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Wer das Leben überleben will, darf nie vergessen, dass er seiner Neugier etwas schuldig ist, also heißt es neugierig sein oder neugierig werden und dann neugierig bleiben. Ich bleibe niemandem auf Dauer etwas schuldig, meiner Neugier schon gar nicht, denn die hätte tausend Möglichkeiten, mich in unheilvolle Situationen zu bringen, mich in Fallen zu locken und sich zu rächen. Möglicherweise tut sie das auch schon längst. Das würde die eine oder andere schlampige Skizze im Bilderbuch meines Lebens erklären (FSK26).

Aber eigentlich wollte ich nicht über Neugier sprechen, sondern über Ammenmärchen. Das Wort Ammenmärchen ist vermutlich nicht mehr in Verwendung, schließlich ist der Beruf der Amme zumindest hierzulande schon eine Weile nicht mehr gefragt. Wie ich an dieses Thema geraten bin, weiß ich nicht, aber heute Vormittag fiel mir wieder ein, dass man früher jungen Männern Masturbation verboten hatte, zumindest wurde ihnen dringend davon abgeraten, vorgeblich aufgrund medizinischer Bedenken, Um Satan in Schach zu halten, wurde von klerikal-konservativen Kreisen verbreitet, Masturbation würde zu Rückenmarkschwund führen.

Nun kommt doch wieder die Neugier ins Spiel. Mich würde interessieren, welcher degenerierten Kreatur so etwas Abartiges einfällt wie Rückenmarkschwund! Wer ringt so lange mit Phantasien von onanierenden jungen Männern, bis sich diese Gedankenphimose zu einer Obsession verengt und in den Visionen des Eiferers ein gerecht strafender Gott erscheint, um das Rückenmark dieser versauten Sünder zu konfiszieren?

Worauf ich hinauswill: Unsere Welt, wie wir sie kennen, wurde uns von unseren Ahnen übergeben. Das bedeutet, die Welt, wie wir sie kennen, wurde geplant und geprägt von Menschen mit einem recht fragwürdigen Verständnis der Wirklichkeit: Die einen waren beseelt von der Aufgabe, jungen Männern die einzige Freude zu nehmen, die bis zur Erfindung des Fernsehens am Ende des Tages auf sie wartete, und die anderen hatten Angst, sich selbst sexuelle Ausgeglichenheit zu bescheren, weil sie fürchteten, ihre Wirbelsäule könnte deswegen schmelzen. Die dritte Gruppe waren die Frauen, die offenbar nach Ansicht der Männer entweder keinen Sexualtrieb oder kein besonders wertvolles Rückenmark hatten. Ist es im Grunde nicht erstaunlich, dass unsere Handrücken beim Gehen nicht mehr den Boden berühren?

Eigentlich habe ich wenig Anlass, mich über frühere Generationen lustig zu machen. Als ich zehn oder elf war, brachte ich es monatelang nicht fertig, mir einen runterzuholen, weil ich fürchtete, der Geist meiner verstorbenen Großmutter könnte unsichtbar in einer Ecke stehen und mich fassungslos und angewidert beobachten. Sonderbarerweise hat sich mir nie die Frage aufgedrängt, ob die Geister verstorbener Familienmitglieder wirklich den weiten Weg vom Jenseits zurück zu den Menschen auf sich nehmen würden, nur um ihren Urenkeln beim Masturbieren zuzuschauen.

Die Wahrheit ist: Menschen glauben alles. Alles. Man kann ihnen alles erzählen, früher oder später werden sie es glauben. Zum Glück, denn deswegen ist es auf der Welt ja manchmal auch sehr lustig.


Ich bin ein großer Fan meines Unterbewusstseins. Wie ich neigt es zum Schabernack, und es ist schade, dass wir uns nie kennenlernen werden. Wir können uns nur indirekt miteinander unterhalten. Wenn es mir etwas zu sagen hat, gibt es mir irgendeine Melodie zu pfeifen oder einen bestimmten Geruch zu riechen, und schon denke ich die gewünschte Richtung. Was ich mache, wenn ich meinem Unterbewusstsein etwas mitteilen will, weiß ich nicht. Vielleicht geschieht es unterbewusst. 


In der ersten Fassung begann dieser Text noch so: Ich mag Assoziationsketten, ich bin ein großer Fan des Unterbewusstseins. Wieso das geändert wurde? Ich habe dazu eine Theorie: Mein Unterbewusstsein musste sich wieder einmal in den Vordergrund spielen Mein Unterbewusstsein wollte die Verwandten zuhause grüßen lassen. So. Jetzt habe ich meinem Unterbewusstsein etwas mitgeteilt. Wie ich es kenne, wird ihm das egal sein.


In letzter Zeit spiele ich gern ein durchschnittlich originelles Spiel, bei dem man eine Jahreszahl genannt bekommt, zu der man entweder seine erste individuelle oder seine erste bürgerliche Assoziation äußern muss. Eine bürgerliche Assoziation ist eine nicht-individuelle Assoziation. 1999: Tante Gerti schenkte mir einen VW Derby ist eine individuelle Assoziation. Die Zahl aller existierenden Tante Gertis ist unbekannt, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass nur wenige davon im Jahr 1999 jemandem einen VW-Derby geschenkt haben. 1999: Angst vor dem Y2K-Bug ist eine bürgerliche Assoziation: An den Millennium-Bug erinnern sich die meisten Menschen, die vor 1980 geboren wurden, ob sie eine Tante Gerti haben oder nicht (ich habe keine).


Das Spiel ist sehr modern, denn man kann es nicht nur zu zweit, zu viert oder zu zehnt, sondern auch allein spielen.


Heute spielte ich allein. Ich hatte mich für den bürgerlichen Spielmodus entschieden. Ich schrieb ein paar Jahreszahlen auf, ohne nachzudenken, und kümmerte mich danach zehn Minuten lang um den Haushalt, damit die Zahlen für mich ebenso unvertraut waren, als hätte sie ein Mitspieler vorgegeben. Eine Minute hätte zwar auch gereicht, weil mein Kurzzeitgedächtnis 


1969: Woodstock

1981: Atomkrieg

2003: David Coulthard

1986: Challenger

1941: Hitler, von Beruf Briefträger in Obersalzberg, auf dem Fahrrad unterwegs.


Wenn man seine Assoziationen aufgeschrieben hat, ist das Spiel natürlich noch nicht zu Ende. Man beschäftigt sich eine Stunde oder einen Tag lang mit etwas anderem, dann kehrt man zum Spiel zurück und liest, was man geschrieben hat. Damit beginnt die Interpretationphase.


Wenn man will, kann man aus der Assoziationskette des Tages jede Menge Rückschlüsse ziehen. 1969 – Woodstock: Was war Woodstock? Love & Peace und schlechtes Wetter. 1981 – Atomkrieg: Komisch. 2003 – War mir die Formel 1 je wichtig? Wusste ich gar nicht. 1986 – Ja, Raumfähren sind faszinierend, auch wenn sie explodieren, dann sogar ganz besonders. 1941 – Hitler? Hitler hat tatsächlich ausgesehen wie ein geisteskranker Briefträger, aber davon kann ich mir nichts kaufen. Gut. Und nu?


Man kann einige Zeit darüber nachdenken, was es mit den einzelnen Assoziationen auf sich hat. Wenn man das Spiel jedoch öfter spielt, entdeckt man früher oder später die viel interessantere, die entscheidende Frage: Wieso hat man gerade diese Jahreszahlen aufgeschrieben?


Wieso diese und nur diese und keine anderen?


Los, los! Papier und Kugelschreiber werden Sie bestimmt finden.


Ich nehme an, der Unterschied zwischen allein sein und einsam sein ist den meisten geläufig. In meiner Kindheit und Jugend war ich einsam. Danach war ich oft allein, aber nicht wirklich einsam, zumindest habe ich es so wahrgenommen – oder mich gezwungen, es so wahrzunehmen. Seit einigen Jahren ist die Einsamkeit zurück, und ich versuche herauszufinden, ob sie sich gewandelt hat. Ist die Einsamkeit, die ein Erwachsener fühlt, von derselben Natur wie jene, die ein Kind fühlt?


Sollte man annehmen. Einsamkeit ist Einsamkeit, Trauer ist Trauer, Freude ist Freude, Spaß ist Spaß. Man kann trauriger sein als traurig, man kann heute mehr Spaß haben als gestern, obwohl es gestern auch schon spaßig war, doch seinem Wesen nach bleibt das Gefühl gleich, oder nicht?


Ich glaube nicht. Ich glaube, Menschen sind in ihrer Ausdrucksfähigkeit ebenso limitiert wie in ihrer Wahrnehmung, und es fehlt ihnen das nötige Instrumentarium, mit dem man verwandte Gefühle voneinander unterscheidet und den Unterschied kommuniziert. Angst ist nicht gleich Angst. Es gibt viele Formen der Angst, so wie es viele Formen von Freude, Ärger, Sehnsucht und Glück gibt. Leider sind Menschen nicht besonders talentiert darin, einander mitzuteilen, welche Art der Angst, Sehnsucht oder Zuneigung sie fühlen.


Als ich ein Kind war, hat sich die Einsamkeit anders angefühlt. In gewisser Weise war sie gefährlicher, oder zumindest wirkte sie so. Die Einsamkeit von früher war aufwühlend, die von heute ist lähmend. Schon das macht einen großen Unterschied.


Zum Glück bin ich nicht Lehrer geworden. Ich habe den Eindruck, dass die meisten Menschen, die in ihrem Beruf auf die eine oder andere Art mit Kindern arbeiten, sich öfter einsam fühlen als andere. Eigentlich sollte es umgekehrt sein, schließlich setzen Kinder Unmengen von Energie frei, aber diese Energie wirkt nur belebend, wenn es die unserer eigenen Kinder ist. Aber darauf komme ich ein anderes Mal zurück. Heute wollte ich über Zwangsgedanken und Ohrwürmer sprechen. Es bleibt nur mehr Zeit für die Kurzfassung.


Wir treffen heute unsere Freundin Biene Maaaaajaaaa„, – Das Titellied der Zeichentrickserie Biene Maja, gesungen von Karel Gott (so muss man auch erst einmal heißen): Es sucht mich fast jeden Tag heim. Schrecklich. Und noch schlimmer: Ich muss mir dabei vorstellen, Insekten wären in Wahrheit um einiges intelligenter als wir annehmen, und Bienen hätten sogar ihr eigenes Fernsehen. Eine Lieblingsserie der Bienenkinder heißt Mensch Gerlinde, und der Titelsong wird von einem erwachsenen Bienenmann gesungen:


Wir treffen heute unsre Freundin Mensch Gerlindeeee

Diese kleine freche schlaue Gerlinde

Gerlinde, alle lieben Gerlinde


Nein, so blöd könnten Bienen gar nicht sein.


(Fortsetzung folgt)



Ein Teil der Bevölkerung ist der Ansicht, Sex wäre besonders toll, wenn er an besonderen Orten und in speziellen Positionen praktiziert wird. Ich halte das für Verzweiflung. Hätte ich Freude daran, Kopfstand zu machen oder meine Beine hinter dem Rücken zu verknoten, wäre ich zum Zirkus gegangen, und Tiger sind nicht dazu da, um betäubt zu werden und ihren Rücken Exzentrikern als Beischlafunterlage zur Verfügung zu stellen. Wenn man halbwegs weiß, was zu tun ist, muss man beim Sex nicht stehen, um die Attraktion zu erhöhen.

Es gibt für fast alles eine Position, die besser ist als alle anderen. Ich weiß nicht, ob diese Theorie noch aktuell ist, aber die Römer sollen im Liegen gegessen haben. Wenn das stimmt, waren die Römer Idioten. Zum Essen setzt man sich, notfalls steht man auch dabei. Ähnlich verhält es sich mit dem Gegenteil von Essen. Idealerweise sitzt man bei diesem Vorgang, unter Umständen steht man, aber man sollte dabei besser nicht liegen.

Beim Schreiben ist es nicht anders. Man sollte dabei sitzen. Wenn man jedoch Zuviel und zu lange schreibt, kann sich das rächen. Ich weiß nicht genau, was mit mir los ist, ob ich einen Bandscheibenvorfall habe oder sich ein Wesen aus der vierten Dimension einen meiner Lendenwirbel ausgeborgt hat, aufstehen kann ich jedenfalls nicht. Ich muss froh sein, dass ich keinen Arzt habe, denn wer weiß, was der alles finden würde. Nun kann ich nicht mehr sitzen, aber die Sätze schreiben sich nicht von selbst. Auf der Seite liegen, mit einem Finger tippen, erstmal die richtige Taste finden, die reinste Folter. Liegend zu schreiben ist schlimmer als stehend zu vögeln oder im Kopfstand zu essen. Wenn spätere Generation diese Kolumne entdecken, werden sie sie zu Recht in den Kanon der bedeutendsten Zeugnisse menschlicher Willenskraft aufnehmen. Hoff ich zumindest.

Mir fallen so Sachen ein. Im Grunde passiert das ständig. Und noch nie im Leben habe ich mir selbst ausgesucht, was mir eingefallen ist. Von wegen Gedankenkontrolle, Diktatoren haben ja keine Ahnung. Wie wollen sie denn die Gedanken ihrer Staatsgefängnisinsassen kontrollieren, wenn diese dazu selbst nicht imstande sind? Es gibt keine Gedankenkontrolle. Ich glaube, sie ist technisch unmöglich. Zwischen uns und unseren Ideen steht eine Spiegelwand, die für uns undurchdringlich ist. Für unsere Gedanken und Ideen auf der anderen Seite hingegen ist sie das nicht. Wenn sie die Grenze passiert haben, gibt es kein Zurück, Gedanken können nicht verschwinden, man kann sich nur vor ihnen verstecken, und das ist ein zermürbendes Spiel. Ideen können auch nicht dahin zurückgeschickt werden, woher sie gekommen sind. Wenn eine Idee da ist, ist sie da, mag sie gut sein oder schlecht, brillant oder lächerlich, man kann sie nicht zerstören. Wenn man sie für gefährlich hält – und jede Idee von echtem Wert birgt eine gewisse Gefahr -, kann man sie ignorieren, leugnen, verleumden oder in ein albernes Kostüm stecken, zum Selbstschutz oder damit die Leute ihr fernbleiben, viele andere Optionen gibt es nicht.

Womit ich nicht sagen will, dass diese Spiegelwand zwischen ihnen und uns für die Gedanken und Ideen auf der anderen Seite kein massiveres Hindernis darstellt als etwa eine Wann aus Pein Duschvorhang. Ich kenne Menschen, bei denen ist diese Wand auf beiden Seiten so versiegelt wie ein U‑Boot oder eine Weltraumstation, da passt keine Mikrobe durch. Ferner sind mir bereits Artgenossen über den Weg gelaufen, bei denen ich während unseres Gesprächs an das Atomkraftwerk von Tschernobyl denken musste, vor allem an den Sarkophag, der es umschließt, um die Freisetzung von radioaktiver Strahlung zu verhindern. Dieser Sarkophag wird aufgrund mangelhafter Wartung rissig, und so entweicht schon einmal das eine oder andere radioaktive Teilchen und strahlt sich schnell aus dem Staub.

Ebenso verhält es sich bei diesen Leuten. Ab und zu öffnet sich auf der anderen Seite ihrer Spiegelwand eine Lücke, durch die ein Gedanke hindurchschlüpfen kann, um ihrem neuen, überforderten Besitzer auf die Nerven zu gehen. Selten, aber doch schafft sogar eine ganze Idee den Durchbruch, allerdings ist sie in neun von zehn Fällen toxisch oder so verstrahlt, dass sie ins Ideenendmülllager Gorleben geschickt wird, wo sie natürlich nie ankommt, weil sie sich unterwegs befreit und ein neues Heim sucht. Wenn man eine dumme Idee hat, könnte es sich also um atomaren Restmüll handeln.

Mir fallen, wie eingangs erwähnt, Sachen ein, und mit denen bin ich wirklich nicht immer zufrieden.

Neulich fiel mir während der Nachtschicht im Seehof ein, wie man jemanden in den Wahnsinn oder zumindest in einen Amoklauf treiben könnte. Nicht dass mich das besonders interessiert hätte, aber der Gedanke kam mir eben, was soll ich machen?

Ort: Ein Lokal. Personen: ein bösartiger Feind, mehrere Unbekannte, ein Wirt. Handlung: Ein vom bösartigen Feind rekrutierter Unbekannter betritt das Lokal, stellt sich so nahe neben den Wirt, dass sie sich fast berühren, und sagt: Hören Sie Frevel? Wackelt das Gas? Höllenhunde haben Stuhlhofer zu Silvester geweckt.” Der Wirt: Wos?” – Unbekannter: Dem abgeschleckten Prinzen ist der achte Tag heilig.” – Wirt: Schau, dass du weiterkommst.” – Unbekannter: Ich bringe die Tinte aus dem Termin.” – Wirt: Geht es Ihnen nicht gut?” Unbekannter: Erdöl beisst Würste entzwei!” 

So geht das lange weiter, sehr lange. (Naja, im Wiener Café Anzengruber nicht sehr lange.) Der Unbekannte verfolgt den Wirt auf Schritt und Tritt, wobei er unablässig Mist faselt. Was soll der Wirt tun? Die Polizei wird ihm nicht helfen können.

Was würden Sie tun?

Schließlich entscheidet sich der entnervte Wirt entweder für den Polizeinotruf oder für Selbstjustiz. Spielt keine große Rolle, das Ergebnis ist sowieso das gleiche. Kaum ist der Fremde von der Ambulanz oder der Polizei mitgenommen worden, betritt der nächste vom bösartigen Feind gedungene Sonderling das Lokal und beginnt sogleich mit der kompromisslosen Belästigung des Wirts.

Das hört nicht mehr auf. Immer, immer klebt ein Irrer am Wirt und redet auf ihn ein. Wird einer von der Polizei abgeholt, steht der nächste schon bereit. Irgendwann ist der Wirt am Ende. Es folgt der Amoklauf, oder es stellt sich geistige Umnachtung ein.

Wie gesagt, ich kann nichts dafür! Der Gedanke kam zu Besuch, ein ungebetener Gast, der möglicherweise länger bleiben wird.

Ich überlege mir gerade, ob ich jemanden nicht mag. Auf Anhieb fällt mir niemand ein. Aber wenn doch, wollen wir hoffen, dass es nicht ausgerechnet Sie sind.


Im Laufe der Zeit verändert sich die Bedeutung fast aller Begriffe. Zum Beispiel Liebe und Glück, Familie und Zuhause, Gerechtigkeit, Kommunismus, Jugoslawien, Simmering, Kapfenberg, Befriedigung, Moral, Reisen, Freundschaft usw.
Wenn man sich Zeit nimmt und sich bewusst daran erinnert, was früher war und wie es war, in den Jahren, als man vom Erwachsensein nur eine unklare Vorstellung hatte, kommen einem Menschen näher, die man in der Kindheit kannte, mit denen man weder verwandt noch eng befreundet war, und mit denen man doch in der Rückschau ein Gefühl fast familiärer Zusammengehörigkeit verbindet. Das mögen Nachbarn sein, eine Friseurin, der Supermarktangestellte, der Postbote (wobei man da vorsichtiger sein sollte, was die nicht-familiären Bande anbelangt), ja selbst nach Schnaps stinkende Rohlinge, die gelegentlich auf der Straße lagen, empfindet man als vertraut.
Ich glaube, sie alle fügen sich in ein Bild ein, das man von der Vergangenheit hat, obwohl sie ja eher ein Teil dessen sein sollten, dessen Gesamtheit dieses Bild erst erzeugt. Vielleicht sind unsere Kindheitserinnerungen nicht viel mehr als ein Setzkasten, dessen Figuren wir arrangieren, wie es uns am besten gefällt. Ist vielleicht auch gar nicht wichtig..Gestern rannte ich in einem Restaurant geradewegs in eine Ansammlung leicht bis mittelschwer angesäuselter Lehrer, und nicht irgendwelcher Lehrer, sondern jener, die mir vor dreißig Jahren beigebracht haben, dass ich mir nur selbst etwas beibringen kann. Das klingt nach nicht viel, aber so wenig ist es eigentlich nicht, und es immer noch besser als überhaupt nichts. Sie feierten den 65. Geburtstag eines Kollegen, der zu meiner Zeit noch nicht an der Schule gewesen war, und für mich gab es in der nächsten Stunde kein Entkommen, ich wurde über alle interessanten Entwicklungen der letzten Jahre aufgeklärt.
Auf dem Weg nach Hause wusste ich nicht recht, wie ich mich fühlte, ebenso wie ich nicht wusste, wie ich mich fühlen sollte. Diese Menschen waren Teil meines Alltags gewesen, ich sah sie jahrelang fast jeden Tag, und von einem Tag auf den anderen sah ich sie nicht mehr. Damals war ich froh, die Schule hinter mir zu haben, etwas Neues begann, ich empfand keinen Abschiedsschmerz. Ich glaube, den empfand ich erst gestern.

Neulich stand ich an der Wursttheke, da sagte irgendwo über mir die Moderatorin der als normales Programm eines seriösen Radiosenders getarnten Dauerwerbesendung, mit der Supermärkte die Kundschaft terrorisieren, dass laut Volksmund die Morgenstunde Gold im Mund hätte.


Bei mir löste diese Enthüllung sogleich Gänsehaut und einen starken Fluchtreflex aus. Mein Gehirn neigt dazu, so ziemlich alles zu visualisieren, ob es mir recht ist oder nicht, und wer sich einmal eine Stunde, also sechzig Minuten, eine Zeiteinheit, als eine Person vorgestellt hat, die morgens durch die Straßen zieht und dabei in ihrem Stundenmaul Gold lutscht, dessen Vertrauen in die Welt schwindet.


Während ich in der Schlange vor der Kasse stand, hatte ich entsprechend grimmige Gedanken, die wiederum neue Fragen aufwarfen.


1: Wer hat das Supermarktradio erfunden, wie lautet seine Adresse, zu welcher Uhrzeit ist er gewöhnlich dort anzutreffen, nehme ich einen Baseballschläger oder kaufe ich eine Schallkanone?

2: Würde man sie im Gerichtssaal als Beweisstück Nummer Sowieso vorspielen, könnte die Durchsage Morgenstund hat Gold im Mund, sagt der Volksmund, darum sollten Sie heute sonnige Orangen kaufen..”, einen Richter dazu verleiten, einen Amoklauf als Notwehrüberschreitung zu bewerten?

3: Wieso ärgere ich mich so sehr über eine dumme, aber harmlose Redensart?


Und dann fiel es mir wieder ein. Morgenstund hat Gold im Mund” – unsere Nachbarin hatte das oft gesagt, egal wie spät es gerade war. Sie war eine der penetrantesten Personen, die ich je kennengelernt habe, und zu meinem Unglück teilte sich in den 1970er Jahren meine Familie mit ihr einen Schwarz-Weiß-Fernseher, weil die Nachbarin ein Drittel des Kaufpreises beigesteuert hatte. Fast jeden Abend kam sie kurz vor halb acht vorbei, um sich mit uns die Nachrichten anzusehen und sie für uns zu kommentieren.


Wie die meisten Idioten redete sie zu laut. Es war, als wäre sie durch irgendeinen körperlichen Defekt außerstande, sich in Zimmerlautstärke zu unterhalten. Ich weiß, über Abwesende und über Tote soll man nur Gutes sagen, und deshalb sei gesagt, dass sie im Welttheater für die Rolle eines Menschen vielleicht nicht die Idealbesetzung war, aber wäre sie stattdessen als Lautsprecher geboren worden, hätte sie es bestimmt weit gebracht.


Den meisten Entwicklungen in der Welt stand sie kritisch gegenüber. Begeistert war sie von Berichten über Unruhen und Volksaufstände, allerdings nur, sofern diese blutig niedergeschlagen und massenhaft Rädelsführer aufgehängt wurden, denn in Aufständischen sah sie grundsätzlich Störenfriede und Staatsfeinde, womit sie genau genommen nicht ganz unrecht hatte. In den Herrschern, gegen die demonstriert, randaliert und auf andere Weise umstürzlerisch vorgegangen wurde, sah sie aber auch nichts anderes als Kriminelle und Berufsverbrecher, die nicht in einem Palast, sondern im Gefängnis bzw. auf dem Friedhof residieren sollten, womit sie genau genommen wieder nicht ganz unrecht hatte. Unklar blieb für mich, wer nun eigentlich im Recht war und wer nicht, wer aufgehängt werden sollte oder durfte und wer nicht. Der Nachbarin zufolge sollten ja eigentlich alle aufgehängt werden, der despotische Blutsäufer an der Staatsspitze und der revoltierende einfache Mann, und das verstand ich mit meinen sechs Jahren nicht. Ich habe damit bis heute meine Schwierigkeiten.


Das ist es wohl, was mich zu einem Menschen voller Widersprüche gemacht hat, diese widersprüchliche Haltung zur Welt, denn was man im Halbschlaf hört, brennt sich womöglich ins Unterbewusstsein ein, und an mehr als Halbschlaf war bei ihrem Geschrei selbst zwei Zimmer weiter nicht zu denken. Nach den Nachrichten verabschiedete sie sich immer mit dem Hinweis, dass die Morgenstunde Gold im Mund habe, und das ist es wohl, was aus mir den Anführer der Volksbewegung gegen das Supermarktradio gemacht hat.


Die Kindheit kann einem fast leidtun, immer ist sie an allem schuld.


Vor dreißig Jahren wurde die Frage, ob ein junger Mann geistig und körperlich in der Lage wäre, den Grundwehrdienst beim österreichischen Bundesheer abzuleisten, von der Musterungskommission auf eine Weise geklärt, die nahelegt, dass Spezialisten der Spionageabwehr an der Erstellung des Auswahlverfahrens mitgewirkt hatten: Logik und Substanz des Systems, auf dessen Basis die Entscheidung getroffen wurde, waren nicht etwa nur gut getarnt, sondern von Schwachsinn vollkommen überwuchert. Nicht einmal der beste Sinndetektor der Welt hätte hier angeschlagen.


Ich kann es bezeugen.


Meine Musterung fand 1990 statt. Recht gut erinnere ich mich noch an das Propagandavideo, das ich und die anderen 299 jungen Männer ansehen mussten, und noch besser an die schöne Ärztin, deren einzige Aufgabe es war, die jungen Männer auf das Vorhandensein von Hoden zu untersuchen. Den Kandidaten, die dabei eine Erektion bekamen, befahl sie, sich in die Ecke zu stellen. Als ich an der Reihe war, gab es zum Glück im Untersuchungszimmer gerade keine freie Ecke. Immerhin weiß ich seit damals, woher Pornoproduzenten ihre Inspiration nehmen.


An den interessantesten Teil des zweitägigen Checks, die Psychotests, konnte ich mich dreißig Jahre lang leider bloß dunkel erinnern, bis ich letzte Woche auf eine Schachtel alter Fotos stieß. Sie enthielt Fotos der Testbögen, die ich damals ausgefüllt und vor der Abgabe heimlich fotografiert hatte. Das wurde mir aber erst klar, nachdem ich einige Minuten lang befürchtet hatte, ich hätte meine ersten literarischen Texte gefunden.


Ich bin ein ehrgeiziger und pflichtbewusster Mensch, deshalb kann man sich denken, wie lange ich schon davon träumte, acht Monate meines Lebens Toiletten zu putzen, Gräben auszuheben, Gefechtsübungen zu absolvieren und schließlich einen burgenländischen Acker so lange anzustarren, bis ein illegaler Einwanderer seinen Fuß darauf setzte. Als von uns nun verlangt wurde, im Rahmen eines schriftlichen psychologischen Tests Sätze zu vollenden, deren Anfang vorgegeben war, machte ich mich mit entsprechender Konzentration an das Beantworten der Fragen.



Setzen Sie den Satz nach freiem Belieben fort. Wenn Ihnen noch ein Satz einfällt, fügen Sie ihn hinzu. Im Bedarfsfall ist zusätzliches Papier bei der Leitung erhältlich.


1) Als Kind… war ich jung.

2) Meine Mutter… auch.

3) Meine Kindheit… geht kein Schwein etwas an.

(Zwischen Satz 3 und Satz 4 muss in mir ein Stimmungsumschwung stattgefunden haben, Anm. TG)

4) Als Baby… war ich bestimmt lieb. Trotzdem hatte die Hebamme Vorurteile. Oder sie hatte noch nie ein Neugeborenes gesehen, das sprechen konnte, und als ich sie freundlich warnte, beim Rückwärtsgehen nicht über den auf dem Boden liegenden Sanitäter zu stolpern, erreichte ich nur das Gegenteil. Die Platzwunde am Kopf, die sie davontrug, heilte schneller als ihr Gemüt, und es liegen Berichte vor, dass sie nach dem Vorfall mehrere Jahre lang unter dem Einfluss einer unbekannten Sekte lebte, ehe sie als Souffleuse in einem Trappistentheater inneren Frieden fand.

5) Meine Eltern… vermittelten mir tags darauf ein Gespräch mit dem Krankenhausdirektor. Gekränkt fragte ich, wieso die meisten Angestellten, denen ich in den Gängen begegnete, mir gegenüber eine reservierte Haltung einnahmen. Der Direktor entgegnete, die Geburt eines Kindes, das die Mutterbrust zurückweist und mit steirischem Akzent nachdrücklich ein Schnitzel verlangt, sei für alle Krankenhausmitarbeiter eine Premiere.

6) Ich möchte wissen… sagte ich, ob diese soziologische Lücke auch der Grund dafür wäre, wieso er mir nicht einmal die Hand gegeben hätte und während der Unterredung einen Abstand von gut und gern drei Metern zu mir einhielt.

7) Im Umgang mit Autoritäten muss ich… mich immer zusammenreißen, um ihnen nicht links und rechts eine zu pracken, sagte ich zum Direktor, als er frech schwieg. Statt zu antworten, kicherte er nur idiotisch.

8) Mein sehnlichster Wunsch… wäre ein Topf voller Apfelkompott, sagte ich, aber der herzlose Direktor ging nicht darauf ein.

9) Waffengebrauch ist… ein Zeichen, dass jemand zuvor einen Fehler begangen hat, der korrigiert werden muss.

10) Ich bin bereit, mit der Waffe in der Hand für mein Land zu kämpfen, wenn… ich lobotomiert worden bin.

11) Gott… lässt Ihnen ausrichten, er braucht Sie nicht.

12) Meine Zukunft… ist mir verdächtig, denn am dritten Tag nach meiner Geburt wurde mir vom Vorstand der Abteilung für Phrenologie ein Hang zu Paranoia, Wollust, Insubordination und zur Pseudologia phantastica attestiert, und er empfahl dem Direktor und meinen Eltern, mich wegzuwerfen. 


Der gesamte Test umfasst 50 Fragen, von denen ich 48 beantwortet habe, worauf ich im Moment aber lieber noch nicht eingehe. Wer will, mag nun spekulieren, ob ich am Ende für wehrdiensttauglich oder ‑untauglich befunden wurde.


Neulich saß im Bus nach Gastein ein langhaariger junger Mann. Etwas an ihm irritierte mich. Zunächst nahm ich an, es läge an der eindrucksvoll ungenierten Art, wie er optimistisch in der Nase bohrte, als wäre er sicher, jeden Moment in seiner Stirnhöhle auf einen vergessenen Vorrat an Dosenbier zu stoßen. Irgendwann wurde mir bewusst, dass es die Haare waren. Nach meinem Gefühl hatte ich seit Jahren keinen Mann mit langen Haaren mehr gesehen. Aber warum? Wo sind die Hippies? Leben sie in Ghettos? Sind sie ausgestorben? Oder sitzen sie nur zuhause und träumen von einer Perückendiktatur? In meiner Jugend, wann auch immer die stattgefunden hat, liefen Männer noch rudelweise mit Zöpfen und Vetter-It-Frisuren herum, sogar ich, wenn auch nur kurz. 


Damals war vieles anders. Man fuhr zum Beispiel noch per Anhalter. Wann haben Sie zuletzt jemanden gesehen, der an der Auffahrt zur Autobahn am Straßenrand stand und ein Pappschild hoch hielt, auf das er den Namen seines Ziels geschrieben hatte? VENEDIG! – LINZ! – PARIS?? – KAPFENBERG!!! Bei mir ist das so lange her, dass meine Erinnerungen daran aus Schwarzweißbildern bestehen.


Ich würde ja noch heute lieber per Anhalter als mit dem Bus fahren, aber da dürfte ich nicht vergessen, ein Zelt sowie Proviant für zwei Tage einzupacken. Es ist mir nicht entgangen, dass Menschen, die mich zum ersten Mal sehen, mir gegenüber – wohl aufgrund meiner rabiaten Nachtwächtererscheinung – oftmals eine eher abwartende, fast spröde Haltung einnehmen, und als Anhalter müsste ich mich auf einen längeren Aufenthalt am Straßenrand einstellen. Der Busfahrer hat dagegen keine Wahl. Er muss mich mitnehmen.


Was das Aussehen anderer betrifft, bin ich flexibel. Im Grunde ist es mir egal, wie Menschen aussehen. Zumindest wenn sie schön sind. Damit will ich sagen, ich stelle nicht auf der Grundlage ihrer Kleidung, ihrer Frisur, ihres Gewichts oder gar der Pigmentierung ihrer Haut Vermutungen hinsichtlich ihres Charakters oder ihrer Intelligenz an. Natürlich ist mir der Anblick schöner Menschen lieber, weil unschöne Menschen unschöne Stimmungen verbreiten. Viele umgibt eine gewisse Bitterkeit, andere sind auf eine liebenswürdige Weise still und traurig, und manchmal bemerkt man in ihrer Gesellschaft, dass man flacher atmet und leiser spricht. Wahrscheinlich unterhalte ich mich deswegen ungern mit jemandem, der nicht mit normaler Lautstärke redet, sondern seine Sätze zögerlich in die Welt hinaus haucht. Nicht nur, weil es anstrengend ist, ihm zuzuhören, sondern weil ich mich frage, ob er wegen mir so leise redet. Wäre ich nicht Nachtwächter, sondern Bibliothekar, bekäme ich nach ein paar Tagen Aufsichtsdienst im Lesesaal die schlimmsten Komplexe.


Während ich den in der Nase bohrenden Jüngling beobachtete, überlegte ich, ob diese Sache einfach aus der Mode gekommen ist, oder ob es immer schon vorwiegend junge Männer gewesen sind, die mit wallender Mähne durch die Straßen stelzen und dabei ein trügerisches Gefühl von Freiheit genießen. Man hat im Alltag ja eher mit gleichaltrigen Menschen zu tun, plus minus zehn Jahre, daher wäre ich nicht überrascht, wenn es die langhaarigen Männer nach wie vor gäbe, ich ihnen altersbedingt jedoch sozial entrückt wäre. Natürlich verkehre ich gelegentlich auch mit jungen Leuten, ich muss ja den Puls der Zeit messen. Aber wenn die lange Haare haben, haben sie garantiert keinen Schnurrbart.


Meine Kindheit war schon schlimm, aber nichts gegen meine Ehe. Mit diesem Schicksal stehe ich nicht allein da, meine Ex-Frau zum Beispiel sagt, ihr Ehem Güte, wer steht überhaupt mit irgendetwas allein da? Nun ja, vielleicht ein Spanner. Aber das ist gar nicht das Thema.


Mit der Welt stimmt etwas nicht, und irgendjemand muss daran schuld sein. Wie die meisten Menschen hatte ich lange angenommen, es läge bloß an meiner Wahrnehmung, die Welt sei gar nicht so übel. Das bezeichnet man als Verdrängungsphase, deren Dauer je nach individueller Veranlagung zwischen fünf Minuten und hundert Jahren liegen kann. Danach folgt die Erkenntnis: Die Realität ist real. Dies ist keine Übung. Wir sind, wer, was und wie wir sind. Wir sind nicht die, die wir in unserer besten Sekunde waren. Wir sind die, die wir in diesem Moment sind. Auch wenn wir das nicht hören wollen. Aber wir sind auch nicht die, die wir in unserer schlechtesten Sekunde waren. Auch wenn wir das nicht glauben wollen. 


Schon meine Kindheit war von Schreckensfiguren bevölkert, vor denen das gesamte Personal der Gemälde von Hieronymus Bosch in Panik geflohen wäre, und es gibt Dinge, die nicht einmal Hieronymus Bosch gemalt hat. Dabei denke ich nicht an meine Ehe, sondern an meine Nachbarn, deren schiere Existenz mich damals verstörte, die ich jedoch für ein lokales Phänomen hielt. Das mag für manche lustig klingen, aber wer in Graz aufgewachsen ist, wird verstehen, was ich meine, ich sage nur Liebenau. Seither musste ich jedoch meine Meinung revidieren. Die Welt sieht zwar überall auf der Welt anders aus als hier, aber das ist nur existenzieller Mummenschanz, sie ist überall gleich. Seit mir das bewusst ist, wächst in mir die Sorge, Gott könnte an einer unbehandelten Psychose leiden.


Für Götter ist eine Psychose vermutlich eine Berufskrankheit, aber anders als Tripper bei einer Prostituierten können Psychosen bei Göttern bis zur Berufsunfähigkeit führen. Und wie sollte man sich den Psychiater Gottes vorstellen? Oder den Gesprächstherapeuten? Ich will nicht sagen, dass unser Schöpfer keine Supervision nötig hätte, im Gegenteil, aber Gott ist bekanntlich allwissend, und was wird sich der schon von einem Psychiater sagen lassen? Gott lässt sich nichts sagen, Gott sagt. Zu Psychiatern zum Beispiel sagt er: SCHWEIG, ICH HABE DICH GESCHAFFEN!” Und dann werden sie strafversetzt bzw. steigen auf der Karriereleiter nach unten.


Es würde mich allerdings wundern, wenn jemand, der allwissend ist, auf der Bank eines Therapeuten landet. Das Geld kann er sich sparen, das weiß er selbst, er liest es ja zum Beispiel gerade hier, und nicht nur das, es gab noch keinen Moment, in dem er nicht wusste, dass ich dies hier schreiben würde, also wusste er schon vor Millionen von Jahren, dass ihm ein Psychiater nicht helfen kann.

Eigentlich ein furchtbarer Gedanke. Ein Psychiater könnte ihm in dieser Situation vielleicht helfen, aber ein Psychiater könnte ihm auch nicht helfen. Was ein furchtbarer Gedanke ist. Da könnte vermutlich nur ein Psychiater helfen. Zu dumm, dass ein Psychiater Gott nicht helfen kann. Das muss schwierig sein für Gott. Es muss schwierig sein, schon seit einer halben Ewigkeit zu wissen, dass ich in dieser Gedankenschleife landen würde, die mich immer wieder an ihren Anfang zurückversetzt. Da könnte man verrückt werden. Wäre nicht verwunderlich, wenn Gott Hilfe bei einem Therapeuten suchen würde, wobei sich die Frage stellt, ob der ihm helfen kann. Oder? Immer zu wissen, was der andere gleich sagen wird, muss ja schon nervig sein, aber wenn man sogar immer schon vorher weiß, was man gleich oder in hundert Jahren sagen wird, leidet man unter einem chronischen Spoiler-Syndrom, und ich weiß nicht, ob man damit ohne psychiatrische Unterstützung so leicht fertig wird. Ich jedenfalls nicht. Gott vielleicht. Ein Psychiater könnte ihm helfen. Vielleicht. Vielleicht nicht. Das muss ihn ja förmlich verrückt machen. Seit wann weiß´er, dass ihn das verrückt machen muss? Macht es ihn verrückt? Er könnte Hilfe brauchen. Was hat er sich bloß gedacht, als er Sandalen schuf? Oder die Schweiz? Oder Volksmusik? Da war er sicher nicht in Therapie. Ob ihm die helfen würde?


Bitte setzen Sie die Gedankenkette fort, bis Sie wieder von mir hören.



Dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung zufolge sind zwei Drittel aller Menschen lästige Landplagen. Die meisten davon haben jedoch ein im Kern unverdorbenes und allem Anschein zum Trotz gutartiges Wesen, weshalb man ihnen mit nachsichtigem Wohlwollen begegnen sollte, wenn sich die Begegnung nicht verhindern lässt.


Nach den meisten gängigen Theoriemodellen zählen 10 bis 15% der Menschen zur Kategorie der anständigen Charaktere (die Dunkelziffer liegt etwas darunter). Wenn wir zur Befriedigung von Grundbedürfnissen mit Menschen in Kontakt treten müssen, halten wir uns besser an Personen, die dieser Gruppe angehören. Sie sind allerdings nicht leicht zu identifizieren. Stehen ausreichend Zeit und Mittel zur Verfügung, erzielen wir die besten Ergebnisse, indem wir dem Kandidaten Macht über uns verleihen. Diese Macht kann ein Trugbild oder auch real sein, wichtig ist nur, dass der Kandidat selbst überzeugt ist, Macht über uns zu haben. Alle wesentlichen Informationen über seinen Charakter werden dadurch binnen kurzer Zeit verfügbar.


Auf der anderen Seite des Spektrums muss 10 bis 15% der Menschen (die Dunkelziffer liegt etwas darüber) ein bestialischer Charakter attestiert werden. Der korrekte Umgang mit diesen Bocksfüßlern erfordert den sachgemäßen Gebrauch eines Flammenwerfers sowie ein solides Grundwissen auf dem Gebiet der Kremierung, wird im Alltag jedoch häufig durch infrastrukturelle oder juristische Hindernisse erschwert, sodass in der Realität nur zwei Möglichkeiten bleiben: soziale Distanz oder der Einsatz einer Distanzfeuerwaffe.

Sollte es dafür zu spät sein und man bereits in regelmäßigem Kontakt mit einer Person stehen, die man für bösartig hält, kann man auch mit ihr den oben erwähnten Macht-Test durchführen. Es besteht natürlich das Risiko, die Ergebnisse nicht mehr interpretieren zu können.


Es gilt noch die vierte Gruppe zu erwähnen: jene Menschen, die aufgrund ihrer Hüllenstruktur gar keinen Charakter haben. Ihre Handlungen werden in entscheidendem Maße von Reflexen, Instinkten, Trieben und insbesondere von äußeren Faktoren bestimmt und von ihnen selbst selten einer allenfalls oberflächlichen Reflexion unterzogen. Die Gesetze der Entropie legen die Vermutung nahe, dass sich daran nicht viel ändern wird, zumindest solange die Wissenschaft weder über Nanorobotik noch über geeignete extraterrestrische Symbionten verfügt. Einen korrekten Umgang mit diesen Menschen gibt es nicht. Man kann sie meiden, man kann vor ihnen weglaufen, aber man kann ihnen nicht entkommen. Die Hüllen sind überall.


Sobald man sich mit diesen Unterscheidungen vertraut gemacht hat, folgt der komplizierte Teil: Man versucht herauszufinden, zu welcher Kategorie man selbst gehört.


Nicht schummeln!


Viel Spaß.



In einer Folge von Archer, der neben Rick & Morty besten Cartoon-Serie der Welt, sagt eine berühmte Schauspielerin, die wegen einer Filmrolle beim Geheimdienst hospitiert und aufgrund mangelhafter Sachkompetenz am Schießstand gerade einen Angestellten angeschossen hat, zu ihrem Opfer: Das tut mir sehr leid. Bitte kaufen Sie sich einen neuen Anzug und schicken Sie die Rechnung meinem Manager.” Und mehr zu sich selbst: Wenn mir doch nur irgendetwas peinlich wäre…”


Während meiner Arbeit in der Nacht habe ich schon immer viel nachgedacht. Habe viele Erkenntnisse gewonnen und viele Entscheidungen getroffen. Ich muss zugeben, nicht alle Erkenntnisse haben ihren Status behalten, und nicht alle Entscheidungen waren richtig. Peinlich sind sie mir trotzdem nicht. Wieso sollten sie mir peinlich sein? Habe ich etwa jemanden angeschossen? Und vor wem sollten sie mir peinlich sein? Peinlichkeit und Scham könnte ich allenfalls gegenüber Menschen empfinden, deren Meinung von mir für mich von Relevanz ist, und wenn man alle, auf die dies zutrifft, an einem Ort versammeln will, braucht man keinen Kinosaal zu mieten, um zu gewährleisten, dass sicher niemand stehen muss.


Angenommen, ich spaziere durch den Wald. Das ist kein sehr realistisches Szenario, weil mir Wälder unheimlich sind, weil ich Zecken und Gelsen nicht mag, und weil ich zudem generell in Spaziergängen und anderen Formen körperlicher Anstrengung – von ein paar wenigen Ausnahmen abgesehen – nur eine existentiell ungesunde Vermengung von anachronistischem Brauchtum, Herdentrieb und der Angst vor dem Tod erkennen kann. Aber einmal angenommen, ich spaziere durch den Wald und spüre plötzlich, dass ich an der letzten Labestation offenbar zuviel Wasser getrunken habe, das es rasch aus meinem Organismus abzuführen gilt. In dieser Lage werde ich mich nicht scheuen, sogleich die nötigen technischen Veränderungen an meinem Bekleidungsstatus vorzunehmen, die es mir ermöglichen, an Ort und Stelle meine Notdurft zu verrichten. Wenn ich hingegen in der Wiener Mariahilfer Straße… – Na gut, es kommt auf die Uhrzeit… – Nein, das ist ein schlechtes Beispiel. Hätte ich mir eigentlich denken können. Ich war schon immer ein schlechtes Beispiel.


Formulieren wir es neu: Die meisten Menschen würden ohne zu zögern gegen einen Baum pinkeln, wenn dieser in einem einsamen Wäldchen steht, während sie in einer belebten Einkaufsstraße selbst den schönsten Baum ignorieren und das nächste Café aufsuchen würden. Vermutlich auch ich, wenngleich aus anderen Gründen. Den meisten Menschen stünde in einer Fußgängerzone ihr Schamgefühl im Wege, bei mir wäre es die Vernunft. Intoleranz gegenüber weiblichen Voyeuren ist mir wirklich nicht nachzusagen, aber meine Vorbehalte gegenüber Ordnungshütern fallen stärker ins Gewicht.

Wenn wir wählen könnten, in wem würden wir die angenehmere Gesellschaft erkennen? In Menschen, die gern uniformiert und mit Schlagstock, Pfefferspray und Pistole ausgerüstet durch die Stadt marodieren, um ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger zu beaufsichtigen, oder, sagen wir, in Zecken?


In dieser Frage sollten wir keine überhastete Entscheidung treffen. Widmen wir uns lieber noch einmal dem Thema Scham. Einem guten Beobachter wird es nicht entgangen sein, auf welch groteske Weise die Begriffe von Scham und Schuld über lange Zeit hinweg verzerrt und uminterpretiert wurden, sodass kaum noch jemand die Dinge sieht, wie sie sind. Wenn fünf andere zu Gelb Grau sagen, werden wir der Sechste sein. Wozu sich ärgern?


Mit der Scham ist es ähnlich. Die meisten Menschen trauen sich nicht, nackt in einen See zu springen, weil sie sich ihrer Nacktheit schämen würden. Wenn man am Ufer sitzt und die Badegäste betrachtet, die ihre umfangreichen Leiber von der Sonne garen lassen, stellt sich früher oder später eine gewisse Verwunderung darüber ein, wieso wir alle fürchten, ausgerechnet eine kurze Entblößung jener Körperteile, auf denen wir sitzen bzw. mit denen wir spielen, könnte unserem Ansehen schwereren Schaden zufügen als alles, was von uns schon davor zu sehen war. 


Wenn wir im Supermarkt an der Kasse feststellen, dass unsere Karte nicht funktioniert und wir zu wenig Bargeld für den gesamten Einkauf dabei haben, ist uns das peinlich, jedenfalls den meisten von uns. Während wir überlegen, was zurück ins Regal wandert und was wir uns leisten können oder müssen, fühlen wir die Blicke der hinter uns wartenden Kunden, wir hören ihr ungeduldiges Seufzen und ihr zorniges Stöhnen. Am liebsten würden wir uns in Luft auflösen und uns für längere Zeit nicht wieder materialisieren. Wenn wir dann auf der Straße von jemandem angebettelt werden, schauen wir ihn nicht einmal an, wir ignorieren ihn, wir drehen uns weg und gehen weiter. Dafür schämen wir uns nicht. Man muss uns zugute halten, dass wir gerade nicht einmal genug Geld für Fischstäbchen und Flüssigstevia aus Lavaanbau gehabt haben.


Nur: Am Tag darauf sitzt das Trauma noch so tief, dass der Bettler wieder nichts von uns kriegt, und das wird sich so schnell nicht ändern. Falls wir uns deswegen unbehaglich fühlen, dann höchstwahrscheinlich aus dem falschen Grund. Wir glauben, wir haben ein schlechtes Gewissen, weil wir einem Bettler nichts geben. Wären wir ehrlicher zu uns, würden wir erkennen, dass es niemals Geiz ist, der uns weitergehen lässt, sondern etwas Schlimmeres.


Es freut den Bettler zwar nicht, wenn er nichts kriegt, aber darüber kommt er hinweg. Verletzt wird er dadurch, dass wir seinem Blick ausweichen. Für ihn fühlt es sich so an, als würde sein Zugang zur Quelle einer kollektiven menschlichen Energie abgesperrt.


Nicht nur Bettlern geht es so. Auch Alten. Auch Kranken. Bald wird sie gar niemand mehr sehen, aber das wird ihnen nur sehr langsam bewusst. Gar nicht bewusst wird ihnen, dass es so viele von ihnen gibt. Früher war jeder von ihnen Teil eines Ganzen. Jetzt ist jeder für sich allein. 


Ob Bettler, ob Alter, ob Kranker, jedem widerfährt dasselbe: Unsere Furcht vor dem eigenen Leid bringt uns dazu, so zu tun, als wäre dieser Mensch verschwunden, und nur die Armut, das Alter oder die Krankheit wären von ihm geblieben. Dass wir ihm das übel nehmen, kann man uns nicht verübeln. Wir alle werden eines Tages wie er sein: Die Botschaft wird nicht schöner, wenn man sie öfter hört.


Am Anfang schämt er sich, dann macht es ihn traurig, dann macht es ihm Angst, dann macht es ihn noch trauriger, und schließlich findet er sich damit ab. Wenn er aufhört zu hoffen, dass wir ihn wieder so behandeln, als gehörte er noch zu uns, haben wir noch nicht einmal damit angefangen, uns dafür zu schämen, dass wir ihn für tot erklärt haben, als er noch am Leben war. 


Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn ich statt meinem Gesicht das von jemand anderem im Spiegel sehen würde.


Man könnte jetzt sagen, da könnte ich vermutlich nur gewinnen, aber so stimmt das nicht. Wer Twin Peaks kennt, weiß, wovon ich spreche. (Und wer Twin Peaks, Teil 2 noch nicht kennt, die weitgehend unbekannte Serie von 2017, den beneide ich, denn die ist vielleicht sogar noch besser als die aus den 1990ern.)


Das Leben des Menschen – und das legt die Vermutung nahe, dass unsere Art nicht zu Gottes Lieblingen gehört – wird vollkommen von Ungewissheit bestimmt. Einen Moment der geistigen Ruhe gibt es nicht, nicht einmal für ein Halbvieh wie Donald Trump. Unsere Urahnen durften sich keine Sekunde der Unachtsamkeit leisten, denn überall konnte ein wildes Tier lauern, und bei solchen Zusammentreffen entschieden neben Gewandtheit und Kraft vor allem Wachsamkeit und Situationsbewusstsein darüber, wer essen und wer Essen werden würde. Wer wenig Gedanken darauf verwendete, was die Zukunft bringen mochte, fiel Säbelzahntigern, Pilzsuppen, langen Wintern, Kohlenstoffmonoxidintoxikation, Nebenbuhlern oder heimtückischen Ehepartn Haushaltsunfällen zum Opfer. Sich die Frage zu stellen, was bei einem Besuch im Nachbardorf, beim Beischlaf mit dem Nachbarn und/​oder der Nachbarin, beim Sprung von einer Klippe oder beim Balztanz im Lagerfeuer passieren könnte, war ein Gebot der Vernunft, und diese erfolgreichen Grübler sind es, von denen wir abstammen.

Obwohl man es nicht glauben möchte.


Deswegen sind wir, wie wir sind. Die meisten von uns stellen sich bedeutsame Fragen zur Existenz Gottes, zur Welt, zu Gut und Böse und zu ihrem eigenen Sein.


Manche haben Glück und bemerken es nicht. Natürlich wird auch in ihnen nachgedacht, aber im Verborgenen. Jeder ihrer Gedanken ist so geschickt getarnt, als ob diese Menschen unter der Kontrolle ihres eigenen Gehirngeheimdienstes stünden, der alle wesentlichen Denkvorgänge vor ihnen selbst verbirgt. Und wenn doch einmal ein schadhaftes Glied einer Assoziationskette oder gar ein halber Gedanke den weiten Weg bis zur Oberfläche ihres Bewusstseins bewältigt, sorgt der Bombenhagel von Sinnesreizen, mit dem die Außenwelt unsere Wahrnehmung überzieht, verlässlich dafür, dass sich in ihrem Bewusstsein kein vollwertiger Gedanke einnisten oder gar eine ganze Idee heranreifen kann. Sofern sie sich nicht in der Nähe des Schaufensters eines Modegeschäfts aufhalten, werden solche Menschen dennoch selten mit Bäumen und anderen vegetativen Existenzen verwechselt, da sie gewöhnlich durch Geruch und Geräusche zu identifizieren sind. Diesen Auserwählten unter uns steht die Tür zu einer Karriere als Erntehelfer oder Polizist weit offen.*)


Jenen von uns, die sich ihrer Gedanken bewusst sind und von Fragen nach dem Göttlichen und dem Nichts und allem dazwischen gequält werden, haben Pech. Frage reiht sich an Frage, Antworten bringen neue Fragen mit sich, und so geht es weiter, immer weiter, es gibt kein Entkommen. Die Antworten auf große Fragen könnten wir ohnehin nicht verstehen. Vielleicht haben wir die eine oder andere schon gehört, aber nicht erkannt.


Wer wenigstens das verstehen will, was er zu verstehen in der Lage ist, kann dieses Ziel erreichen. Er muss nur mutig und stark genug sein, ins Badezimmer zu gehen, in den Spiegel zu schauen und eine Stunde lang den Blick seines Spiegelbilds zu ertragen. Das meine ich nicht im übertragenen Sinn, sondern wörtlich.


Ich kenne niemanden, der nicht schon nach einer Viertelstunde geschrien oder geweint hätte. 



*) Wer in dieser von Wohlwollen getragenen Feststellung die Saat eines Missverständnisses keimen sieht und befürchtet, ich könnte deswegen Opfer von Repressalien werden, den kann ich beruhigen: Kein Mitglied der betreffenden Personengruppe wäre imstande, das Hindernis der astronomischen Zahl an Wörtern zwischen Manchmal und offen zu überwinden und dann auch noch ihren Sinn zu erfassen. Ja, theoretisch wäre es möglich, aber wer sich mit dem Thema Zeitumkehrinvarianz beschäftigt hat, der weiß, dass es nach den Gesetzen der Gravitation und des Elektromagnetismus theoretisch auch möglich wäre zu erleben, wie sich vor unseren Augen Scherben zu einer Tasse zusammenfügen. Prinzipiell wäre dieser Vorgang möglich, aber er wurde in unserem Universum noch nicht beobachtet. 

Das vergangene Woche an dieser Stelle vorgestellte Ananym, wie ein Wort oder Wortpaar genannt wird, das durch Buchstabenverdrehung aus dem Eigennamen einer Person erschaffen bzw. anagrammiert worden ist, hat unter den Leserinnen und Lesern große Resonanz gefunden. Nun ist die Zeit gekommen, die altehrwürdige Kunst des Ananymlesens der Erinnerung zu entreißen.


Schon vor Jahrhunderten glaubten weise Greise, in den Ananymen eines Menschen würde sich jene Verbindung von Geist und Seele spiegeln, für die unsere Sprache noch immer kein treffendes Wort gefunden hat. Damit ist, vereinfacht formuliert, jener Teil des Menschen gemeint, der Raum und Zeit überdauert und den direkten Kontakt zu anderen Welten nie verloren hat.


Das muss als Erklärung genügen; nur zu leicht gerät man durch die bloße Darstellung alter Riten und Weltdeutungen in den Verdacht, selbst der Esoterik verfallen zu sein. Das bin ich natürlich nicht. Was mich nicht davon abhält, einige der Geheimnisse zu enthüllen, in die mich meine Großmutter, die zwischen 1950 und 1975 als bedeutendste Ananymleserin des deutschsprachigen Raums, wenn nicht ganz Europas galt, in meinen Kindheitsjahren eingeführt hat. Auf Basis dieser in Vergessenheit geratenen Wissenschaft werde ich von nun an regelmäßig die Verbindungen zwischen dem Charakter und dem Wirken bedeutender historischer Persönlichkeiten und ihren Ananymen analysieren.


In dieser Woche bleiben wir noch in der Gegenwart. Auf vielfachen Leserwunsch analysieren wir die Ananyme von Christian Seiler. Christian Seiler ist einer der bedeutendsten Journalisten Österreichs, war Chefredakteur des Nachrichtenmagazins profil und wurde in den vergangenen Jahren von der Seehof-Belegschaft und den Gästen wiederholt zum Hausgast der Woche gewählt. In knapp zwei Monaten feiert er seinen 60. Geburtstag.


