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Das ver­gan­ge­ne Woche an die­ser Stel­le vor­ge­stell­te Ananym, wie ein Wort oder Wort­paar genannt wird, das durch Buch­sta­ben­ver­dre­hung aus dem Eigen­na­men einer Per­son erschaf­fen bzw. ana­gram­miert wor­den ist, hat unter den Lese­rin­nen und Lesern gro­ße Reso­nanz gefun­den. Nun ist die Zeit gekom­men, die alt­ehr­wür­di­ge Kunst des Ananym­le­sens der Erin­ne­rung zu entreißen.


Schon vor Jahr­hun­der­ten glaub­ten wei­se Grei­se, in den Anany­men eines Men­schen wür­de sich jene Ver­bin­dung von Geist und See­le spie­geln, für die unse­re Spra­che noch immer kein tref­fen­des Wort gefun­den hat. Damit ist, ver­ein­facht for­mu­liert, jener Teil des Men­schen gemeint, der Raum und Zeit über­dau­ert und den direk­ten Kon­takt zu ande­ren Wel­ten nie ver­lo­ren hat.


Das muss als Erklä­rung genü­gen; nur zu leicht gerät man durch die blo­ße Dar­stel­lung alter Riten und Welt­deu­tun­gen in den Ver­dacht, selbst der Eso­te­rik ver­fal­len zu sein. Das bin ich natür­lich nicht. Was mich nicht davon abhält, eini­ge der Geheim­nis­se zu ent­hül­len, in die mich mei­ne Groß­mutter, die zwi­schen 1950 und 1975 als bedeu­tends­te Ananym­le­se­rin des deutsch­spra­chi­gen Raums, wenn nicht ganz Euro­pas galt, in mei­nen Kind­heits­jah­ren ein­ge­führt hat. Auf Basis die­ser in Ver­ges­sen­heit gera­te­nen Wis­sen­schaft wer­de ich von nun an regel­mä­ßig die Ver­bin­dun­gen zwi­schen dem Cha­rak­ter und dem Wir­ken bedeu­ten­der his­to­ri­scher Per­sön­lich­kei­ten und ihren Anany­men analysieren.


In die­ser Woche blei­ben wir noch in der Gegen­wart. Auf viel­fa­chen Leser­wunsch ana­ly­sie­ren wir die Anany­me von Chris­ti­an Sei­ler. Chris­ti­an Sei­ler ist einer der bedeu­tends­ten Jour­na­lis­ten Öster­reichs, war Chef­re­dak­teur des Nach­rich­ten­ma­ga­zins pro­fil und wur­de in den ver­gan­ge­nen Jah­ren von der Seehof-Beleg­schaft und den Gäs­ten wie­der­holt zum Haus­gast der Woche gewählt. In knapp zwei Mona­ten fei­ert er sei­nen 60. Geburtstag.


Aus­sa­ge­kräf­ti­ge Anany­me von Chris­ti­an Seiler”:


Chris­ten Israe­li: Die­ses Ananym deu­tet auf einen ver­söhn­li­chen Cha­rak­ter des Namens­trä­gers hin. Wei­ter­füh­ren­de The­men­be­rei­che: → mora­li­sche Über­zeu­gun­gen, Geo­po­li­tik

Lite­ra­risch Sein: Der Namens­trä­ger hat gehei­me Wün­sche, ist mutig, phan­ta­sie­be­gabt, in Fle­xi­bi­li­tät geschult, und er scheut nicht vor der Idee eines alter­na­ti­ven Lebens­we­ges zurück. Auf erzäh­le­ri­sches Talent deu­ten die ver­steck­ten Sekun­där­an­any­me Lite­ra­risch Eins sowie Chris­ti­ne Isra­el hin. Die Ori­gi­na­li­tät des letzt­ge­nann­ten Ananyms ist frag­los einer Roman­fi­gur wür­dig, und viel­leicht wäre Chris­ti­ne Isra­el sogar ein wohl­klin­gen­des Pseud­onym des Autors selbst. → Mut, → Kri­ti­sches Den­ken, → Prosa

Rein­li­cher Sta­si: Indiz für jour­na­lis­ti­sche Objek­ti­vi­tät. Selbst einem Scher­gen der SED-Dik­ta­tur wür­de der Namens­trä­ger kei­ne Hygie­ne­män­gel unter­stel­len wol­len. → Men­schen­rech­te, → Jour­na­lis­mus, → Geo­po­li­tik, → Geschich­te, → Kernseife

Als Irre Schii­ten: Wie­der ein reli­giö­ses Motiv, dies­mal mit sub­ver­si­ven Unter­tö­nen. Kann über­dies auch als Anfang eines Romans gele­sen wer­den: Als irre Schii­ten… einen vor­bei­ge­hen­den Sun­ni­ten mit Schwei­ne­schnit­zeln bewar­fen, brach die Revol­te aus.” → Kri­ti­sches Den­ken, → Jour­na­lis­mus, → Geo­po­li­tik, → Prosa

Rea­lis­tin Schrie: Deu­tet auf einen star­ken Sinn für Gerech­tig­keit hin. Wer ist es denn, der schreit? Eine Rea­lis­tin. Sie schreit also mit Recht. Der Namens­trä­ger kämpft für Fair­ness. → Men­schen­rech­te, → Kri­ti­sches Denken

Asi­ens Chi­le irrt: Die­ses Ananym bie­tet enor­men Inter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum. Wel­ches Land ist das Chi­le Asi­ens? Wor­in irrt es? → Geo­po­li­ti­sche Per­spek­ti­ve, → Jour­na­lis­mus, → Kri­ti­sches Denken

Ari­er Sicht Senil: Deut­li­che Kri­tik am Natio­nal­so­zia­lis­mus. → Geo­po­li­tik, → Geschichte

Israe­lis Rich­ten: Weni­ger deut­li­che Kri­tik am Natio­nal­so­zia­lis­mus. → Geo­po­li­tik, → Geschichte

Hit­lers Arsen ICI: even­tu­ell dop­pelt ver­schlüs­sel­te Bot­schaft, von mir bis­lang nicht deco­diert. Den­noch kla­rer Hin­weis auf anti­fa­schis­ti­sche Gesin­nung, indi­rek­te Kri­tik am Natio­nal­so­zia­lis­mus. → Geo­po­li­tik, → Geschichte


B) Rät­sel­haf­te Anany­me von Chris­ti­an Seiler”:


Ich Rasie­ren Stil: Eine ers­te Hür­de. Ich habe als Ananym­le­ser noch nicht die Rou­ti­ne mei­ner seli­gen Groß­mutter und geste­he offen, dass mir Ich Rasie­ren Stil” in bezug auf Chris­ti­an Sei­ler ein wenig unpas­send erscheint. Ver­mut­lich ent­geht mir im Moment etwas Wesent­li­ches. Wenn ich zu einer Inter­pre­ta­ti­on gezwun­gen wäre, wür­de ich mich in fol­gen­de Rich­tung bewe­gen (aber wohl wäre mir dabei nicht):

Der Namens­trä­ger stellt sich der Welt und dem Sein uner­schro­cken auto­bio­gra­phisch, wie die­se Anspie­lung auf die Epi­la­ti­on sei­ner Biki­ni­zo­ne ver­mu­ten lässt. Gleich­wohl schwin­gen schalk­haf­ter Takt und meta­phy­si­sche Dezenz mit, da die­ses Ananym das männ­li­che Geschlechts­or­gan ortho­gra­phisch falsch, doch ono­ma­to­poe­tisch nicht unpas­send als Stil” (corr. Stiel) bezeich­net. → Stiel-Bewusstsein


2) Char­lie isst Iren: Bri­sant! 1) Char­lie” ist in vie­len Län­dern das Code­wort für Koka­in, 2) Das US-Mili­tär nann­te im Viet­nam­krieg Ange­hö­ri­ge des Viet­cong eben­falls Char­lie”. Mit Irland rückt ein wei­te­rer Staat in den Vor­der­grund. → Geo­po­li­tik, → Ent­hül­lungs­jour­na­lis­mus → Kannibalismus



C) Mehr oder weni­ger selbst­er­klä­ren­de Anany­me von Chris­ti­an Seiler”:


Hir­se incl Satire

Sisi narrt Eichel

Iran ist Schleier

Schein ist irreal

Seit­lich Rasiren

Rich­te­rin Lassie


Wäh­rend der Nacht­wa­che hat der Nacht­wäch­ter die Pflicht, sei­ne Kon­zen­tra­ti­on zu 100 Pro­zent der Bewa­chung des ihm anver­trau­ten Objekts zu wid­men. Das ist im Seehof nicht anders. Zum Glück ist mein Dienst­ge­ber wei­se genug, um zu ver­ste­hen, dass in mir gan­ze Heer­scha­ren ver­schie­de­ner Per­sön­lich­kei­ten wüten, die sich gegen­sei­tig gern die Schä­del ein­schla­gen, und je mehr sie mit Arbeit ein­ge­deckt sind, des­to weni­ger Zeit bleibt ihnen für ein Batt­le Roya­le, das sie bei jeder Gele­gen­heit in mir veranstalten.


Wenn ich eines mei­ner weni­ger wider­spens­ti­gen Ichs mit der Auf­ga­be betraue, mit hun­dert­pro­zen­ti­gem Ein­satz auf den Seehof auf­zu­pas­sen, legt es sich folg­sam auf die Lau­er und hofft auf einen bal­di­gen Ein­bruchs­ver­such törich­ter Kri­mi­nel­le, denen es die Ohren abrei­ßen kann.


Es ver­steht sich von selbst, dass ich die dienst­ha­ben­de Nacht­wäch­ter­per­sön­lich­keit bestim­men muss. Um die­se ver­ant­wor­tungs­vol­le Auf­ga­be wür­den sich mei­ne Ichs sonst auch prü­geln, weil das Ent­de­cken und Bestra­fen von Böse­wich­ten dem betref­fen­den Ich nicht nur dabei hilft, Aggres­sio­nen abzu­bau­en, und ihm Lob und sozia­le Aner­ken­nung ein­trägt, es bleibt ihm so auch das schlech­te Gewis­sen erspart, das mei­ne Ichs heim­sucht, wenn sie sich wie­der ein­mal gegen­sei­tig so zuge­rich­tet haben, dass man bei ihrem Anblick mei­nen könn­te, in mei­nem Geist sei ein Zelt­fest eska­liert. Irgend­wann schmerzt die Ein­sicht, sich schon wie­der an sich selbst ver­grif­fen zu haben, denn so blöd, um nicht zu bemer­ken, dass sie alle ich sind, sind weder sie noch ich. Wenn ich mich nicht gera­de mit mir strei­te, mag ich mich eigent­lich, und obwohl ich mit der Nie­der­schla­gung von Meu­te­rei­en mei­nes Geis­tes und mei­ner See­le jahr­zehn­te­lan­ge Erfah­rung habe, muss ich ein­räu­men, dass mir die­se bar­ba­ri­schen Aus­schrei­tun­gen in mir lang­sam auf die Ner­ven gehen.


Neu­lich hat­te ich eine mei­ne zuver­läs­sigs­ten Per­sön­lich­keits-Subrou­ti­nen für die Nacht­wa­che im Seehof abge­stellt, und der Rest von mir surf­te im Inter­net. Eini­ge Zeit ver­folg­te ich auf You­Tube eine Dis­kus­si­on poli­tisch enga­gier­ter Bür­ge­rin­nen und Bür­ger. Es war einer jener typi­schen inof­fi­zi­el­len Empö­rungs­wett­kämp­fe, bei denen am Ende der­je­ni­ge gewinnt, der sich ange­sichts der Schlech­tig­keit einer ande­ren Per­son oder einer Per­so­nen­grup­pe scho­ckier­ter und ange­wi­der­ter als alle ande­ren Teil­neh­mer gezeigt hat.


Wer das sein wird, ist gewöhn­lich lan­ge Zeit unklar. So auch dies­mal. Erst tipp­te ich auf die Jung­so­zia­lis­tin, die alle AfD-Wäh­ler depor­tie­ren las­sen woll­te, um Wohn­raum für Flücht­lin­ge zu schaf­fen, aber dann ließ ein stän­dig brül­len­der Tier­schüt­zer mit der For­de­rung nach einer Libe­ra­li­sie­rung der bestehen­den Gesetz­ge­bung in den Berei­chen des Brand­an­schlags und der Selbst­jus­tiz auf­hor­chen. Unter­stüt­zung erhielt er dar­in aus­ge­rech­net von sei­nem größ­ten Wider­sa­cher an die­sem Abend, einem ehe­ma­li­gen Sport­re­por­ter, der die Gas­tro­no­mie dazu ver­pflich­ten woll­te, zumin­dest ein ver­bil­lig­tes Fleisch­ge­richt (“Jugend­schnit­z­erl”) auf der Kar­te zu füh­ren, und der davor bei einem Teil des Stu­dio­pu­bli­kums schon mit der For­de­rung nach einer Auf­he­bung des Rauch­ver­bots in Amts­ge­bäu­den, Kir­chen und Fuß­ball­sta­di­en hat­te punk­ten kön­nen. Gegen.Ende hol­te die Ver­tre­te­rin einer Anti-Por­no­gra­phie-Ver­ei­ni­gung stark auf, die aus­sah wie eine Ver­tre­te­rin für Fackeln und Heu­ga­beln. Ihr erklär­tes Ziel war es, in jedem Ort mit mehr als 10.000 Ein­woh­nern die Bibel­grup­pe Schwul­sein weg­be­ten” ins Leben zu rufen. Im Nach­hin­ein fin­de ich, sie hat­te von allen Dis­ku­tan­ten die ein­drucks­volls­te Men­ge an Schaum vor dem Mund und hät­te den Sieg ver­dient gehabt.


Ob sie gewon­nen hat, weiß ich nicht. Just in die­sem Moment über­nahm in mir wie­der die Ver­ei­ni­gung der Schel­me die Per­sön­lich­keits­re­gie­rung und zwang mich, einen Ana­gramm­ge­ne­ra­tor aufzurufen.


Ein Ana­gramm ist ein (sinn­vol­les) Wort, das nur durch die Umstel­lung von Buch­sta­ben eines ande­ren (sinn­vol­len) Wor­tes ent­stan­den ist. Als Bei­spiel wird oft das Wort Geburt genannt, das zu Erb­gut und Betrug ana­gram­miert wer­den kann. Weni­ger bekannt ist der Begriff Ananym, wie fach­sprach­lich ein ana­gram­mier­ter Name bezeich­net wird. Wei­se alte Frau­en und Män­ner haben schon vor Jahr­hun­der­ten behaup­tet, im Ananym wür­den sich Geist und See­le eines Men­schen spie­geln. Das ist gut zu wis­sen, vor allem, wenn man in einen Ana­gramm-Gene­ra­tor einen zufäl­lig gewähl­ten Namen ein­gibt, sagen wir Sepp Schell­horn. Was Geist und See­le anbe­langt, bie­ten sei­ne Anany­me erstaun­li­chen Interpretationsspielraum.


Sepp Schell­horn

Nr Schlepp Sohle

PH soll sprechen

Hol NS Schlepper

Pop sehr schnell 


Ver­än­dern wir ein wenig die Ausgangslage.


Josef Schell­horn

John Rolfs Selche

Fescher John soll

Jens Floh erlosch

Chlor fess­le John

Ehr­lo­ses FJN Loch



Ich will kei­ne Unru­he im Haus stif­ten, des­halb ver­schie­be ich die Ana­ly­se die­ser Ergeb­nis­se zumin­dest um eine Woche. Außer­dem habe ich selbst genug zu interpretieren.


Tho­mas Glavinic

Sti­chig vom Anal

Cal­vi­nist mag Oh

Chi­nas Mailvogt

Gast­lich Mai Nov

Vagi­na im Schlot

Vati log manisch

Vio­la mag nichts

Loch mit Vaginas



Wie sich das bei mei­nem Chef ver­hält, kann ich nicht sagen, aber ich möch­te fest­hal­ten, dass ich mir weder mei­nen Geist noch mei­ne See­le selbst aus­ge­sucht habe.


In einer Fern­seh­re­por­ta­ge über öster­rei­chi­sche Nacht­wäch­ter wur­de ich einst gefragt, ob ich einen guten, jedoch poli­tisch nicht kor­rek­ten Witz wüss­te, und wenn ja, ob ich ihn vor der Kame­ra zu erzäh­len bereit wäre.


Ich habe vor der Kame­ra schon ganz ande­re Sachen gemacht als Wit­ze zu erzäh­len, mei­ne Bereit­schaft war also grund­sätz­lich gege­ben, doch es dau­er­te eine Wei­le, bis mir wenigs­tens einer der drei Wit­ze ein­fiel, die ich ken­ne. Bevor ich hier jenen wie­der­ge­be, den ich in der Nacht­wäch­ter­re­por­ta­ge erzählt habe, möch­te ich mei­ne Zwei­fel bekun­den, ob poli­tisch kor­rek­te Wit­ze über­haupt exis­tie­ren. Soll­te es sie geben, blei­ben sie zumin­dest mir nicht lan­ge im Gedächt­nis. Was nicht unbe­dingt die Schuld der poli­tisch kor­rek­ten Wit­ze sein muss, ich mer­ke mir auch sonst nicht viel.


Ich habe aller­dings beob­ach­ten dür­fen, dass es über­all auf der Welt eher die schlich­ten Geis­ter sind, die sich eine Unzahl von Wit­zen mer­ken kön­nen. Das ist nicht ver­wun­der­lich, denn Wit­ze mer­ken sich nur Men­schen, denen selbst nichts Geist­rei­ches ein­fällt. Um phy­sisch wie sozi­al zu über­le­ben, sind sie von ihrem ers­ten bis zum letz­ten Tag auf die Gedan­ken ande­rer ange­wie­sen. Soll­ten sie eines Tages ent­führt wer­den und vor der Auf­ga­be ste­hen, das Stock­holm-Syn­drom zu über­win­den und ein Stock­holm-Stock­holm-Syn­drom zu erzeu­gen, also ihre Ent­füh­rer dazu zu brin­gen, sich mit ihnen zu iden­ti­fi­zie­ren, wer­den sie auf irgend­ei­ne Wei­se die Gunst der Ver­bre­cher gewin­nen müs­sen, und sie sind davon über­zeugt, die­ses Ziel durch stun­den­lan­ges Erzäh­len von Wit­zen am ver­läss­lichs­ten zu erreichen.


Ich bin mir nicht so sicher, ob die­se Stra­te­gie auf­ge­hen wird. Soll­te ich ein­mal nichts Bes­se­res zu tun haben, als eine Pis­to­le zu neh­men und jeman­den zu ent­füh­ren, nur um dann erle­ben zu müs­sen, dass mei­ne Gei­sel einen Witz nach dem ande­ren erzählt, wer­de ich frü­her oder spä­ter einen Gemüts­zu­stand errei­chen, in dem mir Geld egal ist, aber mit den Kon­se­quen­zen mei­ner tem­po­rä­ren Abwen­dung vom Mate­ria­lis­mus wird die Gei­sel nicht leben können.


Wäh­rend ein Teil mei­nes Bewusst­seins noch nach dem Witz such­te, setz­te sich ein ande­rer bereits mit der nicht unheik­len Tat­sa­che aus­ein­an­der, dass sich offen­bar selbst Jour­na­lis­ten bereits damit abge­fun­den haben, man­che Gedan­ken für sich behal­ten zu müs­sen, egal ob es sich um gute oder schlech­te Wit­ze han­delt oder um etwas von grö­ße­rer Bedeu­tung oder… – nein, das ist falsch, es ist über­haupt nicht egal, wor­um es sich han­delt, es ist sogar schlim­mer, wenn sie es schon für gefähr­lich hal­ten, öffent­lich einen Witz zu erzäh­len. Noch dazu einen, den sie gut finden.


Kon­kret bedeu­tet das näm­lich: Ent­we­der fin­den sie etwas lus­tig, was für die Mehr­heit der Men­schen abscheu­lich ist, und sie wis­sen, dass es abscheu­lich ist, und sie wis­sen, dass sie selbst Scheu­sa­le sind, die ihre Abscheu­lich­keit vor der Welt ver­ber­gen müs­sen. Oder sie fin­den etwas Unab­scheu­li­ches lus­tig, sie wis­sen, dass es nicht abscheu­lich, son­dern allen­falls maka­ber oder geschmack­los, aber vor allem ein­fach lus­tig ist, und sie wol­len nicht ris­kie­ren, sich zum Ziel der Empö­rung eines Mobs von Moral­wäch­tern zu machen. Letz­te­res ist mensch­lich zwar ver­ständ­lich, lässt aber die Annah­me zu, dass die­se Jour­na­lis­ten den fal­schen Beruf gewählt haben und den für sie pas­sen­den Platz eher unter denen fin­den wer­den, vor denen sie sich fürchten.


Auf der Suche nach einer schlüs­si­gen Ant­wort auf die Fra­ge, was eigent­lich die Ursa­che der größ­ten Pro­ble­me der Mensch­heit ist, kommt man durch die­se Beob­ach­tun­gen ein Stück wei­ter. Zumin­dest kann man die Zahl der mög­li­chen Erklä­run­gen wei­ter redu­zie­ren. Die Welt ist schlecht, weil ein Teil der Mensch­heit von Gier getrie­ben wird, von einem rück­sichts­lo­sen Stre­ben nach Geld, Macht, Auf­merk­sam­keit und Bedeu­tung, und der ande­re Teil ent­we­der zu fei­ge ist, um sich der Rück­sichts­lo­sig­keit in den Weg zu stel­len, oder zu dumm ist, um sie über­haupt zu bemerken.



Ach ja, der Witz. Der ging so: Der Kin­der­mör­der ist nachts mit einem klei­nen Mäd­chen im Wald unter­wegs. Huhu”, jam­mert das Mäd­chen, es ist so kalt, es ist so dun­kel, ich fürch­te mich!” Dar­auf der Kin­der­mör­der: Na, was soll ich erst sagen, ich muss spä­ter auch noch ganz allein zurückgehen!”


Mein Sohn hat es nicht leicht. Er sieht nicht nur aus wie ich, er hat auch einen ähn­li­chen Humor, ähn­li­che Neu­ro­sen, ähn­li­che Vor­lie­ben und ähn­li­che Abnei­gun­gen, vom Tem­pe­ra­ment gar nicht zu reden. Das bedeu­tet, er dürf­te mit sei­nen Eigen­hei­ten noch oft Irri­ta­ti­on und Ver­druss bei sei­nen Mit­men­schen aus­lö­sen, was auch ihn vor­aus­sicht­lich nicht grä­men wird, weil auch er die Irri­ta­tio­nen und den Ver­druss ent­we­der nicht bemer­ken oder falsch inter­pre­tie­ren oder als für ihn per­sön­lich irrele­vant betrach­ten wird.


Unlängst stieß ich im Kühl­schrank auf Dosen­bier. Da ich seit Jah­ren kei­nen Alko­hol trin­ke, weil ich schon genug getrun­ken habe, schloss ich dar­aus, dass das Leben mei­nes Soh­nes ins Alko­hol­zeit­al­ter ein­ge­tre­ten ist. Ich setz­te ihn umge­hend dar­über in Kennt­nis, dass er in der aller­nächs­ten Zukunft viel Zeit mit mir ver­brin­gen wird müs­sen, denn wenn er nach mir gerät, wird er die nächs­ten Jahr­zehn­te durch­ge­hend betrun­ken und den Her­aus­for­de­run­gen des sozia­len Aus­tau­sches nur bedingt gewach­sen sein. Es gilt daher, die Zeit bis zu sei­ner Ver­stump­fung zu nüt­zen, um ihm alles zu ver­mit­teln, was ich weiß.


Er nahm die­se Ankün­di­gung mit deut­li­chen Anzei­chen von Irri­ta­ti­on auf. Ich glau­be sogar, etwas von fünf Minu­ten” gehört zu haben, konn­te die­se Bemer­kung bis­lang jedoch in kei­nen Zusam­men­hang bringen.


Unter uns: Die mög­li­chen Spät­fol­gen von Alko­ho­lis­mus sind natür­lich nur ein Vor­wand, um mehr Zeit mit ihm ver­brin­gen zu kön­nen, ohne mei­ne wah­ren Moti­ve (exzes­si­ve Vater­lie­be) zu ver­ra­ten. Ich habe nicht die gerings­ten Zwei­fel dar­an, dass er zehn­mal bes­ser, klü­ger, rei­fer und lie­bens­wer­ter ist, als ich es in sei­nem Alter war, wofür ich dem Uni­ver­sum über­aus dank­bar bin, weil er dank sei­ner Qua­li­tä­ten weder durch inten­si­ven Umgang mit mir noch mit bewusst­seins­ver­än­dern­den Sub­stan­zen sei­ner Cha­rak­ter­fes­tig­keit beraubt wer­den sollte.


Zum Glück sind wir uns nicht in allem ähn­lich. In sei­nem Alter stand ich gele­gent­lich unter dem inne­ren Zwang, mit Gegen­stän­den zu spre­chen. Wenn ich nach der Schu­le nach Hau­se kam, grüß­te ich den Tisch oder die Wand oder die Schall­plat­te, die ich mir am Mor­gen ange­hört hat­te, und wenn ich wuss­te, ich wür­de ein paar Tage nicht zuhau­se sein, fürch­te­te ich, mei­ne Haus­schu­he könn­ten sich ein­sam füh­len. Wahr­schein­lich hät­ten mei­ne Eltern doch nach­ge­ben sol­len, als ich sie mona­te­lang ange­bet­telt hat­te, uns eine Kat­ze ins Haus zu holen.


Aber ver­mut­lich hät­te das auch nichts genützt. Mein Sohn hat von mir damals sei­ne Kat­ze gekriegt, und was hat es gehol­fen? Neu­lich gestand er mir, er hät­te Mit­leid mit einem zer­bro­che­nen Klei­der­ha­ken, den ich end­lich aus­mis­ten woll­te, und er wür­de ihn behal­ten. Ich weiß wirk­lich nicht, wo ich das ein­ord­nen soll. Tisch, Wän­de, Schall­plat­ten und Haus­schu­he, das kann man ja ver­ste­hen, aber Klei­der­ha­ken? Ein biss­chen selt­sam ist das schon.



Ich habe Durst. Ich will Sex. Ich bin müde. Mir ist kalt. Jetzt ist mir heiß. Ich bin betrun­ken. Ich will noch ein­mal. Ich has­se Juck­pul­ver. Mir schmeckt das Schnit­zel nicht. Ich brau­che ein Taxi. Ich will noch ein­mal. Ich bin krank. Die Son­ne blen­det mich. Ich kann nicht noch ein­mal. Ich bin um eini­ges älter als du.


Wenn man von sei­nem Ich spricht, bezieht man sich damit zumeist auf den Kör­per. Ist das nicht selt­sam? Das ist selt­sam. Ich bin nicht mein Magen. Ich bin nicht mei­ne Haut. Eben­so wenig bin ich ein ande­rer mei­ner Kör­per­tei­le, auch wenn es manch­mal den Anschein haben mag. Ich weiß nicht genau, wer oder was ich bin, ich weiß nicht, wo ich anfan­ge und wo ich ende, aber ich weiß, dass ich nicht nur mein Kör­per bin.


Ich ken­ne Men­schen, bei denen ist das anders. Damit mei­ne ich nicht, sie hät­ten kein Hirn, son­dern dass sie sich offen­sicht­lich zu hun­dert Pro­zent mit ihrem Kör­per iden­ti­fi­zie­ren. Für mich kommt das einer Art von bio­lo­gi­schem Stock­holm-Syn­drom nahe. So wie unse­re Gesell­schaft auf­ge­baut ist, darf das auch nie­man­den ver­wun­dern, denn nicht ohne Grund wird das Wer­be­fern­se­hen von Pro­duk­ten domi­niert, die den Kör­per arbeits­fä­hig zu hal­ten und für Art­ge­nos­sen anzie­hen­der zu machen ver­spre­chen. Was ich nicht kri­ti­sie­ren will: Es ist für uns alle von Vor­teil, wenn die Leu­te modi­sche Pull­over und Par­fum kau­fen, statt ihr Geld für eine Rei­se nach Lour­des zu verplempern.


Men­schen haben ein gra­vie­ren­des Pro­blem mit Zeit. Jeder und immer. Ent­we­der man hat zuwe­nig Zeit oder zu viel. Wer zu viel Zeit hat, kommt auf dum­me Ideen, wer zu wenig Zeit hat, kommt auf gar kei­ne. Es ist uns im Lau­fe der Jahr­tau­sen­de weder als Spe­zi­es noch als Indi­vi­du­um gelun­gen, eine sta­bi­le, pro­duk­ti­ve und posi­ti­ve Posi­ti­on gegen­über dem Phä­no­men Zeit ein­zu­neh­men. Wir wis­sen nicht ein­mal, ob wir gera­de alt oder jung sind.


Die durch­schnitt­li­che Lebens­er­war­tung eines Men­schen in den Indus­trie­staa­ten ist kein Geheim­nis. Wem sie gera­de ent­fal­len ist, der fin­det die Ant­wort im Inter­net. Auf sta​tis​ta​.com heißt es: Die durch­schnitt­li­che Lebens­er­war­tung von Frau­en bei der Geburt im Jahr 2020 betrug in West­eu­ro­pa 84 Jah­re.” Das klingt zwar selt­sam, ist aber durch­aus kor­rekt, auch wenn ich mir dabei ein Baby mit dem Gesicht einer alten Frau vor­stel­len muss.


