisetag wird die Verkehrslage wieder wichtiger sein als die Frage, welche Art von gesellschaftlichem Veränderungswillen man dem Autor als solchem eigentlich unterstellen darf, soll, muss oder zumindest kann.

Dem Verstörungen-Sonntag gehen aber zum Glück ein Verstörungen-Donnerstag, ein Verstörungen-Freitag und ein Verstörungen-Samstag voraus. Einige Tage im Spätsommer in denen es im Seehof lauter und schriller zugeht als sonst. Wenn der Anteil der temporär aus Autoren und Schauspieler zusammengewürfelten Verstörungen-Kompanie einen gefühlten Gästeanteil von 33% erreicht und die Aufregung über die letzten Lesungen des Tages ohne Spannungsabfall in die Diskussionen zum Abendessen übergeht, dann feiert Goldegg Thomas Bernhard. Und wenn die hitzigen Debatten auch an der Bar nicht abkühlen wollen, dann hilft oft nur noch ein nächtlicher Sprung in den See.

Dabei beginnt das Festival am Donnerstag und Freitag noch brav und strukturiert. Andreas Maier stellt bei seiner Lesung ordnungsgemäß thematische Bezüge zwischen der Weltwahrnehmung seiner Mutter und der von Thomas Bernhard her. Mit dem ORF-Redakteur Michael Kerbler diskutieren Suhrkamp-Lektor Raimund Fellinger und die Autoren Hans Platzgumer und Albert Ostermaier Aufgaben und Utopien des Autorendaseins im Vergleich der Biografien von Bachmann und Bernhard. Einer Sprache, die sich immer mehr von Smileys und in 140 Zeichen ernährt, steht Fellinger im Laufe dieses Gesprächs übrigens überraschend entspannt gegenüber. Albert Ostermaier versucht dagegen die aufklärerische Position des Autors auch im 21.Jahrhundert verteidigen will.

Spätestens am Freitag wird die vorgegebene Struktur „Bachmann vs. Bernhard“ immer öfter durch persönliche Autorenerfahrungen angereichert. Hans Platzgummer beispielsweise, der sich am Abend nicht nur als Bestenlisten-Autor sondern auch als Musiker beweist, berichtet unplugged darüber, wie es sich anfühlt mit seinem Roman „Der Elefantenfuß“ durch (un)glückliches Timing indirekt von der Katastrophe von Fukushima zu profitierten. Wobei die Weltbeobachtungen der Texte (ob nun havarierte Atommeiler oder wie beim Roman „36,9°“ von Nora Bossong, die Revolutionen des frühen 20.Jahrhunderts zwischen Mussolini und dem italienischen KPI-Funktionär Antonio Gramsci) immer wieder den Bogen zurück in den Seehof finden. Wenn Raimund Fellinger aus „IN DER HÖHE- Rettungsversuch. Unsinn“ lesen lässt, einem Bernhard-Text der in Goldegg spielt, schließt sich der Kreis. „Dasselbe Zimmer? Natürlich, ich habe immer dasselbe Zimmer, welches soll ich denn sonst haben?“

Während bei den Lesungen am Samstagnachmittag, im bis zum letzten Patz gefüllten Schloss, sogar noch das Auslösen der Leica und das normalerweise unhörbare Quietschen beim Spannen des Kleinbildfilms stören konnten, schaukelte sich die kollektive Laune zur Ostermaier-Komödie „GOLD. Der Film der Nibelungen“ in allerbeste Sommernachtstraum-Stimmung auf. Es lesen „u.a. Bibiana Beglau, Wiebke Puls, Aglaia Szyszkowitz, Friedrich Ani, Albert Ostermaier, Tobias Moretti, Charlotte Schwab, Max Simonischek, Sepp Schellhorn, Andreas Maier“ und ja, sie passen alle irgendwie auf die Bühne zzgl. einer faszinierend großen Zahl an Weißweinflaschen der Hauseigenen Sorte Schelli Blanc.
Den Ausklang am Sonntagvormittag erlebten manche Festivalteilnehmer daher auch noch im Begriff der Ausnüchterung. Allen, die es trotzdem noch um 11 Uhr zu Gedichten und Kurzprosa von Bachmann und Bernhard schafften, blieb die gemeinsame Lesung von Charlotte Schwab und Max Simonischek in besonders eindrucksvoller Erinnerung.

Wir Danken allen Autoren und Schauspielern, allen Mitarbeitern und Helfern, den Sponsoren Trumer und Aumayer Media, dem Korrektur Verlag und vor allem allen Besuchern, ohne sie wäre der kontrollierte Wahnsinn Verstörungen nicht möglich. Auf ein Wiedersehen bei Verstörungen im September 2017.

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