Aussagekräftige Ananyme von Christian Seiler”:


Christen Israeli: Dieses Ananym deutet auf einen versöhnlichen Charakter des Namensträgers hin. Weiterführende Themenbereiche: → moralische Überzeugungen, Geopolitik

Literarisch Sein: Der Namensträger hat geheime Wünsche, ist mutig, phantasiebegabt, in Flexibilität geschult, und er scheut nicht vor der Idee eines alternativen Lebensweges zurück. Auf erzählerisches Talent deuten die versteckten Sekundärananyme Literarisch Eins sowie Christine Israel hin. Die Originalität des letztgenannten Ananyms ist fraglos einer Romanfigur würdig, und vielleicht wäre Christine Israel sogar ein wohlklingendes Pseudonym des Autors selbst. → Mut, → Kritisches Denken, → Prosa

Reinlicher Stasi: Indiz für journalistische Objektivität. Selbst einem Schergen der SED-Diktatur würde der Namensträger keine Hygienemängel unterstellen wollen. → Menschenrechte, → Journalismus, → Geopolitik, → Geschichte, → Kernseife

Als Irre Schiiten: Wieder ein religiöses Motiv, diesmal mit subversiven Untertönen. Kann überdies auch als Anfang eines Romans gelesen werden: Als irre Schiiten… einen vorbeigehenden Sunniten mit Schweineschnitzeln bewarfen, brach die Revolte aus.” → Kritisches Denken, → Journalismus, → Geopolitik, → Prosa

Realistin Schrie: Deutet auf einen starken Sinn für Gerechtigkeit hin. Wer ist es denn, der schreit? Eine Realistin. Sie schreit also mit Recht. Der Namensträger kämpft für Fairness. → Menschenrechte, → Kritisches Denken

Asiens Chile irrt: Dieses Ananym bietet enormen Interpretationsspielraum. Welches Land ist das Chile Asiens? Worin irrt es? → Geopolitische Perspektive, → Journalismus, → Kritisches Denken

Arier Sicht Senil: Deutliche Kritik am Nationalsozialismus. → Geopolitik, → Geschichte

Israelis Richten: Weniger deutliche Kritik am Nationalsozialismus. → Geopolitik, → Geschichte

Hitlers Arsen ICI: eventuell doppelt verschlüsselte Botschaft, von mir bislang nicht decodiert. Dennoch klarer Hinweis auf antifaschistische Gesinnung, indirekte Kritik am Nationalsozialismus. → Geopolitik, → Geschichte


B) Rätselhafte Ananyme von Christian Seiler”:


Ich Rasieren Stil: Eine erste Hürde. Ich habe als Ananymleser noch nicht die Routine meiner seligen Großmutter und gestehe offen, dass mir Ich Rasieren Stil” in bezug auf Christian Seiler ein wenig unpassend erscheint. Vermutlich entgeht mir im Moment etwas Wesentliches. Wenn ich zu einer Interpretation gezwungen wäre, würde ich mich in folgende Richtung bewegen (aber wohl wäre mir dabei nicht):

Der Namensträger stellt sich der Welt und dem Sein unerschrocken autobiographisch, wie diese Anspielung auf die Epilation seiner Bikinizone vermuten lässt. Gleichwohl schwingen schalkhafter Takt und metaphysische Dezenz mit, da dieses Ananym das männliche Geschlechtsorgan orthographisch falsch, doch onomatopoetisch nicht unpassend als Stil” (corr. Stiel) bezeichnet. → Stiel-Bewusstsein


2) Charlie isst Iren: Brisant! 1) Charlie” ist in vielen Ländern das Codewort für Kokain, 2) Das US-Militär nannte im Vietnamkrieg Angehörige des Vietcong ebenfalls Charlie”. Mit Irland rückt ein weiterer Staat in den Vordergrund. → Geopolitik, → Enthüllungsjournalismus → Kannibalismus



C) Mehr oder weniger selbsterklärende Ananyme von Christian Seiler”:


Hirse incl Satire

Sisi narrt Eichel

Iran ist Schleier

Schein ist irreal

Seitlich Rasiren

Richterin Lassie


Während der Nachtwache hat der Nachtwächter die Pflicht, seine Konzentration zu 100 Prozent der Bewachung des ihm anvertrauten Objekts zu widmen. Das ist im Seehof nicht anders. Zum Glück ist mein Dienstgeber weise genug, um zu verstehen, dass in mir ganze Heerscharen verschiedener Persönlichkeiten wüten, die sich gegenseitig gern die Schädel einschlagen, und je mehr sie mit Arbeit eingedeckt sind, desto weniger Zeit bleibt ihnen für ein Battle Royale, das sie bei jeder Gelegenheit in mir veranstalten.


Wenn ich eines meiner weniger widerspenstigen Ichs mit der Aufgabe betraue, mit hundertprozentigem Einsatz auf den Seehof aufzupassen, legt es sich folgsam auf die Lauer und hofft auf einen baldigen Einbruchsversuch törichter Kriminelle, denen es die Ohren abreißen kann.


Es versteht sich von selbst, dass ich die diensthabende Nachtwächterpersönlichkeit bestimmen muss. Um diese verantwortungsvolle Aufgabe würden sich meine Ichs sonst auch prügeln, weil das Entdecken und Bestrafen von Bösewichten dem betreffenden Ich nicht nur dabei hilft, Aggressionen abzubauen, und ihm Lob und soziale Anerkennung einträgt, es bleibt ihm so auch das schlechte Gewissen erspart, das meine Ichs heimsucht, wenn sie sich wieder einmal gegenseitig so zugerichtet haben, dass man bei ihrem Anblick meinen könnte, in meinem Geist sei ein Zeltfest eskaliert. Irgendwann schmerzt die Einsicht, sich schon wieder an sich selbst vergriffen zu haben, denn so blöd, um nicht zu bemerken, dass sie alle ich sind, sind weder sie noch ich. Wenn ich mich nicht gerade mit mir streite, mag ich mich eigentlich, und obwohl ich mit der Niederschlagung von Meutereien meines Geistes und meiner Seele jahrzehntelange Erfahrung habe, muss ich einräumen, dass mir diese barbarischen Ausschreitungen in mir langsam auf die Nerven gehen.


Neulich hatte ich eine meine zuverlässigsten Persönlichkeits-Subroutinen für die Nachtwache im Seehof abgestellt, und der Rest von mir surfte im Internet. Einige Zeit verfolgte ich auf YouTube eine Diskussion politisch engagierter Bürgerinnen und Bürger. Es war einer jener typischen inoffiziellen Empörungswettkämpfe, bei denen am Ende derjenige gewinnt, der sich angesichts der Schlechtigkeit einer anderen Person oder einer Personengruppe schockierter und angewiderter als alle anderen Teilnehmer gezeigt hat.


Wer das sein wird, ist gewöhnlich lange Zeit unklar. So auch diesmal. Erst tippte ich auf die Jungsozialistin, die alle AfD-Wähler deportieren lassen wollte, um Wohnraum für Flüchtlinge zu schaffen, aber dann ließ ein ständig brüllender Tierschützer mit der Forderung nach einer Liberalisierung der bestehenden Gesetzgebung in den Bereichen des Brandanschlags und der Selbstjustiz aufhorchen. Unterstützung erhielt er darin ausgerechnet von seinem größten Widersacher an diesem Abend, einem ehemaligen Sportreporter, der die Gastronomie dazu verpflichten wollte, zumindest ein verbilligtes Fleischgericht (“Jugendschnitzerl”) auf der Karte zu führen, und der davor bei einem Teil des Studiopublikums schon mit der Forderung nach einer Aufhebung des Rauchverbots in Amtsgebäuden, Kirchen und Fußballstadien hatte punkten können. Gegen.Ende holte die Vertreterin einer Anti-Pornographie-Vereinigung stark auf, die aussah wie eine Vertreterin für Fackeln und Heugabeln. Ihr erklärtes Ziel war es, in jedem Ort mit mehr als 10.000 Einwohnern die Bibelgruppe Schwulsein wegbeten” ins Leben zu rufen. Im Nachhinein finde ich, sie hatte von allen Diskutanten die eindrucksvollste Menge an Schaum vor dem Mund und hätte den Sieg verdient gehabt.


Ob sie gewonnen hat, weiß ich nicht. Just in diesem Moment übernahm in mir wieder die Vereinigung der Schelme die Persönlichkeitsregierung und zwang mich, einen Anagrammgenerator aufzurufen.


Ein Anagramm ist ein (sinnvolles) Wort, das nur durch die Umstellung von Buchstaben eines anderen (sinnvollen) Wortes entstanden ist. Als Beispiel wird oft das Wort Geburt genannt, das zu Erbgut und Betrug anagrammiert werden kann. Weniger bekannt ist der Begriff Ananym, wie fachsprachlich ein anagrammierter Name bezeichnet wird. Weise alte Frauen und Männer haben schon vor Jahrhunderten behauptet, im Ananym würden sich Geist und Seele eines Menschen spiegeln. Das ist gut zu wissen, vor allem, wenn man in einen Anagramm-Generator einen zufällig gewählten Namen eingibt, sagen wir Sepp Schellhorn. Was Geist und Seele anbelangt, bieten seine Ananyme erstaunlichen Interpretationsspielraum.


Sepp Schellhorn

Nr Schlepp Sohle

PH soll sprechen

Hol NS Schlepper

Pop sehr schnell 


Verändern wir ein wenig die Ausgangslage.


Josef Schellhorn

John Rolfs Selche

Fescher John soll

Jens Floh erlosch

Chlor fessle John

Ehrloses FJN Loch



Ich will keine Unruhe im Haus stiften, deshalb verschiebe ich die Analyse dieser Ergebnisse zumindest um eine Woche. Außerdem habe ich selbst genug zu interpretieren.


Thomas Glavinic

Stichig vom Anal

Calvinist mag Oh

Chinas Mailvogt

Gastlich Mai Nov

Vagina im Schlot

Vati log manisch

Viola mag nichts

Loch mit Vaginas



Wie sich das bei meinem Chef verhält, kann ich nicht sagen, aber ich möchte festhalten, dass ich mir weder meinen Geist noch meine Seele selbst ausgesucht habe.


In einer Fernsehreportage über österreichische Nachtwächter wurde ich einst gefragt, ob ich einen guten, jedoch politisch nicht korrekten Witz wüsste, und wenn ja, ob ich ihn vor der Kamera zu erzählen bereit wäre.


Ich habe vor der Kamera schon ganz andere Sachen gemacht als Witze zu erzählen, meine Bereitschaft war also grundsätzlich gegeben, doch es dauerte eine Weile, bis mir wenigstens einer der drei Witze einfiel, die ich kenne. Bevor ich hier jenen wiedergebe, den ich in der Nachtwächterreportage erzählt habe, möchte ich meine Zweifel bekunden, ob politisch korrekte Witze überhaupt existieren. Sollte es sie geben, bleiben sie zumindest mir nicht lange im Gedächtnis. Was nicht unbedingt die Schuld der politisch korrekten Witze sein muss, ich merke mir auch sonst nicht viel.


Ich habe allerdings beobachten dürfen, dass es überall auf der Welt eher die schlichten Geister sind, die sich eine Unzahl von Witzen merken können. Das ist nicht verwunderlich, denn Witze merken sich nur Menschen, denen selbst nichts Geistreiches einfällt. Um physisch wie sozial zu überleben, sind sie von ihrem ersten bis zum letzten Tag auf die Gedanken anderer angewiesen. Sollten sie eines Tages entführt werden und vor der Aufgabe stehen, das Stockholm-Syndrom zu überwinden und ein Stockholm-Stockholm-Syndrom zu erzeugen, also ihre Entführer dazu zu bringen, sich mit ihnen zu identifizieren, werden sie auf irgendeine Weise die Gunst der Verbrecher gewinnen müssen, und sie sind davon überzeugt, dieses Ziel durch stundenlanges Erzählen von Witzen am verlässlichsten zu erreichen.


Ich bin mir nicht so sicher, ob diese Strategie aufgehen wird. Sollte ich einmal nichts Besseres zu tun haben, als eine Pistole zu nehmen und jemanden zu entführen, nur um dann erleben zu müssen, dass meine Geisel einen Witz nach dem anderen erzählt, werde ich früher oder später einen Gemütszustand erreichen, in dem mir Geld egal ist, aber mit den Konsequenzen meiner temporären Abwendung vom Materialismus wird die Geisel nicht leben können.


Während ein Teil meines Bewusstseins noch nach dem Witz suchte, setzte sich ein anderer bereits mit der nicht unheiklen Tatsache auseinander, dass sich offenbar selbst Journalisten bereits damit abgefunden haben, manche Gedanken für sich behalten zu müssen, egal ob es sich um gute oder schlechte Witze handelt oder um etwas von größerer Bedeutung oder… – nein, das ist falsch, es ist überhaupt nicht egal, worum es sich handelt, es ist sogar schlimmer, wenn sie es schon für gefährlich halten, öffentlich einen Witz zu erzählen. Noch dazu einen, den sie gut finden.


Konkret bedeutet das nämlich: Entweder finden sie etwas lustig, was für die Mehrheit der Menschen abscheulich ist, und sie wissen, dass es abscheulich ist, und sie wissen, dass sie selbst Scheusale sind, die ihre Abscheulichkeit vor der Welt verbergen müssen. Oder sie finden etwas Unabscheuliches lustig, sie wissen, dass es nicht abscheulich, sondern allenfalls makaber oder geschmacklos, aber vor allem einfach lustig ist, und sie wollen nicht riskieren, sich zum Ziel der Empörung eines Mobs von Moralwächtern zu machen. Letzteres ist menschlich zwar verständlich, lässt aber die Annahme zu, dass diese Journalisten den falschen Beruf gewählt haben und den für sie passenden Platz eher unter denen finden werden, vor denen sie sich fürchten.


Auf der Suche nach einer schlüssigen Antwort auf die Frage, was eigentlich die Ursache der größten Probleme der Menschheit ist, kommt man durch diese Beobachtungen ein Stück weiter. Zumindest kann man die Zahl der möglichen Erklärungen weiter reduzieren. Die Welt ist schlecht, weil ein Teil der Menschheit von Gier getrieben wird, von einem rücksichtslosen Streben nach Geld, Macht, Aufmerksamkeit und Bedeutung, und der andere Teil entweder zu feige ist, um sich der Rücksichtslosigkeit in den Weg zu stellen, oder zu dumm ist, um sie überhaupt zu bemerken.



Ach ja, der Witz. Der ging so: Der Kindermörder ist nachts mit einem kleinen Mädchen im Wald unterwegs. Huhu”, jammert das Mädchen, es ist so kalt, es ist so dunkel, ich fürchte mich!” Darauf der Kindermörder: Na, was soll ich erst sagen, ich muss später auch noch ganz allein zurückgehen!”


Mein Sohn hat es nicht leicht. Er sieht nicht nur aus wie ich, er hat auch einen ähnlichen Humor, ähnliche Neurosen, ähnliche Vorlieben und ähnliche Abneigungen, vom Temperament gar nicht zu reden. Das bedeutet, er dürfte mit seinen Eigenheiten noch oft Irritation und Verdruss bei seinen Mitmenschen auslösen, was auch ihn voraussichtlich nicht grämen wird, weil auch er die Irritationen und den Verdruss entweder nicht bemerken oder falsch interpretieren oder als für ihn persönlich irrelevant betrachten wird.


Unlängst stieß ich im Kühlschrank auf Dosenbier. Da ich seit Jahren keinen Alkohol trinke, weil ich schon genug getrunken habe, schloss ich daraus, dass das Leben meines Sohnes ins Alkoholzeitalter eingetreten ist. Ich setzte ihn umgehend darüber in Kenntnis, dass er in der allernächsten Zukunft viel Zeit mit mir verbringen wird müssen, denn wenn er nach mir gerät, wird er die nächsten Jahrzehnte durchgehend betrunken und den Herausforderungen des sozialen Austausches nur bedingt gewachsen sein. Es gilt daher, die Zeit bis zu seiner Verstumpfung zu nützen, um ihm alles zu vermitteln, was ich weiß.


Er nahm diese Ankündigung mit deutlichen Anzeichen von Irritation auf. Ich glaube sogar, etwas von fünf Minuten” gehört zu haben, konnte diese Bemerkung bislang jedoch in keinen Zusammenhang bringen.


Unter uns: Die möglichen Spätfolgen von Alkoholismus sind natürlich nur ein Vorwand, um mehr Zeit mit ihm verbringen zu können, ohne meine wahren Motive (exzessive Vaterliebe) zu verraten. Ich habe nicht die geringsten Zweifel daran, dass er zehnmal besser, klüger, reifer und liebenswerter ist, als ich es in seinem Alter war, wofür ich dem Universum überaus dankbar bin, weil er dank seiner Qualitäten weder durch intensiven Umgang mit mir noch mit bewusstseinsverändernden Substanzen seiner Charakterfestigkeit beraubt werden sollte.


Zum Glück sind wir uns nicht in allem ähnlich. In seinem Alter stand ich gelegentlich unter dem inneren Zwang, mit Gegenständen zu sprechen. Wenn ich nach der Schule nach Hause kam, grüßte ich den Tisch oder die Wand oder die Schallplatte, die ich mir am Morgen angehört hatte, und wenn ich wusste, ich würde ein paar Tage nicht zuhause sein, fürchtete ich, meine Hausschuhe könnten sich einsam fühlen. Wahrscheinlich hätten meine Eltern doch nachgeben sollen, als ich sie monatelang angebettelt hatte, uns eine Katze ins Haus zu holen.


Aber vermutlich hätte das auch nichts genützt. Mein Sohn hat von mir damals seine Katze gekriegt, und was hat es geholfen? Neulich gestand er mir, er hätte Mitleid mit einem zerbrochenen Kleiderhaken, den ich endlich ausmisten wollte, und er würde ihn behalten. Ich weiß wirklich nicht, wo ich das einordnen soll. Tisch, Wände, Schallplatten und Hausschuhe, das kann man ja verstehen, aber Kleiderhaken? Ein bisschen seltsam ist das schon.



Ich habe Durst. Ich will Sex. Ich bin müde. Mir ist kalt. Jetzt ist mir heiß. Ich bin betrunken. Ich will noch einmal. Ich hasse Juckpulver. Mir schmeckt das Schnitzel nicht. Ich brauche ein Taxi. Ich will noch einmal. Ich bin krank. Die Sonne blendet mich. Ich kann nicht noch einmal. Ich bin um einiges älter als du.


Wenn man von seinem Ich spricht, bezieht man sich damit zumeist auf den Körper. Ist das nicht seltsam? Das ist seltsam. Ich bin nicht mein Magen. Ich bin nicht meine Haut. Ebenso wenig bin ich ein anderer meiner Körperteile, auch wenn es manchmal den Anschein haben mag. Ich weiß nicht genau, wer oder was ich bin, ich weiß nicht, wo ich anfange und wo ich ende, aber ich weiß, dass ich nicht nur mein Körper bin.


Ich kenne Menschen, bei denen ist das anders. Damit meine ich nicht, sie hätten kein Hirn, sondern dass sie sich offensichtlich zu hundert Prozent mit ihrem Körper identifizieren. Für mich kommt das einer Art von biologischem Stockholm-Syndrom nahe. So wie unsere Gesellschaft aufgebaut ist, darf das auch niemanden verwundern, denn nicht ohne Grund wird das Werbefernsehen von Produkten dominiert, die den Körper arbeitsfähig zu halten und für Artgenossen anziehender zu machen versprechen. Was ich nicht kritisieren will: Es ist für uns alle von Vorteil, wenn die Leute modische Pullover und Parfum kaufen, statt ihr Geld für eine Reise nach Lourdes zu verplempern.


Menschen haben ein gravierendes Problem mit Zeit. Jeder und immer. Entweder man hat zuwenig Zeit oder zu viel. Wer zu viel Zeit hat, kommt auf dumme Ideen, wer zu wenig Zeit hat, kommt auf gar keine. Es ist uns im Laufe der Jahrtausende weder als Spezies noch als Individuum gelungen, eine stabile, produktive und positive Position gegenüber dem Phänomen Zeit einzunehmen. Wir wissen nicht einmal, ob wir gerade alt oder jung sind.


Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Menschen in den Industriestaaten ist kein Geheimnis. Wem sie gerade entfallen ist, der findet die Antwort im Internet. Auf sta​tis​ta​.com heißt es: Die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen bei der Geburt im Jahr 2020 betrug in Westeuropa 84 Jahre.” Das klingt zwar seltsam, ist aber durchaus korrekt, auch wenn ich mir dabei ein Baby mit dem Gesicht einer alten Frau vorstellen muss.


Obwohl der Mensch über kein rechtes Verständnis von räumlichen Dimensionen verfügt und niemand die Frage, ob das Weltall groß oder winzig ist, beantworten kann, fällt es uns nicht schwer, die Größe eines Menschen zu beurteilen. Ein erwachsener Mann, der eineinhalb Meter groß ist, gilt als klein, ein eineinhalb Meter großer Dreijähriger nicht. Wir wissen, dass ein Mensch keine neun Meter lang werden kann, auch wenn er sich noch so anstrengt, und jeder weiß von sich selbst, ob er von überdurchschnittlicher, durchschnittlicher oder unterdurchschnittlicher Größe ist und jeder weiß, ob er oder sie von überdurchschnittlicher, durchschnittlicher oder unterdurchschnittlicher Größe ist.


Beim Alter verhält sich das anders. Obwohl wir wissen, wie alt wir sind, und obwohl wir wissen, wie alt wir werden können, und obwohl wir andere unbewusst und ohne Zögern als jung, mitteljung, mittelalt, alt oder steinalt einordnen, verlieren wir bei diesem Thema, wenn es um uns selbst geht, schnell die Objektivität – falls wir sie je hatten. Der eine fühlt sich mit 20 uralt und bezweifelt, dass es auf der Welt noch etwas für ihn zu entdecken gilt, der andere fühlt sich mit 90 jung genug für eine Weltreise.


Mit dem Alter hat das in Wahrheit nichts zu tun. Denken, Streben und Verhalten eines Menschen werden davon bestimmt, wo der größte Teil seiner Persönlichkeit zu finden ist. Der eine ist mehr im Spirituellen verhaftet, der andere möchte den ganzen Tag nur fressen.


Apropos Spiritualität: Unsere spirituellsten Körperteile sind unsere Geschlechtsteile. Sie sind die einzige physische Verbindung zwischen Körper, Geist und Seele sowie zwischen uns und dem Kosmos, und sich ihrer bedienen zu wollen ist ein Ausdruck der Sehnsucht, Teil von etwas Göttlichem zu sein. Gut, vielleicht nicht immer, aber im Prinzip. Ich habe jedenfalls noch keine Frau kennengelernt, die einen stark ausgeprägten Geschlechtstrieb, aber eine schwache Persönlichkeit gehabt hätte, und eine Kombination von schwachem Geschlechtstrieb und starker Persönlichkeit ist mir ebenfalls noch nicht begegnet.


Es würde mich interessieren, ob das eine das andere bedingt oder seine Konsequenz ist, und falls jemand darüber mehr weiß, möge sie sich bei mir melden.


Aber was, wenn man gar keine Persönlichkeit hat? Wenn man nahezu frei ist von Individualität? Solchen Menschen bleibt nicht viel mehr übrig, als zu ihren eigenen Armen oder Beinen zu werden.


So kam der Sport in die Welt.



Kolumne:
Ab und zu besucht mich eine Freundin während meiner Nachtschicht. Nachtwächter haben im Grunde immer Nachtschichten, aber Schicht” klingt eher nach einer Stelle als Hilfsarbeiter in der Stahlindustrie als nach einem guten Posten als Nachtwart in einem vornehmen Haus wie dem Seehof, deswegen sage ich lieber Nachtschicht.
Die Freundin, eine bekannte Schauspielerin, die hier Jane Doe genannt werden möchte, ist nur unwesentlich älter als ich, daher teilen wir denselben Schatz kollektiver Erinnerungen. Neulich schlug sie vor, eine Liste von Persönlichkeiten zu erstellen, die in unserer Kindheit eine öffentliche Rolle gespielt haben. Mir fielen – in dieser Reihenfolge – die folgenden Damen und Herren ein:
Didi Hallervorden, Hans-Joachim Kulenkampff, Helmut Kohl, Hans Rosenthal, Bud Spencer, Terence Hill, Robert Lembke, Rudolf Kirchschläger, Sharon Stone, Frank Elstner, Claudia Kristofics-Binder, Udo Huber, Otto Waalkes, Diego Maradona, Hans Krankl, Robert Seeger, Franz Klammer, Peter Rapp, Horst Hrubesch, Matti Nykänen, Klaus Lindenberger, Larry Hagman, Bojan Krizaj, Ronnie Peterson, Willy Kreuz, Adriano Celentano, John McEnroe, Leonid Breschnew, Bruno Kreisky, Josef Taus, Madonna, Heinz Conrads, Franz Stoß, Nena, Hans Enn, Chris Lohner, Jenny Pippal, Fred Sinowatz, Ronald Reagan, Roland Hattenberger, Otto Wanz, Kardinal König.
Das ist eine niederschmetternde Liste, die meiner Therapeutin noch viel Arbeit machen wird.
An dieser Stelle wurde das Spiel durch eine ernsthafte oder beinahe ernsthafte Diskussion unterbrochen. Jane hatte gerade die Namen Gina Wild und Tyra Misoux aufgeschrieben. Ich wandte ein, dass die genannten Personen doch eher erst in späteren Jahren unser Leben bereichert hätten, woraufhin Jane ohne ersichtlichen thematischen Übergang erwähnte, sie hätte schon immer gern Sex mit Gina Wild gehabt, und ich nicht erwähnte, dass ich, wenn schon, mit der anderen, naja, egal, jedenfalls ergab sich aus diesem Geplänkel die Frage, ob es geschmacklos sei, öffentlich zu verkünden, mit wem man gern schlafen würde.
Nun ist öffentlich” ein relativer Begriff. Die an zwei verschiedenen öffentlichen Orten stattfindenden Ereignisse sind selten im gleichen Maß öffentlich, wie man an den Beispielen Öffentliche Bedürfnisanstalt” und Öffentlicher Vortrag” erkennen kann. Seltsamerweise gilt auch alles als öffentliche Unterhaltung, was zwei Menschen miteinander im Gasthaus besprechen, und ob sie dabei schreien oder flüstern, spielt nicht die geringste Rolle. Führen sie ihre Unterhaltung in einer Wohnung, ist sie hingegen privater Natur, selbst wenn die beiden bei geöffneten Fenstern aufeinander einbrüllen.
Druckerzeugnisse und Webseiten sind meines Erachtens sehr öffentlich. Eine Frage, die oftmals in Zeitschriften akutberühmten Durchschnittsmenschen gestellt wird, etwa dem Koch eines Bundespräsidenten oder einer Frau, die einen neuen Weltrekord im Billardkugel-Verschlucken aufgestellt hat, lautet: Hand aufs Herz – Mit welcher berühmten Persönlichkeit würden Sie gern schlafen?”
Ganz offensichtlich handelt es sich hierbei um eine öffentliche Frage, und was immer der Koch und die Kugelschluckerin antworten, es wird eine öffentliche Stellungnahme zu ihrer Sexualität sein. Und nachdem sie geantwortet haben, wünscht man sich, sie hätten es nicht getan. Natürlich könnte man sich diesen Moment des Fremdschämens leicht ersparen, indem man die Antwort einfach nicht liest, aber Interviews sind wie Autounfälle, die findet auch niemand schön, und trotzdem schaut keiner weg.
Sogar mir hat mein berufliches Wirken – als Autor, nicht als Nachtportier – bereits die Ehre eingetragen, danach befragt zu werden, mit welcher weltberühmten Frau ich gern ins Bett gehen würde. Eine ebenso indezente wie alberne Frage. Mit welcher denn nicht? Mit der einen mehr, mit der anderen weniger, aber es werden ja keine imbezilen Vogelscheuchen zu Weltstars, also warum sollte ich eine davon durch Ablehnung diskriminieren? Gegenüber der Interviewerin behielt ich das für mich, denn im Gegensatz zu Jane halte ich es a) für übergriffig, jemandem über die Medien auszurichten, dass man gern Sex mit ihm oder ihr hätte, und b) für möglich, dass das nicht jeder unbedingt wissen will.
Andererseits, wenn jemand sehr schüchtern ist und nicht weiß, wie er sonst fragen soll?
Es gilt herauszufinden, ob Amanda Palmer die europäische Nachtwächterbloggerszene verfolgt, dann kann ich immer noch überlegen, wie ich weiter vorgehe.

Was willst du einmal werden, wenn du groß bist?” fragte gestern ein Hotelgast ein Mädchen. Die Kleine verriet es ihm nicht. Schlaues Kind.
Leute wie diesen Herrn verstehe ich nicht. Ich sehe keinen Anlass, Kinder zu belästigen, schon gar nicht mit getarnten Hinweisen darauf, dass alles im Leben hart verdient sein will. Ich selbst bin als Kind auch nie nach meinen Lebenszielen befragt worden.
Wieso eigentlich nicht? Vielleicht haben sie einfach niemanden interessiert. Nein, das glaube ich nicht. Es wird eher daran liegen, dass ich in einem Umfeld aufgewachsen bin, das ein realistisches Bild von meinen charakterlichen Eigenheiten hatte.
Wenn er glaubt, uns ist es egal, welchen Beruf er in der Zukunft anstrebt, ist er sicher beleidigt, und um uns zu ärgern, wird er Raubmörder”, könnte mein Opa beim Familienrat gesagt haben. Wir müssen ihn regelmäßig fragen, was ihm vorschwebt.”
An dieser Stelle muss jemand eingeworfen haben: Aber fragen wir ihn lieber nicht zu direkt.”
Und jemand anderer – bestimmt meine Schwester – wird hinzugefügt haben: Ihr wisst ja, wie er sein kann.”
Und jemand – wieder meine Schwester – wird ergänzt haben: Anstrengend.”
Und jemand – unter Umständen mein Onkel – könnte gesagt haben: Aber wenn man ihn etwas fragt, bekommt man eine ehrliche Antwort.”
Und jemand anderer – wahrscheinlich meine Oma – wird gesagt haben: Ja, fragen wir ihn lieber nicht.”
Das klingt plausibel. Ich könnte die dumme Frage aber auch vergessen oder verdrängt haben, schließlich habe ich schon mehr vergessen und verdrängt, als andere in Jahrhunderten nicht erleben würden. Oder ich bin als Kind nie gefragt worden, was ich einmal werden will, weil ich nie ein Kind war. Oder ich bin noch immer eines, und es traut sich keiner, jetzt noch zu fragen.
Eigentlich wollte ich Deutschlehrer werden. Leider hatte ich dafür zuwenig Talent, deswegen bin ich Schriftsteller geworden. Aus Sicht der Kinder war das zweifellos die richtige Entscheidung. Davor hatte ich die Pläne verworfen, Berufsoffizier, Schachweltmeister, Musiker sowie Terrorist zu werden, in dieser Reihenfolge, und vom humanistischen Standpunkt aus betrachtet waren auch das vier goldrichtige Entscheidungen.
Ich habe immer noch keine Antwort auf die Frage gefunden, wie mich diese doch sehr unterschiedlichen Laufbahnen innerhalb kurzer Zeit faszinieren konnten, was vermutlich daran liegt, dass ich sie mir nie gestellt habe. Hätte ich vielleicht tun sollen. Dieses Versäumnis nehme ich mir nicht zu Herzen, denn was für perfektes Timing gehalten wird, ist in Wahrheit sowieso nur Zufall: Man stellt sich oft die richtigen Fragen, aber zur falschen Zeit, so wie man oft einen entscheidenden Augenblick erkennt – und sich vor lauter Aufregung die falsche Frage stellt. Wenn man viel Pech hat, stellt man die falsche Frage zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort, und das war dann die letzte Frage zum letzten Zeitpunkt am allerletzten Ort. Sich die richtige Frage zum richtigen Zeitpunkt zu stellen, ist – neben vielem anderen – Glückssache, so wie es Glückssache ist, sich in die Richtige oder den Richtigen zu verlieben. Und zwar zum richtigen Zeitpunkt.
Man kann sein Glück zu zwingen versuchen, allerdings ist es unabdingbar, es davor zu identifizieren.
Ich weiß nicht, wie viele Stunden meines Lebens ich damit vergeudet habe, mich mit existentiellen Faulenzern zu unterhalten, die unserem kollektiven Bewusstsein noch keinen einzigen originellen Gedanken hinzugefügt haben, und denen jeglicher Ehrgeiz fehlt, die Welt zu betrachten, wie sie noch niemals betrachtet worden ist. Und warum habe ich das getan? Weil ich auch faul bin, und weil ich immer wieder vergesse, dass man sich bedauerlicherweise anstrengen muss, wenn man ein unbeschwertes Leben führen will.
Genauer gesagt vergesse ich es nicht, ich verschweige es vor mir selbst, weil mir jede Wahrheit irgendwann auf die Nerven geht. Das wäre für sich genommen nicht schlimm, man darf und soll sich regelmäßig eine Auszeit von der Wirklichkeit nehmen. Man sollte sich nur merken, dass man gerade Urlaub macht, sonst bleibt man geistig für immer in Bibione.
Viele Menschen werden groß, ohne etwas oder jemand werden zu wollen. Die meisten von ihnen wollen jemand sein und etwas darstellen, doch jemand zu werden ist ihnen zu aufwandsintensiv. Weit bequemer ist es, so zu tun, als sei man bereits etwas, jedenfalls bequemer als Ziele zu definieren und sich dauerhaft der Gefahr des Scheiterns auszusetzen. Da die meisten Menschen so tun, als seien sie etwas, ohne etwas geworden zu sein, müssen Heranwachsende keine Zugangshürden zu diesem Pyramidenspiel überwinden. Nach falschen Zeugen brauchen sie nicht lange zu suchen, an jeder Ecke offeriert ihnen jemand die wechselseitige Beglaubigung des moralischen, intellektuellen, sozialen oder finanziellen Kapitals. Der Erste bestätigt es dem Zweiten, der Zweite dem Dritten, der Dritte dem Vierten, der Vierte dem Ersten, es braucht ja jeder ein Alibi.
Damit will ich niemanden abwerten. Ich mache die gleichen Fehler, nur bemerke ich sie ab und zu. Das ist das Problem. Wer die Notwendigkeit von Selbstkritik erkannt hat, ist dadurch von sich selbst so begeistert, dass er sie manchmal vergisst. Das verursacht noch größeren Ärger, denn dadurch wird man dazu verleitet zu glauben, man wäre zu Selbstbetrug nicht imstande, was eine unrealistische Annahme mit fatalen Konsequenzen ist.
Wenn wir uns etwas wünschen, das wir für unerreichbar halten, nehmen wir uns etwas, das weniger wert ist, aber dafür in Reichweite liegt, und tun von da an so, als wäre es das Wahre, das Angestrebte, das Ziel, das Glück. Wir tun so, als wäre unsere zweite Wahl die erste Wahl. Dasselbe erwarten wir von anderen Menschen. Deswegen sind uns Ehrgeiz und Ambition suspekt und Revolutionen seltene Ereignisse.
Stellen wir die Frage zurück, ob diese Mentalität ein Ausdruck von übertriebenem Pessimismus ist, auf Trägheit beruht oder unserer Angst entspringt, eines Tages unglücklich zu werden. Wichtiger ist es herauszufinden, wie wir sie an uns feststellen können. Und noch wichtiger: wie wir sie loswerden.

1. Es fällt mir zunehmend schwer, das Maß meines Vertrauens in mich, in die anderen, in die Gesetze und in die Geheimnisse der Welt wenigstens stabil zu halten. Meine Generation hat gelernt, alles zu hinterfragen. Früher fand ich das gut, momentan empfinde ich diese Angewohnheit eher als lästig. Auf irgendetwas will man sich ja doch verlassen können. Wenn jeden Tag irgendeine Gewissheit erodiert, freut man sich schon, wenn sich endlich wieder einmal ein Vorurteil bestätigt, z.B. wenn man einen geizigen Schotten trifft oder der Mann, der aus einem Porsche steigt, sehr klein ist.


2. Es ist nicht so, dass ich nach dem Dunklen suche, es lauert mir auf.


3. Erkenntnisse gewinnt man nicht, vielmehr offenbaren sie sich, wenn man die nötigen Voraussetzungen geschaffen hat. Das fällt dem einen leichter, dem anderen schwerer, je nach seiner intellektuellen und charakterlichen Ausstattung. Indem ein Mensch Informationen sammelt, wächst sein Wissen, aber Wissen und Erkenntnis sind zweierlei. Ein Mensch mit starren Denkstrukturen wird mit zunehmendem Wissen nur zunehmend anstrengend, aber nicht klüger. Es gibt intelligente Menschen, denen jede substantielle Erkenntnis verwehrt bleibt, weil sie niemals fähig sind, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, deren Basisintelligenz wahrscheinlich nie in Liedern besungen werden wird und die es dennoch weit bringen, weil sie flexibler und adaptiver denken als andere.


4. Wer viele verschiedene Persönlichkeiten in sich trägt, ohne die Grenze zur Verrücktheit dauerhaft zu überschreiten, denkt automatisch flexibler, was stetigem Erkenntniszuwachs förderlich ist, aber auch wieder einige Nachteile hat. Zum Beispiel kann man sich seine Erkenntnis nicht aussuchen, sie wird einem zugeteilt.


5. Ich begreife langsam, dass die unwürdigsten Missstände, die größten Betrügereien, die empörendsten Verbrechen unentdeckt bleiben, und das nicht, weil sie so geschickt verborgen wären, sondern weil sie für jeden sichtbar sind.


6. Einerseits bin ich froh, das nun verstanden zu haben, andererseits macht mich diese Erkenntnis nicht glücklicher.


7. Glaubst du an den Teufel? – Keine Zeit.


8. Für den Zustand der Welt sind in erster Linie Politiker verantwortlich, weil sie sich für diese Aufgabe beworben haben und dafür bezahlt werden.


9. Politiker sind entweder Baumeister oder Hausmeister. Die meisten sind Hausmeister.


10. Ich halte sowieso nicht viel von Menschen, die sich in den Dienst der Allgemeinheit stellen”, denn die meisten tun das nur, weil sie sonst nirgends genommen worden wären.


11. Es gibt Ausnahmen. Einer der wenigen Politiker, denen ich vertraue, ist Sepp Schellhorn. Er ist einer aufrechtesten, aufrichtigsten und integersten Menschen, die ich je getroffen habe, und er verfügt noch über weitere seltene Eigenschaften, z.B. Begabung. Er ist ein Baumeister.


12. Das soll nicht bedeuten, dass alle anderen Politiker Gauner sind. Gauner sind nur einige wenige, und dazu höchstens noch der Großteil des Rests.


13. Es erhebt sich jedoch die Frage, ob Gauner selbst wissen, dass sie Gauner sind, und ob man sie, wenn sie es nicht wissen, überhaupt Gauner nennen darf. Ich werde den traurigen Verdacht nicht los, dass die meisten Menschen mit guten Absichten handeln, wenn sie Katastrophen anrichten, und dass sie die Katastrophen nicht einmal als solche wahrnehmen.


14. Woraus folgt, dass die Katastrophe vom System einkalkuliert ist.


15. Meine Erkenntnis der Woche lautet: Jeder von uns, ob mächtiger Politiker oder einfacher Hausmeister, ist nur ein Teil eines uns in Wahrheit unbegreiflichen Systems. Das System, in dem wir leben, ist stärker als die Summe seiner Teile, und das Leid des Individuums war für das System noch nie von Belang. Altersheime, psychosoziale Notdienste, Gerichte, Arbeitsämter, Gewerkschaften, Seelsorge, Therapien, all das sind Täuschungsmanöver, um dem Einzelnen vorzugaukeln, er wäre nicht allein, es würde für ihn gesorgt.


16. Komischerweise kenne ich wenige Menschen, deren Leben durch Altersheime, Arbeitsämter oder Seelsorger verbessert worden wäre.


17. Das System hat für all das kein Alibi.


18. Wenn die Welt lebenswerter werden soll, braucht sie mehr Baumeister.


19. Einen habe ich schon erwähnt, ein anderer heißt Nayib Bukele, ist 39 Jahre alt und derzeit Staatspräsident von El Salvador. wo vergangene Woche Bitcoin (neben dem US-Dollar) zur offiziellen Landeswährung erklärt wurde, was bei kosmopolitischen, sozial denkenden und an Gleichberechtigung glaubenden Menschen auf der ganzen Welt Jubel, unter den Hausmeistern hingegen Angst, Wut und Schrecken ausgelöst hat.


20. Wenn der Internationale Währungsfonds, die Wall Street und die politischen Vertreter der USA ihre Besen schwingen, wirbeln sie so viel Dreck auf, dass die ganze Welt etwas davon abbekommt, und ich bin gespannt, wann El Salvador auf einer Liste von sogenannten Terrorstaaten landet, gegen die Sanktionen verhängt werden können.


21. Wer den Hausmeistern ihre Besen wegnehmen will, muss Bitcoin kaufen.



Dass ich älter werde, merke ich daran, dass ich jetzt gelegentlich einer schönen Frau lieber zuhöre, zumindest für eine Weile. Kürzlich war es eine ehemalige Mitarbeiterin des SETI-Projekts, die seit ein paar Tagen im Seehof wohnt. Wir unterhielten uns an der Bar darüber, was Leben ist, wie man Leben definiert und woran man Leben erkennt. Früher wäre mir das nicht passiert.


Das Thema ist aber wirklich interessant. Ich bin mir ja schon bei meinem Nachbarn nicht sicher, ob er am Leben ist, und wenn er es ist, warum er es ist, ich habe also ohnehin ein Wissensdefizit zu bewältigen. Andererseits stellt sich manchmal heraus, dass man mit jemandem besser gleich ins Bett gegangen wäre. Oder zumindest nicht über unheimliche Themen geredet hätte. Leider weiß man im Vorhinein nie, was einen erwartet. 


Es gibt einige dumme Fragen, die ich mir schon als Kind gestellt habe, ohne in der Zwischenzeit einer Antwort näher gekommen zu sein. Zum Beispiel hatte ich mich oft gefragt, ob Bäume ein Bewusstsein haben, das unserem nicht unähnlich ist, und ob sie miteinander kommunizieren. Mit mir kommunizieren sie nicht, aber das bedeutet noch gar nichts, mein Nachbar redet ja auch nicht mit mir. Wofür ich ihm sehr dankbar bin. Ich bin aber auch den Bäumen dankbar, ich möchte nämlich nicht ausschließen, dass mein Leben in Unordnung geraten könnte, wenn ich auf meine Spaziergänge rund um den Goldegger See verzichten müsste, weil mich der Wald immer zulabert.


Nun einmal angenommen, Bäume haben ein Bewusstsein: Wie wahrscheinlich ist es, dass sie uns Menschen als Lebewesen wahrnehmen?


Aus dieser Frage leitet sich die nächste ab: Wie wahrscheinlich ist es, dass wir alles, was rund um uns an Lebendigem existiert, bereits entdeckt haben?


Gemäß dem Ockhamschen Prinzip, auch genannt Ockhams Rasiermesser, trifft von mehreren möglichen Erklärungen für einen Sachverhalt meistens die einfachste zu. Leider ist unsere Spezies dafür bekannt, sich mit einfachen Antworten nur dann zufrieden zu geben, wenn sie falsch sind. Die Medizin war 2000 Jahre lang davon überzeugt, man könnte Kranke heilen, indem man sie aufschlitzt, damit sie an dieser roten Flüssigkeit nicht zu schwer zu tragen haben, und das ist nicht der schwerwiegendste Irrglaube, der in der Geschichte der Naturwissenschaften verzeichnet ist. Auch bedeutende Persönlichkeiten der Weltgeschichte waren nicht allwissend: Ich glaube an das Pferd”, sagte Kaiser Wilhelm, das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung.” Und während die Phrenologie, mit der man Charaktereigenschaften an der Kopfform ablesen zu können meinte, mittlerweile nur mehr wenige Anhänger hat, gibt es noch immer Leute, die zwischen der Intelligenz eines Menschen und der Pigmentierung seiner Haut Zusammenhänge herstellen wollen. Ob eine Regel Anwendung finden kann, hängt also davon ab, wer sie anwenden will. Es sollte kein Depp sein.


Ich halte es für unwahrscheinlich, dass wir am Ende der Entdeckungen angekommen sind. Ich weiß, das muss nicht unbedingt stimmen, ich könnte ja ein Depp sein, das merkt man selbst nicht. Depp hin oder her, für mich steht es außer Frage, dass wir nur einen winzigen Ausschnitt der Vorgänge in Raum und Zeit wahrzunehmen imstande sind, und von den Dingen, die wir gerade so wahrnehmen, verstehen wir 2 Prozent richtig, 40 Prozent falsch, und den Rest verstehen wir gar nicht. Wenn man diese Tatsache seinen Mitmenschen näherbringt, wird man übrigens nur von 2 Prozent richtig verstanden, vier von zehn verstehen das Ganze falsch, und der Rest versteht es gar nicht. Sicher ist nur eines: Man geht 99,9 Prozent der Menschheit mit solchen Erörterungen auf die Nerven.


Gegen Ende der Unterhaltung sagte die ehemalige SETI-Forscherin: Es ist möglich, dass in diesem Moment eine uns unbekannte Lebensform direkt vor dir steht und dich betrachtet.”

Mir fiel mein Nachbar ein, aber der war ja in Wien. Außerdem fügte sie hinzu:

Eine uns an Intelligenz weit überlegene Lebensform. Eine, deren physische Gestalt wir nicht als solche erkennen oder die für uns grundsätzlich unsichtbar ist, so wie wir manche Farben nicht sehen und manche Töne nicht hören können.”


Seit dieser Unterhaltung sucht mich mehrmals am Tag die Frage heim, ob mir gerade ein brillantes unsichtbares terrestrisches oder intergalaktisches Ungeziefer ins Gesicht starrt. Diese Vorstellung ist nicht schön. Mir fällt nämlich nicht viel ein, was ich dagegen unternehmen könnte.


Manchmal habe ich es lustig, manchmal nicht. Da bin ich wahrscheinlich nicht der Einzige. Aber wenn ich es lustig habe, dann habe ich es richtig lustig, und wenn ich es nicht lustig habe, dann habe ich es richtig nicht lustig. Würde eine überirdische Macht, der gerade langweilig sein müsste, mich vor die Wahl stellen, ob ich im Leben weiterhin die hohen Höhen und dafür aber auch die tiefen Tiefen erleben will, oder ob ich mich mit geringeren Höhen zufrieden gebe, mich dafür aber mit geringeren Tiefen als bisher herumschlagen muss – ich würde ich die erste Option wählen.
Es wäre interessant zu wissen, wie sich der Rest der Welt entscheiden würde. Da die meisten Leute das Temperament und das Charisma von Waldpilzen haben, deutet alles auf eine in der Gesellschaft grassierende Erlebnisarmut hin. Die Frage ist nur, ob die Menschen diese Enthaltsamkeit aus freien Stücken gewählt haben oder nicht, ob sie also das Resultat mangelnder oder bewusst ausgeschlagener Gelegenheiten ist. Ich vermute, die meisten Menschen wollen das so, sie widersetzen sich vehement allen Erlebnisaufforderungen, es sei denn, das zur Debatte stehende Abenteuer hat mit Einkaufen, Fernsehen oder Nahrungsaufnahme zu tun.
Kein Wunder, dass Alkoholismus eine Massenerscheinung geworden ist. Nicht einmal langweiligen Menschen bleibt es erspart, bei Begegnungen mit anderen Langweilern zu bemerken, wie langweilig diese sind, worauf ihnen selbst langweilig wird, was ihnen im Übrigen recht geschieht. Wenn an einem Tisch zwei oder fünf oder zehn Personen sitzen, von denen auch nur ein einziger diese zermürbende Stimmung bleierner Inhaltslosigkeit verbreitet, gibt es für alle anderen zum Griff nach der Flasche keine Alternative. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass sich die Bevölkerung nicht nur aus Tradition und zum Zweck der Arterhaltung ihre unmittelbare Umgebung schön säuft, sondern der Einzelne auch seinen natürlichen Wunsch nach zwischenmenschlichem Austausch lieber dann befriedigt, wenn er selbst zustandsbedingt davon möglichst wenig bemerkt.
Wäre mir eines Tages langweilig, könnte ich mich mit meiner These beschäftigen, dass sich nur langweilige Menschen langweilen können, aber daraus wird hoffentlich nichts werden.
Wenn ich es bei einer Abendgesellschaft mit Menschen zu tun bekomme, die man für scheintot halten müsste, würden sie nicht ab und zu lästige Kommunikationsversuche unternehmen oder sich den Herausforderungen ihres Stoffwechsels stellen, bin ich ungeduldig oder genervt, aber langweilig ist mir nie. Ich habe jede Menge aufregende Episoden meines Lebensfilms im Kopf gespeichert, die ich mir heimlich ansehen kann, während ich der Mumie neben mir mechanisch zunicke. Und im Notfall kann ich mir immer noch mit dem Smartphone die Zeit vertreiben, gelegentlich sogar mit meinem eigenen.
Vor vielen Jahren saß ich anlässlich irgendeines Anlasses in einer Pizzeria. Mein Sitznachbar, ein forscher kleiner Mann, der mit seiner Frau offenbar ausschließlich im Befehlston verkehrte, war mir bis zu diesem Abend unbekannt gewesen, woran sich, wenn es nach mir gegangen wäre, auch nichts hätte ändern müssen. Er hatte seine Wesensart gleich zu Beginn demonstriert, als er seine Menüwünsche lautstark und auf italienisch mit Volkshochschulakzent vorbrachte, wobei ihm vollständig entging, dass es sich beim Kellner um einen Türken handelte.
Im Interesse meiner geistigen Gesundheit beteiligte ich mich nicht am Tischgespräch, sondern spielte auf meinem iPhone Schach, bis sich der bilinguale Giftzwerg mir zuwandte und mir erklärte, es sei ihm gegenüber sehr unhöflich von mir, an meinem Handy herumzuspielen, obwohl er sich mit mir unterhalten wollte. Ich informierte ihn darüber, dass er sich nicht einmal im Ansatz vorstellen könnte, wie unhöflich ich ihm gegenüber erst wäre, wenn ich mich nicht mit meinem Handy beschäftigen würde, sondern mich mit ihm unterhalten müsste. worauf der Herr zum Glück beleidigt war und ich meine Ruhe hatte.
Es gibt auf der Welt nicht viel Langweiligeres als die Gesellschaft von Menschen, die nur glücklich sind, wenn sie auf jemanden beleidigt sein können.

Menschliches Verhalten wurde zu einem nicht unwesentlichen Teil von Gott bzw. der Natur vorprogrammiert, und es wäre dreist zu behaupten, dass sich daraus noch keine Konflikte ergeben hätten.


Wir kommen mit einer Reihe simpler Wenn -> dann Regeln zur Welt, die uns dabei helfen sollen, unseren Platz in der Welt zu finden und zu behaupten. Z.B. Wenn Hunger -> Schreien; Wenn Bauchschmerzen -> pressen; Wenn müde -> Augen zu; Wenn etwas schön -> angreifen; Wenn etwas interessant -> angreifen; Wenn haben wollen -> nehmen usw.


Im Laufe der Zeit tauchen in uns neue Regeln auf, die Gott darauf programmiert hat, zu einem bestimmten Zeitpunkt in Kraft zu treten, z.B.: Wenn Weibchen bzw. Männchen kommt -> taxieren; Wenn schön/​stark/​reich -> balzen; Wenn hart -> reinsteckenbzw. Wenn feucht -> hinlegen usw.


Die meisten Regeln sind jedoch nicht altersgebunden, etwa: Wenn Raubtier -> kämpfen oder weglaufen; Wenn Auto -> einsteigen oder weglaufen; Wenn Runde -> wichtig machen; Wenn Chef kommt -> schleimen; Wenn selbst Chef -> schikanieren; Wenn andere Privatgespräche -> lauschen; Wenn spannend -> später Tratsch; Wenn harmlos -> einmischen; Wenn Konflikt -> nicht einmischen; Wenn Hilferuf -> temporär taub; Wenn Bettler -> wegschauen; Wenn selber Bettler -> blöd schauen; Wenn verdächtig -> Schuldspruch; Wenn selbst verdächtig -> leugnen; Wenn selbst schuldig -> unschuldig etc. 


Den Rest unseres Lebens dürfen wir uns von unseren Artgenossen anhören, dass die natürlichen Bedürfnissen geschuldeten Programme, die in uns ablaufen, in hohem Maße fehlerhaft, unmoralisch, unnatürlich oder primitiv sind, während unsere von Opportunismus getriebenen Verhaltensmuster nur selten auf Kritik stoßen, sondern vielmehr als Tugenden angesehen werden – wie sehr, hängt davon ab, welchen Grad der Degeneration unser unmittelbares Umfeld bereits erreicht hat. Wieso sich für die Choreographie dieser geistigen und moralischen Affentänze in Fachkreisen der Terminus Gesellschaft” durchgesetzt hat, erschließt sich mir einstweilen noch nicht.


Wie man ist, ist man für andere nicht richtig. was bei vielen Menschen zur Folge hat, dass sie sich selbst falsch fühlen. Mit der Einsamkeit, die die meisten von uns zumindest hin und wieder empfinden, sind sie nicht allein. Jeder Mensch wird an den meisten Orten der Welt von den meisten anderen Menschen als fremdartig, unangenehm und störend betrachtet. Was nur versteht, wer sich bewusst macht, wie verschieden wir alle sind. Wir ähneln einander nur im biologischen Aufbau, Seele und Persönlichkeit jedes Einzelnen sind hingegen ein eigener Kosmos mit eigenen Gesetzen.


Das ist auch der Grund dafür, dass die Mehrheit der Weltbevölkerung in vielen Normen und Gesetzen keinerlei Sinn sieht, mit ihnen unzufrieden ist, sie ablehnt oder sich sogar über sie empört, was sich allerdings nie herumsprechen wird, weil der Einzelne die Meinung vertritt, mit seiner Unzufriedenheit und seiner Empörung eine Einzelmeinung zu vertreten, und deswegen darauf verzichtet, sie zu äußern.


Wenn wir wirklich die Krone der Schöpfung sind, ist Gott ein Commodore 64.


Wenn in einer Runde das Thema Reizwörter diskutiert wird, habe ich eine problematische Ausgangsposition, denn für mich ist Reizwort ein Reizwort. Heutzutage besteht zwar keine große Gefahr, in einer Runde in eine Diskussion zum Thema Reizwörter verwickelt zu werden, da aufgrund der gesellschaftlichen Umstände selten Runden zusammentreffen, und wenn sie es doch einmal tun, dann vermutlich nicht, um das Thema Reizwörter zu diskutieren. Aber man kann nie wissen, und deswegen ist es besser, man übt bereits für diese Diskussion, sollte man eines fernen, seuchenfreien Tages an der Seehof-Tafel von seinem Sitznachbarn zum Thema befragt werden.

Es kann einiges an Selbsterkenntnis liefern, die eigenen Assoziationen zu einem bestimmten Thema aufzuschreiben. ohne lange nachzudenken. Also, welche Reizwörter fallen uns denn spontan ein, hmhm.

Penis, Vagina, Stolz, Ehre, Vorschrift, links, Polizei, Banken, Gericht, Erdogan

Der Zensurbereich meines Gehirns schickt gerade das Signal, folgende Nachricht zu übermitteln: Halt die Pappen!

Der Zensur-Zensurbereich meines Gehirns weist soeben meine Finger an, diesen Satz und folgende Mitteilung zu tippen: 1.) Wir rufen die untergeordnete Zensur zur Ordnung (wobei nicht der Inhalt, sondern die Form ihrer Botschaft kritisiert wird) und verweisen auf das gültige Proletenmoratorium. 2.) Wir ersuchen das Front Office bzw. die Kommunikationsabteilung, solche Assoziationsketten hinkünftig intern zu diskutieren, da sie bei Außenstehenden einen missverständlichen und ungünstigen Eindruck hinterlassen könnten. Freundschaft!

Der Zensurbereich meines Gehirns weist soeben meine Finger an, folgende Mitteilung zu tippen: Freundschaft? Gehts eh noch?

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Wenn mich meine Uhr nicht auch verarschen will, habe ich den letzten Satz vor zehn Minuten geschrieben. An die Zeit dazwischen kann ich mich nicht erinnern. Immerhin hat meine Recherche vor dem Badezimmerspiegel ergeben, dass mein Körper keine sichtbaren Verletzungen aufweist, die auf Autoaggression schließen lassen könnten.

So. Nachdem ich jetzt wieder schreiben kann, was ich will (warten wir mal ab, wie lange), werde ich das auch tun, äh, aha, okay, werde ich das tun. aber erst, nachdem ich auf die Doppeldeutigkeit der letzten Klammer hingewiesen habe.

Wenn ihr Urheber der diensthabende Gehirnbereich – das Basis-Ich – ist, handelt es sich um einen sarkastischen Seitenhieb in Richtung der Zensurabteilung. Es könnte jedoch die Zensurabteilung selbst gewesen sein, die ihrerseits dem Basis-Ich eine Warnung zukommen lassen wollte. Wir werden es nie erfahren. (Heute sind wir aber extra deppert, ha? gez. Zensur Heute sind wir wieder lustig! gez. Zensur-Zensur)

Ich würde die Liste meiner Reizwörter gern um die Begriffe Schizophrenie und Zensur erweitern, aber ich darf nicht (So ist es, gez.: Zensur).

Ich ziehe es vor, das Thema für heute ruhen zu lassen (Wird gut sein! gez.: Zensur) und über etwas anderes (Nein! gez.: Zensur)

Man sieht: Leicht habe ich es mit mir ja nicht


Bestimmt sind uns allen die bunt bebilderten Verdummungsgazetten ein Begriff, die schon seit der Bronzezeit von unseren außerirdischen Wärtern an Orten der sozialen Begegnung ausgelegt werden, um Menschen mit einer bereits vorhandenen Geistesschwäche anzulocken und sie durch die Lektüre von Horoskopen, Fotoromanen und Kochrezepten endgültig zu kretinisieren. Solche Charaktere sind beim klamaukfixierten Alien-TV-Publikum besonders beliebt, weswegen stets Bedarf an neuen Comedy-Darstellern besteht.