Obwohl der Mensch über kein rech­tes Ver­ständ­nis von räum­li­chen Dimen­sio­nen ver­fügt und nie­mand die Fra­ge, ob das Welt­all groß oder win­zig ist, beant­wor­ten kann, fällt es uns nicht schwer, die Grö­ße eines Men­schen zu beur­tei­len. Ein erwach­se­ner Mann, der ein­ein­halb Meter groß ist, gilt als klein, ein ein­ein­halb Meter gro­ßer Drei­jäh­ri­ger nicht. Wir wis­sen, dass ein Mensch kei­ne neun Meter lang wer­den kann, auch wenn er sich noch so anstrengt, und jeder weiß von sich selbst, ob er von über­durch­schnitt­li­cher, durch­schnitt­li­cher oder unter­durch­schnitt­li­cher Grö­ße ist und jeder weiß, ob er oder sie von über­durch­schnitt­li­cher, durch­schnitt­li­cher oder unter­durch­schnitt­li­cher Grö­ße ist.


Beim Alter ver­hält sich das anders. Obwohl wir wis­sen, wie alt wir sind, und obwohl wir wis­sen, wie alt wir wer­den kön­nen, und obwohl wir ande­re unbe­wusst und ohne Zögern als jung, mit­tel­jung, mit­tel­alt, alt oder stein­alt ein­ord­nen, ver­lie­ren wir bei die­sem The­ma, wenn es um uns selbst geht, schnell die Objek­ti­vi­tät – falls wir sie je hat­ten. Der eine fühlt sich mit 20 uralt und bezwei­felt, dass es auf der Welt noch etwas für ihn zu ent­de­cken gilt, der ande­re fühlt sich mit 90 jung genug für eine Weltreise.


Mit dem Alter hat das in Wahr­heit nichts zu tun. Den­ken, Stre­ben und Ver­hal­ten eines Men­schen wer­den davon bestimmt, wo der größ­te Teil sei­ner Per­sön­lich­keit zu fin­den ist. Der eine ist mehr im Spi­ri­tu­el­len ver­haf­tet, der ande­re möch­te den gan­zen Tag nur fressen.


Apro­pos Spi­ri­tua­li­tät: Unse­re spi­ri­tu­ells­ten Kör­per­tei­le sind unse­re Geschlechts­tei­le. Sie sind die ein­zi­ge phy­si­sche Ver­bin­dung zwi­schen Kör­per, Geist und See­le sowie zwi­schen uns und dem Kos­mos, und sich ihrer bedie­nen zu wol­len ist ein Aus­druck der Sehn­sucht, Teil von etwas Gött­li­chem zu sein. Gut, viel­leicht nicht immer, aber im Prin­zip. Ich habe jeden­falls noch kei­ne Frau ken­nen­ge­lernt, die einen stark aus­ge­präg­ten Geschlechts­trieb, aber eine schwa­che Per­sön­lich­keit gehabt hät­te, und eine Kom­bi­na­ti­on von schwa­chem Geschlechts­trieb und star­ker Per­sön­lich­keit ist mir eben­falls noch nicht begegnet.


Es wür­de mich inter­es­sie­ren, ob das eine das ande­re bedingt oder sei­ne Kon­se­quenz ist, und falls jemand dar­über mehr weiß, möge sie sich bei mir melden.


Aber was, wenn man gar kei­ne Per­sön­lich­keit hat? Wenn man nahe­zu frei ist von Indi­vi­dua­li­tät? Sol­chen Men­schen bleibt nicht viel mehr übrig, als zu ihren eige­nen Armen oder Bei­nen zu werden.


So kam der Sport in die Welt.



Kolum­ne:
Ab und zu besucht mich eine Freun­din wäh­rend mei­ner Nacht­schicht. Nacht­wäch­ter haben im Grun­de immer Nacht­schich­ten, aber Schicht” klingt eher nach einer Stel­le als Hilfs­ar­bei­ter in der Stahl­in­dus­trie als nach einem guten Pos­ten als Nacht­wart in einem vor­neh­men Haus wie dem Seehof, des­we­gen sage ich lie­ber Nacht­schicht.
Die Freun­din, eine bekann­te Schau­spie­le­rin, die hier Jane Doe genannt wer­den möch­te, ist nur unwe­sent­lich älter als ich, daher tei­len wir den­sel­ben Schatz kol­lek­ti­ver Erin­ne­run­gen. Neu­lich schlug sie vor, eine Lis­te von Per­sön­lich­kei­ten zu erstel­len, die in unse­rer Kind­heit eine öffent­li­che Rol­le gespielt haben. Mir fie­len – in die­ser Rei­hen­fol­ge – die fol­gen­den Damen und Her­ren ein:
Didi Hal­ler­vor­den, Hans-Joa­chim Kulen­kampff, Hel­mut Kohl, Hans Rosen­thal, Bud Spen­cer, Terence Hill, Robert Lembke, Rudolf Kirch­schlä­ger, Sharon Stone, Frank Elst­ner, Clau­dia Kris­to­fics-Bin­der, Udo Huber, Otto Waal­kes, Die­go Mara­dona, Hans Krankl, Robert See­ger, Franz Klam­mer, Peter Rapp, Horst Hru­besch, Mat­ti Nykä­nen, Klaus Lin­den­ber­ger, Lar­ry Hag­man, Bojan Kri­z­aj, Ron­nie Peter­son, Wil­ly Kreuz, Adria­no Cel­en­ta­no, John McEn­roe, Leo­nid Bre­schnew, Bru­no Krei­sky, Josef Taus, Madon­na, Heinz Con­rads, Franz Stoß, Nena, Hans Enn, Chris Loh­ner, Jen­ny Pip­pal, Fred Sino­watz, Ronald Rea­gan, Roland Hat­ten­ber­ger, Otto Wanz, Kar­di­nal König.
Das ist eine nie­der­schmet­tern­de Lis­te, die mei­ner The­ra­peu­tin noch viel Arbeit machen wird.
An die­ser Stel­le wur­de das Spiel durch eine ernst­haf­te oder bei­na­he ernst­haf­te Dis­kus­si­on unter­bro­chen. Jane hat­te gera­de die Namen Gina Wild und Tyra Mis­oux auf­ge­schrie­ben. Ich wand­te ein, dass die genann­ten Per­so­nen doch eher erst in spä­te­ren Jah­ren unser Leben berei­chert hät­ten, wor­auf­hin Jane ohne ersicht­li­chen the­ma­ti­schen Über­gang erwähn­te, sie hät­te schon immer gern Sex mit Gina Wild gehabt, und ich nicht erwähn­te, dass ich, wenn schon, mit der ande­ren, naja, egal, jeden­falls ergab sich aus die­sem Geplän­kel die Fra­ge, ob es geschmack­los sei, öffent­lich zu ver­kün­den, mit wem man gern schla­fen wür­de.
Nun ist öffent­lich” ein rela­ti­ver Begriff. Die an zwei ver­schie­de­nen öffent­li­chen Orten statt­fin­den­den Ereig­nis­se sind sel­ten im glei­chen Maß öffent­lich, wie man an den Bei­spie­len Öffent­li­che Bedürf­nis­an­stalt” und Öffent­li­cher Vor­trag” erken­nen kann. Selt­sa­mer­wei­se gilt auch alles als öffent­li­che Unter­hal­tung, was zwei Men­schen mit­ein­an­der im Gast­haus bespre­chen, und ob sie dabei schrei­en oder flüs­tern, spielt nicht die gerings­te Rol­le. Füh­ren sie ihre Unter­hal­tung in einer Woh­nung, ist sie hin­ge­gen pri­va­ter Natur, selbst wenn die bei­den bei geöff­ne­ten Fens­tern auf­ein­an­der ein­brül­len.
Druckerzeug­nis­se und Web­sei­ten sind mei­nes Erach­tens sehr öffent­lich. Eine Fra­ge, die oft­mals in Zeit­schrif­ten akut­be­rühm­ten Durch­schnitts­men­schen gestellt wird, etwa dem Koch eines Bun­des­prä­si­den­ten oder einer Frau, die einen neu­en Welt­re­kord im Bil­lard­ku­gel-Ver­schlu­cken auf­ge­stellt hat, lau­tet: Hand aufs Herz – Mit wel­cher berühm­ten Per­sön­lich­keit wür­den Sie gern schla­fen?”
Ganz offen­sicht­lich han­delt es sich hier­bei um eine öffent­li­che Fra­ge, und was immer der Koch und die Kugel­schlu­cke­rin ant­wor­ten, es wird eine öffent­li­che Stel­lung­nah­me zu ihrer Sexua­li­tät sein. Und nach­dem sie geant­wor­tet haben, wünscht man sich, sie hät­ten es nicht getan. Natür­lich könn­te man sich die­sen Moment des Fremd­schä­mens leicht erspa­ren, indem man die Ant­wort ein­fach nicht liest, aber Inter­views sind wie Auto­un­fäl­le, die fin­det auch nie­mand schön, und trotz­dem schaut kei­ner weg.
Sogar mir hat mein beruf­li­ches Wir­ken – als Autor, nicht als Nacht­por­tier – bereits die Ehre ein­ge­tra­gen, danach befragt zu wer­den, mit wel­cher welt­be­rühm­ten Frau ich gern ins Bett gehen wür­de. Eine eben­so inde­zen­te wie alber­ne Fra­ge. Mit wel­cher denn nicht? Mit der einen mehr, mit der ande­ren weni­ger, aber es wer­den ja kei­ne imbe­zi­len Vogel­scheu­chen zu Welt­stars, also war­um soll­te ich eine davon durch Ableh­nung dis­kri­mi­nie­ren? Gegen­über der Inter­viewe­rin behielt ich das für mich, denn im Gegen­satz zu Jane hal­te ich es a) für über­grif­fig, jeman­dem über die Medi­en aus­zu­rich­ten, dass man gern Sex mit ihm oder ihr hät­te, und b) für mög­lich, dass das nicht jeder unbe­dingt wis­sen will.
Ande­rer­seits, wenn jemand sehr schüch­tern ist und nicht weiß, wie er sonst fra­gen soll?
Es gilt her­aus­zu­fin­den, ob Aman­da Pal­mer die euro­päi­sche Nacht­wäch­ter­blog­ger­sze­ne ver­folgt, dann kann ich immer noch über­le­gen, wie ich wei­ter vorgehe.

Was willst du ein­mal wer­den, wenn du groß bist?” frag­te ges­tern ein Hotel­gast ein Mäd­chen. Die Klei­ne ver­riet es ihm nicht. Schlau­es Kind.
Leu­te wie die­sen Herrn ver­ste­he ich nicht. Ich sehe kei­nen Anlass, Kin­der zu beläs­ti­gen, schon gar nicht mit getarn­ten Hin­wei­sen dar­auf, dass alles im Leben hart ver­dient sein will. Ich selbst bin als Kind auch nie nach mei­nen Lebens­zie­len befragt wor­den.
Wie­so eigent­lich nicht? Viel­leicht haben sie ein­fach nie­man­den inter­es­siert. Nein, das glau­be ich nicht. Es wird eher dar­an lie­gen, dass ich in einem Umfeld auf­ge­wach­sen bin, das ein rea­lis­ti­sches Bild von mei­nen cha­rak­ter­li­chen Eigen­hei­ten hat­te.
Wenn er glaubt, uns ist es egal, wel­chen Beruf er in der Zukunft anstrebt, ist er sicher belei­digt, und um uns zu ärgern, wird er Raub­mör­der”, könn­te mein Opa beim Fami­li­en­rat gesagt haben. Wir müs­sen ihn regel­mä­ßig fra­gen, was ihm vor­schwebt.”
An die­ser Stel­le muss jemand ein­ge­wor­fen haben: Aber fra­gen wir ihn lie­ber nicht zu direkt.”
Und jemand ande­rer – bestimmt mei­ne Schwes­ter – wird hin­zu­ge­fügt haben: Ihr wisst ja, wie er sein kann.”
Und jemand – wie­der mei­ne Schwes­ter – wird ergänzt haben: Anstren­gend.”
Und jemand – unter Umstän­den mein Onkel – könn­te gesagt haben: Aber wenn man ihn etwas fragt, bekommt man eine ehr­li­che Ant­wort.”
Und jemand ande­rer – wahr­schein­lich mei­ne Oma – wird gesagt haben: Ja, fra­gen wir ihn lie­ber nicht.”
Das klingt plau­si­bel. Ich könn­te die dum­me Fra­ge aber auch ver­ges­sen oder ver­drängt haben, schließ­lich habe ich schon mehr ver­ges­sen und ver­drängt, als ande­re in Jahr­hun­der­ten nicht erle­ben wür­den. Oder ich bin als Kind nie gefragt wor­den, was ich ein­mal wer­den will, weil ich nie ein Kind war. Oder ich bin noch immer eines, und es traut sich kei­ner, jetzt noch zu fra­gen.
Eigent­lich woll­te ich Deutsch­leh­rer wer­den. Lei­der hat­te ich dafür zuwe­nig Talent, des­we­gen bin ich Schrift­stel­ler gewor­den. Aus Sicht der Kin­der war das zwei­fel­los die rich­ti­ge Ent­schei­dung. Davor hat­te ich die Plä­ne ver­wor­fen, Berufs­of­fi­zier, Schach­welt­meis­ter, Musi­ker sowie Ter­ro­rist zu wer­den, in die­ser Rei­hen­fol­ge, und vom huma­nis­ti­schen Stand­punkt aus betrach­tet waren auch das vier gold­rich­ti­ge Ent­schei­dun­gen.
Ich habe immer noch kei­ne Ant­wort auf die Fra­ge gefun­den, wie mich die­se doch sehr unter­schied­li­chen Lauf­bah­nen inner­halb kur­zer Zeit fas­zi­nie­ren konn­ten, was ver­mut­lich dar­an liegt, dass ich sie mir nie gestellt habe. Hät­te ich viel­leicht tun sol­len. Die­ses Ver­säum­nis neh­me ich mir nicht zu Her­zen, denn was für per­fek­tes Timing gehal­ten wird, ist in Wahr­heit sowie­so nur Zufall: Man stellt sich oft die rich­ti­gen Fra­gen, aber zur fal­schen Zeit, so wie man oft einen ent­schei­den­den Augen­blick erkennt – und sich vor lau­ter Auf­re­gung die fal­sche Fra­ge stellt. Wenn man viel Pech hat, stellt man die fal­sche Fra­ge zum fal­schen Zeit­punkt am fal­schen Ort, und das war dann die letz­te Fra­ge zum letz­ten Zeit­punkt am aller­letz­ten Ort. Sich die rich­ti­ge Fra­ge zum rich­ti­gen Zeit­punkt zu stel­len, ist – neben vie­lem ande­ren – Glücks­sa­che, so wie es Glücks­sa­che ist, sich in die Rich­ti­ge oder den Rich­ti­gen zu ver­lie­ben. Und zwar zum rich­ti­gen Zeit­punkt.
Man kann sein Glück zu zwin­gen ver­su­chen, aller­dings ist es unab­ding­bar, es davor zu iden­ti­fi­zie­ren.
Ich weiß nicht, wie vie­le Stun­den mei­nes Lebens ich damit ver­geu­det habe, mich mit exis­ten­ti­el­len Fau­len­zern zu unter­hal­ten, die unse­rem kol­lek­ti­ven Bewusst­sein noch kei­nen ein­zi­gen ori­gi­nel­len Gedan­ken hin­zu­ge­fügt haben, und denen jeg­li­cher Ehr­geiz fehlt, die Welt zu betrach­ten, wie sie noch nie­mals betrach­tet wor­den ist. Und war­um habe ich das getan? Weil ich auch faul bin, und weil ich immer wie­der ver­ges­se, dass man sich bedau­er­li­cher­wei­se anstren­gen muss, wenn man ein unbe­schwer­tes Leben füh­ren will.
Genau­er gesagt ver­ges­se ich es nicht, ich ver­schwei­ge es vor mir selbst, weil mir jede Wahr­heit irgend­wann auf die Ner­ven geht. Das wäre für sich genom­men nicht schlimm, man darf und soll sich regel­mä­ßig eine Aus­zeit von der Wirk­lich­keit neh­men. Man soll­te sich nur mer­ken, dass man gera­de Urlaub macht, sonst bleibt man geis­tig für immer in Bibio­ne.
Vie­le Men­schen wer­den groß, ohne etwas oder jemand wer­den zu wol­len. Die meis­ten von ihnen wol­len jemand sein und etwas dar­stel­len, doch jemand zu wer­den ist ihnen zu auf­wands­in­ten­siv. Weit beque­mer ist es, so zu tun, als sei man bereits etwas, jeden­falls beque­mer als Zie­le zu defi­nie­ren und sich dau­er­haft der Gefahr des Schei­terns aus­zu­set­zen. Da die meis­ten Men­schen so tun, als sei­en sie etwas, ohne etwas gewor­den zu sein, müs­sen Her­an­wach­sen­de kei­ne Zugangs­hür­den zu die­sem Pyra­mi­den­spiel über­win­den. Nach fal­schen Zeu­gen brau­chen sie nicht lan­ge zu suchen, an jeder Ecke offe­riert ihnen jemand die wech­sel­sei­ti­ge Beglau­bi­gung des mora­li­schen, intel­lek­tu­el­len, sozia­len oder finan­zi­el­len Kapi­tals. Der Ers­te bestä­tigt es dem Zwei­ten, der Zwei­te dem Drit­ten, der Drit­te dem Vier­ten, der Vier­te dem Ers­ten, es braucht ja jeder ein Ali­bi.
Damit will ich nie­man­den abwer­ten. Ich mache die glei­chen Feh­ler, nur bemer­ke ich sie ab und zu. Das ist das Pro­blem. Wer die Not­wen­dig­keit von Selbst­kri­tik erkannt hat, ist dadurch von sich selbst so begeis­tert, dass er sie manch­mal ver­gisst. Das ver­ur­sacht noch grö­ße­ren Ärger, denn dadurch wird man dazu ver­lei­tet zu glau­ben, man wäre zu Selbst­be­trug nicht imstan­de, was eine unrea­lis­ti­sche Annah­me mit fata­len Kon­se­quen­zen ist.
Wenn wir uns etwas wün­schen, das wir für uner­reich­bar hal­ten, neh­men wir uns etwas, das weni­ger wert ist, aber dafür in Reich­wei­te liegt, und tun von da an so, als wäre es das Wah­re, das Ange­streb­te, das Ziel, das Glück. Wir tun so, als wäre unse­re zwei­te Wahl die ers­te Wahl. Das­sel­be erwar­ten wir von ande­ren Men­schen. Des­we­gen sind uns Ehr­geiz und Ambi­ti­on suspekt und Revo­lu­tio­nen sel­te­ne Ereig­nis­se.
Stel­len wir die Fra­ge zurück, ob die­se Men­ta­li­tät ein Aus­druck von über­trie­be­nem Pes­si­mis­mus ist, auf Träg­heit beruht oder unse­rer Angst ent­springt, eines Tages unglück­lich zu wer­den. Wich­ti­ger ist es her­aus­zu­fin­den, wie wir sie an uns fest­stel­len kön­nen. Und noch wich­ti­ger: wie wir sie loswerden.

1. Es fällt mir zuneh­mend schwer, das Maß mei­nes Ver­trau­ens in mich, in die ande­ren, in die Geset­ze und in die Geheim­nis­se der Welt wenigs­tens sta­bil zu hal­ten. Mei­ne Genera­ti­on hat gelernt, alles zu hin­ter­fra­gen. Frü­her fand ich das gut, momen­tan emp­fin­de ich die­se Ange­wohn­heit eher als läs­tig. Auf irgend­et­was will man sich ja doch ver­las­sen kön­nen. Wenn jeden Tag irgend­ei­ne Gewiss­heit ero­diert, freut man sich schon, wenn sich end­lich wie­der ein­mal ein Vor­ur­teil bestä­tigt, z.B. wenn man einen gei­zi­gen Schot­ten trifft oder der Mann, der aus einem Por­sche steigt, sehr klein ist.


2. Es ist nicht so, dass ich nach dem Dunk­len suche, es lau­ert mir auf.


3. Erkennt­nis­se gewinnt man nicht, viel­mehr offen­ba­ren sie sich, wenn man die nöti­gen Vor­aus­set­zun­gen geschaf­fen hat. Das fällt dem einen leich­ter, dem ande­ren schwe­rer, je nach sei­ner intel­lek­tu­el­len und cha­rak­ter­li­chen Aus­stat­tung. Indem ein Mensch Infor­ma­tio­nen sam­melt, wächst sein Wis­sen, aber Wis­sen und Erkennt­nis sind zwei­er­lei. Ein Mensch mit star­ren Denk­struk­tu­ren wird mit zuneh­men­dem Wis­sen nur zuneh­mend anstren­gend, aber nicht klü­ger. Es gibt intel­li­gen­te Men­schen, denen jede sub­stan­ti­el­le Erkennt­nis ver­wehrt bleibt, weil sie nie­mals fähig sind, die Welt aus einem ande­ren Blick­win­kel zu betrach­ten. Auf der ande­ren Sei­te gibt es Men­schen, deren Basis­in­tel­li­genz wahr­schein­lich nie in Lie­dern besun­gen wer­den wird und die es den­noch weit brin­gen, weil sie fle­xi­bler und adap­ti­ver den­ken als andere.


4. Wer vie­le ver­schie­de­ne Per­sön­lich­kei­ten in sich trägt, ohne die Gren­ze zur Ver­rückt­heit dau­er­haft zu über­schrei­ten, denkt auto­ma­tisch fle­xi­bler, was ste­ti­gem Erkennt­nis­zu­wachs för­der­lich ist, aber auch wie­der eini­ge Nach­tei­le hat. Zum Bei­spiel kann man sich sei­ne Erkennt­nis nicht aus­su­chen, sie wird einem zugeteilt.


5. Ich begrei­fe lang­sam, dass die unwür­digs­ten Miss­stän­de, die größ­ten Betrü­ge­rei­en, die empö­rends­ten Ver­bre­chen unent­deckt blei­ben, und das nicht, weil sie so geschickt ver­bor­gen wären, son­dern weil sie für jeden sicht­bar sind.


6. Einer­seits bin ich froh, das nun ver­stan­den zu haben, ande­rer­seits macht mich die­se Erkennt­nis nicht glücklicher.


7. Glaubst du an den Teu­fel? – Kei­ne Zeit.


8. Für den Zustand der Welt sind in ers­ter Linie Poli­ti­ker ver­ant­wort­lich, weil sie sich für die­se Auf­ga­be bewor­ben haben und dafür bezahlt werden.


9. Poli­ti­ker sind ent­we­der Bau­meis­ter oder Haus­meis­ter. Die meis­ten sind Hausmeister.


10. Ich hal­te sowie­so nicht viel von Men­schen, die sich in den Dienst der All­ge­mein­heit stel­len”, denn die meis­ten tun das nur, weil sie sonst nir­gends genom­men wor­den wären.


11. Es gibt Aus­nah­men. Einer der weni­gen Poli­ti­ker, denen ich ver­traue, ist Sepp Schell­horn. Er ist einer auf­rech­tes­ten, auf­rich­tigs­ten und inte­gers­ten Men­schen, die ich je getrof­fen habe, und er ver­fügt noch über wei­te­re sel­te­ne Eigen­schaf­ten, z.B. Bega­bung. Er ist ein Baumeister.


12. Das soll nicht bedeu­ten, dass alle ande­ren Poli­ti­ker Gau­ner sind. Gau­ner sind nur eini­ge weni­ge, und dazu höchs­tens noch der Groß­teil des Rests.


13. Es erhebt sich jedoch die Fra­ge, ob Gau­ner selbst wis­sen, dass sie Gau­ner sind, und ob man sie, wenn sie es nicht wis­sen, über­haupt Gau­ner nen­nen darf. Ich wer­de den trau­ri­gen Ver­dacht nicht los, dass die meis­ten Men­schen mit guten Absich­ten han­deln, wenn sie Kata­stro­phen anrich­ten, und dass sie die Kata­stro­phen nicht ein­mal als sol­che wahrnehmen.


14. Wor­aus folgt, dass die Kata­stro­phe vom Sys­tem ein­kal­ku­liert ist.


15. Mei­ne Erkennt­nis der Woche lau­tet: Jeder von uns, ob mäch­ti­ger Poli­ti­ker oder ein­fa­cher Haus­meis­ter, ist nur ein Teil eines uns in Wahr­heit unbe­greif­li­chen Sys­tems. Das Sys­tem, in dem wir leben, ist stär­ker als die Sum­me sei­ner Tei­le, und das Leid des Indi­vi­du­ums war für das Sys­tem noch nie von Belang. Alters­hei­me, psy­cho­so­zia­le Not­diens­te, Gerich­te, Arbeits­äm­ter, Gewerk­schaf­ten, Seel­sor­ge, The­ra­pien, all das sind Täu­schungs­ma­nö­ver, um dem Ein­zel­nen vor­zu­gau­keln, er wäre nicht allein, es wür­de für ihn gesorgt.


16. Komi­scher­wei­se ken­ne ich weni­ge Men­schen, deren Leben durch Alters­hei­me, Arbeits­äm­ter oder Seel­sor­ger ver­bes­sert wor­den wäre.


17. Das Sys­tem hat für all das kein Alibi.


18. Wenn die Welt lebens­wer­ter wer­den soll, braucht sie mehr Baumeister.


19. Einen habe ich schon erwähnt, ein ande­rer heißt Nayib Buke­le, ist 39 Jah­re alt und der­zeit Staats­prä­si­dent von El Sal­va­dor. wo ver­gan­ge­ne Woche Bit­coin (neben dem US-Dol­lar) zur offi­zi­el­len Lan­des­wäh­rung erklärt wur­de, was bei kos­mo­po­li­ti­schen, sozi­al den­ken­den und an Gleich­be­rech­ti­gung glau­ben­den Men­schen auf der gan­zen Welt Jubel, unter den Haus­meis­tern hin­ge­gen Angst, Wut und Schre­cken aus­ge­löst hat.


20. Wenn der Inter­na­tio­na­le Wäh­rungs­fonds, die Wall Street und die poli­ti­schen Ver­tre­ter der USA ihre Besen schwin­gen, wir­beln sie so viel Dreck auf, dass die gan­ze Welt etwas davon abbe­kommt, und ich bin gespannt, wann El Sal­va­dor auf einer Lis­te von soge­nann­ten Ter­ror­staa­ten lan­det, gegen die Sank­tio­nen ver­hängt wer­den können.


21. Wer den Haus­meis­tern ihre Besen weg­neh­men will, muss Bit­coin kaufen.



Dass ich älter wer­de, mer­ke ich dar­an, dass ich jetzt gele­gent­lich einer schö­nen Frau lie­ber zuhö­re, zumin­dest für eine Wei­le. Kürz­lich war es eine ehe­ma­li­ge Mit­ar­bei­te­rin des SETI-Pro­jekts, die seit ein paar Tagen im Seehof wohnt. Wir unter­hiel­ten uns an der Bar dar­über, was Leben ist, wie man Leben defi­niert und wor­an man Leben erkennt. Frü­her wäre mir das nicht passiert.


Das The­ma ist aber wirk­lich inter­es­sant. Ich bin mir ja schon bei mei­nem Nach­barn nicht sicher, ob er am Leben ist, und wenn er es ist, war­um er es ist, ich habe also ohne­hin ein Wis­sens­de­fi­zit zu bewäl­ti­gen. Ande­rer­seits stellt sich manch­mal her­aus, dass man mit jeman­dem bes­ser gleich ins Bett gegan­gen wäre. Oder zumin­dest nicht über unheim­li­che The­men gere­det hät­te. Lei­der weiß man im Vor­hin­ein nie, was einen erwartet. 


Es gibt eini­ge dum­me Fra­gen, die ich mir schon als Kind gestellt habe, ohne in der Zwi­schen­zeit einer Ant­wort näher gekom­men zu sein. Zum Bei­spiel hat­te ich mich oft gefragt, ob Bäu­me ein Bewusst­sein haben, das unse­rem nicht unähn­lich ist, und ob sie mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren. Mit mir kom­mu­ni­zie­ren sie nicht, aber das bedeu­tet noch gar nichts, mein Nach­bar redet ja auch nicht mit mir. Wofür ich ihm sehr dank­bar bin. Ich bin aber auch den Bäu­men dank­bar, ich möch­te näm­lich nicht aus­schlie­ßen, dass mein Leben in Unord­nung gera­ten könn­te, wenn ich auf mei­ne Spa­zier­gän­ge rund um den Gol­deg­ger See ver­zich­ten müss­te, weil mich der Wald immer zulabert.


Nun ein­mal ange­nom­men, Bäu­me haben ein Bewusst­sein: Wie wahr­schein­lich ist es, dass sie uns Men­schen als Lebe­we­sen wahrnehmen?


Aus die­ser Fra­ge lei­tet sich die nächs­te ab: Wie wahr­schein­lich ist es, dass wir alles, was rund um uns an Leben­di­gem exis­tiert, bereits ent­deckt haben?


