Verstörungen 2017 „Dreiecksbeziehungen“

Kunst am See, Lake Side Laze 12. Oktober 2017

Verstörungen – unser Fest für Thomas Bernhard – warf in diesem September einen Blick auf das Verhältnis zwischen Thomas Bernhard, Peter Handke und Siegfried Unseld. Statt des Titels „Dreiecksbeziehungen“ hätte man auch „Männer und ihre Konflikte“ als Überschrift wählen können. Es war zumindest ein harter Kontrast zum Vorjahr – als es beim Schwerpunkt „Thomas Bernhard : Ingeborg Bachmann“ noch wesentlich liebevoller zuging.

In der Natur von Verstörungen liegt es, dass nicht nur jedes Jahr großartige Texte von besonderen Autoren und Schauspielern gelesen werden, die Programmgestaltung durch Albert Ostermaier und den Suhrkamp Cheflektor Raimund Fellinger macht auch besondere Einblicke möglich. Es ist erstaunlich wie tief man dadurch in nur drei Tagen in die Arbeit und das Denken von Autoren eingeführt wird. 2017 hielt nicht nur der Blick auf das Werk überraschendes bereit, sondern auch der Blick auf die Psyche von Bernhard und Handke. Im Vergleich zu Ingeborg Bachmann konnte man sich dabei fragen: Wie unfassbar wichtig haben diese Männer im 20. Jahrhundert nur ihr Werk und sich selbst nehmen können? Es war zumindest ein gewaltiges Maß an kindlichem Trotz, Naivität und Realitätsferne mit im Spiel, die sichtbar wurden als Andreas Maier (Thomas Bernhard) und Friedrich Ani (Peter Handke) die Briefwechsel der beiden Autoren mit ihrem Verleger Siegfried Unseld (Albert Ostermaier) lasen. Andererseits würde man sich genau das in der durchökonomisierten Gegenwart vielleicht öfter wünschen: Wie Bernhard Verkaufszahlen ignorieren und vom Verleger schlicht mehr finanzielle Wertschätzung für das gerade neue Werk verlangen – einfach man es selbst lieber mag als das alte. Nicht hinter jedem berühmten Konflikt stehen offenbar große künstlerische Differenzen. Zumindest bei Bernhard und Handke war es oft viel banaler.

Themen wie „Ökonomie“ und „Streit“ wurden bereits durch die Diskussion am Freitagabend zum Thema des Wochenendes. Unter dem Titel „Immer noch Sturm“ diskutierten Aleš Steger, Lojze Wieser und Sepp Schellhorn unter der Moderation von Michael Kerbler über den Zerfall Jugoslawiens und Lehren die daraus für die europäische Gegenwart gezogen werden könnten. Es war nicht das erwartbare Gespräch, voller gegenseitiger Zustimmung über die Schlechtheit wieder aufkommender europäischer Nationalismen. Die linke Problemanalyse (dass der Hund sprichwörtlich in Brüssel begraben liege und die EU als Wirtschaftsunion zu wenig sozial denke) konnte sich nämlich mit einer proeuropäisch liberalen Perspektive (dass wir uns alle mehr am eigenen Schopf packen müssen, statt auf die EU zu warten) ganz prächtig streiten. Dabei entstand fast so viel Friktion wie bei Handke gegen Unseld gegen Bernhard.

Die intellektuelle Diskussion über Europa fand ihre sinnliche Ergänzung in der Lesung von Aleš Steger. Steger betreibt regelmäßig einen literarischen Feldversuch, indem er 12 Stunden am Stück an einem Ort schreibt und diese Texte danach unredigiert publiziert. Am Verstörungen-Freitag las er beispielsweise über seine Beobachtungen und Zusammentreffen mit Flüchtlingen am Belgrader Busbahnhof. Es ging tief unter die Haut, mitzuerleben wie politisch ein Text plötzlich wird, fast ohne eine Meinung zu vertreten, allein dadurch, dass er über Stunden von einem Brennpunkt der Zeitgeschichte berichtet.

Flucht als Thema fand sich auch oft in der Gedichtlesung von Albert Ostermaier und Thomas Thieme wieder. In den Gedichten junger Flüchtlinge zum Beispiel. Gedichte, die Erfahrungen der Flucht verarbeiten und so die Schlagzeilen von 2016 plötzlich unmittelbar und unangenehm persönlich erfahrbar machen. Ebenso unangenehm war allerdings auch, dass die Flüchtlinge im Vergleich zu den übrigen Autoren nicht beim Namen genannt wurden. So vermaß Verstörungen noch eine weitere Grenze: jene zwischen Texten die Fluchtschicksale beschreiben um Menschen und deren Lebenswelt näher zusammen zu führen, gegenüber jenen Texten, die Flucht vor allem als einen weiteren Inhalt zur Emotionalisierung nutzen – als Vehikel sozusagen, oder wie man im Film sagt, als „Trigger“. Auftanken mit Emotion an den traumatischen Erfahrungen anderer, könnte der Vorwurf lauten.

Damit sind nur die beschreibbaren Erfahrungen bei Verstörungen 2017 benannt. Die dramatischen Höhepunkte rund um die Lesungen von Thomas Thieme (in deren Folge um 4 Uhr Nachts an der Seehofbar die Entscheidung fiel ihn zum erster Goldegger Kammerschauspieler zu ernennen), oder von Bibiana Beglau und Jens Harzer, mit Texten von Handke, Bernhard und Ostermaier, haben es wieder geschafft, dass im Saal auch dieses Jahr nicht mal mehr ein Husten zu hören war.

Wir Danken daher auch heuer wieder allen Autoren und Schauspielern, allen Mitarbeitern und Helfern, den Sponsoren Trumer und Aumayer Media, dem Korrektur Verlag und unseren Besuchern.

Verstörungen kann man nie genug haben. Die nächsten „VERSTÖRUNGEN“ finden von 20. bis 23. September 2018 statt. Beim kommenden Literaturwochenende im Seehof Salon lesen zwischen 22. und 25. Februar 2018 Jens Harzer und Marina Galic den Briefwechsel zwischen Rainer Maria Rilke und Marina Zwetajewa Padternak.