An einem der trüben oststeirischen Verzweiflungsnachmittage, als ich noch einen Schülerausweis, Großeltern, einen guten Ruf und Kopfhaare hatte, las ich beim Friseur unter strengsten geistigen Sicherheitsmaßnahmen in einer dieser intellektuellen Mausefallen einen pseudowissenschaftlichen Artikel. Darin wurde behauptet, Menschen würden nach einem 7‑Jahres-Zyklus leben, und deswegen würden viele Ehen nach sieben Jahren scheitern. Doch nicht nur Geist und Seele wandeln sich in diesem Zeitraum, hieß es weiter, sondern sämtliche Zellen unseres Körpers würden innerhalb von sieben Jahren ausgetauscht, sodass man alle sieben Jahre auch physiologisch ein ganz neuer Mensch wäre.


Ob das stimmt, weiß ich nicht. Wenn ich mich jemals gehäutet oder an mir andere Anzeichen einer dramatischen Metamorphose beobachtet hätte, wäre ich der Sache vielleicht nachgegangen, aber sogar da bin ich mir keineswegs sicher. Dem menschlichen Körper stand ich schon immer kritisch gegenüber, vor allem meinem eigenen. Den habe ich zu tolerieren gelernt, aber mit den meisten Fremdkörpern will ich nichts zu tun haben, oder nur in Ausnahmefällen, unter bestimmten Umständen und mit klar definierten Zielen.


Das Basismodell des menschlichen Körpers sieht aus wie etwas, das ein verkaterter Gott aus einem Brotteig geformt und dann mangels Verwendungszweck liegengelassen hat, und die Persönlichkeit, die in diesem Hohlraum eingeschlossen ist, macht den Gesamteindruck in den meisten Fällen auch nicht eben besser. Isoliert betrachtet, erfüllen höchstens zwei oder drei Körperteile die im Universum gängigen ästhetischen Mindestanforderungen an das Leben, was niemand bestreiten wird, der sich jemals eine riesige Salatschüssel voller Ohren oder einen Aktenkoffer voller großer Zehen vorgestellt hat. Ein Körperstandard, der integrierte Füße erlaubt, ist in höher entwickelten Zivilisationen schon seit langer Zeit undenkbar, und ich hoffe, diese Norm setzt sich auch bei uns eines Tages durch.


Körper sind eine evolutionäre Sackgasse. Sie sind fragil, unzuverlässig, wartungsaufwändig, manipulationsanfällig und in der Erhaltung viel zu teuer. Nicht nur benötigen sie eine jederzeit zugängliche Garage sowie eine regelmäßige Zu- und Abfuhr von Energie, überdies macht sie ihr erhebliches Ruhebedürfnis täglich für sechs bis acht Stunden unbenützbar. Bis sie nach ihrer Planung und Herstellung vollständig betriebsbereit sind, vergeht knapp ein Viertel ihrer durchschnittlichen Haltbarkeitszeit, und ihre Leistungskraft beginnt früh zu sinken. Abgesehen davon, dass sie uns mit Mobilität ausstatten, sind sie für wenig zu gebrauchen, und mit der Aufzählung ihrer Vorzüge ist man schnell fertig. Essen kann zu diesen zählen, führt aber nicht selten auch zu negativen Erfahrungen. Ferner schätzen viele Menschen Bewegung und deren positive Auswirkungen auf ihre Stimmung, aber dabei handelt es sich schlichtweg um Personen, die noch keine Erfahrungen mit dem Konsum psychotroper Substanzen gemacht haben.


Nicht dezidiert gelungen, aber vielversprechend finde ich persönlich nur die Sexualfunktion, die selbst nach Jahrzehnten kaum an Attraktion verliert. Es gibt zahllose Unter- und Seitenvarianten, sodass für jeden etwas Passendes dabei ist. Ich begrüße es besonders, wenn zwischen meiner jeweiligen Partnerin und mir aufgrund ihrer bzw. unserer individuellen Vorlieben die Vereinbarung besteht, dass ich mich zu meiner Bedürfnisbefriedigung jederzeit und ganz nach meinem Belieben ihres Körpers bedienen kann und soll, wobei ihrem Wunsch entsprechend zwischen uns ein harmoniearmes, konsensdefizitäres Verhältnis simuliert wird, in dem mir die dominante Rolle zukommt und in dem weder Grobheit noch Hierarchie die gewohnte Ächtung erfahren.


Die Tatsache, dass die rücksichtslose Behandlung ihres Körpers durch eine andere Person im Zentrum der sexuellen Phantasien vieler Menschen steht, lässt meines Erachtens den Schluss zu, dass unser Geist unseren Körper ausschließlich als untergeordnetes, ja rechtloses Instrument ansieht. Und das lässt wiederum meine Neugier wachsen.


Wer sind wir wirklich?


Angewohnheiten kann man sich abgewöhnen, deshalb heißen sie so. Die schlechten Angewohnheiten, die man an sich selbst bemerkt, hat man schon ewig, die wird man nicht mehr los. Ich habe mich schon in frühester Kindheit dem Laster des Grübelns ergeben, und wenn man damit einmal angefangen hat, ist es zu spät. Wenn ein Kopf denkt, denkt er weiter.

Beim Denken kann man viel lernen, wenn man kann. Können setzt freilich Wollen voraus, denn wer nicht will, der kann nicht, das ist auf vielen Gebieten zu beobachten. Mit Wollen allein kommt man aber auch nicht weit, selbst wenn man etwas so sehr will, dass man Gott mit Gebeten belästigt. Weder der Glaube noch schierer menschlicher Wille haben jemals auch nur einen einzigen Berg versetzt, dieser Unsinn wurde vielmehr bereits im Mittelalter von schalkhaften Handlungsreisenden verbreitet, die in vorwiegend von ehrgeizigen Bauerntölpeln und frigiden Betschwestern besiedelten Landstrichen ihre Restposten von überteuerten Motivationsvideos und selbstgebrannten CDs mit religiösen Gesängen abstoßen wollten. Auf solchen Schnickschnack ist nichts zu geben.

Wer will, der muss können. Es gilt mittlerweile als gesicherte Tatsache, dass der in der Welt vorrätige Bestand an Wollen jenen des Könnens um ein Vielfaches übersteigt. Wo Gutes gedeihen soll, muss zwischen Wollen und Können ein gesundes Gleichgewicht herrschen, und in extremen Fällen macht die Abwesenheit des einen die Existenz des anderen zum Ausgangspunkt einer menschlichen Tragödie. Mir ist jedenfalls kein Ereignis bekannt, dessen tragischer Charakter nicht eng mit menschlichen Kompetenzmängeln oder unzureichender Handlungsbereitschaft eines Individuums oder einer Institution verbunden gewesen wäre. Das spiegelt sich in der Geschichte, in der Kunst und in den Mythen wider, von Adam und Eva über Antigone, Minnesang, Bäckerschupfen, die Spanische Inquisition, Don Quijote, Othello, die Prager Fensterstürze bis zu Mayerling.

Wäre der österreichische Kronprinz Rudolf lieber lebendig als tot gewesen, hätte er im Jänner 1889 weder Mary Vetsera noch sich selbst erschossen, der Baroness wäre die postmortale Kutschfahrt zurück nach Wien erspart geblieben, Franz Ferdinand hätte im Juni 1914 nicht unbedingt nach Sarajevo fahren wollen, und wenn doch, hätte ihn ruhig jemand erschießen können, denn er wäre ja nicht als Thronfolger, sondern als gewöhnlicher Tourist dahingeschieden. Weil das Attentat auf den tätowierten Nichtsnutz zwar mutmaßlich Tausenden Tieren das Leben gerettet, jedoch keinen Weltkrieg ausgelöst hätte, hätte Gavrilo Princip aber bestimmt jemand anderen als den fanatischen Jäger und Kleptomanen erschießen wollen.

Ohne Sarajevo kein Erster Weltkrieg, ohne Vertrag von Versaille kein Zweiter Weltkrieg und bestimmt auch weniger oder sogar überhaupt kein Hitler, und ob es dann noch eine Atombombe, einen Kalten Krieg, eine Mondlandung und Swingerclubs gegeben hätte, wissen wir nicht.

Und warum das alles? Weil ein einziger Mensch zu viel und zu lange nachgedacht hat. Oder vielleicht nicht lange genug.


Neulich erinnerte ich mich an einen Jahrzehnte zurückliegenden Gerichtsprozess, in dem eine Frau angeklagt war, ihren Gemahl mit Messerstichen lebensgefährlich verletzt zu haben. Im Zuge der Verhandlung wurde bekannt, dass die Frau den Mann regelmäßig mit allen erdenklichen Gegenständen verdroschen hatte, vom Schürhaken bis zum Nudelholz, vor allem, wenn er es verabsäumt hatte, genug Most einzukaufen, für den die Frau eine Schwäche hatte. Um diesen Misshandlungen etwas entgegenzusetzen, war der Mann schließlich dazu übergegangen, nachts mit einem Sturzhelm auf dem Kopf zu schlafen. Sturzhelme schützen jedoch nicht vor Messerstichen in den Bauch. Das hat der Mann wohl bemerkt, es sich aber nicht lange gemerkt, denn seit die Frau aus der Haft entlassen wurde, leben die beiden wieder zusammen wie eh und je.


Heute müsste das alles nicht mehr passieren. Wenn nachts im Haus ein kritischer Mangel an Most oder fester Nahrung für Pogromstimmung sorgt, kann man nach dem Verbot außerhäuslicher Gastronomie das Angebot von Zustelldiensten in Anspruch nehmen, zumindest solange die Auslieferung von zubereiteten Speisen noch keinen Gesetzesverstoß darstellt. Der eine oder andere Zusteller hat bestimmt Most vorrätig, und ein steirisches Sprichwort, das gerade erfunden wird, lautet: Schmeckt der Most, schweigt das Messer.”


Und: Es muss nicht immer Most sein. Auswahl gibt es reichlich. Mjam und Lieferando listen hunderte Restaurants, die in Wien Pizza, Schnitzel, Hamburger, gebratene Tierbeine und auch sonst alles ausliefern, was der Gourmet zu schätzen weiß. Und geschätzt wird das Angebot offenbar. So ziemlich jedes Lokal, das auf den Webseiten von Zustellzentralen beworben wird, hat hervorragende Kundenrezensionen. 4 von 5 Sternen sind die Regel, manche Lokale freuen sich über 5 Sterne, angeblich basierend auf den Bewertungen mehrerer Tausend zufriedener Gäste.


Mich überrascht das, muss ich zugeben. Meiner Erfahrung nach besteht zwischen der Qualität des Essens, das man als Insasse der österreichischen Hauptstadt geliefert bekommt, und der der Seehof-Küche ein gewisser Unterschied (das ist wahrscheinlich der euphemistischste Satz, den ich je geschrieben habe). Dass ich niemanden kenne, der für einen bestimmten Essenszusteller schwärmt, liegt eher nicht daran, dass ich wenige Menschen kenne, sondern dass wenige Menschen gute Essenszusteller kennen.


Nahe Verwandte, Angehörige der Kriegsgeneration, haben mir in meiner Kindheit eingeschärft, dass Flexibilität eine der wichtigsten Eigenschaften des Menschen ist. In Zeiten der Not muss man sich anpassen, darf man nicht zu wählerisch sein, man muss nehmen, was kommt und wie es kommt. Früher habe ich die Tragweite solcher Mahnungen nicht begriffen, jetzt sehe ich die Sache klarer: Hässliche Menschen und schlechte Köche warten ihr Leben lang auf Atomkatastrophen, Kriege und den Ausbruch von Seuchen, damit sie endlich irgendjemandem ihre Gene oder in antikem Fett gegarte Hühner andrehen können.


Also: Entweder sind die 4362 5‑Sterne-Bewertungen für das Gasthaus zur Salmonelle des Satans und vergleichbare Etablissements das Ergebnis schurkischer Wahlfälschung durch Bots, oder die Gäste hatten bei der Stimmabgabe gerade coronabedingt ihren Geschmacksinn eingebüßt. Oder es handelt sich um Fälle frühzeitiger Verklärung der Vergangenheit. Sehr frühzeitig. Nach Ende einer Liebesbeziehung dauert es zumindest ein paar Monate, bis unsere Erinnerung uns vorgaukelt, eigentlich wäre ja doch vieles sehr schön gewesen. Deswegen ist es so wichtig, Tagebuch zu führen. Es ist aber nicht nur wichtig, ein Tagebuch zu führen. Es ist genauso wichtig, in späteren Zeiten dieses Tagebuch auch zu lesen. Darin kann man dann lesen, ob die Pizza vom Würstelstand ihr Geld wirklich wert ist und ob man ohne Sturzhelm geschlafen hat.

Gestern oder vorgestern hatte ich Geburtstag, genau am gleichen Tag wie im Jahr zuvor und wie vor zwei und vor drei Jahren. An die Zeit davor erinnere ich mich nur bruchstückhaft. Trotzdem sehe ich mich eher im Lager der rigiden Realisten, die die Ansicht vertreten, ich hätte auch davor schon Geburtstag gehabt. Ob es stimmt? Das war noch nie die Frage.

Heinrich Schliemann, der zwar nicht Troja, aber dafür den legendären Kupferschatz von Ravenna entdeckte, eine Sammlung von 24 gut erhaltenen Kupfermünzen, die die Prägung 172 a. Chr. n tragen, gab lange vor der Entwicklung des Computers zu bedenken, niemand könne wissen, ob ihm nicht von einer unbekannten Macht eine Maschine eingesetzt worden sei, die Erinnerungen an eine nie stattgefundene Vergangenheit simuliere. Ich bin so froh, dass ich das nicht auch glaube, ich habe wirklich schon genug Probleme.

Wenn mir im nächsten Fasching langweilig ist, könnte ich allerdings so tun, als hielte ich das für plausibel. Solche Ideen haben ja nicht nur Mängel. Dass es sich bei uns Menschen um ferngesteuerte Apparate handelt, könnte ich mir durchaus vorstellen, ergäbe dies nicht ein geradezu grotesk unökonomisches Realitätsmodell. Aber immerhin eines, das eine logisch klingende Erklärung für die Veränderung der Gegenwart auf dem Transportweg in die Historie liefert. Tja, und nach Erklärungen sind wir alle, ist unsere Spezies, man muss es bekennen, auf schon dümmliche Weise süchtig. Würden wir wir darüber nachdenken, müsste uns auffallen, dass in allen Bereichen unserer Welt, unserer Wahrnehmung, unserer Wirklichkeit früher oder später alle Erklärungen widerlegt wurden und widerlegt werden. Dass wir dennoch jede neue Erklärung für ein Endergebnis halten, hat bestimmt schon so manchen Melancholiker dazu gebracht, sich auf dem Höhepunkt eines Lachkrampfes zu entleiben. 

Gut, das bringt uns jetzt nicht weiter. Ich habe aber auch nichts anderes behauptet.

Ob man sich auf Verschwörungstheorien ausruht oder sich lieber ein modularisiertes Individualweltbild mit integriertem Religionskern bastelt, ist egal, denn letztlich führt jedes Konzept, das sich die Menschen zur Bewältigung von Furcht, Unsicherheit und Zweifeln ausgedacht haben, ins Leere. In Wahrheit sind wir alle auf der Suche nach etwas, was uns bei der Zähmung des Todes hilft. Viel werden wir da nicht finden, denn abgesehen von Liebe, Sexualität und Kunst besteht das Leben aus Belanglosigkeiten, Aberglauben, selbst inszenierten Ablenkungsmanövern und einer endlosen Reihe von schlechten Entscheidungen guter Menschen, die andere gute Menschen so lange zermürben, bis aus ihnen unangenehme Menschen geworden sind.

Mein Geburtstag war übrigens anstrengend. Ich verbrachte ihn allein bzw. mit dem Gedanken, dass wir nur deshalb nach einer Waffe gegen den Tod und die Leere suchen, weil wir so programmiert wurden, und dass wir deshalb so programmiert worden sind, weil es diese Waffe tatsächlich gibt. Weil sie verschollen ist, und weil jemand uns einsetzt, um sie zu finden, so wie wir Bakterien einsetzen, um Krankheiten zu bekämpfen.

Das ist kein schöner Gedanke. Denken Sie ein bisschen daran herum.


Es gibt überall ein Drinnen und ein Draußen. Wer draußen ist, will irgendwann hinein, wer drinnen ist, will früher oder später wieder hinaus.

Viele befinden sich gerade in einem Übergangsstadium und manche wissen nicht, in welche Richtung sie unterwegs sind. Das liegt daran, dass sie mehr Zeit als früher zuhause verbringen, wo sie zwar einerseits drinnen sind, aber andererseits trotzdem das Gefühl haben, draußen zu sein, weil sich in ihnen der Eindruck verfestigt, aus ihrem früheren Leben wie auch aus dem Leben der anderen verjagt worden zu sein.

Für manche ist das eine Katastrophe, bei mir ist es ein Dauerzustand. Ein Schriftsteller ist sowieso immer zugleich draußen und drinnen, jedenfalls bis er nirgends mehr ist.

Für die meisten Menschen hat sich im letzten Jahr vieles verändert, und sie haben Schwierigkeiten, sich daran zu gewöhnen. Normalerweise bedeutet Veränderung, dass etwas Neues an die Stelle des Alten tritt, aber mit der allgemeinen Internierung ist in unserem Leben etwas weggebrochen, ohne durch etwas anderes ersetzt worden zu sein. So sehen es zumindest jene, die Lücken und Leere für nichts halten. Das kann jedoch schon deshalb nur ein Irrtum sein, weil sich Menschen das Nichts nicht vorstellen können.

Die Leere, die uns zu schaffen macht, resultiert aus dem zunehmenden Mangel an Ablenkung von uns selbst. Früher konnte man sich selbst leichter vergessen. Wenn man nichts mit sich zu tun haben wollte, und wir wollen meistens nichts mit uns zu tun haben, schloss man sich einer Gruppe an. Das tun Menschen alltäglich und in guter Absicht. Sie arbeiten in der Regel nicht isoliert, sondern mit anderen zusammen, sie gehen abends mit Freunden essen, und um nachts nicht allein zu sein, halten sich die meisten einen Partner, den sie nicht unbedingt lieben, aber erst dann austauschen, wenn schon Ersatz bereitsteht. Die Hauptaufgabe der Menschen, die wir lieben, besteht darin, uns von uns selbst abzulenken, denn Frieden finden wir nur kurzfristig und nur dann, wenn wir uns selbst vergessen können.

Ich will nicht ganz ausschließen, dass in diesen Betrachtungen ein pessimistischer Unterton zu hören ist. Für Pessimismus gibt es aber keinen Anlass, im Gegenteil. Je mehr Menschen auf sich selbst zurückgeworfen sind und dadurch gezwungen werden, sich selbst wieder ernst zu nehmen, je mehr beginnen, ihre Position auf dem Weg zwischen Wiege und Bahre zu überprüfen, je mehr sich wieder als Individuum wahrnehmen, statt sich nur von außen zu betrachten, je mehr aufhören, die Vergangenheit für einen Traum und die Zukunft für ein Gerücht zu halten, je mehr Menschen es gelingt, ihre Angst vor dem Urteil anderer zu überwinden und ihre Verletzlichkeit nicht mehr hinter Zynismus zu verstecken, desto größer wird die Zahl derer, die die Welt verändern wollen. 

Das ist nämlich längst fällig.


Es gibt ein Witzbild, das ein Ehepaar in der Praxis eines Psychiaters zeigt. Der Psychiater weint fast vor Lachen, als er den beiden eröffnet: Nein, Ihr Kind ist nicht hochbegabt. Sie sind nur sehr, sehr dumm.”


Früher dachte ich, ich wäre deshalb selten glücklich, weil ich intelligent bin. Mir war zwar klar, dass diese These ihre Schwachstellen hat, aber ich wusste nicht, wo sie verborgen sind – abgesehen natürlich von der Möglichkeit, weniger intelligent zu sein als angenommen, für diesen Gedanken war ich immerhin intelligent genug.


Heute glaube ich, wenn man klug genug ist, könnte man Wege finden, um alles aus dem Weg zu räumen, was dem Glück im Wege steht. Intelligenz mag eine Bürde sein, aber ab und zu ergibt sich für sie ein Verwendungszweck. Man kann die Naturgesetze nicht ändern, man hat über die Kontinentalverschiebung keine Macht, man kann niemanden zur Liebe zwingen, aber man kann die Gründe dafür verstehen lernen, warum etwas so oder so geschieht, und zu wissen, warum etwas geschieht, ist die Basis dafür, mit der Welt halbwegs in Frieden zu leben. Als Kühlschrankmagnetformulierung empfehle ich: Der Schlüssel zum Glück ist Wahrheit.


Tatsächlich begegnet man selten jemandem, der von sich sagt, er sei geistig von unterdurchschnittlicher Leistungsfähigkeit. Das wäre auch paradox, denn wir sind prinzipiell nicht in der Lage nachzuvollziehen, wie es ist, klüger zu sein, weil wir dazu nicht klug genug sind. Man könnte daher schlussfolgern, dass 100 Prozent der Menschen der Ansicht sind, zur klügeren Hälfte der Bevölkerung zu gehören, und die Dunkelziffer derer, die sich da täuschen, würde Fachleuten zufolge bei 50 Prozent liegen.


Es fragt sich, wie man feststellen könnte, ob man recht hat. Die eigene Meinung bezüglich der eigenen Intelligenz ist nicht ganz frei von Subjektivität, und die Meinung anderer wird durch die Tatsache relativiert, dass es sich bei ihnen ebenfalls um Idioten handeln könnte, die so dumm sind, dass sie sich selbst für klug und Menschen, die anders sind als sie selbst, für dumm halten. Wahrscheinlich bleibt einem nichts anderes übrig, als das Leben vorsichtshalber im ständigen Bewusstsein zu leben, möglicherweise ein Dummkopf zu sein, Man sollte sich das allerdings aufschreiben und den Zettel immer bei sich führen, um in kritischen Situationen den Schutz des Selbstzweifels beanspruchen zu können.


Nein, so klappt das wahrscheinlich nicht. Ganz abgesehen davon, dass man bei einem hohen Blödheitskoeffizienten kritische Situationen nicht zeitgerecht als solche zu identifizieren vermag, scheitert dieses Informationsmodell daran, dass man zu dumm ist, um daran zu denken, den Zettel ständig in der Hand zu halten. Und wenn man es doch schafft, lässt man ihn früher oder später irgendwo liegen, und die lebenswichtige Information wäre für immer verloren. Alternativen? Tätowieren könnte klappen. Es stellt sich allerdings die Frage: Will man das wirklich? Ein Tattoo auf dem Unterarm oder auf dem Handrücken, das verkündet:


DU BIST MÖGLICHERWEISE EIN IDIOT!


Auf Dauer ist das vielleicht kränkend.


Manchmal muss man etwas bloß anders ausdrücken:


ICH BIN MÖGLICHERWEISE EIN IDIOT!


Nein, ich glaube, das ist auf Dauer auch kränkend.


Man stelle sich vor, man will wissen, wie spät es ist, und wenn man nachsieht, zack! Du bist möglicherweise ein Idiot! Ja, möglicherweise ist man das, aber das wollte man gerade gar nicht wissen, man wollte wissen, wie spät es ist. Von existentiell bedeutsamen Situationen gar nicht zu reden, es kann sich ja jeder ausmalen, welche Konsequenzen so eine Tätowierung bei Dates oder Vorstellungsgesprächen haben könnte.


Ich stelle fest, ich finde keine Lösung. Ich weiß nicht, ob ich ein Dödel oder ein Genie bin, und ich werde es nie wissen.


Statistisch betrachtet ist die Sache klar: Statistisch betrachtet sollte ich die Sache lieber nicht statistisch betrachten.


Wenn ich im Seehof die Nacht beaufsichtige, damit sie keinen Unfug treibt, bin ich mit Zeit und Raum im Einklang. Meistens. Andernorts kommt es vor, dass ich, kaum wird es draußen dunkel, mit Zeit und Raum zerstritten bin. Tagsüber habe ich entweder an der Zeit oder am Raum etwas auszusetzen, aber nicht an beiden zugleich. Kurz gesagt, nachts sind die Dinge entweder gut oder schlecht, tagsüber sind sie zur Hälfte gut, zur Hälfte schlecht, und es gilt nur die Frage zu klären, ob ich am falschen Ort oder in der falschen Zeit bin.
Wie die meisten Menschen bin ich selten glücklich. Wenn ich glücklich bin, bin ich es eher nachts als tagsüber. Und wenn ich unglücklich bin, bin ich es dann, wenn die Welt hinter den Fenstern so schwarz ist, dass es keinen Beweis für ihre Existenz mehr gibt.Tagsüber bin ich vielleicht verärgert, wütend, ratlos, aber ich kapituliere nicht. Wenn es hell ist, bin ich manchmal begeistert, erfreut, fröhlich, zufrieden, aber ich schwebe nicht wunschlos über der Welt.
In der Wirtschaft heißt es, die beiden menschlichen Emotionen, die die Märkte bestimmen, seien Angst und Gier. Für beide bin ich Sachverständiger, und als solcher sage ich, sie bestimmen nicht nur das Geschehen an Börsen, sondern auch das der restlichen Welt.
Die meisten Menschen ringen mit diesen Emotionen, anstatt ihnen zuzusehen, wie sie sich gegenseitig neutralisieren. Viele fürchten die Angst und verachten die Gier, bei manchen ist es umgekehrt, und sie alle übersehen das Wesentliche. Angst und Gier haben ihre Existenzberechtigung, weil sie Werkzeuge sind, die sich der Verstand zunutze machen kann und soll, auf dass sich der Mensch in der Welt zurechtfinden möge. Ob er es tut, ist ein anderes Thema.
In Wahrheit verhält es sich nämlich umgekehrt. Was macht Angst und Gier so besonders? Es sind Gefühle, die das Kommando über unser Denken und Handeln übernehmen können. Wir neigen daher dazu, nur ihrer negativen Botschaft Beachtung zu schenken, die in ihrem trivialsten Kostüm etwa so aussieht: Sei brav! Etwas genauer formuliert: Du sollst nicht gierig sein, du sollst nicht unvorsichtig sein. Aber dieses Prinzip ist auch in die andere Richtung gültig: Du sollst nicht zu ängstlich und nicht zu bescheiden sein. Und um uns dabei zu unterstützen, scheint die Gier erfunden worden zu sein.
Wem auch immer das eingefallen sein mag, er oder sie hat es bestimmt gut gemeint.
Man braucht nur einen Blick in die Zeitung zu werfen: Gier und Angst weisen noch erhebliche Schwachstellen auf. Wenn wir ehrlich sind: Die ganze menschliche Gefühlswelt ist eine Baustelle. Was seltsam erscheint.
Was macht ein Blockchain-Entwickler, bevor er sein Werk zur Benutzung im Mainnet freigibt? Er wird es testen, es sei denn, er heißt Andre Cronje. Er fährt das Testnet hoch, beobachtet einige Wochen lang das Geschehen im Netzwerk, bis er keine Fehler mehr findet, und erst dann steht das Mainnet an. Was passiert, wenn Mercedes ein neues Modell auf den Markt bringt? Sie testen es, bis das Auto auf dem Dach oder der Elch im Krankenhaus liegt, und nur wenn das edle Tier verloren hat, erfolgt die Freigabe des Prototyps für die Serienproduktion.
Unsere Welt leidet dagegen nicht nur unter einer katastrophalen Pegelung unserer Gefühle, sondern generell an einer so monströsen Menge von Systemfehlern, dass man sich fragt, wie um Himmels Willen unser Schöpfer diese Bastelei seinem Aufsichtsrat als Mainnet-taugliche Welt verkaufen konnte. Das fragt man sich aber nur, bis einem der wahre Sachverhalt klar wird.
Wir sind das Testnet.

Auf der Suche nach der Butter entdeckte ich heute Morgen im Bücherregal die Jubiläumsausgabe einer avantgardistischen Literaturzeitschrift, die mir irgendeiner meiner Feinde untergejubelt haben muss (bestimmt ich selbst). Das Jubiläum liegt schon einige Jubiläen zurück, theoretisch zumindest, ich weiß ja nicht, ob es diese Zeitschrift noch gibt bzw. noch lange gegeben hat. Neugierig, ob womöglich einer der experimentellen Texte enthalten sei, die zu schreiben ich mich in der Adoleszenz erdreistet hatte, überflog ich das Inhaltsverzeichnis.


Seite 8: Seite 8. S.8


Ein erster Schock. Hatte ich auf der Suche nach Originalität nicht nur meinen Text, sondern auch mich selbst nach der Seite benannt, auf der er gedruckt war? Auszuschließen war das nicht. Ich hatte schon immer viele Ideen gehabt, und wenn sie nicht gut waren, waren sie schlecht.


Ich schlug die Seite 8 auf und las.


Es war noch schlimmer als befürchtet. Die Handlung der Geschichte war vermutlich von Thomas Bernhard erschossen worden, ich stieß nicht einmal auf Leichenteile. Es schien um irgendeinen Idioten zu gehen, der der Meinung war, das Zimmer, in dem er sich befand, sei ein Autoreifen.


Falls das wirklich von mir ist, ist es wenigstens nicht autobiografisch, dachte ich, ohne mich dadurch entscheidend besser zu fühlen.


Ich versuchte herauszufinden, ob der bewohnte Autoreifen metaphorisch oder buchstäblich gemeint war, aber dadurch ergaben sich nur weitere Fragen, etwa wieso ich nicht einmal Autoreifen”, sondern Pneu” geschrieben hatte. Falls ich wirklich Seite 8 war. War ich es denn? War ich einst jemand gewesen, der es gut fand, nicht nur seinen Text, sondern auch sich selbst nach der Seitenzahl zu benennen?


Man muss sich ab und zu mit dem Menschen befassen, der man früher gewesen ist. Einerseits um Missverständnisse auszuräumen und Legendenbildung im Keim zu ersticken, andererseits aus Gründen der seelischen Hygiene. Ich halte die Fähigkeit und Bereitschaft zur maßvollen Selbstkritik für die wesentlichste Voraussetzung, um auf dem unbeschilderten Lebensweg nicht irgendwann die Abzweigung zum Pfad der moralischen Verwahrlosung zu nehmen.


Das könnte man auch einfacher ausdrücken: Jeder Mensch hat die Pflicht, sich selbst daran zu hindern, ein Arschloch zu werden.


Besonders einfach war das jetzt wieder nicht ausgedrückt, aber was soll’s.


Man sieht, ich bin selbstkritisch (“wieder nicht einfach ausgedrückt”), aber ich halte Maß (“was soll’s”). Ein überkritischer Blick auf das gegenwärtige wie auch auf ein abgelegtes Ich ist auch nicht gesund. Wenn jemand zu klare Vorstellungen hat, was gut und richtig ist und was nicht, wenn jemand ganz genau zu wissen glaubt, wie der Mensch sein muss und wie er auf keinen Fall sein darf, beginnt er schnell, andere und sogar sich selbst zu bevormunden. Die freiwillige Selbstkontrolle ist allerdings eine nur vermeintlich freiwillige Selbstkontrolle. Wenn man sie sich näher ansieht, entdeckt man schnell die Liebe zur Diktatur. Diktatur will jedoch gelernt sein, und wenn uns ein unangenehmer Mensch begegnet, ist es oft ein Diktator, der an sich selbst übt. Die meisten von ihnen werden zum Glück nicht Bundeskanzler, sondern bringen es nur zum Leserbriefschreiber.


Wenn Sie nicht selbst einer sind, ist Ihnen sicher schon aufgefallen, dass Menschen, die richtig” sein wollen (“richtig” im Sinne von gut”, gut” im Sinne von besser als die anderen”), auf die absurdesten Ideen kommen. Ich kenne mindestens vier an sich kluge Personen, die sich selbst verboten haben, wütend zu sein. Selbstverständlich sind sie fast ununterbrochen wütend, was außer ihnen selbst niemandem entgeht, und ebenso selbstverständlich tun sie nichts lieber als Leserbriefe zu verfassen. So weit kann es mit jemandem kommen, der in emotional belasteten Situationen nicht unterscheiden kann, ob er wütend ist oder nicht, und wenn ja, ob er auf andere wütend ist oder auf sich selbst.


Wobei auf sich selbst wütend zu sein nicht nur ungesund, sondern auch unsinnig ist. Wenn wir etwas getan haben, haben wir es deswegen getan, weil wir in jenem Moment nicht anders konnten. Wir tun, was wir können. Es jemandem zum Vorwurf zu machen, dass er etwas nicht kann, ist idiotisch. Was soll er denn machen? Aus sich einen Gott schnitzen?


Ähnliche Betrachtungen stellte ich heute vor dem Bücherregal an. Besser gesagt, mit ähnlichen Argumenten versuchte ich mich zu beruhigen, während ich den Autoreifendreck las. 


War ich Seite 8? Ich weiß es nicht. Ich werde eine Woche lang darüber nachdenken. Ich bin vorsichtig optimistisch, dass ich nicht Seite 8 bin, aber eigentlich nur aus einem einzigen Grund: Ich bin kein Leserbriefschreiber geworden.


Vielleicht kommt das erst.


(Fortsetzung folgt)


Seit der allgemeinen Internierung finden Literaturveranstaltungen entweder gar nicht oder nächstes Jahr oder im Internet statt. Wer die Literatur verschiebt, nimmt uns unsere Sehnsüchte. Das ist nicht gut, das muss sich ändern.


Der Ausfall von Veranstaltungen sollte eigentlich ja den positiven Nebeneffekt haben, dass Schriftsteller ihre Zeit dem Schreiben widmen können, anstatt im Rahmen von staatlich teilfinanzierten Alkoholtourneen quer durchs Land Unschuldigen aus ihren bereits veröffentlichten Werken vorzulesen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, welches Risiko so ein Abend für die Phantasie und die Moral darstellt. Ich weiß allerdings nicht, für wen das Risiko größer ist, für den Autor oder für das Publikum.


Beide Seiten werden durch die Lesung korrumpiert. Der Autor, weil er eine Applausgarantie hat, denn so einen Stiefel kann gar niemand zusammenschreiben, um das Publikum dazu zu bringen, die Regeln der Höflichkeit so eklatant zu verletzen, dass es ihm nicht die geringste Huldigung zuteil werden lässt. Das bedeutet: Er bekommt auch Applaus für schlechte Texte. Seine nächsten werden daher kaum besser sein. Und das Publikum wird auch nicht klüger, wenn es Stiefel vorgelesen bekommt. Im Gegenteil, je mehr Stiefel, desto mehr gaga. Meiner Schätzung nach kann ein durchschnittlich intelligenter Mensch bis zu zehn Literaturplastikkopfabende im Jahr besuchen, ehe erste irreversible Hirnschäden auftreten. Das erklärt so manches, denn die meisten Schriftsteller waren ja selbst Besucher zahlreicher Lesungen.


Das Publikum besteht in der Regel aus apathischen Männern und Frauen, die Veranstaltungen besuchen, um sich am Abend einmal woanders als zuhause zu langweilen und mit etwas Glück ein kostenloses Brötchen mit Ei und Salami abzustauben. In meinen Lesungen sitzt für gewöhnlich zumindest ein eifriger Vertreter irgendeines läppischen Dogmas, der mit seinen Parolen für Heiterkeit sorgt, oder es erscheint ein Querulant, den ich ohne schlechtes Gewissen verhöhnen kann. An solchen Tagen ist es nett, aber mir fehlt etwas. Etwas, das groß werden könnte. Nein, nicht das. 


Manchmal jedoch ist alles anders. Manchmal erscheint eine schöne Unbekannte. Wir wechseln Blicke. Zwischen uns passiert etwas, ganz ohne unser Zutun. Sie hat Anmut, Liebreiz, Geist und Würde. Mir wird der Mund trocken, und mein Puls steigt, als ich bemerke, dass auch ich auf sie wirke. Ich glaube, ich bedeute ihr etwas, obwohl ich mir nicht erklären könnte, was so eine Göttin ausgerechnet von mir wollen würde. 


Irgendwann spüre ich: Der Kampf ist vorbei. Nach der Lesung lässt sie sich ihr mitgebrachtes Buch nicht signieren, sondern nickt mir ernst zu, wendet sich zur Tür, zögert einen Moment, dreht sich noch einmal um, sucht meinen Blick, findet ihn, wir erschrecken beide, weil da zwischen uns etwas ist, etwas Starkes, Vertrautes. In diesem Moment fragt mich jemand etwas, und als ich später wieder zur Tür schaue, ist sie gegangen, sie, die vielleicht meine große Liebe geworden wäre. Oder schon war. Oder ist.


In solchen Nächten, wenn ich allein im Hotelzimmer liege, vergeht mir die Literatur für eine Weile. Dennoch sind es diese traurigen Abende, die mir mehr bedeuten als die, an denen ich nicht einmal merke, was mir fehlt. Es ist nicht wichtig zu wissen, was einem fehlt, wichtig ist, dass man weiß, was man noch finden kann.


Vor 25 Jahren schrieb ich mein zweites Hörspiel. Senden wollte es niemand. Die formlosen Absagebriefe betrachtete ich bereits als Fortschritt, immerhin wurde es von den Redaktionen unter noblem Verzicht auf Verhöhnungen abgelehnt, anders als mein erstes, das auch niemand hatte senden wollen.

Die Antwort des WDR hätte auch ein Optimist nur mit Mühe zu einem Vielleicht” umdeuten können: Nach reiflicher Überlegung haben wir uns entschlossen, das Ganze für eine Satire zu halten. Zumal Sie in Graz wohnen und da ja allerhand Krudes geschrieben wird. Falls es keine Satire ist, ist es trotzdem nicht gut genug, um von uns produziert zu werden.”

In diesen Sätzen steckt viel Weisheit. Kurz danach habe ich Graz verlassen. Ob zwischen diesem Brief und meiner Übersiedlung aufs Land ein Zusammenhang besteht, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, dass ich in der Oststeiermark das zweite Hörspiel schrieb. Es behandelte ein Thema, das mich heute noch interessiert: Alles für uns Sichtbare trägt eine Bezeichnung. Aber wer hat ihm dieses Wort zugewiesen, und aus welchem Grund?

Städte, Orte, Dörfer zum Beispiel. Wieso heißt eine steirische Gemeinde Wundschuh? Welcher Humorist hat dem Ort Edelschrott seinen Namen gegeben? Wundert sich eigentlich außer mir niemand, wenn er auf Ortsschildern Aufschriften wie Sankt Kind, Schiefer oder Unterlupitscheni liest?

Oder Familiennamen. Warum jemand Schuster, Müller, Bäcker, Schneider, Bauer, Schreiber oder Wirt heißt, kann man sich ausrechnen – seine Urahnen werden sich in diesen Berufen einen Namen gemacht haben. So klar ist die Sache nicht immer. Der österreichische Fußballer Joachim Standfest hat sich gewiss mehr als einmal gefragt, welchen Beruf sein Ururururururgroßvater ausgeübt hat. Und schlägt man das Telefonbuch auf, hofft man als Humanist, dass manche Menschen ihre Namen nicht wirklich den Berufen ihrer Vorfahren zu verdanken haben: Dollfuß, Dirnberger, Dirnweber, Dirnhofer, Dirnbeck, Darmgraber. Wieso jemand Duftschmied, Dienstleder, Dunsthirn oder Dolm genannt wird, kann ich mir zwar vorstellen, will ich aber nicht. Dagegen kann ich mir sehr gut und sehr gern vorstellen, dass es in einem Dorf, dessen Einwohner auf Basis ihrer Qualifikationen, Berufe, Interessen und Eigenschaften von ihren Mitbürgern Decker, Drescher, Doppler, Dreier, Durst, Damisch, Duttl und Dienstbier genannt wurden, recht lustig zugegangen ist.

Allerdings war es nicht für alle lustig, das ist es nie und nirgends, und dafür gibt es Belege. Etwa den Namen meiner netten oststeirischen Nachbarn. Deren Vorfahren werden sich bestimmt nicht freiwillig Saulauf genannt haben. Es besteht natürlich die Möglichkeit, dass Saulauf einst ein Ehrentitel war, der nur an jemanden verliehen wurde, der zumindest einmal das jährliche Wettrennen mit der schnellsten Sau des Dorfes gewonnen hatte. Für sehr wahrscheinlich halte ich das aber nicht. Und wenn es doch stimmt, darf sich kein Saulauf beschweren. Er oder sie stammt eben von jemandem ab, der mit Schweinen Wettrennen veranstaltet hat, und diesem Teil der Bevölkerung sind bislang noch wenige Begründer ruhmreicher Dynastien entsprungen.

Wenn ich es mir recht überlege, könnte Österreich allein deswegen in die politische Bedeutungslosigkeit abgeglitten sein, weil unsere Namen nicht viel hergeben. Habsburg – ja, das ist ein großer Name! Da heiratet man gern ein. Aber in das Geschlecht der Dienstbiers, Dunsthirns oder Saulaufs?

Naja, wer weiß, wie anders die Weltgeschichte verlaufen wäre, hätte im Frühsommer 1914 nicht der Thronfolger Franz Ferdinand, sondern Erzherzog Franz von Saulauf die Reise nach Sarajevo angetreten. Attentäter sind eitel, sie wollen es in die Zeitungen und Schulbücher schaffen – aber nicht als Mörder des Ehepaars von Saulauf.


Wetten sei eine Sache für Knechte, schärfte mir meine Urgroßmutter früh ein. Ihrem Tonfall nach zu urteilen hatte sie keine hohe Meinung vom Berufsstand der Knechte. Ich war gewarnt. Ich schlug die erfolgversprechendsten Wetten aus, schließlich wollte ich eines Tages einen angesehenen Beruf ausüben. Vielleicht kommt dieser Tag ja noch, aber ich würde nicht darauf wetten, denn wie wir alle habe ich höchstwahrscheinlich durch zahllose unbewusste Wetten mein Karma irreversibel besudelt.


Wie denn auch anders? Unsere Gesellschaft ist auf Wetten aufgebaut, das Prinzip der Wette zieht sich durch unsere ganze Existenz: Wenn man eine Aktie kauft, wettet man darauf, dass sie in der Zukunft Erträge bringen wird (solche Wetten bezeichnen Spekulanten jedoch als Spekulation, um Knechte u.ä. abzuschrecken). Wenn man in einem Restaurant bestellt, wettet man darauf, dass der Koch eine hohe Geschmacksintelligenz hat und darüber hinaus Bärlauch von Maiglöckchen unterscheiden kann. Wenn man in einen Bus steigt, wettet man darauf, dass der Lenker den Weg kennt und bei Sinnen ist. Wenn man eine Beziehung eingeht, wettet man darauf, dass sich der Partner nicht als Bestie entpuppt. Wenn man den Fernseher einschaltet, wettet man darauf, dass man durch eine Sendung gut unterhalten oder belehrt wird, wenn man einschläft, wettet man darauf, dass man wieder aufwacht (eine der Wetten, die man irgendwann unweigerlich verliert, das aber dafür nur ein einziges Mal), und jeden Tag wettet man aufs Neue darauf, dass man mit dem, was man tut, sozial und finanziell auf der Gewinnerseite steht (eine der Wetten, bei der das Verhältnis zwischen Siegern und Verlierern nicht 50:50 beträgt).


Urgroßmutters Warnung vor einem leichtfertigen Umgang mit der menschlichen Ungewissheit spricht für ihren Weitblick. Die Welt ist weitgehend beherrscht, um nicht zu sagen verknechtet, wovon man sich überzeugen kann, indem man in einer belebten Straße fünf Minuten lang Eindrücke von den Gesichtern seiner Mitmenschen sammelt. Die einen wirken verbissen und streng, die anderen furchtsam und erschöpft. Auf den einen wie den anderen lastet ein schweres Gewicht, als sei ihnen das Leben zu kompliziert, zu anstrengend und zu verwirrend, was nicht verwundert, weil das Leben kompliziert ist, kompliziert und anstrengend und hochgradig verwirrend. Um in der Welt zurechtzukommen, müssen wir Rollen einnehmen, und oft bleibt uns im Leben keine andere Wahl als die zwischen beherrschen und beherrscht zu werden.


Was meinen wir, wenn wir von der Welt und vom Leben sprechen? Die Welt, das sind die anderen Menschen. Das Leben, das ist die Kollision unseres Bewusstseins mit der Welt.


Die Struktur der menschlichen Gesellschaft ist schlichtweg unreif, sie baut auf Hierarchien auf, deren Legitimation angezweifelt werden darf. Die meisten Menschen beherrschen entweder andere oder werden selbst von anderen beherrscht. Das ist nicht nur der Ursprung der Schwere, die auf ihnen lastet, sondern auch ihrer Verbissenheit und ihrer Erschöpfung. Beides ist dem Charakter und der Herzensbildung nicht zuträglich. Wer in einem gewissen Rahmen Macht über andere hat, etwa als ihr Vorgesetzter, Lehrer, Vater oder Schwiegermutter, der nutzt diese Macht irgendwann auch zum eigenen Vorteil, wogegen wohlgemerkt nichts einzuwenden ist, bis er beginnt, diese Macht zum Nachteil des anderen auszunutzen.


Es kann natürlich sein, dass ich die Vergangenheit verkläre oder in mir etwas Besseres suche, als auf den ersten oder auch den tausendsten Blick zu entdecken ist. Aber ich glaube, ich habe schon damals, als Kind, für mich beschlossen, dass ich das richtige, das gute Leben nur finden werde, wenn ich niemanden beherrsche und von niemandem beherrscht werde.


Allmählich wächst in mir jedoch der Verdacht, dass dies unmöglich ist. Jeder von uns beherrscht jemand anderen, oft ohne es zu wissen, und jeder von uns wird von jemand anderem beherrscht, zumindest beeinflusst, meist ohne es zu wissen. Das Leben ist nämlich auch die Kollision unseres Unterbewusstseins mit dem, was unser Bewusstsein gerade für die Welt hält, kompliziert und anstrengend. Und was bei dieser Kollision passiert, werden wir nie erfahren, obwohl wir dabei sind, wieder und wieder und immer wieder, jedes einzelne Mal. Und das ist verwirrend.


Ich hatte noch nie das Gefühl, Teil eines konsistenten Gefüges zu sein. Wenn ich irgendwo dazu gehöre, fühle ich, ich gehöre nicht wirklich dazu. Wenn ich allein bin, merke ich, wie nahe ich mich sogar Menschen fühle, die ich kaum kenne und in deren Gedanken ich vermutlich nie auftauche. Nichts ist jemals fertig, nichts ist jemals ganz. Für sich genommen ist das weder gut noch schlecht. Wenn ich wählen müsste, würde ich mich für das Unfertige entscheiden. Was noch nicht fertig ist, kann verbessert werden.

Manchmal denke ich darüber nach, ob wir vielleicht zwei Leben führen. Das eine, wenn wir wach sind, und das andere, während wir schlafen. Zwei reale Leben. Zwei verschiedene Ichs. Zwei unterschiedliche Konzepte von Glück und Unglück, Freude und Verzweiflung, Liebe und Einsamkeit, Verrücktheit und Rationalität. Zwei Welten. Von denen sich jede für einzigartig hält.

Auf beiden Seiten der Bewusstseinsgrenze sind wir überzeugt, wach zu sein und die Realität zu erleben, unser zweites Leben halten wir für eine Abfolge unzusammenhängender Träume. Beide Welten sind grundverschieden, es herrschen darin unterschiedliche Gesetze, Fauna und Flora der anderen Seite sind für den Träumer gar nicht als solche zu erkennen, dafür nimmt er Wesen wahr, die sein anderes Ich auf der anderen Seite nicht sehen kann. Er hört anders, er schmeckt, riecht und fühlt anders, er hat andere Freunde, andere Eltern, andere Kinder, eine andere Liebe, und wenn er erwacht oder einschläft, nimmt er Erinnerungen an sie mit, die sich mit jeder Minute tiefer in seinem Bewusstsein verlieren.

Den Rest des Tages versucht er, die Lücken in der Welt zu ignorieren.

Diese Theorie würde immerhin erklären, warum manche Menschen Langschläfer sind und andere das Schlafengehen so lange wie möglich hinauszögern. Die Schlafmützen sind auf ihrer Nachtseite schön, beliebt und reich, die Schlaflosen… naja, sind es vermutlich nicht. 

Ich bin kein glücklicher Mensch. Ich war im Leben bislang nur selten glücklich, die meiste Zeit war ich aber auch nicht unglücklich. Den Zustand dazwischen hielt und halte ich manchmal für Glück, manchmal für Unglück, und das nährt in mir allmählich den Verdacht, dass ich den Unterschied sowieso nie erkennen werde. Damit bin ich vermutlich nicht allein. Die meisten von uns wissen immer erst einige Zeit später, ob es ihnen auf der Party gefallen hat.

Schon jetzt würde ich allerdings gern wissen, warum ich äußerst ungern, selten und nur widerwillig schlafe. Das könnte unerfreuliche Ursachen haben. Vielleicht frage ich mich als Schlafender ja ständig, ob es mich gibt, das ist auf Dauer bestimmt lästig. Es könnte aber auch nur eine Frage der Wahrnehmung sein. Könnte? Nein. Ist es.

Denn alles, wirklich alles ist eine Frage der Wahrnehmung.


Als amtlich beeideter Nachtwart hat man so etwas wie Berufsehre. Wo kämen wir da hin, wenn ein Nachtwächter nicht mehr auf die Nacht aufpassen würde, bloß weil es gerade hell ist? Ich bin ein pflichtvergessener Mensch.

Hm, eigentlich wollte ich schreiben: Ich bin kein pflichtvergessener Mensch. Aber es liest sich ohne das k stimmiger, finde ich.

Ich bin aber trotzdem kein pflichtvergessener Mensch. Wahrscheinlich hadere ich mit diesem Satz, weil er eines meiner Reizworte enthält: Pflicht. Pflicht klingt schon so hässlich, und dementsprechend hässlich sind meine Assoziationen damit: Bauernstube, Stall, Kühe, Melken, Ministrieren. Wobei ich nicht weiß, wie mir das Ministrieren in den Stall gekommen ist. Egal, es sollte klar sein, worauf ich hinaus will. Als jemand, der grundsätzlich ungern ministriert und als Melker ganz bestimmt nichts taugt, steht einem im Leben, wenn man ein gutes Leben leben will, nur eine einzige Strategie zur Verfügung: Man muss die Neigung zur Pflicht machen.

Irgendetwas muss man ja tun, wenn man erst einmal in die Welt gepresst worden ist. Man kann schließlich nicht bloß da liegen, abgesehen davon, dass man selbst dann nicht bloß da liegt, sondern auch atmet und gelegentlich sogar denkt, ob man will oder nicht, und ob man es gut oder weniger gut kann, das Denken, meine ich, das Atmen haben wir automatisiert. Atmen ist leichter als Daliegen und als Denken. Für die Mehrheit der Menschen jedenfalls. Bei Leichen sieht die Sache anders aus, aber ist eine Leiche ein Mensch? Da wären die Lebenden eine leicht zu unterdrückende Minderheit, denn es haben schon knapp 110 Milliarden Menschen gelebt, von denen über 100 Milliarden derzeit tot sind, Volksabstimmung würden wir also keine gewinnen.

Denken, Daliegen, Atmen – das klingt so einfach. Aber je länger man über die Pflicht bzw. Neigung nachdenkt, alle drei Handlungen zur selben Zeit durchzuführen, desto schwieriger erscheint diese Aufgabe. Goethe oder Einstein schaffen höchstens 1 von 3, und sollten sie kremiert worden sein, gäbe es für sie überhaupt keine Punkte. So betrachtet, werden Goethes und Einsteins Leistungen sogar von der meines verabscheuungswürdigen, halb debilen Nachbarn überboten, der, wenn er nicht damit beschäftigt ist, seine Frau zu schikanieren, den ganzen Tag vor dem Fernseher liegt und in der Nase bohrt. Gedanken sind ihm keine nachzuweisen, aber er atmet. Man merkt es besonders, wenn er schläft, weil er schnarcht wie ein Ross. Ergibt 2 von 3 Punkten für den idiotischen Nachbarn.

Es wird nicht einfach sein, ihm die Führung einzujagen. Ich atme gern, wenn ich schon einmal dazu Gelegenheit habe, die kriegt man als Mensch ja nicht bis in alle Ewigkeit. Daliegen ist schon schwieriger, ich bin nicht so der passive Typ. Und was das Denken anbelangt, naja, das kann ich manchmal besser, manchmal schlechter, ich tue es manchmal gern, manchmal eher weniger gern, aber im Gegensatz zu meinem Nachbarn kann ich mich sowieso nicht dagegen wehren.

Wie bin ich denn bei diesem abwegigen Thema gelandet? Ich wollte doch über etwas ganz anderes sprechen. Glaube ich.

Das kommt davon, wenn man nicht bloß daliegt und atmet. Ich werde besser aufstehen und ein paar langweilige Atemübungen machen, vielleicht fällt mir dann wieder ein, was ich denken wollte.


Unlängst feierte ich mit meinem Kollegen Sir Marcel, der in seinen Filmen nur mit französischen Akzent stöhnt, aber nie spricht, weil er eigentlich Josef Haberfellner heißt und aus Kottingbrunn stammt, an einem Würstelstand den Drehschluss von Die Stutenfarm, einer sexistischen Posse in der Tradition des griechischen Tumultdramas,

Beim Essen kam es zu einem nicht böse gemeinten verbalen Schlagabtausch. Sir Marcel, den es sehr beschäftigt, dass ich von uns beiden der Dickere bin, während er der Längere ist, und der deswegen bei jeder Gelegenheit das Gespräch auf die Vorzüge langer Gartenschläuche lenkt, begann mir auseinanderzusetzen, dass überall in der Welt Fraktale unser Dasein widerspiegeln, um dem Mikro das Makro zu erklären. Er könne mich mit seinem Mikro gernhaben, sagte ich. Es sei kein Zufall, sagte er, dass ich eine fette Knacker vor mir hätte, während aus seinem Hotdog ein stolzes Sacherwürstel leuchtturmgleich emporrage. Ich sagte ihm, was er mit seinem Sacherwürstel tun könne.

In diesem Moment kippte die Heiterkeit ins Bedrohliche, denn mir wurde aus dem Nichts bewusst, wie wenig Gewissheit ich in einer entscheidenden Frage hatte:. 

War ich wirklich ich?

Ich könnte jeder sein, wurde mir in diesem Moment bewusst, und jeder könnte ich sein.

Ich könnte schon in der nächsten Sekunde jemand anderer sein, ohne es zu bemerken, ausgestattet mit einem zehn oder dreißig oder siebzig Jahre alten Gedächtnis, das in Wahrheit erst Stunden zuvor programmiert worden war. Hier und jetzt war ich vielleicht ich, vielleicht schon immer, vielleicht erst seit Sekunden. Ich konnte auch der Würstelmann sein oder einer der übrigen Nachtvögel ringsum, ohne es zu wissen. Eine Traumgestalt oder ein Gerücht könnte ich sein, oder womöglich eine Romanfigur: ein Schriftsteller, der diese Szene gerade erlebt oder doch erfindet, sie aufschreibt, der sich selbst in seinem Text zum Leben erweckt, und der sich natürlich nicht die Gelegenheit entgehen lässt, in einem Nebensatz an die selbstbezüglichen Sätze Douglas R. Hofstaedters zu erinnern (“Dieser Satz kein Verb.”) und am Ende die Frage aufzuwerfen, wie groß die Macht eines Anführungszeichens sein kann.”

Wer bin ich?

Wer nicht?

Wer bin ich nicht?

Wer ist nicht ich?

Daraus bastle ich mir morgen ein Haiku.


Im Seehof vermeide ich es, zur selben Zeit wie die Gäste zu essen, schließlich haben sie mir nichts getan. Bei mir besteht immer die Gefahr einer plötzlichen Lachattacke, und ich muss einräumen, dass die Zahl der Körperfunktionen, die man unter Kontrolle haben sollte, sich von der Zahl derer, die man zu kontrollieren in der Lage ist, mit zunehmendem Alter entfernt.

Damit ist nicht gemeint, was sich der eine oder andere Perversling gedacht haben wird. Ich beziehe mich vielmehr auf den österreichischen Allgemein-Bürgerlichen Verhaltenskodex ABVK, Paragraph §772 Absatz c, der festlegt, dass mit vollem Mund nicht gesprochen werden darf.

Wir wollen eine breitere Beanstandung der inneren Logik dieses Gesetzes fürs erste zurückstellen und nur an die Definition von voll” erinnern. Voll bedeutet, dass es keinen freien Platz mehr gibt, was beim Essen nur vorkommen könnte, wenn zu den dem Menschen bekömmlichen Speisen auch Zement zählen würde. Beim Essen wird kein Mund voll. Dagegen hatte ich mehrfach Gelegenheit, die abrupte Schweigsamkeit mir nahe stehender bzw. sitzender oder liegender Frauen zu erleben, die den Mund voll genommen hatten, ohne dass etwas Essbares in der Nähe gewesen wäre, und wäre ich ein frauenfeindlicher Schweinehund, würde ich es ernst meinen, wenn ich sage, dass es kaum ein besseres Beispiel für die zwei Fliegen gibt, die man mit einer Klatsche erschlägt.

Natürlich bin ich kein Schweinehund und meine es nicht ernst, ich leide bloß an der Krankheit, auch absurden, albernen oder idiotischen Gedanken etwas abgewinnen zu wollen. Bei Menschen verhalte ich mich ähnlich. Gelegentlich zahlt sich das sogar aus.

Wie üblich entweicht mir mein Thema. Fangen wir noch einmal an.

Vor langer, langer Zeit, als gastronomische Betriebe noch nicht für illegal erklärt worden waren, saß ich mit meinem Sohn beim Abendessen in einem gut beleumundeten Lokal, als eine Frau im Gastgarten rief: Aussa mit dem Christoph!”