Gemäß dem Ock­ham­schen Prin­zip, auch genannt Ock­hams Rasier­mes­ser, trifft von meh­re­ren mög­li­chen Erklä­run­gen für einen Sach­ver­halt meis­tens die ein­fachs­te zu. Lei­der ist unse­re Spe­zi­es dafür bekannt, sich mit ein­fa­chen Ant­wor­ten nur dann zufrie­den zu geben, wenn sie falsch sind. Die Medi­zin war 2000 Jah­re lang davon über­zeugt, man könn­te Kran­ke hei­len, indem man sie auf­schlitzt, damit sie an die­ser roten Flüs­sig­keit nicht zu schwer zu tra­gen haben, und das ist nicht der schwer­wie­gends­te Irr­glau­be, der in der Geschich­te der Natur­wis­sen­schaf­ten ver­zeich­net ist. Auch bedeu­ten­de Per­sön­lich­kei­ten der Welt­ge­schich­te waren nicht all­wis­send: Ich glau­be an das Pferd”, sag­te Kai­ser Wil­helm, das Auto­mo­bil ist nur eine vor­über­ge­hen­de Erschei­nung.” Und wäh­rend die Phre­no­lo­gie, mit der man Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten an der Kopf­form able­sen zu kön­nen mein­te, mitt­ler­wei­le nur mehr weni­ge Anhän­ger hat, gibt es noch immer Leu­te, die zwi­schen der Intel­li­genz eines Men­schen und der Pig­men­tie­rung sei­ner Haut Zusam­men­hän­ge her­stel­len wol­len. Ob eine Regel Anwen­dung fin­den kann, hängt also davon ab, wer sie anwen­den will. Es soll­te kein Depp sein.


Ich hal­te es für unwahr­schein­lich, dass wir am Ende der Ent­de­ckun­gen ange­kom­men sind. Ich weiß, das muss nicht unbe­dingt stim­men, ich könn­te ja ein Depp sein, das merkt man selbst nicht. Depp hin oder her, für mich steht es außer Fra­ge, dass wir nur einen win­zi­gen Aus­schnitt der Vor­gän­ge in Raum und Zeit wahr­zu­neh­men imstan­de sind, und von den Din­gen, die wir gera­de so wahr­neh­men, ver­ste­hen wir 2 Pro­zent rich­tig, 40 Pro­zent falsch, und den Rest ver­ste­hen wir gar nicht. Wenn man die­se Tat­sa­che sei­nen Mit­men­schen näher­bringt, wird man übri­gens nur von 2 Pro­zent rich­tig ver­stan­den, vier von zehn ver­ste­hen das Gan­ze falsch, und der Rest ver­steht es gar nicht. Sicher ist nur eines: Man geht 99,9 Pro­zent der Mensch­heit mit sol­chen Erör­te­run­gen auf die Nerven.


Gegen Ende der Unter­hal­tung sag­te die ehe­ma­li­ge SETI-For­sche­rin: Es ist mög­lich, dass in die­sem Moment eine uns unbe­kann­te Lebens­form direkt vor dir steht und dich betrachtet.”

Mir fiel mein Nach­bar ein, aber der war ja in Wien. Außer­dem füg­te sie hinzu:

Eine uns an Intel­li­genz weit über­le­ge­ne Lebens­form. Eine, deren phy­si­sche Gestalt wir nicht als sol­che erken­nen oder die für uns grund­sätz­lich unsicht­bar ist, so wie wir man­che Far­ben nicht sehen und man­che Töne nicht hören können.”


Seit die­ser Unter­hal­tung sucht mich mehr­mals am Tag die Fra­ge heim, ob mir gera­de ein bril­lan­tes unsicht­ba­res ter­res­tri­sches oder inter­ga­lak­ti­sches Unge­zie­fer ins Gesicht starrt. Die­se Vor­stel­lung ist nicht schön. Mir fällt näm­lich nicht viel ein, was ich dage­gen unter­neh­men könnte.


Manch­mal habe ich es lus­tig, manch­mal nicht. Da bin ich wahr­schein­lich nicht der Ein­zi­ge. Aber wenn ich es lus­tig habe, dann habe ich es rich­tig lus­tig, und wenn ich es nicht lus­tig habe, dann habe ich es rich­tig nicht lus­tig. Wür­de eine über­ir­di­sche Macht, der gera­de lang­wei­lig sein müss­te, mich vor die Wahl stel­len, ob ich im Leben wei­ter­hin die hohen Höhen und dafür aber auch die tie­fen Tie­fen erle­ben will, oder ob ich mich mit gerin­ge­ren Höhen zufrie­den gebe, mich dafür aber mit gerin­ge­ren Tie­fen als bis­her her­um­schla­gen muss – ich wür­de ich die ers­te Opti­on wäh­len.
Es wäre inter­es­sant zu wis­sen, wie sich der Rest der Welt ent­schei­den wür­de. Da die meis­ten Leu­te das Tem­pe­ra­ment und das Cha­ris­ma von Wald­pil­zen haben, deu­tet alles auf eine in der Gesell­schaft gras­sie­ren­de Erleb­nis­ar­mut hin. Die Fra­ge ist nur, ob die Men­schen die­se Ent­halt­sam­keit aus frei­en Stü­cken gewählt haben oder nicht, ob sie also das Resul­tat man­geln­der oder bewusst aus­ge­schla­ge­ner Gele­gen­hei­ten ist. Ich ver­mu­te, die meis­ten Men­schen wol­len das so, sie wider­set­zen sich vehe­ment allen Erleb­nis­auf­for­de­run­gen, es sei denn, das zur Debat­te ste­hen­de Aben­teu­er hat mit Ein­kau­fen, Fern­se­hen oder Nah­rungs­auf­nah­me zu tun.
Kein Wun­der, dass Alko­ho­lis­mus eine Mas­sen­er­schei­nung gewor­den ist. Nicht ein­mal lang­wei­li­gen Men­schen bleibt es erspart, bei Begeg­nun­gen mit ande­ren Lang­wei­lern zu bemer­ken, wie lang­wei­lig die­se sind, wor­auf ihnen selbst lang­wei­lig wird, was ihnen im Übri­gen recht geschieht. Wenn an einem Tisch zwei oder fünf oder zehn Per­so­nen sit­zen, von denen auch nur ein ein­zi­ger die­se zer­mür­ben­de Stim­mung blei­er­ner Inhalts­lo­sig­keit ver­brei­tet, gibt es für alle ande­ren zum Griff nach der Fla­sche kei­ne Alter­na­ti­ve. Es ist mehr als wahr­schein­lich, dass sich die Bevöl­ke­rung nicht nur aus Tra­di­ti­on und zum Zweck der Art­erhal­tung ihre unmit­tel­ba­re Umge­bung schön säuft, son­dern der Ein­zel­ne auch sei­nen natür­li­chen Wunsch nach zwi­schen­mensch­li­chem Aus­tausch lie­ber dann befrie­digt, wenn er selbst zustands­be­dingt davon mög­lichst wenig bemerkt.
Wäre mir eines Tages lang­wei­lig, könn­te ich mich mit mei­ner The­se beschäf­ti­gen, dass sich nur lang­wei­li­ge Men­schen lang­wei­len kön­nen, aber dar­aus wird hof­fent­lich nichts wer­den.
Wenn ich es bei einer Abend­ge­sell­schaft mit Men­schen zu tun bekom­me, die man für schein­tot hal­ten müss­te, wür­den sie nicht ab und zu läs­ti­ge Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­su­che unter­neh­men oder sich den Her­aus­for­de­run­gen ihres Stoff­wech­sels stel­len, bin ich unge­dul­dig oder genervt, aber lang­wei­lig ist mir nie. Ich habe jede Men­ge auf­re­gen­de Epi­so­den mei­nes Lebens­films im Kopf gespei­chert, die ich mir heim­lich anse­hen kann, wäh­rend ich der Mumie neben mir mecha­nisch zuni­cke. Und im Not­fall kann ich mir immer noch mit dem Smart­pho­ne die Zeit ver­trei­ben, gele­gent­lich sogar mit mei­nem eige­nen.
Vor vie­len Jah­ren saß ich anläss­lich irgend­ei­nes Anlas­ses in einer Piz­ze­ria. Mein Sitz­nach­bar, ein for­scher klei­ner Mann, der mit sei­ner Frau offen­bar aus­schließ­lich im Befehls­ton ver­kehr­te, war mir bis zu die­sem Abend unbe­kannt gewe­sen, wor­an sich, wenn es nach mir gegan­gen wäre, auch nichts hät­te ändern müs­sen. Er hat­te sei­ne Wesens­art gleich zu Beginn demons­triert, als er sei­ne Menü­wün­sche laut­stark und auf ita­lie­nisch mit Volks­hoch­schul­ak­zent vor­brach­te, wobei ihm voll­stän­dig ent­ging, dass es sich beim Kell­ner um einen Tür­ken han­del­te.
Im Inter­es­se mei­ner geis­ti­gen Gesund­heit betei­lig­te ich mich nicht am Tisch­ge­spräch, son­dern spiel­te auf mei­nem iPho­ne Schach, bis sich der bilin­gua­le Gift­zwerg mir zuwand­te und mir erklär­te, es sei ihm gegen­über sehr unhöf­lich von mir, an mei­nem Han­dy her­um­zu­spie­len, obwohl er sich mit mir unter­hal­ten woll­te. Ich infor­mier­te ihn dar­über, dass er sich nicht ein­mal im Ansatz vor­stel­len könn­te, wie unhöf­lich ich ihm gegen­über erst wäre, wenn ich mich nicht mit mei­nem Han­dy beschäf­ti­gen wür­de, son­dern mich mit ihm unter­hal­ten müss­te. wor­auf der Herr zum Glück belei­digt war und ich mei­ne Ruhe hat­te.
Es gibt auf der Welt nicht viel Lang­wei­li­ge­res als die Gesell­schaft von Men­schen, die nur glück­lich sind, wenn sie auf jeman­den belei­digt sein können.

Mensch­li­ches Ver­hal­ten wur­de zu einem nicht unwe­sent­li­chen Teil von Gott bzw. der Natur vor­pro­gram­miert, und es wäre dreist zu behaup­ten, dass sich dar­aus noch kei­ne Kon­flik­te erge­ben hätten.


Wir kom­men mit einer Rei­he simp­ler Wenn -> dann Regeln zur Welt, die uns dabei hel­fen sol­len, unse­ren Platz in der Welt zu fin­den und zu behaup­ten. Z.B. Wenn Hun­ger -> Schrei­en; Wenn Bauch­schmer­zen -> pres­sen; Wenn müde -> Augen zu; Wenn etwas schön -> angrei­fen; Wenn etwas inter­es­sant -> angrei­fen; Wenn haben wol­len -> neh­men usw.


Im Lau­fe der Zeit tau­chen in uns neue Regeln auf, die Gott dar­auf pro­gram­miert hat, zu einem bestimm­ten Zeit­punkt in Kraft zu tre­ten, z.B.: Wenn Weib­chen bzw. Männ­chen kommt -> taxie­ren; Wenn schön/​stark/​reich -> bal­zen; Wenn hart -> rein­ste­ckenbzw. Wenn feucht -> hin­le­gen usw.


Die meis­ten Regeln sind jedoch nicht alters­ge­bun­den, etwa: Wenn Raub­tier -> kämp­fen oder weg­lau­fen; Wenn Auto -> ein­stei­gen oder weg­lau­fen; Wenn Run­de -> wich­tig machen; Wenn Chef kommt -> schlei­men; Wenn selbst Chef -> schi­ka­nie­ren; Wenn ande­re Pri­vat­ge­sprä­che -> lau­schen; Wenn span­nend -> spä­ter Tratsch; Wenn harm­los -> ein­mi­schen; Wenn Kon­flikt -> nicht ein­mi­schen; Wenn Hil­fe­ruf -> tem­po­rär taub; Wenn Bett­ler -> weg­schau­en; Wenn sel­ber Bett­ler -> blöd schau­en; Wenn ver­däch­tig -> Schuld­spruch; Wenn selbst ver­däch­tig -> leug­nen; Wenn selbst schul­dig -> unschul­dig etc. 


Den Rest unse­res Lebens dür­fen wir uns von unse­ren Art­ge­nos­sen anhö­ren, dass die natür­li­chen Bedürf­nis­sen geschul­de­ten Pro­gram­me, die in uns ablau­fen, in hohem Maße feh­ler­haft, unmo­ra­lisch, unna­tür­lich oder pri­mi­tiv sind, wäh­rend unse­re von Oppor­tu­nis­mus getrie­be­nen Ver­hal­tens­mus­ter nur sel­ten auf Kri­tik sto­ßen, son­dern viel­mehr als Tugen­den ange­se­hen wer­den – wie sehr, hängt davon ab, wel­chen Grad der Dege­ne­ra­ti­on unser unmit­tel­ba­res Umfeld bereits erreicht hat. Wie­so sich für die Cho­reo­gra­phie die­ser geis­ti­gen und mora­li­schen Affen­tän­ze in Fach­krei­sen der Ter­mi­nus Gesell­schaft” durch­ge­setzt hat, erschließt sich mir einst­wei­len noch nicht.


Wie man ist, ist man für ande­re nicht rich­tig. was bei vie­len Men­schen zur Fol­ge hat, dass sie sich selbst falsch füh­len. Mit der Ein­sam­keit, die die meis­ten von uns zumin­dest hin und wie­der emp­fin­den, sind sie nicht allein. Jeder Mensch wird an den meis­ten Orten der Welt von den meis­ten ande­ren Men­schen als fremd­ar­tig, unan­ge­nehm und stö­rend betrach­tet. Was nur ver­steht, wer sich bewusst macht, wie ver­schie­den wir alle sind. Wir ähneln ein­an­der nur im bio­lo­gi­schen Auf­bau, See­le und Per­sön­lich­keit jedes Ein­zel­nen sind hin­ge­gen ein eige­ner Kos­mos mit eige­nen Gesetzen.


Das ist auch der Grund dafür, dass die Mehr­heit der Welt­be­völ­ke­rung in vie­len Nor­men und Geset­zen kei­ner­lei Sinn sieht, mit ihnen unzu­frie­den ist, sie ablehnt oder sich sogar über sie empört, was sich aller­dings nie her­um­spre­chen wird, weil der Ein­zel­ne die Mei­nung ver­tritt, mit sei­ner Unzu­frie­den­heit und sei­ner Empö­rung eine Ein­zel­mei­nung zu ver­tre­ten, und des­we­gen dar­auf ver­zich­tet, sie zu äußern.


Wenn wir wirk­lich die Kro­ne der Schöp­fung sind, ist Gott ein Com­mo­do­re 64.


Wenn in einer Run­de das The­ma Reiz­wör­ter dis­ku­tiert wird, habe ich eine pro­ble­ma­ti­sche Aus­gangs­po­si­ti­on, denn für mich ist Reiz­wort ein Reiz­wort. Heut­zu­ta­ge besteht zwar kei­ne gro­ße Gefahr, in einer Run­de in eine Dis­kus­si­on zum The­ma Reiz­wör­ter ver­wi­ckelt zu wer­den, da auf­grund der gesell­schaft­li­chen Umstän­de sel­ten Run­den zusam­men­tref­fen, und wenn sie es doch ein­mal tun, dann ver­mut­lich nicht, um das The­ma Reiz­wör­ter zu dis­ku­tie­ren. Aber man kann nie wis­sen, und des­we­gen ist es bes­ser, man übt bereits für die­se Dis­kus­si­on, soll­te man eines fer­nen, seu­chen­frei­en Tages an der Seehof-Tafel von sei­nem Sitz­nach­barn zum The­ma befragt werden.

Es kann eini­ges an Selbst­er­kennt­nis lie­fern, die eige­nen Asso­zia­tio­nen zu einem bestimm­ten The­ma auf­zu­schrei­ben. ohne lan­ge nach­zu­den­ken. Also, wel­che Reiz­wör­ter fal­len uns denn spon­tan ein, hmhm.

Penis, Vagi­na, Stolz, Ehre, Vor­schrift, links, Poli­zei, Ban­ken, Gericht, Erdogan

Der Zen­sur­be­reich mei­nes Gehirns schickt gera­de das Signal, fol­gen­de Nach­richt zu über­mit­teln: Halt die Pappen!

Der Zen­sur-Zen­sur­be­reich mei­nes Gehirns weist soeben mei­ne Fin­ger an, die­sen Satz und fol­gen­de Mit­tei­lung zu tip­pen: 1.) Wir rufen die unter­ge­ord­ne­te Zen­sur zur Ord­nung (wobei nicht der Inhalt, son­dern die Form ihrer Bot­schaft kri­ti­siert wird) und ver­wei­sen auf das gül­ti­ge Pro­le­ten­mo­ra­to­ri­um. 2.) Wir ersu­chen das Front Office bzw. die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ab­tei­lung, sol­che Asso­zia­ti­ons­ket­ten hin­künf­tig intern zu dis­ku­tie­ren, da sie bei Außen­ste­hen­den einen miss­ver­ständ­li­chen und ungüns­ti­gen Ein­druck hin­ter­las­sen könn­ten. Freundschaft!

Der Zen­sur­be­reich mei­nes Gehirns weist soeben mei­ne Fin­ger an, fol­gen­de Mit­tei­lung zu tip­pen: Freund­schaft? Gehts eh noch?

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Wenn mich mei­ne Uhr nicht auch ver­ar­schen will, habe ich den letz­ten Satz vor zehn Minu­ten geschrie­ben. An die Zeit dazwi­schen kann ich mich nicht erin­nern. Immer­hin hat mei­ne Recher­che vor dem Bade­zim­mer­spie­gel erge­ben, dass mein Kör­per kei­ne sicht­ba­ren Ver­let­zun­gen auf­weist, die auf Auto­ag­gres­si­on schlie­ßen las­sen könnten.

So. Nach­dem ich jetzt wie­der schrei­ben kann, was ich will (war­ten wir mal ab, wie lan­ge), wer­de ich das auch tun, äh, aha, okay, wer­de ich das tun. aber erst, nach­dem ich auf die Dop­pel­deu­tig­keit der letz­ten Klam­mer hin­ge­wie­sen habe.

Wenn ihr Urhe­ber der dienst­ha­ben­de Gehirn­be­reich – das Basis-Ich – ist, han­delt es sich um einen sar­kas­ti­schen Sei­ten­hieb in Rich­tung der Zen­sur­ab­tei­lung. Es könn­te jedoch die Zen­sur­ab­tei­lung selbst gewe­sen sein, die ihrer­seits dem Basis-Ich eine War­nung zukom­men las­sen woll­te. Wir wer­den es nie erfah­ren. (Heu­te sind wir aber extra dep­pert, ha? gez. Zen­sur Heu­te sind wir wie­der lus­tig! gez. Zensur-Zensur)

Ich wür­de die Lis­te mei­ner Reiz­wör­ter gern um die Begrif­fe Schi­zo­phre­nie und Zen­sur erwei­tern, aber ich darf nicht (So ist es, gez.: Zen­sur).

Ich zie­he es vor, das The­ma für heu­te ruhen zu las­sen (Wird gut sein! gez.: Zen­sur) und über etwas ande­res (Nein! gez.: Zen­sur)

Man sieht: Leicht habe ich es mit mir ja nicht


Bestimmt sind uns allen die bunt bebil­der­ten Ver­dum­mungs­ga­zet­ten ein Begriff, die schon seit der Bron­ze­zeit von unse­ren außer­ir­di­schen Wär­tern an Orten der sozia­len Begeg­nung aus­ge­legt wer­den, um Men­schen mit einer bereits vor­han­de­nen Geis­tes­schwä­che anzu­lo­cken und sie durch die Lek­tü­re von Horo­sko­pen, Foto­ro­ma­nen und Koch­re­zep­ten end­gül­tig zu kre­ti­ni­sie­ren. Sol­che Cha­rak­te­re sind beim kla­mauk­fi­xier­ten Ali­en-TV-Publi­kum beson­ders beliebt, wes­we­gen stets Bedarf an neu­en Come­dy-Dar­stel­lern besteht.


An einem der trü­ben ost­stei­ri­schen Ver­zweif­lungs­nach­mit­ta­ge, als ich noch einen Schü­ler­aus­weis, Groß­el­tern, einen guten Ruf und Kopf­haa­re hat­te, las ich beim Fri­seur unter strengs­ten geis­ti­gen Sicher­heits­maß­nah­men in einer die­ser intel­lek­tu­el­len Mau­se­fal­len einen pseu­do­wis­sen­schaft­li­chen Arti­kel. Dar­in wur­de behaup­tet, Men­schen wür­den nach einem 7‑Jah­res-Zyklus leben, und des­we­gen wür­den vie­le Ehen nach sie­ben Jah­ren schei­tern. Doch nicht nur Geist und See­le wan­deln sich in die­sem Zeit­raum, hieß es wei­ter, son­dern sämt­li­che Zel­len unse­res Kör­pers wür­den inner­halb von sie­ben Jah­ren aus­ge­tauscht, sodass man alle sie­ben Jah­re auch phy­sio­lo­gisch ein ganz neu­er Mensch wäre.


Ob das stimmt, weiß ich nicht. Wenn ich mich jemals gehäu­tet oder an mir ande­re Anzei­chen einer dra­ma­ti­schen Meta­mor­pho­se beob­ach­tet hät­te, wäre ich der Sache viel­leicht nach­ge­gan­gen, aber sogar da bin ich mir kei­nes­wegs sicher. Dem mensch­li­chen Kör­per stand ich schon immer kri­tisch gegen­über, vor allem mei­nem eige­nen. Den habe ich zu tole­rie­ren gelernt, aber mit den meis­ten Fremd­kör­pern will ich nichts zu tun haben, oder nur in Aus­nah­me­fäl­len, unter bestimm­ten Umstän­den und mit klar defi­nier­ten Zielen.


Das Basis­mo­dell des mensch­li­chen Kör­pers sieht aus wie etwas, das ein ver­ka­ter­ter Gott aus einem Brot­teig geformt und dann man­gels Ver­wen­dungs­zweck lie­gen­ge­las­sen hat, und die Per­sön­lich­keit, die in die­sem Hohl­raum ein­ge­schlos­sen ist, macht den Gesamt­ein­druck in den meis­ten Fäl­len auch nicht eben bes­ser. Iso­liert betrach­tet, erfül­len höchs­tens zwei oder drei Kör­per­tei­le die im Uni­ver­sum gän­gi­gen ästhe­ti­schen Min­dest­an­for­de­run­gen an das Leben, was nie­mand bestrei­ten wird, der sich jemals eine rie­si­ge Salat­schüs­sel vol­ler Ohren oder einen Akten­kof­fer vol­ler gro­ßer Zehen vor­ge­stellt hat. Ein Kör­per­stan­dard, der inte­grier­te Füße erlaubt, ist in höher ent­wi­ckel­ten Zivi­li­sa­tio­nen schon seit lan­ger Zeit undenk­bar, und ich hof­fe, die­se Norm setzt sich auch bei uns eines Tages durch.


Kör­per sind eine evo­lu­tio­nä­re Sack­gas­se. Sie sind fra­gil, unzu­ver­läs­sig, war­tungs­auf­wän­dig, mani­pu­la­ti­ons­an­fäl­lig und in der Erhal­tung viel zu teu­er. Nicht nur benö­ti­gen sie eine jeder­zeit zugäng­li­che Gara­ge sowie eine regel­mä­ßi­ge Zu- und Abfuhr von Ener­gie, über­dies macht sie ihr erheb­li­ches Ruhe­be­dürf­nis täg­lich für sechs bis acht Stun­den unbe­nütz­bar. Bis sie nach ihrer Pla­nung und Her­stel­lung voll­stän­dig betriebs­be­reit sind, ver­geht knapp ein Vier­tel ihrer durch­schnitt­li­chen Halt­bar­keits­zeit, und ihre Leis­tungs­kraft beginnt früh zu sin­ken. Abge­se­hen davon, dass sie uns mit Mobi­li­tät aus­stat­ten, sind sie für wenig zu gebrau­chen, und mit der Auf­zäh­lung ihrer Vor­zü­ge ist man schnell fer­tig. Essen kann zu die­sen zäh­len, führt aber nicht sel­ten auch zu nega­ti­ven Erfah­run­gen. Fer­ner schät­zen vie­le Men­schen Bewe­gung und deren posi­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf ihre Stim­mung, aber dabei han­delt es sich schlicht­weg um Per­so­nen, die noch kei­ne Erfah­run­gen mit dem Kon­sum psy­cho­tro­per Sub­stan­zen gemacht haben.


Nicht dezi­diert gelun­gen, aber viel­ver­spre­chend fin­de ich per­sön­lich nur die Sexu­al­funk­ti­on, die selbst nach Jahr­zehn­ten kaum an Attrak­ti­on ver­liert. Es gibt zahl­lo­se Unter- und Sei­ten­va­ri­an­ten, sodass für jeden etwas Pas­sen­des dabei ist. Ich begrü­ße es beson­ders, wenn zwi­schen mei­ner jewei­li­gen Part­ne­rin und mir auf­grund ihrer bzw. unse­rer indi­vi­du­el­len Vor­lie­ben die Ver­ein­ba­rung besteht, dass ich mich zu mei­ner Bedürf­nis­be­frie­di­gung jeder­zeit und ganz nach mei­nem Belie­ben ihres Kör­pers bedie­nen kann und soll, wobei ihrem Wunsch ent­spre­chend zwi­schen uns ein har­mo­nie­ar­mes, kon­sens­de­fi­zi­tä­res Ver­hält­nis simu­liert wird, in dem mir die domi­nan­te Rol­le zukommt und in dem weder Grob­heit noch Hier­ar­chie die gewohn­te Äch­tung erfahren.


Die Tat­sa­che, dass die rück­sichts­lo­se Behand­lung ihres Kör­pers durch eine ande­re Per­son im Zen­trum der sexu­el­len Phan­ta­sien vie­ler Men­schen steht, lässt mei­nes Erach­tens den Schluss zu, dass unser Geist unse­ren Kör­per aus­schließ­lich als unter­ge­ord­ne­tes, ja recht­lo­ses Instru­ment ansieht. Und das lässt wie­der­um mei­ne Neu­gier wachsen.


Wer sind wir wirklich?


Ange­wohn­hei­ten kann man sich abge­wöh­nen, des­halb hei­ßen sie so. Die schlech­ten Ange­wohn­hei­ten, die man an sich selbst bemerkt, hat man schon ewig, die wird man nicht mehr los. Ich habe mich schon in frü­hes­ter Kind­heit dem Las­ter des Grü­belns erge­ben, und wenn man damit ein­mal ange­fan­gen hat, ist es zu spät. Wenn ein Kopf denkt, denkt er weiter.

Beim Den­ken kann man viel ler­nen, wenn man kann. Kön­nen setzt frei­lich Wol­len vor­aus, denn wer nicht will, der kann nicht, das ist auf vie­len Gebie­ten zu beob­ach­ten. Mit Wol­len allein kommt man aber auch nicht weit, selbst wenn man etwas so sehr will, dass man Gott mit Gebe­ten beläs­tigt. Weder der Glau­be noch schie­rer mensch­li­cher Wil­le haben jemals auch nur einen ein­zi­gen Berg ver­setzt, die­ser Unsinn wur­de viel­mehr bereits im Mit­tel­al­ter von schalk­haf­ten Hand­lungs­rei­sen­den ver­brei­tet, die in vor­wie­gend von ehr­gei­zi­gen Bau­ernt­öl­peln und fri­gi­den Bet­sch­wes­tern besie­del­ten Land­stri­chen ihre Rest­pos­ten von über­teu­er­ten Moti­va­ti­ons­vi­de­os und selbst­ge­brann­ten CDs mit reli­giö­sen Gesän­gen absto­ßen woll­ten. Auf sol­chen Schnick­schnack ist nichts zu geben.

Wer will, der muss kön­nen. Es gilt mitt­ler­wei­le als gesi­cher­te Tat­sa­che, dass der in der Welt vor­rä­ti­ge Bestand an Wol­len jenen des Kön­nens um ein Viel­fa­ches über­steigt. Wo Gutes gedei­hen soll, muss zwi­schen Wol­len und Kön­nen ein gesun­des Gleich­ge­wicht herr­schen, und in extre­men Fäl­len macht die Abwe­sen­heit des einen die Exis­tenz des ande­ren zum Aus­gangs­punkt einer mensch­li­chen Tra­gö­die. Mir ist jeden­falls kein Ereig­nis bekannt, des­sen tra­gi­scher Cha­rak­ter nicht eng mit mensch­li­chen Kom­pe­tenz­män­geln oder unzu­rei­chen­der Hand­lungs­be­reit­schaft eines Indi­vi­du­ums oder einer Insti­tu­ti­on ver­bun­den gewe­sen wäre. Das spie­gelt sich in der Geschich­te, in der Kunst und in den Mythen wider, von Adam und Eva über Anti­go­ne, Min­ne­sang, Bäcker­schup­fen, die Spa­ni­sche Inqui­si­ti­on, Don Qui­jo­te, Othel­lo, die Pra­ger Fens­ter­stür­ze bis zu Mayerling.

Wäre der öster­rei­chi­sche Kron­prinz Rudolf lie­ber leben­dig als tot gewe­sen, hät­te er im Jän­ner 1889 weder Mary Vets­e­ra noch sich selbst erschos­sen, der Baro­ness wäre die post­mor­ta­le Kutsch­fahrt zurück nach Wien erspart geblie­ben, Franz Fer­di­nand hät­te im Juni 1914 nicht unbe­dingt nach Sara­je­vo fah­ren wol­len, und wenn doch, hät­te ihn ruhig jemand erschie­ßen kön­nen, denn er wäre ja nicht als Thron­fol­ger, son­dern als gewöhn­li­cher Tou­rist dahin­ge­schie­den. Weil das Atten­tat auf den täto­wier­ten Nichts­nutz zwar mut­maß­lich Tau­sen­den Tie­ren das Leben geret­tet, jedoch kei­nen Welt­krieg aus­ge­löst hät­te, hät­te Gav­ri­lo Princip aber bestimmt jemand ande­ren als den fana­ti­schen Jäger und Klep­to­ma­nen erschie­ßen wollen.

Ohne Sara­je­vo kein Ers­ter Welt­krieg, ohne Ver­trag von Ver­saille kein Zwei­ter Welt­krieg und bestimmt auch weni­ger oder sogar über­haupt kein Hit­ler, und ob es dann noch eine Atom­bom­be, einen Kal­ten Krieg, eine Mond­lan­dung und Swin­ger­clubs gege­ben hät­te, wis­sen wir nicht.