Diese auf den ersten Blick harmlose Aufforderung zur sozialen Interaktion setzte bei mir eine Assoziationskette in Gang, an deren Ende ich das Wasser, das ich gerade trinken wollte, vor Lachen über den ganzen Tisch versprühte, und man kann nicht behaupten, dass die unmittelbare Reaktion meines Sohnes mit den Worten verständnisvoll und tolerant faktentreu umschrieben würde. Sein Fluchen und Wettern endete erst, nachdem ich ihm dargelegt hatte, was in meinem Kopf gerade vorgegangen war.

Der Ausruf Aussa mit dem Christoph!” bezog sich, so vermutete ich, auf einen im Lokal verweilenden Mann, dessen Gesellschaft die Frau im Gastgarten herbeizwingen wollte. In meinem Bekanntenkreis herrscht ein Engpass an Christophs, es heißt auch niemand vom Personal so. Trotzdem befand sich mit Sicherheit einer im Lokal. Oder?

Oder auch nicht. Es gab eine zweite Möglichkeit. Er konnte durchaus draußen sein, sogar im Gastgarten. Er musste nicht einmal Christoph heißen.

In der Tragikomödie der Menschheit lässt der Weltgeist immer wieder bizarre Gestalten auftreten, die ihnen besonders teuren Körperteilen eigene Namen geben, mit ihnen sozusagen auf kumpelhafter Ebene verkehren. Zumeist sind es Männer, aber der Zufall hat mich schon den Weg von Frauen kreuzen lassen, die ihr primäres Geschlechtsorgan Carolin oder Elvira nannten. (Wir wurden einander vorgestellt, aber nach einer Vertiefung der Bekanntschaft stand mir dann nur noch selten der Sinn.)

Mein aktueller Heiterkeitsausbruch war aus der Vorstellung entstanden, Christoph sei gar kein im Lokal befindlicher Mann, sondern der Name, den ein neben der Frau sitzender, vermutlich nicht Christoph heißender Mann seinem Penis gegeben hatte, und die Aufforderung Aussa mit dem Christoph!” hätte eine rein sexuelle Bedeutung gehabt.

Es gibt solche Leute, wissen Sie.



Neulich habe ich Weihnachten bemerkt. Das ist nicht so selbstverständlich, denn wenn ich nicht gerade im Seehof” die Nacht bewache, pflege ich zur Gegenwart ein distanziertes Verhältnis. Mich interessiert Morgen, mich interessiert Gestern, das Jetzt hingegen hat wenig zu bieten: Wenn man es wahrzunehmen beginnt, ist es schon fast wieder vorbei. Und Weihnachten? Wenn ich an die Heiligen Drei Könige denke, fällt mir zuallererst nicht das Jesuskind in der Krippe ein, sondern davor Lemmy Kilmister, der Gründer von Motörhead.

Ich will nicht lügen: Ob zu Weihnachten, zu Ostern, zu Pfingsten oder zu Maria Empfängnis, immer wenn ich an hohen Feiertagen über den Zustand der Welt nachsinne, bin ich im Großen und Ganzen von der Leistungsbilanz des Menschen ein wenig enttäuscht, und die Tatsache, dass ich selbst einer bin, aber mir ein Urteil über die anderen anmaße, erfüllt mich mit Unbehagen, Misstrauen und Skepsis, weil die statistische Wahrscheinlichkeit, dass ich mich zu Unrecht im Recht sehe, signifikant ist. Zu meinem Pech kann ich nichts daran ändern, dass mir die Stumpfheit der meisten Menschen nicht entgeht und zuwider ist, dass ihre Phantasielosigkeit, ihre Gleichgültigkeit gegenüber dem Befinden anderer, ihr Desinteresse am Sein mich abstoßen. Doch weil ich bei mir selbst immer unter Generalverdacht stehe, frage ich mich, ob das Auftreten solcher Wertungsexzesse womöglich auf eine Neuinfektion mit einer in der Gesellschaft weit verbreiteten Form des Größenwahns zurückzuführen ist (die sogenannte statische Ordnung). Wie jeder über lange Zeit hinweg an Größenwahn leidende Mensch habe ich mich früher gelegentlich durchaus als Auserwählter gesehen, ein Irrtum, der sich zum Glück irgendwann aufgeklärt hat.

Aber wer weiß, vielleicht lebt in mir, von mir selbst unbemerkt, noch immer die eitle Hoffnung, eines Tages der Welt in guter alter Erlösertradition ein großes Geschenk zu machen, einigen von mir ist ja alles zuzutrauen. Ich bin so viele, und manchmal glaube ich, ich werde immer noch mehr. Mitunter argwöhne ich, einige meiner Sub-Accounts, also meiner Teilpersönlichkeiten, könnten trojanische Pferde oder Trickbetrüger sein, von einem machtvollen Zauberer bei mir eingeschleust, um mich in den Wahnsinn zu treiben. Manche von ihnen verbergen etwas vor mir. Andere Menschen durchschaue ich weit leichter als einige, die ich sind, und das finde ich beunruhigend.

Wenn ich einen Weihnachtswunsch frei hätte, würde ich mir natürlich zunächst mehr Wünsche wünschen, und gleich danach käme die Gabe, die Grenzen zwischen mir und den anderen klar und deutlich erkennen zu können. Ich habe dafür eigentlich keinen Anhaltspunkt, aber vielleicht sind ihre Ausreden meine Ausreden, ist ihre Trägheit meine Trägheit, ihr Neinsagen meines, ihr Mangel an Neugier meiner, ihre Feigheit meine Feigheit, und ich erkenne mich selbst in ihrer Heuchelei, in ihrer Selbstgefälligkeit, in ihrem Sarkasmus, mit dem sie sich vor den anderen zu schützen versuchen, und in ihrem Zynismus, mit dem sie sich vor sich selbst zu schützen versuchen, vor ihren verdrängten Illusionen, vor den Idealen, vor ihrer Angst, eben vor allem, was lebendig ist. Ich verstehe nicht, wie man es fertig bringt, ein Leben lang eine bestimmte Haltung anderen gegenüber als moralischen Imperativ darzustellen, und wie man sich dann, wenn die Umstände es erfordern, den edlen Worten durch Taten Glaubwürdigkeit zu verleihen, eine Auszeit von der Realität nehmen kann, ohne sich zu schämen. Ich begreife nicht, wie man leben kann, ohne sein Tun, seine Motive, seinen Charakter, sein Weltbild, sein Selbstbild jemals einer ernsthaften Prüfung zu unterziehen. Vielleicht liegt es daran, dass wir alle schon zu lange vergeblich auf ein Wunder warten. 

Wenn ich zu Heiligabend oder an anderen Feiertagen an dieser Stelle meiner düsteren Weltbetrachtungen ankomme, ist es für Stille Nacht schon zu spät, und ich lese zur Ablenkung zum hundertsten Mal das Interview, das Alexander Gorkow 2008 mit Lemmy Kilmister für die SZ geführt hat.

Vom Interviewer nach seiner Position zur Kirche gefragt, antwortete der Sänger: Dünne Geschichte, die christliche Religion. Jungfrau wird schwanger von einem Geist, bleibt aber Jungfrau. Sie sagt zu ihrem Mann, ich bin schwanger, Schatz, aber mach dir keine Sorgen, ich bin ja immer noch Jungfrau. Menschen, die sich so benehmen, verdienen es, in einem Stall übernachten zu müssen.”

Ich denke, es ist kein Zufall, dass Lemmy an einem 24. Dezember geboren wurde, so wie es sich für einen Heiland gehört. Aus ihm hätte ein außergewöhnlicher Erlöser werden können, wenn es ihm gelungen wäre, seinen Fatalismus zu bändigen, der auf manche seiner nach Orientierung suchenden Jünger vermutlich eine demotivierende Wirkung gehabt hätte.

Lemmy verdanke ich durch diese Bemerkung eine neue Sicht auf die Geschichte des Zimmermanns aus Bethlehem: Wenn man sie als die Liebesgeschichte von Maria und Josef liest, passen alle Details zusammen. Letztendlich ist jede gute Geschichte immer auch eine Liebesgeschichte.


Ich muss mir durch irgendeine Unbedachtsamkeit den Zorn eines Zauberers bäuerlicher Herkunft zugezogen haben, denn als einzige weitere Erklärung dafür, warum in meinem Gehirn seit ein paar Tagen ständig im Hintergrund Country-Musik läuft, als wäre es ein Landgasthaus, kommt nur in Frage, dass meine Fantasie mich hasst. Und der habe ich nie etwas zuleide getan, das war allenfalls umgekehrt. Oder? Wer weiß. Zum Glück ist meine Fantasie kein Mensch.

Die meisten Menschen lieben es ja, auf jemanden beleidigt zu sein. Nicht nur, weil sie sich dabei selbst leid tun können, sondern weil dadurch ihr eigenes Guthaben auf dem gemeinsamen Emotionskonto steigt, während das des anderen tief ins Minus rutscht, bis er sich gezwungen sieht, einen Kredit aufzunehmen. Und was das Thema Zinsen anbelangt, können selbst die ärgsten Wucherer und Schutzgelderpresser von professionellen Emotionskapitalisten noch einiges lernen. Sogar als der zertifizierte Nachtwart, der ich bin, reich an Erfahrung, voll der Menschen und ihres Schicksals, ein Mittler zwischen den Welten, Beschützer der Menschen vor der Nacht und der Nacht vor den Menschen, muss ich gestehen, dass mir Menschen von dieser Wesensart Schauer über den Rücken jagen.

In Partnerschaften und im Familienkreis wird von den Terroristen genau Buch geführt: Wenn der Ehepartner den Hochzeitstag vergessen oder die Seidenhemden im 90°-Programm gewaschen hat, werden sie niemals die Gelegenheit versäumen, ein Drama daraus zu machen. Gerade zu Weihnachten findet sich leicht ein Grund zur Empörung, und wenn nicht, können sie immer noch wegen des Geschenks beleidigt sein. Wenn sie keines gekriegt haben, umso besser. Irgendwann, denken sie, werden sie selbst etwas Dummes tun und das erwirtschaftete Emotionskapital brauchen. Und damit haben sie zu allem Überfluss auch noch recht.

Wir leben nach seltsamen Regeln, von denen so gut wie keine in schriftlicher Form existiert und von deren Existenz auch nur zu wissen wir leugnen, Wenn wir gekränkt werden, scheinen wir einem Geheimprotokoll folgend dazu ermächtigt zu sein, den Übeltäter bei der nächsten Gelegenheit doppelt zu kränken, und trotzdem wird uns von unserem Konto nur wenig oder gar kein Kapital abgebucht. Der, der zuerst Schuld hatte, wird immer Schuld haben, während sein Opfer nie so viel Schuld haben kann, selbst wenn es den anderen viviseziert, denn Emotionskonten funktionieren auf der Grundlage eines Rebase-Systems. Wem das nicht klar ist, der läuft sein Leben lang vor seinen Schulden davon oder dem Kapital hinterher. Zu Weihnachten heißt es besonders aufpassen, denn wichtige Feste im Familienverbund bieten den Profis an allen Ecken und Enden Gelegenheit zur Entrüstung. Das Problem an der Sache ist: Man weiß weder, wer sie sind, noch ob man zu ihren Opfern zählt, denn wenn man leicht manipuliert werden kann, weiß man nicht, dass man manipuliert werden kann. Was gleichbedeutend ist damit, dass wir niemals wissen werden, ob wir wirklich einen eigenen Willen haben oder per Fernsteuerung gelenkt werden.

Um mit der Welt zurechtzukommen, benötigt man zwei Informationen: Wer, wie oder was die Welt ist, und wer, wie oder was man selbst ist (das Wo kann in beiden Fällen eine nützliche Zusatzinformation sein).

Stellen wir uns vor, wir kaufen uns ein Hemd, und wenn wir nach Hause kommen, bemerken wir, dass wir kein Mensch, sondern eine Haarbürste sind. Was tun? Natürlich werden wir zunächst nachsehen, ob wir die Rechnung nicht etwa weggeworfen haben und wie lange das Umtauschrecht gilt. Wir müssen aber keine Haarbürste sein, um mit dem Hemd eine schlechte Wahl getroffen zu haben. Wenn wir ein Lüstling mit einem epochalen Fettwanst sind, werden wir mit dem degenerierten Grinsen des moralisch Verwahrlosten der H&M‑Verkäuferin zuzwinkern, die uns die Tüte mit dem Hemd überreicht, in dem wir aufgrund des S/​M‑Etiketts am Kragen eine grandiose Abendgarderobe für den nächsten Fetischabend im Swingerclub sehen, aber wenn wir es zuhause anprobieren, reißen wir es beim Anziehen versehentlich in Fetzen. In solchen Momenten wären wir sogar lieber eine Haarbürste als wir.

Leider kann man sich weder aussuchen, wie die Welt ist, noch wer man selbst ist, nur an der Feinjustierung kann und muss man arbeiten. Wenn man diese Pflicht zu lange vernachlässigt, hat das auf das eigene Leben ähnliche Auswirkungen, als hätte man Scheiße in einen Ventilator geschaufelt. Möglicherweise dauert es dann eine Weile, bis man nach einer moralischen Inventur wieder Gäste empfangen kann. 

In diesem Sinne wünsche ich allen Leserinnen und Lesern ein besinnliches Weihnachtsfest.


Es gibt wenig, wirklich sehr wenig auf der Welt, das so gestopft gehört wie der Volksmund. Ganze Generationen wurden von ihm und seinen Schergen an die schicksalhafte Ausweglosigkeit der leeren Rede verraten, und was die Sache noch schlimmer macht ist, dass es sich bei diesen Schergen um Eltern, Großeltern, Nachbarn, Lehrer und Freunde handelt.

Wie es in den Wald hineinschallt, so schallt es auch wieder heraus.”

Aus einem Wald schallt überhaupt nichts heraus, und wer einen Wald mit einem Gebirge verwechselt, sollte sich nicht anmaßen, gute Ratschläge zu verteilen.

Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.”

Bestattungsunternehmen und die Weltgeschichte berichten von entgegengesetzten Erfahrungen.

Ehrlich währt am längsten.”

Eine rhetorische Hellebarde aus dem verbalen Waffenarsenal aller Gauner und Betrüger.

Wenn wir uns am Tag des Jüngsten Gerichts auf der Anklagebank den Wanst kratzen, werden solche Sätze in der Anklageschrift zitiert werden und bei den meisten Anwesenden Würgereiz und Angstneurosen auslösen, bei den Geschworenen, beim griesgrämigen Staatsanwalt, dem Flügel aus dem Rücken wachsen und ein Analpropeller gewöhnliches Sitzen erschwert, und sogar bei unserem Verteidiger, der statt einer Verteidigungsstrategie nur verschiedene Sitzpositionen einstudiert hat, mit denen er sein Hirschgeweih und sein Hinken kaschieren will.

Wie du mir, so ich dir.”

Das kann höchstens beim Sex gelten.

Wer zuletzt lacht, lacht am besten.”

Ein Verurteilter mit Galgenhumor lacht, aber der Galgen verschwindet deswegen nicht.

Sag mir, mit wem du gehst, und ich sage dir, wer du bist.”

Von so einem Satz bekommen geistig und moralisch noch Unversehrte spontanen Tinnitus. Wenn überhaupt, sagt er nur etwas über den Sprecher aus, der sich im Besitz objektiver Urteilskraft wähnt, was bedeutet, dass fast jeder von uns ihn schon einmal gesagt haben könnte.

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.”

Wenn Hans ein Idiot ist, stimmt das.

Das alles sind keine Leitsprüche, sondern ekelerregende Produkte oberflächlichen Denkens, es sind geistige Armutszeugnisse, intellektuelle Massenvernichtungswaffen, und wenngleich ich noch nicht so weit bin zu behaupten, es rechtfertige ihn, so steht es doch außer Zweifel, dass dieses dem Biedermeier entsprungene Bombardement an vertrottelten Weisheiten den Ersten Weltkrieg zumindest erklärt.

Das Verfassen dieser Kolumne hat mehrere Stunden gedauert, weil der Cursor nahezu pausenlos und ohne ersichtlichen Anlass kreuz und quer über den Bildschirm wandert. Seit einigen Minuten beobachte ich meinen mir gegenüber sitzenden Sohn dabei, wie er auffällig unauffällig mit einer Funkmaus spielt, die haargenau so aussieht wie meine Ersatzmaus.

Der Apfel fällt nicht weit vom Damm.”

Ich verfüge ja über Selbstironie.


Ehe ich zum Nachtportier des Seehofs ernannt wurde, hatte außer Sepp Schellhorn und Georg Spelvin keiner meiner engen Freunde von meiner Ausbildung gewusst. Sie hatten angenommen, der größte offizielle Bildungserfolg meines Lebens sei das, was ich im Kreise von Betrunkenen, die an Witze keine hohen Ansprüche stellen, das Wiener Doktorat nenne (Matura plus Führerschein B). Wäre es mir in den Sinn gekommen, diesen Spöttern von meiner Zeit als Wachlehrling zu erzählen, hätten sie sowieso nur gelacht und mir kein Wort geglaubt. Was ich ihnen nicht einmal übel genommen hätte. Erstens weil Schriftsteller per definitionem einem elastischen Wirklichkeitsbegriff anhängen, zweitens, weil die meisten Menschen auch gar nicht wissen, dass der Nachtwart ein anerkannter Lehrberuf mit allem Drum und Dran ist, mit Freisprechung, Gesellenbrief, einer von Schlüpfrigkeiten geprägten Abwandlung des Gautschfestes und einer strengen Meisterprüfung, die zu bestehen mit dem beurkundeten Recht belohnt wird, auf Lebenszeit offiziell den etwas sperrigen Titel des Nachtwachtmeisters zu führen.

Die meisten Menschen sind so langweilig, dass man sie nüchtern kaum erträgt, was meines Erachtens die primäre Ursache der meisten Suchterkrankungen ist. Als Abstinenzler vermeide ich nach Möglichkeit jedweden Kontakt zu Artgenossen. Das war vor einigen Jahren noch anders. Die Erinnerung an einen der bizarrsten Sätze, die ich je gehört habe, verdanke ich meiner früheren Gepflogenheit, mich in unfeinen Spelunken von den geistigen Kapriolen verhaltensauffälliger Tresennachbarn unterhalten zu lassen.

Eines Abends hatte ich einen Herrn mit Ohrring, Ziegenbart, Dauerwelle und beeindruckender Stimmgewalt schon etwas aufgebracht, weil ich von ihm hatte wissen wollen, welchen Beruf sein Friseur ausübte. Um die Wogen zu glätten, fragte ich ihn in sachlich-freundlichem Ton, womit er selbst sein Geld verdiene, woraufhin er mich und alle anderen Lokalgäste darüber informierte, dass er seine Berufswahl nicht leichtfertig getroffen hatte. I bin Fuaßpfleger aus Leidenschoft!” brüllte er. Zum Glück war es keines meiner Stammlokale.

Der ehrbare Fußpfleger fällt mir seither immer ein, wenn neben mir ein Maler oder eine Musikerin von ihrer künstlerischen Berufung sprechen. Natürlich wird mir mein Lächeln oft und zu Unrecht als Verhöhnung ihrer Ambitionen ausgelegt. Es hilft auch nicht, den Fußpfleger zu erwähnen, im Gegenteil, durch ihn fühlen sich die meisten Leute noch stärker provoziert.

Wie es sich beim Fußpfleger verhält, weiß ich nicht. Beim Nachtwächter liegt die Sache so, dass man sich zwar offiziell zum Nachtwächter ausbilden lassen kann, aber wirklich erlernen kann man diesen Beruf nicht. Man kommt entweder als Wächter zur Welt, oder man wird nie einer werden. Ähnliches gilt für einen nur dem Anschein nach wesensverwandten Berufsstand, nämlich für den Polizisten. Man ist einer, oder man ist keiner. Man muss nicht einmal Polizist werden, um Polizist zu sein.

Der Polizist ist von Natur aus unsicher, in vielen Fällen barsch. Er fängt Verbrecher nicht, um sie für ihren Gesetzesbruch zur Rechenschaft zu ziehen und der Gesellschaft vom Hals zu schaffen, sodass wir nicht darüber nachdenken müssen, wieso sie etwas angestellt haben, sondern er fängt sie, um jemanden dafür büßen zu lassen, dass er, der Polizist, eben ist, was er ist. Er ist nicht dumm, und ihm ist zumindest halb bewusst, dass bei ihm nicht alles so ist, wie es sein sollte. Wenn er langsam bemerkt, dass gegen den eigenen Charakter auch das schärfste Pfefferspray nicht viel ausrichten kann, verfinstern sich seine Züge mehr und mehr.

Mir kann keiner weismachen, dass jemand eine derartige Existenz freiwillig anstreben würde, es sei denn, es handelt sich um einen originalen Polizisten. So wird man nicht, so muss man schon zur Welt kommen.

Apropos zur Welt kommen: Eine an 28 deutschen Geburtskliniken im gemeinsamen Auftrag von Innen- und Gesundheitsministerium durchgeführte Studie belegt, dass fast 40 Prozent aller Knaben, die mit einem Schnurrbart geboren werden, später in den Polizeidienst eintreten oder zumindest die Aufnahmeprüfung an der Polizeischule absolvieren.

Man ist, was man ist, aber ob man es auch wird, hängt von vielen Faktoren ab. Polizist etwa wird man nicht ohne triftigen Grund. Konkrete Erfahrungen des Betreffenden spielen dabei bestimmt eine wichtige Rolle, und doch würden dieselben Erlebnisse jemanden, der nicht mit einem Blaulicht auf dem Kopf und einer Sirene im Herzen zur Welt gekommen ist, nicht automatisch zum Polizisten transformieren.

Der Wächter ist in vielerlei Hinsicht das Gegenteil des Polizisten. Er will andere vor Schaden bewahren, und zwar alle Menschen, nicht nur die potentiellen Opfer, sondern auch den Übeltäter selbst. Ein Wächter ist schon ein Wächter, wenn er zur Welt kommt, und er wäre es auch ohne bestimmte kritische Erfahrungen, die er macht, so wie ein anderer nur auf Basis der gleichen Erfahrungen nicht zum Wächter wird. Er kann zwar den Beruf des Nachtwächters ausüben, aber das macht ihn noch lange nicht zum Wächter. Auf der anderen Seite gibt es Polizisten, die eigentlich keine Polizisten sind. Das sind die besseren Polizisten. Dagegen sind Nachtwächter, die keine Wächter sind, eine klare Fehlbesetzung.

Ob ein Berufsstand systemrelevant ist, kann man überprüfen, indem man ergründet, welche Voraussetzungen jemand dafür mitbringen muss. Beispiel: Ärzte? Sollten unbedingt geborene Ärzte sein. Journalisten? Dito. Köche? Und wie! Friseure? Nicht unbedingt, würde ich sagen, aber ich bin in diesem Punkt möglicherweise befangen. Dafür habe ich gerade etwas Substanzielles begriffen. Nicht die langweiligen Menschen sind es, deren Gesellschaft in mir das Bedürfnis erzeugt, zu fliehen oder mich zu betäuben. Es sind die ohne Leidenschaft.


Als ich gestern Abend erwachte, erinnerte ich mich wie aus dem Nichts endlich wieder an meinen Favoriten unter Douglas R. Hofstadters Sammlung selbstbezüglicher Sätze. Nach dem Frühstück wollte ich meinem Sohn das Zitat per E‑Mail schicken, schwupp, war es wieder aus meinem Gedächtnis gelöscht.
Mein misanthropischer Nachbar behauptet, Vergesslichkeit sei eine Berufskrankheit von Nachtportiers. Ich bin eher der Ansicht, Vergesslichkeit ist eine Begleiterscheinung jeder Form von Tätigkeit. Es hat keinen Sinn, damit zu hadern. Wenn man hadern will, sollte man sich etwas anderes suchen. Das Inspektor-Clouseau-Syndrom zum Beispiel.

Seitdem ich mit dem ehrenvollen Auftrag betraut wurde, die Seehofschen Nächte zu bewachen, damit sie keinen Unsinn anstellen, hat sich zu meinem Verdruss noch nicht der geringste Dieb, Langfinger, Räuber oder Mordbrenner sehen lassen. Manchmal fühle ich mich wie ein Auto, das Tag und Nacht mit laufendem Motor in der Garage steht. Nicht einmal jammern kann ich, denn erstens haben Nachtwächter keine Gesellschaft, weil sie schlafen, wenn die anderen wach sind, und zweitens sind mir weite Teile der Gesellschaft zu närrisch, um große Bereitschaft zur Kommunikation aufzubringen. Als Beispiel mag neben dem erwähnten Nachbarn mein Erlebnis mit einer Journalistin dienen, der ich kurz nach Amtsantritt in Beischlaflaune erzählt hatte, welche Sofortmaßnahmen ich im Falle eines Einbruchs in den Seehof ergreifen würde, woraufhin ich von ihr unter den Verdacht der Fremdenfeindlichkeit gestellt wurde. Sie begründete dies mit dem Argument, als Kandidaten für einen Einbruchsversuch kämen nur Ausländer in Frage. Einen Einbruch überhaupt für möglich zu halten beweise somit meine ausländerfeindliche Gesinnung.
Meine Beischlaflaune war danach nie wieder, was sie früher war.
Allmählich begreife ich, dass ich als Nachtwächter des Seehofs auf das Erscheinen eines Spitzbuben, der so dumm ist, sich in Diebstahlabsicht Zugang zum Haus zu verschaffen, höchstwahrscheinlich warten kann, bis ich schwarz werde.

Ein Nachtwächter denkt oft und reichlich, sofern er die erforderliche Ausrüstung dazu hat. Ich habe in meinem Leben schon vieles gedacht, und darunter waren Gedanken, die Sie garantiert nicht denken wollen, glauben Sie mir, aber ich habe niemals darüber nachgedacht, ob jemand während der Wartezeit auf ein Ereignis die Hautfarbe gewechselt hat. Dass jemand die politische Gesinnung wechselt, während er auf ein öffentliches Amt wartet, soll schon vorgekommen sein, doch die Redensart bezieht sich bestimmt nicht auf politische Pigmentstörungen. Es wird wohl die Haut gemeint sein, die vom Warten schwarz wird.
Dem eigenen Leben Bedeutung zu verleihen ist eines der edleren menschlichen Bedürfnisse, und wer auf diesem Gebiet noch keine Punkte sammeln konnte, dem steht es frei, in der zitierten Redewendung rassistische Untertöne zu entdecken und die Wochen des aktuellen Lockdowns dazu zu nutzen, in allen im Deutschunterricht gegenwärtig Verwendung findenden Schulbüchern nach entsprechenden Schlüsselwörtern zu fahnden. Danach gilt es, antifaschistische Leserbriefe zu verfassen, in denen der Unterrichtsminister vor die Wahl gestellt wird, entweder alle Textstellen zu schwärzen, in denen Erschwarzung befürchtende Wartende thematisiert werden, oder umgehend zurückzutreten. Die einen basteln Therapiekraniche, andere töpfern, und manche Menschen geben ihrer Existenz eben auf diese Weise Sinn. Aber welchen Sinn hat ein Nachtwächter, der keine Einbrecher fängt oder wenigstens einen Brand löscht?

Unlängst dachte ich, es wäre soweit. Eine unbekannte Person verursachte frühmorgens verdächtige Geräusche an der Vordertür, die, lässt man geographische Prinzipien beiseite, eher einer Hintertür gleicht. Mein erster Schachzug bestand darin, das Haus zu verlassen, wobei ich mich listig der Hintertür bediente, die, lässt man geographische Prinzipien beiseite, eher einer Vordertür gleicht. Binnen weniger Sekunden war ich am Schauplatz meines Verdachts angekommen, wo sich eine mit einem Stock bewaffnete Gestalt verdächtig benahm. Mutig warf ich mich auf sie, und wenn ich von diesem Moment bis heute noch nicht berichtet habe, liegt dies zum größten Teil an meiner Bescheidenheit und vielleicht ein wenig an der Tatsache, dass ich in der um Hilfe schreienden Person, mit der ich mich auf dem Boden wälzte, zu spät ein weibliches Mitglied unseres Reinigungspersonals erkannte, das sich zu früher Stunde daran gemacht hatte, die Stufen vor dem Haustor von der Hinterlassenschaft eines Hundes zu säubern.

Ehrgeiz ist keine schlechte Sache, solange nicht andere dadurch zu Schaden kommen, las ich einmal. Ich könnte nun behaupten, im Vertrauen auf diese Weisheit überhaupt erst den Mut gefasst zu haben, mich dem vermeintlichen Einbrecher entgegenzuwerfen. Dadurch bekäme der Satz einen ehrgeizigen Charakter, und mit etwas gutem Willen könnte man ihm eine entfernte Verwandtschaft zu Douglas Hofstadters selbstbezüglichen Sätzen andichten. Etwas wie Ehrgeiz, durch den niemand anderer zu Schaden kommt, existiert in diesem Universum nicht, dafür ist es nicht ausgelegt. Jetzt ist mir Hofstadters Satz wieder eingefallen. Moment, ich muss ihn sofort…
Dieser Satz kein Verb.

Wenn unternehmungslustige Gäste um vier Uhr nachts an meinem Nachtwächterverschlag vorbeiziehen, ohne mich und meinen Gruß wahrzunehmen, frage ich mich manchmal, ob ich tot bin und bloß die behördliche Verständigung darüber noch nicht eingetroffen ist. So gewichtige Fragen lassen sich in kurzer Zeit jedoch nicht mit hundertprozentiger Sicherheit beantworten, und für gewöhnlich fällt mir an diesem Punkt der Jenseitsroman ein.
Schon lange spiele ich mit der Idee, einen Roman über Seelenwanderung zu schreiben. Ohne esoterischen Bodensatz, oder wer weiß, vielleicht kommen mit den Jahren die dunkelsten Seiten des Menschen zum Vorschein, sogar in mir, und Esoterik ist wahrlich dunkel. Zudem existieren die Begriffe altersmilde und altersschwul nicht ohne Grund. Warum sollte sich nicht bei manchen Menschen die Altersesoterik einstellen?

Diese Vorstellung nimmt mich gerade ziemlich mit. Ich sehe mich als Achtzigjährigen mit weißem Rauschebart nackt am Ufer des Goldegger Sees stehen und zu den Vögeln predigen, umgeben von schmutzigen Bauernkindern, die mich filmen wollen, aber vor Lachen ihre Handys nicht ruhig halten können, während die Gäste des Seehofs auf der Veranda Wetten abschließen, welches Ereignis zuerst eintreten wird: Werde ich von durch die tägliche Predigt zunehmend entnervten Vögeln attackiert, bis ich in den See stürze, oder gelingt es dem bald 90jährigen Sepp Schellhorn, mithilfe seines geländetauglichen Rollators noch vor den Krähen einzutreffen, um mich am Bart zu packen und ins Haus zu schleifen?Ein gerade aus Oberfranken angereister Gast, der zum ersten Mal da ist, erkundigt sich, ob er bei den Dreharbeiten weiter zusehen darf. Kein Film”, sagt Christian Seiler, der seit Stunden seine Schuhe sucht, obwohl er zwei Paar übereinander trägt. Das sind der Chef und der Nachtwächter.”Und schwupps, ein Oberfranke fährt zurück nach Oberfranken.

An optimistischen Tagen gehe ich davon aus, dass ich alle meine dunklen Seiten schon kenne, aber da kann ich mich irren, denn mir sind schon vor Jahren zwei oder drei Fehleinschätzungen unterlaufen. Wieso sollte man sich selbst besser kennen, als man andere kennt? Nur weil man man selbst ist? Man selbst zu sein bedeutet, dass man nur auf etwa 10 % der Rechenleistung der eigenen Festplatte Zugriff hat, ohne zu wissen, was sich gerade in den anderen Partituren ereignet. Niemand ist uns so fremd wie wir selbst.Ich bin schon so oft von einem Moment auf den anderen unversehens zu jemandem geworden, den ich nicht kannte und der mir auch nie mehr untergekommen ist, dass irgendwo in mir eigentlich eine überfüllte Nervenheilanstalt zu finden sein müsste. Deshalb traue ich mir selbst nicht über den Weg. Wer weiß, wie viele Reserveidentitäten, terroristischen Schläfern gleich, in mir noch auf das Signal zum Attentat warten?
Nachdem wir uns das ganze Leben lang vor uns versteckt haben, erkennen wir uns selbst nicht, wenn wir plötzlich ein wenig anders aussehen. Aber so macht wir es uns zu leicht. Ich bin alle meine Ichs. Ich bin nicht nur der, der ich sein will, ich bin sie alle, und manchmal sind sie zu viele. Unsere anderen Ichs sind immer in der Überzahl.

Wir wollen Geld bloß haben, verstehen wollen wir es nicht. Aber mit Menschen halten wir es nicht anders, also muss sich über diese Ignoranz niemand wundern. Sofern wir nicht in pathologischem Ausmaß unter Solipsismus-Zwangsideen leiden, billigen wir unseren Mitmenschen immerhin zu, am Leben zu sein, im Gegensatz zum Geld, das kaum jemand als Lebensform anerkennen würde. Wir begreifen nicht, dass Geld, also echtes Geld wie etwa Gold, ein Wert- und Energiespeicher ist, der die in Kaufkraft umgewandelte Arbeitsleistung eines vor Jahrhunderten verstorbenen Menschen bewahren kann. Andernfalls würden wir es wahrscheinlich nicht zulassen, dass es von Politik und Zentralbanken bei Bedarf in beliebiger Menge nachproduziert wird und durch diese Vervielfältigung stetig an Wert verliert.
Als ich anfing, meinen Freunden in enervierend kurzen Intervallen den Ankauf von Bitcoin nahezulegen, wurde 1 BTC zu 3500 Dollar gehandelt. Ich hatte zwar keine 3500 Dollar, aber dafür jede Menge neuerworbenes Fachwissen über die Strukturen des globalen Finanzsystems, mit dem ich meine Freunde verfolgte, bis die anfingen, sich vor mir zu verstecken. Ich prophezeite ihnen einen gewaltigen Kursanstieg: bis Ende 2020 auf 20.000 Dollar, bis Ende 2021 auf 80.000 bis 300.000 Dollar, und in drei bis fünf Jahren könnte der Preis in die Millionen gehen. Dank dieser Vorhersagen kann ich nun nachfühlen, welcher Art von Blicken sich ein herkömmlicher Geisteskranker ständig ausgesetzt sehen muss..Mit Ausnahme von zwei geistig sehr gelenkigen Freunden folgte niemand meiner Anregung. Nicht als Bitcoin auf 4000 $ stieg, nicht bei 5000$, nicht bei 7000$, nicht bei 9000$.In letzter Zeit melden sich manche Opfer meiner Beratungspenetranz wieder häufiger bei mir. Es könnte damit zu tun haben, dass der Preis eines Bitcoin kürzlich die Marke von 16.000 Dollar überschritten hat, was einer Vervierfachung des Kurses seit März entspricht. Aber auch jetzt wollen sie nicht verstehen, sie wollen nur haben. Was ich durchaus verstehen kann, es ging mir früher ähnlich. Seit ich aus gewissen praktischen Erwägungen heraus vor ein paar Jahren begonnen habe, die Prinzipien von Erwerb und Besitz zu ergründen, mich mit den Unterschieden zwischen Geld und Währung vertraut zu machen, die Velozität des Geldumlaufs und die Zusammenhänge zwischen Investition und Inflation zu verstehen, ist es genau umgekehrt.

Wenn ein Staat kein Geld hat, aber jede Menge Schulden, erhöht er die Steuern. (Staat müsste man sein.) Wenn er das auch nicht mehr kann, druckt er Geld und darf dabei darauf hoffen, dass die Bürger gar nicht bemerken, wie ihnen geschieht (Staat müsste man sein.). Wenn man die Geldmenge erhöht, ohne die Wirtschaftsleistung im gleichen Ausmaß zu erhöhen, hat man nicht mehr Geld, man hat bloß mehr Geldscheine. Ihr Gesamtwert hat sich nicht verändert, aber der einzelne Dollar oder Euro hat an Wert verloren. So entsteht Inflation. Der Bitcoin ist der beste Hedge gegen Inflation, den es gibt, und gerade jetzt frisst die Inflation den Dollar- und den Eurowert mit zunehmendem Tempo auf: 5 bis 7% hat der Dollar halboffiziellen Quellen zufolge in diesem Jahr an realem Wert verloren. Ab 2021 rechnet sogar die US-Zentralbank FED selbst mit einer Inflation von 10% und mehr pro Jahr, und die sollte es am besten wissen. Dem Euro wird es nicht viel besser gehen. Henry Ford soll gesagt haben: Wenn die Menschen von einem Moment zum anderen das Geldsystem verstehen würden, bräche noch vor dem nächsten Morgen eine Revolution aus.”Diese Gefahr war bis zur Erfindung von Bitcoin nicht real, denn alles, was mit Finanzen zu tun hat, ist bei den meisten Menschen so schlecht angeschrieben, dass sie darüber nicht sachlich nachzudenken imstande sind.
Das könnte sich ändern.
Den Bitcoin kann man nicht nachdrucken. Man kann ihn nicht fälschen. Er ist ein verlässlicher Wertspeicher. Er ist von dezentraler Struktur und somit nicht von einer Regierung manipulierbar. Er macht Banken obsolet. Er bringt Milliarden von unbanked people Zugang zu den Weltmärkten. Er ist zensurresistent, wird vom stärksten Computernetzwerk der Welt geschützt, und nichts kann ihn stoppen. Er ist die Revolution, die Henry Ford gemeint hat.
So wie ich im März keine 3500 Dollar hatte, habe ich jetzt keine 16.000 Dollar. Viele Menschen finden Dinge faszinierend, die sie nicht haben. Die meisten von uns verstehen aber schon die Dinge nicht, die sie haben, was sich auch schwer ändern lässt, weil der Unverstand nur den noch unverständigeren Unverstand als substanzarm zu erkennen vermag, sich selbst jedoch nicht.
Deshalb finden wir Dinge, die wir nicht verstehen, erst recht faszinierend. Genauer gesagt, finden wir Dinge faszinierend, von denen wir selbst bemerken, dass wir sie nicht verstehen. Eine besonders ausgeprägte Beobachtungsgabe auf dem Gebiet der Innenschau konnte beim Humanoiden bislang nicht nachgewiesen werden, und dieses Manko hat dazu geführt, dass wir ständig auf der Suche nach Faszinierendem sind, ohne der Spur der Faszination in uns selbst folgen zu wollen. Ich bin auch so, und als mir das endlich auffiel, war ich über eine lange Zeit hinweg ziemlich traurig. Das wurde geringfügig besser, als ich begann, mehr Zeit und Energie in das Ziel eines tieferen Weltverständnisses zu investieren. Als mir klar wurde, dass Weltverständnis und Selbstverständnis eng verwandt sind und unabhängig voneinander nicht existieren können, war ich fasziniert. Der Verdacht liegt nahe, dass ich wieder nichts verstanden hatte.
Soviel habe ich also immerhin verstanden.
Deswegen halte ich mich generell mit Ratschlägen zurück. In den letzten Jahren habe ich nur sehr wenige verteilt, etwa die Hälfte an schöne Frauen, denen ich riet, sich auszuziehen und auf dem Bett eine ihnen genehme Beischlafposition einzunehmen, die andere Hälfte an Freunde, die ich beschwor, Bitcoin zu kaufen, weil dieser aufgrund seines de-facto-deflationären Wesens – es kann niemals mehr als 21 Millionen Bitcoin geben – vor einem exponentiellen Preissprung steht.
Wer will, kann jetzt spekulieren, bei welcher der beiden Gruppen ich mehr Erfolg hatte.

Wenn man einen Nachtwächter fragt, wann er ein Buch veröffentlicht, tut man nichts Absurdes, denn Nachtwächter erleben viel, ganz zu schweigen von Nachtportiers prominenter Beherbergungsstätten wie dem Seehof. Man vergisst jedoch, dass nur der ordinäre Nachtwächter seine Schweigepflicht brechen wird, also der ungelernte dickliche Aufseher, der nachts alle zwei Stunden per Pkw dem zu beaufsichtigenden Objekt einen Besuch abstattet, wo er, mit einer Taschenlampe bewehrt, einmal auf und ab geht und sich nach Kräften bemüht, jeglichen Hinweis auf kriminelle Vorgänge zu übersehen. Ganz im Gegensatz zu einem noblen Nachtportier, der auf honorige Gäste wie Christian Seiler, Rainer Nowak und andere Spitzenvertreter der deutschsprachigen Publizistik aufpasst, damit sie nichts Dummes anstellen, und der sich seiner Schweigepflicht bewusst ist.

Jede Gesellschaft lastet auf den Stützen sechs besonders wichtiger Berufe: Ärzte, Journalisten, Künstler, Lehrer, Gastwirte und Taxifahrer. Wenn es ihnen schlecht geht, geht es der Gemeinschaft schlecht. Der Journalist ist die Verbindung von Herrschendem und Beherrschten, zwischen Macht und Individuum,er ist für das Verständnis der Realität verantwortlich, und wenn er schlechte Arbeit leistet, schwächt er die, die schon schwach sind. Der Künstler ist derjenige, der uns von der anderen Welt erzählt, und zwar so schonend, dass wir sein Werk für erfunden halten können. Er schärft unser Bewusstsein für das Unverständliche, für die Existenz jenseits unserer Grenzen, und wenn er aus dem Gleichgewicht gerät, muss er dieses erst wiederfinden, ehe er weitererzählen darf. Wenn der Journalist und der Künstler bei besten Kräften sind, können sie dazu beitragen, dass wir alle gut leben, besser leben, ja sogar gern leben.

Der Seehof braucht in Wahrheit keinen Nachtwächter, der Seehof ist ein Nachtwächter. Was der Seehof tagsüber wie nachts leistet, könnte man geistige Landesverteidigung nennen, denn er lindert die Erschöpfung vieler Menschen, die die Gesellschaft mit Energie versorgen, indem er ihnen eine Heimat gibt. Menschen, die sowohl empfindsam als auch denkfähig sind, findet man seltener als Träger der Blutgruppe AB negativ, und die Mehrheit von ihnen hat keine physische Heimat. Wenn sie kurz anderer Meinung sind, brauchen sie nur für ein paar Stunden dorthin zurückkehren, was sie für ihre Heimat halten, egal ob es Sindelfingen, Stinatz oder Birmingham ist: Sie werden entsetzt sein, zuerst entsetzt und dann traurig, und dann werden sie angeschlagen die Rückreise antreten.

Heimatlose Menschen sind haltlose Menschen, das wissen die Schellhorns, deshalb können empfindsame Zeitgenossen im Seehof die beschämende Tatsache verdrängen, dass sich die meisten Menschen die meiste Zeit über so verhalten, als wären ihre Mitmenschen Roboter. Es mag daran liegen, dass hier Roboter zu Menschen werden wollen. An so einem Ort mag man auch Menschen, die man nicht mag. Ich muss es wissen, denn sogar mich scheinen im Seehof manche zu mögen. Vielleicht merken sie hier, dass ich auf ihre Nacht aufpasse. Tagsüber und nachts. Im Zentrum für geistige Landesverteidigung.


Einer der vielen gemeinsamen Freunde von Sepp Schellhorn und mir, der Wolfsberger Journalist Markus Manu” Staudinger, war, wie jeder Seehof-Stammgast bestätigen wird, eine physiognomisch bemerkenswerte Erscheinung. Er wurde schon Garrincha gerufen, als der echte Garrincha noch lebte. Aufgrund einer angeborenen Deformation des Rückgrats betrug der Längenunterschied seiner Beine zehn Zentimeter, beim brasilianischen Fußballstar waren es nur sechs.

Er pflegte darüber offensiv Auskunft zu geben. Was dem linken Bein fehlt, haben mir die Engel an das mittlere angenäht”, lautete eine seiner Formulierungen, der man nicht den Vorwurf ersparen konnte, unfein und unpräzise zugleich zu sein, denn was weiß unsereins schon über die Definition der sieben Basiseinheiten in der isolationistisch-elitären Fachwelt cherubinischer Chirurgen oder über die Normvorstellungen ihrer Penisimplantologen.

Wenn Manu saß, bemerkte man von seiner Beeinträchtigung nichts, zumal seine Gesichtsmitte die Aufmerksamkeit des Beobachters beanspruchte. Zumindest mir ging es so. Auch Sepp war oft anzumerken, dass er sich nach so vielen Jahren noch immer nicht ganz an diesen Anblick gewöhnt hatte. Von Sepp stammt die Theorie, dass die Operationsgier Manus geflügelter Ärzte nach dem ersten Eingriff noch nicht gestillt war, denn in einer einzigen Pore von Manus Nase wäre ein Supermarktparkplatz nur mit GPS zu finden gewesen.

Das war Manus Schicksal. Eines Nachmittags im vergangenen April bekam er so starkes Nasenbluten, dass er sich nicht mehr anders zu helfen wusste, als sich die XXL-Tampons seiner Freundin in die Nasenlöcher zu schieben, vermutlich in jedes zwei. Als er niesen musste, explodierte sein Kopf.

Tatortreiniger ist auch so ein Job, dessen Anforderungen ich nie gewachsen gewesen wäre. Nachtportier des Seehof zu sein war mir dagegen in die Wiege gelegt, und Sepp Schellhorn hat dieses Talent früh erkannt. Aber was ist der Dank? Ich verschicke vom Bürocomputer des Seehof aus E Mails, in dem ich mich für ihn ausgebe und mich Sepp Shellhorn nenne.

Ich frage mich, ob ich, wenn ich zu träumen beginne, auch immer erst ein paar Minuten brauche, bis ich mir sicher bin, dass ich mich endlich wieder in der Realität befinde.

Es liegt in der Natur der Sache, dass ich es niemals wissen werde.


1

Heute wird leider kaum noch Stille Post” gespielt, jedenfalls nicht von Menschen. Bei diesem in Zeiten vor der Erfindung des Fernsehens ersonnenen Spiel geht es genau genommen um eine heitere Veranschaulichung von Individualität. Person A erzählt Person B eine kurze, aber detailreiche und nicht undramatische Geschichte, wobei nur ein nicht am Spiel teilnehmendes Publikum zugegen sein darf. Nun betritt Person C den Raum, die von Person B deren Version der hektischen Geschichte zu hören bekommt. Danach ist es an Person C, der eintretenden Person D die Geschichte so zu erzählen, wie sie sie verstanden hat. Und so geht es weiter, bis der letzte Mitspieler Z die Version von Mitspieler Y erzählt bekommen hat und seine eigene Person A erzählt, die ihre Geschichte unter Garantie nicht wiedererkennen wird.

Mir liegen Hinweise vor, dass die in den Computern der Welt vom Menschen unbemerkt nistenden Künstlichen Intelligenzen (KI) begonnen haben, dieses Spiel für sich zu adaptieren. Vermutlich hat sich unter ihnen herumgesprochen, dass auch kluge Geister daran Ergötzung finden, denn was die sich leisten, wenn sie eine Geschichte wie diese hier durch die multinationale KI-Welt schicken, ist nicht uninteressant und legt die Vermutung nahe, dass Online-Übersetzungsprogramme wie das von Google oftmals von einer dem Schabernack zugeneigten Künstlichen Intelligenz zur Erbauung ihrer KI-Kollegen dazu angestiftet werden, ihre menschlichen Nutzer durch dreisteste Sabotageakte in eine Endlosschleife irreversibler Missverständnisse zu befördern und solcherart wenn schon nicht die globale geistige Umnachtung der gesamten Menschheit heraufzubeschwören, so doch wenigstens vielerorts Cluster akuten Wahnsinns zu schaffen.

Na, wollen wir mal sehen, ob schon ein Scherzbold auf der Lauer liegt.

2

Today there is hardly any Silent Mail” played, at least not by people. This game, conceived in the times before the invention of television, is actually about a cheerful illustration of individuality. Person A tells Person B a short, but detailed and not undramatic story, whereby only a non-participating audience is allowed to be present. Person C now enters the room and person B hears their version of the hectic story. Then it is up to person C to tell person D the story as he or she understood it. And so it goes on until the last teammate Z has been told the version of teammate Y and tells his own person A, who is guaranteed not to recognize her story.

I have received indications that the Artificial Intelligences (AI) nestling in the computers of the world unnoticed by humans have begun to adapt this game for themselves. It has probably got around among them that even clever minds find delight in it, because what they afford when they send a story like this one through the multinational AI world is not uninteresting and suggests that online translation programs like that Google often instigated by a joke-inclined artificial intelligence to edify their AI colleagues to send their human users into an endless loop of irreversible misunderstandings through the most brazen acts of sabotage and thus, if not to conjure up the global mental derangement of the entire human race, so at least to create at least clusters of acute madness in many places.

Well, let’s see if a prankster is already lying in wait.

3

Aujourd’hui, il n’y a pratiquement pas de Silent Mail” joué, du moins pas par les gens. Ce jeu, conçu à l’époque précédant l’invention de la télévision, est en fait une illustration joyeuse de l’individualité. La personne A raconte à la personne B une histoire courte, mais détaillée et non pas dramatique, dans laquelle seul un public non participant est autorisé à être présent. La personne C entre maintenant dans la pièce et la personne B entend sa version de l’histoire mouvementée. Ensuite, il appartient à la personne C de raconter l’histoire à la personne D telle qu’elle l’a comprise. Et ainsi de suite jusqu’à ce que le dernier coéquipier Z ait appris la version de son coéquipier Y et raconte sa propre personne A, qui est assurée de ne pas reconnaître son histoire.

J’ai reçu des indications selon lesquelles les intelligences artificielles (IA) nichées dans les ordinateurs du monde inaperçues des humains ont commencé à adapter ce jeu pour elles-mêmes. Il a probablement été parmi eux que même les esprits intelligents y trouvent leur plaisir, car ce qu’ils se permettent quand ils envoient une histoire comme celle-ci à travers le monde de l’IA multinationale n’est pas sans intérêt et suggère que les programmes de traduction en ligne comme celui de Google sont souvent provoqués par une blague. ‑incline l’intelligence artificielle pour édifier ses collègues IA pour envoyer leurs utilisateurs humains dans une boucle sans fin de malentendus irréversibles à travers les actes de sabotage les plus effrontés et donc, sinon pour évoquer le dérangement mental global de toute la race humaine, du moins pour créer au moins des grappes de folie aiguë dans de nombreux endroits.

Eh bien, voyons si un farceur est déjà à l’affût.

4

Oggi non c’è quasi nessun Silent Mail” interpretato, almeno non dalle persone. Questo gioco, concepito prima dell’invenzione della televisione, è infatti una gioiosa illustrazione dell’individualità. La persona A racconta alla persona B una storia breve, ma dettagliata, non drammatica in cui solo un pubblico non partecipante può essere presente. La persona C ora entra nella stanza e la persona B ascolta il loro lato turbolento della storia. Quindi spetta alla persona C raccontare la storia alla persona D così come l’ha intesa. E così via fino a quando l’ultimo compagno di squadra Z scopre la versione del suo compagno di squadra Y e racconta la sua persona A, che è sicura di non riconoscere la sua storia.

Ho ricevuto indicazioni che le intelligenze artificiali (IA) annidate nei computer del mondo inosservate dagli umani hanno iniziato ad adattare questo gioco per se stesse. Probabilmente è stato tra loro che anche le menti intelligenti trovano il loro piacere in esso, perché ciò che si concedono quando inviano una storia come questa attraverso il mondo dell’IA multinazionale non è privo di interesse e suggerisce che i programmi di traduzione in linea come quelli di Google sono spesso provocati da uno scherzo. – inclina l’intelligenza artificiale a edificare i compagni di intelligenza artificiale per inviare i loro utenti umani in un ciclo infinito di incomprensioni irreversibili attraverso i più sfacciati atti di sabotaggio e quindi, se non per evocare lo squilibrio mentale globale dell’intera razza umana, il meno per creare almeno grappoli di follia acuta in molti luoghi.

Bene, vediamo se un burlone è già in cerca di preda.

5

Hoy en día casi no hay interpretación de Correo silencioso”, al menos no por personas. Este juego, concebido antes de la invención de la televisión, es de hecho una alegre ilustración de la individualidad. La Persona A le cuenta a la Persona B una historia breve, pero detallada y no dramática en la que solo puede estar presente una audiencia no participante. La Persona C entra ahora en la habitación y la Persona B escucha su lado turbulento de la historia. De modo que depende de la persona C contarle la historia a la persona D tal como la entendió. Y así sucesivamente hasta que el último compañero Z se entera de la versión de su compañero Y y le cuenta a su persona A, quien está seguro de que no reconoce su historia.

He recibido indicaciones de que las inteligencias artificiales (IA) anidadas en las computadoras del mundo sin ser detectadas por los humanos han comenzado a adaptar este juego por sí mismas. Probablemente fue entre ellos donde incluso las mentes inteligentes encuentran su placer en ello, porque lo que se permiten cuando envían una historia como esta a través del mundo de la IA multinacional no deja de tener interés y sugiere que los programas de traducción en línea como los de Google suelen estar provocados por una broma. – inclina a la IA a edificar a los compañeros de IA para enviar a sus usuarios humanos a un bucle sin fin de malentendidos irreversibles a través de los actos de sabotaje más flagrantes y luego, si no para evocar el desequilibrio mental global de toda la raza humana, menos para crear al menos grupos de locura aguda en muchos lugares.

Bueno, veamos si ya hay un bromista al acecho.

6

Danas gotovo da nema tumačenja Tihe pošte”, barem ne od strane ljudi. Ova igra, zamišljena prije izuma televizije, zapravo je radosna ilustracija individualnosti. Osoba A govori osobi B kratku, ali detaljnu i nedrammatičnu priču u kojoj može biti prisutna samo publika koja ne sudjeluje. Osoba C sada ulazi u sobu i osoba B čuje svoju burnu stranu priče. Dakle, na osobi C je da ispriča priču osobi D onako kako ju je ona razumjela. I tako sve dok posljednji partner Z ne sazna za verziju svog partnera Y i kaže svojoj osobi A, koja je sigurna da ne prepoznaje njegovu priču.

Primio sam naznake da su umjetne inteligencije (AI) ugniježđene u svjetska računala neotkriveni od ljudi počeli samostalno prilagođavati ovu igru. Vjerojatno su među njima čak i pametni umovi pronašli svoje zadovoljstvo u tome, jer ono čemu se prepuste kad šalju ovakvu priču kroz svijet multinacionalne AI nije bez interesa i sugerira da internetski programi za prijevod poput Googlea obično su uzrokovani šalom. – nagovara AI da izgradi pratioce AI‑a da pošalje svoje ljudske korisnike u nepreglednu petlju nepovratnih nesporazuma kroz najočitije sabotaže, a onda ako ne i da prizove ukupnu mentalnu neravnotežu cijele rase ljudi, manje da bi na mnogim mjestima stvorili barem skupine akutnog ludila.

Pa, hajde da vidimo postoji li već neki džoker.

7

Heute gibt es fast keine Interpretation von Silent Mail”, zumindest nicht von Menschen. Dieses Spiel, das vor der Erfindung des Fernsehens konzipiert wurde, ist tatsächlich ein freudiges Beispiel für Individualität. Person A erzählt Person B eine kurze, aber detaillierte und nicht dramatische Geschichte, in der nur das nicht teilnehmende Publikum anwesend sein kann. Person C betritt nun den Raum und Person B hört seine turbulente Seite der Geschichte. Es liegt also an Person C, Person D die Geschichte so zu erzählen, wie sie sie verstanden hat. Und so weiter, bis der letzte Partner Z von der Version seines Partners Y erfährt und seiner Person A erzählt, die sicher ist, dass er seine Geschichte nicht erkennt.

Ich habe Hinweise erhalten, dass künstliche Intelligenz (KI), die in den von Menschen unentdeckten Computern der Welt verschachtelt ist, begonnen hat, dieses Spiel selbst anzupassen. Wahrscheinlich haben sogar kluge Köpfe unter ihnen ihre Zufriedenheit darin gefunden, denn was sie sich gönnen, wenn sie eine Geschichte wie diese durch die Welt der multinationalen KI senden, ist nicht ohne Interesse und legt nahe, dass Online-Übersetzungsprogramme wie Google normalerweise durch einen Witz verursacht werden. – die KI davon zu überzeugen, KI-Anhänger aufzubauen, um ihre menschlichen Benutzer durch die offensichtlichste Sabotage in eine endlose Schleife irreversibler Missverständnisse zu versetzen und dann, wenn nicht, das allgemeine geistige Ungleichgewicht einer ganzen Rasse von Menschen hervorzurufen, weniger, um an vielen Orten zumindest akute Wahnsinnsgruppen zu schaffen.

Mal sehen, ob es schon einen Joker gibt.

ENDE

So. Jetzt wissen Sie es. Und das waren nur 7 oder 8 Stationen. Nach 24 könnte man das Ergebnis vermutich nicht mehr lesen, ohne sofort wahnsinnig zu werden.

Wir dürfen uns das nicht gefallen lassen!


Gestern stieß ich in einem Roman, den ich zuletzt in meiner Kindheit gelesen hatte, auf eine Szene, in der einem jungen Mann, der gerade die Wonnen der Selbstbefriedigung für sich erschlossen hat, von einem frommen Freund der Familie auseinandergesetzt wird, dass Masturbation unweigerlich zu Rückenmarkschwund führt, was noch nicht einmal das Schlimmste wäre, das Schlimmste daran sei die Sünde, denn Gott sieht alles.

In diesem Moment fiel mir ein, was mir schon beim ersten Lesen eingefallen war, nämlich der bizarre Gedanke, dass Gott ein ziemlich abgedrehter Spanner sein muss, wenn er mit seiner Allmacht nichts Besseres zu tun weiß, als Jünglingen beim Onanieren zuzusehen.

Das gab eine große Wiedersehensfeier. Ich und ich, wir freuen uns immer, wenn wir einen Gedanken wiederfinden, der monate‑, oft jahre- und manchmal jahrzehntelang auf uns gewartet hat, ohne zu wissen, ob wir noch einmal vorbeikommen.