Und war­um das alles? Weil ein ein­zi­ger Mensch zu viel und zu lan­ge nach­ge­dacht hat. Oder viel­leicht nicht lan­ge genug.


Neu­lich erin­ner­te ich mich an einen Jahr­zehn­te zurück­lie­gen­den Gerichts­pro­zess, in dem eine Frau ange­klagt war, ihren Gemahl mit Mes­ser­sti­chen lebens­ge­fähr­lich ver­letzt zu haben. Im Zuge der Ver­hand­lung wur­de bekannt, dass die Frau den Mann regel­mä­ßig mit allen erdenk­li­chen Gegen­stän­den ver­dro­schen hat­te, vom Schür­ha­ken bis zum Nudel­holz, vor allem, wenn er es ver­ab­säumt hat­te, genug Most ein­zu­kau­fen, für den die Frau eine Schwä­che hat­te. Um die­sen Miss­hand­lun­gen etwas ent­ge­gen­zu­set­zen, war der Mann schließ­lich dazu über­ge­gan­gen, nachts mit einem Sturz­helm auf dem Kopf zu schla­fen. Sturz­hel­me schüt­zen jedoch nicht vor Mes­ser­sti­chen in den Bauch. Das hat der Mann wohl bemerkt, es sich aber nicht lan­ge gemerkt, denn seit die Frau aus der Haft ent­las­sen wur­de, leben die bei­den wie­der zusam­men wie eh und je.


Heu­te müss­te das alles nicht mehr pas­sie­ren. Wenn nachts im Haus ein kri­ti­scher Man­gel an Most oder fes­ter Nah­rung für Pogrom­stim­mung sorgt, kann man nach dem Ver­bot außer­häus­li­cher Gas­tro­no­mie das Ange­bot von Zustell­diens­ten in Anspruch neh­men, zumin­dest solan­ge die Aus­lie­fe­rung von zube­rei­te­ten Spei­sen noch kei­nen Geset­zes­ver­stoß dar­stellt. Der eine oder ande­re Zustel­ler hat bestimmt Most vor­rä­tig, und ein stei­ri­sches Sprich­wort, das gera­de erfun­den wird, lau­tet: Schmeckt der Most, schweigt das Messer.”


Und: Es muss nicht immer Most sein. Aus­wahl gibt es reich­lich. Mjam und Lie­fe­r­an­do lis­ten hun­der­te Restau­rants, die in Wien Piz­za, Schnit­zel, Ham­bur­ger, gebra­te­ne Tier­bei­ne und auch sonst alles aus­lie­fern, was der Gour­met zu schät­zen weiß. Und geschätzt wird das Ange­bot offen­bar. So ziem­lich jedes Lokal, das auf den Web­sei­ten von Zustell­zen­tra­len bewor­ben wird, hat her­vor­ra­gen­de Kun­den­re­zen­sio­nen. 4 von 5 Ster­nen sind die Regel, man­che Loka­le freu­en sich über 5 Ster­ne, angeb­lich basie­rend auf den Bewer­tun­gen meh­re­rer Tau­send zufrie­de­ner Gäste.


Mich über­rascht das, muss ich zuge­ben. Mei­ner Erfah­rung nach besteht zwi­schen der Qua­li­tät des Essens, das man als Insas­se der öster­rei­chi­schen Haupt­stadt gelie­fert bekommt, und der der Seehof-Küche ein gewis­ser Unter­schied (das ist wahr­schein­lich der euphe­mis­tischs­te Satz, den ich je geschrie­ben habe). Dass ich nie­man­den ken­ne, der für einen bestimm­ten Essens­zu­stel­ler schwärmt, liegt eher nicht dar­an, dass ich weni­ge Men­schen ken­ne, son­dern dass weni­ge Men­schen gute Essens­zu­stel­ler kennen.


Nahe Ver­wand­te, Ange­hö­ri­ge der Kriegs­ge­nera­ti­on, haben mir in mei­ner Kind­heit ein­ge­schärft, dass Fle­xi­bi­li­tät eine der wich­tigs­ten Eigen­schaf­ten des Men­schen ist. In Zei­ten der Not muss man sich anpas­sen, darf man nicht zu wäh­le­risch sein, man muss neh­men, was kommt und wie es kommt. Frü­her habe ich die Trag­wei­te sol­cher Mah­nun­gen nicht begrif­fen, jetzt sehe ich die Sache kla­rer: Häss­li­che Men­schen und schlech­te Köche war­ten ihr Leben lang auf Atom­ka­ta­stro­phen, Krie­ge und den Aus­bruch von Seu­chen, damit sie end­lich irgend­je­man­dem ihre Gene oder in anti­kem Fett gegar­te Hüh­ner andre­hen können.


Also: Ent­we­der sind die 4362 5‑S­ter­ne-Bewer­tun­gen für das Gast­haus zur Sal­mo­nel­le des Satans und ver­gleich­ba­re Eta­blis­se­ments das Ergeb­nis schur­ki­scher Wahl­fäl­schung durch Bots, oder die Gäs­te hat­ten bei der Stimm­ab­ga­be gera­de coro­nabe­dingt ihren Geschmacksinn ein­ge­büßt. Oder es han­delt sich um Fäl­le früh­zei­ti­ger Ver­klä­rung der Ver­gan­gen­heit. Sehr früh­zei­tig. Nach Ende einer Lie­bes­be­zie­hung dau­ert es zumin­dest ein paar Mona­te, bis unse­re Erin­ne­rung uns vor­gau­kelt, eigent­lich wäre ja doch vie­les sehr schön gewe­sen. Des­we­gen ist es so wich­tig, Tage­buch zu füh­ren. Es ist aber nicht nur wich­tig, ein Tage­buch zu füh­ren. Es ist genau­so wich­tig, in spä­te­ren Zei­ten die­ses Tage­buch auch zu lesen. Dar­in kann man dann lesen, ob die Piz­za vom Würs­tel­stand ihr Geld wirk­lich wert ist und ob man ohne Sturz­helm geschla­fen hat.

Ges­tern oder vor­ges­tern hat­te ich Geburts­tag, genau am glei­chen Tag wie im Jahr zuvor und wie vor zwei und vor drei Jah­ren. An die Zeit davor erin­ne­re ich mich nur bruch­stück­haft. Trotz­dem sehe ich mich eher im Lager der rigi­den Rea­lis­ten, die die Ansicht ver­tre­ten, ich hät­te auch davor schon Geburts­tag gehabt. Ob es stimmt? Das war noch nie die Frage.

Hein­rich Schlie­mann, der zwar nicht Tro­ja, aber dafür den legen­dä­ren Kup­fer­schatz von Raven­na ent­deck­te, eine Samm­lung von 24 gut erhal­te­nen Kup­fer­mün­zen, die die Prä­gung 172 a. Chr. n tra­gen, gab lan­ge vor der Ent­wick­lung des Com­pu­ters zu beden­ken, nie­mand kön­ne wis­sen, ob ihm nicht von einer unbe­kann­ten Macht eine Maschi­ne ein­ge­setzt wor­den sei, die Erin­ne­run­gen an eine nie statt­ge­fun­de­ne Ver­gan­gen­heit simu­lie­re. Ich bin so froh, dass ich das nicht auch glau­be, ich habe wirk­lich schon genug Probleme.

Wenn mir im nächs­ten Fasching lang­wei­lig ist, könn­te ich aller­dings so tun, als hiel­te ich das für plau­si­bel. Sol­che Ideen haben ja nicht nur Män­gel. Dass es sich bei uns Men­schen um fern­ge­steu­er­te Appa­ra­te han­delt, könn­te ich mir durch­aus vor­stel­len, ergä­be dies nicht ein gera­de­zu gro­tesk unöko­no­mi­sches Rea­li­täts­mo­dell. Aber immer­hin eines, das eine logisch klin­gen­de Erklä­rung für die Ver­än­de­rung der Gegen­wart auf dem Trans­port­weg in die His­to­rie lie­fert. Tja, und nach Erklä­run­gen sind wir alle, ist unse­re Spe­zi­es, man muss es beken­nen, auf schon dümm­li­che Wei­se süch­tig. Wür­den wir wir dar­über nach­den­ken, müss­te uns auf­fal­len, dass in allen Berei­chen unse­rer Welt, unse­rer Wahr­neh­mung, unse­rer Wirk­lich­keit frü­her oder spä­ter alle Erklä­run­gen wider­legt wur­den und wider­legt wer­den. Dass wir den­noch jede neue Erklä­rung für ein End­ergeb­nis hal­ten, hat bestimmt schon so man­chen Melan­cho­li­ker dazu gebracht, sich auf dem Höhe­punkt eines Lach­kramp­fes zu entleiben. 

Gut, das bringt uns jetzt nicht wei­ter. Ich habe aber auch nichts ande­res behauptet.

Ob man sich auf Ver­schwö­rungs­theo­rien aus­ruht oder sich lie­ber ein modu­la­ri­sier­tes Indi­vi­du­al­welt­bild mit inte­grier­tem Reli­gi­ons­kern bas­telt, ist egal, denn letzt­lich führt jedes Kon­zept, das sich die Men­schen zur Bewäl­ti­gung von Furcht, Unsi­cher­heit und Zwei­feln aus­ge­dacht haben, ins Lee­re. In Wahr­heit sind wir alle auf der Suche nach etwas, was uns bei der Zäh­mung des Todes hilft. Viel wer­den wir da nicht fin­den, denn abge­se­hen von Lie­be, Sexua­li­tät und Kunst besteht das Leben aus Belang­lo­sig­kei­ten, Aber­glau­ben, selbst insze­nier­ten Ablen­kungs­ma­nö­vern und einer end­lo­sen Rei­he von schlech­ten Ent­schei­dun­gen guter Men­schen, die ande­re gute Men­schen so lan­ge zer­mür­ben, bis aus ihnen unan­ge­neh­me Men­schen gewor­den sind.

Mein Geburts­tag war übri­gens anstren­gend. Ich ver­brach­te ihn allein bzw. mit dem Gedan­ken, dass wir nur des­halb nach einer Waf­fe gegen den Tod und die Lee­re suchen, weil wir so pro­gram­miert wur­den, und dass wir des­halb so pro­gram­miert wor­den sind, weil es die­se Waf­fe tat­säch­lich gibt. Weil sie ver­schol­len ist, und weil jemand uns ein­setzt, um sie zu fin­den, so wie wir Bak­te­ri­en ein­set­zen, um Krank­hei­ten zu bekämpfen.

Das ist kein schö­ner Gedan­ke. Den­ken Sie ein biss­chen dar­an herum.


Es gibt über­all ein Drin­nen und ein Drau­ßen. Wer drau­ßen ist, will irgend­wann hin­ein, wer drin­nen ist, will frü­her oder spä­ter wie­der hinaus.

Vie­le befin­den sich gera­de in einem Über­gangs­sta­di­um und man­che wis­sen nicht, in wel­che Rich­tung sie unter­wegs sind. Das liegt dar­an, dass sie mehr Zeit als frü­her zuhau­se ver­brin­gen, wo sie zwar einer­seits drin­nen sind, aber ande­rer­seits trotz­dem das Gefühl haben, drau­ßen zu sein, weil sich in ihnen der Ein­druck ver­fes­tigt, aus ihrem frü­he­ren Leben wie auch aus dem Leben der ande­ren ver­jagt wor­den zu sein.

Für man­che ist das eine Kata­stro­phe, bei mir ist es ein Dau­er­zu­stand. Ein Schrift­stel­ler ist sowie­so immer zugleich drau­ßen und drin­nen, jeden­falls bis er nir­gends mehr ist.

Für die meis­ten Men­schen hat sich im letz­ten Jahr vie­les ver­än­dert, und sie haben Schwie­rig­kei­ten, sich dar­an zu gewöh­nen. Nor­ma­ler­wei­se bedeu­tet Ver­än­de­rung, dass etwas Neu­es an die Stel­le des Alten tritt, aber mit der all­ge­mei­nen Inter­nie­rung ist in unse­rem Leben etwas weg­ge­bro­chen, ohne durch etwas ande­res ersetzt wor­den zu sein. So sehen es zumin­dest jene, die Lücken und Lee­re für nichts hal­ten. Das kann jedoch schon des­halb nur ein Irr­tum sein, weil sich Men­schen das Nichts nicht vor­stel­len können.

Die Lee­re, die uns zu schaf­fen macht, resul­tiert aus dem zuneh­men­den Man­gel an Ablen­kung von uns selbst. Frü­her konn­te man sich selbst leich­ter ver­ges­sen. Wenn man nichts mit sich zu tun haben woll­te, und wir wol­len meis­tens nichts mit uns zu tun haben, schloss man sich einer Grup­pe an. Das tun Men­schen all­täg­lich und in guter Absicht. Sie arbei­ten in der Regel nicht iso­liert, son­dern mit ande­ren zusam­men, sie gehen abends mit Freun­den essen, und um nachts nicht allein zu sein, hal­ten sich die meis­ten einen Part­ner, den sie nicht unbe­dingt lie­ben, aber erst dann aus­tau­schen, wenn schon Ersatz bereit­steht. Die Haupt­auf­ga­be der Men­schen, die wir lie­ben, besteht dar­in, uns von uns selbst abzu­len­ken, denn Frie­den fin­den wir nur kurz­fris­tig und nur dann, wenn wir uns selbst ver­ges­sen können.

Ich will nicht ganz aus­schlie­ßen, dass in die­sen Betrach­tun­gen ein pes­si­mis­ti­scher Unter­ton zu hören ist. Für Pes­si­mis­mus gibt es aber kei­nen Anlass, im Gegen­teil. Je mehr Men­schen auf sich selbst zurück­ge­wor­fen sind und dadurch gezwun­gen wer­den, sich selbst wie­der ernst zu neh­men, je mehr begin­nen, ihre Posi­ti­on auf dem Weg zwi­schen Wie­ge und Bah­re zu über­prü­fen, je mehr sich wie­der als Indi­vi­du­um wahr­neh­men, statt sich nur von außen zu betrach­ten, je mehr auf­hö­ren, die Ver­gan­gen­heit für einen Traum und die Zukunft für ein Gerücht zu hal­ten, je mehr Men­schen es gelingt, ihre Angst vor dem Urteil ande­rer zu über­win­den und ihre Ver­letz­lich­keit nicht mehr hin­ter Zynis­mus zu ver­ste­cken, des­to grö­ßer wird die Zahl derer, die die Welt ver­än­dern wollen. 

Das ist näm­lich längst fällig.


Es gibt ein Witz­bild, das ein Ehe­paar in der Pra­xis eines Psych­ia­ters zeigt. Der Psych­ia­ter weint fast vor Lachen, als er den bei­den eröff­net: Nein, Ihr Kind ist nicht hoch­be­gabt. Sie sind nur sehr, sehr dumm.”


Frü­her dach­te ich, ich wäre des­halb sel­ten glück­lich, weil ich intel­li­gent bin. Mir war zwar klar, dass die­se The­se ihre Schwach­stel­len hat, aber ich wuss­te nicht, wo sie ver­bor­gen sind – abge­se­hen natür­lich von der Mög­lich­keit, weni­ger intel­li­gent zu sein als ange­nom­men, für die­sen Gedan­ken war ich immer­hin intel­li­gent genug.


Heu­te glau­be ich, wenn man klug genug ist, könn­te man Wege fin­den, um alles aus dem Weg zu räu­men, was dem Glück im Wege steht. Intel­li­genz mag eine Bür­de sein, aber ab und zu ergibt sich für sie ein Ver­wen­dungs­zweck. Man kann die Natur­ge­set­ze nicht ändern, man hat über die Kon­ti­nen­tal­ver­schie­bung kei­ne Macht, man kann nie­man­den zur Lie­be zwin­gen, aber man kann die Grün­de dafür ver­ste­hen ler­nen, war­um etwas so oder so geschieht, und zu wis­sen, war­um etwas geschieht, ist die Basis dafür, mit der Welt halb­wegs in Frie­den zu leben. Als Kühl­schrank­ma­gnet­for­mu­lie­rung emp­feh­le ich: Der Schlüs­sel zum Glück ist Wahrheit.


Tat­säch­lich begeg­net man sel­ten jeman­dem, der von sich sagt, er sei geis­tig von unter­durch­schnitt­li­cher Leis­tungs­fä­hig­keit. Das wäre auch para­dox, denn wir sind prin­zi­pi­ell nicht in der Lage nach­zu­voll­zie­hen, wie es ist, klü­ger zu sein, weil wir dazu nicht klug genug sind. Man könn­te daher schluss­fol­gern, dass 100 Pro­zent der Men­schen der Ansicht sind, zur klü­ge­ren Hälf­te der Bevöl­ke­rung zu gehö­ren, und die Dun­kel­zif­fer derer, die sich da täu­schen, wür­de Fach­leu­ten zufol­ge bei 50 Pro­zent liegen.


Es fragt sich, wie man fest­stel­len könn­te, ob man recht hat. Die eige­ne Mei­nung bezüg­lich der eige­nen Intel­li­genz ist nicht ganz frei von Sub­jek­ti­vi­tät, und die Mei­nung ande­rer wird durch die Tat­sa­che rela­ti­viert, dass es sich bei ihnen eben­falls um Idio­ten han­deln könn­te, die so dumm sind, dass sie sich selbst für klug und Men­schen, die anders sind als sie selbst, für dumm hal­ten. Wahr­schein­lich bleibt einem nichts ande­res übrig, als das Leben vor­sichts­hal­ber im stän­di­gen Bewusst­sein zu leben, mög­li­cher­wei­se ein Dumm­kopf zu sein, Man soll­te sich das aller­dings auf­schrei­ben und den Zet­tel immer bei sich füh­ren, um in kri­ti­schen Situa­tio­nen den Schutz des Selbst­zwei­fels bean­spru­chen zu können.


Nein, so klappt das wahr­schein­lich nicht. Ganz abge­se­hen davon, dass man bei einem hohen Blöd­heits­ko­ef­fi­zi­en­ten kri­ti­sche Situa­tio­nen nicht zeit­ge­recht als sol­che zu iden­ti­fi­zie­ren ver­mag, schei­tert die­ses Infor­ma­ti­ons­mo­dell dar­an, dass man zu dumm ist, um dar­an zu den­ken, den Zet­tel stän­dig in der Hand zu hal­ten. Und wenn man es doch schafft, lässt man ihn frü­her oder spä­ter irgend­wo lie­gen, und die lebens­wich­ti­ge Infor­ma­ti­on wäre für immer ver­lo­ren. Alter­na­ti­ven? Täto­wie­ren könn­te klap­pen. Es stellt sich aller­dings die Fra­ge: Will man das wirk­lich? Ein Tat­too auf dem Unter­arm oder auf dem Hand­rü­cken, das verkündet:


DU BIST MÖG­LI­CHER­WEI­SE EIN IDIOT!


Auf Dau­er ist das viel­leicht kränkend.


Manch­mal muss man etwas bloß anders ausdrücken:


ICH BIN MÖG­LI­CHER­WEI­SE EIN IDIOT!


Nein, ich glau­be, das ist auf Dau­er auch kränkend.


Man stel­le sich vor, man will wis­sen, wie spät es ist, und wenn man nach­sieht, zack! Du bist mög­li­cher­wei­se ein Idi­ot! Ja, mög­li­cher­wei­se ist man das, aber das woll­te man gera­de gar nicht wis­sen, man woll­te wis­sen, wie spät es ist. Von exis­ten­ti­ell bedeut­sa­men Situa­tio­nen gar nicht zu reden, es kann sich ja jeder aus­ma­len, wel­che Kon­se­quen­zen so eine Täto­wie­rung bei Dates oder Vor­stel­lungs­ge­sprä­chen haben könnte.


Ich stel­le fest, ich fin­de kei­ne Lösung. Ich weiß nicht, ob ich ein Dödel oder ein Genie bin, und ich wer­de es nie wissen.


Sta­tis­tisch betrach­tet ist die Sache klar: Sta­tis­tisch betrach­tet soll­te ich die Sache lie­ber nicht sta­tis­tisch betrachten.


Wenn ich im Seehof die Nacht beauf­sich­ti­ge, damit sie kei­nen Unfug treibt, bin ich mit Zeit und Raum im Ein­klang. Meis­tens. Andern­orts kommt es vor, dass ich, kaum wird es drau­ßen dun­kel, mit Zeit und Raum zer­strit­ten bin. Tags­über habe ich ent­we­der an der Zeit oder am Raum etwas aus­zu­set­zen, aber nicht an bei­den zugleich. Kurz gesagt, nachts sind die Din­ge ent­we­der gut oder schlecht, tags­über sind sie zur Hälf­te gut, zur Hälf­te schlecht, und es gilt nur die Fra­ge zu klä­ren, ob ich am fal­schen Ort oder in der fal­schen Zeit bin.
Wie die meis­ten Men­schen bin ich sel­ten glück­lich. Wenn ich glück­lich bin, bin ich es eher nachts als tags­über. Und wenn ich unglück­lich bin, bin ich es dann, wenn die Welt hin­ter den Fens­tern so schwarz ist, dass es kei­nen Beweis für ihre Exis­tenz mehr gibt.Tagsüber bin ich viel­leicht ver­är­gert, wütend, rat­los, aber ich kapi­tu­lie­re nicht. Wenn es hell ist, bin ich manch­mal begeis­tert, erfreut, fröh­lich, zufrie­den, aber ich schwe­be nicht wunsch­los über der Welt.
In der Wirt­schaft heißt es, die bei­den mensch­li­chen Emo­tio­nen, die die Märk­te bestim­men, sei­en Angst und Gier. Für bei­de bin ich Sach­ver­stän­di­ger, und als sol­cher sage ich, sie bestim­men nicht nur das Gesche­hen an Bör­sen, son­dern auch das der rest­li­chen Welt.
Die meis­ten Men­schen rin­gen mit die­sen Emo­tio­nen, anstatt ihnen zuzu­se­hen, wie sie sich gegen­sei­tig neu­tra­li­sie­ren. Vie­le fürch­ten die Angst und ver­ach­ten die Gier, bei man­chen ist es umge­kehrt, und sie alle über­se­hen das Wesent­li­che. Angst und Gier haben ihre Exis­tenz­be­rech­ti­gung, weil sie Werk­zeu­ge sind, die sich der Ver­stand zunut­ze machen kann und soll, auf dass sich der Mensch in der Welt zurecht­fin­den möge. Ob er es tut, ist ein ande­res The­ma.
In Wahr­heit ver­hält es sich näm­lich umge­kehrt. Was macht Angst und Gier so beson­ders? Es sind Gefüh­le, die das Kom­man­do über unser Den­ken und Han­deln über­neh­men kön­nen. Wir nei­gen daher dazu, nur ihrer nega­ti­ven Bot­schaft Beach­tung zu schen­ken, die in ihrem tri­vi­als­ten Kos­tüm etwa so aus­sieht: Sei brav! Etwas genau­er for­mu­liert: Du sollst nicht gie­rig sein, du sollst nicht unvor­sich­tig sein. Aber die­ses Prin­zip ist auch in die ande­re Rich­tung gül­tig: Du sollst nicht zu ängst­lich und nicht zu beschei­den sein. Und um uns dabei zu unter­stüt­zen, scheint die Gier erfun­den wor­den zu sein.
Wem auch immer das ein­ge­fal­len sein mag, er oder sie hat es bestimmt gut gemeint.
Man braucht nur einen Blick in die Zei­tung zu wer­fen: Gier und Angst wei­sen noch erheb­li­che Schwach­stel­len auf. Wenn wir ehr­lich sind: Die gan­ze mensch­li­che Gefühls­welt ist eine Bau­stel­le. Was selt­sam erscheint.
Was macht ein Block­chain-Ent­wick­ler, bevor er sein Werk zur Benut­zung im Main­net frei­gibt? Er wird es tes­ten, es sei denn, er heißt And­re Cron­je. Er fährt das Test­net hoch, beob­ach­tet eini­ge Wochen lang das Gesche­hen im Netz­werk, bis er kei­ne Feh­ler mehr fin­det, und erst dann steht das Main­net an. Was pas­siert, wenn Mer­ce­des ein neu­es Modell auf den Markt bringt? Sie tes­ten es, bis das Auto auf dem Dach oder der Elch im Kran­ken­haus liegt, und nur wenn das edle Tier ver­lo­ren hat, erfolgt die Frei­ga­be des Pro­to­typs für die Seri­en­pro­duk­ti­on.
Unse­re Welt lei­det dage­gen nicht nur unter einer kata­stro­pha­len Pegelung unse­rer Gefüh­le, son­dern gene­rell an einer so mons­trö­sen Men­ge von Sys­tem­feh­lern, dass man sich fragt, wie um Him­mels Wil­len unser Schöp­fer die­se Bas­te­lei sei­nem Auf­sichts­rat als Main­net-taug­li­che Welt ver­kau­fen konn­te. Das fragt man sich aber nur, bis einem der wah­re Sach­ver­halt klar wird.
Wir sind das Testnet.

Auf der Suche nach der But­ter ent­deck­te ich heu­te Mor­gen im Bücher­re­gal die Jubi­lä­ums­aus­ga­be einer avant­gar­dis­ti­schen Lite­ra­tur­zeit­schrift, die mir irgend­ei­ner mei­ner Fein­de unter­ge­ju­belt haben muss (bestimmt ich selbst). Das Jubi­lä­um liegt schon eini­ge Jubi­lä­en zurück, theo­re­tisch zumin­dest, ich weiß ja nicht, ob es die­se Zeit­schrift noch gibt bzw. noch lan­ge gege­ben hat. Neu­gie­rig, ob womög­lich einer der expe­ri­men­tel­len Tex­te ent­hal­ten sei, die zu schrei­ben ich mich in der Ado­les­zenz erdreis­tet hat­te, über­flog ich das Inhaltsverzeichnis.


Sei­te 8: Sei­te 8. S.8


Ein ers­ter Schock. Hat­te ich auf der Suche nach Ori­gi­na­li­tät nicht nur mei­nen Text, son­dern auch mich selbst nach der Sei­te benannt, auf der er gedruckt war? Aus­zu­schlie­ßen war das nicht. Ich hat­te schon immer vie­le Ideen gehabt, und wenn sie nicht gut waren, waren sie schlecht.


Ich schlug die Sei­te 8 auf und las.


Es war noch schlim­mer als befürch­tet. Die Hand­lung der Geschich­te war ver­mut­lich von Tho­mas Bern­hard erschos­sen wor­den, ich stieß nicht ein­mal auf Lei­chen­tei­le. Es schien um irgend­ei­nen Idio­ten zu gehen, der der Mei­nung war, das Zim­mer, in dem er sich befand, sei ein Autoreifen.


Falls das wirk­lich von mir ist, ist es wenigs­tens nicht auto­bio­gra­fisch, dach­te ich, ohne mich dadurch ent­schei­dend bes­ser zu fühlen.


Ich ver­such­te her­aus­zu­fin­den, ob der bewohn­te Auto­rei­fen meta­pho­risch oder buch­stäb­lich gemeint war, aber dadurch erga­ben sich nur wei­te­re Fra­gen, etwa wie­so ich nicht ein­mal Auto­rei­fen”, son­dern Pneu” geschrie­ben hat­te. Falls ich wirk­lich Sei­te 8 war. War ich es denn? War ich einst jemand gewe­sen, der es gut fand, nicht nur sei­nen Text, son­dern auch sich selbst nach der Sei­ten­zahl zu benennen?


Man muss sich ab und zu mit dem Men­schen befas­sen, der man frü­her gewe­sen ist. Einer­seits um Miss­ver­ständ­nis­se aus­zu­räu­men und Legen­den­bil­dung im Keim zu ersti­cken, ande­rer­seits aus Grün­den der see­li­schen Hygie­ne. Ich hal­te die Fähig­keit und Bereit­schaft zur maß­vol­len Selbst­kri­tik für die wesent­lichs­te Vor­aus­set­zung, um auf dem unbe­schil­der­ten Lebens­weg nicht irgend­wann die Abzwei­gung zum Pfad der mora­li­schen Ver­wahr­lo­sung zu nehmen.


Das könn­te man auch ein­fa­cher aus­drü­cken: Jeder Mensch hat die Pflicht, sich selbst dar­an zu hin­dern, ein Arsch­loch zu werden.


Beson­ders ein­fach war das jetzt wie­der nicht aus­ge­drückt, aber was soll’s.


Man sieht, ich bin selbst­kri­tisch (“wie­der nicht ein­fach aus­ge­drückt”), aber ich hal­te Maß (“was soll’s”). Ein über­kri­ti­scher Blick auf das gegen­wär­ti­ge wie auch auf ein abge­leg­tes Ich ist auch nicht gesund. Wenn jemand zu kla­re Vor­stel­lun­gen hat, was gut und rich­tig ist und was nicht, wenn jemand ganz genau zu wis­sen glaubt, wie der Mensch sein muss und wie er auf kei­nen Fall sein darf, beginnt er schnell, ande­re und sogar sich selbst zu bevor­mun­den. Die frei­wil­li­ge Selbst­kon­trol­le ist aller­dings eine nur ver­meint­lich frei­wil­li­ge Selbst­kon­trol­le. Wenn man sie sich näher ansieht, ent­deckt man schnell die Lie­be zur Dik­ta­tur. Dik­ta­tur will jedoch gelernt sein, und wenn uns ein unan­ge­neh­mer Mensch begeg­net, ist es oft ein Dik­ta­tor, der an sich selbst übt. Die meis­ten von ihnen wer­den zum Glück nicht Bun­des­kanz­ler, son­dern brin­gen es nur zum Leserbriefschreiber.