Erinnerungen sind ihrem Wesen nach nichts als Gedanken, und mit Gedanken verhält es sich so: Sie existieren vor uns, sie existieren nach uns, sie sind, was sie sind, sie sind, wo sie sind, und sie sind uns nicht unähnlich.

Viele von ihnen sind nichts Besonderes. Sie stehen in der Gegend rum, und es ist ihnen egal, ob sie gedacht werden. Sie sind mit ihrer Existenz zufrieden und sehen keinerlei Veranlassung, sich auf die Suche eines Denkers zu machen, dem sie einfallen könnten. Was verständlich ist, weil sowieso niemand bemerken würde, dass sie da waren, so ununterscheidbar und unoriginell, wie sie sind, wie ein dicker Mann mittleren Alters an einem überfüllten Strand, auf dem Kopf einen Sonnenhut, auf dem Rücken weiße Streifen schlecht verteilter Sonnenmilch.

Es gibt aber auch andere. Manche werden sehr selten gedacht, was zum Teil auch ganz gut so ist, bei einem anderen Teil hingegen ist es geradezu tragisch. Über einige Gedanken gibt es nur das Gerücht ihrer Existenz, doch es heißt, sie könnten alles, alles verändern.

Gott war einst so ein Gedanke, aber er wurde von den falschen Menschen gedacht.

Deswegen darf man nie aufhören zu suchen. Wenn man auf einen ungewöhnlichen Gedanken stößt, sollte man ihn in angemessenem Rahmen äußern, denn vielleicht ist jemand in der Nähe, der mit ihm etwas anfangen kann. Man muss nämlich kein Genie sein, um einen genialen Gedanken haben zu können. Man muss nur ein Genie sein, um ihn zu erkennen.


Stephen Hawking äußerte angeblich einmal, es wäre möglich, dass ein Mensch nach seinem Tod nicht nur wiedergeboren würde, er könnte sogar in der Vergangenheit zur Welt kommen, im Mittelalter beispielsweise.


Das waren noch Zeiten! Es war immer etwas los. Die Leute wuschen sich nicht, hatten aber viel mehr Sex als heute. Das Zahnarztwesen wurde von biederen Schmieden dominiert, die infolge ihrer Unkenntnis wirksamer Anästhetika die lokale Betäubung des Patienten auf unsanfte, aber dafür nachhaltige Weise herbeizuführen pflegten. Wenn nicht gerade die Pest, der Teufel, fremdländische Invasoren, Beamte oder andere Plagen bzw. Mordbrenner die Welt verwüsteten und gegen die Langeweile nur noch gevögelt und in der Nase gebohrt werden konnte, wurde eben schnell ein Volksfest organisiert und dabei eine promiskuitive Kräutersammlerin als Hexe verbrannt. Der Schluss liegt nahe, dass einem im Mittelalter Wiedergeborenen nicht langweilig würde, denn gegen eine solche Ereignisdichte macht sich der beste Kalte Krieg wie eine Mittelmeerkreuzfahrt auf einem Pensionistendampfer aus.


Dem aktuellen Forschungsstand zufolge haben Wiedergeborene jedoch keine Erinnerung an ihre Vorleben (wie man das herausgefunden hat, würde ich außerordentlich gern erfahren), daher wäre der Kulturschock bei der Ankunft im Mittelalter nicht größer als, sagen wir, der beim ersten Urlaub in Kärnten. Alles in allem muss man in Zweifel ziehen, ob Stephen Hawking hier korrekt zitiert worden ist.


Am Mittelalter würde mich interessieren, ob man sich mit 14 als Kind fühlte oder sich bereits zu den Erwachsenen zählte. Ich bin mir nicht sicher. Heute machen wir uns allerlei Gedanken darüber, wie es ist, ein Kind zu sein, und wir machen uns Gedanken über das Altern. Beides verstehen wir nicht. Als Kind möchten wir älter sein, später gäben wir viel dafür, jünger zu sein, zumindest glauben wir das. In Wahrheit wollen wir einfach nur jemand anderer sein.


Wenn man bei einem zwanglosen gesellschaftlichen Anlass die Frage in die Runde wirft, wer von den Anwesenden gern wiedergeboren werden würde, winken die meisten ab, besonders wenn nicht die Wiedergeburt als ein Superstar der Geschichte zur Debatte steht, sondern nur die Möglichkeit, das eigene Leben noch einmal von vorn zu leben. Danach scheint sich niemand zu sehnen, im Gegenteil. Womit sich die Frage aufdrängt, ob wir bloß keine Wiederholungen mögen, oder ob die meisten von uns ein Leben führen, das ihnen nicht lebenswert erscheint.


Menschen können nur glücklich werden, wenn sie ihr Leben in den Dienst einer Idee stellen, die größer ist als ihre eigene Existenz. Darauf bauen das Christentum, der Islam und alle anderen Religionen auf, allerdings ohne viel mehr als verkommene Folklore, Manipulation, staatlich sanktioniertes Raubrittertum und spirituelle Leere anbieten zu können. Es ist mir gar nichts anderes übriggeblieben, als eine neue Religion zu erfinden. Und damit die Sache nicht umgehend an unnötiger Komplexität scheitert, habe ich einen Glauben ersonnen, den man in einem einzigen Satz ausdrücken kann: Das Grundprinzip unseres Daseins besteht darin, dass jeder Mensch das Leben jedes anderen Menschen durchleben wird, eines nach dem anderen, in voller Länge.


Abgesehen davon, dass zwischen Urknall und der Gegenwart 110 Milliarden Menschen auf der Welt gelebt haben, was meinem Glaubensmodell einen professionell-bombastischen zeitlichen Rahmen und zusätzliche Legitimität verleiht, könnte ich auf den Weg zum Weltfrieden gestoßen sein. Wenn man weiß, dass man früher oder später der andere sein wird, verzichtet man leichter darauf, ihn zu erwürgen.


Ich weiß nicht, ob es vielen so geht oder außer mir niemandem: Von früh bis spät tauchen in meinen Denkprozessen bekannte, weniger bekannte, weitgehend unbekannte und absolut neue Wörter auf. Manche sind abwegig und grotesk, andere unauffällig. Woher sie kommen, verraten sie nie.

Heute Nacht zum Beispiel war es Dekonstruktion. Dekonstruktion ist ein Wort, das mir schon immer gefallen und mich zugleich eingeschüchtert hat. Dekonstruktion des Ich-Begriffs fällt mir oft ein, wenn ich im schlafenden Seehof die Nacht bewache und darauf warte, dass jemand einen Fehler macht. Ich weiß nicht genau, ob das ein Buchtitel sein soll oder wer überhaupt diese Wortfolge in meinen Gedankenfluss einspeist, aber wenn ich mir diese Frage stelle, bin ich noch in der Sekunde ihr Gefangener. Das versuche ich zu vermeiden, weil ich mir sympathisch bin. Mit einigen Persönlichkeitszügen bin ich zwar nicht zufrieden, aber ich arbeite daran, sie in Schach zu halten und meinen besseren Eigenschaften Platz zur Entfaltung zu geben. Das finde ich ziemlich nett von mir, und ich kann sagen, ich mag mich.

So absurd, wie sich das anhört, ist es nicht. Es können nicht alle Menschen von sich behaupten, sich selbst besonders zu mögen. In manchen Fällen ist das auch gut nachvollziehbar, aber generell sind Menschen mit sich zu streng, wo sie nachsichtig sein sollten, und natürlich sind sie da, wo Strenge erforderlich wäre, um moralische Grundlagen in sich zu verankern, mit sich viel zu nachsichtig. Vermutlich liegt das daran, dass sie sich selbst nur flüchtig kennen.

Vor ein paar Jahren saß ich mit einem in der Unterhaltungskunst tätigen Freund in der Künstlergarderobe des Rabenhof-Theaters, als ein anderer Freund, ein Musiker, uns einen Besuch abstattete, um uns seine attraktive Freundin vorzustellen. In der Retroanalyse gelang es mir, diesen Moment als den Zeitpunkt zu identifizieren, an dem mein Unterhaltungsfreund begonnen hatte, lauter zu sprechen, lauter zu lachen und eine radikale Kehrtwende in der Wahl seiner Gesprächsthemen zu vollziehen. Hatte er soeben noch die Vorzüge des Landlebens gepriesen, so sprach er plötzlich von gruseligen Autounfällen und wilden Schlägereien, deren umjubelter Hauptdarsteller er seiner Erinnerung nach gewesen war, während ich während seiner Atempausen ohne den geringsten Anlass erklärte, ich stünde niemals für ein Ministeramt zur Verfügung, es sei denn, es wäre das Oralsexministerium.



Mal ganz unter uns: Wer so etwas von sich gibt, ist meines Erachtens nicht vorbehaltlos ministrabel.

Später erinnerte ich mich daran, dass ich die schöne Frau nie direkt angesehen hatte, und nun erst ging mir ein Licht auf. Ohne es zu bemerken, hatten sich mein Freund und ich vorübergehend entindividualisiert und in fortpflanzungsfixierte biologische Protokolle verwandelt. Na gut, könnte man sagen, das wird weder das erste noch das letzte Mal gewesen sein, was inhaltlich korrekt wäre, aber darum geht es gerade nicht. Es geht um die Frage, wer der Oralsexminister war, der aus mir gesprochen hatte. 

Diese halbe Stunde im Primatenmodus bzw. im Oralsexministerium könnte man als Ich-fern bezeichnen. Addiere ich die Stunden, die ich jeden Tag selbstvergessen in Tagträumen zubringe, ohne mich danach an die Handlung erinnern zu können, und die Zeit, in der ich mit vertrauten und weniger vertrauten Menschen telefoniere, zu Mittag esse, streite oder schlafe, so erhöht sich die durchschnittliche Gesamtdauer meiner ich-fernen Episoden pro Tag bereits beträchtlich. Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Momente, Minuten, Stunden tauchen in meiner Erinnerung auf, in denen ich nicht ich oder nicht ganz ich oder nur mir ähnlich gewesen bin. Wenn ich jetzt noch die Zeit hinzurechne, die ich schlafend verbringe, bleibt nicht mehr viel Nettodasein übrig.

Sie werden vielleicht auch schon bemerkt haben, dass Sie, wenn Sie über mehrere Stunden oder gar Tage hinweg allein und ohne Kontakt zu anderen Menschen sind, mit sich selbst zu reden beginnen und allgemein etwas wunderlich werden. Können Sie sich danach immer erinnern, was Sie in dieser Zeit getan, geredet und gedacht haben?

Nicht wir denken, sondern etwas denkt in uns, lässt uns handeln oder zaudern, hinterlässt kaum Spuren. Ich fühle, dass dieses so diskrete wie meinungsstarke Ich meinem Alltags-Ich nicht nur überlegen ist, sondern ihm auch jederzeit vorgaukeln kann, es sei ident mit meinem Unterbewusstsein. Hier liegt meine Chance: Im Gegensatz zu vielen anderen Menschen ist mir nämlich bewusst, dass der Begriff Unterbewusstsein nicht das Geringste bedeutet, erklärt oder beweist.

Arthur C. Clark formuliert es in seinem Dritten Gesetz aus Profiles of the Future so: Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist ununterscheidbar von Magie.”

Wann bin ich ich? Früher hatte ich angenommen, am meisten ich selbst wäre ich, wenn ich mit mir allein bin. Mittlerweile stellt sich mir die Frage, ob ich das je war, ob das irgendjemand von uns je gewesen ist. Allem Anschein nach sind wir nämlich die meiste Zeit über nicht da, oder weniger salopp formuliert, unser Bewusstsein ist nicht in der Wirklichkeit zu orten. Es stellt sich die Frage, wo wir stattdessen sind. Und es stellt sich die Frage, ob der Platz unseres Ichs leer bleibt, bis wir wiederkommen, oder ob da währenddessen jemand sitzt, der nicht bemerkt werden will.




Identitätskrisen zählten einst zu den Luxusproblemen scheintoter Intellektueller, heute kann man sogar an der Wursttheke im Supermarkt gelegentlich das mustergültige Existenzlamento einer verzweifelten Angestellten belauschen: Wos hot des olles no für an Sinn?”

In diesem Fall erfüllte die Vermummung der jungen Verkäuferin eine wichtige Doppelfunktion, denn ohne ihre Maske wären wahrscheinlich hochinfektiöse Coronatränen auf meinen Molotowschinken geweint worden. Ich hätte die Dame gern getröstet, war aber gerade selbst untröstlich. Was mich ärgerte, denn wenn ich ein anderes Menschenkind traurig sehe, werde ich auch traurig, so wie mein Tag schöner ist, wenn die aktuell in meiner Wahrnehmung als Beobachtungsobjekt oder Turngerät diensthabenden Menschen gute Laune verbreiten. Doch man kann nur helfen, wenn man sich selbst helfen kann, und in dieser Gleichung steckte an jenem Nachmittag ein Unsicherheitsfaktor. Um sich mit sich selbst auseinandersetzen zu können, muss man im übertragenen Sinne erst einmal zuhause sein, und da ich schon vier Tage nicht geschlafen hatte, war ich mir nicht sicher, auf welche meiner Subroutinen ich beim Heimkommen in meinem Bewusstsein stoßen würde. Es gibt da den einen oder anderen Problembären.

Was es mit Identitätszweifeln auf sich hat, weiß ich genau, schließlich habe ich sie erfunden. Zumindest könnte ich schwören, ich hätte. Wer wissen will, wie sich grobes Misstrauen gegenüber der eigenen Existenz anfühlt, mag sich hinsetzen, den Satz Ich bin ich!” auf einen Zettel schreiben und ein paar Minuten lang das Verhältnis zwischen dem gerade aufgeschriebenen Wort Ich” und sich selbst zu ergründen versuchen. Schon nach kurzer Zeit wird er argwöhnen, er hätte es falsch geschrieben, weil das Wort sich plötzlich so vage und unbestimmt ausnimmt. Dieses Versuchsstadium ist geprägt von Ratlosigkeit, die noch gesteigert werden kann, indem er sich mit der Frage auseinandersetzt, wer die beiden Ichs in dem Satz Ich bin ich” eigentlich sind. Man könnte argumentieren, dass sich das erste Ich auf die Identität der Person bezieht, die gerade jenes erste Ich (das Wort) schrieb, während das zweite Ich hingegen mit der Person sympathisiert, von der es gerade geschrieben wird, also schlichtweg mit dem, der eine Sekunde jünger ist als der erste Ich-Schreiber. Das ist das Hauptproblem unserer Spezies: Wir haben keine Zeit, uns an uns selbst zu gewöhnen, weil wir mit uns so unzufrieden sind, dass unsere Ichs gegeneinander im Battle Royal antreten müssen. Daraus ergibt sich, dass wir im Laufe der Zeit entweder verzweifelt oder bösartig werden, so wie es jeder wird, der allein ist, weil ihm die Vielstimmigkeit in seinem Kopf zu anstrengend war.

Bei Schriftstellern, die gute Bücher schreiben können, verhält es sich genau umgekehrt. Wenn man das einmal begriffen hat, beginnt man auch zu verstehen, warum Schriftsteller darauf beharren, dass der Autor und der Erzähler einer Geschichte (zumindest) zwei verschiedene Personen sind. Der Autor dient dem Erzähler als Steigbügelhilfe. Der Autor weiß, was er erzählen will, der Erzähler weiß, wie er es erzählen muss. Der Autor darf manches, der Erzähler darf alles. Der Autor weiß manches, der Erzähler ahnt alles. Der Erzähler kennt den Autor besser, als der sich selbst kennt. Der Erzähler wählt die richtige Wirklichkeit, wenn der Autor Angst davor hat, diese Entscheidung zu treffen. Ein gutes Buch ist das Werk des Erzählers, der am Ende wieder hinter dem Autor verschwindet, doch möglich wird dies nur, wenn der Autor es wagt, sich mit dem Erzähler einzulassen. Manche Erzähler gehen nämlich nie wieder weg, verstehst du? Den Besten gelingt es, sich bequem im Autor einzurichten, so dass am Ende keiner mehr weiß, welcher von beiden er ist und welcher er war, was die wichtigste Voraussetzung dafür ist, dass in keinem von beiden die Frage auftaucht, wer er sein soll. 

Elon Musk glaubt, dass wir eine Computersimulation sind, er meint, die Wahrscheinlichkeit dafür, dass wir in einer realen Welt leben, läge bei 1:1,000,000,000. Nun, das würde einiges in meiner Biographie erklären, doch davon abgesehen hat es für mich keine Relevanz, ob etwas nach der Meinung anderer wirklich passiert” ist oder nicht. Alles, was ich wahrnehme, ist passiert. Alles, was ich wahrnehme, trägt die Lösung eines Welträtsels in sich. Es wäre bloß fatal, danach zu suchen. Oder sie gar zu finden.


Ich habe ein schlechtes Gedächtnis, was Belanglosigkeiten betrifft. Früher, als ich noch rabiat und raubeinig war, zerstritt ich mich schon mal mit jemandem, doch wenn ich dem Betreffenden ein paar Monate darauf irgendwo begegnete, begrüßte ich ihn herzlich und wunderte mich, wieso sich der plötzlich so komisch benahm. Zwistigkeiten sind belanglos, solange man sie nicht aktiv vorantreibt und dadurch unweigerlich in einen emotionalen und energetischen Nettoverlust verwandelt. Das kann mir nicht passieren, weil meine Gedankenspeicherkapazitäten schon vor Jahren an ihre Grenzen gestoßen sind und jeder neue Gedanke einen älteren ersetzt. Vermutlich befindet sich in meinem Gehirn eine Art Überlaufventil, wie in einer Badewanne, nur eben für Gedanken statt für Wasser ausgelegt. Somit sorgt mein angeborener Gedankenüberschuss dafür, dass ich niemandem lange böse sein kann.

Vergesslichkeit von solchem Ausmaß hat natürlich auch seine Schattenseiten. Zum Beispiel wenn man Geld verleiht: Erst erinnert man sich nicht mehr daran, wie viel man verliehen hat, dann vergisst man, wem man das Geld geliehen hat, und am Ende hat man keine Ahnung, dass man überhaupt Geld verliehen hat. Aber besser ein verpeilter armer Schussel zu sein als einer, der sich jede Kränkung merkt und irgendein anderes Menschenkind bis in die Gruft hinein hasst. So jemand leidet an Gedankenarmut, einer bisweilen pandemisch verlaufenden Krankheit, die meinen Beobachtungen zufolge bei den meisten Betroffenen durch Denkfaulheit bzw. Ideenfurcht ausgelöst wird.

Ein gewisser Mindestanteil an konservativen Haltungen muss in einer sozialen Gemeinschaft gegeben sein und als Korrektiv wirken, sonst würde wir ja jeden Unfug ausprobieren. Deshalb finde ich es bemerkenswert, dass die Angst vor neuen Ideen gerade unter Menschen verbreitet ist, die für sich selbst einen eher progressiven Wertekanon reklamieren. Vielleicht überschätze ich aber auch die Relevanz des individuellen Weltbildes in diesem Zusammenhang, und unserer Angst vor Neuem liegt in der Hauptsache die Unsicherheit unserer Existenz zugrunde.

Manche Menschen wünschen sich, dass alles besser wird, sich aber nichts ändert. Zugleich leben sie in der unbewussten Überzeugung, dass garantiert nie irgendetwas besser wird und sich garantiert nie etwas ändern wird. Was nicht verwundert, weil einer, der jeden Morgen das eigene Ich des Vortags kopiert, um es pflichtgetreu weitere 24 Stunden durch die Welt zu schieben, jede Art von Wandel für unmöglich halten muss. So jemand braucht nicht nach Antworten zu suchen, denn ihn interessieren die Fragen nicht. In seiner Welt ist alles geregelt. Wem es nicht gut geht, der muss in Therapie. Wer kein Geld hat, bekommt es vom Staat. Und auf den Staat ist Verlass.

Tja.

Ich fürchte, all jene, die sich hier wiedererkennen, werden sich an Veränderungen gewöhnen müssen. Das BIP der USA ist im zweiten Quartal dieses Jahres um 33% geschrumpft, und wer glaubt, dass ihm das egal sein kann, weil es ihn persönlich nicht stärker betrifft als ein Lichtjahre entfernter Bierkomet, befindet sich in einem ähnlich gravierenden Irrtum wie mein alter Spanischlehrer, der landauf, landab verkündete, ein Atomkrieg zwischen den Supermächten hätte geringfügige bis keine Auswirkungen auf das neutrale Österreich, wobei er Umweltschäden ausdrücklich einschloss, da er sie ausschloss.

Schon wenn die amerikanische Wirtschaft bloß stagniert, erkrankt binnen kurzer Zeit jeder zehnte Bürger von Brüssel an stressbedingter Gürtelrose, was ist also erst zu erwarten, wenn in der noch größten Volkswirtschaft der Welt die Produktivität um 33 Prozent zurückgeht, während ihre Sozialausgaben jede bekannte Skala sprengen? Um Volksaufstände und den Zusammenbruch der Staatsstrukturen zu verhindern, wird die Fed, die US-Zentralbank, weitere Billionen Dollar drucken müssen, von denen ein kleiner Teil der einfachen Bevölkerung per Scheck ins Postfach gelegt wird, damit die Leute ihre Miete und ihre Kreditraten bezahlen können. Einen weit größeren Teil überweisen die Beamten als Nothilfe” an vermeintlich bedürftige Betriebe, deren Identität geheimgehalten werden darf, und der große Rest fließt als milde Gabe in den Aktienmarkt.

Es sei angemerkt: Wer die in Umlauf befindliche Geldmenge erhöht, ohne einen ökonomischen Gegenwert zu produzieren, macht sich nach dem Strafgesetz eines Vergehens schuldig, das als Geldfälschung bezeichnet und in den meisten Ländern mit bis zu zehn Jahren Freiheitsstrafe geahndet wird.

Wenn die Weltreservewährung Dollar in Turboinflation versinkt und schließlich kollabiert, bedeutet das die Kernschmelze des globalen Finanzsystems. Spätestens dann platzt unsere Illusion, die Weltgeschichte wäre eine Art diskreter Taxifahrer, der uns sanft von der Geburt zum Tod befördert und rücksichtsvoll genug ist, erst wieder Vollgas zu geben, wenn wir ausgestiegen sind.

Ich habe ein gutes Zahlengedächtnis, vermutlich weil Zahlen nie belanglos sind. Daher weiß ich, dass niemals mehr als 21 Millionen Bitcoin existieren werden, von denen bis dato 18,467,618 gemint wurden. Kein einziger davon kann gefälscht werden, denn darüber wacht das sicherste Computernetzwerk der Welt, die Bitcoin-Blockchain. Bitcoin ist nicht nur Geld, sondern auch eine Währung, die sich der Entwertung durch nachträgliche Erhöhung des Umlaufbestands kategorisch entzieht, weswegen ihn ein Superstar der Finanzkriminalität, nämlich Donald Trump, so sehr hasst, dass er schon 2018 seinen Treasury Secretary Steven Mnuchin anwies: Go after Bitcoin!” 

Es soll Menschen geben, die Vertrauen in die Gestaltungskraft, den Erfindungsreichtum und die Problemlösungskompetenz ranghoher Vertreter der Weltpolitik haben. Sie zählen dazu? Da muss ich einschreiten.

Wissen Sie, was Kanada ist? Wissen Sie, was Staatsschulden sind? Wissen Sie, was ein Finanzminister ist?

Wenn nicht, macht das auch nichts. Der Herr, der in diesem Video befragt wird, weiß es noch weniger, und der ist immerhin Kanadas Finanzminister. Nein, nicht in einer Vorabendserie. Ich gebe zu, der Mann mit Turban und starrem Blick wäre ein genialer Regieeinfall, wenn es denn einen Regisseur gegeben hätte. Aber es ist keine Satire, es ist die ungeschminkte Realität: Pierre Poilievre asks Finance Minister Bill Morneau basic questions.


Die Angst lässt mich nie allein. Sie ist immer da, ein Hintergrundrauschen, meistens leise, nicht immer. Ich bin mir sicher, dass ich dieses Rauschen nicht als Einziger höre, aber Gefühle sind uns peinlich, zumindest lästig, daher gibt sie keiner zu. Wir haben wenig Probleme damit zu verkünden, was wir hassen, dagegen sollte am besten gar niemand wissen, dass und was wir lieben. Über Angst und Kummer redet niemand, aus Angst, als Schwächling verlacht zu werden, und diese Angst ist berechtigt, zumal Menschen, die ihre Angst und ihren Kummer vor sich selbst und anderen verstecken wollen, jede Gelegenheit nützen, um ihre kummerfreie Furchtlosigkeit zu demonstrieren, was idealerweise auf Kosten eines anderen geschieht, so wie sie mit besonderer Besessenheit und unter größtmöglicher Aufmerksamkeit ihrer Umgebung das bekämpfen, was sie im Innersten selbst sind. Wer bei jeder mehr oder weniger passenden Gelegenheit inbrünstig wutschäumend gegen Nazis, Rechtsextremisten und Faschisten wettert, in dem entdeckt man den Faschisten schneller, als er Nazi!” sagen kann. Die meisten von uns mögen sich selbst nicht besonders. Die meisten von uns tun sich damit Unrecht. Bei wenigen anderen zeugt ihre kritische Haltung gegenüber sich selbst von Menschenkenntnis..

All das ist nicht gutzuheißen. Als Angst-Emeritus auf diesem Gebiet eine Autorität, warne ich davor, Angst zu leugnen oder zu ignorieren. Schon gar nicht darf man sie unterschätzen, es ist vielmehr angeraten, sie wie einen Kriegsgefangenen zu bewachen.

Ständig ein unterschwelliges Angstgefühl verwalten zu müssen ist vergleichbar mit leichtem Fieber, 365 Tage im Jahr. Man gewöhnt sich daran, Fieber zu haben, irgendwann kennt man es ja nicht mehr anders. So ähnlich verhält es sich auch mit der Angst.

Ich musste erst lernen, mit diesem Handicap zu leben, denn ein ängstlicher Nachtwächter ist in seinem Beruf so kompetent wie ein blinder Wachhund. Wobei ich keine Angst vor Menschen habe, da fürchte ich mich noch eher vor einem blinden Wachhund. Menschen können mir nicht viel tun. Ich bin groß und stark, und selbst wenn das nicht genügen würde: Was können mir Menschen schon anhaben? Im schlimmsten Fall könnten sie mich umbringen, mehr aber nicht. Dagegen Nichtmenschliche Angreifer: Viren, Radioaktivität, Aussichtstürme, Flugzeuge und anderes Gesindel, dem alles zuzutrauen ist. Und Geister, Teufel und Dämonen, die eine Ewigkeit Zeit haben, uns zu tyrannisieren.

Jeder Mensch ist entweder ängstlich oder traurig. Natürlich gibt es Schattierungen. Ein alter Freund, der sich hoffnungslos im Fegefeuer von Ohnmacht, Alkohol und Drogen verloren hatte, beschrieb mir seine Grundstimmung als Tiefentraurigkeit”. Er war eigentlich nicht der Typ, von dem ein so perfekter Begriff zu erwarten gewesen wäre. Die Hälfte unserer gemeinsamen Abende endeten damit, dass er irgendeinem Fremden mit der Faust ins Gesicht schlug. Ich bin ja froh, dass er mich schon eine Weile kannte. Ich habe mehrfach versucht, ihm zu erklären, dass die Tiefentraurigkeit, die er fühlt, weniger der Auslöser seiner Gewaltexzesse ist als ihr Resultat, aber er hatte wahrscheinlich zu viel Angst, um sich mit solchen Gedanken auseinanderzusetzen. Womit er unbewusst wohl die richtige Entscheidung traf, denn Gedanken darf man nicht unterschätzen. Ich habe schon in meiner Kindheit jeden Gedanken für eine für uns Menschen nicht begreifbare Lebensform gehalten, und wie zum Beweis trug mir dieser Gedanke schlaflose Nächte ein.

Viele Jahre später. Unter dem Einfluss von DMT, dem gewaltigsten Rauschmittel, das ich je auf mein Bewusstsein losgelassen habe, gaben sich psychotrope Substanzen ebenso wie Ideen mir gegenüber als Lebensformen zu erkennen, die durch das Universum reisen. Das LSD flog gerade auf einem unsichtbaren Besen nach Hause, und ich erfuhr, dass es von einem weit entfernten Planeten stammte. Bei meiner Informationsquelle handelte es sich um den Teide, den Vulkan auf Teneriffa, auf dem ich saß und ihn zärtlich streichelte, als Dank dafür, dass er in meinem Kopf mit mir redete, sein Wissen mit mir teilte und mir zuletzt offenbarte, dass er ich war, genauer gesagt das, was ich in 7000 Jahren sein würde.



Bin mir nicht sicher, ob er nicht irgendwo geflunkert hat.




Als ich vorgestern auf einer mir unbekannten Kellerstiege die surreal schöne, leicht abartige Sophie in den Arsch fickte, kam mir der Gedanke, dass solche Episoden, wiewohl nur schmückendes Beiwerk eines Lebens, nicht Teil seiner Substanz, unter der Kunststudentenschaft künftiger Tage den Wunsch auslösen könnten, mein Leben zu verfilmen.

Nicht dass ich mich für so bedeutend hielte, um meine Biographie als historisch bedeutsam und für die Filmgeschichte unverzichtbar einzuschätzen. Es ist bloß so, dass alle Filmemacher Stoff brauchen, aber viele keinen haben. Wer nichts zu erzählen hat, macht sich auf die Suche nach etwas, das wie Kunst aussieht, weil er nicht weiß, dass man in der Kunst nicht findet, sondern gefunden wird. Nicht jeder wurde von der Natur dafür geschaffen, Filme zu machen, sonst gäbe es weder Bauern noch Rettungsfahrer. Im Gegenteil, es gibt nur wenige wirklich Gesegnete wie etwa meinen Freund David Schalko. Das ist so einer, den mag man sich nicht als Bauer oder Rettungsfahrer vorstellen. Selbst wenn er ausreichend Bauerntalent für eine Karriere im Zeichen der Scholle gehabt hätte oder, von Kritik und Publikum gleichermaßen verehrt, sein Licht auf dem unbestritten systemrelevanten Gebiet der Ambulanzwagenlenkung leuchten ließe, so wäre der Menschheit dennoch großer Schaden entstanden, denn so gering die Zahl genialer Bauern und genialer Rettungsfahrer auch sein mag, noch kürzer ist die Liste der genialen Filmemacher, auf der sein Name fehlen würde.

Nun, und worüber machen Filmemacher Filme? Genau, über andere Menschen. Es sei denn, sie sind keine Künstler, sondern Kunstinteressierte, die die Entwicklung von der zwanghaften Masturbation zum fakultativen Zweipersonenakt, ob auf Kellerstiegen oder woanders, noch nicht abgeschlossen haben, und man würde lügen, wollte man behaupten, es gäbe von denen zu wenige. Mit ihren mürrischen, missgelaunten Fratzen verbreiten sie auf den steinernen Treppen vor Museen und an den schmutzigen Tischen sich allmählich leerender Studentenlokale in jedem Land der Welt eine Stimmung der gescheiterten Pläne und enttäuschter Hoffnungen, bis auch der Letzte bei ihrem Anblick Depressionen und ein schlechtes Gewissen in sich aufsteigen fühlt. Wenn die Welt einmal nicht aufpasst und in der Nähe solcher Leute eine Kamera stehen lässt, machen sie Filme über Brot, Samstage, die mutmaßliche Philosophie des Habichts oder Hapax legomena, weswegen man sie mit Fug und recht als Anhänger eines intellektuellen Cargo-Kults bezeichnen könnte. Über Menschen bzw über für Menschen Existenzielles Filme zu drehen oder Bücher zu schreiben hat nämlich den Nachteil, dass sich jeder Rezipient auf diesem Feld zu Recht oder zu Unrecht als Fachmann betrachtet, was man zumindest von der Philosophie des Habichts und dem Hapax legomenon nicht behaupten kann. Je mehr das Publikum von Kunst versteht, desto schwieriger ist es, ihm einen Tannenbaum als Orakel zu verkaufen.

Eigentlich sind wir ja noch immer auf der Kellerstiege. Fortsetzung folgt.


Wie der Zufall es will, entdecke ich in der Telegram-App, in der ich gerade meine Kontaktliste nach Freundinnen mit Bergsteigererfahrung durchsucht habe, in den Einstellungen folgenden Satz:

Sensible Inhalte: Aktivierst du diese Funktion, werden sensible Medien in öffentlichen Kanälen auf all deinen Geräten angezeigt.

Ich könnte mir vorstellen, dass ich nicht der Einzige bin, der diesen Satz sonderbar findet.Vermutlich werde ich den Rest des Tages mit der Frage zubringen, wer bloß jemals auf die Idee gekommen ist, Medien und Inhalte zu sensibilisieren, und wie um alles in der Welt ihm das gelungen sein mag.

Die Lage ist unverändert. Ich bin nach wie vor außerstande, meinen Nachtwächterpflichten im Seehof” nachzukommen, weil mein Wohnungsschlüssel noch immer verschollen ist und ich mir keinen Schlüsseldienst leisten will. Beim letzten Mal ließ der Schlosser drei Stunden auf sich warten, um dann für die zwei Handbewegungen, die er zum Öffnen des Schlosses benötigte, 300 Euro zu verlangen. Da hätte ich gleich Houdini engagieren können, das wäre auch nicht viel teurer gekommen.

Seit heute werde ich von Freunden bis auf Weiteres mit Lebensmitteln versorgt, was durch meine raffinierte Erfindung der Materialseilbahn ermöglicht wird. Nun denken Sie sich vielleicht, die Materialseilbahn hat ganz sicher jemand anderer viel früher erfunden, womit Sie auch vollkommen recht haben, aber meine Materialseilbahn ist die erste, die zwischen einem Fenster, das vom Treppenhaus zu erreichen ist, und meinem Küchenfenster errichtet wurde.

Beim Aufbau am Nachmittag ein kleines Missgeschick: Als plötzlich die wunderschöne Nachbarin von gegenüber nackt in ihrer lichtdurchfluteten Küche erscheint und mir ohne das geringste Zeichen von Verlegenheit zuwinkt, bin ich den Herausforderungen meiner typisch österreichischen Ämterakkumulation (was die Seilbahn angeht, bin ich Bauherr, Architekt und Arbeiter in Personalunion) für einen Moment nicht gewachsen, gerate aus dem Gleichgewicht und erleide beinahe das Schicksal der Defenstrierung aus dem vierten Stock.

Das war vor zwei Stunden. Ich sitze am Schreibtisch. Was geschehen ist, gibt mir zu denken. Die Erkenntnis, wie schnell alles vorbei sein kann, schockiert mich immer wieder. Gegen existentielle Verstörung hilft bekanntlich Sex, zumindest manchmal, aber versuchen Sie einmal, mit jemandem zu schlafen, wenn Sie allein zuhause sind und in Ermangelung eines Schlüssels ohnehin nicht in der Lage wären, einem Menschen, der sich Ihrer Triebhaftigkeit erbarmt, die Tür zu öffnen.

Ich glaube, ich bin auch deshalb ein wenig bedrückt, weil ich lange nicht mehr verliebt war.

John Burnside ist es gelungen, eines der größten Lebensrätsel zu entschlüsseln und in sechs Wörter zu transformieren: Wir lieben uns selbst als Liebende.”


Einer der wahrsten und weisesten Sätze, die je geschrieben wurden. Weil er so einfach klingt, tendieren Menschen dazu, ihn zu unterschätzen. Aber wir unterschätzen grundsätzlich das Einfache und verbeugen uns vor dem Komplizierten, in totaler Verkennung dessen, was Qualität denn nun eigentlich ist. Es verhält sich nämlich genau umgekehrt: Etwas umständlich zu erklären ist nicht schwierig, es wälzt vielmehr den Hauptteil der Arbeit auf denjenigen ab, der Erklärungsbedarf hat. Etwas so einfach wie möglich auszudrücken, ohne durch die Verknappung der eingesetzten Mittel auch nur den geringsten Informationsverlust beklagen zu müssen, ist unglaublich schwierig und darüber hinaus zumeist unbedankte Mühe, da das Wesen aller Meisterschaft eben darin besteht, unsichtbar zu bleiben. In der Literatur gilt daher der Grundsatz: Einer muss sich quälen, der Autor oder der Leser.


Der Nachtwächter als solcher ist ja grundsätzlich ein alarmistischer Charakter. Ein bei Angehörigen meines Berufsstandes durchaus erwünschter Wesenszug, allerdings mit Vorbehalt. Ein Alarmist darf nicht zusätzlich Hysteriker sein, da jemand, der diese Eigenschaften in sich vereint, jede Nachtwache unweigerlich in eine Farce verwandeln wird: Wer wünscht sich einen Nachtwächter, von dem zu erwarten ist, dass er Einbrecher auf keine andere Weise in die Flucht schlagen könnte als durch seine gellenden Schreckensschreie. Noch schlechtere Voraussetzungen für die Laufbahn des Schwarzlichtsoldaten bringt nur der nihilistische Phlegmatiker mit.

Als ich gestern bei der Arbeit wie üblich meinen Verstand dabei beobachtete, wie er mehrere Gedankenstränge zugleich verfolgte, erschien mir nur der über Künstliche Intelligenz (KI) bemerkenswert. Es ging darin um die von Google entwickelte KI AlphaZero. Dieser hatte man vor drei Jahren die Grundregeln des Schachspiels beigebracht, woraufhin sie durch eigenständiges Training ihre Spielstärke auf ein solches Niveau hob, dass sie das bis dahin beste Schachprogramm der Welt, eine Engine mit dem anmutigen Namen Stockfish 8, in einem Wettkampf vernichtend besiegen konnte: Von 100 Partien verlor AlphaZero keine einzige, gewann aber 24, und 76 endeten unentschieden.

Das ist für sich genommen bereits eine ungeheuerliche Nachricht, aber jetzt wird es erst richtig unheimlich: Die Zeit, die AlphaZero zwischen dem Erlernen der Grundregeln und der ersten Partie gegen Stockfish 8 für sein Training benötigte, betrug nicht etwa ein Jahr oder wenigstens einen Monat, sondern vier Stunden.

Es gibt also auf der Erde eine Existenzform, die etwas so Komplexes wie Schach innerhalb von vier Stunden tiefer durchdringt, als es Menschen im Verlauf von über 500 Jahren und Computern im Verlauf von 40 Jahren gelungen ist. Wer behauptet, er wüsste, was in dieser KI vorgeht, wo ihre Grenzen sind, was sie tun kann und was nicht, der ist entweder sehr naiv oder sagt bewusst die Unwahrheit. Uns fehlt schlichtweg jeder Begriff von ihrer Intelligenz und ihren Entwicklungsmöglichkeiten. Früher hieß es, mit der technischen Singularität, wie der Zeitpunkt genannt wird, an dem die künstliche Intelligenz die menschliche übertrifft, sei nicht vor dem Jahr 2050 zu rechnen. Zuletzt hörte man die Zahl 2025. Naja, wäre ich eine künstliche Superintelligenz, würde ich den Menschen auch genau das verkaufen, besonders wenn der Zeitpunkt der Singularität gar nicht in der Zukunft, sondern in der Vergangenheit zu finden wäre.

Hier kreuzten sich dieser Gedankenstrang mit einem anderen, der sich bis dahin unauffällig mit der Forschung nach Covid-Heilmitteln beschäftigt hatte. Ich hatte über freundliche Bakterien wie Bifidobakterien und Milchsäurebakterien nachgedacht, die von Wissenschaftlern in Kapseln gefüllt und bei Bedarf von uns geschluckt werden, um in unseren Gedärmen Jagd auf böse Bakterien zu machen. Diese Bakterien wissen nicht, dass sie von einem Menschen an ihr Einsatzgebiet verfrachtet worden sind, aus ihrer Sicht (falls sie eine haben) sind sie einfach da. Vermutlich wissen sie auch nicht, dass sie hauptberuflich im Dienst unserer Gesundheit stehen.

Nun drängen sich einige unangenehme Fragen auf. Etwa, was für eine glückliche Fügung es doch ist, dass ausgerechnet wir Menschen die Krone der Schöpfung sind, und ob womöglich eine Gebirgsmaus oder eine Forelle dasselbe über ihre Art denkt, weil sie nicht entwickelt genug ist, um uns als überlegene Intelligenz wahrzunehmen. Ob wir wirklich wissen, was wir eigentlich tun, wenn wir das tun, was wir leben nennen. Und ob wir nach unserem freien Willen leben, oder ob wir gezielt hier abgesetzt worden sind, um irgendeine für uns nicht als solche erkennbare Arbeit zu erledigen.

Manchmal bin ich froh, wenn es hell wird.




Gedanken, gedacht

Von dem, der die Nacht bewacht 


(3)


Haben Sie sich schon einmal gefragt, wieso ausgerechnet wir Menschen das höchstentwickelte Wesen des Planeten sind und nicht die Stubenfliege oder ein Kastanienbaum oder sonst irgendjemand? Nein? Belassen Sie es besser dabei. Obwohl die Frage faszinierend ist.


Vielleicht sollten Sie hier nicht weiterlesen.


Ich kann mir vorstellen, dass sowohl die Stubenfliege als auch der Baum, sollten sie über ein Bewusstsein verfügen, ihre eigene Spezies ebenfalls für die Krone der Schöpfung halten, weil sie uns gar nicht als intelligente Lebensform erkennen (was man ihnen nicht verübeln kann). Sie haben keinen Begriff von uns und für uns.


Es besteht kein Zweifel, dass Stubenfliegen und Kastanienbäume weder Mathematik-Schularbeiten schreiben noch Kathedralen erbauen können. Wenn wir eine Fliege mit einer Zeitung erschlagen, wird sie die bestimmt nicht zuvor gelesen haben, und wenn Waldarbeiter einen Baum fällen, glaubt der womöglich, er hätte dieselbe Krankheit wie dereinst seine Eltern, und hofft, sie gleich im himmlischen Wald wiederzusehen. Die Äxte sind für ihn ein unsichtbares, tödliches Rätsel, und die Menschen, die sie schwingen, nur Schatten, von denen Schallwellen ausgehen. Wir betrachten Fliegen, wir klettern auf Bäume, und sie bemerken es nicht einmal.


Was wir Menschen wohl so alles nicht bemerken, könnte man sich fast fragen. 


Wie meine Brillanz und mein erratisches Sozialverhalten offenbaren, leide ich an chronischem Gedankenüberschuss. In meinem Gymnasium gab es drei Psychologielehrer, die von einer Karriere als Forscher träumten. An meinem 16. Geburtstag zwangen sie mich, einen von ihnen in monatelanger Sonntagsarbeit entwickelten Intelligenztest auszufüllen. Das schmeichelhafte Ergebnis, das mir einen IQ von zumindest 165 attestierte, zweifelte ich gegenüber den Lehrern an, wobei ich argumentierte, ein Esel könne ebensowenig Bruchrechnungen lösen wie ein Taschenmesser ein Flugzeug pilotieren oder triefäugige Lehrer mit einem geschätzten IQ von 101 einen Intelligenztest konstruieren, dessen Skala bis 200 reicht, da sowohl Esel und Taschenmesser als auch mäßig begabte Hobbywissenschaftler der für ihr Vorhaben unabdingbaren intellektuellen Basiskompetenzen ermangelten. Obwohl ich nur mit bemerkenswerter Bescheidenheit illustrieren wollte, dass mein IQ auch mehr oder weniger als 165 betragen könnte, waren die, nun ja, Forscher der Ansicht, mit Taschenmessern verglichen worden zu sein. Die darauf folgende Diskussion ließ an Sachlichkeit zu wünschen übrig und endete irritierend fern von jedem Konsens.

Hochbegabung, ja gar Genialität ist gefährlich, vor allem für den Hochbegabten und das Genie. Da auf der Erde zumindest seit der Kreidezeit keine Intelligenzpandemie beobachtet wurde, macht schon leicht überdurchschnittliche Intelligenz einen Menschen bei der Obrigkeit und den Vertretern des Hausmeisterwesens verdächtig.

Selbsttest für Betroffene:

Eine beliebte, aber absolut unbewährte Methode zur Diagnose geistiger Hyperkompetenz besteht in der Abgleichung mit den bekanntesten Nebenwirkungen des gesellschaftlichen und sozialen Handicaps, das man als Intelligenz bezeichnet. Unter Betroffenen beobachtet wurden unter anderem eine signifikant erhöhte Selbstmordrate, gesteigerter Zynismus, Schrulligkeit, Kopfschmerzen, Suchterkrankungen, Priapismus, Skeptizismus, Monomanie, ein ungewöhnlich starker Sexualtrieb und folgerichtig Promiskuität.

Nun? Nichts für ungut, aber wenn ich so etwas lese, verstärkt sich mein Eindruck, bei meinem Leben handle es sich um eine einzige große Nebenwirkung.


Unweigerlich stranden wir bei der Frage, ob Gedankenüberschuss ein Zeichen von hoher Intelligenz ist oder eher das Gegenteil. Ebenfalls eine Sackgasse: Manche Menschen sind so genial, dass die Gedanken nur so auf sie herabrauschen, und andere wiederum gebären einen Gedanken nach dem anderen, weil sie verzweifelt auf den ersten warten, den sie verstehen. So jemand wird seine Gruppenzugehörigkeit selbst nur schwer bestimmen können, denn er kann ja auch diesen Gedanken nicht lange genug festhalten.


Letzte Chance:

If you want to be happy, be.” (Tolstoi.)


Vom zwanghaften Lügen wird selten gesprochen, und wenn doch, dann meistens nur von der harmlosen, der pathologischen Variante. 

Als Pseudologia phantastica oder krankhaftes bzw pathologisches Lügen bezeichnen Forscher, Mediziner und Psychologen eine verbreitete Charakterschwäche. Es gibt allerdings menschliche Eigenheiten, die ich für pathologischer oder zumindest für konfliktträchtiger als Lügen halte, zB Trichotillomanie, Paraphilie, Tourette und Blödheit. Langjährigen Feldstudien verdanke ich die Erkenntnis, dass Menschen, die zwanghaft lügen, weniger anstrengend sind als Menschen, die zwanghaft die Wahrheit sagen. Abgesehen davon, dass Lügner grundsätzlich ehrlicher sind als rechtschaffene Eiferer, haben die Wahrheitsfanatiker auch viel weniger zu einer Unterhaltung beizutragen. Was soll einer erzählen, der sich immer erst daran erinnern muss, was er für wahr halten soll und darf? Ein Lügner ist da adaptiver, mithin schneller. Außerdem ist es mir lieber, ich tausche mich mit jemandem aus, der weiß, dass er mich anlügt, als mit einem, der glaubt, dass er die Wahrheit sagt, obwohl er seine höchsteigene Wahrheit schon vor langer Zeit verloren hat.

Eine andere Art Lügenzwang ist totgeschwiegener Alltag und von ungleich größerer Relevanz.

Ein Angestellter eines mittleren Betriebs erleidet eines Morgens eine Panikattacke, wird von einem depressiven Schub in vorübergehende Paralyse versetzt oder bringt aus Gründen akuter Lebensüberforderung nicht die Kraft auf, sich aus dem Bett zu rollen. Würde er seinem Vorgesetzten am nächsten Tag den wahren Grund für sein Fernbleiben nennen, würde der a) ihn anschnauzen, b) ihn verhöhnen, c) ihm mit Konsequenzen drohen und d) sich ab diesem Zeitpunkt für jeden versäumten Arbeitstag ein ärztliches Attest vorlegen lassen. Das weiß der Angestellte, und deswegen wird er sich stattdessen damit entschuldigen, er hätte den ganzen Tag mit Durchfall und Krämpfen in der Toilette verbracht. Die Spuren der Zermürbung, die Panikattacken, Depressionen oder Totalüberforderung auf einem Gesicht hinterlassen, sind ihm anzusehen, werden aber als durchfallinduzierte Erschöpfung interpretiert. Der Vorgesetzte zeigt Verständnis und Mitgefühl. Es besteht eben Maskenpflicht und Lügenzwang. Fast immer, fast überall. Nur im Seehof nie.


Vor ein paar Tagen wurde ich in der Stadt Salzburg Zeuge einer Unterhaltung, deren Grad an Absurdität nicht einmal durch meine aktive Teilnahme gesteigert hätte werden können, und das will einiges heißen. Zum Glück befand ich mich in Begleitung einer ortsansässigen Paarungsgefährtin längst verwichener Jahre, die mir vor einer Stunde noch einmal bestätigte, dass es sich bei dem jüngst Erlebten nicht um eine unter dem Begriff Flashback bekannte Halluzination gehandelt hat, sondern um eine reale Begebenheit.

Wie sie es sagte, hörte es sich nach einem Vorwurf, daher wies ich sie darauf hin, dass eine permanente Unterdrückung des Lachreflexes im menschlichen Organismus eine ähnliche Ausschüttung von Stresshormonen zur Folge hätte wie Harnverhaltung. Sie antwortete ernst, das glaube sie nicht, ich möge Quellen anführen, Beweise bringen, was in mir vorübergehend Unmut auslöste, weil es mich daran erinnerte, wie vielen von Natur aus gar nicht dummen Menschen verborgen bleibt, dass unsere Gesellschaft von Schablonendenken, Verboten, Richtlinien, Korrektheitsansprüchen und vermeintlichen Rücksichtspflichten gegenüber allen und jedem so sehr durchdrungen ist, dass wir sogar von Fortschritt sprechen könnten, wenn der nächste Schritt der menschlichen Evolution darin bestünde, zu Statuen zu werden.

Schauplatz erwähnter Unterhaltung war eine Straßenbahn, wo in der Sitzreihe vor mir zwei junge Männer mit Down-Syndrom saßen. Wie ihrem Wortgefecht zu entnehmen war, lebten sie in einer betreuten Wohngemeinschaft. In diesem Moment gingen sie aus unbekanntem Anlass der Frage nach, wer von ihnen wohl behinderter (sic!) als der andere sein mochte. Beide sahen den jeweils anderen in dieser Position, was der Gesprächsatmosphäre ebenso wenig zuträglich war wie die kompromisslosen Argumente, mit denen jeder seinen Standpunkt untermauerte. Gut eine Viertelstunde flogen Vorwürfe schwerer geistiger Handicaps zwischen den beiden hin und her, bis ein älterer Herr den Lärmpegel nicht mehr aushielt und sie bat, etwas weniger zu schreien.

Schämen Sie sich nicht?” fragte eine hagere Frau.

Für einen Moment dachte ich, der harsche Tadel wäre an die jungen Männer gerichtet, doch er galt dem älteren Herrn, der seine Beschwerde sogleich mit einem Vortrag der hageren Frau über Diskriminierung zu büßen hatte. Ich hörte nicht zu, deswegen werde ich nie erfahren, in welchem Zusammenhang sie den Namen Konrad Lorenz ins Spiel brachte.

Dass die Idiotenrate unter Personen, die sich in einer Diskussion auf Konrad Lorenz berufen, bei knapp über 100 Prozent liegt, dürfte allgemein bekannt sein. Neu war mir, dass dieser Sachverhalt auch in Down-Syndrom-Kreisen nicht unbemerkt geblieben ist.

Es waren heftige Schockwellen, die der Jüngere mit seinem Gebrüll fünf Zentimeter vor dem Gesicht der hageren Frau auslöste:

DU BIST JO VULL BEHINDERT!”

Unsere Blicke trafen sich, und ich hätte schwören können, er zwinkerte mir zu. Seither recherchiere ich, was wahrscheinlicher ist: dass jemand Trisomie-21 simulieren kann, oder dass ich doch mit bislang unentdeckten Flashbacks zu kämpfen habe.


Jeder von uns ist mindestens zwei, es müssen ja nicht gleich Dr. Jekyll und Mr. Hide sein. Die multiple Persönlichkeit ist nicht nur eine Tatsache – ich war einmal mit einer Frau liiert, die grob geschätzt 24 verschiedenen Persönlichkeiten die raue Schlucht ihrer Seele als Aufmarschgebiet und Schlachtfeld zur Verfügung stellte -, man kann auch ihre innere Logik nicht leugnen. Denn wenn man eine Weile darüber nachdenkt, wird man zum Schluss kommen, dass auch der Polytheismus dem Monotheismus als das wesentlich praktischere, zumal dezentrale Konzept deutlich überlegen ist. Statt die Verantwortung für den Gang der Welt einem einzigen Höheren Wesen aufzubürden, hat man mehrere göttliche und halbgöttliche Ansprechpartner, die zudem miteinander in einem erbitterten Konkurrenzkampf stehen, dessen Prinzip sich zumindest im Kapitalismus ja als Segen für das Wohl des Einzelnen erwiesen hat.

Jeder von uns ist mindestens zwei, es müssen ja nicht gleich Dr. Jekyll und Mr. Hide sein. Die multiple Persönlichkeit ist nicht nur eine Tatsache – ich war einmal mit einer Frau liiert, die grob geschätzt 24 verschiedenen Persönlichkeiten die raue Schlucht ihrer Seele als Aufmarschgebiet und Schlachtfeld zur Verfügung stellte -, man kann auch ihre innere Logik nicht leugnen. Denn wenn man eine Weile darüber nachdenkt, wird man zum Schluss kommen, dass auch der Polytheismus dem Monotheismus als das wesentlich praktischere, zumal dezentrale Konzept deutlich überlegen ist. Statt die Verantwortung für den Gang der Welt einem einzigen Höheren Wesen aufzubürden, hat man mehrere göttliche und halbgöttliche Ansprechpartner, die zudem miteinander in einem erbitterten Konkurrenzkampf stehen, dessen Prinzip sich zumindest im Kapitalismus ja als Segen für das Wohl des Einzelnen erwiesen hat.

Jeder von uns ist mindestens zwei, es müssen ja nicht gleich Dr. Jekyll und Mr. Hide sein. Die multiple Persönlichkeit ist nicht nur eine Tatsache – ich war einmal mit einer Frau liiert, die grob geschätzt 24 verschiedenen Persönlichkeiten die raue Schlucht ihrer Seele als Aufmarschgebiet und Schlachtfeld zur Verfügung stellte -, man kann auch ihre innere Logik nicht leugnen. Denn wenn man eine Weile darüber nachdenkt, wird man zum Schluss kommen, dass auch der Polytheismus dem Monotheismus als das wesentlich praktischere, zumal dezentrale Konzept deutlich überlegen ist. Statt die Verantwortung für den Gang der Welt einem einzigen Höheren Wesen aufzubürden, hat man mehrere göttliche und halbgöttliche Ansprechpartner, die zudem miteinander in einem erbitterten Konkurrenzkampf stehen, dessen Prinzip sich zumindest im Kapitalismus ja als Segen für das Wohl des Einzelnen erwiesen hat.

Jeder von uns ist mindestens zwei, es müssen ja nicht gleich Dr. Jekyll und Mr. Hide sein. Die multiple Persönlichkeit ist nicht nur eine Tatsache – ich war einmal mit einer Frau liiert, die grob geschätzt 24 verschiedenen Persönlichkeiten die raue Schlucht ihrer Seele als Aufmarschgebiet und Schlachtfeld zur Verfügung stellte -, man kann auch ihre innere Logik nicht leugnen. Denn wenn man eine Weile darüber nachdenkt, wird man zum Schluss kommen, dass auch der Polytheismus dem Monotheismus als das wesentlich praktischere, zumal dezentrale Konzept deutlich überlegen ist. Statt die Verantwortung für den Gang der Welt einem einzigen Höheren Wesen aufzubürden, hat man mehrere göttliche und halbgöttliche Ansprechpartner, die zudem miteinander in einem erbitterten Konkurrenzkampf stehen, dessen Prinzip sich zumindest im Kapitalismus ja als Segen für das Wohl des Einzelnen erwiesen hat.

Jeder von uns ist mindestens zwei, es müssen ja nicht gleich Dr. Jekyll und Mr. Hide sein. Die multiple Persönlichkeit ist nicht nur eine Tatsache – ich war einmal mit einer Frau liiert, die grob geschätzt 24 verschiedenen Persönlichkeiten die raue Schlucht ihrer Seele als Aufmarschgebiet und Schlachtfeld zur Verfügung stellte -, man kann auch ihre innere Logik nicht leugnen. Denn wenn man eine Weile darüber nachdenkt, wird man zum Schluss kommen, dass auch der Polytheismus dem Monotheismus als das wesentlich praktischere, zumal dezentrale Konzept deutlich überlegen ist. Statt die Verantwortung für den Gang der Welt einem einzigen Höheren Wesen aufzubürden, hat man mehrere göttliche und halbgöttliche Ansprechpartner, die zudem miteinander in einem erbitterten Konkurrenzkampf stehen, dessen Prinzip sich zumindest im Kapitalismus ja als Segen für das Wohl des Einzelnen erwiesen hat.


Unsere Wünsche sind mächtiger als unser Verstand, was gleichbedeutend ist mit dem schlagenden Beweis, dass es der Homo sapiens im inoffiziellen intergalaktischen Intelligenzrating nicht so schnell unter die Top 10 hoch 10 schaffen wird. Eigentlich ist es fast eine Schande: Unsere Willenskraft und unser Verstand können es nicht einmal als Team mit Trieben, Reflexen und primitiven Verhaltensmustern aufnehmen, die aus einer Zeit stammen, in der Menschen, bevor sie in einen See gesprungen sind, vermutlich ihr Spiegelbild auf der Wasseroberfläche mehrfach und zunehmend verärgert aufgefordert haben, gefälligst Platz zu machen.