Wenn Sie nicht selbst einer sind, ist Ihnen sicher schon auf­ge­fal­len, dass Men­schen, die rich­tig” sein wol­len (“rich­tig” im Sin­ne von gut”, gut” im Sin­ne von bes­ser als die ande­ren”), auf die absur­des­ten Ideen kom­men. Ich ken­ne min­des­tens vier an sich klu­ge Per­so­nen, die sich selbst ver­bo­ten haben, wütend zu sein. Selbst­ver­ständ­lich sind sie fast unun­ter­bro­chen wütend, was außer ihnen selbst nie­man­dem ent­geht, und eben­so selbst­ver­ständ­lich tun sie nichts lie­ber als Leser­brie­fe zu ver­fas­sen. So weit kann es mit jeman­dem kom­men, der in emo­tio­nal belas­te­ten Situa­tio­nen nicht unter­schei­den kann, ob er wütend ist oder nicht, und wenn ja, ob er auf ande­re wütend ist oder auf sich selbst.


Wobei auf sich selbst wütend zu sein nicht nur unge­sund, son­dern auch unsin­nig ist. Wenn wir etwas getan haben, haben wir es des­we­gen getan, weil wir in jenem Moment nicht anders konn­ten. Wir tun, was wir kön­nen. Es jeman­dem zum Vor­wurf zu machen, dass er etwas nicht kann, ist idio­tisch. Was soll er denn machen? Aus sich einen Gott schnitzen?


Ähn­li­che Betrach­tun­gen stell­te ich heu­te vor dem Bücher­re­gal an. Bes­ser gesagt, mit ähn­li­chen Argu­men­ten ver­such­te ich mich zu beru­hi­gen, wäh­rend ich den Auto­rei­fen­dreck las. 


War ich Sei­te 8? Ich weiß es nicht. Ich wer­de eine Woche lang dar­über nach­den­ken. Ich bin vor­sich­tig opti­mis­tisch, dass ich nicht Sei­te 8 bin, aber eigent­lich nur aus einem ein­zi­gen Grund: Ich bin kein Leser­brief­schrei­ber geworden.


Viel­leicht kommt das erst.


(Fort­set­zung folgt)


Seit der all­ge­mei­nen Inter­nie­rung fin­den Lite­ra­tur­ver­an­stal­tun­gen ent­we­der gar nicht oder nächs­tes Jahr oder im Inter­net statt. Wer die Lite­ra­tur ver­schiebt, nimmt uns unse­re Sehn­süch­te. Das ist nicht gut, das muss sich ändern.


Der Aus­fall von Ver­an­stal­tun­gen soll­te eigent­lich ja den posi­ti­ven Neben­ef­fekt haben, dass Schrift­stel­ler ihre Zeit dem Schrei­ben wid­men kön­nen, anstatt im Rah­men von staat­lich teil­fi­nan­zier­ten Alko­hol­tour­ne­en quer durchs Land Unschul­di­gen aus ihren bereits ver­öf­fent­lich­ten Wer­ken vor­zu­le­sen. Aus eige­ner Erfah­rung weiß ich, wel­ches Risi­ko so ein Abend für die Phan­ta­sie und die Moral dar­stellt. Ich weiß aller­dings nicht, für wen das Risi­ko grö­ßer ist, für den Autor oder für das Publikum.


Bei­de Sei­ten wer­den durch die Lesung kor­rum­piert. Der Autor, weil er eine Applaus­ga­ran­tie hat, denn so einen Stie­fel kann gar nie­mand zusam­men­schrei­ben, um das Publi­kum dazu zu brin­gen, die Regeln der Höf­lich­keit so ekla­tant zu ver­let­zen, dass es ihm nicht die gerings­te Hul­di­gung zuteil wer­den lässt. Das bedeu­tet: Er bekommt auch Applaus für schlech­te Tex­te. Sei­ne nächs­ten wer­den daher kaum bes­ser sein. Und das Publi­kum wird auch nicht klü­ger, wenn es Stie­fel vor­ge­le­sen bekommt. Im Gegen­teil, je mehr Stie­fel, des­to mehr gaga. Mei­ner Schät­zung nach kann ein durch­schnitt­lich intel­li­gen­ter Mensch bis zu zehn Lite­ra­tur­plas­tik­kopf­aben­de im Jahr besu­chen, ehe ers­te irrever­si­ble Hirn­schä­den auf­tre­ten. Das erklärt so man­ches, denn die meis­ten Schrift­stel­ler waren ja selbst Besu­cher zahl­rei­cher Lesungen.


Das Publi­kum besteht in der Regel aus apa­thi­schen Män­nern und Frau­en, die Ver­an­stal­tun­gen besu­chen, um sich am Abend ein­mal woan­ders als zuhau­se zu lang­wei­len und mit etwas Glück ein kos­ten­lo­ses Bröt­chen mit Ei und Sala­mi abzu­stau­ben. In mei­nen Lesun­gen sitzt für gewöhn­lich zumin­dest ein eif­ri­ger Ver­tre­ter irgend­ei­nes läp­pi­schen Dog­mas, der mit sei­nen Paro­len für Hei­ter­keit sorgt, oder es erscheint ein Que­ru­lant, den ich ohne schlech­tes Gewis­sen ver­höh­nen kann. An sol­chen Tagen ist es nett, aber mir fehlt etwas. Etwas, das groß wer­den könn­te. Nein, nicht das. 


Manch­mal jedoch ist alles anders. Manch­mal erscheint eine schö­ne Unbe­kann­te. Wir wech­seln Bli­cke. Zwi­schen uns pas­siert etwas, ganz ohne unser Zutun. Sie hat Anmut, Lieb­reiz, Geist und Wür­de. Mir wird der Mund tro­cken, und mein Puls steigt, als ich bemer­ke, dass auch ich auf sie wir­ke. Ich glau­be, ich bedeu­te ihr etwas, obwohl ich mir nicht erklä­ren könn­te, was so eine Göt­tin aus­ge­rech­net von mir wol­len würde. 


Irgend­wann spü­re ich: Der Kampf ist vor­bei. Nach der Lesung lässt sie sich ihr mit­ge­brach­tes Buch nicht signie­ren, son­dern nickt mir ernst zu, wen­det sich zur Tür, zögert einen Moment, dreht sich noch ein­mal um, sucht mei­nen Blick, fin­det ihn, wir erschre­cken bei­de, weil da zwi­schen uns etwas ist, etwas Star­kes, Ver­trau­tes. In die­sem Moment fragt mich jemand etwas, und als ich spä­ter wie­der zur Tür schaue, ist sie gegan­gen, sie, die viel­leicht mei­ne gro­ße Lie­be gewor­den wäre. Oder schon war. Oder ist.


In sol­chen Näch­ten, wenn ich allein im Hotel­zim­mer lie­ge, ver­geht mir die Lite­ra­tur für eine Wei­le. Den­noch sind es die­se trau­ri­gen Aben­de, die mir mehr bedeu­ten als die, an denen ich nicht ein­mal mer­ke, was mir fehlt. Es ist nicht wich­tig zu wis­sen, was einem fehlt, wich­tig ist, dass man weiß, was man noch fin­den kann.


Vor 25 Jah­ren schrieb ich mein zwei­tes Hör­spiel. Sen­den woll­te es nie­mand. Die form­lo­sen Absa­ge­brie­fe betrach­te­te ich bereits als Fort­schritt, immer­hin wur­de es von den Redak­tio­nen unter noblem Ver­zicht auf Ver­höh­nun­gen abge­lehnt, anders als mein ers­tes, das auch nie­mand hat­te sen­den wollen.

Die Ant­wort des WDR hät­te auch ein Opti­mist nur mit Mühe zu einem Viel­leicht” umdeu­ten kön­nen: Nach reif­li­cher Über­le­gung haben wir uns ent­schlos­sen, das Gan­ze für eine Sati­re zu hal­ten. Zumal Sie in Graz woh­nen und da ja aller­hand Kru­des geschrie­ben wird. Falls es kei­ne Sati­re ist, ist es trotz­dem nicht gut genug, um von uns pro­du­ziert zu werden.”

In die­sen Sät­zen steckt viel Weis­heit. Kurz danach habe ich Graz ver­las­sen. Ob zwi­schen die­sem Brief und mei­ner Über­sied­lung aufs Land ein Zusam­men­hang besteht, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, dass ich in der Ost­stei­er­mark das zwei­te Hör­spiel schrieb. Es behan­del­te ein The­ma, das mich heu­te noch inter­es­siert: Alles für uns Sicht­ba­re trägt eine Bezeich­nung. Aber wer hat ihm die­ses Wort zuge­wie­sen, und aus wel­chem Grund?

Städ­te, Orte, Dör­fer zum Bei­spiel. Wie­so heißt eine stei­ri­sche Gemein­de Wund­schuh? Wel­cher Humo­rist hat dem Ort Edel­schrott sei­nen Namen gege­ben? Wun­dert sich eigent­lich außer mir nie­mand, wenn er auf Orts­schil­dern Auf­schrif­ten wie Sankt Kind, Schie­fer oder Unter­lu­pitsche­ni liest?

Oder Fami­li­en­na­men. War­um jemand Schus­ter, Mül­ler, Bäcker, Schnei­der, Bau­er, Schrei­ber oder Wirt heißt, kann man sich aus­rech­nen – sei­ne Urah­nen wer­den sich in die­sen Beru­fen einen Namen gemacht haben. So klar ist die Sache nicht immer. Der öster­rei­chi­sche Fuß­bal­ler Joa­chim Stand­fest hat sich gewiss mehr als ein­mal gefragt, wel­chen Beruf sein Urur­ur­ur­ur­ur­groß­va­ter aus­ge­übt hat. Und schlägt man das Tele­fon­buch auf, hofft man als Huma­nist, dass man­che Men­schen ihre Namen nicht wirk­lich den Beru­fen ihrer Vor­fah­ren zu ver­dan­ken haben: Dol­lfuß, Dirn­ber­ger, Dirn­we­ber, Dirn­ho­fer, Dirn­beck, Darm­gra­ber. Wie­so jemand Duft­schmied, Dienst­le­der, Dunst­hirn oder Dolm genannt wird, kann ich mir zwar vor­stel­len, will ich aber nicht. Dage­gen kann ich mir sehr gut und sehr gern vor­stel­len, dass es in einem Dorf, des­sen Ein­woh­ner auf Basis ihrer Qua­li­fi­ka­tio­nen, Beru­fe, Inter­es­sen und Eigen­schaf­ten von ihren Mit­bür­gern Decker, Dre­scher, Dopp­ler, Drei­er, Durst, Damisch, Dut­tl und Dienst­bier genannt wur­den, recht lus­tig zuge­gan­gen ist.

Aller­dings war es nicht für alle lus­tig, das ist es nie und nir­gends, und dafür gibt es Bele­ge. Etwa den Namen mei­ner net­ten ost­stei­ri­schen Nach­barn. Deren Vor­fah­ren wer­den sich bestimmt nicht frei­wil­lig Sau­lauf genannt haben. Es besteht natür­lich die Mög­lich­keit, dass Sau­lauf einst ein Ehren­ti­tel war, der nur an jeman­den ver­lie­hen wur­de, der zumin­dest ein­mal das jähr­li­che Wett­ren­nen mit der schnells­ten Sau des Dor­fes gewon­nen hat­te. Für sehr wahr­schein­lich hal­te ich das aber nicht. Und wenn es doch stimmt, darf sich kein Sau­lauf beschwe­ren. Er oder sie stammt eben von jeman­dem ab, der mit Schwei­nen Wett­ren­nen ver­an­stal­tet hat, und die­sem Teil der Bevöl­ke­rung sind bis­lang noch weni­ge Begrün­der ruhm­rei­cher Dynas­tien entsprungen.

Wenn ich es mir recht über­le­ge, könn­te Öster­reich allein des­we­gen in die poli­ti­sche Bedeu­tungs­lo­sig­keit abge­glit­ten sein, weil unse­re Namen nicht viel her­ge­ben. Habs­burg – ja, das ist ein gro­ßer Name! Da hei­ra­tet man gern ein. Aber in das Geschlecht der Dienst­biers, Dunst­hirns oder Saulaufs?

Naja, wer weiß, wie anders die Welt­ge­schich­te ver­lau­fen wäre, hät­te im Früh­som­mer 1914 nicht der Thron­fol­ger Franz Fer­di­nand, son­dern Erz­her­zog Franz von Sau­lauf die Rei­se nach Sara­je­vo ange­tre­ten. Atten­tä­ter sind eitel, sie wol­len es in die Zei­tun­gen und Schul­bü­cher schaf­fen – aber nicht als Mör­der des Ehe­paars von Saulauf.


Wet­ten sei eine Sache für Knech­te, schärf­te mir mei­ne Urgroß­mutter früh ein. Ihrem Ton­fall nach zu urtei­len hat­te sie kei­ne hohe Mei­nung vom Berufs­stand der Knech­te. Ich war gewarnt. Ich schlug die erfolg­ver­spre­chends­ten Wet­ten aus, schließ­lich woll­te ich eines Tages einen ange­se­he­nen Beruf aus­üben. Viel­leicht kommt die­ser Tag ja noch, aber ich wür­de nicht dar­auf wet­ten, denn wie wir alle habe ich höchst­wahr­schein­lich durch zahl­lo­se unbe­wuss­te Wet­ten mein Kar­ma irrever­si­bel besudelt.


Wie denn auch anders? Unse­re Gesell­schaft ist auf Wet­ten auf­ge­baut, das Prin­zip der Wet­te zieht sich durch unse­re gan­ze Exis­tenz: Wenn man eine Aktie kauft, wet­tet man dar­auf, dass sie in der Zukunft Erträ­ge brin­gen wird (sol­che Wet­ten bezeich­nen Spe­ku­lan­ten jedoch als Spe­ku­la­ti­on, um Knech­te u.ä. abzu­schre­cken). Wenn man in einem Restau­rant bestellt, wet­tet man dar­auf, dass der Koch eine hohe Geschmacks­in­tel­li­genz hat und dar­über hin­aus Bär­lauch von Mai­glöck­chen unter­schei­den kann. Wenn man in einen Bus steigt, wet­tet man dar­auf, dass der Len­ker den Weg kennt und bei Sin­nen ist. Wenn man eine Bezie­hung ein­geht, wet­tet man dar­auf, dass sich der Part­ner nicht als Bes­tie ent­puppt. Wenn man den Fern­se­her ein­schal­tet, wet­tet man dar­auf, dass man durch eine Sen­dung gut unter­hal­ten oder belehrt wird, wenn man ein­schläft, wet­tet man dar­auf, dass man wie­der auf­wacht (eine der Wet­ten, die man irgend­wann unwei­ger­lich ver­liert, das aber dafür nur ein ein­zi­ges Mal), und jeden Tag wet­tet man aufs Neue dar­auf, dass man mit dem, was man tut, sozi­al und finan­zi­ell auf der Gewin­ner­sei­te steht (eine der Wet­ten, bei der das Ver­hält­nis zwi­schen Sie­gern und Ver­lie­rern nicht 50:50 beträgt).


Urgroß­mutters War­nung vor einem leicht­fer­ti­gen Umgang mit der mensch­li­chen Unge­wiss­heit spricht für ihren Weit­blick. Die Welt ist weit­ge­hend beherrscht, um nicht zu sagen ver­knech­tet, wovon man sich über­zeu­gen kann, indem man in einer beleb­ten Stra­ße fünf Minu­ten lang Ein­drü­cke von den Gesich­tern sei­ner Mit­men­schen sam­melt. Die einen wir­ken ver­bis­sen und streng, die ande­ren furcht­sam und erschöpft. Auf den einen wie den ande­ren las­tet ein schwe­res Gewicht, als sei ihnen das Leben zu kom­pli­ziert, zu anstren­gend und zu ver­wir­rend, was nicht ver­wun­dert, weil das Leben kom­pli­ziert ist, kom­pli­ziert und anstren­gend und hoch­gra­dig ver­wir­rend. Um in der Welt zurecht­zu­kom­men, müs­sen wir Rol­len ein­neh­men, und oft bleibt uns im Leben kei­ne ande­re Wahl als die zwi­schen beherr­schen und beherrscht zu werden.


Was mei­nen wir, wenn wir von der Welt und vom Leben spre­chen? Die Welt, das sind die ande­ren Men­schen. Das Leben, das ist die Kol­li­si­on unse­res Bewusst­seins mit der Welt.


Die Struk­tur der mensch­li­chen Gesell­schaft ist schlicht­weg unreif, sie baut auf Hier­ar­chien auf, deren Legi­ti­ma­ti­on ange­zwei­felt wer­den darf. Die meis­ten Men­schen beherr­schen ent­we­der ande­re oder wer­den selbst von ande­ren beherrscht. Das ist nicht nur der Ursprung der Schwe­re, die auf ihnen las­tet, son­dern auch ihrer Ver­bis­sen­heit und ihrer Erschöp­fung. Bei­des ist dem Cha­rak­ter und der Her­zens­bil­dung nicht zuträg­lich. Wer in einem gewis­sen Rah­men Macht über ande­re hat, etwa als ihr Vor­ge­setz­ter, Leh­rer, Vater oder Schwie­ger­mut­ter, der nutzt die­se Macht irgend­wann auch zum eige­nen Vor­teil, woge­gen wohl­ge­merkt nichts ein­zu­wen­den ist, bis er beginnt, die­se Macht zum Nach­teil des ande­ren auszunutzen.


Es kann natür­lich sein, dass ich die Ver­gan­gen­heit ver­klä­re oder in mir etwas Bes­se­res suche, als auf den ers­ten oder auch den tau­sends­ten Blick zu ent­de­cken ist. Aber ich glau­be, ich habe schon damals, als Kind, für mich beschlos­sen, dass ich das rich­ti­ge, das gute Leben nur fin­den wer­de, wenn ich nie­man­den beherr­sche und von nie­man­dem beherrscht werde.


All­mäh­lich wächst in mir jedoch der Ver­dacht, dass dies unmög­lich ist. Jeder von uns beherrscht jemand ande­ren, oft ohne es zu wis­sen, und jeder von uns wird von jemand ande­rem beherrscht, zumin­dest beein­flusst, meist ohne es zu wis­sen. Das Leben ist näm­lich auch die Kol­li­si­on unse­res Unter­be­wusst­seins mit dem, was unser Bewusst­sein gera­de für die Welt hält, kom­pli­ziert und anstren­gend. Und was bei die­ser Kol­li­si­on pas­siert, wer­den wir nie erfah­ren, obwohl wir dabei sind, wie­der und wie­der und immer wie­der, jedes ein­zel­ne Mal. Und das ist verwirrend.


Ich hat­te noch nie das Gefühl, Teil eines kon­sis­ten­ten Gefü­ges zu sein. Wenn ich irgend­wo dazu gehö­re, füh­le ich, ich gehö­re nicht wirk­lich dazu. Wenn ich allein bin, mer­ke ich, wie nahe ich mich sogar Men­schen füh­le, die ich kaum ken­ne und in deren Gedan­ken ich ver­mut­lich nie auf­tau­che. Nichts ist jemals fer­tig, nichts ist jemals ganz. Für sich genom­men ist das weder gut noch schlecht. Wenn ich wäh­len müss­te, wür­de ich mich für das Unfer­ti­ge ent­schei­den. Was noch nicht fer­tig ist, kann ver­bes­sert werden.

Manch­mal den­ke ich dar­über nach, ob wir viel­leicht zwei Leben füh­ren. Das eine, wenn wir wach sind, und das ande­re, wäh­rend wir schla­fen. Zwei rea­le Leben. Zwei ver­schie­de­ne Ichs. Zwei unter­schied­li­che Kon­zep­te von Glück und Unglück, Freu­de und Ver­zweif­lung, Lie­be und Ein­sam­keit, Ver­rückt­heit und Ratio­na­li­tät. Zwei Wel­ten. Von denen sich jede für ein­zig­ar­tig hält.

Auf bei­den Sei­ten der Bewusst­seins­gren­ze sind wir über­zeugt, wach zu sein und die Rea­li­tät zu erle­ben, unser zwei­tes Leben hal­ten wir für eine Abfol­ge unzu­sam­men­hän­gen­der Träu­me. Bei­de Wel­ten sind grund­ver­schie­den, es herr­schen dar­in unter­schied­li­che Geset­ze, Fau­na und Flo­ra der ande­ren Sei­te sind für den Träu­mer gar nicht als sol­che zu erken­nen, dafür nimmt er Wesen wahr, die sein ande­res Ich auf der ande­ren Sei­te nicht sehen kann. Er hört anders, er schmeckt, riecht und fühlt anders, er hat ande­re Freun­de, ande­re Eltern, ande­re Kin­der, eine ande­re Lie­be, und wenn er erwacht oder ein­schläft, nimmt er Erin­ne­run­gen an sie mit, die sich mit jeder Minu­te tie­fer in sei­nem Bewusst­sein verlieren.

Den Rest des Tages ver­sucht er, die Lücken in der Welt zu ignorieren.

Die­se Theo­rie wür­de immer­hin erklä­ren, war­um man­che Men­schen Lang­schlä­fer sind und ande­re das Schla­fen­ge­hen so lan­ge wie mög­lich hin­aus­zö­gern. Die Schlaf­müt­zen sind auf ihrer Nacht­sei­te schön, beliebt und reich, die Schlaf­lo­sen… naja, sind es ver­mut­lich nicht. 

Ich bin kein glück­li­cher Mensch. Ich war im Leben bis­lang nur sel­ten glück­lich, die meis­te Zeit war ich aber auch nicht unglück­lich. Den Zustand dazwi­schen hielt und hal­te ich manch­mal für Glück, manch­mal für Unglück, und das nährt in mir all­mäh­lich den Ver­dacht, dass ich den Unter­schied sowie­so nie erken­nen wer­de. Damit bin ich ver­mut­lich nicht allein. Die meis­ten von uns wis­sen immer erst eini­ge Zeit spä­ter, ob es ihnen auf der Par­ty gefal­len hat.

Schon jetzt wür­de ich aller­dings gern wis­sen, war­um ich äußerst ungern, sel­ten und nur wider­wil­lig schla­fe. Das könn­te uner­freu­li­che Ursa­chen haben. Viel­leicht fra­ge ich mich als Schla­fen­der ja stän­dig, ob es mich gibt, das ist auf Dau­er bestimmt läs­tig. Es könn­te aber auch nur eine Fra­ge der Wahr­neh­mung sein. Könn­te? Nein. Ist es.

Denn alles, wirk­lich alles ist eine Fra­ge der Wahrnehmung.


Als amt­lich beei­de­ter Nacht­wart hat man so etwas wie Berufs­eh­re. Wo kämen wir da hin, wenn ein Nacht­wäch­ter nicht mehr auf die Nacht auf­pas­sen wür­de, bloß weil es gera­de hell ist? Ich bin ein pflicht­ver­ges­se­ner Mensch.

Hm, eigent­lich woll­te ich schrei­ben: Ich bin kein pflicht­ver­ges­se­ner Mensch. Aber es liest sich ohne das k stim­mi­ger, fin­de ich.

Ich bin aber trotz­dem kein pflicht­ver­ges­se­ner Mensch. Wahr­schein­lich hade­re ich mit die­sem Satz, weil er eines mei­ner Reiz­wor­te ent­hält: Pflicht. Pflicht klingt schon so häss­lich, und dem­entspre­chend häss­lich sind mei­ne Asso­zia­tio­nen damit: Bau­ern­stu­be, Stall, Kühe, Mel­ken, Minis­trie­ren. Wobei ich nicht weiß, wie mir das Minis­trie­ren in den Stall gekom­men ist. Egal, es soll­te klar sein, wor­auf ich hin­aus will. Als jemand, der grund­sätz­lich ungern minis­triert und als Mel­ker ganz bestimmt nichts taugt, steht einem im Leben, wenn man ein gutes Leben leben will, nur eine ein­zi­ge Stra­te­gie zur Ver­fü­gung: Man muss die Nei­gung zur Pflicht machen.

Irgend­et­was muss man ja tun, wenn man erst ein­mal in die Welt gepresst wor­den ist. Man kann schließ­lich nicht bloß da lie­gen, abge­se­hen davon, dass man selbst dann nicht bloß da liegt, son­dern auch atmet und gele­gent­lich sogar denkt, ob man will oder nicht, und ob man es gut oder weni­ger gut kann, das Den­ken, mei­ne ich, das Atmen haben wir auto­ma­ti­siert. Atmen ist leich­ter als Dalie­gen und als Den­ken. Für die Mehr­heit der Men­schen jeden­falls. Bei Lei­chen sieht die Sache anders aus, aber ist eine Lei­che ein Mensch? Da wären die Leben­den eine leicht zu unter­drü­cken­de Min­der­heit, denn es haben schon knapp 110 Mil­li­ar­den Men­schen gelebt, von denen über 100 Mil­li­ar­den der­zeit tot sind, Volks­ab­stim­mung wür­den wir also kei­ne gewinnen.

Den­ken, Dalie­gen, Atmen – das klingt so ein­fach. Aber je län­ger man über die Pflicht bzw. Nei­gung nach­denkt, alle drei Hand­lun­gen zur sel­ben Zeit durch­zu­füh­ren, des­to schwie­ri­ger erscheint die­se Auf­ga­be. Goe­the oder Ein­stein schaf­fen höchs­tens 1 von 3, und soll­ten sie kre­miert wor­den sein, gäbe es für sie über­haupt kei­ne Punk­te. So betrach­tet, wer­den Goe­thes und Ein­steins Leis­tun­gen sogar von der mei­nes ver­ab­scheu­ungs­wür­di­gen, halb debi­len Nach­barn über­bo­ten, der, wenn er nicht damit beschäf­tigt ist, sei­ne Frau zu schi­ka­nie­ren, den gan­zen Tag vor dem Fern­se­her liegt und in der Nase bohrt. Gedan­ken sind ihm kei­ne nach­zu­wei­sen, aber er atmet. Man merkt es beson­ders, wenn er schläft, weil er schnarcht wie ein Ross. Ergibt 2 von 3 Punk­ten für den idio­ti­schen Nachbarn.

Es wird nicht ein­fach sein, ihm die Füh­rung ein­zu­ja­gen. Ich atme gern, wenn ich schon ein­mal dazu Gele­gen­heit habe, die kriegt man als Mensch ja nicht bis in alle Ewig­keit. Dalie­gen ist schon schwie­ri­ger, ich bin nicht so der pas­si­ve Typ. Und was das Den­ken anbe­langt, naja, das kann ich manch­mal bes­ser, manch­mal schlech­ter, ich tue es manch­mal gern, manch­mal eher weni­ger gern, aber im Gegen­satz zu mei­nem Nach­barn kann ich mich sowie­so nicht dage­gen wehren.

Wie bin ich denn bei die­sem abwe­gi­gen The­ma gelan­det? Ich woll­te doch über etwas ganz ande­res spre­chen. Glau­be ich.

Das kommt davon, wenn man nicht bloß daliegt und atmet. Ich wer­de bes­ser auf­ste­hen und ein paar lang­wei­li­ge Atem­übun­gen machen, viel­leicht fällt mir dann wie­der ein, was ich den­ken wollte.


Unlängst fei­er­te ich mit mei­nem Kol­le­gen Sir Mar­cel, der in sei­nen Fil­men nur mit fran­zö­si­schen Akzent stöhnt, aber nie spricht, weil er eigent­lich Josef Haber­fell­ner heißt und aus Kot­ting­brunn stammt, an einem Würs­tel­stand den Dreh­schluss von Die Stu­ten­farm, einer sexis­ti­schen Pos­se in der Tra­di­ti­on des grie­chi­schen Tumultdramas,

Beim Essen kam es zu einem nicht böse gemein­ten ver­ba­len Schlag­ab­tausch. Sir Mar­cel, den es sehr beschäf­tigt, dass ich von uns bei­den der Dicke­re bin, wäh­rend er der Län­ge­re ist, und der des­we­gen bei jeder Gele­gen­heit das Gespräch auf die Vor­zü­ge lan­ger Gar­ten­schläu­che lenkt, begann mir aus­ein­an­der­zu­set­zen, dass über­all in der Welt Frak­ta­le unser Dasein wider­spie­geln, um dem Mikro das Makro zu erklä­ren. Er kön­ne mich mit sei­nem Mikro gern­ha­ben, sag­te ich. Es sei kein Zufall, sag­te er, dass ich eine fet­te Kna­cker vor mir hät­te, wäh­rend aus sei­nem Hot­dog ein stol­zes Sach­er­würs­tel leucht­turm­gleich empor­ra­ge. Ich sag­te ihm, was er mit sei­nem Sach­er­würs­tel tun könne.

In die­sem Moment kipp­te die Hei­ter­keit ins Bedroh­li­che, denn mir wur­de aus dem Nichts bewusst, wie wenig Gewiss­heit ich in einer ent­schei­den­den Fra­ge hatte:. 

War ich wirk­lich ich?

Ich könn­te jeder sein, wur­de mir in die­sem Moment bewusst, und jeder könn­te ich sein.