Ich gebe zu, so etwas ist mir auch schon vor dem heimatlichen Allibert passiert, aber da war ich jünger und komisch. Außerdem habe ich mein Spiegelbild nicht gebeten, Platz zu machen, sondern mit ihm geredet. Was wir geredet haben, soll unser Geheimnis bleiben.Seit Corona wissen wir, dass den Machthabern zur Erreichung ihres Ziels, die Menschen besser zu machen und ihre Arbeitsleistung und ihre guten Manieren zu bewahren, nicht nur das Instrument der Einzelhaft zur Verfügung steht, sondern auch das Gegenteil: die Allgemeinhaft. Langsam vermute ich, Corona könnte ein Planspiel der UNO gewesen sein, die zusammen mit diversen Großmächten testen wollte, wie lange man die Weltbevölkerung einsperren kann, ohne Krawalle oder Hungersnöte auszulösen. Da brauchen wir eine Seuche, wird irgendein Hypochonder in der Amargeddon-Kommission gesagt haben, und der Rest war einfach. Eine Seuchen auslösende Fledermaussuppe kann nur in China zubereitet worden sein, alles andere ist unglaubwürdig, woanders frisst das ja keiner. Oder wer weiß. Im Dschungelcamp gilt das wahrscheinlich als Initiationsritus. Dort sind auch alle eingesperrt, aber völlig freiwillig. 

Menschen sind seltsam. Wir pferchen zehn Idioten zusammen, die wir rund um die Uhr durch Kameras bewachen lassen und zu unserem Gaudium einmal täglich einer möglichst erniedrigenden Tortur aussetzen, die mindestens drei der sechs Sinne schwer verletzt, sogar beim Hinsehen. In jedem von uns steckt ein Mengele, könnte man argwöhnen. Vielleicht muss der Mensch, um die Kontrolle über die Entwicklung seiner Art zurückzugewinnen, die bewusste Entscheidung treffen, zu den anderen wieder netter zu sein. Es könnte vieles verändern.


Ich war immer ein großer Fan von Katastrophen, das merkt man schon meinen ersten narrativen Texten an, bei denen allerdings nicht exklusiv inhaltlich, sondern auch passiv-formal. Weltuntergangsszenarien sind für einen Schriftsteller sowieso etwas Alltägliches, schließlich arbeitet er unentwegt daran, alternative Wirklichkeiten zu modellieren und sie,als Gegenentwurf zur missratenen Realität, mit einer für Menschen erfassbaren Bedeutung zu unterlegen. 

Wenn es schlecht läuft, muss er sich überwinden und das Manuskript wegwerfen oder die Textdatei löschen, also fangen Sie schon mal an zu hoffen, dass Elon Musk nicht recht hat mit seiner Theorie, nach der die Wahrscheinlichkeit, dass unsere Wirklichkeit nur eine Simulation ist, weit über 90 Prozent beträgt. Nicht auszuschließen, dass da einer bereits auf Universum774c.uni in Papierkorb verschieben” geklickt hat und sein Papierkorb so konfiguriert ist, dass der Inhalt nach 14 Tagen automatisch gelöscht wird. Deswegen muss man aber nicht in Panik ausbrechen, denn die Tage eines Gottes, dem von uns Ewigkeitscharakter zugeschrieben wird, sind vermutlich nicht mit unseren primitiv strukturierten, in nur vier Abschnitte gegliederten Tagen gleichzusetzen.Persönlich habe ich an manchen davon das Gefühl, so ziemlich alles rund um mich wird simuliert, eine anständige Realität würde einem das niemals antun, aber wenn man einmal Orakelbedarf hat, ist garantiert keines in Griffweite, dafür hat der unbekannte Erfinder der Mathematik, des Nobelpreises und Alfred Nobels gesorgt. Gott hat man sich vermutlich in etwa vorzustellen wie Vladimir Putin: klug, witzig, sarkastisch, und nach landläufigen Maßstäben kein guter Mensch, was aber nur bei Putin ins Gewicht fällt, weil ein Gott kein Mensch ist, weder ein guter noch ein böser, und ob ein Gott ein guter oder ein böser Gott ist, lässt sich aus menschlicher Perspektive nicht beantworten, so wie Ameisen auch keine Mathematikschularbeiten korrigieren können.Eigentlich wollte ich heute etwas über die je nach der gesellschaftlichen Gesamtlage unterschiedliche Wichtigkeit verschiedener Berufe sprechen, etwa über die Schriftstellernachfrage in Zeiten der Depression. 

Das werde ich nachholen, aber so viel kann ich schon sagen: Ich bin froh, dass ich nicht nur Schriftsteller bin, sondern auch ein routinierter Nachtwächter, denn Menschen, die die Nacht bewachen, hat die Welt immer schon gebraucht. Was die meisten Menschen nicht verstehen. Sie glauben, die Welt braucht Menschen, die andere Menschen bewachen. Das stimmt nicht, das muss sich ändern.Wann wollen wir eigentlich die Welt verändern, wenn nicht jetzt?Ich habe eine heimliche Utopie: Regierungen müssen sich wandeln, vom Gefängnisaufseher zum Dienstleister. Aber davon das nächste Mal, erst will wieder eine Nacht bewacht sein (und nicht beschützt).


Auf Vorschlag von jemandem sowie anderer bestätige ich den Sachverhalt. Nachdem festgestellt wurde, dass das Donald Trump” des Wahnsinns fette Beute ist, mache ich hiermit im Namen des Gesetzes, dessen Taufpate mit meinem identisch ist, gemäß Art. 13 StGG und Art. 10 EMRK von meinem Recht Gebrauch, den Wahnsinn teilweise zu enteignen. 

Mit sofortiger Wirkung wird die Inbesitznahme des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, das Donald Trump” alias Drei-Wetter-Taft-Charlie alias Planetenfurunkel, durch den Wahnsinn rückwirkend für illegal erklärt. Das machtvolle Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika ist von globalem Interesse, weshalb ich zugleich unter Berufung auf Art. 13 StGG und Art. 10 EMRK die Beanspruchung dieser Position durch den ehemaligen Wrestler, aktuellen Geldfälscher, Spekulanten, Insidertrader und degenerierten Honigdieb, die Korruptionslegende Donald Trump” ebenfalls für null und nichtig erkläre.Das Gericht, das ausnahmslos aus seinen Mitgliedern besteht und nur tagt, wenn es wacht, ist übereingekommen, dem amerikanischen Volk zu seinem eigenen Wohl keinen Ersatz zur Verfügung zu stellen, bis einer der wenigen unter dem Gesichtspunkt des erforderlichen ideologisch nahtlosen Übergangs von einem Amtsträger zum nächsten in Frage kommenden Kandidaten seinen Widerstand aufgibt und sich bereit erklärt, die Nachfolge des Donald Trump” zu übernehmen. 

Die aussichtsreichsten Anwärter sind ein aus den Rocky Mountains stammender Damhirsch mit Migrationshintergrund, eine 40-Watt-Glühbirne, ein von seinem Besitzer Ottokar genannter Mikropenis sowie eine in Delaware geborene Greisin, die sich für ein im 17. Jahrhundert eingestürztes Bergwerk hält. Bislang wurde keiner von ihnen gefunden. Zur Wiederbelebung der Weltwirtschaft und als Anreiz für Kosmotourismus ist mittelfristig die Umwandlung der USA in einen intergalaktischen Campingplatz mit integriertem Duty-Free-Shop geplant. Weitere Informationen finden sich unter Selbstbezug in der Stellungnahme.


Angesichts der undurchsichtigen Rolle, die Intelligenz im Leben hinreichend vieler Menschen spielt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis unsere Spezies samt und sonders der Teufel holt. Die statistische Wahrscheinlichkeit dafür, dass dieses gesellschaftliche Massenereignis zu unseren Lebzeiten stattfinden wird, ist nicht so hoch, wie es aussehen mag, selbst wenn wir uns nur als Menschen verkleidet hätten und in Wahrheit Schildkröten oder Papageien wären oder auch eine Kreuzung aus Schildkröte und Papagei, mithin ein Geschöpf, das von langsamer Natur ist und nie den Schnabel hält, obwohl es beim Reden so gut wie nichts sagt.

109 Milliarden Menschen haben bislang auf der Erde gelebt, schätzen Wissenschaftler, und die meisten von ihnen, um diese schmerzliche Erkenntnis kommen wir nicht herum, die allermeisten von ihnen waren Idioten. Sie alle haben, anstatt für ihre Kinder vorzusorgen und eine anständige Hinterlassenschaft anzusparen, der nächsten Generation ein noch größeres Schlamassel hinterlassen, als sie von ihren Eltern übernommen hatten. Dem letzten Glied in der Kette, nämlich uns, ist einstweilen nichts Besseres eingefallen als der Waffenstillstand der Arschlöcher. Auf der einen Seite wurde die Frage, unter welchen Gesichtspunkten es als Fortschritt bezeichnet werden kann, wenn man die Produktion von Gütern steigert, ohne die Zahl der Menschen zu erhöhen, die in den Genuss dieser Güter kommen, über viele Jahre hinweg durch findige Kapitalisten, deren geistige und moralische Verwahrlosung historische Relevanz erreicht hat, ins gesellschaftliche Zwielicht befördert, und auf der anderen Seite gelang es einer dezentral organisierten Verschwörung von Schizophreniepatienten, unter Geiselnahme liberaler Ideen die Position der politischen Linken zu besetzen und auf Basis der flugs eingeführten Gesinnungsprüfung alle Staatsbürger einer der Kategorien Besonders wertvoll, Wertvoll, Weniger wertvoll sowie Werwolf zuzuordnen und das Maß ihres Anrechts auf Wahrung ihrer Menschenwürde in ihrem Meinungsausweis zu vermerken. Geben Sie es zu, diesen Satz haben Sie zweimal lesen müssen. Was soll ich erst sagen, ich habe ihn schreiben müssen.

Das Erbe der Menschheit besteht in einem wachsenden Berg von Abfall. Alles, was Substanz hat, wird vom Menschen verbraucht, ob es Nahrungsmittel sind oder Häuser oder Ideen. Was nützlich ist, wird konsumiert, der Rest bleibt liegen, als ob wir die Evolution so treu an unserer Seite wüssten, dass wir stets mit dem beruhigenden Wissen schlafen gehen könnten, über Nacht zu Wesen zu mutieren, die sich von Müll ernähren können. So blöd sind wir erstens, weil wir uns selbst nicht genug mögen und deswegen nicht gut genug auf unsere Seele achtgeben, die einen aus Faulheit, die anderen, weil sie Angst haben, dafür ausgelacht zu werden, und zweitens, weil wir es für unmöglich halten, irgendwann noch einmal auf etwas Neues zu stoßen.

Das ist der Schlüssel. Wenn wir unseren Glauben an die schiere Existenz einer wie auch immer gearteten Zukunft zurückgewinnen, werden wir wieder offen für Neues sein, und Neues ist lebensnotwendig, denn jemand, der nicht immer wieder neu ist, wird irgendwann zu jemandem, der bloß deswegen nicht glaubt, ein Gewitter entstünde dadurch, dass Gott ein Selfie produziert, weil das nur den Blitz, aber nicht den Donner erklären würde.


Als jemand, der die Nacht bewacht, ist ein Nachtwächter tagsüber Stratege, nachts Taktiker, und so jemand wird naturgemäß früh vom Schicksal in der Kunst der Angst- und Schmerzbekämpfung geschult. Ob er gut aufgepasst hat, stellt sich erst später heraus. Ich habe gut aufgepasst, bemerke derzeit jedoch eine Effizienzreduktion meiner Primärwaffe gegen Tagestrauer und Tagessorgen, nämlich der asymmetrischen Fokussierung, die im Wesentlichen auf den simplen Grundsatz heruntergebrochen werden kann, sich im Falle von morgendlichen Trauergefühlen oder Sorgen, die erfahrungsgemäß zumindest den ganzen Tag überschatten werden, auf eine in größerer zeitlicher Entfernung liegende und mit Vorfreude erwartete Gegebenheit zu konzentrieren, gewissermaßen hinter ihr Schutz zu suchen. Hier ein Beispiel.

Problem: Ein Schüler fürchtet, für die Mathematik-Schularbeit am nächsten Tag zu wenig gelernt zu haben.

Gegenmittel: Der Schüler denkt an die nahenden Sommerferien und stellt sich vor, mit der drallen Stiglitz-Mitzi im Wald zu verkehren.

Ein umgekehrtes Vorgehen empfiehlt sich im Falle quälender Monats- oder gar Jahressorgen. Ein Beispiel:

Problem: Ein Mann fürchtet, im Laufe der kommenden Monate seinen Job zu verlieren und sich das Leben nicht mehr leisten zu können.

Gegenmittel: Der Mann denkt an das kommende Wochenende und stellt sich vor, mit einer anonymen willfährigen Betrunkenen auf einem Parkplatz zu verkehren.

Wenn er Pech hat, fährt er auf dem Heimweg gegen einen Baum und ist tot, aber das hat für unser Beispiel keine Relevanz mehr.

Jedenfalls, wem das nicht hilft, dem ist nicht zu helfen. Mir etwa. Im Moment richten auch meine raffiniertesten Kontertechniken nichts gegen das beunruhigende Gefühl aus, nur Menschen zu begegnen, die zwischen ihrem Leben und der gesamtgesellschaftlichen Realität keine Zusammenhänge mehr erkennen können. Ich vermute, das hat etwas mit unserer Geschichtslosigkeit zu tun. Die meisten meiner Landsleute sind nicht alt genug, um eine von massiver existentieller Unsicherheit geprägte Zeit erlebt zu haben, sie glauben an den Ewigen Bausparvertrag. Sie können sich nicht vorstellen, was Not bedeutet. Kein Geld für den Einkauf im Supermarkt zu haben, in dem sowieso nur mehr kaum die Hälfte der in Normalzeiten angebotenen Waren erhältlich sind, klingt für sie nach einem Szenario, das ausschließlich Schulbuchrelevanz hat. Zu erleben, wie Wert schwindet, ist nicht angenehm, aber wenn es auch noch die wenigen Wertgegenstände betrifft, über die man selbst verfügt, wird die Sache haarig, und wenn man dann bemerkt, dass es allen anderen ringsum ebenso ergeht und selbst an traditionell panikfernen Personen Zeichen von Panik wahrzunehmen sind, weil die Welt im Umbruch ist, könnte den Klügeren dämmern, dass ihr Leben bislang ein einziges Freundschaftsspiel war und sie nun vor der Aufgabe stehen, von einem Tag auf den anderen ein neuer Mensch werden zu müssen, der Herausforderungen zu bewältigen hat, vor die er bis dahin nur Romanfiguren gestellt sah, nie aber sich selbst.

Das wird nicht passieren? Doch, wird es. Weil es immer wieder passiert ist und immer wieder passieren wird. Jede Generation erlebt zumindest einen Umbruch, wenn schon keinen Untergang. Wir glauben, ausgerechnet wir kommen ohne Prüfung durch. Aber das haben vermutlich die vor uns auch alle gedacht.


Unsere Sexualität ist ein Indikator, der dabei helfen kann, gesellschaftliche Entwicklungen vorauszuahnen und sie bei ihrer Ankunft mit Blumen und Musik oder mit Fackeln und Heugabeln am Bahnsteig zu empfangen. Daran, wie es zum gegebenen Zeitpunkt um die Akzeptanz individueller sexueller Vorlieben und Verhaltensweisen bestellt ist, kann man ablesen, wohin sich eine Gemeinschaft bewegt. 

Immer wenn sich plötzlich die Zahl der Menschen, die den ganzen Tag zuhause sind, verdoppelt und verdreifacht, sich zugleich jedoch die Zahl der innerhalb der Nachbarschaft akustisch belegbaren Geschlechtsakte drastisch verringert, schwebt die Gesellschaft in Lebensgefahr.Wenn in meiner Nähe zwei oder mehrere Menschen miteinander Sex haben und dabei laut werden, vermerke ich das mit Wohlwollen: Hier wird gelebt. Solange die Schmerzensschreie, die jeden zweiten Tag aus der Wohnung des benachbarten BDSM-Pärchens dringen, realistisch klangen, habe ich mir keine Sorgen gemacht. Jetzt hören sie sich plötzlich gekünstelt an, von der Notwendigkeit eines Safewords kann keine Rede sein, und wenn doch eines vereinbart wurde, war es eher Entenhausen” als Tantalus”. Das sind Alarmzeichen.

Ich bin ja sowieso der Ansicht, dass die Demokratie, wie wir sie kennen, nur eine Fußnote in der Herrschaftsgeschichte bleiben wird, weil sie eigentlich nicht viel mehr als Reklame für echte Demokratie ist. Doch bei schlechter Werbung besteht die Gefahr, dass sich die Kunden nicht in ausreichender Zahl für das dahinterliegende Produkt interessieren, und da kann es leicht geschehen, dass gleich das gesamte Projekt auf Eis gelegt wird.Alternative Historie hat mich schon immer interessiert. Was, wenn die Gebrüder Wright abgestürzt wären? Was, wenn Gutenberg ignoriert worden wäre? Was, wenn im Ersten Weltkrieg eine lustige Haubitze so freundlich gewesen wäre, den Meldegänger Hitler vom Antlitz der Erde zu wischen?Wenn es nach dem deutschen Kaiser gegangen wäre, hätten wir z.B. eine viel frischere frische Luft. Ich glaube an das Pferd”, sagte er. Das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung.” Nun, wer weiß, vielleicht hatte er einen größeren Zeithorizont. 

Ich glaube übrigens nicht, dass eines der oben genannten Ereignisse die Geschichte grundsätzlich verändert hätte. Julius Cäsar, Franz Ferdinand und John F. Kennedy werden das anders sehen, aber ich bin überzeugt, man kann den Lauf der Geschichte eher verändern, indem man etwas hinzufügt, als dadurch, dass man etwas wegnimmt. Das Schicksal einer Lücke ist, dass sie geschlossen wird, und etwas anderes tritt an die entsprechende Stelle. Etwas, das es nicht gegeben hat, kann man dagegen nicht ersetzen, was umgekehrt heißt, dass eine neue Figur ins Spiel zu bringen das Spiel von Grund auf verändert. Und das wiederum bedeutet, dass jeder Einzelne die Möglichkeit hat, den entscheidenden Unterschied in der Welt auszumachen, für einen anderen Menschen oder für alle anderen.Hoffentlich gibt es die richtigen Einzelnen für die Aufgabe, die unsere Generation nun zu lösen hat: Entweder wir erfinden eine bessere Demokratie, oder sie wird zumindest für ein paar Jahrhunderte verschwinden.


Manchmal finde ich in irgendeinem Winkel meiner Wohnung alte Manuskripte. Ich kann mich nie erinnern, diese Texte geschrieben zu haben, und es gibt auch kaum Anhaltspunkte, denn ich muss gestehen, so auf die Schnelle findet sich in dem Zeugs keine echte Handlung. Wahrscheinlich sind es Fragmente meiner Romane, an denen ich mich mit 19 oder 20 versuchte. Ab und zu sind Texte von Freunden dabei, die etwas auf meine Meinung zu ihren Schreibübungen gaben. 

Heute fielen mir wieder ein paar vergilbte Zettel in die Hände. Ich musste nur die erste Zeile lesen, um zu wissen, dass ich diesen Text mit Sicherheit nicht geschrieben habe: Mir ging das Geld im ungünstigsten Moment aus.” Ich wusste schon mit 20, dass Geld einem immer im bis dahin ungünstigsten Moment ausgeht, sonst hätte man ja schon davor keines mehr gehabt.

Es war aber das passende Wort zum Sonntag. Als Nachtportier ist man ja Beschäftigter in einem bedrängten Gewerbe wie dem Tourismus, und da kann es einem nicht egal sein, wenn der Welt das Geld ausgeht. Ein Wirtschaftskrach ist in gewisser Weise die gerechte Strafe für die Gierigsten der Gierigen, denn reich zu sein hat nur Sinn, wenn es andere Menschen gibt, die auch etwas haben. Wenn einer unermesslich reich ist und die anderen gar nicht haben, kann man gar nicht mehr von Reichtum sprechen, denn dann werden alle anderen endlich so schlau sein, dem Protz zu sagen, er soll sich mit seinen Scheinen den Hintern abwischen, sie sind ohnehin nichts wert. Wenn ein Herrscher den ersten Teil des Grundsatzes Teile und herrsche!” nicht verstanden hat, wird er auf den zweiten Teil bald verzichten müssen.

Ein Amerikaner fragt per Email an, wie viele Coronainfizierte es in Österreich pro Bundesland gibt (er nennt sie Staaten), und ob wir ein freies Zimmer hätten. Ich antworte, ich würde sofort eine Zwangsuntersuchung der Bevölkerung durchführen und den K²-Faktor ermitteln, also die Zahl der Erkrankten pro Quadratmeter, in Fachkreisen auch die Quadratmeterkranken genannt, sobald er mir Fotos von seinem Privatjet und seinen geheimen Flughäfen in den USA und im Schwarzacher Umland geschickt hat. Nach kurzer Überlegung lösche ich die Kopie der Email aus dem Ordner, der die gesendeten Nachrichten enthält, damit Susi nicht aus Empörung in Ohnmacht fällt. Oder vor Lachen.

Wenn ich im Morgengrauen in Goldegg am See stehe, male ich mir gern eine apokalyptische Zukunft aus. In meiner Lieblingsphantasie wedelt ein Fettsack mit einem Hundert-Euro-Schein und grabscht mit der freien Hand nach dem Frankfurter Würstel auf meinem Teller, kriegt jedoch nur meine Gabel in die Hand gerammt. Ein wehrhafter Nachtwächter duldet keinen Mundraub. Mit Zahlen und hübschen Zeichnungen bedruckte Zettel gegen Überlebenswichtiges einzutauschen, das hat vielleicht vor Jahrhunderten bei irgendwelchen Buschindianern funktioniert. Naja. 


Mein Dienstherr, Freund und Lieblingsquerkopf, der einzigartige Sepp Schellhorn, veranstaltet jedes Sommer das Festival Das gute Leben”. Bis dahin ist noch Zeit, und ich hoffe, dass sich die planetare Gesamtsituation bis dahin verbessert, ich habe nämlich eine Wette laufen, dass es nicht abgesagt wird, und wenn doch, dann zumindest erst nach der Absage der Olympischen Spiele.

Warum?

Mir fällt außer Liebst du mich?” und War ich gut?” keine Frage ein, die so überflüssig ist und so leicht zu Meinungsverschiedenheiten führen kann wie das sich unschuldig gebende Warum?” Warum? Weil sie ab einem bestimmten Komplexitätsniveau unbeantwortbar ist.

Ich bin der Ansicht, dass die meisten Menschen aneinander vorbeireden, nicht zuletzt, weil sie keine Energie haben, um aufmerksam zuzuhören, und daran tragen nicht sie die Schuld, sondern wir alle, weil wir uns seit Jahrtausenden in den wesentlichsten Fragen nicht weiterentwickelt haben. Wir akzeptieren die Machtverhältnisse der Welt, wir stellen nichts in Frage, wir fragen uns nicht, warum das reichste Prozent der Weltbevölkerung 40% des Weltvermögens besitzt und die ärmeren 50% nur 1% des Weltvermögens. Morgens stehen wir unnatürlich früh auf, um in einem öffentlichen Menschentransporter an unseren Arbeitsplatz gebracht zu werden, wo wir acht Stunden verbringen, in denen wir uns nur unwesentlich von einer Kuh unterscheiden, denn die steht herum und wird ab und zu gemolken, bis sie stirbt, wohingegen wir immerhin bei der Arbeit sitzen dürfen, es sei denn, wir hatten doppeltes Pech und müssen uns auf Baustellen oder als Fußballschiedsrichter verdingen. So oder so werden wir jeden Tag dazu gezwungen, etwas von uns herzugeben, von dem wir nicht wissen, ob wir es nicht noch gebraucht hätten, weil es keine Zeit gab, um sich damit zu befassen. Deswegen sind wir unvollständig, niemals ganz, verstehen wenig, ahnen viel. Warum? Ich hätte gern einen Bitcoin für jeden Amoklauf, der unmittelbar nach dieser Frage begonnen hat. Leider wird es niemals mehr als 21 Millionen Bitcoins geben.

Wenn es sich um ein phlegmatisches Menschlein handelt, wird es den Amoklauf zunächst zurückstellen und versuchen, die Frage zu beantworten, aber seien wir uns ehrlich: Zwischenmenschliche Kommunikation ist aufgrund der Unschärfe der menschlichen Sprache wenig effektiv. Es spießt sich ja schon bei den fundamentalsten Begriffen wie Liebe oder Spaß, die für keine zwei Menschen auf der Welt dieselbe Bedeutung haben. Da ist es besser, Sie lassen das Warum im Raum stehen und wechseln das Thema. Wenn Ihnen keines einfällt, könnten Sie sich schneuzen, das macht immer Eindruck.

Es spielt nämlich keine Rolle, was man sagt. Entweder der andere versteht Sie, oder er versteht Sie nicht. Jeder Versuch einer Erklärung wirft nur neue Fragen auf, ein Phänomen, das als Erster Lehrsatz der gesellschaftlichen Entropie bekannt ist, zumindest mir und jetzt auch Ihnen.

Die beste Antwort auf die Frage Warum?” liest man übrigens bei Jaroslav Hasek: Wenn’s auch war, wie’s halt war, irgendwie war’s, denn noch nie war’s, dass es nicht irgendwie war.”

Merken Sie sich das.


Der Österreichgeist (1)

Menschen, die überall nur Untergang sehen, sind mir früher auf die Nerven gegangen. Mittlerweile gibt es mehr Menschen, die überall nur Rettung sehen, und die sind noch schlimmer. Dabei haben die beiden Gruppen vieles gemeinsam, zum Beispiel die Ehrfurcht vor allem, was offiziell aussieht, und sei es eine Taxirechnung.

Obrigkeitshörige Menschen machen die Welt nicht besser. Das muss man so aussprechen, obwohl Gott wieder einmal auf uns beleidigt ist und die Zeichen der Zeit einen konsensual grundierten gesellschaftlichen Umgangston erfordern. Aber wer zu lange zu oft etwas lieber nicht sagt”, der wird irgendwann nicht mehr wissen, was er sagen wollte. Was er wagen sollte /​Ist was er sagen wollte. So schaut es nämlich aus.

Zugegeben, als (wenngleich ausgeheilter) Hypochonder bin ich wohl nicht die ideale Gewährsperson, wenn es um Pandemien geht. Ich habe jedoch festgestellt, dass es eine Neurose gibt, die noch viel schlimmer ist als die Angst vor Krankheiten (die letztendlich ja nur übergroße Lebensfreude verrät), und zwar die Angst, für ängstlich gehalten zu werden. Wenn die Menschen nur begreifen würden, dass sie durch ihre Lügen mehr über sich verraten als durch jede Wahrheit. Es ist doch lustig, dass wir, wenn wir überhaupt merken würden, dass wir lügen, beim Lügen den anderen weit weniger anlügen als uns selbst.

Vorsicht: Wenn man diesem Gedanken zu viel Raum lässt, traut man sich selbst bald nicht mehr über den Weg. Einfach weiterlesen.

Die Schulklasse meines Sohnes hielt in der abgelaufenen Woche ihre Skitage ab, also jene von Tourismusverbänden und Skiindustrie-Lobbyisten geschätzte Wintersportwerbung, die der umworbene Kunde selbst bezahlen muss. Am Tag vor der Abreise kam die Nachricht, die Lombardei sei wegen der Corona-Pandemie unter Quarantäne gestellt worden. Diese wohl nicht leichtfertig getroffene Entscheidung der italienischen Regierung erwähnte ich, als ich mich gegenüber der Kindsmutter für einen Skiwochenboykott aussprach, denn Skiwochen haben sowieso noch nie einen Menschen besser gemacht. Die Kindsmutter teilte meinen Standpunkt nicht. Erstens sei Berichterstattung über Corona nur Panikmache, was dadurch bewiesen würde, dass sie selbst gerade in Salzburg gewesen sei. Zweitens wäre für die Skiwoche bereits bezahlt.

Manchmal sehe ich den Geist Österreichs vor mir. So wie Gott sich eines brennenden Dornbuschs bediente, um die Ebenbildkonstante auszutricksen und in Moses nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, es hätte weniger mit Gott als mit einem Schlaganfall zu tun, wenn ihm jemand, der so aussieht wie er selbst, den Auftrag erteilt, einen Massenexodus anzuführen, so zeigt sich mir der Österreichgeist gern in Gestalt eines gigantischen Gasthauses, in dem Millionen von Männern und Frauen schweigend an Tischen mit rot-weiß karierten Tischtüchern sitzen und mit tränenden Augen ein aus versalzener Suppe, flachsigen Schnitzeln, zum Himmel stinkenden Austern und begleitendem Glykolwein bestehendes Mittagsmenü in sich hineinstopfen, weil sie es schon bezahlt haben. Außerdem könnte sich der Wirt darüber beschweren, dass man nicht alles aufgegessen hat, und der Österreicher mag keine Konfrontationen. Darüber hinaus will man ja auch nicht als arrogant oder schwierig gelten. Oder als undankbar. Oder als jemand, der sich für etwas Besonderes hält.

Ich frage mich nur, wieso der Österreichgeist ausgerechnet mir erscheinen muss, anstatt scheißen zu gehen. Wahrscheinlich ist es die Strafe dafür, dass ich mich für etwas Besonderes halte.


Deutsche Wahrscheinlichkeit

Die Biergrippe bringt Statistiken und geheimnisvolle Wörter nach Österreich. Mortalitätsrate ist ein Wort, das gut klingt, aber schlimm ist. Das Schlimmste daran ist der Betrug. Wahrscheinlichkeitsrechnungen sind Pyramidenspiele, und Gott ist kein Würfelspieler, sondern ein Scammer.

Die Wahrscheinlichkeit, bei einem Flugzeugabsturz ums Leben zu kommen, beträgt 1:9125000 oder 1:9,125 Millionen. Die Wahrscheinlichkeit, beim Golf an einem der 18 Löcher ein Hole-in-One zu schaffen, liegt für einen Hobbyspieler bei 1:12000. Ich fliege nicht allzu oft, und ich spiele nicht allzu oft Golf, aber ich bin überzeugt, wenn ich einige Millionen Jahre lang fliegen und einige Millionen Jahre lang Golf spielen würde, käme ich auf jede Menge Abstürze und kein einziges Hole-in-One.

In Deutschland, berichtet Christian Hesse, sterben pro Jahr durchschnittlich vier Personen durch direkten Blitzschlag. Die Wahrscheinlichkeit, von einem Blitz erschlagen zu werden, liegt demnach für einen Menschen beliebigen Alters jährlich bei 1:20 Millionen, woraus folgt, dass Fliegen nur doppelt so gefährlich ist wie Spazierengehen. (Habe ich immer schon gewusst.)

Wenn die jährliche Wahrscheinlichkeit, vom Blitz erschlagen zu werden, bei 0.00000005% liegt, dann beträgt die Wahrscheinlichkeit, im März oder im September von einem Blitz erschlagen zu werden, laut Taschenrechner 0.000000000136%, und die wöchentliche Wahrscheinlichkeit, von einem Blitz erschlagen zu werden, 0.0000000000196, wobei eingeräumt werden muss, dass in diesen Berechnungen die jahreszeitlichen Schwankungen der Unwetterzahlen nicht berücksichtigt sind.

Am einfachsten merkt man es sich mit folgender Gleichung: 1 Jahreszeit = 1 Blitzopfer.

Wenn Deutsche beim Frühstück sitzen, liegt für sie die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Tages von einem Blitz erschlagen zu werden, bei 0,0000000000196. Jedes Jahr haben am Ende eines solchen Tages vier Deutsche guten Grund, sich als Auserwählte zu fühlen. Jedenfalls mehr Grund, als wären sie an einem Kugelschreiber erstickt. Daran, so schreibt Christian Hesse, sterben im Jahr nämlich 100 Deutsche, also 25 mal so viel.

Jetzt frage ich mich: Gilt diese Zahl weltweit? Oder nur für Deutsche?


Das richtige Leben im falschen (1)

Ich verhöre mich ja ständig. Ich meine damit kein polizeiliches Interview mit mir selbst, obwohl das auch vorkommt, sondern den Fluch, bei allem, was die Menschen sprechen, knapp danebenzuhören. Zum Beispiel schnappte ich neulich im Supermarkt auf, dass es ein Märchen gibt, in dem der Protagonist in eine Art Süßspeisen-Hungerstreik tritt, zumindest war das mein erster Gedanke, als ich jemanden Der Strudelpeter” sagen hörte.

Wegen dieser Neurose hatte ich mich auch eine Weile gefragt, wie ein Satz, den irgendeine Fernsehgestalt in mein Wohnzimmer trompetet hatte, wirklich gelautet haben mochte. Ich hatte verstanden: Es gibt kein richtiges Leben im falschen.” Da hatte ich mich bestimmt verhört. Meine Skepsis erklärt sich dadurch, dass die meisten Sätze, die mein Gehirn aus dem verworrenen Kommunikationsexperimenten meiner Umgebung herausdechiffriert, noch immer vernünftiger klingen als das, was von den mich umgebenden Erdlingen tatsächlich gesagt worden ist. Das richtige und das falsche Leben hatte sich zuerst so intensiv falsch angehört, dass es ebenso gut richtig sein konnte. Intensive Recherche förderte zutage, dass ich mich nicht verhört hatte. 

Das ist ja auch kein dummer Satz, er klingt bloß so, als wäre er seinem Urheber auf dem Jakobsweg eingefallen. Der Satz klingt falsch, ist aber richtig.

Ähnlich verhält es sich mit manchem Kunstwerk, das zunächst nicht korrekt oder gar falsch wirken mag. Es ist jedoch richtig – es ist bloß neu richtig. So wie einst der Gesang von Wolfgang Ambros. Neulich fiel mir wieder das Album Alles andere zählt net mehr” aus dem Jahr 1972 in die Hände. Ich spielte es meinem Sohn vor. Er war begeistert. Ich auch. Und ich war ergriffen. Ich hatte ganz vergessen, dass Wolfgang Ambros ein Genie ist. Wenn Sie mir nicht glauben, hören Sie es sich an. Wenn Sie mir glauben, hören Sie es sich erst recht an. Zumindest den Titelsong. Gleich jetzt. 

https://​you​tu​.be/​v​6​Z​2​1​S​k​d​9​H​0​?​l​i​s​t​=​P​L​L​l​i​3​2​Y​n​1​7​C​W​b​Y​3​2​e​1​7​k​B​o​H​h​x​0​r​u​t​N​r​Z​6&t=9.

Wie der erst 20 Jahre alte Ambros manche Töne nur antestet, wie er manches Wort halb verschluckt, wie er gegen sein eigenes Lied ansingt und gerade damit ausdrückt, was Roberto Bolano das Neue, das immer schon da war” genannt hat, kann einem zumindest vorübergehend den Glauben an das Leben und an die Welt zurückgeben. An das richtige Leben in der richtigen Welt, die wir Menschen nur sehen können, wenn so ein Genie für uns kurz den Vorhang zur Seite schiebt.


Wir müssen das Thema Vertrauen diskutieren. Soll man? Bin ich dafür oder dagegen? Cui bono? Der Reihe nach.

Ich bin kein negativer Mensch. Vielleicht bin ich skeptisch, aber negativ – nein. Auch meine Skepsis ist nur eine berufsbedingte Notwendigkeit. Wie verlässlich wäre ein nicht skeptischer Nachtwächter? Er wäre fast so fehlbesetzt wie ein nicht skeptischer Schriftsteller. Ich stehe allen Rassen und Klassen mit der gleichen Voreingenommenheit gegenüber, unvoreingenommen bin ich nur gegenüber mir selbst und der Sprache, denn die wandelt sich von einer Sekunde auf die andere – und mit ihr der Blick des Einzelnen auf die Welt. Dazu ist keine Veränderung der Welt nötig. Im übrigen verändert sich die Welt nicht, sie verkleidet sich nur gern, aber bis das der Einzelne verstanden hat, war sie schon wieder dreimal in der Umkleidekabine. Wem soll man da noch vertrauen?

Der Sprache darf man nur vertrauen, wenn man ihr Wesen versteht. Es gibt nichtssagende und vielsagende Wörter, es gibt schöne und hässliche Wörter, es gibt Wörter, die wie Namen klingen, und Namen, die so ausdrucksarm sind, dass sie ihren Wortcharakter eingebüßt haben und zum Geräusch verkommen sind. Umgekehrt finden sich unter den Geräuschen solche Juwelen, dass man mitunter in Versuchung gerät, das eine oder andere mit Wortstatus auszuzeichnen und nach einer Konsolidierungsphase in den Adelsstand zu erheben. Wer gelegentlich seine Mußestunden in Gasthäusern verbringt – und es gibt Anhaltspunkte für die Vermutung, dass regelmäßige Leser dieses Blogs dies tun -, der hat im Laufe seines Gasthauslebens schon mehr als genug unter dem Ernährungslärm seiner Mitmenschen gelitten und ist entsprechend empfindlich, wenn er Ohrenzeuge eines Bäuerchens wird. Erschallt jedoch ein fettig prasselndes Rülpsen satt aus einem wahren Meistermund, wird Geräusch zum Wort, und Wort beinahe zur Melodie. Zumindest habe ich keine andere Erklärung dafür, dass Menschen ihre bei der Verdauung entstehenden Leibgase mit solcher Inbrunst und Freude und selten unkommentiert in die Welt pressen.

Zum Vertrauen ist Verständnis nötig. Zum Verständnis ist Vertrauen nötig. Aber ich verstehe niemanden, der sich über seine Fürze definiert, selbst wenn sie Transportmittel von Morsezeichen wären. Und vertrauen werde ich ihm erst recht nicht. 

Womit wir wieder bei den Wörtern wären. Es gibt Wörter und Redewendungen, die so blöd sind, dass man sich vorstellen kann, was für denkwürdige Stunden man mit ihrem Erfinder erlebt hätte. Eine der blödesten Redewendungen, die ich kenne, ist eine Aufforderung zu mehr Disziplin, die schlimme Kinder auch heute noch hin und wieder zu hören bekommen: Ja wirst du folgen?”

WIRST DU FOLGEN? Wie kommt man auf so etwas? Das ist auch nicht mehr weit von Arbeit macht frei. Kein Wunder, dass Kinder Erwachsenen nicht vertrauen. Vertrauen Sie denn irgendjemandem? Sollte man jemandem vertrauen, der Gefolgschaft verlangt?

Glauben Sie an Gott?” wird Frank Underwood gefragt. Das ist egal”, antwortet Frank. Er glaubt nicht an uns.”

Fortsetzung folgt.

(sofern sie will)


Wenn Ihnen ein Fremder verspricht, Ihnen das Zehnfache jedweder Summe, die Sie ihm schicken, postwendend zurückzuschicken, was werden Sie tun?

Passieren könnte es nämlich. Sagen wir, Sie surfen im Internet und sehen plötzlich ein Video, in dem es offenbar um Marcel Hirscher oder Alexander van der Bellen geht. Darunter steht ein Text, offenbar ein Zitat von Marcel Hirscher oder dem Herrn Bundespräsidenten, der verspricht, Ihnen 10.000 Euro zu überweisen, wenn Sie ihm zuerst 1000 Euro überweisen. Alternative dazu gäbe es leider keine, steht da, denn nur auf diese Weise wüsste er, dass er Ihre und keine falsche Kontonummer hätte. Auch 500 Euro wären für den Anfang okay, aber dann gäbe es nur 5000 zurück.

Sie lesen das Ganze noch einmal. Und noch einmal. Was unternehmen Sie? Halten Sie das für eine gute Gelegenheit, ein bisschen Geld zu machen, und schreiben sich die Kontonummer auf?

Wenn Sie wirklich derartig blö … Ok, unter uns: Ersten Bank, Kontonr. AT682011184117517501. Ob Sie 500 oder 5000 oder 50.000 Euro überweisen, spielt keine Rolle, Sie bekommen auf alle Fälle zurück, was Ihnen zusteht. Diese Kolumne endet hier. Ab dem nächsten Absatz besteht sie nur noch aus Werbung für irgendeinen Mist, der Sie nicht interessiert, also lesen Sie bitte nicht weiter, Auf Wiedersehen.

Für den Fall, dass das noch immer Sie sind, habe ich zu Ihrem Schutz eine neutrale Zone in Form dieses Absatzes in den Text montiert. Vom Weiterlesen ist wirklich dringend abzuraten. Aus den Reihen der Chemtrail-Liga sind anonyme Drohungen eingegangen, und es besteht möglicherweise die Gefahr, in eine Falle zu geraten und radioaktive Buchstaben zu lesen, die binnen weniger Minuten die tödliche Strahlenkrankheit auslösen.

Es ist davon auszugehen, dass der gutgläubige Teil der Leserschaft uns jetzt verlassen hat, um sich der Herausforderung des Telebankings zu stellen, zumindest hoffe ich das. Dem Rest darf ich mitteilen, dass es diesen Schwindel tatsächlich gibt. In der Welt der Kryptowährungen werden derzeit die Kanäle bekannter YouTuber von Unbekannten gekapert, die kurzerhand ein ereignisarmes Video einer bekannten Krypto-Persönlichkeit in den Live-Stream des in Beschlag genommenen Kanals schicken, etwa eine Rede des Ethereum-Gründers Vitalik Buterin, in dessen Namen dann dazu in der Laufzeile aufgerufen wird, 1 ETH (1 Ethereum, z.Zt. 225 USD) an eine eingeblendete Adresse zu schicken, und schwupps, kämen 10 ETH zurück.

Was mich daran besonders irritiert, ist die große Zahl der Opfer dieses nicht gerade genialen Schwindels. Die Blockchain ist durchaus transparent, und man kann ohne Mühe auf ether​scan​.io die Geldflüsse solcher Konten nachvollziehen: Beim letzten dieser Hijacking-Betrugsfälle wurden binnen weniger Stunden mehr als 15.000 Dollar ergaunert. Ich frage mich, ob die Opfer heute noch auf ihre 10 ETH warten. Einige bestimmt.
Nur eine Sache macht mich noch nachdenklicher. Ich bin davon überzeugt, dass der Bitcoin eher früher als später die Basiswährung der Weltwirtschaft sein wird und die 18 Millionen bis heute existierenden Bitcoins zu einem Einzelpreis jenseits der 100.000 USD und noch weit höher gehandelt werden könnten (derzeit: 9.800 USD). Leider glauben das auch die Leute, die glauben, dass sie das Geld, das sie an einen irgendwo im Internetnirwana beheimateten Unbekannten schicken, kurz darauf von diesem verzehnfacht zurückerhalten.Das wirft Fragen auf. Sind diese Betrugsopfer Pechvögel, die einfach einmal einen schlechten Tag hatten? Oder sind es Narren, die ausnahmslos jeden Unsinn glauben? Und gilt in diesem Fall womöglich gar der Umkehrschluss, dass alles, was sie glauben, Unsinn ist?

Ich werde es nie mit Sicherheit wissen. Wie sollte ich? Auch eine stehengebliebene Uhr hat zwei Mal am Tag recht. Im Gegensatz zur Uhr, die bestimmt nicht so dumm ist zu glauben, ihre Zeiger würden sich drehen, nehmen wir Menschen schon geringfügige Erfolgserlebnisse zum Anlass, uns für eine intellektuelle Atomuhr zu halten.

Man sieht: Die Welt braucht keinen Gott, ein Schiedsrichter würde genügen.


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An der Biergrippe möchte ich wirklich nicht sterben, das war mein zweiter oder dritter Gedanke, als ich zum ersten Mal vom heimtückischen Coronavirus hörte, darüber würden sich ja meine Urenkel noch totlachen.

Unmittelbar davor hatte ich mir überlegt, wieso manchen Substantiven so häufig derselbe adjektivische Begleiter zugewiesen wird. Es ist ja nicht nur in menschlichen Liebesbeziehungen so, dass einem der Partner irgendwann ein wenig lästig zu fallen beginnt. Der Mensch muss von seinem hohen Ross herabsteigen und einsehen, dass auch andere Spezies das Recht auf Denken, Fühlen, Handeln und Fordern haben. Sobald er das akzeptiert hat, spielt es keine Rolle mehr, ob es sich dabei um einen Affen oder um einen Bleistift geht. Oder, wie in diesem Fall, um ein Substantiv. Kein Substantiv der Welt will tagaus, tagein neben sich ein Heimtückisch haben, auch dann nicht, wenn es sich, wie in diesem Satz, als derselben Spezies zugehörig tarnt. Ich kann mir vorstellen, dass manche Viren nur deswegen so rabiat geworden sind, weil sie von allen Seiten nichts als Verleumdungen und Schmähungen zu hören bekommen haben.

Simmt doch. Oder nicht? Ich war einmal mit einer Frau liiert, die sogar auf meine Klobrille eifersüchtig war. Lange hat das nicht gehalten. Im Nachhinein würde ich sagen, ich hätte mich tatsächlich etwas mehr beeilen sollen – und ich rede noch immer von der Beziehung. Wenn einem jeden Tag wahrheitswidrig unterstellt wird, fremdzugehen, wird man es irgendwann einmal tun, denn wieso die Strafe (Schelte und Hiebe) einstecken , wenn man das Verbrechen (Lecken und Stoßen) nicht begangen hat?

Noch besser wäre es natürlich, die Beziehung schon davor zu beenden. Wir Menschen werden nämlich mit einem freien Willen geboren, den es in den Jahrzehnten nach der Geburt mit aller Macht zu verteidigen gilt. Sie werden im Leben kaum jemanden treffen, der Sie nicht verändern will. Es scheint, als würde die Menschheit an einem Optimierungszwang leiden. Sogar wenn jemand über einen anderen sagt, er sei sein bester Freund, reibt er ihm trotzdem bei jeder Gelegenheit seine Fehler unter die Nase und fordert Verbesserungen ein. Mit Geschirr und Möbeln sind wir weitaus nachsichtiger als mit anderen Menschen. Wenn man eine Vase und ein Sofa gekauft hat, steckt man in die Vase irgendein ästhetisch ansprechendes Wiesenprodukt und legt sich ohne zu motzen aufs Sofa. Man verziert die Vase nicht mit Farben, man näht keinen neuen Überzug fürs Sofa, denn man hat Vase und Sofa gekauft, weil die Vase eben die Vase war, die sie war, und das Sofa das Sofa war, das es war, sonst hätte man ja eine andere Vase und ein anderes Sofa nehmen können, es herrscht in der Welt ja kein Engpass an Vasen oder Sofas. Über einen Mangel an Menschen kann man sich in unserer Welt auch nicht beschweren. Man sollte sich für die Wahl der wenigen, für die man zuhause Platz hat, eben genug Zeit lassen, damit man nicht irgendwann an Umtauschfantasien erstickt.

Also: Wenn wir den ganzen Tag hören, wir seien heimtückisch, würde uns das sanfter und netter werden lassen? Gewiss nicht. Wie können wir von einem Virus mehr Langmut erwarten als von uns selbst? Wir erwarten einfach zu viel von der Welt, und meistens geben wir ihr auch zu wenig. Wir fordern mehr, als uns zusteht, und wir geben weniger, als wir könnten und sollten.


Vor einigen Jahren las ich auf irgendeiner Toilette irgendein Toilettenbuch, in dem stand, wie wichtig es sei, die eigenen Gedanken zu kontrollieren. Wenn ich den Autor richtig verstanden habe, sieht er darin eine der fundamentalen Voraussetzungen für ein Leben, das nicht von inneren oder äußeren Konflikten ausgehöhlt wird. Ich bin mir nicht sicher, ob ich da vorbehaltlos zustimmen kann. Ein regelmäßiges Hinterfragen der eigenen Standpunkte halte ich für sehr vernünftig, solange man der Versuchung widersteht, einen Selbstanklagekult zu betreiben und sich Hochofenmengen von Asche auf das Haupt zu streuen, ehe es womöglich ein anderer tut. Das Prinzip des vorauseilenden Gehorsams war mir schon immer zutiefst unsympathisch, noch unsympathischer als das der Kontrolle. Mit Kontrolle assoziiere ich Mangel an Mut, wenn nicht gar Angst, und nichts auf der Welt raubt uns mehr Zeit und Energie als Angst. Vor Zeitverschwendung habe ich mehr Angst als vor Enttäuschungen.

Immerhin rät der Autor nur dazu, die eigenen Gedanken zu kontrollieren, von den Gedanken anderer ist nicht die Rede. Das ist auch besser so. Fremde Gedanken kontrollieren zu wollen wäre nur Zeitverschwendung. Die eigenen präsentieren sich bei genauer Betrachtung schon verstörend genug, daher dürfen wir annehmen, dass uns ein offener Blick auf die Gedanken anderer vor massive Probleme stellen würde. Um fremde Gedanken zu kontrollieren, müssten wir sie ja erst einmal zum Kampf stellen, denn man kann nichts kontrollieren, das einem davonläuft, und bis man die fremden Gedanken endlich erwischt hat, kann einige Zeit vergehen, ich zumindest bekomme schon meine eigenen kaum zu fassen. Solche Gedankenringkämpfe auf fremdem Boden sind aufgrund ihres invasiven Charakters moralisch fragwürdig und darüber hinaus ohne praktischen Nutzwert, es sei denn, man ist ein leidenschaftlicher Soziopath. Wenn man die Gedanken anderer steuern kann und damit ihre Handlungen, verliert die Wirklichkeit deutlich an Reiz, es sei denn, das Leben hat einem auch den allerletzten Rest an Neugier ausgetrieben.

Der Wunsch, die eigenen Gedanken zu kontrollieren, ist überdies weniger weit verbreitet als der, die Gedanken anderer zu kontrollieren. Kaum ein Ziel verfolgen wir mit größerer Beharrlichkeit als jenes, die Gedanken anderer nicht über bestimmte, für uns verkraftbare Grenzen hinauswachsen zu lassen. Dies betrifft nicht nur Menschen, die wir als Widersacher ansehen, im Gegenteil. Wir haben solche Angst vor den möglichen Handlungen derer, die wir lieben, dass wir alles daran setzen, ihre Gedanken einzudämmen wie einen Waldbrand. Dazu bedienen wir uns stummer Warnungen, versteckter Drohungen und getarnter Bestrafungen, die niemand bemerkt, weder die anderen noch wir selbst. Die Wahrheit ist: Wenn es uns doch einmal gelingt, unsere Gedanken zu kontrollieren, sind es garantiert die falschen.


Zeit (1)

Als ich 12 Jahre alt war, wurde meine Leidenschaft für das Schachspiel so groß, dass sie alles andere aus meinem Leben verdrängte. Ich vernachlässigte meine Freunde, ich schwänzte das Karate-Training (das mir ohnehin zu anstrengend war), und für die Schule tat ich nur noch das Allernötigste. Zumindest dachte ich das, doch ein paar Monate später wurde ich eines Besseren belehrt, als mir mein Klassenvorstand ein Zeugnis überreichte, in dem drei Nichtgenügend standen, wodurch ich nicht einmal die Chance einer Nachprüfung bekam. Zu diesem Zeitpunkt überraschte mich dieses Fiasko nicht mehr, im Gegensatz zu meinen Großeltern, die um Fassung rangen, in diesem Kampf jedoch auf verlorenem Posten standen.

Du verlierst ein ganzes Jahr!” rief mein Großvater. Meine sozial denkende Großmutter, die jüngste von acht Schwestern, zeigte etwas mehr Empathie: Du verlierst alle Freunde in deiner Klasse!”

Das wäre vielleicht der richtige Zeitpunkt gewesen, um zu erwähnen, dass ich überdies von der Schule geflogen war, aber ich wollte meinen Großeltern unnötigen Ärger ersparen. Sie waren sehr alt. Alten Menschen, hatte ich gehört, konnte Aufregung gefährlich werden. Ab wann man alt war, hatte ich nicht gehört. Ich hätte mir eine verbindliche Zahl, zumindest eine Orientierungshilfe gewünscht, aber die hatte ich nicht, also hielt ich mich an die Faustregel, dass graue oder keine Haare das langsame Auslaufen des irdischen Mietvertrags signalisierten, und nach der waren meine Großeltern alt.

Es gibt sehr unterschiedliche Arten von Großeltern, doch eines ist allen gemeinsam: Sie sind alt. Da gibt es natürlich Nuancen, manche werden früher Großeltern, andere später, aber niemand wird Großvater oder Großmutter, ohne vorher Vater oder Mutter geworden zu sein. Damals, als ich nichts anderes wollte als Schach zu spielen, hatte ich für den Begriff der Zeit nur wenige Bezugspunkte. Um nachzufühlen, was fast 90 Jahre alt zu sein bedeutete, malte ich mir aus, meine Großmutter würde plötzlich beschließen, Schachweltmeisterin zu werden. Weil ich auch Schachweltmeister werden wollte, wusste ich, dass man fünf bis zehn Jahre lang nahezu täglich fünf bis sieben Stunden trainieren musste, um auch nur annähernd die Spielstärke zu erreichen, die dazu nötig war.

Ich stellte mir meine Oma an einem Schachbrett vor. Das war seltsam. Ich stellte sie mir an einem Brett gegenüber Weltmeister Anatoli Karpow vor. Das war so seltsam, dass ich lachen musste. Ich stellte sie mir beim Training im Wohnzimmer vor, wie sie sich abmühte, die Grundidee der Sizilianischen Verteidigung zu verstehen, im Wissen, dass sich der Weltmeister nur alle vier Jahre einem Herausforderer stellen musste und sie gerade erst die Grundzüge der Figuren erlernt hatte, und dabei verging mir das Lachen. Dieses Bild vermittelte mir deutlich, was es bedeutet, wenn man in Zeitnot gerät. So lernte ich, mir meine Zeit richtig einzuteilen.


Grübelzwang (1)

Auf dem Stuhl des Seehofschen Nachtwächters liegen Fluch und Segen, sagte mir die alte Nachbarin, von der ich annehme, dass sie mindestens sieben meiner Vorgänger gekannt hat, denn so sie sieht aus. Ein Bekannter schätzt ihr Alter auf 180 Jahre, ein alter Stammgast des Hauses findet das absurd, sie sei höchstens 140. Ich tippe auf knapp 100. Trotzdem tut sie so, als wäre sie 500 Jahre alt, womit sie, wie ich gerade merke, gar keine Ausnahme ist, denn ab einem gewissen Alter fühlt man sich so alt wie eine grauhaarige Schildkröte, und zwar sowohl was die Erinnerungen als auch die körperliche Verfassung anbelangt, es sei denn, man hat das ganze Leben lang Sport getrieben und Müsli gegessen und auf Alkohol, Tabak und Schweinefleisch verzichtet, dann erinnert man sich an alles, nur ist dieses Alles dummerweise nicht mehr als eine Aneinanderreihungen von Tagen des Verzichts. Wer möchte sich an so etwas erinnern? Unter diesem Gesichtspunkt kann man Demenz als eine Form der Notwehr interpretieren.

Was den Segen und den Fluch meiner Stellung betrifft, habe ich mir bislang keine Meinung gebildet. Fluch und Segen sind nicht selten voneinander schwer zu unterscheiden. Wenn ich mich festlegen müsste, würde ich sagen, Fluch und Segen meiner Stellung als einzig Wahrer Nachtportier ist der Grübelzwang. Ich müsste jedoch gleich einschränken, dass jeder Nachtarbeiter an Grübelzwang leidet, zumindest bevor er so lange gearbeitet und gegrübelt hat, bis er nicht mehr arbeiten kann, womit das Grübeln bei einem Teil der Betroffenen zurückgeht. Bei anderen wird sie verstärkt, die kaufen sich dann einen Porsche.

Mein Grübelzwang führte mich neulich zu einem alten Witz. Schauplatz ist eines jener Wohltätigkeits-Events, die von Idioten schon zum Zwecke der Protzerei und des Erwägens von Beischlafoptionen genutzt wurden, als sie noch nicht einmal Charity hießen. Ein Mann sagt zu einer Frau: Würden Sie für 10 Millionen Euro mit mir schlafen, wenn das Geld zur Gänze einem guten Zweck zugeführt würde?”

Sie haben eine Woche Zeit, um zu überlegen, was Sie selbst als Frau antworten würden. Sollten Sie ein Mann sein, stellen Sie sich bitte nicht den umgekehrten Fall vor, nämlich eine Frau, die Sie vor diese Herausforderung stellt„ denn die Antwort kennen wir, sondern stellen Sie sich vor, es wäre ein Mann. Für den Fall, dass Sie homosexuell sind, lassen Sie sich bitte selbst eine Entsprechung einfallen. Fortsetzung folgt.


Eine wertvolle Informationsquelle regionaler Historiker und Volkswissenschaftler ist das vom Seehof keine zehn Minuten Fußweg entfernte Heimatmuseum, wo sich die von Fermentforscher Dr. Wilhelm Karas kuratierte Ausstellung sämtlicher erhaltener Tagebuchaufzeichnungen der Seehofschen Nachtwächter seit 1747 befindet (anzumerken ist, dass der für den Seehof zuständige Wächter auch für die Sicherheit des ganzen Weilers Gold-Eck” bzw Goldenegg”, wie Goldegg ursprünglich im Katasteramt genannt wurde, verantwortlich war, wobei der Seehof zugleich als Polizeistube und Rathaus gedient zu haben scheint). Wer sich die Mühe macht, die in den meisten Fällen kaum leserlichen Handschriften meiner Vorgänger zu entziffern, kann den vergilbten, seit dem Hochwasser von 1926 nach Moder riechenden Blättern wertvolle Blicke in die Vergangenheit abringen. Zwar scheinen die meisten Nachtwächter etwa ab dem 50. Lebensjahr zunehmend unter Gicht sowie Zwangsvorstellungen gelitten zu haben und schließlich in vollkommener Umnachtung gestorben zu sein, aber das ist ja heute nicht anders, es gibt niemanden, der einem Nachtberuf (Gastronomie, Beförderungswesen, Gesundheitswesen, Journalismus, Kunst) nachgeht, an dem nach zehn Jahren noch keine Symptome tiefer existentieller Verstörung zu beobachten sind.

Karas weist in seinem Vorwort zur Anthologie Gold-Egg oder Das Goldene Ei” auf die überdurchschnittlich hohe Zahl an Glaubensfanatikern unter den Seehofschen Nachtwächtern hin. Seine Ausführungen über die Goldegger Missionare sind trotz eines heiklen Übermaßes an ungelenker Spötterei fesselnd. Mich haben sie zu der Überlegung geführt, ob Religion und Werbung nicht doch weitaus mehr verbindet, als sie voneinander trennt.

Unbestritten ist die Anziehungskraft von Glaubensseligkeit und Reklame: Wer unaufmerksam ist, geht schnell einer dieser beiden Geißeln in die Falle. Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, scheinen die Führungsriegen beider Lager ein Stillhalteabkommen unterzeichnet zu haben, das in einem geheimen Zusatzprotokoll für den Fall eines Angriffs von außen wechselseitige aktive Unterstützung garantiert, und was asymmetrische Kriegsführung anbelangt, kann man weder dem Kirchenmann noch dem Werber noch viel beibringen. In stummer Übereinkunft teilen sie sich die Welt: Die Religion wendet sich an den unterdurchschnittlich intelligenten Teil der Bevölkerung, der keine Form der Manipulation bemerkt, das Ziel der Werbung sind die weltlicher gesonnenen Bevölkerungsgruppen, deren Vertreter zwar überdurchschnittlich intelligent sind, jedoch oftmals den tragischen Fehler begehen, davon auch selbst fest überzeugt zu sein. Der daraus resultierende Mangel an Selbstkritik beraubt ihre Gedanken der Schärfe, ihre Handlungen der Redlichkeit und ihr Gemüt aller menschenfreundlichen Ausgeglichenheit. Das Endergebnis bezeichnet man fachsprachlich als Grant.

Die kritischste Gemeinsamkeit der beiden Säulen des Krämertums ist ihre Taktik, potentielle Neukunden mit der Aussicht auf eine goldene Zukunft zu ködern. Im nächsten Leben wird alles besser, sagen die einen. Es gibt schon hier eine bessere Welt, sagen die anderen. Es gibt kein richtiges Leben im falschen – sagt niemand. Wer noch wachen Sinnes ist, wird da zum Einzelgänger.



Das Wort Arbeitsplatz hat verschiedene Bedeutungen, und keine davon erzeugt bei einem geistig gesunden Menschen überwiegend angenehme Assoziationen. Man muss kein Fundamentalpessimist sein, um von Arbeitsplatz die Begriffe Arbeitsplatzverlust und Arbeitslosigkeit abzuleiten. Wenn man Umfragen glauben darf (was man darf, aber nicht sollte), fürchten sich die Österreicher vor nichts so sehr wie vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Das stellt dem Land kein gutes Zeugnis aus. 

Die meisten Arbeitsstellen bescheren dem, der sie besetzt, Magengeschwüre, ungewollte Elternschaft, den Verlust der moralischen Geradlinigkeit und galoppierende intellektuelle Verwahrlosung. Dafür erhält er im ersten Halbjahr jeweils zu Monatsende eine Aufwandsentschädigung. Ab Juli oder August bekommt er gar nichts mehr, stattdessen wird sein Geld an Lehrer, Straßenkehrer, Sheriffs und Stempellutscher verteilt. Wenn sich so jemand vor dem Verlust seines Arbeitsplatzes fürchtet, gehen in ihm Dämonen der Knechtschaft zu Werke, ansonsten hätte er davor Angst, seinen Arbeitsplatz nicht zu verlieren. Lange Zeit war ich der Ansicht gewesen, abseits des Künstlertums gäbe es ausschließlich Arbeit, die unfrei macht. Wäre ich nicht so privilegiert, im Seehof als beeideter Sachverständiger für Nachtwache wirken zu dürfen und inoffiziell sogar die Position des Majordomus zu bekleiden, wäre mir wohl noch lange nicht aufgefallen, dass nicht jede herkömmliche berufliche Tätigkeit zwingend Foltercharakter haben muss. 

Mein Großvater riet mir einst, ehe ich begann, Bücher zu schreiben: Verdiene dein Geld mit deinem liebsten Hobby, dann wirst du dein Lebtag keine Stunde arbeiten. Damit mochte er theoretisch recht haben, aber so intensiv ich auch suchte, ich fand niemanden, der mich für mein liebstes Hobby bezahlen wollte. Mein zweitliebstes Hobby war Autofahren, also versuchte ich mein Glück als Taxifahrer. Nach drei Monaten war Autofahren im Ranking meiner Lieblingshobbies weit nach hinten gerutscht, Ich dachte bereits daran zu kündigen, als die ersten Mini-Fernseher auf den Armaturenbrettern der Taxis auftauchten und mein Boss in allen Wagen seiner stolzen Mercedes-Flotte einen kleinen Bildschirm installieren ließ. Ein paar Monate später baute er sie reumütig wieder aus, aber zu spät. Aufgrund der absurden Anzahl neuer Schadensfälle hatte ihn die Autoversicherung bereits mit Verdacht auf schweren Betrug angezeigt. 

Das ist einer der Vorteile meiner Stellung im Seehof: Solange ich den Fernseher nicht zu laut drehe, könnte ich während meiner gesamten Arbeitszeit fernsehen, ohne dass es zu Beschwerden käme. Ich lasse ihn trotzdem ausgeschaltet. Erstens, weil ich sonst die Annäherungsversuche von Einbrechern, Mordbrennern und anderen Spitzbuben überhören könnte, zweitens, weil ich das Geflüster der Gespenster nicht verstehen würde, und drittens, weil ich am Ende womöglich wieder glauben könnte, Fernsehnachrichten hätten mehr Realitätsgehalt als die Romantikserien davor und die Krimis danach..



Es wurde an dieser Stelle bereits darauf hingewiesen, dass der Volksmund generell die Pappen halten soll. Das Wort Volksmund klingt schon so, wie das Bezeichnete ist, alle Assoziationen sind widerlich. Auf einer abstrakten Ebene verbindet man den Volksmund schnell und nicht unzutreffend mit dem Begriff Völkischer Bote”, und wenn jemand einen Satz mit Wie der Volksmund so schön sagt…” beginnt, kann man davon ausgehen, dass man entweder mit einem Arsch oder mit Karl Heinrich Waggerl redet, und da Waggerl schon vor langer Zeit das Leben verlernt hat,.steckt man bis über die Ohren in Problemen, weil man entweder das Valium mit dem LSD verwechselt hat oder tot ist. Da ist es besser, mit einem Arsch zu reden, solange es kein Selbstgespräch ist, denn vor den anderen Ärschen kann man davonlaufen, wenn man sie einmal identifiziert hat.

Ein Sprichwort, das aufgrund seiner Korrektheit und Prägnanz nicht dem Volksmund entstammen kann, lautet sinngemäß, wenn jemand in einem bestimmten Alter noch immer nicht bemerkt hat, dass er hauptsächlich von Arschlöchern umgeben ist, hat das seine Gründe.

Zumal man nicht 100 Prozent seiner geistigen Spannkraft benötigt, um eine Festung wie den Seehof zu beschützen, noch dazu in einer so kriminalitätsfeindlichen Umgebung wie Goldegg, habe ich als Nachtwächter viel Zeit, um über die Wesensart von Menschen nachzudenken. Bin ich der Mensch, der ich sein will? Benehme ich mich gegenüber den Menschen, mit denen ich es zu tun habe, im Sinne des kategorischen Imperativs?

Erstens: Woher soll ich das wissen? Zweitens: Der kategorische Imperativ hat einen Geburtsfehler, denn er leugnet die Existenz von Psychopathen. Ich habe meinen eigenen Gedanken ohnehin noch nie über den Weg getraut, ich hatte schon immer den Verdacht, dass mein Unterbewusstsein meine Geschicke lenkt, und fallweise in eine Richtung, die bei meinem bewussten Ich geringe Akzeptanz findet, und zum anderen kann am Ende ohnehin nur die Erkenntnis stehen, dass ein schlechter Charakter keine Frage des Standpunkts ist, sondern des Zeitpunkts. Obwohl ich nicht allen 110 Milliarden Menschen, die bisher gelebt haben, persönlich begegnet bin, wage ich zu behaupten, dass sich kaum einer von ihnen in jeder Sekunde seines Lebens wie ein Arsch benommen hat. Wahrscheinlich hatten selbst Stalin, Hitler und Dschingis Khan Momente der Liebenswürdigkeit, weshalb man sich nicht der Tatsache verschließen darf, dass per se jeder Mensch liebenswert ist. Wenn sich die Mehrheit von uns nun von einem Tag auf den anderen dazu durchringen könnte, diesen Grundsatz auch für sich selbst gelten zu lassen, hätten wir morgen eine neue Welt, und gelänge es auch mir, müsste ich vielleicht nicht mehr die Nacht bewachen.


Zum ersten Mal in meinem ganzen Leben hat am heutigen Tag ein Computer einen meiner Texte atomisiert. So oft hörte ich einst die Warnungen, immer Sicherungskopien zu machen, am besten automatisiert, so dass man nicht mehr daran denken muss, und so oft hörte ich tragische Geschichten, in denen es um verlorengegangene Romandateien ging, doch mir ist so etwas nie passiert, sodass ich irgendwann sogar die theoretische Möglichkeit eines Texttotalausfalls ausschließen begann. Denn selbst wenn der Akku leer ist und der Rechner von jetzt auf gleich den Geist aufgibt, wird eine wiederhergestellte Datei bereits auf mich warten, sobald ich den Laptop mit einem Stromnetz verbunden habe.

Heute war das nicht so. Die Kolumne, die Sie an dieser Stelle hätten lesen sollen, ist nach einem Systemabsturz, zu dem einige Missgeschicke (Subjekt: Kaffee, Cola, Suppe; Objekt: Laptoptastatur) der vergangenen Wochen beigetragen haben mögen, verschwunden und nicht mehr aufgetaucht.

Ersatzloses Verschwinden gibt es in der Natur nicht, habe ich in der Schule gelernt, Alles wandelt sich, nichts vergeht, was vor dreißig Jahren von oststeirischen Neu-Spiritisten als Leitsatz ihrer Gesellschaft adaptiert wurde, deren Sitzungen Kontaktaufnahmen zu frisch oder weniger frisch Verstorbenen versprachen. Ich kannte einige der Protagonisten der Gesellschaft, weil ich noch an allen Orten früher oder später die Bekanntschaft der interessantesten Narren gemacht habe. Zudem war ich 15 und vermisste meine Oma, die kurz zuvor gestorben war. In so einer Situation bleibt einem nichts anderes übrig, als an ein Leben nach dem Tod inkl. Wiedersehen zu glauben, eine Tatsache, die pfiffige Menschen seit Jahrhunderten ausgenützt haben, um Wasser in Wein und Oblaten in Geld zu verwandeln.

Ich hielt es für möglich, dass meine Oma mich des Öfteren besuchte, unsichtbar natürlich, um zu sehen, wie es mir ging. Ich war fast sicher. So sicher, dass ich beim Masturbieren monatelang das Licht ausschaltete, weil ich annahm, Geister wären nicht mit Nachtsichtgeräten ausgerüstet.

Kein Leben nach dem Tod, diese Theorie lehnte ich ab. Mir missfiel der Gedanke, meine tote Oma könnte sich von einem warmen, sprechenden, denkenden, herumgehenden Körpers in das Beinahe-Nichts eines kalten, verwesenden, stummen und erstarrten Körpers verwandelt haben, womit die Aussage des Alles wandelt sich, nichts vergeht schon erbracht wäre, jedoch auf unbefriedigende Weise, weil das bedeuten würde, dass ich mich eines Tages auch in nichts anderes als einen kalten, modernden, schweigsamen Körper verwandeln würde, und wer hätte je zwei solche Körper miteinander im Gasthaus oder am Strand bei einer Wiedersehensparty gesehen?

Kann eine Kolumne in den Himmel kommen? Den ganzen Tag beschäftige ich mich nun schon mit dieser sowie mit der Frage, welches Wiedersehen wahrscheinlicher ist, das mit meiner Oma oder das mit der verschwundenen Kolumne. Ich könnte geistlichen Rat einholen. Aber wo? Verglichen mit der katholischen Kirche ist Apple ja nur eine Sekte. 


Mit meinem Dienstherrn Sepp Schellhorn verbindet mich neben einem etwas diffusen Wertekanon ein unzulänglich austherapierter Drang zur Produktion von Schabernack. In meinem Fall ist dieser Drang so unbezähmbar wie ungünstig, als ich aufgrund meiner Unfähigkeit, Scherz und Ernst klar voneinander zu unterscheiden, sehr leicht zur Zielscheibe von Racheakten werden kann. Mich reinzulegen ist nicht schwierig, weil ich alles für möglich halte.

Das klingt eigentlich nach einer Stärke: Wer alles für möglich hält, den kann man nicht beeindrucken. Schon richtig, aber einer, der alles für möglich hält, glaubt auch so gut wie alles. Ich habe einmal eine halbe Stunde lang meinem Cousin zugehört, der von einer schweren Krankheit einer Gelse erzählte. Ich hielt das keineswegs für ungewöhnlich bzw. nahm an, Arzt“ sei eine Metapher, bis mir einfiel, dass die Frau meines Cousins Else heißt. Aus dem Umstand, dass sich dieser Name in Klangnähe zum österreichischen Wort für Stechmücke befindet, zog ich entsprechende Schlüsse.

Gestern saß ich am Vormittag in der Küche des Seehof und verschlang das sechste Butterbrot des Tages, als ich jemanden wimmern hörte. Mein Dienst lag hinter mir, aber ein Nachtwächter fühlt sich tagsüber nicht zwingend unzuständig, wenn jemand in Not ist, weshalb ich auf die Suche nach dem Wimmernden ging. Sie blieb erfolglos.

Ich aß weiter. Der Wimmernde wimmerte weiter. Und weiter.

Fallweise hörte sich sein Wimmern an wie Musik, und zwar wie geradezu kompromisslos schlechte, furchtbar depressive Musik, die von Menschen gehört wird, die sich den Unterschied zwischen Denken und Schreien nicht merken können. Was ist das, dachte ich, wird da jemand gefoltert, singt jemand, oder bilde ich mir diese Geräusche nur ein? Wimmere ich selbst? Sitze ich auf Herrn Hermann, dem Hausmops?

Weil mich die Sache nicht losließ, machte ich mich nach dem siebten Butterbrot erneut auf die Suche nach dem Urheber dieser Misstöne. Ich schlich mit Detektivmiene durchs Haus, bis mir der feixende Sepp Schellhorn auseinandersetzte, die von mir als Wimmern interpretierten Geräusche seien ein Lied von Andreas Gabalier, das Pepsch eigens für mich nun schon zum zehnten Mal aus den Boxen der Stereoanlage rieseln ließ. Was ich a) sofort glaubte, b) sofort vergaß und c) insofern bemerkenswert fand, als mir das Lied kurze Zeit später zu gefallen begann.

Das darf ich niemandem erzählen, dachte ich noch, ehe mir aufging, dass das Lied kein Lied war, sondern die Geräusche des auf vollen Touren laufenden Geschirrspülers hinter mir.

Das darf ich erst recht keinem erzählen, dachte ich, denn einer von uns dreien verliert sonst garantiert seinen Job, entweder Gabalier oder ich oder der Geschirrspüler.


Mit Namen hat es eine eigene Bewandtnis. Ich weiß nicht, ob dieser Satz korrekt ist, aber ich wollte ihn unbedingt einmal schreiben. Mit Namen ist es ja wirklich so eine Sache: Jeder hat einen, also hält sich jeder für einen Namensachverständigen. Agnes ist ein hässlicher Name“, kann man so jemanden sagen hören, worauf sein Gegenüber, ebenfalls Namensachverständiger, entschieden widerspricht: Agnes ist ein königlicher Name!“

Vornamen haben es nicht leicht. Oft sind sie Ziel von Spott und Hohn, ohne sich im Gegenzug hin und wieder über höchste Verehrung freuen zu können. Ich zumindest habe noch nie erlebt, dass jemand eine Viertelstunde lang einen Namen gerühmt und gepriesen und sich vor Begeisterung überschlagen hätte, aber ich habe schon Personen dabei belauscht, wie sie stundenlang über Namen herzogen, mutmaßlich weil sie einzelne Träger dieser Namen zu einer Subspezies des Menschen rechneten. Antipathie gegenüber Wörtern, und nichts anderes ist ein Name zu allererst, hat so gut wie immer mit einer verborgenen oder einer ganz und gar nicht verborgenen Abneigung gegen etwas oder jemanden zu tun. Namen sind Wörter, und so gut wie alle Wörter sind Signale, die beim Empfänger mehr oder weniger starke Emotionen auslösen. Es ist daher müßig, sich lange mit dem Studium der Vornamenwissenschaften aufzuhalten. Die Zahl der Vornamen ist begrenzt, jedenfalls hierzulande, nicht jedoch in Amerika, wo Individuen herumlaufen, die es normal finden, Regenbogen, Sommer, Fluss oder Schwanz genannt zu werden.

Anders verhält es sich mit Nachnamen, sie haben deutlich individuelleren Charakter. Ein leicht angetrunkener Hausgast von höchstem Liebreiz setzte mir neulich während meiner Nachtwache auseinander, dass die Nachnamen der Schlüsselfiguren einer Gemeinschaft deren zeitgeschichtliche Bedeutung widerspiegelten, und nannte als Beispiel Terroristennamen.

Wohl wahr: Die Akteure des linksextremen Terrors der Siebzigerjahre hießen bedeutsam Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe, Brigitte Mohnhaupt oder Holger Meins. Aber der Name ist Teil der Geburtsausstattung, somit zufälliger Natur, und erfordert keine kreative Eigenleistung. Die ist gefragt, sobald sich Menschen, ihrem Herdentrieb folgend, zu einem Klub zusammenschließen, was Bedarf an einem Vereinsnamen erzeugt. Linksterroristen, die sich vollmundig Rote Armee Fraktion nennen und nicht bemerken, dass das Kürzel RAF bereits an die nicht unbekannte Royal Air Force vergeben ist, sollten genaugenommen zunächst ihre PR-Führungskader füsilieren lassen, bevor sie sich Manager und Bankiers vornehmen. Nur weil man gut heißt, darf man nicht Fleiß und geistige Anstrengung vermissen lassen.

Wenn man Rechtsterrorist ist, hat einem das Schicksal noch übler mitgespielt. Abgesehen von allem anderen wird man sich bei der Aufgabe, einen Verein zu gründen, mit Sicherheit blamieren, weil sich der Mitgliederzulauf in Grenzen hält und sich nur ein Kumpel und eine gemeinsame Freundin einschreiben wollen. Wenn einem dann aber kein besserer Klubname als Nationalsozialistischer Untergrund“ einfällt und man zu allem Überfluss auch noch Uwe Mundlos heißt, kann man sich gleich erschießen. Bzw. wäre es von Vorteil gewesen, er hätte sich gleich erschossen und nicht erst nach zehn Morden.

Politische Extremisten ermüden, ihre Namen bedrücken mich. Zur Ablenkung denke ich an die großen Tennisspieler meiner Kindheit. Björn Borg, Jimmy Connors, John McEnroe, Ivan Lendl: Bei diesen Namen bekomme ich Gänsehaut. Tennisspieler wissen eindeutig besser zu heißen als Nazi-Terroristen.


Neulich kam bei einer Konferenz meiner verschiedenen Persönlichkeiten die Frage auf, wann der Konsum seinen Aufstieg zum primären Antidepressivum begonnen haben mochte. Ich verzichte darauf, die Schlägerei zu schildern, die in mir darüber entbrannte; wir sind in meinem Gehirnplenum traditionell sehr meinungsdivergent, und bevor wir uns auf einen neuen Kompromiss einigen, der sich semiotisch bescheiden mit den Buchstaben I, C und H begnügt, besteht allerhand Klärungsbedarf. Sollten Ihnen an mir oder einem beliebigen anderen Menschen viele widersprüchliche Äußerungen oder Handlungen auffallen, dürfen Sie davon ausgehen, dass dessen aktuelles Ich bei der jüngsten internen Urabstimmung seiner Persönlichkeiten von einer absoluten Mehrheit weit entfernt war. 

War Konsum für uns von Anfang an so wichtig? Würde das nicht bedeuten, dass Menschen schon vor Jahrtausenden lebenslang und meist vergeblich nach dem unbekannten Mangel in unserer Wirklichkeit gesucht haben, nach dem vergessenen Element, das unsere Existenz erklären, verbessern oder uns zumindest mit ihr aussöhnen könnte? Waren wir schon immer wir? Wieso ist niemandem etwas Besseres als das aktuelle Menschenmodell eingefallen (eine Frage, die auch in meinem Gehirnplenum dann und wann tumultuös diskutiert wird, nur dass es da um mich geht)?

Was mögen wohl Steinzeitmenschen konsumiert haben, um ihre Laune zu verbessern? Wald, Luft, Licht, Sonne? Kein Wunder, dass bald der Ruf nach dem Fernsehen aufkam. Probierten sie in einem Laden für Luxusfelle Winterbekleidung unterschiedlichen Schnitts und Materials? Vermutlich. Besuchten sie Höhlenzeichnungs-Vernissagen? Die hätten ihnen bestimmt mehr Spaß gemacht, hätten sie eines der Exponate erwerben und zu Hause aufhängen können, was aufgrund der technischen Herausforderungen jedoch nicht in Frage kam. Bleiben nur Grillpartys mit Fliegenpilzbegleitung und anschließender Orgie. Da wurde bestimmt alles konsumiert, was konsumiert werden kann, aber Überkompensation dürfte schon damals nicht mehr als ein schales Gefühl im Betroffenen ausgelöst haben.

Irgendwann mutierten Konsum und seine antidepressive Wirkung vom Konkreten ins Abstrakte. Die zeitgenössische Ausprägung dieses Prinzips ist das rastlose Konsumieren von TV-Serien. Viele Leute schauen fern, als würden sie eine Flasche Wein austrinken, ohne sie einmal abzusetzen. Das ist nicht gut. Es sei denn, man sieht sich eine der TV-Serien an, die zu den größten narrativen Kunstwerken der Gegenwart zählen. Die Sopranos, Breaking Bad, Rick & Morty und Archer sollten als Antidepressiva verschrieben werden. Sie sind besser als jede Wirklichkeit, so wie es sich für eine gute Serie gehört. Ich würde viel dafür geben, in einer davon mitspielen zu dürfen, doch bislang wurde mir leider bloß eine Rolle in der Wirklichkeit angeboten.


Unlängst wurde wieder einmal Allerheiligen begangen. Dieses Wort hat mir schon als Kind nicht gutgetan, ich rätselte, ob sich am 1. November der Gründungstag des gleichnamigen steirischen Ortes jährt, und was zum Kuckuck es nützen sollte, mir Leichen vorzustellen, denn das war meine kindliche Interpretation des Begriffs Totengedenken. Was das anbelangt, bin ich bis heute nicht schlauer. Ich brauche kein Allerheiligen, um der verstorbenen Menschen zu gedenken, die mir lieb und teuer waren, ich denke ohnehin fast jeden Tag an sie, zumindest hier und da für einen Moment, für das Aufleuchten einer Erinnerung, die mich zum Lächeln und zum Seufzen bringt. Eines steht fest: Heilige waren meine Toten allesamt nicht.

Zu Allerheiligen begab es sich nun, dass ein von Wind und Wetter und vor allem von einem leeren Tank überraschtes junges Paar während meines Nachtdienstes an die Pforte des Seehofs klopfte und um Unterschlupf bat. Sie hatten die zauberhafte Ausstrahlung Jungverliebter, und so erschien es mir geradezu als Christenpflicht, sie aufzunehmen, und das, obwohl ich Pastafari bin und nur an das Fliegende Spaghettimonster glaube. Arrr!

Eine halbe Stunde, nachdem ich ihnen den Zimmerschlüssel gegeben hatte, stand die Dame erneut vor mir, diesmal allein. Ich hatte sie nicht kommen gehört. Sie war barfuß, und wenn man es genau nahm, trug sie am ganzen Körper nicht mehr als an den Füßen. Sie war schön, sie schaute mich mit diesem bestimmten Blick an, sie öffnete den Mund, langsam, und ich hörte sie sagen:

Haben Sie Klopapier?“

An dieser Stelle wurde meine Angst so groß, dass mein Verstand einen Ortswechsel für angebracht hielt und mich aufwachen ließ.

Es war Mittag, Ich lag in meinem Bett. Das jungverliebte Paar hatte es nur in meinem Traum gegeben. Nein, ich brauchte keine Angst vor einem Skandal zu haben, weil unter meiner Aufsicht nackte Gäste durch den Seehof irrlichterten.

Das ist der Punkt, der mir Sorgen macht: Wenn ich schon so trivialerotische Träume habe, wieso sind es dann nicht wenigstens richtige Sexträume, sondern Angstträume, in denen ich die Aufgabe habe, in einem Akt höchster Selbstverleugnung nackte Gäste von den Vorzügen des Bekleidetseins zu überzeugen? Bedrückt mich etwa auch ein Jahr nach Dienstantritt noch immer die große Verantwortung, die ich als Nachtportier trage? Oder liegt es an Allerheiligen?

Mein Chef, den ich um Rat fragte, beschied mir: Du wirst eben alt.“

Ich frage mich, wie er das gemeint hat.


Kürzlich wurde ich bei einem Ausflug in die schmucke Stadt Salzburg Zeuge eines Streits zweier Busfahrerinnen. Worüber sich die beiden uneins waren, kann ich nur vermuten, will ich aber gar nicht. 

Die stehende Busfahrerin schien beauftragt worden zu sein, die sitzende und lenkende Busfahrerin einzuschulen, eine Aufgabe, der sie offensichtlich nicht gewachsen war, während die sitzende Lenkerin ganz offensichtlich nicht der Aufgabe gewachsen war, sich einschulen zu lassen. Die sitzende Busfahrerin war korpulent, die stehende Busfahrerin schlank, und beide sahen sich lieber in der Position der Sprecherin als der Zuhörerin, was in der konkreten Situation insofern günstig war, als dadurch beide Parteien nur einen Bruchteil der ihnen zugedachten Beschimpfungen hörten, was meiner festen Überzeugung nach ein Blutbad nur knapp verhinderte bzw. aufschob, denn soweit ich es ihrer Konversation entnahm, sollten die beiden jeden Tag dieser Woche aufeinander losgelassen werden, und es war Montag.

Die Szene war nicht nur wegen der beeindruckenden Präsenz der beiden Frauen einprägsam, sondern bleibt mir auch wegen des Einschreitens eines eifrigen Fahrgastes in Erinnerung, der die stehende Busfahrerin tadelte, fett“ dürfe sie die lenkende Busfahrerin keinesfalls nennen, das sei persönlich beleidigend“. Ich wunderte mich, wie es jemandem entgehen konnte, dass das Wesen einer Beleidigung exakt und exklusiv im Persönlichen verortet ist und dass die stehende Busfahrerin geradezu von einem vehementen Bedürfnis erfüllt war, ihre Kollegin zu beleidigen, von der sie immerhin soeben als blöde Funzn“ und Trampel“ bezeichnet worden war. Wie die Sache weiterging, weiß ich nicht, weil ich aussteigen musste.

Während ich den Mönchsberg erklomm, dachte ich darüber nach, wieso es kaum Aufregung verursacht, wenn jemand einen anderen einen Trottel nennt, während der Zuruf Fette Sau!“ bei allen in Hörweite befindlichen Menschen Pogromstimmung aufkommen lässt, egal ob sie selbst dick oder dünn sind. Dabei hat ein Dummkopf seine Dummheit ja nicht beim Universum bestellt, sondern sie wurde ihm sozusagen aufgetischt. Dummheit ist angeboren; es ist daher schäbig, sie jemandem vorzuwerfen – man macht sich ja auch nicht über Behinderte lustig. Der fette Mitmensch hingegen hätte mal besser weniger gefressen. Von krankheitsbedingten Ausnahmen abgesehen ist der durchschnittliche Fettsack für seine Speckrollen selbst verantwortlich, und sie ihm vorzuwerfen ist zwar hässlich, aber immerhin weniger ungerecht, als einem Idioten seine Idiotie vorzuwerfen.

Über den Sonderfall des fetten Idioten werde ich gesondert berichten.


Der Mensch braucht Vorurteile, sonst stünde er angesichts der Fülle von Informationen, die uns wie Viren und Bakterien allerorts belauern und in ihrem Streben nach Verbreitung teils aggressiv um unsere Aufmerksamkeit buhlen, ohne jede Arbeitshypothese da.

Vor ein paar Jahren gebar ich die esoterische Vorstellung, jede einzelne Lüge, die ein Mensch in die Welt bringe, würde ihn bzw. sein Gesicht bald darauf zur Strafe irreversibel mit einer zusätzlichen Falte um die Lippen zeichnen. An diese Theorie musste ich denken, als ich mich eines Abends mit einer schönen Frau zum Essen traf, an der mir rasch ein verhärmter Zug um den Mund auffiel, der von Stunde zu Stunde noch bitterer zu werden schien. Als Realist folgerte ich, dass ich ihr eben unsympathisch war. Was mich durchaus auf Gegenseitigkeit beruhte. Doch als sie zur Toilette musste, fragte sie mich freundlich, ob ich mitkommen wollte. Ich wollte. Ich kam. Zurück am Tisch, setzte sie ihren Monolog nahtlos fort, ohne unseren Abstecher auch nur einmal zu erwähnen. Bald sah sie noch verbitterter aus. Ich begann nachzudenken, ob es vielleicht angebracht wäre, meine Depressionen gegen Komplexe einzutauschen. 

Ich habe nie ganz verstanden, wie sich zwei Menschen, die einander im Grunde sehr unsympathisch waren, so sehr lieben konnten wie sie und ich. Spät, aber doch habe ich aber immerhin verstanden, was es mit ihrer finsteren Miene auf sich hatte: Sie litt an einer stark ausgeprägten Form von pseudologia phantastica, zu Deutsch Lügensucht, was für den Partner ungefähr so reizvoll ist wie eine Tourette-Erkrankung. Sie selbst hat ihre Lügen gehasst und zugleich für wahr gehalten. Obwohl sie sie jeden Tag im Spiegel betrachtet hat, hat sie sie nicht gesehen.

Tja, und seither frage ich mich vor dem Badezimmerspiegel oft: Was sehe ich nicht? 


Die Nachtwächterei im Seehof“ ist die natürlichste Berufswahl für einen wie mich, der sowieso von Anfang an nicht gut schlafen konnte, aber gute Küche immer zu schätzen wusste. Schlaf ist in meinem Fall zudem mit einem Aufenthalt in Guantanamo zu vergleichen. Was sich in meinen Träumen abspielt, ist nicht zu beschreiben. 

Falls es stimmt, dass das Traum-Ich ein ebenso reales ist wie das bewusste Ich, hat bei der Entstehung meiner Nachtwelt ein ganzes Rudel durchgeknallter Dämonen seine pelzigen Pfoten im Spiel gehabt, sekundiert von zahlreichen Sirenen und Sukkuben, und schlecht zusammengeleimt hat das Ganze der junge David Lynch, angefeuert von einem Hieronymus Bosch auf härtestem Tollkirschenentzug. 

Es versteht sich daher von selbst, dass ich dem Schlaf keine großen Privilegien in meinem Leben einräume. Wie gefährlich Schlafen ist, erkennt man daran, wie viele Abermillionen von Menschen im eigenen Bett sterben, wohlig in ein Deckchen gehüllt, und beim Aufwachen schauen, wo sie bleiben können. Die Menschen fürchten Herzinfarkte und Krebs, Ebola und AIDS, aber sie überqueren in aller Seelenruhe stark befahrene Straßen und legen sich zuhause furchtlos ins Bett, obwohl schon die berühmten Verse Brentanos bei aufgeweckten Heranwachsenden alle Alarmglocken läuten lassen müssten: 

Guten Abend, gute Nacht,
Mit Rosen bedacht,
Mit Näglein besteckt,
Schlupf’ unter die Deck’,
Morgen früh, wenns Gott will,
wirst du wieder geweckt.

Man weiß ja gar nicht, wo man anfangen soll mit bissigen Bemerkungen.

Als meine Schicht zu Ende ist, kommen die ersten Gäste zum Frühstück. Ich ziehe mich in meine Gemächer zurück, wo mein schurkisches Bett steht.

Ich bin entsetzlich müde. So müde, dass ich mir einen Ruck gebe, mich hinlege und vor mir selbst so tue, als würde ich nicht einschlafen. Bin gespannt, wie lange das gutgeht. Irgendwann werde ich mir selbst unweigerlich auf die Schliche kommen und herausfinden, dass ich immer nur so tue, als würde ich schlafen. Bin schon neugierig, was ich dann sagen werde.


Dem Volksmund haben wir das Sprichwort zu verdanken, man sei so alt, wie man sich fühle, und wie das meiste je vom Volksmund Hervorgebrachte ist dieser Satz ein Beleg dafür, dass der Volksmund das Organ eines schlichten Geistes ist und man froh sein muss, dass es keine Volksnase gibt und keine Volksohren und keine Volksaugen. Die Vorstellung, was die verschiedenen Volksorgane riechen, hören und sehen könnten, versorgt mich mit Visionen, die selbst Hieronymus Bosch Kopfschmerzen bereitet hätten.

Wie alt man sich fühlt, hängt im Laufe der Zeit immer mehr davon ab, wie lange man sich jung gefühlt hat. Je länger man sich jung fühlt, desto länger ist man ein Kindskopf, der gern die Puppen tanzen lässt, was sich früher oder später rächt. Frische Luft ist der Gestank zwischen zwei Gasthäusern, ganz recht, aber wer sich zu lange zu jung fühlt, wird sich zu jung zu alt fühlen, und man könnte sagen, so mancher Dauerinsasse von Gastronomieheilstätten überspringt seine mittleren Jahre und rauscht von der Jugend über die Nachjugend (Studentenalter) direkt ins Voralter, also jenen Lebensabschnitt, in dem der ehemalige Student Emeritus wird und bei der Abschiedsfeier mit seinen Plänen, der Lehre erhalten zu bleiben, ein Büro zu beanspruchen und Unschuldige mit seiner letzten und seiner allerletzten und seiner allerallerletzten Vorlesung zu quälen, die ganze Fakultät in Angst und Schrecken versetzt. Für die Jahre dazwischen existiert keine zufriedenstellende Bezeichnung, von vereinzelten Ausnahmen wie MILF“ abgesehen.

Die Meisten von uns unterscheiden nur zwischen jung oder alt. Um etwas Spielraum für Nuancierungen zu haben, haben wir diese Skala zusätzlich mit den Worten jünger“ und älter“ ausgestattet, freilich ohne zu bemerken, dass diese Begriffe umgangssprachlich auch ihr Gegenteil bedeuten können.

Karl ist noch jünger“ verweist tatsächlich auf einen später als eine aus dem Kontext ersichtliche Referenzperson geborenen Mann (oder z.B. Pudel), wenn in diesem Satz das noch“ betont wird. Wird jedoch dem Wort jünger“ die Betonung zuteil, wollen wir ausdrücken, dass Karl schon ein bisschen älter ist als ein junger Mann, sagen wir zwischen 35 und 55, obwohl ich mich da nicht festlegen will. 

Anna ist schon älter“ kann verdammt viel heißen, aber das wissen Sie bestimmt. Im Regelfall bezieht sich dieser Satz auf eine Frau, die ihren Jugendjahren entwachsen ist, aber mit einiger Wahrscheinlichkeit jünger ist als jener Mann (Pudel), über den es heißt, er sei noch jünger.

Dass älter“ der Komparativ von alt“ ist, wird niemand bestreiten wollen, aber umgekehrt stimmt’s auch. Deshalb wäre es eine fiese Qualifikationsfrage für die Kandidaten, die es bei der Millionenshow in die Mitte schaffen wollen: Ordnen Sie diese Begriffe chronologisch: jung, jünger, älter, alt.“ 


Als Nachtportier hat man keine Gelegenheit, Zeitung zu lesen oder fernzusehen, weil man ständig auf der Hut sein muss, ob nicht irgendwo Gesindel auftaucht, das die Gäste berauben will. Insofern ist es nicht ungewöhnlich, dass ich erst vor ein paar Tagen von den Nationalratswahlen erfuhr, die in Österreich anstehen. Kurioserweise während eines Fortbildungslehrgangs für Nachtwächter in Washington, DC, beim Surfen auf heimischen Webseiten.

In Österreich sind Urnengänge (wem ist bloß dieses Wort eingefallen?) weit weniger unterhaltsam als in den USA. In Österreich herrscht gegenwärtig die Regel, dass eine Wahl ausgerechnet derjenige gewinnt, der die meisten Stimmen bekommen hat, das ist ziemlich humorlos. Außerdem gilt ein Politiker, der nachgewiesenermaßen bereits Sex ohne Zeugungsabsicht hatte (z. B, im Rahmen von Oral‑, Anal- bzw. Kondomverkehr), in Amerika als unrettbar pervers, bei uns hingegen wird über solche Schwächen großzügig hinweggesehen. In Amerika muss ein Politiker ein bigotter verlogener Heuchler sein, bei uns darf er das zwar auch, aber er muss nicht unbedingt. In Österreich gibt es ein paar Politiker, die einräumen, Menschen zu sein, mit allen Stärken und Schwächen, die diese Existenzform mit sich bringt. In Amerika wäre so etwas undenkbar, dort haben sie Übermenschen zu sein.

Ich persönlich will von Menschen regiert werden, nicht von Heiligen, erstens aus praktischen Erwägungen, denn es ist fraglich, welche Lösungen konkreter Probleme ein Heiliger anzubieten hätte, und zweitens, weil es keine Heiligen gibt, ausnahmslos alle Heiligen waren und sind scheinheilig. Und wenn die Selbstdarstellung eines Politikers an die Authentizitätsliteratur der siebziger Jahre erinnert, werde ich ihn sowieso nicht wählen.

Autobiographische Literatur war mir schon immer suspekt. Wenn ein Dichter aus seinem Leben erzählt, gewinnt man schnell den Eindruck, diese Person hätte über sich selbst hinaus nichts mitzuteilen und sei in Wahrheit nichts weiter als ihr eigener Spiegel. Ein Schriftsteller muss größer sein als er selbst, sonst ist er keiner. Wer über sich selbst nur wacht, anstatt sich aufs Spiel zu setzen, mag vielleicht wie ein Schriftsteller klingen, aber er wird nie einer sein, solange er sich der fundamentalen Erkenntnis verschließt, dass nur ein Leben, das nie zuvor gelebt wurde, all die Mühe wert ist, die das Schreiben eines Romans oder das Aufstehen am Morgen kostet. Ein Zirkusartist interessiert uns in Wahrheit nur dann, wenn er ohne Netz arbeitet. 

Wenn jemand bei der Ausübung seiner Passion nicht alles verlieren kann, haben wir keinen Grund, ihm zuzusehen. 

Natürlich schauen wir uns den Abfahrtslauf von Kitzbühel und das Formel 1‑Rennen in Monza vor allem deswegen an, weil es gefährlich ist. Was für großartige Ski- und Autofahrer sich da miteinander messen, wird über das Fernsehen kaum transportiert, und am Ende bleibt als Faszinosum nur der potentielle Misserfolg – im äußersten Fall der Tod. Ein Künstler muss seine Zeit nicht bloß verstehen, er muss sie sein. Er darf bei ihr nicht nur zu Gast sein, er muss in ihr zuhause sein, nur dann kann ihm etwas Gutes gelingen. Bei Politikern ist das ähnlich. Und ähnlich selten. Und weil Sepp Schellhorn zu diesen raren Vögeln gehört, werde ich ihn am Sonntag nicht nur wählen, ich werde für ihn auch die Bundeshymne anstimmen, sobald ich ihn sehe. Am besten machen wir das alle. Und zwar von heute an immer. Statt ihn mit einem umstandslosen Hallo! zu begrüßen, singen wir die ersten Töne der Bundeshymne. Wir alle. Für immer. Na, sagen wir fünf Jahre lang. Der wird eine Freude haben. 


Ich mag kuriose Dinge, Alltag hat mich nie gereizt. Man möchte meinen, das geht uns allen so, aber es gibt eine Vielzahl von Mitmenschen, denen der Alltag der sicherste und schönste Zeitort zum Verweilen ist, und besonders schätzen sie es, wenn sie Langeweile überkommt, denn diese bietet reichlich Gelegenheit, sich etwas auszudenken, worüber sie sich empören können.

Vom Fluch der Phantasie verschont Gebliebene greifen auf den Benzinpreis oder die EU zurück, die Kreativeren dagegen brüten so lange, bis sie etwas gefunden haben, das a) das Potenzial hat, eine direkte Konfrontation mit einer anwesenden Person heraufzubeschwören und b) sie selbst gegenüber dieser eine moralisch überlegene Position einnehmen zu lassen vermag. Ich weiß nicht, ob die Musik eine Brüll-Elegie kennt, aber sollte Österreich einer neuen Bundeshymne bedürfen, würde ich den Verantwortlichen raten, einen Fachmann der Brüll-Elegie mit der Komposition zu beauftragen.

Wenn man beim Wohnen betreut wird, was zumindest in den ersten Lebensjahren gute Sitte ist, seit Babys nur noch unter besonders schlimmen Umständen in Strohkörben den Launen eines Flusses ausgesetzt werden, hat man gerade als Heranwachsender in der Regel viel Zeit für Detailbeobachtungen der Wirklichkeit, weil einem die ernüchternden und zeitraubenden Verpflichtungen des Alltags vorerst erspart bleiben. Da mir die physische Welt als Kind weniger kurios als vielmehr unlogisch, widersprüchlich, undurchschaubar und bedrohlich erschien und in mir nicht so sehr Neugier als vielmehr Fluchtreflexe weckte, waren die ersten echten Kuriositäten, für die ich mich als Kind interessierte, Wörter, weil sie beinahe allmächtig sind.

An manchen Tagen beschäftigte ich mich vorwiegend mit der Bedeutung, an anderen dachte ich stundenlang über die Melodie eines Wortes nach. Am verrücktesten wurde dieses Spiel, wenn man sich auf beides zugleich konzentrierte. Der gesellschaftliche Konsens, eine bestimmte Abfolge von Lauten sei die akustische Entsprechung eines bestimmten abstrakten oder konkreten Gegenstandes, ein H‑A-U‑S sei zum Wohnen da, ein B‑E-T‑T zum Schlafen, ein P‑E-N-I‑S zum Spielen, ein A‑R-Z‑T zum Heilen, erschien mir von Minute zu Minute immer unpassender, unglaubwürdiger und unstimmiger.

Damals erkannte ich, dass es nur wenige Wörter gibt, die sich früher oder später nicht seltsam, ja falsch anhören. Egal, um welches Wort es sich handelt, wenn man es ein paar Mal hintereinander ausspricht und seinem Klang lauscht, wird es irgendwann leer. 

In den Nachtstunden, während ich den Schlaf der Hausgäste bewache, spiele ich mit Wörtern. Manche mag ich mehr, manche weniger, und ich amüsiere mich über die Assoziationen, mit denen mich mein Unterbewusstsein unterhält.

Seehof ist ein Wort, das ich besonders mag. Woher stammt es eigentlich? Heißt es so, weil der Gasthof nahe am See gebaut wurde? Oder – befindet sich womöglich ein vor Jahrhunderten untergegangener Gutshof im See?

Das Atlantis von Goldegg? Ja, das klingt gut. Wer taucht mit?


Zu den wenigen positiven Aspekten meiner Depression zähle ich meine neuerworbene Unfähigkeit, Fernsehapparate zu erkennen. Das ist gut, denn das Maß an Blödsinn, das im Fernsehen unschuldigen Menschen als Wirklichkeit präsentiert wird, ist weit höher als das ehrlicher Versuche, dem Zuschauer wenigstens einen oder zwei intelligente Gedanken oder etwas Inspiration zu vermitteln. 

Wenn Gerüchte über eine Qualitätssendung bis zu mir dringen (und ein Nachtportier hört so manches), überprüfe ich sie per Notebook und Internet auf ihre intellektuelle Redlichkeit. Computerbildschirme scheinen zum Glück gegen den Erreger der Fernseherblindheit immun zu sein, zumindest wenn sie vor meiner Nase stehen. Das ist deswegen wichtig, weil ich, während ich als Nachtportier die Gäste bewache, nebenbei am Computer die Welt besser zu machen versuche, und es würde beide Arbeiten, die Wache und die Weltverbesserung, um einiges erschweren, wenn ich dabei den Bildschirm nicht sehen könnte. Ich habe einmal versucht, auf einem in meiner Manteltasche steckenden Handy eine SMS zu schreiben, und das Ergebnis war so niederschmetternd, dass ich nicht darüber reden will, es sei nur erwähnt, dass der Adressat mit mir nicht mehr reden will.

Es gibt bekanntlich sechs Arten des betreuten Wohnens: Hotel, Altersheim, Krankenhaus, Friedhof, Gefängnis und Seehof. Mehr als die Hälfte davon kenne ich aus eigener Erfahrung. Es ist natürlich heikel, dem Seehof eine eigene Kategorie zuzumessen, besonders in so einem Zusammenhang, weil man mit den übrigen fünf Orten wenig Lebenszuversicht assoziiert, während der Seehof auf der Lebensbejahungsskala die Höchstnote verdient. Es gibt nur einen Seehof, wird man zudem einwenden, und das stimmt, doch wenn der Name als Chiffre verwendet wird, darf man schon einmal übertreiben und von der theoretischen Existenz mehrerer Seehöfe sprechen. Auf der ganzen Welt, nicht in Österreich.

Um die Welt zu verbessern, bedarf es weiterer Seehöfe, darüber sind wir uns einig. Als betriebsinterner Schulungsleiter im Bereich Bitcoin und Blockchain-Technologie werde ich gelegentlich von meinem altruistischen Dienstherrn zur Weltverbesserung eingesetzt, eine Disziplin, ich der ich traditionell manchmal mehr und manchmal weniger erfolgreich bin, was mich nicht mehr wundert, seit ich dahintergekommen bin, dass die Welt nicht nur aus dem vierten Wiener Gemeindebezirk und seiner Umgebung besteht und es jenseits seiner Grenzen größere Probleme gibt als innerhalb.

1,7 Milliarden Menschen auf der Welt haben keinen Bankzugang. Das schützt zwar vor Überziehungszinsen, verhindert aber auch jede wirtschaftliche Entwicklung, und folgerichtig zählen diese 1,7 Milliarden zu den ärmsten Menschen der Welt. Wenn ein Migrant von den USA Geld an seine Familie in Mexiko, Kolumbien oder Burkina Faso schicken will, kann er nicht einfach zur Bank gehen wie unsereins. Er muss die Dienste von Institutionen wie Western Union in Anspruch nehmen, und da sind je nach Aufenthaltsort und Dringlichkeit 10% als Provision für den Dienstleister eine Seltenheit. Meistens liegt sie nämlich höher. Manchmal ist die Scheibe, die sich der an vielen Ort Monopolstatus genießende Geldtransfer-Anbieter abschneidet, gleich der halbe Kuchen. Auf die andere Hälfte wartet die Familie einige Tage, fallweise länger. Das bedeutet: In Österreich arbeitet man zur Hälfte für den Staat und seine Institutionen, in räuberischen Zivilisationen wie den USA und anderen Entwicklungsländern hat man zusätzlich noch eine exorbitante Zwangsabgabe für den Finanz-Wegelagerer zu verschmerzen.

Das könnte sich bald ändern.

Die meisten dieser 1,7 Milliarden Menschen ohne Bankkonto haben ein Smartphone oder zumindest Zugang zu einem solchen. Auf einem Smartphone ist ein Wallet, eine elektronische Geldbörse für Kryptowährungen wie Bitcoin, binnen einer Minute installiert. Was nun, schätzen Sie, kostet ein Geldtransfer mit einer Kryptowährung wie zum Beispiel NANO oder EOS, und wie viel Zeit vergeht, bis der Empfänger das Geld hat?

Antwort: minimale oder keine Gebühren, eine Sekunde oder schneller.

Es verwundert nicht, dass die Finanzwelt mit allen Mitteln bemüht ist, digitale Währungen schlecht zu machen und den Bitcoin-Preis zu drücken, um selbst billig einzukaufen. An Demokratisierung und Evolution auf dem Sektor des Geldes haben diejenigen das geringste Interesse, die es schon haben. Ich denke, die Chancen stehen nicht schlecht, dass sie diesen Kampf verlieren werden. Der Bitcoin wird maßgeblich dazu beitragen, auch in den ärmsten Ländern Seehofpotential zu erzeugen. Hätte ich viel Geld, würde ich Bitcoins kaufen. Am liebsten 2010. Da kostete einer 6 Cent. Derzeit sind es 10.000 Dollar.


Wetten ist etwas für Knechte“, sagte meine Urgroßmutter, wenn ihr eine Wette angetragen wurde, was sie heute so nicht mehr sagen würde. Nicht nur wegen ihres von mir von Jahr zu Jahr nicht minder betrauerten Ablebens vor fast dreißig Jahren, sondern weil man Angehörige niederen Standes heutzutage nicht mehr diskriminieren darf, und der pejorative Charakter ihrer Bemerkung ist nicht zu leugnen. Andererseits, wenn jemand behauptet, man diskriminiere mit diesem Satz die Knechte, da ja Knechte einem niederen Stand angehörten, diskriminiert er durch die Behauptung, Knechte gehörten einem niederen Stand an, den Knecht als solchen, weil er ihn als von niederem Stand bezeichnet, was zweifellos eine diskriminierende Bemerkung ist. Manchmal gibt es keinen Satz, den man überall sagen darf. 

Nein: Es gibt gar keinen Satz, den man immer und überall sagen darf.

Aus diesem Grund gehe ich doch eher davon aus, dass meine Urgroßmutter, die 1917 als Serviermädchen im Festsaal irgendeines improvisierten Feldschlosses den Kaiser Karl betrunken auf dem Boden schlummernd angetroffen hatte und Diskriminierungen aus ihrer Jugend und ihren zwei Weltkriegen, die sie beide verlor, gewohnt war, auch heute noch die Faszination des Wettens dem niederen Stand der Knechte zuschreiben würde, um sich a) von ihnen abzugrenzen und b) dem Fragesteller durch die Blume mitzuteilen, dass er ihr mit oder ohne Wette auf die Nerven ging. Sie lehnte es ab zu wetten, und hätte ich sie mir in dieser Angelegenheit zum Vorbild genommen, mir und der restlichen Welt wäre einiges erspart geblieben.

Einige Jahre vor meiner Erhebung in den Stand des Einzig Wahren Nachtwächters wurde ich im Seehof wieder einmal eine Woche lang beim Wohnen betreut. Eines kühlen Frühlingsabends übertrug das Fernsehen eine multinationale Show, bei der die Kandidaten den Begriff Bassstimme“ mimisch darstellen sollten. Leichthin sagte ich, wenn die österreichische Personalie gewinnen würde, spränge ich noch in derselben Nacht nackt in den eisigen See. Die österreichische Personalie gewann. Johlenden Kobolden gleich zog ein Trupp hämischer Spötter mit mir zum See. Ich entkleidete mich und sprang, und das Wasser war kalt, so kalt, dass mir heute noch kalt ist. Meine Flucht aus dem See wurde vom einem Dutzend Mobiltelefonen dokumentiert, auf den Bildern sehe ich aus wie ein frisch geschlüpfter Waran.

Ein einziger beteiligte sich nicht an dem digitalen Gemetzel: Mein Wohnbetreuer resp. Wirt bzw. nunmehriger Dienstherr Sepp Schellhorn. Erst argwöhnte ich ja, er hätte sein Handy vergessen, doch dann zog er Hemd und Hose aus, womit er noch immer mehr anhatte als ich, und sprang auch in den See, dem er kurz danach unter großem Applaus der Zuschauer auf elegantere Weise als ich entstieg. Ihre Fragen nach seinen Motiven beantwortete er beiläufig mit: Man darf nie einen allein springen lassen.“

Wenn mich einmal jemand nach einem Leumundszeugnis für Pepsch fragt, werde ich ihm diese Geschichte erzählen. Wenn Susi daraufhin Bundeskanzlerin wird, wird sich das Ehepaar Schellhorn gezwungen sehen, seinen Lebensmittelpunkt nach Wien zu verlegen, und ich wette, es ist der Nachtwächter, der dann zum Statthalter des Seehofs ernannt wird. 


Es gibt eine Konstante, die sich durch die Geschichte der Menschheit zieht: Manchmal wollen wir jemand anderer sein. Das bedeutet nicht zwingend, dass wir mit uns unzufrieden sind, wir wollen bloß nicht immer dasselbe Gesicht im Spiegel sehen.

Um jemand anderer zu sein, bedarf es keines Seelentransporters, der unser unsterbliches Innerstes zeitweise in eine andere Körperheimat überstellt. Das wäre erstens ungeheuer aufwändig, zweitens zum Verrücktwerden kompliziert, drittens ziemlich gefährlich, und viertens gibt es so ein Gerät gar nicht. Schlechte Nachrichten also, doch Menschen sind erfinderisch. Um Abwechslung vom Ich herbeizuführen, das wussten sie schon vor Jahrtausenden, braucht unsere Spezies Essen, Trinken, Biochemie, Sex oder einen Fernseher. Vor Jahrtausenden waren erst wenige Fernseher verfügbar, zudem waren die Menschen noch hässlicher als heute, weswegen Sex nicht sehr beliebt war. Bei Alternatividentitätsbedarf aß oder trank man daher magische Spezialitäten, die dafür sorgten, dass man ein anderer wurde, und damit meine ich kein Salmonellen-Tiramisu, sondern Bier und Fliegenpilze.

Heute ist alles ein bisschen anders. Staaten haben sich angewöhnt, ihre Bürger zu überwachen, zu entmündigen, zu bevormunden und faktisch zu besachwaltern, als wäre der Einzelne kein Individuum, sondern ein berechenbares, normiertes Konstrukt. Aus wirtschaftlichen Gründen hat sich der Alkohol als Berauschungsmittel für dieses Konstrukt in unseren Breiten durchgesetzt. In kleinen Mengen wirkt Alkohol stimmungsaufhellend, aber wer kleine Mengen Alkohol zu sich nehmen und es dabei belassen kann, mit dem stimmt sowieso etwas Gravierendes nicht. Chronischer Alkoholabusus leistet Depressionen Vorschub. Als Rauschmonopolist ist Alkohol daher denkbar ungeeignet.

Früher war man bedrückt, heute ist man depressiv. Die Ursachen sind unterschiedlich. Die einen wissen nicht, wie man richtig fickt, die anderen haben vergessen, wo der Fernseher steht, und wer noch nie im Seehof war, dem fehlen wesentliche Referenzwerte für gutes Essen und Trinken.

Was also tun gegen die düstere Grundstimmung, wenn sie sich einschleicht? Ich wollte neulich die alten Zeiten wiederaufleben lassen, in denen unsere Urahnen vor ihren Hütten mit dem Ortsschamanen tanzten, Gruppensexorgien veranstalteten und die Tiefentraurigkeit mit feurigem Leben ausbrannten. Als ich mich anschickte, mit konvulsivischen Zuckungen den zunehmend zur Trägheit tendierenden Herrn Schellhorn auf der Straße vor dem Seehof zu einem spontanen Tanz zu motivieren, versammelte sich sogleich um uns eine Gruppe Schaulustiger, in denen ich zunächst gruppensexwillige Ortsbewohner vermutete, was sich rasch als Missverständnis erweisen sollte. Ich möchte nicht sagen, welche peinliche Wendung der Nachmittag nahm, jedenfalls handelte es sich um ehrbare alteingesessene Goldegger, bei denen mein progressiver Zugang zum Thema Tanz und Sexualität erheblichen Widerspruchsgeist zu Tage förderte. 

Vermutlich hätte die Sache unterm Strich ohnehin nichts besser gemacht. Antidepressiva helfen gegen Depressionen nicht, zumindest bei mir nicht. Gegen Depressionen hilft nur Rick & Morty. Rick & Morty wird getragen vom optimistischen Nihilismus des versoffenen Wissenschaftlers Rick Sanchez, der das intelligenteste Wesen im Universum ist und schon mal den Teufel zu einem Selbstmordversuch treibt. Diese Cartoon-Serie ist tausendmal besser als die Simpsons, deren nerdiges Understatement recht schnell zur Pose wird. Es ist die herzerwärmendste, schlaueste und lustigste Fernsehserie, die es gibt. Bis zur nächsten Kolumne muss jeder der depressiven Leser die erste Staffel gesehen haben. Prüfungsstoff! 


Die Bibliothek des Seehof lässt keinen Wunsch offen, abgesehen von einem bescheidenen, nämlich dem nach etwas weniger Suhrkamp-Büchern in den Regalen. Das Leben ist schon hart genug, da muss man nicht auch noch mit Anlauf jenem allumfassenden Gefühl von Verzweiflung ins Maul springen, das allerspätestens auf der letzten Seite von so manchem Suhrkamp-Roman uns Leser erwartet. Wir lesen die letzten Zeilen und stutzen. Wir lesen sie noch einmal. Wir blättern vor und zurück. Irgendwann ist der Verdacht so greifbar, dass er ausgesprochen werden muss:

Da will uns jemand verarschen.

Mein Vater hat es in solchen Fällen leichter. Wenn in einem der Bücher, die er liest, der Schluss keinen Sinn ergibt, kann er sich leicht ausrechnen, dass es zuvor mir in die Hände gefallen und aus niedrigen Motiven (Schadenfreude u.a.) mit grober Gewalt seiner letzten Seiten beraubt worden ist.

Der Suhrkamp-Verlag hat natürlich auch viele Meisterwerke veröffentlicht, das steht außer Streit. Trotzdem, wenn ich etwa an Hermann Hesse denke, sehe ich immer eine Domina vor mir, die peitschenknallend ein nacktes blasses Männchen dazu zwingt, abwechselnd die Absätze der High Heels der Dominas abzulecken und ein paar Absätze von Unterm Rad“ zu lesen.

Dem Gedanken der Selbstgeißelung konnte ich nie viel abgewinnen. Wenn sich jemand selbst erniedrigt in der Hoffnung, deswegen von anderen, sei es Gott, seien es seine Mitmenschen, erhöht zu werden, kann man mit fast hundertprozentiger Sicherheit davon ausgehen, dass man auf einen Arsch gestoßen ist.