Ich könn­te schon in der nächs­ten Sekun­de jemand ande­rer sein, ohne es zu bemer­ken, aus­ge­stat­tet mit einem zehn oder drei­ßig oder sieb­zig Jah­re alten Gedächt­nis, das in Wahr­heit erst Stun­den zuvor pro­gram­miert wor­den war. Hier und jetzt war ich viel­leicht ich, viel­leicht schon immer, viel­leicht erst seit Sekun­den. Ich konn­te auch der Würstel­mann sein oder einer der übri­gen Nacht­vö­gel rings­um, ohne es zu wis­sen. Eine Traum­ge­stalt oder ein Gerücht könn­te ich sein, oder womög­lich eine Roman­fi­gur: ein Schrift­stel­ler, der die­se Sze­ne gera­de erlebt oder doch erfin­det, sie auf­schreibt, der sich selbst in sei­nem Text zum Leben erweckt, und der sich natür­lich nicht die Gele­gen­heit ent­ge­hen lässt, in einem Neben­satz an die selbst­be­züg­li­chen Sät­ze Dou­glas R. Hof­sta­ed­ters zu erin­nern (“Die­ser Satz kein Verb.”) und am Ende die Fra­ge auf­zu­wer­fen, wie groß die Macht eines Anfüh­rungs­zei­chens sein kann.”

Wer bin ich?

Wer nicht?

Wer bin ich nicht?

Wer ist nicht ich?

Dar­aus bast­le ich mir mor­gen ein Haiku.


Im Seehof ver­mei­de ich es, zur sel­ben Zeit wie die Gäs­te zu essen, schließ­lich haben sie mir nichts getan. Bei mir besteht immer die Gefahr einer plötz­li­chen Lach­at­ta­cke, und ich muss ein­räu­men, dass die Zahl der Kör­per­funk­tio­nen, die man unter Kon­trol­le haben soll­te, sich von der Zahl derer, die man zu kon­trol­lie­ren in der Lage ist, mit zuneh­men­dem Alter entfernt.

Damit ist nicht gemeint, was sich der eine oder ande­re Per­vers­ling gedacht haben wird. Ich bezie­he mich viel­mehr auf den öster­rei­chi­schen All­ge­mein-Bür­ger­li­chen Ver­hal­tens­ko­dex ABVK, Para­graph §772 Absatz c, der fest­legt, dass mit vol­lem Mund nicht gespro­chen wer­den darf.

Wir wol­len eine brei­te­re Bean­stan­dung der inne­ren Logik die­ses Geset­zes fürs ers­te zurück­stel­len und nur an die Defi­ni­ti­on von voll” erin­nern. Voll bedeu­tet, dass es kei­nen frei­en Platz mehr gibt, was beim Essen nur vor­kom­men könn­te, wenn zu den dem Men­schen bekömm­li­chen Spei­sen auch Zement zäh­len wür­de. Beim Essen wird kein Mund voll. Dage­gen hat­te ich mehr­fach Gele­gen­heit, die abrup­te Schweig­sam­keit mir nahe ste­hen­der bzw. sit­zen­der oder lie­gen­der Frau­en zu erle­ben, die den Mund voll genom­men hat­ten, ohne dass etwas Ess­ba­res in der Nähe gewe­sen wäre, und wäre ich ein frau­en­feind­li­cher Schwei­ne­hund, wür­de ich es ernst mei­nen, wenn ich sage, dass es kaum ein bes­se­res Bei­spiel für die zwei Flie­gen gibt, die man mit einer Klat­sche erschlägt.

Natür­lich bin ich kein Schwei­ne­hund und mei­ne es nicht ernst, ich lei­de bloß an der Krank­heit, auch absur­den, alber­nen oder idio­ti­schen Gedan­ken etwas abge­win­nen zu wol­len. Bei Men­schen ver­hal­te ich mich ähn­lich. Gele­gent­lich zahlt sich das sogar aus.

Wie üblich ent­weicht mir mein The­ma. Fan­gen wir noch ein­mal an.

Vor lan­ger, lan­ger Zeit, als gas­tro­no­mi­sche Betrie­be noch nicht für ille­gal erklärt wor­den waren, saß ich mit mei­nem Sohn beim Abend­essen in einem gut beleu­mun­de­ten Lokal, als eine Frau im Gast­gar­ten rief: Aus­sa mit dem Christoph!”

Die­se auf den ers­ten Blick harm­lo­se Auf­for­de­rung zur sozia­len Inter­ak­ti­on setz­te bei mir eine Asso­zia­ti­ons­ket­te in Gang, an deren Ende ich das Was­ser, das ich gera­de trin­ken woll­te, vor Lachen über den gan­zen Tisch ver­sprüh­te, und man kann nicht behaup­ten, dass die unmit­tel­ba­re Reak­ti­on mei­nes Soh­nes mit den Wor­ten ver­ständ­nis­voll und tole­rant fak­ten­treu umschrie­ben wür­de. Sein Flu­chen und Wet­tern ende­te erst, nach­dem ich ihm dar­ge­legt hat­te, was in mei­nem Kopf gera­de vor­ge­gan­gen war.

Der Aus­ruf Aus­sa mit dem Chris­toph!” bezog sich, so ver­mu­te­te ich, auf einen im Lokal ver­wei­len­den Mann, des­sen Gesell­schaft die Frau im Gast­gar­ten her­bei­zwin­gen woll­te. In mei­nem Bekann­ten­kreis herrscht ein Eng­pass an Chris­tophs, es heißt auch nie­mand vom Per­so­nal so. Trotz­dem befand sich mit Sicher­heit einer im Lokal. Oder?

Oder auch nicht. Es gab eine zwei­te Mög­lich­keit. Er konn­te durch­aus drau­ßen sein, sogar im Gast­gar­ten. Er muss­te nicht ein­mal Chris­toph heißen.

In der Tra­gi­ko­mö­die der Mensch­heit lässt der Welt­geist immer wie­der bizar­re Gestal­ten auf­tre­ten, die ihnen beson­ders teu­ren Kör­per­tei­len eige­ne Namen geben, mit ihnen sozu­sa­gen auf kum­pel­haf­ter Ebe­ne ver­keh­ren. Zumeist sind es Män­ner, aber der Zufall hat mich schon den Weg von Frau­en kreu­zen las­sen, die ihr pri­mä­res Geschlechts­or­gan Caro­lin oder Elvi­ra nann­ten. (Wir wur­den ein­an­der vor­ge­stellt, aber nach einer Ver­tie­fung der Bekannt­schaft stand mir dann nur noch sel­ten der Sinn.)

Mein aktu­el­ler Hei­ter­keits­aus­bruch war aus der Vor­stel­lung ent­stan­den, Chris­toph sei gar kein im Lokal befind­li­cher Mann, son­dern der Name, den ein neben der Frau sit­zen­der, ver­mut­lich nicht Chris­toph hei­ßen­der Mann sei­nem Penis gege­ben hat­te, und die Auf­for­de­rung Aus­sa mit dem Chris­toph!” hät­te eine rein sexu­el­le Bedeu­tung gehabt.

Es gibt sol­che Leu­te, wis­sen Sie.



Neu­lich habe ich Weih­nach­ten bemerkt. Das ist nicht so selbst­ver­ständ­lich, denn wenn ich nicht gera­de im Seehof” die Nacht bewa­che, pfle­ge ich zur Gegen­wart ein distan­zier­tes Ver­hält­nis. Mich inter­es­siert Mor­gen, mich inter­es­siert Ges­tern, das Jetzt hin­ge­gen hat wenig zu bie­ten: Wenn man es wahr­zu­neh­men beginnt, ist es schon fast wie­der vor­bei. Und Weih­nach­ten? Wenn ich an die Hei­li­gen Drei Köni­ge den­ke, fällt mir zual­ler­erst nicht das Jesus­kind in der Krip­pe ein, son­dern davor Lem­my Kil­mis­ter, der Grün­der von Motör­head.

Ich will nicht lügen: Ob zu Weih­nach­ten, zu Ostern, zu Pfings­ten oder zu Maria Emp­fäng­nis, immer wenn ich an hohen Fei­er­ta­gen über den Zustand der Welt nach­sin­ne, bin ich im Gro­ßen und Gan­zen von der Leis­tungs­bi­lanz des Men­schen ein wenig ent­täuscht, und die Tat­sa­che, dass ich selbst einer bin, aber mir ein Urteil über die ande­ren anma­ße, erfüllt mich mit Unbe­ha­gen, Miss­trau­en und Skep­sis, weil die sta­tis­ti­sche Wahr­schein­lich­keit, dass ich mich zu Unrecht im Recht sehe, signi­fi­kant ist. Zu mei­nem Pech kann ich nichts dar­an ändern, dass mir die Stumpf­heit der meis­ten Men­schen nicht ent­geht und zuwi­der ist, dass ihre Phan­ta­sie­lo­sig­keit, ihre Gleich­gül­tig­keit gegen­über dem Befin­den ande­rer, ihr Des­in­ter­es­se am Sein mich absto­ßen. Doch weil ich bei mir selbst immer unter Gene­ral­ver­dacht ste­he, fra­ge ich mich, ob das Auf­tre­ten sol­cher Wer­tungs­ex­zes­se womög­lich auf eine Neu­in­fek­ti­on mit einer in der Gesell­schaft weit ver­brei­te­ten Form des Grö­ßen­wahns zurück­zu­füh­ren ist (die soge­nann­te sta­ti­sche Ord­nung). Wie jeder über lan­ge Zeit hin­weg an Grö­ßen­wahn lei­den­de Mensch habe ich mich frü­her gele­gent­lich durch­aus als Aus­er­wähl­ter gese­hen, ein Irr­tum, der sich zum Glück irgend­wann auf­ge­klärt hat.

Aber wer weiß, viel­leicht lebt in mir, von mir selbst unbe­merkt, noch immer die eit­le Hoff­nung, eines Tages der Welt in guter alter Erlö­ser­tra­di­ti­on ein gro­ßes Geschenk zu machen, eini­gen von mir ist ja alles zuzu­trau­en. Ich bin so vie­le, und manch­mal glau­be ich, ich wer­de immer noch mehr. Mit­un­ter arg­wöh­ne ich, eini­ge mei­ner Sub-Accounts, also mei­ner Teil­per­sön­lich­kei­ten, könn­ten tro­ja­ni­sche Pfer­de oder Trick­be­trü­ger sein, von einem macht­vol­len Zau­be­rer bei mir ein­ge­schleust, um mich in den Wahn­sinn zu trei­ben. Man­che von ihnen ver­ber­gen etwas vor mir. Ande­re Men­schen durch­schaue ich weit leich­ter als eini­ge, die ich sind, und das fin­de ich beunruhigend.

Wenn ich einen Weih­nachts­wunsch frei hät­te, wür­de ich mir natür­lich zunächst mehr Wün­sche wün­schen, und gleich danach käme die Gabe, die Gren­zen zwi­schen mir und den ande­ren klar und deut­lich erken­nen zu kön­nen. Ich habe dafür eigent­lich kei­nen Anhalts­punkt, aber viel­leicht sind ihre Aus­re­den mei­ne Aus­re­den, ist ihre Träg­heit mei­ne Träg­heit, ihr Nein­sa­gen mei­nes, ihr Man­gel an Neu­gier mei­ner, ihre Feig­heit mei­ne Feig­heit, und ich erken­ne mich selbst in ihrer Heu­che­lei, in ihrer Selbst­ge­fäl­lig­keit, in ihrem Sar­kas­mus, mit dem sie sich vor den ande­ren zu schüt­zen ver­su­chen, und in ihrem Zynis­mus, mit dem sie sich vor sich selbst zu schüt­zen ver­su­chen, vor ihren ver­dräng­ten Illu­sio­nen, vor den Idea­len, vor ihrer Angst, eben vor allem, was leben­dig ist. Ich ver­ste­he nicht, wie man es fer­tig bringt, ein Leben lang eine bestimm­te Hal­tung ande­ren gegen­über als mora­li­schen Impe­ra­tiv dar­zu­stel­len, und wie man sich dann, wenn die Umstän­de es erfor­dern, den edlen Wor­ten durch Taten Glaub­wür­dig­keit zu ver­lei­hen, eine Aus­zeit von der Rea­li­tät neh­men kann, ohne sich zu schä­men. Ich begrei­fe nicht, wie man leben kann, ohne sein Tun, sei­ne Moti­ve, sei­nen Cha­rak­ter, sein Welt­bild, sein Selbst­bild jemals einer ernst­haf­ten Prü­fung zu unter­zie­hen. Viel­leicht liegt es dar­an, dass wir alle schon zu lan­ge ver­geb­lich auf ein Wun­der warten. 

Wenn ich zu Hei­lig­abend oder an ande­ren Fei­er­ta­gen an die­ser Stel­le mei­ner düs­te­ren Welt­be­trach­tun­gen ankom­me, ist es für Stil­le Nacht schon zu spät, und ich lese zur Ablen­kung zum hun­derts­ten Mal das Inter­view, das Alex­an­der Gor­kow 2008 mit Lem­my Kil­mis­ter für die SZ geführt hat.

Vom Inter­view­er nach sei­ner Posi­ti­on zur Kir­che gefragt, ant­wor­te­te der Sän­ger: Dün­ne Geschich­te, die christ­li­che Reli­gi­on. Jung­frau wird schwan­ger von einem Geist, bleibt aber Jung­frau. Sie sagt zu ihrem Mann, ich bin schwan­ger, Schatz, aber mach dir kei­ne Sor­gen, ich bin ja immer noch Jung­frau. Men­schen, die sich so beneh­men, ver­die­nen es, in einem Stall über­nach­ten zu müssen.”

Ich den­ke, es ist kein Zufall, dass Lem­my an einem 24. Dezem­ber gebo­ren wur­de, so wie es sich für einen Hei­land gehört. Aus ihm hät­te ein außer­ge­wöhn­li­cher Erlö­ser wer­den kön­nen, wenn es ihm gelun­gen wäre, sei­nen Fata­lis­mus zu bän­di­gen, der auf man­che sei­ner nach Ori­en­tie­rung suchen­den Jün­ger ver­mut­lich eine demo­ti­vie­ren­de Wir­kung gehabt hätte.

Lem­my ver­dan­ke ich durch die­se Bemer­kung eine neue Sicht auf die Geschich­te des Zim­mer­manns aus Beth­le­hem: Wenn man sie als die Lie­bes­ge­schich­te von Maria und Josef liest, pas­sen alle Details zusam­men. Letzt­end­lich ist jede gute Geschich­te immer auch eine Liebesgeschichte.


Ich muss mir durch irgend­ei­ne Unbe­dacht­sam­keit den Zorn eines Zau­be­rers bäu­er­li­cher Her­kunft zuge­zo­gen haben, denn als ein­zi­ge wei­te­re Erklä­rung dafür, war­um in mei­nem Gehirn seit ein paar Tagen stän­dig im Hin­ter­grund Coun­try-Musik läuft, als wäre es ein Land­gast­haus, kommt nur in Fra­ge, dass mei­ne Fan­ta­sie mich hasst. Und der habe ich nie etwas zulei­de getan, das war allen­falls umge­kehrt. Oder? Wer weiß. Zum Glück ist mei­ne Fan­ta­sie kein Mensch.

Die meis­ten Men­schen lie­ben es ja, auf jeman­den belei­digt zu sein. Nicht nur, weil sie sich dabei selbst leid tun kön­nen, son­dern weil dadurch ihr eige­nes Gut­ha­ben auf dem gemein­sa­men Emo­ti­ons­kon­to steigt, wäh­rend das des ande­ren tief ins Minus rutscht, bis er sich gezwun­gen sieht, einen Kre­dit auf­zu­neh­men. Und was das The­ma Zin­sen anbe­langt, kön­nen selbst die ärgs­ten Wuche­rer und Schutz­geld­erpres­ser von pro­fes­sio­nel­len Emo­ti­ons­ka­pi­ta­lis­ten noch eini­ges ler­nen. Sogar als der zer­ti­fi­zier­te Nacht­wart, der ich bin, reich an Erfah­rung, voll der Men­schen und ihres Schick­sals, ein Mitt­ler zwi­schen den Wel­ten, Beschüt­zer der Men­schen vor der Nacht und der Nacht vor den Men­schen, muss ich geste­hen, dass mir Men­schen von die­ser Wesens­art Schau­er über den Rücken jagen.

In Part­ner­schaf­ten und im Fami­li­en­kreis wird von den Ter­ro­ris­ten genau Buch geführt: Wenn der Ehe­part­ner den Hoch­zeits­tag ver­ges­sen oder die Sei­den­hem­den im 90°-Programm gewa­schen hat, wer­den sie nie­mals die Gele­gen­heit ver­säu­men, ein Dra­ma dar­aus zu machen. Gera­de zu Weih­nach­ten fin­det sich leicht ein Grund zur Empö­rung, und wenn nicht, kön­nen sie immer noch wegen des Geschenks belei­digt sein. Wenn sie kei­nes gekriegt haben, umso bes­ser. Irgend­wann, den­ken sie, wer­den sie selbst etwas Dum­mes tun und das erwirt­schaf­te­te Emo­ti­ons­ka­pi­tal brau­chen. Und damit haben sie zu allem Über­fluss auch noch recht.

Wir leben nach selt­sa­men Regeln, von denen so gut wie kei­ne in schrift­li­cher Form exis­tiert und von deren Exis­tenz auch nur zu wis­sen wir leug­nen, Wenn wir gekränkt wer­den, schei­nen wir einem Geheim­pro­to­koll fol­gend dazu ermäch­tigt zu sein, den Übel­tä­ter bei der nächs­ten Gele­gen­heit dop­pelt zu krän­ken, und trotz­dem wird uns von unse­rem Kon­to nur wenig oder gar kein Kapi­tal abge­bucht. Der, der zuerst Schuld hat­te, wird immer Schuld haben, wäh­rend sein Opfer nie so viel Schuld haben kann, selbst wenn es den ande­ren vivi­seziert, denn Emo­ti­ons­kon­ten funk­tio­nie­ren auf der Grund­la­ge eines Reba­se-Sys­tems. Wem das nicht klar ist, der läuft sein Leben lang vor sei­nen Schul­den davon oder dem Kapi­tal hin­ter­her. Zu Weih­nach­ten heißt es beson­ders auf­pas­sen, denn wich­ti­ge Fes­te im Fami­li­en­ver­bund bie­ten den Pro­fis an allen Ecken und Enden Gele­gen­heit zur Ent­rüs­tung. Das Pro­blem an der Sache ist: Man weiß weder, wer sie sind, noch ob man zu ihren Opfern zählt, denn wenn man leicht mani­pu­liert wer­den kann, weiß man nicht, dass man mani­pu­liert wer­den kann. Was gleich­be­deu­tend ist damit, dass wir nie­mals wis­sen wer­den, ob wir wirk­lich einen eige­nen Wil­len haben oder per Fern­steue­rung gelenkt werden.

Um mit der Welt zurecht­zu­kom­men, benö­tigt man zwei Infor­ma­tio­nen: Wer, wie oder was die Welt ist, und wer, wie oder was man selbst ist (das Wo kann in bei­den Fäl­len eine nütz­li­che Zusatz­in­for­ma­ti­on sein).

Stel­len wir uns vor, wir kau­fen uns ein Hemd, und wenn wir nach Hau­se kom­men, bemer­ken wir, dass wir kein Mensch, son­dern eine Haar­bürs­te sind. Was tun? Natür­lich wer­den wir zunächst nach­se­hen, ob wir die Rech­nung nicht etwa weg­ge­wor­fen haben und wie lan­ge das Umtausch­recht gilt. Wir müs­sen aber kei­ne Haar­bürs­te sein, um mit dem Hemd eine schlech­te Wahl getrof­fen zu haben. Wenn wir ein Lüst­ling mit einem epo­cha­len Fett­wanst sind, wer­den wir mit dem dege­ne­rier­ten Grin­sen des mora­lisch Ver­wahr­los­ten der H&M‑Verkäuferin zuzwin­kern, die uns die Tüte mit dem Hemd über­reicht, in dem wir auf­grund des S/​M‑Etiketts am Kra­gen eine gran­dio­se Abend­gar­de­ro­be für den nächs­ten Fetischa­bend im Swin­ger­club sehen, aber wenn wir es zuhau­se anpro­bie­ren, rei­ßen wir es beim Anzie­hen ver­se­hent­lich in Fet­zen. In sol­chen Momen­ten wären wir sogar lie­ber eine Haar­bürs­te als wir.

Lei­der kann man sich weder aus­su­chen, wie die Welt ist, noch wer man selbst ist, nur an der Fein­jus­tie­rung kann und muss man arbei­ten. Wenn man die­se Pflicht zu lan­ge ver­nach­läs­sigt, hat das auf das eige­ne Leben ähn­li­che Aus­wir­kun­gen, als hät­te man Schei­ße in einen Ven­ti­la­tor geschau­felt. Mög­li­cher­wei­se dau­ert es dann eine Wei­le, bis man nach einer mora­li­schen Inven­tur wie­der Gäs­te emp­fan­gen kann. 

In die­sem Sin­ne wün­sche ich allen Lese­rin­nen und Lesern ein besinn­li­ches Weihnachtsfest.


Es gibt wenig, wirk­lich sehr wenig auf der Welt, das so gestopft gehört wie der Volks­mund. Gan­ze Genera­tio­nen wur­den von ihm und sei­nen Scher­gen an die schick­sal­haf­te Aus­weg­lo­sig­keit der lee­ren Rede ver­ra­ten, und was die Sache noch schlim­mer macht ist, dass es sich bei die­sen Scher­gen um Eltern, Groß­el­tern, Nach­barn, Leh­rer und Freun­de handelt.

Wie es in den Wald hin­ein­schallt, so schallt es auch wie­der heraus.”

Aus einem Wald schallt über­haupt nichts her­aus, und wer einen Wald mit einem Gebir­ge ver­wech­selt, soll­te sich nicht anma­ßen, gute Rat­schlä­ge zu verteilen.

Wer ande­ren eine Gru­be gräbt, fällt selbst hinein.”

Bestat­tungs­un­ter­neh­men und die Welt­ge­schich­te berich­ten von ent­ge­gen­ge­setz­ten Erfahrungen.

Ehr­lich währt am längsten.”

Eine rhe­to­ri­sche Hel­le­bar­de aus dem ver­ba­len Waf­fen­ar­se­nal aller Gau­ner und Betrüger.

Wenn wir uns am Tag des Jüngs­ten Gerichts auf der Ankla­ge­bank den Wanst krat­zen, wer­den sol­che Sät­ze in der Ankla­ge­schrift zitiert wer­den und bei den meis­ten Anwe­sen­den Wür­ge­reiz und Angst­neu­ro­sen aus­lö­sen, bei den Geschwo­re­nen, beim gries­grä­mi­gen Staats­an­walt, dem Flü­gel aus dem Rücken wach­sen und ein Anal­pro­pel­ler gewöhn­li­ches Sit­zen erschwert, und sogar bei unse­rem Ver­tei­di­ger, der statt einer Ver­tei­di­gungs­stra­te­gie nur ver­schie­de­ne Sitz­po­si­tio­nen ein­stu­diert hat, mit denen er sein Hirsch­ge­weih und sein Hin­ken kaschie­ren will.

Wie du mir, so ich dir.”

Das kann höchs­tens beim Sex gelten.

Wer zuletzt lacht, lacht am besten.”

Ein Ver­ur­teil­ter mit Gal­gen­hu­mor lacht, aber der Gal­gen ver­schwin­det des­we­gen nicht.

Sag mir, mit wem du gehst, und ich sage dir, wer du bist.”

Von so einem Satz bekom­men geis­tig und mora­lisch noch Unver­sehr­te spon­ta­nen Tin­ni­tus. Wenn über­haupt, sagt er nur etwas über den Spre­cher aus, der sich im Besitz objek­ti­ver Urteils­kraft wähnt, was bedeu­tet, dass fast jeder von uns ihn schon ein­mal gesagt haben könnte.

Was Häns­chen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.”

Wenn Hans ein Idi­ot ist, stimmt das.

Das alles sind kei­ne Leit­sprü­che, son­dern ekel­er­re­gen­de Pro­duk­te ober­fläch­li­chen Den­kens, es sind geis­ti­ge Armuts­zeug­nis­se, intel­lek­tu­el­le Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen, und wenn­gleich ich noch nicht so weit bin zu behaup­ten, es recht­fer­ti­ge ihn, so steht es doch außer Zwei­fel, dass die­ses dem Bie­der­mei­er ent­sprun­ge­ne Bom­bar­de­ment an ver­trot­tel­ten Weis­hei­ten den Ers­ten Welt­krieg zumin­dest erklärt.

Das Ver­fas­sen die­ser Kolum­ne hat meh­re­re Stun­den gedau­ert, weil der Cur­sor nahe­zu pau­sen­los und ohne ersicht­li­chen Anlass kreuz und quer über den Bild­schirm wan­dert. Seit eini­gen Minu­ten beob­ach­te ich mei­nen mir gegen­über sit­zen­den Sohn dabei, wie er auf­fäl­lig unauf­fäl­lig mit einer Funkmaus spielt, die haar­ge­nau so aus­sieht wie mei­ne Ersatzmaus.

Der Apfel fällt nicht weit vom Damm.”

Ich ver­fü­ge ja über Selbstironie.


Ehe ich zum Nacht­por­tier des See­hofs ernannt wur­de, hat­te außer Sepp Schell­horn und Georg Spel­vin kei­ner mei­ner engen Freun­de von mei­ner Aus­bil­dung gewusst. Sie hat­ten ange­nom­men, der größ­te offi­zi­el­le Bil­dungs­er­folg mei­nes Lebens sei das, was ich im Krei­se von Betrun­ke­nen, die an Wit­ze kei­ne hohen Ansprü­che stel­len, das Wie­ner Dok­to­rat nen­ne (Matu­ra plus Füh­rer­schein B). Wäre es mir in den Sinn gekom­men, die­sen Spöt­tern von mei­ner Zeit als Wach­lehr­ling zu erzäh­len, hät­ten sie sowie­so nur gelacht und mir kein Wort geglaubt. Was ich ihnen nicht ein­mal übel genom­men hät­te. Ers­tens weil Schrift­stel­ler per defi­ni­tio­nem einem elas­ti­schen Wirk­lich­keits­be­griff anhän­gen, zwei­tens, weil die meis­ten Men­schen auch gar nicht wis­sen, dass der Nacht­wart ein aner­kann­ter Lehr­be­ruf mit allem Drum und Dran ist, mit Frei­spre­chung, Gesel­len­brief, einer von Schlüpf­rig­kei­ten gepräg­ten Abwand­lung des Gautsch­fes­tes und einer stren­gen Meis­ter­prü­fung, die zu bestehen mit dem beur­kun­de­ten Recht belohnt wird, auf Lebens­zeit offi­zi­ell den etwas sper­ri­gen Titel des Nacht­wacht­meis­ters zu führen.

Die meis­ten Men­schen sind so lang­wei­lig, dass man sie nüch­tern kaum erträgt, was mei­nes Erach­tens die pri­mä­re Ursa­che der meis­ten Such­ter­kran­kun­gen ist. Als Absti­nenz­ler ver­mei­de ich nach Mög­lich­keit jed­we­den Kon­takt zu Art­ge­nos­sen. Das war vor eini­gen Jah­ren noch anders. Die Erin­ne­rung an einen der bizarrs­ten Sät­ze, die ich je gehört habe, ver­dan­ke ich mei­ner frü­he­ren Gepflo­gen­heit, mich in unfei­nen Spe­lun­ken von den geis­ti­gen Kaprio­len ver­hal­tens­auf­fäl­li­ger Tre­sen­nach­barn unter­hal­ten zu lassen.

Eines Abends hat­te ich einen Herrn mit Ohr­ring, Zie­gen­bart, Dau­er­wel­le und beein­dru­cken­der Stimm­ge­walt schon etwas auf­ge­bracht, weil ich von ihm hat­te wis­sen wol­len, wel­chen Beruf sein Fri­seur aus­üb­te. Um die Wogen zu glät­ten, frag­te ich ihn in sach­lich-freund­li­chem Ton, womit er selbst sein Geld ver­die­ne, wor­auf­hin er mich und alle ande­ren Lokal­gäs­te dar­über infor­mier­te, dass er sei­ne Berufs­wahl nicht leicht­fer­tig getrof­fen hat­te. I bin Fuaß­pfle­ger aus Lei­denschoft!” brüll­te er. Zum Glück war es kei­nes mei­ner Stammlokale.

Der ehr­ba­re Fuß­pfle­ger fällt mir seit­her immer ein, wenn neben mir ein Maler oder eine Musi­ke­rin von ihrer künst­le­ri­schen Beru­fung spre­chen. Natür­lich wird mir mein Lächeln oft und zu Unrecht als Ver­höh­nung ihrer Ambi­tio­nen aus­ge­legt. Es hilft auch nicht, den Fuß­pfle­ger zu erwäh­nen, im Gegen­teil, durch ihn füh­len sich die meis­ten Leu­te noch stär­ker provoziert.

Wie es sich beim Fuß­pfle­ger ver­hält, weiß ich nicht. Beim Nacht­wäch­ter liegt die Sache so, dass man sich zwar offi­zi­ell zum Nacht­wäch­ter aus­bil­den las­sen kann, aber wirk­lich erler­nen kann man die­sen Beruf nicht. Man kommt ent­we­der als Wäch­ter zur Welt, oder man wird nie einer wer­den. Ähn­li­ches gilt für einen nur dem Anschein nach wesens­ver­wand­ten Berufs­stand, näm­lich für den Poli­zis­ten. Man ist einer, oder man ist kei­ner. Man muss nicht ein­mal Poli­zist wer­den, um Poli­zist zu sein.