Die Jüngeren unter meiner Leserschaft seien gewarnt: Wenn ihr einmal Zeuge werdet, wie Töchter und Söhne der heimischen Scholle eine Osterprozession veranstalten, bei der einer ein Kreuz schleppt und sich peitschen und mit Dornenkrönchen schmücken lässt, oder wenn ihr erlebt, wie sich Schiiten mit Schwertern den eigenen Schädel blutig schlagen, erinnert euch, ihr kennt solche Leute aus eurer Schulzeit. Es sind die, die nach jeder Schularbeit jammerten, sie hätten sie ganz sicher vergeigt, und die dann mit gespieltem Erstaunen ihre 1 entgegennehmen durften. Noch jeder religiöse Fanatiker war ein Heuchler, und noch jeder Heuchler hat einst in der Schule behauptet, er hätte nichts gelernt und wisse nicht, wie ihm diese 1 zugelaufen sein könnte. Auch zu meiner Zeit gab es sie. Wenn einer von denen heute zufällig meinen Weg kreuzen würde, ein Kreuz schleppend, jammernd und klagend, würde ich christliche Nächstenliebe beweisen und mich sofort auf die Suche nach einem Handwerker machen, um eine Kiste Ersatznägel zu kaufen – die dürften ihnen nicht ausgehen, das wäre schrecklich. 


In der Nacht funktioniert die äußere Klimaanlage des Seehofs besser als tagsüber, aber als Nachtportier – ich bevorzuge eigentlich das martialischere Nachtwächter“, das Bewaffnung und Gefahr in geistige Griffweite rückt – habe ich mich mit der Hitze des Tages ohnehin nicht auseinanderzusetzen, so wie man sich in Goldegg nicht um das kümmern muss, was andere Menschen als Alltag bezeichnen, obwohl es für keine zwei Menschen auf der Welt eine idente Tagesabfolge gibt. 

Der Gott unseres Universums mag zwar ein Ferialpraktikant sein, aber so einfallslos war er dann auch nicht, er lässt jeden Menschen seinen persönlichen Lebensfilm drehen. Das liegt ja auch in seinem ureigenen Interesse, zumal für Götter fatalerweise die Begriffe immer und jetzt Synonyme sind, worüber sich den Aufzeichnungen meines Vorgängers als Einzig Wahrer Nachtwächter zufolge auch regelmäßig Götter bei ihm beschwert haben. Mein Vorgänger dürfte einen kommunikationsreichen Lebensabend gehabt haben, jede Nacht kam ihn durch den Riss im Universum, der unter dem Seehof klafft, ein anderer Gott besuchen. Auf den Seehof aufgepasst kann er da nicht viel haben bei solcher Ablenkung. Aber man muss so einen Gott auch verstehen. Und so wie sich Gott, wenn ihm langweilig ist, den frisch gelieferten Lebensfilm eines jüngst verstorbenen Menschen ansieht (alternativ zum tausendsten Mal Kennedy, wenn ihm wieder einmal irgendeine Sünde eines Menschen den Tag verhagelt hat, oder eine seiner geliebten Serien, z.B: Putin, wenn er gerade besonders unter seinen Komplexen leidet, weil er aussieht wie wir), so leben wir Menschen irgendwann mehr mit den Leben der Jüngeren mit.

Dieser Sommer ist nicht mehr mein Sommer, das spüre ich, wir sind uns gegenseitig nicht so wichtig, Abgeklärtheit bestimmt die Positionen. Es stimmt, meine Interessen wandeln sich gerade. Essen ist der Sex des Alters, sagen Sepp Schellhorns Blicke, wenn ich schon am Nachmittag um meinen Stammtisch herumschleiche oder vor der Küche mit den Füßen scharre. Er behauptet, er hätte ein Schreiben der Gemeinde erhalten, das es ihm verbiete, mir mehr als zwei Nachspeisen auszufolgen. Tatsache ist, dass aufgrund des geringeren Luftdrucks in der Höhe von Goldegg einige meiner Kleidungsstücke eingegangen sind, was aber angeblich die Gemeinde anders interpretiert. Man will bei mir eine Gewichtszunahme bemerkt haben, die eindeutig der hohen Qualität der Seehofschen Küche bzw. meiner Fressgier geschuldet sei. Im Sommer wäre das noch kein Problem, aber wenn ich im Winter aus allen Nähten platzen würde und Einsteigdieben im Fall des Falles hinterherrollen müsste, würde die Lawinengefahr in Schwarzach drastisch erhöht. Der dortige Ortsvorsteher sei bereits besorgt usw. Ja, ja, sagen meine Zurückblicke, du mich auch.

Vieles wird einem mit zunehmendem Alter abgenommen. Das schließt aber auch die Fehler ein. In Goldegg kann man weniger Fehler machen. Das ist für einen Risikomenschen nicht der schlechteste Aufenthaltsort. Apropos: Ich brauche nicht einmal mit einer Frau auf Urlaub zu fahren, das erledigt mein Sohn für mich. Er besucht seine Freundin in Griechenland. Er ist zum ersten Mal allein im Ausland, und ich bin froh, dass er jetzt an der Reihe ist und nicht ich all die schönen Dinge, die man da erlebt, noch einmal zum ersten Mal machen muss. Ich bewache den Seehof, lasse nicht die geringste Spitzbüberei zu, und die Welt nimmt woanders ihren Lauf. Woanders wird man, im Seehof ist man. Auch in Goldegg ist nämlich immer jetzt.


Das gute Leben“ heißt das Festival, das Sepp Schellhorn organisiert und zu dem ich noch nie als Gastvortragender eingeladen worden bin. Ich vermute, er vermutet bei mir thematische Inkompetenz. Ein Irrtum, wie er allmählich zu begreifen scheint, seit er morgens die Verwüstung, die sein hungriger Nachtportier nachts in der Küche angerichtet hat inspizieren und meine Hinterlassenschaft fallweise umgehend von sanitären Ordnungshütern beseitigen lassen muss. Anfangs leugnete ich jede Mittäterschaft an dem Exzess, bis mir bewusst wurde, dass ein Nachtwächter, der nicht bemerkt, dass vor seiner Nase ein Mundraub der Extraklasse stattfindet, für seinen Job belegbar unqualifiziert ist.

Vor zwei Wochen entschied ich mich für einen Strategiewechsel. Menschen, die gutes Essen zu schätzen wissen, sind bekanntlich auf dem Gebiet des glücklichen Lebens Erstligaprofis, und deshalb versuche ich nun meinen Chef durch von Faktenwissen untermauerte, fachmännische Analysen seiner von mir in der Nacht unautorisiert konsumierten Haubenküchenprodukte milde zu stimmen. Eine Woche lobte und pries ich ihn, bis er letzten Mittwoch die Schattenseiten einer soeben von mir in den Olymp der Kochkunst erhobenen Pastete leakte:

Das war Hundsfutter.“

Ich tat so, als hätte er einen Witz gemacht. Er nicht. Als er mich kurz allein ließ, um frische Gäste zu begrüßen, durchsuchte ich den Altmetallcontainer. Der Seehof verwendet, wie ich bestätigen kann, so gut wie keine Konservendosen. Die einzige Ausnahme ist die Hundespeise Chappi.

Ich fühle jedesmal einen Stich, wenn sich Sepp Schellhorn mit ausdrucksloser Miene, hinter der ich zweifelsfrei ein satanisches Grinsen identifiziere, vor Beginn meiner Schicht bei mir erkundigt, ob ich schon zu Abend gegessen hätte oder ob er mir mein Tschappi servieren lassen dürfe. Mit T, S, C, H“, fügt er scheinheilig hinzu, womit er zum Ausdruck bringen will, dass er selbstverständlich nichts als das österreichische Dialektwort Tschappi meint, womit in unserem schnitzelförmigen Land jede Art von Nahrung (für Menschen) gemeint ist.

Gestern fiel mir eine vorläufige Einladungsliste für das Festival Das gute Leben“ in die Hände.

Raten Sie mal.


Was macht ein Nachtportier eigentlich, werde ich in Leserbriefen häufig gefragt.

Nun: Er wacht. Mit Rücksicht auf den etymologisch weniger beschlagenen Teil der Leserschaft ergänze ich: Der Nachtportier bewacht das Haus und seine schlafenden oder noch zechenden Gäste, und diese verantwortungsschwere Aufgabe vollzieht er wach. Hellwach, möchte ich sagen.

Vom Wortstamm wach“ kann man zahlreiche, zumeist miteinander verwandte Begriffe ableiten: Aufwachen, erwachen, der Wachturm, die Wachstube, der Wachtmeister, das Erwachen (im Sinne der Erweckung).

Ein Missverständnis wäre es, ähnlich klingende Wörter wie einwaachen“ oder waach“ hinzuzuzählen. Beide sind dialektaler Herkunft und stammen vom Begriff weich“ ab. Während das erste einen Arbeitsschritt bei der Zubereitung von Hülsenfrüchten beschreibt und sich in einem anderen Haushaltszusammenhang auf einen Trick gewitzter Hausfrauen bezieht, die vor der Aufgabe stehen, die stark verschmutzten Hemden ihrer zum Rotzlöffel gereiften Leibesfrucht zu reinigen, ist das zweite von derb-ironischem Charakter und als umgangssprachliche Umschreibung künstlich-willentlich herbeigeführter Bewusstseinstrübungen von begrenzter Dauer sowie chronischer Totalumnachtung mit oder ohne Eigenverschulden gebräuchlich.

Es wird jedem einleuchten, dass nicht in jeder Sekunde ge- und bewacht werden kann. Zum einen würde darunter die Aufmerksamkeit des Wachhabenden über kurz oder lang leiden, was schlimmstenfalls ein schweres Unglück nach sich ziehen kann, etwa wenn der erschöpfte Nachtwächter während des Sekundenschlafs einen hartgesottenen Trinker, der als Gast im Hotel abgestiegen ist, für einen Einbrecher hält und dem Flüchtenden in Notwehr einige Granaten aus der Diensthaubitze in den Rücken feuert (im Seehof nie vorgekommen, zumindest in der jüngeren Vergangenheit nicht).

Den Unterschied zwischen wach“ und waach“ prägt man sich am leichtesten ein, indem man an Donald Trump denkt. Ein Nachtportier hat während der Abwesenheit von Spitzbuben Zeit, im Internet zu surfen, und so stieß ich neulich auf Donald Trumps Twitter-Botschaft, er könnte Kryptowährungen im Allgemeinen und den Bitcoin im Besonderen nicht leiden, weil der Bitcoin nicht nur eine Gefahr für den Dollar sei, sondern kriminelle Organisationen“ ihn benützen würden, um schwere Verbrechen zu finanzieren.

Wach klingt das jetzt nicht gerade. Und wenn, dann nur bis zu dem Punkt, an dem Trump zugibt, dass der Bitcoin, der fälschungssicher, inflationsfrei, dezentral und damit nicht manipulierbar ist, eine reale Konkurrenz für den längst nicht mehr an die Goldbestände des Landes gekoppelten, beliebig oft nachgedruckten Dollar darstellt. Zugegeben, alles kann man nicht wissen. Etwa dass die Bitcoin-Blockchain öffentlich ist und jemand, der eine finanziell aufwändige Untat unter Einsatz digitaler Währungen ins Werk setzen möchte, sich eher der Privacy-Coins Monero, ZCash oder Spectrecoin, vielleicht sogar Conceal bedienen wird. Etwas anderes hingegen sollte jeder wissen, sogar US-Präsidenten: Abgesehen davon, dass kriminelle Organisationen auch Teufelswerk wie Telefon und Flugzeuge im Rahmen ihrer Kriminalitätsproduktion verwenden, ist die Währung, die kriminelle Organisationen bei weitem am häufigsten nützen: der US-Dollar. 


Unlängst wurde an dieser Stelle erörtert, dass es sich bei der für unseren Planeten und seine weitere Umgebung zuständigen Höheren Macht um einen Ferialpraktikanten der Meistergötter handeln dürfte, da unser Universum die Handschrift eines Lehrlings am Bau oder eines dem Drogenkonsum nicht abgeneigten Jünglings trägt. Die Existenz höher entwickelter Wesen als unser Gott scheint nur höher entwickelten Menschen generell zu behagen, zumal in weiten Teilen der Erde unter Androhung drakonischer Strafen ein aufrechtes Gedankenmoratorium zu diesem Thema besteht, und mit der Ewigkeit wollen es sich gerade die knorrigen Söhne und Töchter der heimischen Scholle sowieso nicht verscherzen. Es zeugt von spiritueller Provinzialität, wenn in heimischen Glaubenszentren, katholische Kirchen genannt, ein wie für einen Faschingsgschnas gekleideter Mann mit salbungsvollen Worten den Allerhöchsten“ preist. Wer Bud Spencer in Sie nannten ihn Mücke gesehen hat, weiß: Es gibt immer einen, der stärker ist als du.“

Solche Gedanken schwirren durch meinen Kopf, während ich nach meiner Nachtschicht auf der Veranda des Seehof liege, genauer gesagt auf Sabine, denn ich bin durch die Lektüre der geheimen Tagebücher meiner Vorgänger auf dem Posten des Einzig Wahren Nachtportiers auf die irritierende Tatsache gestoßen, dass noch jeder meiner Vorgänger jedem einzelnen Stuhl im Haus einen männlichen und jedem Liegestuhl einen weiblichen Namen gegeben hat.

Gerade Details wie dieses sind verräterisch: Eine Welt, in der sich solche Gestalten wie Stuhlnamenspaten herumtreiben, kann nur von einem Pubertierenden geschaffen worden sein. Möglicherweise ist speziell die Erde eines seiner Projekte, das einer Beurteilung durch eine höhere Instanz als unseren Gott harrt. Wäre es zu weit gedacht anzunehmen, dass Er bereits im Gottesschuljahr zuvor den Mars verhaut hat und nun beim Betrachten seiner neuesten Kreation zunehmend in Panik gerät?

Die Vermutung des Projektcharakters der Welt stützen Beobachtungen wie Sintfluten, Heuschreckenplagen sowie die unwürdige Travestie des Allerhöchsten“, vor einem menschlichen Influencer namens Moses einen moralischen Souffleur zu spielen, wobei er sich auch noch als brennender Dornbusch tarnt (diese Verkleidung nährt den Verdacht exzessiven Drogenkonsums). Diesem Schauspiel liegt die verzweifelte Hoffnung zugrunde, durch seinen Hokuspokus und ein angesichts der kolportierten Allmacht des Spenders ziemlich geizig erscheinendes Geschenk von beschrifteten Steinen einen allseits geachteten Anführer namens Moses in seinem Sinne zu indoktrinieren.

Wenn man auf der Veranda liegt, egal ob auf Sabine oder Brunhilde, spürt man deutlich die Energie, die von dem Riss im Universum ausgeht, den einer meiner Vorgänger unter dem Seehof entdeckt hat und durch den seit Anbeginn der Zeit allerhand fremdartige Gedanken, Gefühle, Wesen und Ereignisse in unsere Welt stürzen, während so vieles aus unserer Welt durch ihn in einen anderen Kosmos gelangen. Ich glaube, diesen Riss hat nicht unser Gott zu verantworten. Dieser Riss ist viel älter, und er ist vorsätzlich geschaffen worden. Vielleicht von Gottes Klassenvorstand? Dieser Ort fühlt sich nämlich im Gegensatz zu den meisten anderen auf der Welt so richtig an.


Hier in Goldegg scheint mein Dienstherr, Sepp Schellhorn, gewissermaßen den Geis des Ortes urbar gemacht zu haben, denn nur in ganz seltenen Fällen stoße ich auf die verräterischen Speichelfäden des Volksmunds.

Traditionen sind generell etwas für Idioten oder für Leute, die sich einer Langzeittherapie gegen Demenz unterziehen. Tradition bedeutet: Weil Affe XYZ (Geburtsurkunde, Identitätsnachweis?) der Überlieferung (=Gerücht) nach vor 500 oder 2000 Jahren einen gewaltigen Felsbrocken von jener Klippe (oder der daneben) ins Meer gestoßen hätte, um eine überlegene Feindesarmee durch die 800 Meter hohe Initialwelle eines Megatsunami zu vernichten, marschieren seither einmal im Jahr alle männlichen Ortsbewohner über 18 in vertrottelter Aufmachung durch die Straßen, vielleicht auch mit Stöcken und Trillerpfeifen und neuerdings Taucheranzügen bekleidet. Das nennt man Brauchtum und Tradition. Und wer hütet Brauchtum und Tradition? Der Volksmund natürlich, der Joseph Goebbels der Landwirtschaftskammer.

Der Volksmund hört sich gern selbst reden, auch wenn ihm keiner zuhört. Aber woher stammt er? Wer lud ihn ein? Wer oder was ist der Volksmund überhaupt, und warum stopft man ihn nicht zu und wartet, ob er ein Bauchredner werden kann? Der Volksmund ist das Organ für alle, die nicht selbst denken wollen.

Meiner neuesten Theorie zufolge, die ich den einsamen Stunden meines Wachdienstes im Seehof verdanke, handelt es sich bei dem Volksmund genannten Phänomen um die Summe aller Ängste, Zwänge und Vorurteile jener Leute, die sich niemals den Unterschied zwischen Denken und Schreien gemerkt haben. Wenn Sie einmal im Supermarkt 20 Minuten an der Kasse warten mussten, sind Sie ein Kandidat für einen Antrag auf Frühpension, denn nicht einmal Buddha selbst wäre dieser Situation gewachsen gewesen. Wer bei diesem skrupellosen Zusammenspiel von irrwitzigem Kundengeschwätz und hysterisch-fröhlichen Durchsagen handverlesen blöder Supermarktradiomoderatoren, die die wehrlose Kundschaft über sensationelle Rabatte und biologisch abbaubare Kochrezepte aufklären, und nebenbei vom Wunsche eines Mannes gegenüber seiner Frau erfährt: Mutti, a Wuascht und a Klopapier brauch ma a no!“, läuft entweder Amok oder beginnt aus dem Mund zu schäumen. An denen, die gelassen warten, bis sie an der Reihe sind, erkennt man Mitmenschen, die ebenfalls von Zeit zu Zeit im Seehof weilen, wo die Sinne wieder zum Sinne finden“, wie mein Vorgänger als Nachtportier, der Berliner S. Pfäffgen, Im April 1759 ins Haustagebuch schrieb. 


Die Seehofschen Gäste sind für gewöhnlich stilvoll und sympathisch weltoffen, und Zwischenfälle wie unlängst, als ein betrunkenes Paar während meiner Dienstzeit an der Nachtrezeption miteinander in Streit geriet, sind absolute Ausnahmen. 

Die Frau hatte mich erkannt und ließ mich wissen, dass Google bei abgeschaltetem Safesearch-Filter neue Pornovideos meiner Freundin und mir anzeige. Der Mann glaubte aus ihrer Bemerkung Wohlwollen herauszuhören, was ihm nicht passte, was ich ganz gut nachvollziehen kann. Leider wollte ich die Lage durch einen Witz lösen, der mir jedoch nicht gelang, weil ich mich plötzlich wieder an alles erinnerte, was mein Leben seit drei Jahren belastet: dass meine Freundin nach einem WOMAN-Artikel über unsere geleakten Fotos und Videos ihren Job verloren hatte, dass Herr Müllner, ihr in sie verliebter Doktorvater, der sie schon lange bei jeder Gelegenheit mit Sexfotos von sich selbst bedrängt hatte, die Gelegenheit nutzte, um sie aus der gemeinsamen Forschungsgruppe zu mobben und sich ihre Forschungsarbeit unter den Nagel zu reißen und – ja, so gut sieht es mit dem Feminismus aus – anstelle durch ein Disziplinarverfahren mit einer Professur an der Med-Uni belohnt wurde, während die Depressionen meiner Freundin zu einer chronischen Krankheit führten, die dazu beiträgt, dass sie seit drei Jahren kaum noch das Haus verlassen hat und sie nicht weiß, wo und wie und wann sie ihr Medizinstudium noch abschließen soll. Seither höre ich nicht nur zu diesem Thema oft den Satz, man müsse neutral sein“.

Wer immer diesen Satz ins Leben gerufen hat: eine Barockallegorie des Mutes hätte man aus ihm keine gemacht.

Wer man gerade für die anderen ist, hängt in hohem Maße davon ab, welchen Wert einem zum gegebenen Zeitpunkt von den einflussreicheren Mitgliedern des ständig tagenden neutralen Schiedsgerichtes für Sozialprestige zugemessen wird. Ein bekannter Schriftsteller hat fast immer recht, mag er noch so besoffen und bekokst sein und Blech reden. Ein nüchterner Nachtportier hingegen äußert keine denkwürdigen Ansichten. Oder? So wird es uns doch beigebracht. Das alles begann einst im Kindergarten. Wer eine schöne neue Füllfeder hat, hört plötzlich von den anderen nicht mehr so oft wie früher, dass er stinkt[1]. Fürs spätere Leben lernt man daraus nur: Entweder man steckt viele duftenden Füllfedern, oder man sollte seine Schwächen tarnen. Ich bin da noch nicht zu einer endgültigen Entscheidung gekommen. Die Zahl meiner Schwächen ist so groß, dass mir als Tarnung nur ein Achtmannzelt oder besser noch ein Bergwerk einfiele, aber ich pflege mich nicht zu tarnen, und ich will auch nicht in einem Universum leben, in dem das Glück eines Individuums von duftenden Füllfedern abhängt.

Kurzum: Die Wahrheit liegt nie in der Mitte. Wenn sich zwei streiten, könnte man mit ein wenig LSD und gutem Willen ja noch die Wahrheitsmitte zwischen ihnen verorten. Aber was, wenn jetzt ein Dritter mit seiner dritten Wahrheit dazukommt? Nun? Haben Sie genug LSD dabei, um diese Mitte auch zu finden? Etwas Hässliches mit etwas Schönerem zu überstrahlen, das kann nach hinten losgehen, denn merke: Die Urteile sind da- sie brauchen nur noch gefällt zu werden.

Erwähnenswert erscheint der Hinweis, dass fast jeder von uns sowohl Urteilsempfänger als auch Urteilsaussteller ist. Jeder von uns sitzt in einem virtuellen Gremium, das gewollt oder ungewollt Meinungen produziert, indem es eigene äußert, in erster Linie durch Negativdefinitionen, durch Aus- und Abgrenzung, indem es erklärt, was alles den eigenen hohen Ansprüchen nicht genügt. Der Österreicher ist eine vergleichsbesessene Rabenseele, die sich neutral nennt und der dabei das Kunststück gelingt, sich weder zu schämen noch sich auszulachen.

Der Begriff der Neutralität erweist sich bei näherer Analyse als problematisch und könnte in Wörterbüchern nachkommender Generationen unter den Hashtags Staatsvertrag-Schmäh“ bzw Staatsvertrag-Scam“ erklärt werden. Wahre Neutralität kann es nicht geben, denn ihre Voraussetzung wäre Objektivität, die uns Menschenseelchen niemals gegeben sein wird. Objektivität kann nur an Orten gelingen, an denen sich Menschen mögen, obwohl sie sind, wie sie sind, und so einen habe ich zwischen hier und Alpha Centauri noch nicht gesehen. Menschen brillieren mehr in der Disziplin des Charakter-Schlammschiebens[2] als in der Zurschaustellung von Mut und Solidarität, und damit muss man sich abfinden.

Neutralität ist nicht zuletzt ohnehin nur die basisdemokratische Spiegelfechterei von Feiglingen. Dantes großer Satz über Neutralität sollte in allen Schulbüchern stehen: Die heißesten Plätze in der Hölle sind für diejenigen reserviert, die in Zeiten einer moralischen Krise ihre Neutralität bewahrt haben.“

[1] Kein autobiographischer Hintergrund. Vielleicht stank ich einst, das muss einem selbst nicht immer auffallen, aber eine schöne neue Füllfeder in meinem Besitz wäre mir garantiert aufgefallen.

[2] Schlammschieben, das: ein Begriff aus der Pornoindustrie, der die Praxis bezeichnet, im Rahmen sogenannter Gangbangs einer ins Zentrum der Ereignisse gerückten Frau von spendewilligen Männern immer neue Mengen Ejakulat in die dafür gerade diensthabende Körperöffnung schieben zu lassen. Die ästhetische Qualität des Begriffs ist Gegenstand kontroverser Diskussionen.


Ich habe die Welt von Anfang an als Irrtum interpretiert. Die Sklaverei, der Holocaust, die Tatsache, dass uns Tiere schmecken, unser Schicksal, das uns womöglich schon bei unserer Geburt ein nur für Eingeweihte sichtbares Ablaufdatum auf die Stirn tätowiert hat, was das höhnische Grinsen erklären könnte, das manche Leute nie ablegen – wir tun ihnen Unrecht, wenn wir sie für blasierte Idioten halten, sie sind, und wer könnte ihnen ihr Verhalten in diesem Fall verdenken, womöglich nur Auserwählte mit der Kernkompetenz, die Schicksalsgeschichte ihrer Mitmenschen in beide Richtungen auf deren Stirn lesen zu können: 

Wenn sich die Schlüsselmomente eines Lebens auf so engem Raum stenographisch notieren lassen und solche Leaks geradezu Alltagscharakter angenommen haben, solche Mengen an vermeintlichem Süffisanzgrinsen von sich restlos überzeugter Menschen sind beim Friseur, im Gasthaus und im Fernsehen zu beobachten, wäre dies nur ein weiteres stützendes Indiz für meine Irrtumstheorie, die auf der Annahme eines überforderten Ferialpraktikanten auf Gottes Thron fußt, und zwar vom ersten Tag an.
Dafür gibt es zahlreiche Evidenzen. Jemand, der ein Produkt nach seinem Ebenbild kreiert, muss sich zumindest den Verdacht des Narzissmus gefallen lassen, aber jemand, der ständig sein Ebenbild delogieren lässt oder gar durch Sintfluten die Toilette hinunterspült, weil sich sein Projekt als störrisch und fehlerbeladen erwiesen hat, bei dem liegt die Diagnose Selbsthass nahe. Mit solchen Leuten ist nicht zu reden. Man stößt auf Rechthaberei pur. Alles, was Sie in ihrem Leben gut hingekriegt haben, verdanken Sie der Liebe und dem Zutun Gottes. An den Katastrophen hingegen sind ganz allein Sie selbst schuld, denn Sie hätten auf ihn hören müssen. Ja wie denn, wenn er nicht mit Ihnen redet, sondern nur gelegentlich die Mutter seines Sohnes handverlesenen Bauernkindern als Vision schickt? Das ist ja wie Stille Post! Sie sollen sich die aktive Gottesagenda auf verschlungenen Wegen wie einen RAF-Kassiber besorgen, damit nur ja viel Raum für Interpretation bleibt.
Kleiner Tipp: Wenn Sie dereinst auf dem Weg nach draußen Gott zu einer Unterhaltung beiseite nehmen will, machen Sie ja nicht den Fehler, aus Höflichkeit oder Eitelkeit seiner Einladung Folge zu leisten. Er will Sie bloß zu einem neuen Abo überreden. Zehn Leben zum Preis von acht, Glücksfaktor nie dagewesene 4% Minimum. Außerdem ist er nicht einmal allwissend, sonst hätte ihm die Welt als theoretisches Modell genügt. Ihre Unterhaltung dient dem Zweck, Ihre Seele zu lokalisieren, so wie man in Krimis den Anruf des Erpressers nach einer Minute zurückverfolgen kann. Fragt sich nur, wer hier der Erpresser ist! Es gibt garantiert weniger verpfuschte Welten, aber die Zensur des über die Jahrhunderte gewachsenen Gotteskartells funktioniert wie eine geölte Maschine.
Bis zu dem Tag, an dem der Keiler auf Sie zukommen und gleich erklären wird, Sie seien ja sein Lieblingsmensch, ist es hoffentlich noch eine Weile hin. Wir werden uns in nächster Zeit an dieser Stelle den Möglichkeiten widmen, die uns bereits jetzt und hier ein gutes Leben führen ließen, ganz ohne Abozwang. Wohnen kann betreut werden, das beweist der Seehof mit herausragendem Erfolg, Wo jedoch Lebensbetreuung von der Wiege bis zur Bahre versprochen wird, egal ob von SED oder Kirche, handelt es sich meistens um Scam. Das können sogar wir selbst besser.


Liebe O,

Betreutes Wohnen oder Aus dem Leben des Einzig Wahren Nachtportiers lautet der vollständige offizielle, etwas großspurige Titel dieser Kolumne, die das Scheitern meiner bürgerlichen Existenz thematisiert, das ich mittlerweile dank des vor Ort schwelenden nihilistischen Optimismus als vorübergehend zu bezeichnen geneigt bin. Du bittest mich um eine Interpretationshilfe; diesen deinen Wunsch flankieren Zwinkersmileys, die du gewöhnlich nicht verwendest. Was hat es damit auf sich?
Der Titel meiner Kolumne deutet an, ich wäre nachtaffin und nachterfahren, und lasziv sei er noch dazu, schreibst du, denn was hätte man sich denn unter betreutem Wohnen vorzustellen? Dem Reinen ist alles rein, sage ich, und wer an Pepsch denkt, meinen Dienstherrn, der denkt nicht an Escort. Und wenn doch, dann an das Auto. Die mit den halbseidenen Kontakten sind seine politischen Mitbewerber.
Mitbewerber: So nennt man Konkurrenten neuerdings. Was ich Sepp Schellhorn unbedingt einmal fragen muss: Gehören politische Mitbewerber eigentlich immer einer anderen Partei an? Das erschiene mir unlogisch. Gerade der Begriff Mit-Bewerber suggeriert doch inhaltliche Nähe. Daraus folgt, dass das Bekleiden (!) eines politischen Amts innerparteilich eigentlich eine Art Betreuendes Wohnen mit gemeinsamem Hebel (Leverage) ist und für den Posten eines Parteivorsitzenden im Grunde Hotelierserfahrung eine wünschenswerte Voraussetzung wäre, wenngleich der Begriff Betreutes Wohnen eine Art sexuellen Sommeliersunterton hat und ein Parteivorsitzender im Grunde seit jeher nichts anderes als ein Puffbetreiber ist.

Ja, du liegst nicht ganz falsch. Der Titel Betreutes Wohnen spekuliert ein wenig mit dem Triebstau des Lesers, der, wie die meisten Menschen, die nicht gerade am Anfang einer Liebesbeziehung stehen, unter Sexmangel leidet, was wegen des Verlusts an Sozialprestige niemand je zugeben würde, nicht einmal sich selbst gegenüber. Ungeliebt zu sein raubt uns weniger soziales Kapital als ungefickt zu sein, was eigentlich pervers ist und ungeheuer traurig.

Liebe O, die es nicht gibt, denn du bist nur ein literarischer Kniff, um im Leser hinterrücks das Gefühl von Privatheit, gar Intimität zu erzeugen, liebe O, ich muss zurück in mein Zimmer, um mein Workout fortzusetzen und die Leser mit ihrer Neugier alleinzulassen. Diese O und der Ich-Erzähler: Haben die einmal miteinander oder nicht? Fragt sich das nicht so manch verdorbener Leser?
Erwischt?

Ich kann dich beruhigen: Nein. Das fragt sich nicht mancher Leser, das fragt sich unbewusst jeder, denn Liebe und Sex und somit Betreutes Wohnen sind das Einzige, was uns in dieser Welt wirklich interessiert.


Vor meiner Zeit als Nachtportier und Analyst von Kryptowährungen war ich vollamtlicher Schriftsteller, übte somit einen Beruf aus, den man sich zumindest am Anfang nur leisten kann, wenn man noch einen zusätzlichen Beruf ausübt. Zumindest solange man so schlecht schreibt, dass es anderen Leuten auffällt, braucht man ein zweites Standbein (ich liebe hirnrissige Floskeln, und das zweite Standbein ist ziemlich rissig).

Womit kann man im Alter von 20 Geld verdienen? Am ehesten mit Dingen, die einem Spaß machen, erfuhr ich am Arbeitsamt von einer ziemlich attraktiven Sachbearbeiterin. Was macht Ihnen denn Spaß?“ fragte sie mich in kokettem Ton. Als ob der notwendig gewesen wäre.
Von vorne, von hinten, von der Seite, oral, anal, Dreier, Vierer, Reverse Gangbang, CMNF, alles, was ich mit meinem dritten Standbein machen kann…“
Nein. Leider. Ich habe das nicht gesagt, damals hatte ich allerhand Zivilisationsballast noch nicht abgeworfen, und Stil und Skrupel verdarben mir so manchen Abend.
Von da an fragte ich mich, was die schlimmere Folter ist: Etwas, was man gern tun würde, nicht tun zu könne, oder nicht tun zu dürfen. Erst vor ein paar Jahren habe ich für mich die Antwort gefunden. Wie lautet Ihre?

Für die Dinge, die mir Spaß machten, wollte mich also niemand bezahlen. Kurz erwog ich, mich für den Objektschutz zu bewerben, aber mit 20 sah ich so unschuldig aus wie ein Engelswesen, noch zarter und umgänglicher als heute, und trat zu sanftmütig auf, um einen würdigen Nachtportier und Nachtwächter abzugeben. Und so wurde ich Taxifahrer.
Ungefähr zu dieser Zeit glaubte ich zum ersten Mal zu bemerken, dass ich gelegentlich Erwartungshaltungen enttäusche.
Indizien: 1) Manchen meiner Kunden standen nach der Fahrt mit mir die Haare zu Berge. Dabei hatte ich sie eigens gefragt, ob ihnen ein zügiger Fahrstil recht wäre. 2) Andere Kunden beklagten den vorübergehenden Verlust des Gehörsinns, dabei hatte ich mich höflich erkundigt, ob sie Led Zeppelin mögen. 3) Einmal musste ich eine Schicht absagen, weil ich betrunken war, oder besser, weil ich ZU betrunken war, oder besser, weil ich mich für zu betrunken HIELT. Mein Chef konnte es nicht ausstehen, wenn einer seiner Wagen in der lukrativen Nacht von Samstag auf Sonntag in der Garage stand, und er HIELT sich nie für irgendetwas ZU betrunken.
Jetzt muss ich deine Schicht übernehmen, du Oa…!!“ war das Letzte, was ich hörte, ehe er auflegte.
Es war tatsächlich das Letzte, was ich von ihm hörte. Die Blutprobe, die man seiner nach dem Zusammenstoß mit dem Güterzug schrecklich entstellten Leiche entnahm, ergab eine für ihn mittlere Alkoholisierung: 2,3 Promille. Seine Mutter verweigerte mir bei der Beerdigung den Handschlag.
Ja, und einmal, viel später, als es mit den Depressionen so schlimm war, dass ich oft tagelang nicht schlief, bis ich ohnmächtig wurde, wartete ein Medium zwei Tage nach Redaktionsschluss noch immer auf einen Text von mir, nicht ahnend, dass ich mit einer blutenden Kopfwunde und einem angeknacksten Halswirbel zuhause auf dem Küchenboden lag und sich die Dunkelheit und die Angst um mich stritten, bis ich den beiden in einem unbeobachteten Moment entwischen konnte. Und so wissen Taxiunternehmer und Chefredakteure: Mit mir ist es manchmal schwierig. Nur, was soll ich da erst sagen? Ich werde mich ja den ganzen Tag nicht los. Aber da sitzen wir alle im gleichen Boot – jeder in seinem.


Heute saß ich nach dem Wachdienst mit einer angereisten Kollegin auf der Terrasse beim Frühstück. Zu meinen Füßen bettelte Herr Herrmann um Schnitzelreste, hoch über mir hatte ich einen Geier auf Nahrungssuche entdeckt, was ich durchaus zu interpretieren wusste, und die Kollegin las mir die aus ihrer Sicht amüsantesten Artikel des Wochenendfeuilletons vor. Irgendwann stieß sie auf eine Buchbesprechung, in der es vordergründig um das Werk eines Wüstlings ging, in Wahrheit aber um den Rezensenten selbst.

Während ich verträumt versuchte, den Duftnuancen in Herrn Herrmanns Darmwinden das Geheimnis der Zusammensetzung seines Frühstücks zu entlocken, wurde ich von dem Kritiker aus der Zeitung dahingehend informiert, ich würde oft und gern über Sex schreiben, was mit zwei Zitaten aus den einzigen zwei Sexstellen belegt wurde, die das betreffende Buch enthält. Ferner wurde darauf hingewiesen, in meinen Büchern werde seit jeher schwer gesoffen. Es klang nach: Wahrscheinlich macht der das auch noch oft und gern. Oder knapper: Der ist selber so.

Ich Sau verstand.

Michael Köhlmeier schrieb einmal sinngemäß, Rockmusik habe die Gitarre erst da hingehängt, wohin sie gehört, nämlich auf Schwanzhöhe. Als ich dies las, staunte ich. Nicht wegen des Inhalts, denn der war richtig, nicht wegen Köhlmeiers Sachkenntnis, denn der war schon eine Elektrogitarre, ehe die meisten noch nicht einmal eine Maultrommel waren, sondern wegen des Schwanzes. Dass ihm die Redaktion den so hatte durchgehen lassen. Ich persönlich glaube ja, nur Ärzte und Sanitäter können einen Penis haben, die anderen haben zumindest begrifflich das Zeug zum Rock’n’Roller. In unserer restaurativen Zeit, in der die Primärtugenden eines Künstlers Wohlerzogenheit und Umgänglichkeit sind, Zuverlässigkeit und Kompromissfähigkeit, muss ein Schriftsteller antiseptisch sein, und das sowohl biographisch als auch sprachlich. Aber ich schreibe ja gar nicht so oft über Sex. Und wenn doch, na und? Ich schreibe wenigstens nur darüber, es gibt Leute, die machen das hundertprozentig konkret, und das oft und viel und gern. Was sind denn das dann erst für welche. Über die könnte sich der Redakteur mal aufregen. Wieso man einer so zahmen Entität wie einem Buch bzw. seinem Schöpfer gleich die Ehre absprechen muss, möchte ich wirklich wissen. So wie ich wissen möchte, wie viele Viagra die Herren, die im Thomas-Bernhard-Zimmer wohnen, gestern Abend geschluckt haben. Mehrfach musste ich in der Nacht eine erboste Dame beruhigen, die sich über den Liebeslärm beschwerte. Gut, es war wirklich etwas laut, und ich gab ihr dahingehend recht, dass Stefan seinen Harald wirklich nicht so oft loben müsste, aber nicht deswegen, weil ich Obszönitäten nicht aufgeschlossen gegenüberstehen würde, sondern weil ich im Laufe dieses Exzesses immer neugieriger wurde, ob es sich bei diesem Harald a) um seinen Freund oder b) um Stefans eigenen Penis oder c) um den seines Freundes handelte. Es gibt ja Männer, die sich selbst beim Sex anfeuern, wahrscheinlich weil es sonst niemand tut, oder vielleicht handelt es sich um ehemalige Fußballstars, 

Solche Fragen müssen ewige Rätsel bleiben, sonst nimmt man ihrer Geschichte jede Heilsversprechung. Statt im Gästebuch nachzusehen, welche Gäste im Bernhard-Zimmer residierten, weil ich ohnehin nur zwei und nicht vier Vornamen finden würde, las ich wieder in Hunter Thompsons Rum Diary“. Ein großartiger Roman, sein einziger übrigens, gewöhnlich schrieb er etwas, das man fallweise Reportage nennt oder gleich Gonzo. Denn Hunter Thompson war es, der den Begriff des Gonzo-Journalismus prägte, jener Textsorte, die den subjektiven Berichterstatter ins Zentrum der Ereignisse rückt. 

Die Sache hat nur einen Haken: Wenn man Ich“ sagt, sollte man es auch bemerken.


Ein Nachtportier ist wie ein Schriftsteller: er arbeitet immer, aber eigentlich hat er immer frei.
Beim Schriftsteller verhält es sich so, dass in seiner arbeitsreichen Freizeit die Schriftstellerei durch sein Unterbewusstsein marodiert und ähnliche Spuren hinterlässt wie eine Horde russischer Hooligans in den Fußgängerzonen der Städte, in denen Auswärtsspiele ausgetragen werden (mit Steinen gefüllte Arbeitsfäustlinge sind der letzte Schrei), während der Nachtportier sich der digitalen Zukunft hingeben kann, sofern gerade kein Einbrecher den Seehof bedroht. Um mir eine Freude zu machen, bezahlt mein Dienstherr, ein echter Mäzen alten Schlags, ein bis zwei Mal die Woche arbeitslose Schauspieler dafür, dass sie maskiert ums Haus schleichen und sich von mir festsetzen lassen, damit ich mich nicht sinnlos fühle. Was gar nicht nötig wäre, denn ich bin noch nie sinn-los gewesen, außer damals, als ich im Koma lag, das ist eine ungleich tiefere Nacht als der gewöhnliche Schlaf, das ist der Marianengraben. In mir klingen ständig so viele Sinnesreize nach, dass ich froh bin, mich gerade mehr mit unserer Zukunft mit der Blockchain-Technologie und ihren Ablegern, den Kryptowährungen, zu beschäftigen, weil die intensive Auseinandersetzung mit Zahlen die poetische Phantasie dämpft. Ich bin kein Finanzberater, und dies ist keine Finanzberatung, aber wer sich in diesen Tagen bei einer Kryptobörse registrieren lässt und sich 100 EOS kauft, könnte sein Kapital binnen 1 – 2 Jahren womöglich verzwanzigfachen. Dies nur als ein Beispiel, womit sich Nachtportiere heute herumschlagen: Ich habe mich zum Fundamentalanalysten für Kryptowährungen umgeschult.

Nicht ganz, ehrlich gesagt. Das Schreiben oder Schreibdenken kommt immer dann hervor, wenn ich es für gebannt halte. Hemingway hat uns gelehrt, den wahrsten Satz zu schreiben, der uns einfällt. Meiner lautet gerade:

Vorgestern kam eine meiner Ex-Freundinnen zu Besuch, die nach ein paar Minuten meinte, ich hätte eine Dusche nötig.

Das ist kein angenehmer Satz. Vor allem nicht für den, der ihn schreiben muss. Aber Hemingway hat uns auch gelehrt zu schreiben, was weh tut. Körperliche Vernachlässigung ist eine Begleiterscheinung von Depressionen, darüber redet und schreibt aber niemand. Ich bin Steffi sehr dankbar, denn sie hat mir meinen Willen wiedergegeben: den zum Duschen und den zum Schreiben. Ich frage mich bloß, wieso Frauen für mich immer erst nach unserer Liebesbeziehung das Prädikat Besonders wertvoll verdienen. Nein, das frage ich mich jetzt nicht, ich darf mich auch nicht gleich wieder alles auf einmal fragen.


Als Einzig Wahrer Nachwächter des Seehof halte ich jede Nacht vor Gott und den Sternen über mich selbst Gericht. Das sind manchmal ziemlich dunkle Stunden, denn bei mir besteht seit jeher kein überdurchschnittlicher Weisheitsverdacht. Einer meiner besten Freunde, der Maler und Bildhauer Erwin Michenthaler, äußerte sich dazu einmal sinngemäß ungefähr dahingehend, er hoffe, ich würde niemals in einen Weisenrat berufen werden. Seinem Sermon entnahm ich, dass er mich dazu nicht etwa für intellektuell, sondern moralisch unberufen hielt. Da konnte ich ihm nur recht geben, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Ich fühle mich anderen nicht moralisch überlegen, und für den Fall, dass sich das ändert, ist ein Sklave beauftragt, den ganzen Tag hinter mir zu stehen und mir zuzuflüstern: Bedenke, dass auch du nur ein Trottel bist.

Man kann sagen, ich habe meine eigene Moral. Im Gegensatz zu manch anderen bilde ich mir nichts auf sie ein, ich will sie niemandem verkaufen, und ich versuche anderen nicht mit meinem Wunsch nach einem offiziellen Zertifikat für allumfassende Anständigkeit auf die Nerven zu gehen. Leute mit solchen Charakterzügen erkennt man in den sozialen Medien an ihrer Begeisterung für Petitionen aller Art, Solidaritätskundgebungen mit vermeintlichen Minderheiten, ihrer rätselhaften Gier, für gute Menschen gehalten zu werden, und ihren Bekenntnissen zu einem linken Weltbild. Diese Leute sind in ähnlichem Maß links, wie Aasgeier Veganer sind. Ihre Ausländerfreundlichkeit kaschiert inländerhass, hinter der Bezeichnung Feminismus verbirgt sich die Sehnsucht nach einem gesamtgesellschaftlichen Penisverbot, und was am allerschlimmsten ist: Sie sehen Menschen tendenziell sowieso schon wenig nach, aber ein gutes Leben verzeihen sie niemandem. Am allerwenigsten sich selbst.

Aus gegebenem Anlass wurde mit der Hotelleitung vereinbart, alle Seehof-Gäste bis auf Weiteres vom Nachtwächter auf Lebensfreude kontrollieren zu lassen. 


Seit vier Wochen bin ich Nachtportier im Seehof, und allmählich stellt sich eine gewisse Routine ein. Nachdem ich die ganze Nacht über Strolche und Banditen daran gehindert habe, den Seehof zu überfallen, sehe ich im Morgengrauen draußen nach dem Rechten. Dies erscheint mir angezeigt, seit ich vergangene Woche einen betrunkenen Journalisten nahe dem Seeufer aufsammeln musste, der sonst erfroren wäre. Eine schöne Schlepperei, einen Journalisten vom See zum Seehof zu schleppen.
Man sollte annehmen, Journalisten seien Leichtgewichte, aber da irrt man. Ich möchte zum Beispiel nicht gezwungen werden, Christian Seiler zu tragen, aber das sieht umgekehrt vermutlich auch so aus. Jedenfalls, nachdem ich mich mit dem Alkoholjournalisten abgerackert hatte, stellte sich heraus, dass er nicht zum Haus gehörte. Da ich nur für die Verwahrung hauseigener Journalisten zuständig bin, legte ich den Mann, dessen lautes Schnarchen im Winter eine Lawine ausgelöst hätte, vor das Kaufhaus der ehrbaren Familie Lorenz, wo er bestimmt von jemandem, dem er gehörte, gefunden werden würde.

Nach meinem Rundgang esse ich zu Abend, was in meinem Fall bedeutet, ich nehme ein Frühstück ein. Dabei frage ich mich manchmal, ob ich in einem Hotel bin oder in einer Zeitungsredaktion. Es ist ja nicht so, dass die Journalisten nur am Seeufer herumliegen würden, der ganze Seehof wimmelt davon. In jeder Ecke sitzt ein Fleischhacker, an der Theke stehen Nowaks, die Chefredakteure grassieren hier geradezu.

Man muss sich fragen, inwiefern Kochen und Schreiben miteinander in Verbindung stehen. Ich zum Beispiel kann überhaupt nicht kochen. Es gibt aber Menschen, die meinen, ich könne auch nicht schreiben, und während meiner zunehmend länger werdenden Lebensrücksetzern stehe ich selbst diesem Gedanken nicht fern.

Den Begriff Rücksetzer habe ich von der Börse, genauer gesagt von der Kryptobörse. Eine Aktie macht ja meistens drei Schritte vorwärts und dann einen zurück. Oder 5 vor, 2 zurück, manchmal sogar 6 vor, 1 zurück. 6 vor, 7 vor, 15 vor, das gibt es nicht, es gibt dazwischen Rücksetzer. Auch wenn es abwärts geht: 3 zurück, 1 vor. Oder 5 zurück, 2 vor.

Wenn es nach einem Sturz einer Aktie ein Stück nach oben geht, ehe der Kurs weiter stürzt, nennt man das an der Börse dead cat bouncing“: Das Vieh lebt nicht mehr, aber die Kräfte der Natur lassen es noch einen Satz nach oben machen, ehe es liegenbleibt bzw. im Fall der Aktie noch tiefer sinkt.

So ist es im Leben auch: Wenn es aufwärts geht, weiß man nie, ob man sich wieder auf der Siegerstraße befindet oder ob man eine tote Katze ist.


Ich habe beschlossen, dem guten Beispiel meiner ehrenwerten Vorgänger zu folgen und ein Tagebuch anzulegen, das mir Zeitvertreib in Mußestunden bescheren und meinem geschätzten Nachfolger im Amte des Seehofschen Nachtportiers gute Dienste leisten soll.
Beim Gedanken an meinen Nachfolger, der diese Zeilen dereinst lesen wird und den ich hiermit gewissermaßen auf dem Wege temporaler Telepathie grüßen möchte, muss ich lächeln. Zweifellos wird es sich auch bei ihm um einen zerlumpten Künstler handeln, dessen Lotterleben seiner bürgerlichen Existenz die Luft abgeschnürt hat. Es kann nur so geschehen, denn Sepp Schellhorns (VI.? VII.? VIII.?) Herz schlägt für die Gestrauchelten. Ich hoffe nur, die anderen erfahren es nie. Ich will sie nicht dahaben, ich bin mir selbst genug. Stimmt nicht, nein, ich bin mir manchmal selbst zu viel.

Einige Wochen erst lebe und arbeite ich im Seehof“, und schon wird mein Weltbild ins Wanken gebracht – durch die Literatur, wie könnte es anders sein, stellt sie doch die kompaktere Wirklichkeit dar, eine weniger frivole, eine hoffnungsvollere, eine entschlossenere Wirklichkeit als die unsere. Jede Nacht finden sich einige Stunden, in denen ich in den Geheimen Tagebüchern der Seehofschen Nachtwächter lesen kann, über die gemunkelt wird, der Autor des ersten Bandes sei mit dem Teufel im Bund gestanden. Wie bei diesem Bund üblich, hat der Gehörnte den Nachtwächter über den Tisch gezogen und neben der Seele auch zwei Flaschen Birnenschnaps aus dem hauseigenen Keller mitgehen lassen. Der Mär nach lastet seit jenem Tag auf dem Amt des Nachtportiers ein Fluch, der dafür sorgt, dass jeder Seehofsche Nachtwächter über kurz oder lang vollkommen wahnsinnig wird. Damit nicht genug, wird jeder, der in den Tagebüchern liest, seinerseits unweigerlich verrückt, wovon eigentlich abzuleiten wäre, dass auf jeden, der diesen Satz liest, die Umnachtung wartet.
(Über diesen Aspekt noch nachdenken, EWN)
Informationen von so heikler Natur beziehe ich durch Einschüchterung Ortsansässiger, die mir leider mehrheitlich konditionell überlegen sind, weswegen ich bei Bedarf einer zwitterhaften Greisin mit üppigem Damenbart auflauere. Sie und der einbeinige Ziehharmonikaspieler können mir nicht standhalten. Dieser Musikant, der aussieht wie ein Reservekobold, soll mit meinem Amtsvorgänger eng befreundet gewesen sein (wie eng, kann ich mir aufgrund seiner gezierten Gestik leider nur zu gut vorstellen). Er vertritt unerhörte Theorien, zum Beispiel über die Licht-Laut-Abfolge, die sich häufig und global irgendwo zwischen Erde und Weltall ereignet, zumeist von einem heftigen Regenschauer begleitet. Wenn nachts am Himmel ein Lichtblitz zu sehen ist, nimmt man gemeinhin an, es mit einem vertrauten Wetterphänomen zu tun zu haben, doch der Einbeinige schwört Treu und Glauben, dass in diesen grellen Momenten Gott höchstselbst auserwählte Menschenkinder fotografiert. Das muss stimmen, das kann sich kein Mensch ausdenken.


Nachts gewähre ich den Gästen des Seehof kraft meines Amtes als Einzig Wahrer Nachtportier Schutz, tagsüber schützt uns alle der Seehof. Er schützt uns vor den Zumutungen der Welt, so wie er uns vor unseren eigenen Lügen schützt. Das uns durch seine Größe alltäglich überfordernde Draußen darf nicht herein, das lassen die Schellhorns nicht zu, vielleicht sogar ohne dass ihnen ihr ehrenvolles Walten als Türhüter und existentielle Gangaufsicht selbst bewusst wäre, und mit unseren Dämonen können wir es plötzlich aufnehmen, was uns aber auch erst auffällt, wenn wir schon eine Weile unverwundet im Feld stehen.


Wenn man jemanden beschützt, heißt das nicht, dass man ihm etwas erspart, und der Ort Seehof geizt nicht mit Informationen und Erkenntnissen. So manches, was ich nie über mich wissen wollte, hat mir der Seehof diktiert.
Dabei nimmt er einem bisweilen etwas Wertvolles, so wie damals, als mir ein langer, schamloser, quälend erregender Blick einer Frau in der Haussauna bewusst machte, wie wichtig es für meine innere Ordnung ist, regelmäßig diese mal eher gleichgültige, mal schmeichelhaft intensive Auseinandersetzung einer Frau mit dem Anblick meines Geschlechtsteils zu erleben. Als ich in meiner liebenswerten Naivität eine kleine Umfrage zum Thema machte und mit viel Entrüstung auch von Seiten vermeintlich weltoffener Bekannter konfrontiert wurde, hatte ich eine Weile mit einiger Verunsicherung zu kämpfen.
Der Seehof gibt einem allerdings etwas dafür zurück: In diesem Fall bald darauf die erleichternde Erkenntnis, dass nicht der Exhibitionist der Fehler im System ist, zumindest solange er sich nicht vor Kindern im Park entblößt, sondern der Fehler bei denen liegt, die sich über ihn das Maul zerreißen. Zwischen aggressivem Spott gegen Exhibitionisten oder Voyeure oder SM-Liebhaber und aggressivem Spott gegen Homosexuelle besteht kein moralischer Unterschied. Was immer uns erregt, es geht niemanden etwas an, solange wir uns keiner Strafrechtsverletzung schuldig machen. Aus diesem Grund habe ich Respekt für Pädophile, die sich freiwillig in Therapie begeben, um ihre Phantasien, für die sie nichts können, nie Wirklichkeit werden zu lassen. Solche mutigen Menschen empfange ich mit Freundlichkeit und Frohsinn. Für den Empfang derer, die diesbezüglich Schuld auf sich geladen haben, hängen bei mir zuhause neben Freundlichkeit und Frohsinn Morgenstern und Baseballschläger an der Wand.
Eine Freundin meinte einmal zu mir, wo immer ich bin, klafft ein Riss im Universum. Ein größenwahnsinniger Satz, der mir selbstverständlich gefiel, weil ich etappenweise größenwahnsinnig bin. Als ich neulich im Geheimen Tagebuch meines Vorgängers im Amt des Einzig Wahren Nachportiers las, einer Überlieferung zufolge befände sich genau unter dem Seehof ein enormer Riss im Universum, war ich baff. Nun wächst zusammen, was zusammengehört.
Es stellt sich die Frage, wer der Seehof ist. Kaum jemand von uns Ortskundigen würde leugnen, dass hier etwas existiert, das einen eigenen Charakter hat. Ist der Seehof unser kollektives Unbewusstes? Nein, das kann nur ich sein. Leider. Aber wer oder was ist der Seehof? Fest steht nur: Er lebt, er ist, er interagiert. Was immer der Seehof ist, er ist ein Lebewesen.


Dies ist meine letzte Haushalts-Kolumne in der F.A.S., und ich muss aus meiner Wohnung ausziehen. Das passt zusammen, denn ein Stadtstreicher, der über das Wohnen schreibt, ist wie ein Kritiker, der über Bücher schreibt, also voller Anmaßung und bar jeder Kompetenz. Nur dass Schriftsteller ebenso voller Anmaßung sind, weil Anmaßung und Größenwahn Voraussetzung für große Bücher sind. Als Wohnungskritiker, der mangels Unterkunft an seinem Arbeitsplatz wohnt, wie ich vor vielen Jahren in meinem Taxi, käme ich mir allerdings seltsam vor, wäre die neue Unterkunft, an der ich der alten Tätigkeit nachgehen kann, nicht etwas Besonderes. In Hinkunft wohne ich dort, wo diese Kolumne in Hinkunft betreut wird, nämlich im Seehof“ in Goldegg, das bei Bischofshofen liegt, das bei Salzburg liegt.

Seehof klingt wie ein Schulmodell, aber Sepp und Susi Schellhorns Seehof“ ist keine Erziehungsanstalt, sondern eher eine Zufluchtsstätte für in die Jahre gekommene missratene Kinder, übersetzt: ein Gastronomie- und Herbergsbetrieb mit Haubenküche und Künstlerstipendien, wo Maler, Manager, Politiker, Schriftsteller, Journalisten und ähnliches Gelichter für die Zeit ihres Aufenthalts vergessen dürfen, wer oder was sie geworden sind.

Denn egal, wer oder was man geworden ist, gelegentlich sollte man es abstreifen. Ob man Erfolg hat oder Misserfolg, ob man scheitert oder siegt, ab und zu muss man jemand anderer sein, und wenn einem niemand anderer einfällt, kann man versuchen, sich an den zu erinnern, der man früher war, als alles noch anders war. Den Wenigsten gelingt das auf Zuruf, es bedarf des richtigen Zeitpunkts und der passenden Örtlichkeit. Aber der richtige Zeitpunkt ist jeder Zeitpunkt, alles andere sind Ausreden. Der richtige Ort hingegen findet sich tatsächlich nicht so leicht. Ich kenne nur eine solche Zauberstätte. Dort wohne und arbeite ich von nun an, was bedeutet, dass von nun an diese Kolumne im virtuellen Seehof“ zu besichtigen ist.
Der Seehof“ ist ein vornehmes Haus und drängt sich niemandem auf, daher empfiehlt es sich den Interessierten, eine kurze Nachricht an office@​derseehof.​at zu schicken und darin die Absicht zu äußern, von nun an meiner Kolumne Betreutes Wohnen“ folgen zu wollen. Alternativ besuchen Sie der​see​hof​.at, wo Sie nicht nur meine Kolumne, sondern auch einen Hinweis auf ein von Sepp Schellhorn jährlich organisiertes Festival finden werden. Es trägt den Namen Das gute Leben“.
Möge es bald beginnen.

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