Der Poli­zist ist von Natur aus unsi­cher, in vie­len Fäl­len barsch. Er fängt Ver­bre­cher nicht, um sie für ihren Geset­zes­bruch zur Rechen­schaft zu zie­hen und der Gesell­schaft vom Hals zu schaf­fen, sodass wir nicht dar­über nach­den­ken müs­sen, wie­so sie etwas ange­stellt haben, son­dern er fängt sie, um jeman­den dafür büßen zu las­sen, dass er, der Poli­zist, eben ist, was er ist. Er ist nicht dumm, und ihm ist zumin­dest halb bewusst, dass bei ihm nicht alles so ist, wie es sein soll­te. Wenn er lang­sam bemerkt, dass gegen den eige­nen Cha­rak­ter auch das schärfs­te Pfef­fer­spray nicht viel aus­rich­ten kann, ver­fins­tern sich sei­ne Züge mehr und mehr.

Mir kann kei­ner weis­ma­chen, dass jemand eine der­ar­ti­ge Exis­tenz frei­wil­lig anstre­ben wür­de, es sei denn, es han­delt sich um einen ori­gi­na­len Poli­zis­ten. So wird man nicht, so muss man schon zur Welt kommen.

Apro­pos zur Welt kom­men: Eine an 28 deut­schen Geburts­kli­ni­ken im gemein­sa­men Auf­trag von Innen- und Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um durch­ge­führ­te Stu­die belegt, dass fast 40 Pro­zent aller Kna­ben, die mit einem Schnurr­bart gebo­ren wer­den, spä­ter in den Poli­zei­dienst ein­tre­ten oder zumin­dest die Auf­nah­me­prü­fung an der Poli­zei­schu­le absolvieren.

Man ist, was man ist, aber ob man es auch wird, hängt von vie­len Fak­to­ren ab. Poli­zist etwa wird man nicht ohne trif­ti­gen Grund. Kon­kre­te Erfah­run­gen des Betref­fen­den spie­len dabei bestimmt eine wich­ti­ge Rol­le, und doch wür­den die­sel­ben Erleb­nis­se jeman­den, der nicht mit einem Blau­licht auf dem Kopf und einer Sire­ne im Her­zen zur Welt gekom­men ist, nicht auto­ma­tisch zum Poli­zis­ten transformieren.

Der Wäch­ter ist in vie­ler­lei Hin­sicht das Gegen­teil des Poli­zis­ten. Er will ande­re vor Scha­den bewah­ren, und zwar alle Men­schen, nicht nur die poten­ti­el­len Opfer, son­dern auch den Übel­tä­ter selbst. Ein Wäch­ter ist schon ein Wäch­ter, wenn er zur Welt kommt, und er wäre es auch ohne bestimm­te kri­ti­sche Erfah­run­gen, die er macht, so wie ein ande­rer nur auf Basis der glei­chen Erfah­run­gen nicht zum Wäch­ter wird. Er kann zwar den Beruf des Nacht­wäch­ters aus­üben, aber das macht ihn noch lan­ge nicht zum Wäch­ter. Auf der ande­ren Sei­te gibt es Poli­zis­ten, die eigent­lich kei­ne Poli­zis­ten sind. Das sind die bes­se­ren Poli­zis­ten. Dage­gen sind Nacht­wäch­ter, die kei­ne Wäch­ter sind, eine kla­re Fehlbesetzung.

Ob ein Berufs­stand sys­tem­re­le­vant ist, kann man über­prü­fen, indem man ergrün­det, wel­che Vor­aus­set­zun­gen jemand dafür mit­brin­gen muss. Bei­spiel: Ärz­te? Soll­ten unbe­dingt gebo­re­ne Ärz­te sein. Jour­na­lis­ten? Dito. Köche? Und wie! Fri­seu­re? Nicht unbe­dingt, wür­de ich sagen, aber ich bin in die­sem Punkt mög­li­cher­wei­se befan­gen. Dafür habe ich gera­de etwas Sub­stan­zi­el­les begrif­fen. Nicht die lang­wei­li­gen Men­schen sind es, deren Gesell­schaft in mir das Bedürf­nis erzeugt, zu flie­hen oder mich zu betäu­ben. Es sind die ohne Leidenschaft.


Als ich ges­tern Abend erwach­te, erin­ner­te ich mich wie aus dem Nichts end­lich wie­der an mei­nen Favo­ri­ten unter Dou­glas R. Hof­stadters Samm­lung selbst­be­züg­li­cher Sät­ze. Nach dem Früh­stück woll­te ich mei­nem Sohn das Zitat per E‑Mail schi­cken, schwupp, war es wie­der aus mei­nem Gedächt­nis gelöscht.
Mein mis­an­thro­pi­scher Nach­bar behaup­tet, Ver­gess­lich­keit sei eine Berufs­krank­heit von Nacht­por­tiers. Ich bin eher der Ansicht, Ver­gess­lich­keit ist eine Begleit­erschei­nung jeder Form von Tätig­keit. Es hat kei­nen Sinn, damit zu hadern. Wenn man hadern will, soll­te man sich etwas ande­res suchen. Das Inspek­tor-Clou­seau-Syn­drom zum Bei­spiel.

Seit­dem ich mit dem ehren­vol­len Auf­trag betraut wur­de, die See­hof­schen Näch­te zu bewa­chen, damit sie kei­nen Unsinn anstel­len, hat sich zu mei­nem Ver­druss noch nicht der gerings­te Dieb, Lang­fin­ger, Räu­ber oder Mord­bren­ner sehen las­sen. Manch­mal füh­le ich mich wie ein Auto, das Tag und Nacht mit lau­fen­dem Motor in der Gara­ge steht. Nicht ein­mal jam­mern kann ich, denn ers­tens haben Nacht­wäch­ter kei­ne Gesell­schaft, weil sie schla­fen, wenn die ande­ren wach sind, und zwei­tens sind mir wei­te Tei­le der Gesell­schaft zu när­risch, um gro­ße Bereit­schaft zur Kom­mu­ni­ka­ti­on auf­zu­brin­gen. Als Bei­spiel mag neben dem erwähn­ten Nach­barn mein Erleb­nis mit einer Jour­na­lis­tin die­nen, der ich kurz nach Amts­an­tritt in Bei­sch­laf­lau­ne erzählt hat­te, wel­che Sofort­maß­nah­men ich im Fal­le eines Ein­bruchs in den Seehof ergrei­fen wür­de, wor­auf­hin ich von ihr unter den Ver­dacht der Frem­den­feind­lich­keit gestellt wur­de. Sie begrün­de­te dies mit dem Argu­ment, als Kan­di­da­ten für einen Ein­bruchs­ver­such kämen nur Aus­län­der in Fra­ge. Einen Ein­bruch über­haupt für mög­lich zu hal­ten bewei­se somit mei­ne aus­län­der­feind­li­che Gesin­nung.
Mei­ne Bei­sch­laf­lau­ne war danach nie wie­der, was sie frü­her war.
All­mäh­lich begrei­fe ich, dass ich als Nacht­wäch­ter des See­hofs auf das Erschei­nen eines Spitz­bu­ben, der so dumm ist, sich in Dieb­stahl­ab­sicht Zugang zum Haus zu ver­schaf­fen, höchst­wahr­schein­lich war­ten kann, bis ich schwarz wer­de.

Ein Nacht­wäch­ter denkt oft und reich­lich, sofern er die erfor­der­li­che Aus­rüs­tung dazu hat. Ich habe in mei­nem Leben schon vie­les gedacht, und dar­un­ter waren Gedan­ken, die Sie garan­tiert nicht den­ken wol­len, glau­ben Sie mir, aber ich habe nie­mals dar­über nach­ge­dacht, ob jemand wäh­rend der War­te­zeit auf ein Ereig­nis die Haut­far­be gewech­selt hat. Dass jemand die poli­ti­sche Gesin­nung wech­selt, wäh­rend er auf ein öffent­li­ches Amt war­tet, soll schon vor­ge­kom­men sein, doch die Redens­art bezieht sich bestimmt nicht auf poli­ti­sche Pig­ment­stö­run­gen. Es wird wohl die Haut gemeint sein, die vom War­ten schwarz wird.
Dem eige­nen Leben Bedeu­tung zu ver­lei­hen ist eines der edle­ren mensch­li­chen Bedürf­nis­se, und wer auf die­sem Gebiet noch kei­ne Punk­te sam­meln konn­te, dem steht es frei, in der zitier­ten Rede­wen­dung ras­sis­ti­sche Unter­tö­ne zu ent­de­cken und die Wochen des aktu­el­len Lock­downs dazu zu nut­zen, in allen im Deutsch­un­ter­richt gegen­wär­tig Ver­wen­dung fin­den­den Schul­bü­chern nach ent­spre­chen­den Schlüs­sel­wör­tern zu fahn­den. Danach gilt es, anti­fa­schis­ti­sche Leser­brie­fe zu ver­fas­sen, in denen der Unter­richts­mi­nis­ter vor die Wahl gestellt wird, ent­we­der alle Text­stel­len zu schwär­zen, in denen Erschwar­zung befürch­ten­de War­ten­de the­ma­ti­siert wer­den, oder umge­hend zurück­zu­tre­ten. Die einen bas­teln The­ra­pie­kra­ni­che, ande­re töp­fern, und man­che Men­schen geben ihrer Exis­tenz eben auf die­se Wei­se Sinn. Aber wel­chen Sinn hat ein Nacht­wäch­ter, der kei­ne Ein­bre­cher fängt oder wenigs­tens einen Brand löscht?

Unlängst dach­te ich, es wäre soweit. Eine unbe­kann­te Per­son ver­ur­sach­te früh­mor­gens ver­däch­ti­ge Geräu­sche an der Vor­der­tür, die, lässt man geo­gra­phi­sche Prin­zi­pi­en bei­sei­te, eher einer Hin­ter­tür gleicht. Mein ers­ter Schach­zug bestand dar­in, das Haus zu ver­las­sen, wobei ich mich lis­tig der Hin­ter­tür bedien­te, die, lässt man geo­gra­phi­sche Prin­zi­pi­en bei­sei­te, eher einer Vor­der­tür gleicht. Bin­nen weni­ger Sekun­den war ich am Schau­platz mei­nes Ver­dachts ange­kom­men, wo sich eine mit einem Stock bewaff­ne­te Gestalt ver­däch­tig benahm. Mutig warf ich mich auf sie, und wenn ich von die­sem Moment bis heu­te noch nicht berich­tet habe, liegt dies zum größ­ten Teil an mei­ner Beschei­den­heit und viel­leicht ein wenig an der Tat­sa­che, dass ich in der um Hil­fe schrei­en­den Per­son, mit der ich mich auf dem Boden wälz­te, zu spät ein weib­li­ches Mit­glied unse­res Rei­ni­gungs­per­so­nals erkann­te, das sich zu frü­her Stun­de dar­an gemacht hat­te, die Stu­fen vor dem Haus­tor von der Hin­ter­las­sen­schaft eines Hun­des zu säu­bern.

Ehr­geiz ist kei­ne schlech­te Sache, solan­ge nicht ande­re dadurch zu Scha­den kom­men, las ich ein­mal. Ich könn­te nun behaup­ten, im Ver­trau­en auf die­se Weis­heit über­haupt erst den Mut gefasst zu haben, mich dem ver­meint­li­chen Ein­bre­cher ent­ge­gen­zu­wer­fen. Dadurch bekä­me der Satz einen ehr­gei­zi­gen Cha­rak­ter, und mit etwas gutem Wil­len könn­te man ihm eine ent­fern­te Ver­wandt­schaft zu Dou­glas Hof­stadters selbst­be­züg­li­chen Sät­zen andich­ten. Etwas wie Ehr­geiz, durch den nie­mand ande­rer zu Scha­den kommt, exis­tiert in die­sem Uni­ver­sum nicht, dafür ist es nicht aus­ge­legt. Jetzt ist mir Hof­stadters Satz wie­der ein­ge­fal­len. Moment, ich muss ihn sofort…
Die­ser Satz kein Verb.

Wenn unter­neh­mungs­lus­ti­ge Gäs­te um vier Uhr nachts an mei­nem Nacht­wäch­ter­ver­schlag vor­bei­zie­hen, ohne mich und mei­nen Gruß wahr­zu­neh­men, fra­ge ich mich manch­mal, ob ich tot bin und bloß die behörd­li­che Ver­stän­di­gung dar­über noch nicht ein­ge­trof­fen ist. So gewich­ti­ge Fra­gen las­sen sich in kur­zer Zeit jedoch nicht mit hun­dert­pro­zen­ti­ger Sicher­heit beant­wor­ten, und für gewöhn­lich fällt mir an die­sem Punkt der Jen­seits­ro­man ein.
Schon lan­ge spie­le ich mit der Idee, einen Roman über See­len­wan­de­rung zu schrei­ben. Ohne eso­te­ri­schen Boden­satz, oder wer weiß, viel­leicht kom­men mit den Jah­ren die dun­kels­ten Sei­ten des Men­schen zum Vor­schein, sogar in mir, und Eso­te­rik ist wahr­lich dun­kel. Zudem exis­tie­ren die Begrif­fe alters­mil­de und alters­schwul nicht ohne Grund. War­um soll­te sich nicht bei man­chen Men­schen die Alters­e­so­te­rik ein­stel­len?

Die­se Vor­stel­lung nimmt mich gera­de ziem­lich mit. Ich sehe mich als Acht­zig­jäh­ri­gen mit wei­ßem Rau­sche­bart nackt am Ufer des Gol­deg­ger Sees ste­hen und zu den Vögeln pre­di­gen, umge­ben von schmut­zi­gen Bau­ern­kin­dern, die mich fil­men wol­len, aber vor Lachen ihre Han­dys nicht ruhig hal­ten kön­nen, wäh­rend die Gäs­te des See­hofs auf der Veran­da Wet­ten abschlie­ßen, wel­ches Ereig­nis zuerst ein­tre­ten wird: Wer­de ich von durch die täg­li­che Pre­digt zuneh­mend ent­nerv­ten Vögeln atta­ckiert, bis ich in den See stür­ze, oder gelingt es dem bald 90jährigen Sepp Schell­horn, mit­hil­fe sei­nes gelän­de­taug­li­chen Rol­la­tors noch vor den Krä­hen ein­zu­tref­fen, um mich am Bart zu packen und ins Haus zu schleifen?Ein gera­de aus Ober­fran­ken ange­reis­ter Gast, der zum ers­ten Mal da ist, erkun­digt sich, ob er bei den Dreh­ar­bei­ten wei­ter zuse­hen darf. Kein Film”, sagt Chris­ti­an Sei­ler, der seit Stun­den sei­ne Schu­he sucht, obwohl er zwei Paar über­ein­an­der trägt. Das sind der Chef und der Nachtwächter.”Und schwupps, ein Ober­fran­ke fährt zurück nach Ober­fran­ken.

An opti­mis­ti­schen Tagen gehe ich davon aus, dass ich alle mei­ne dunk­len Sei­ten schon ken­ne, aber da kann ich mich irren, denn mir sind schon vor Jah­ren zwei oder drei Fehl­ein­schät­zun­gen unter­lau­fen. Wie­so soll­te man sich selbst bes­ser ken­nen, als man ande­re kennt? Nur weil man man selbst ist? Man selbst zu sein bedeu­tet, dass man nur auf etwa 10 % der Rechen­leis­tung der eige­nen Fest­plat­te Zugriff hat, ohne zu wis­sen, was sich gera­de in den ande­ren Par­ti­tu­ren ereig­net. Nie­mand ist uns so fremd wie wir selbst.Ich bin schon so oft von einem Moment auf den ande­ren unver­se­hens zu jeman­dem gewor­den, den ich nicht kann­te und der mir auch nie mehr unter­ge­kom­men ist, dass irgend­wo in mir eigent­lich eine über­füll­te Ner­ven­heil­an­stalt zu fin­den sein müss­te. Des­halb traue ich mir selbst nicht über den Weg. Wer weiß, wie vie­le Reser­vei­den­ti­tä­ten, ter­ro­ris­ti­schen Schlä­fern gleich, in mir noch auf das Signal zum Atten­tat war­ten?
Nach­dem wir uns das gan­ze Leben lang vor uns ver­steckt haben, erken­nen wir uns selbst nicht, wenn wir plötz­lich ein wenig anders aus­se­hen. Aber so macht wir es uns zu leicht. Ich bin alle mei­ne Ichs. Ich bin nicht nur der, der ich sein will, ich bin sie alle, und manch­mal sind sie zu vie­le. Unse­re ande­ren Ichs sind immer in der Überzahl.

Wir wol­len Geld bloß haben, ver­ste­hen wol­len wir es nicht. Aber mit Men­schen hal­ten wir es nicht anders, also muss sich über die­se Igno­ranz nie­mand wun­dern. Sofern wir nicht in patho­lo­gi­schem Aus­maß unter Solip­sis­mus-Zwangs­ideen lei­den, bil­li­gen wir unse­ren Mit­men­schen immer­hin zu, am Leben zu sein, im Gegen­satz zum Geld, das kaum jemand als Lebens­form aner­ken­nen wür­de. Wir begrei­fen nicht, dass Geld, also ech­tes Geld wie etwa Gold, ein Wert- und Ener­gie­spei­cher ist, der die in Kauf­kraft umge­wan­del­te Arbeits­leis­tung eines vor Jahr­hun­der­ten ver­stor­be­nen Men­schen bewah­ren kann. Andern­falls wür­den wir es wahr­schein­lich nicht zulas­sen, dass es von Poli­tik und Zen­tral­ban­ken bei Bedarf in belie­bi­ger Men­ge nach­pro­du­ziert wird und durch die­se Ver­viel­fäl­ti­gung ste­tig an Wert ver­liert.
Als ich anfing, mei­nen Freun­den in ener­vie­rend kur­zen Inter­val­len den Ankauf von Bit­coin nahe­zu­le­gen, wur­de 1 BTC zu 3500 Dol­lar gehan­delt. Ich hat­te zwar kei­ne 3500 Dol­lar, aber dafür jede Men­ge neu­erwor­be­nes Fach­wis­sen über die Struk­tu­ren des glo­ba­len Finanz­sys­tems, mit dem ich mei­ne Freun­de ver­folg­te, bis die anfin­gen, sich vor mir zu ver­ste­cken. Ich pro­phe­zei­te ihnen einen gewal­ti­gen Kurs­an­stieg: bis Ende 2020 auf 20.000 Dol­lar, bis Ende 2021 auf 80.000 bis 300.000 Dol­lar, und in drei bis fünf Jah­ren könn­te der Preis in die Mil­lio­nen gehen. Dank die­ser Vor­her­sa­gen kann ich nun nach­füh­len, wel­cher Art von Bli­cken sich ein her­kömm­li­cher Geis­tes­kran­ker stän­dig aus­ge­setzt sehen muss..Mit Aus­nah­me von zwei geis­tig sehr gelen­ki­gen Freun­den folg­te nie­mand mei­ner Anre­gung. Nicht als Bit­coin auf 4000 $ stieg, nicht bei 5000$, nicht bei 7000$, nicht bei 9000$.In letz­ter Zeit mel­den sich man­che Opfer mei­ner Bera­tungs­pe­ne­tranz wie­der häu­fi­ger bei mir. Es könn­te damit zu tun haben, dass der Preis eines Bit­coin kürz­lich die Mar­ke von 16.000 Dol­lar über­schrit­ten hat, was einer Ver­vier­fa­chung des Kur­ses seit März ent­spricht. Aber auch jetzt wol­len sie nicht ver­ste­hen, sie wol­len nur haben. Was ich durch­aus ver­ste­hen kann, es ging mir frü­her ähn­lich. Seit ich aus gewis­sen prak­ti­schen Erwä­gun­gen her­aus vor ein paar Jah­ren begon­nen habe, die Prin­zi­pi­en von Erwerb und Besitz zu ergrün­den, mich mit den Unter­schie­den zwi­schen Geld und Wäh­rung ver­traut zu machen, die Velo­zi­tät des Geld­um­laufs und die Zusam­men­hän­ge zwi­schen Inves­ti­ti­on und Infla­ti­on zu ver­ste­hen, ist es genau umge­kehrt.

Wenn ein Staat kein Geld hat, aber jede Men­ge Schul­den, erhöht er die Steu­ern. (Staat müss­te man sein.) Wenn er das auch nicht mehr kann, druckt er Geld und darf dabei dar­auf hof­fen, dass die Bür­ger gar nicht bemer­ken, wie ihnen geschieht (Staat müss­te man sein.). Wenn man die Geld­men­ge erhöht, ohne die Wirt­schafts­leis­tung im glei­chen Aus­maß zu erhö­hen, hat man nicht mehr Geld, man hat bloß mehr Geld­schei­ne. Ihr Gesamt­wert hat sich nicht ver­än­dert, aber der ein­zel­ne Dol­lar oder Euro hat an Wert ver­lo­ren. So ent­steht Infla­ti­on. Der Bit­coin ist der bes­te Hedge gegen Infla­ti­on, den es gibt, und gera­de jetzt frisst die Infla­ti­on den Dol­lar- und den Euro­wert mit zuneh­men­dem Tem­po auf: 5 bis 7% hat der Dol­lar halb­of­fi­zi­el­len Quel­len zufol­ge in die­sem Jahr an rea­lem Wert ver­lo­ren. Ab 2021 rech­net sogar die US-Zen­tral­bank FED selbst mit einer Infla­ti­on von 10% und mehr pro Jahr, und die soll­te es am bes­ten wis­sen. Dem Euro wird es nicht viel bes­ser gehen. Hen­ry Ford soll gesagt haben: Wenn die Men­schen von einem Moment zum ande­ren das Geld­sys­tem ver­ste­hen wür­den, brä­che noch vor dem nächs­ten Mor­gen eine Revo­lu­ti­on aus.”Diese Gefahr war bis zur Erfin­dung von Bit­coin nicht real, denn alles, was mit Finan­zen zu tun hat, ist bei den meis­ten Men­schen so schlecht ange­schrie­ben, dass sie dar­über nicht sach­lich nach­zu­den­ken imstan­de sind.
Das könn­te sich ändern.
Den Bit­coin kann man nicht nach­dru­cken. Man kann ihn nicht fäl­schen. Er ist ein ver­läss­li­cher Wert­spei­cher. Er ist von dezen­tra­ler Struk­tur und somit nicht von einer Regie­rung mani­pu­lier­bar. Er macht Ban­ken obso­let. Er bringt Mil­li­ar­den von unban­ked peop­le Zugang zu den Welt­märk­ten. Er ist zen­sur­re­sis­tent, wird vom stärks­ten Com­pu­ter­netz­werk der Welt geschützt, und nichts kann ihn stop­pen. Er ist die Revo­lu­ti­on, die Hen­ry Ford gemeint hat.
So wie ich im März kei­ne 3500 Dol­lar hat­te, habe ich jetzt kei­ne 16.000 Dol­lar. Vie­le Men­schen fin­den Din­ge fas­zi­nie­rend, die sie nicht haben. Die meis­ten von uns ver­ste­hen aber schon die Din­ge nicht, die sie haben, was sich auch schwer ändern lässt, weil der Unver­stand nur den noch unver­stän­di­ge­ren Unver­stand als sub­stanz­arm zu erken­nen ver­mag, sich selbst jedoch nicht.
Des­halb fin­den wir Din­ge, die wir nicht ver­ste­hen, erst recht fas­zi­nie­rend. Genau­er gesagt, fin­den wir Din­ge fas­zi­nie­rend, von denen wir selbst bemer­ken, dass wir sie nicht ver­ste­hen. Eine beson­ders aus­ge­präg­te Beob­ach­tungs­ga­be auf dem Gebiet der Innen­schau konn­te beim Huma­no­iden bis­lang nicht nach­ge­wie­sen wer­den, und die­ses Man­ko hat dazu geführt, dass wir stän­dig auf der Suche nach Fas­zi­nie­ren­dem sind, ohne der Spur der Fas­zi­na­ti­on in uns selbst fol­gen zu wol­len. Ich bin auch so, und als mir das end­lich auf­fiel, war ich über eine lan­ge Zeit hin­weg ziem­lich trau­rig. Das wur­de gering­fü­gig bes­ser, als ich begann, mehr Zeit und Ener­gie in das Ziel eines tie­fe­ren Welt­ver­ständ­nis­ses zu inves­tie­ren. Als mir klar wur­de, dass Welt­ver­ständ­nis und Selbst­ver­ständ­nis eng ver­wandt sind und unab­hän­gig von­ein­an­der nicht exis­tie­ren kön­nen, war ich fas­zi­niert. Der Ver­dacht liegt nahe, dass ich wie­der nichts ver­stan­den hat­te.
Soviel habe ich also immer­hin ver­stan­den.
Des­we­gen hal­te ich mich gene­rell mit Rat­schlä­gen zurück. In den letz­ten Jah­ren habe ich nur sehr weni­ge ver­teilt, etwa die Hälf­te an schö­ne Frau­en, denen ich riet, sich aus­zu­zie­hen und auf dem Bett eine ihnen geneh­me Bei­sch­laf­po­si­ti­on ein­zu­neh­men, die ande­re Hälf­te an Freun­de, die ich beschwor, Bit­coin zu kau­fen, weil die­ser auf­grund sei­nes de-fac­to-defla­tio­nä­ren Wesens – es kann nie­mals mehr als 21 Mil­lio­nen Bit­coin geben – vor einem expo­nen­ti­el­len Preis­sprung steht.
Wer will, kann jetzt spe­ku­lie­ren, bei wel­cher der bei­den Grup­pen ich mehr Erfolg hatte.

Wenn man einen Nacht­wäch­ter fragt, wann er ein Buch ver­öf­fent­licht, tut man nichts Absur­des, denn Nacht­wäch­ter erle­ben viel, ganz zu schwei­gen von Nacht­por­tiers pro­mi­nen­ter Beher­ber­gungs­stät­ten wie dem Seehof. Man ver­gisst jedoch, dass nur der ordi­nä­re Nacht­wäch­ter sei­ne Schwei­ge­pflicht bre­chen wird, also der unge­lern­te dick­li­che Auf­se­her, der nachts alle zwei Stun­den per Pkw dem zu beauf­sich­ti­gen­den Objekt einen Besuch abstat­tet, wo er, mit einer Taschen­lam­pe bewehrt, ein­mal auf und ab geht und sich nach Kräf­ten bemüht, jeg­li­chen Hin­weis auf kri­mi­nel­le Vor­gän­ge zu über­se­hen. Ganz im Gegen­satz zu einem noblen Nacht­por­tier, der auf hono­ri­ge Gäs­te wie Chris­ti­an Sei­ler, Rai­ner Nowak und ande­re Spit­zen­ver­tre­ter der deutsch­spra­chi­gen Publi­zis­tik auf­passt, damit sie nichts Dum­mes anstel­len, und der sich sei­ner Schwei­ge­pflicht bewusst ist.

Jede Gesell­schaft las­tet auf den Stüt­zen sechs beson­ders wich­ti­ger Beru­fe: Ärz­te, Jour­na­lis­ten, Künst­ler, Leh­rer, Gast­wir­te und Taxi­fah­rer. Wenn es ihnen schlecht geht, geht es der Gemein­schaft schlecht. Der Jour­na­list ist die Ver­bin­dung von Herr­schen­dem und Beherrsch­ten, zwi­schen Macht und Individuum,er ist für das Ver­ständ­nis der Rea­li­tät ver­ant­wort­lich, und wenn er schlech­te Arbeit leis­tet, schwächt er die, die schon schwach sind. Der Künst­ler ist der­je­ni­ge, der uns von der ande­ren Welt erzählt, und zwar so scho­nend, dass wir sein Werk für erfun­den hal­ten kön­nen. Er schärft unser Bewusst­sein für das Unver­ständ­li­che, für die Exis­tenz jen­seits unse­rer Gren­zen, und wenn er aus dem Gleich­ge­wicht gerät, muss er die­ses erst wie­der­fin­den, ehe er wei­ter­erzäh­len darf. Wenn der Jour­na­list und der Künst­ler bei bes­ten Kräf­ten sind, kön­nen sie dazu bei­tra­gen, dass wir alle gut leben, bes­ser leben, ja sogar gern leben.

Der Seehof braucht in Wahr­heit kei­nen Nacht­wäch­ter, der Seehof ist ein Nacht­wäch­ter. Was der Seehof tags­über wie nachts leis­tet, könn­te man geis­ti­ge Lan­des­ver­tei­di­gung nen­nen, denn er lin­dert die Erschöp­fung vie­ler Men­schen, die die Gesell­schaft mit Ener­gie ver­sor­gen, indem er ihnen eine Hei­mat gibt. Men­schen, die sowohl emp­find­sam als auch denk­fä­hig sind, fin­det man sel­te­ner als Trä­ger der Blut­grup­pe AB nega­tiv, und die Mehr­heit von ihnen hat kei­ne phy­si­sche Hei­mat. Wenn sie kurz ande­rer Mei­nung sind, brau­chen sie nur für ein paar Stun­den dort­hin zurück­keh­ren, was sie für ihre Hei­mat hal­ten, egal ob es Sin­del­fin­gen, Sti­natz oder Bir­ming­ham ist: Sie wer­den ent­setzt sein, zuerst ent­setzt und dann trau­rig, und dann wer­den sie ange­schla­gen die Rück­rei­se antreten.

Hei­mat­lo­se Men­schen sind halt­lo­se Men­schen, das wis­sen die Schell­horns, des­halb kön­nen emp­find­sa­me Zeit­ge­nos­sen im Seehof die beschä­men­de Tat­sa­che ver­drän­gen, dass sich die meis­ten Men­schen die meis­te Zeit über so ver­hal­ten, als wären ihre Mit­men­schen Robo­ter. Es mag dar­an lie­gen, dass hier Robo­ter zu Men­schen wer­den wol­len. An so einem Ort mag man auch Men­schen, die man nicht mag. Ich muss es wis­sen, denn sogar mich schei­nen im Seehof man­che zu mögen. Viel­leicht mer­ken sie hier, dass ich auf ihre Nacht auf­pas­se. Tags­über und nachts. Im Zen­trum für geis­ti­ge Landesverteidigung.


Einer der vie­len gemein­sa­men Freun­de von Sepp Schell­horn und mir, der Wolfs­ber­ger Jour­na­list Mar­kus Manu” Stau­din­ger, war, wie jeder Seehof-Stamm­gast bestä­ti­gen wird, eine phy­sio­gno­misch bemer­kens­wer­te Erschei­nung. Er wur­de schon Gar­rincha geru­fen, als der ech­te Gar­rincha noch leb­te. Auf­grund einer ange­bo­re­nen Defor­ma­ti­on des Rück­grats betrug der Län­gen­un­ter­schied sei­ner Bei­ne zehn Zen­ti­me­ter, beim bra­si­lia­ni­schen Fuß­ball­star waren es nur sechs.

Er pfleg­te dar­über offen­siv Aus­kunft zu geben. Was dem lin­ken Bein fehlt, haben mir die Engel an das mitt­le­re ange­näht”, lau­te­te eine sei­ner For­mu­lie­run­gen, der man nicht den Vor­wurf erspa­ren konn­te, unfein und unprä­zi­se zugleich zu sein, denn was weiß unser­eins schon über die Defi­ni­ti­on der sie­ben Basis­ein­hei­ten in der iso­la­tio­nis­tisch-eli­tä­ren Fach­welt che­ru­bi­ni­scher Chir­ur­gen oder über die Norm­vor­stel­lun­gen ihrer Penisimplantologen.

Wenn Manu saß, bemerk­te man von sei­ner Beein­träch­ti­gung nichts, zumal sei­ne Gesichts­mit­te die Auf­merk­sam­keit des Beob­ach­ters bean­spruch­te. Zumin­dest mir ging es so. Auch Sepp war oft anzu­mer­ken, dass er sich nach so vie­len Jah­ren noch immer nicht ganz an die­sen Anblick gewöhnt hat­te. Von Sepp stammt die Theo­rie, dass die Ope­ra­ti­ons­gier Manus geflü­gel­ter Ärz­te nach dem ers­ten Ein­griff noch nicht gestillt war, denn in einer ein­zi­gen Pore von Manus Nase wäre ein Super­markt­park­platz nur mit GPS zu fin­den gewesen.

Das war Manus Schick­sal. Eines Nach­mit­tags im ver­gan­ge­nen April bekam er so star­kes Nasen­blu­ten, dass er sich nicht mehr anders zu hel­fen wuss­te, als sich die XXL-Tam­pons sei­ner Freun­din in die Nasen­lö­cher zu schie­ben, ver­mut­lich in jedes zwei. Als er nie­sen muss­te, explo­dier­te sein Kopf.

Tat­ort­rei­ni­ger ist auch so ein Job, des­sen Anfor­de­run­gen ich nie gewach­sen gewe­sen wäre. Nacht­por­tier des Seehof zu sein war mir dage­gen in die Wie­ge gelegt, und Sepp Schell­horn hat die­ses Talent früh erkannt. Aber was ist der Dank? Ich ver­schi­cke vom Büro­com­pu­ter des Seehof aus E Mails, in dem ich mich für ihn aus­ge­be und mich Sepp Shell­horn nenne.

Ich fra­ge mich, ob ich, wenn ich zu träu­men begin­ne, auch immer erst ein paar Minu­ten brau­che, bis ich mir sicher bin, dass ich mich end­lich wie­der in der Rea­li­tät befinde.

Es liegt in der Natur der Sache, dass ich es nie­mals wis­sen werde.


1

Heu­te wird lei­der kaum noch Stil­le Post” gespielt, jeden­falls nicht von Men­schen. Bei die­sem in Zei­ten vor der Erfin­dung des Fern­se­hens erson­ne­nen Spiel geht es genau genom­men um eine hei­te­re Ver­an­schau­li­chung von Indi­vi­dua­li­tät. Per­son A erzählt Per­son B eine kur­ze, aber detail­rei­che und nicht undra­ma­ti­sche Geschich­te, wobei nur ein nicht am Spiel teil­neh­men­des Publi­kum zuge­gen sein darf. Nun betritt Per­son C den Raum, die von Per­son B deren Ver­si­on der hek­ti­schen Geschich­te zu hören bekommt. Danach ist es an Per­son C, der ein­tre­ten­den Per­son D die Geschich­te so zu erzäh­len, wie sie sie ver­stan­den hat. Und so geht es wei­ter, bis der letz­te Mit­spie­ler Z die Ver­si­on von Mit­spie­ler Y erzählt bekom­men hat und sei­ne eige­ne Per­son A erzählt, die ihre Geschich­te unter Garan­tie nicht wie­der­erken­nen wird.

Mir lie­gen Hin­wei­se vor, dass die in den Com­pu­tern der Welt vom Men­schen unbe­merkt nis­ten­den Künst­li­chen Intel­li­gen­zen (KI) begon­nen haben, die­ses Spiel für sich zu adap­tie­ren. Ver­mut­lich hat sich unter ihnen her­um­ge­spro­chen, dass auch klu­ge Geis­ter dar­an Ergöt­zung fin­den, denn was die sich leis­ten, wenn sie eine Geschich­te wie die­se hier durch die mul­ti­na­tio­na­le KI-Welt schi­cken, ist nicht unin­ter­es­sant und legt die Ver­mu­tung nahe, dass Online-Über­set­zungs­pro­gram­me wie das von Google oft­mals von einer dem Scha­ber­nack zuge­neig­ten Künst­li­chen Intel­li­genz zur Erbau­ung ihrer KI-Kol­le­gen dazu ange­stif­tet wer­den, ihre mensch­li­chen Nut­zer durch dreis­tes­te Sabo­ta­ge­ak­te in eine End­los­schlei­fe irrever­si­bler Miss­ver­ständ­nis­se zu beför­dern und sol­cher­art wenn schon nicht die glo­ba­le geis­ti­ge Umnach­tung der gesam­ten Mensch­heit her­auf­zu­be­schwö­ren, so doch wenigs­tens vie­ler­orts Clus­ter aku­ten Wahn­sinns zu schaffen.

Na, wol­len wir mal sehen, ob schon ein Scherz­bold auf der Lau­er liegt.

2

Today the­re is hard­ly any Silent Mail” play­ed, at least not by peop­le. This game, con­cei­ved in the times befo­re the inven­ti­on of tele­vi­si­on, is actual­ly about a cheer­ful illus­tra­ti­on of indi­vi­dua­li­ty. Per­son A tells Per­son B a short, but detail­ed and not undra­ma­tic sto­ry, wher­eby only a non-par­ti­ci­pa­ting audi­ence is allo­wed to be pre­sent. Per­son C now enters the room and per­son B hears their ver­si­on of the hec­tic sto­ry. Then it is up to per­son C to tell per­son D the sto­ry as he or she unders­tood it. And so it goes on until the last team­ma­te Z has been told the ver­si­on of team­ma­te Y and tells his own per­son A, who is gua­ran­te­ed not to reco­gni­ze her story.

I have recei­ved indi­ca­ti­ons that the Arti­fi­cial Intel­li­gen­ces (AI) nest­ling in the com­pu­ters of the world unno­ti­ced by humans have begun to adapt this game for them­sel­ves. It has pro­bab­ly got around among them that even cle­ver minds find delight in it, becau­se what they afford when they send a sto­ry like this one through the mul­ti­na­tio­nal AI world is not unin­te­res­ting and sug­gests that online trans­la­ti­on pro­grams like that Google often ins­ti­ga­ted by a joke-incli­ned arti­fi­cial intel­li­gence to edi­fy their AI col­leagues to send their human users into an end­less loop of irrever­si­ble misun­derstan­dings through the most bra­zen acts of sabo­ta­ge and thus, if not to con­ju­re up the glo­bal men­tal der­an­ge­ment of the ent­i­re human race, so at least to crea­te at least clus­ters of acu­te mad­ness in many places.

Well, let’s see if a pranks­ter is alrea­dy lying in wait.

3

Aujour­d’hui, il n’y a pra­ti­que­ment pas de Silent Mail” joué, du moins pas par les gens. Ce jeu, con­çu à l’é­po­que pré­cé­dant l’in­ven­ti­on de la télé­vi­si­on, est en fait une illus­tra­ti­on joy­eu­se de l’in­di­vi­dua­li­té. La per­son­ne A racon­te à la per­son­ne B une his­toire cour­te, mais détail­lée et non pas dra­ma­tique, dans laquel­le seul un public non par­ti­ci­pant est auto­ri­sé à être pré­sent. La per­son­ne C ent­re main­ten­ant dans la piè­ce et la per­son­ne B entend sa ver­si­on de l’his­toire mou­ve­men­tée. Ensui­te, il appar­tient à la per­son­ne C de racon­ter l’his­toire à la per­son­ne D tel­le qu’el­le l’a com­pri­se. Et ain­si de suite jus­qu’à ce que le der­nier coé­qui­pier Z ait appris la ver­si­on de son coé­qui­pier Y et racon­te sa prop­re per­son­ne A, qui est assu­rée de ne pas recon­naît­re son histoire.

J’ai reçu des indi­ca­ti­ons selon les­quel­les les intel­li­gen­ces arti­fi­ci­el­les (IA) nichées dans les ordi­na­teurs du mon­de inaper­çu­es des humains ont com­men­cé à adap­ter ce jeu pour elles-mêmes. Il a pro­ba­ble­ment été par­mi eux que même les esprits intel­li­gents y trou­vent leur plai­sir, car ce qu’ils se per­met­tent quand ils envoi­ent une his­toire com­me cel­le-ci à tra­vers le mon­de de l’IA mul­ti­na­tio­na­le n’est pas sans inté­rêt et sug­gè­re que les pro­gram­mes de tra­duc­tion en ligne com­me celui de Google sont sou­vent pro­vo­qués par une bla­gue. ‑incli­ne l’in­tel­li­gence arti­fi­ci­el­le pour édi­fier ses col­lè­gues IA pour envoy­er leurs uti­li­sa­teurs humains dans une bou­cle sans fin de malen­ten­dus irré­ver­si­bles à tra­vers les actes de sabo­ta­ge les plus effron­tés et donc, sinon pour évo­quer le déran­ge­ment men­tal glo­bal de tou­te la race humai­ne, du moins pour créer au moins des grap­pes de folie aiguë dans de nombreux endroits.

Eh bien, voyons si un far­ceur est déjà à l’affût.

4

Oggi non c’è qua­si nes­sun Silent Mail” inter­pre­ta­to, alme­no non dal­le per­so­ne. Ques­to gio­co, con­c­epi­to pri­ma del­l’in­ven­zio­ne del­la tele­vi­sio­ne, è inf­at­ti una gioio­sa illus­tra­zio­ne del­l’in­di­vi­dua­li­tà. La per­so­na A rac­con­ta alla per­so­na B una sto­ria bre­ve, ma det­ta­glia­ta, non dram­ma­ti­ca in cui solo un pub­bli­co non par­te­ci­pan­te può esse­re pre­sen­te. La per­so­na C ora ent­ra nel­la stan­za e la per­so­na B ascol­ta il loro lato tur­bo­len­to del­la sto­ria. Quin­di spet­ta alla per­so­na C rac­con­ta­re la sto­ria alla per­so­na D così come l’ha inte­sa. E così via fino a quan­do l’ul­ti­mo com­pa­g­no di squa­dra Z scop­re la ver­sio­ne del suo com­pa­g­no di squa­dra Y e rac­con­ta la sua per­so­na A, che è sicu­ra di non rico­no­s­ce­re la sua storia.

Ho rice­vu­to indi­ca­zio­ni che le intel­li­gen­ze arti­fi­cia­li (IA) anni­da­te nei com­pu­ter del mondo inos­ser­va­te dag­li uma­ni han­no ini­zia­to ad adatta­re ques­to gio­co per se stesse. Pro­ba­bilm­en­te è sta­to tra loro che anche le men­ti intel­li­gen­ti tro­va­no il loro pia­ce­re in esso, per­ché ciò che si con­ce­do­no quan­do invia­no una sto­ria come ques­ta attra­ver­so il mondo del­l’IA mul­ti­na­zio­na­le non è pri­vo di inter­es­se e sug­ge­ris­ce che i pro­gram­mi di tra­du­zio­ne in linea come quel­li di Google sono spes­so pro­vo­ca­ti da uno scher­zo. – incli­na l’in­tel­li­gen­za arti­fi­cia­le a edi­fi­ca­re i com­pa­gni di intel­li­gen­za arti­fi­cia­le per invi­a­re i loro uten­ti uma­ni in un ciclo infi­ni­to di incom­pren­sio­ni irrever­si­bi­li attra­ver­so i più sfac­cia­ti atti di sabot­ag­gio e quin­di, se non per evo­ca­re lo squi­li­brio men­ta­le glo­ba­le del­l’in­te­ra raz­za uma­na, il meno per crea­re alme­no grap­po­li di fol­lia acu­ta in mol­ti luoghi.

Bene, vedia­mo se un bur­lo­ne è già in cer­ca di preda.

5

Hoy en día casi no hay inter­pret­ación de Cor­reo silen­cio­so”, al menos no por per­so­nas. Este jue­go, con­ce­bi­do antes de la inven­ción de la tele­vi­sión, es de hecho una alegre ilus­tra­ción de la indi­vi­du­ali­dad. La Per­so­na A le cuen­ta a la Per­so­na B una his­to­ria bre­ve, pero detal­la­da y no dramá­ti­ca en la que solo pue­de estar pre­sen­te una audi­en­cia no par­ti­ci­pan­te. La Per­so­na C ent­ra aho­ra en la habit­a­ción y la Per­so­na B escu­cha su lado tur­bu­len­to de la his­to­ria. De modo que depen­de de la per­so­na C con­tar­le la his­to­ria a la per­so­na D tal como la enten­dió. Y así suce­siva­men­te has­ta que el últi­mo com­pa­ñe­ro Z se ente­ra de la ver­sión de su com­pa­ñe­ro Y y le cuen­ta a su per­so­na A, qui­en está segu­ro de que no reco­no­ce su historia.

He reci­bi­do indi­cacio­nes de que las inte­li­gen­ci­as arti­fi­cia­les (IA) ani­da­das en las com­pu­ta­do­ras del mun­do sin ser detec­ta­das por los huma­nos han comenz­ado a adap­tar este jue­go por sí mis­mas. Pro­ba­ble­men­te fue ent­re ellos don­de inclu­so las men­tes inte­li­gen­tes encuen­tran su pla­cer en ello, por­que lo que se per­mi­ten cuan­do enví­an una his­to­ria como esta a tra­vés del mun­do de la IA mul­ti­n­acio­nal no deja de tener inte­rés y sugie­re que los pro­gra­mas de tra­duc­ción en línea como los de Google sue­len estar pro­vo­ca­dos por una broma. – incli­na a la IA a edi­fi­car a los com­pa­ñe­ros de IA para envi­ar a sus usua­ri­os huma­nos a un bucle sin fin de malen­tendi­dos irrever­si­bles a tra­vés de los actos de sabo­ta­je más fla­gran­tes y lue­go, si no para evo­car el dese­qui­li­brio men­tal glo­bal de toda la raza huma­na, menos para cre­ar al menos gru­pos de locu­ra agu­da en muchos lugares.

Bue­no, veam­os si ya hay un bro­mis­ta al acecho.

6

Danas goto­vo da nema tumačen­ja Tihe poš­te”, barem ne od stra­ne lju­di. Ova igra, zamišl­je­na pri­je izu­ma tele­vi­zi­je, zapra­vo je rados­na ilus­tra­ci­ja indi­vi­du­alnos­ti. Oso­ba A govo­ri oso­bi B krat­ku, ali detal­j­nu i ned­ram­ma­tič­nu priču u kojoj može biti pri­s­ut­na samo publi­ka koja ne sud­je­lu­je. Oso­ba C sada ula­zi u sobu i oso­ba B čuje svo­ju bur­nu stra­nu priče. Dak­le, na oso­bi C je da ispriča priču oso­bi D ona­ko kako ju je ona razum­je­la. I tako sve dok posljednji part­ner Z ne saz­na za ver­zi­ju svog part­ne­ra Y i kaže svo­joj oso­bi A, koja je sigur­na da ne pre­poz­na­je njego­vu priču.

Pri­mio sam naz­na­ke da su umjet­ne inte­li­gen­ci­je (AI) ugni­ježđe­ne u svjet­s­ka raču­na­la neot­kri­ve­ni od lju­di poče­li samostal­no pril­agođa­va­ti ovu igru. Vje­ro­jat­no su među nji­ma čak i pamet­ni umovi pro­naš­li svo­je zado­vol­jstvo u tome, jer ono čemu se pre­pus­te kad šal­ju ovak­vu priču kroz svi­jet mul­ti­n­acio­nal­ne AI nije bez inte­re­sa i suger­i­ra da inter­net­ski pro­gra­mi za pri­je­vod poput Goo­g­lea obič­no su uzro­ko­va­ni šalom. – nago­va­ra AI da izgra­di pra­tio­ce AI‑a da pošal­je svo­je ljuds­ke koris­ni­ke u nep­re­gled­nu pet­lju nepo­v­rat­nih nespora­zu­ma kroz najoči­ti­je sabo­taže, a onda ako ne i da pri­zo­ve ukup­nu men­tal­nu ner­av­no­težu cije­le rase lju­di, man­je da bi na mno­gim mje­s­ti­ma stvo­ri­li barem sku­pi­ne akut­nog ludila.

Pa, haj­de da vidi­mo pos­to­ji li već neki džoker.

7

Heu­te gibt es fast kei­ne Inter­pre­ta­ti­on von Silent Mail”, zumin­dest nicht von Men­schen. Die­ses Spiel, das vor der Erfin­dung des Fern­se­hens kon­zi­piert wur­de, ist tat­säch­lich ein freu­di­ges Bei­spiel für Indi­vi­dua­li­tät. Per­son A erzählt Per­son B eine kur­ze, aber detail­lier­te und nicht dra­ma­ti­sche Geschich­te, in der nur das nicht teil­neh­men­de Publi­kum anwe­send sein kann. Per­son C betritt nun den Raum und Per­son B hört sei­ne tur­bu­len­te Sei­te der Geschich­te. Es liegt also an Per­son C, Per­son D die Geschich­te so zu erzäh­len, wie sie sie ver­stan­den hat. Und so wei­ter, bis der letz­te Part­ner Z von der Ver­si­on sei­nes Part­ners Y erfährt und sei­ner Per­son A erzählt, die sicher ist, dass er sei­ne Geschich­te nicht erkennt.

Ich habe Hin­wei­se erhal­ten, dass künst­li­che Intel­li­genz (KI), die in den von Men­schen unent­deck­ten Com­pu­tern der Welt ver­schach­telt ist, begon­nen hat, die­ses Spiel selbst anzu­pas­sen. Wahr­schein­lich haben sogar klu­ge Köp­fe unter ihnen ihre Zufrie­den­heit dar­in gefun­den, denn was sie sich gön­nen, wenn sie eine Geschich­te wie die­se durch die Welt der mul­ti­na­tio­na­len KI sen­den, ist nicht ohne Inter­es­se und legt nahe, dass Online-Über­set­zungs­pro­gram­me wie Google nor­ma­ler­wei­se durch einen Witz ver­ur­sacht wer­den. – die KI davon zu über­zeu­gen, KI-Anhän­ger auf­zu­bau­en, um ihre mensch­li­chen Benut­zer durch die offen­sicht­lichs­te Sabo­ta­ge in eine end­lo­se Schlei­fe irrever­si­bler Miss­ver­ständ­nis­se zu ver­set­zen und dann, wenn nicht, das all­ge­mei­ne geis­ti­ge Ungleich­ge­wicht einer gan­zen Ras­se von Men­schen her­vor­zu­ru­fen, weni­ger, um an vie­len Orten zumin­dest aku­te Wahn­sinns­grup­pen zu schaffen.

Mal sehen, ob es schon einen Joker gibt.

ENDE

So. Jetzt wis­sen Sie es. Und das waren nur 7 oder 8 Sta­tio­nen. Nach 24 könn­te man das Ergeb­nis ver­mu­tich nicht mehr lesen, ohne sofort wahn­sin­nig zu werden.

Wir dür­fen uns das nicht gefal­len lassen!


Ges­tern stieß ich in einem Roman, den ich zuletzt in mei­ner Kind­heit gele­sen hat­te, auf eine Sze­ne, in der einem jun­gen Mann, der gera­de die Won­nen der Selbst­be­frie­di­gung für sich erschlos­sen hat, von einem from­men Freund der Fami­lie aus­ein­an­der­ge­setzt wird, dass Mas­tur­ba­ti­on unwei­ger­lich zu Rücken­mark­schwund führt, was noch nicht ein­mal das Schlimms­te wäre, das Schlimms­te dar­an sei die Sün­de, denn Gott sieht alles.

In die­sem Moment fiel mir ein, was mir schon beim ers­ten Lesen ein­ge­fal­len war, näm­lich der bizar­re Gedan­ke, dass Gott ein ziem­lich abge­dreh­ter Span­ner sein muss, wenn er mit sei­ner All­macht nichts Bes­se­res zu tun weiß, als Jüng­lin­gen beim Ona­nie­ren zuzusehen.

Das gab eine gro­ße Wie­der­se­hens­fei­er. Ich und ich, wir freu­en uns immer, wenn wir einen Gedan­ken wie­der­fin­den, der monate‑, oft jah­re- und manch­mal jahr­zehn­te­lang auf uns gewar­tet hat, ohne zu wis­sen, ob wir noch ein­mal vorbeikommen.

Erin­ne­run­gen sind ihrem Wesen nach nichts als Gedan­ken, und mit Gedan­ken ver­hält es sich so: Sie exis­tie­ren vor uns, sie exis­tie­ren nach uns, sie sind, was sie sind, sie sind, wo sie sind, und sie sind uns nicht unähnlich.

Vie­le von ihnen sind nichts Beson­de­res. Sie ste­hen in der Gegend rum, und es ist ihnen egal, ob sie gedacht wer­den. Sie sind mit ihrer Exis­tenz zufrie­den und sehen kei­ner­lei Ver­an­las­sung, sich auf die Suche eines Den­kers zu machen, dem sie ein­fal­len könn­ten. Was ver­ständ­lich ist, weil sowie­so nie­mand bemer­ken wür­de, dass sie da waren, so unun­ter­scheid­bar und unori­gi­nell, wie sie sind, wie ein dicker Mann mitt­le­ren Alters an einem über­füll­ten Strand, auf dem Kopf einen Son­nen­hut, auf dem Rücken wei­ße Strei­fen schlecht ver­teil­ter Sonnenmilch.

Es gibt aber auch ande­re. Man­che wer­den sehr sel­ten gedacht, was zum Teil auch ganz gut so ist, bei einem ande­ren Teil hin­ge­gen ist es gera­de­zu tra­gisch. Über eini­ge Gedan­ken gibt es nur das Gerücht ihrer Exis­tenz, doch es heißt, sie könn­ten alles, alles verändern.

Gott war einst so ein Gedan­ke, aber er wur­de von den fal­schen Men­schen gedacht.

Des­we­gen darf man nie auf­hö­ren zu suchen. Wenn man auf einen unge­wöhn­li­chen Gedan­ken stößt, soll­te man ihn in ange­mes­se­nem Rah­men äußern, denn viel­leicht ist jemand in der Nähe, der mit ihm etwas anfan­gen kann. Man muss näm­lich kein Genie sein, um einen genia­len Gedan­ken haben zu kön­nen. Man muss nur ein Genie sein, um ihn zu erkennen.


Ste­phen Haw­king äußer­te angeb­lich ein­mal, es wäre mög­lich, dass ein Mensch nach sei­nem Tod nicht nur wie­der­ge­bo­ren wür­de, er könn­te sogar in der Ver­gan­gen­heit zur Welt kom­men, im Mit­tel­al­ter beispielsweise.


Das waren noch Zei­ten! Es war immer etwas los. Die Leu­te wuschen sich nicht, hat­ten aber viel mehr Sex als heu­te. Das Zahn­arzt­we­sen wur­de von bie­de­ren Schmie­den domi­niert, die infol­ge ihrer Unkennt­nis wirk­sa­mer Anäs­the­ti­ka die loka­le Betäu­bung des Pati­en­ten auf unsanf­te, aber dafür nach­hal­ti­ge Wei­se her­bei­zu­füh­ren pfleg­ten. Wenn nicht gera­de die Pest, der Teu­fel, fremd­län­di­sche Inva­so­ren, Beam­te oder ande­re Pla­gen bzw. Mord­bren­ner die Welt ver­wüs­te­ten und gegen die Lan­ge­wei­le nur noch gevö­gelt und in der Nase gebohrt wer­den konn­te, wur­de eben schnell ein Volks­fest orga­ni­siert und dabei eine pro­mis­kui­ti­ve Kräu­ter­samm­le­rin als Hexe ver­brannt. Der Schluss liegt nahe, dass einem im Mit­tel­al­ter Wie­der­ge­bo­re­nen nicht lang­wei­lig wür­de, denn gegen eine sol­che Ereig­nis­dich­te macht sich der bes­te Kal­te Krieg wie eine Mit­tel­meer­kreuz­fahrt auf einem Pen­sio­nis­ten­damp­fer aus.


Dem aktu­el­len For­schungs­stand zufol­ge haben Wie­der­ge­bo­re­ne jedoch kei­ne Erin­ne­rung an ihre Vor­le­ben (wie man das her­aus­ge­fun­den hat, wür­de ich außer­or­dent­lich gern erfah­ren), daher wäre der Kul­tur­schock bei der Ankunft im Mit­tel­al­ter nicht grö­ßer als, sagen wir, der beim ers­ten Urlaub in Kärn­ten. Alles in allem muss man in Zwei­fel zie­hen, ob Ste­phen Haw­king hier kor­rekt zitiert wor­den ist.


Am Mit­tel­al­ter wür­de mich inter­es­sie­ren, ob man sich mit 14 als Kind fühl­te oder sich bereits zu den Erwach­se­nen zähl­te. Ich bin mir nicht sicher. Heu­te machen wir uns aller­lei Gedan­ken dar­über, wie es ist, ein Kind zu sein, und wir machen uns Gedan­ken über das Altern. Bei­des ver­ste­hen wir nicht. Als Kind möch­ten wir älter sein, spä­ter gäben wir viel dafür, jün­ger zu sein, zumin­dest glau­ben wir das. In Wahr­heit wol­len wir ein­fach nur jemand ande­rer sein.


Wenn man bei einem zwang­lo­sen gesell­schaft­li­chen Anlass die Fra­ge in die Run­de wirft, wer von den Anwe­sen­den gern wie­der­ge­bo­ren wer­den wür­de, win­ken die meis­ten ab, beson­ders wenn nicht die Wie­der­ge­burt als ein Super­star der Geschich­te zur Debat­te steht, son­dern nur die Mög­lich­keit, das eige­ne Leben noch ein­mal von vorn zu leben. Danach scheint sich nie­mand zu seh­nen, im Gegen­teil. Womit sich die Fra­ge auf­drängt, ob wir bloß kei­ne Wie­der­ho­lun­gen mögen, oder ob die meis­ten von uns ein Leben füh­ren, das ihnen nicht lebens­wert erscheint.


Men­schen kön­nen nur glück­lich wer­den, wenn sie ihr Leben in den Dienst einer Idee stel­len, die grö­ßer ist als ihre eige­ne Exis­tenz. Dar­auf bau­en das Chris­ten­tum, der Islam und alle ande­ren Reli­gio­nen auf, aller­dings ohne viel mehr als ver­kom­me­ne Folk­lo­re, Mani­pu­la­ti­on, staat­lich sank­tio­nier­tes Raub­rit­ter­tum und spi­ri­tu­el­le Lee­re anbie­ten zu kön­nen. Es ist mir gar nichts ande­res übrig­ge­blie­ben, als eine neue Reli­gi­on zu erfin­den. Und damit die Sache nicht umge­hend an unnö­ti­ger Kom­ple­xi­tät schei­tert, habe ich einen Glau­ben erson­nen, den man in einem ein­zi­gen Satz aus­drü­cken kann: Das Grund­prin­zip unse­res Daseins besteht dar­in, dass jeder Mensch das Leben jedes ande­ren Men­schen durch­le­ben wird, eines nach dem ande­ren, in vol­ler Länge.


Abge­se­hen davon, dass zwi­schen Urknall und der Gegen­wart 110 Mil­li­ar­den Men­schen auf der Welt gelebt haben, was mei­nem Glau­bens­mo­dell einen pro­fes­sio­nell-bom­bas­ti­schen zeit­li­chen Rah­men und zusätz­li­che Legi­ti­mi­tät ver­leiht, könn­te ich auf den Weg zum Welt­frie­den gesto­ßen sein. Wenn man weiß, dass man frü­her oder spä­ter der ande­re sein wird, ver­zich­tet man leich­ter dar­auf, ihn zu erwürgen.


Ich weiß nicht, ob es vie­len so geht oder außer mir nie­man­dem: Von früh bis spät tau­chen in mei­nen Denk­pro­zes­sen bekann­te, weni­ger bekann­te, weit­ge­hend unbe­kann­te und abso­lut neue Wör­ter auf. Man­che sind abwe­gig und gro­tesk, ande­re unauf­fäl­lig. Woher sie kom­men, ver­ra­ten sie nie.

Heu­te Nacht zum Bei­spiel war es Dekon­struk­ti­on. Dekon­struk­ti­on ist ein Wort, das mir schon immer gefal­len und mich zugleich ein­ge­schüch­tert hat. Dekon­struk­ti­on des Ich-Begriffs fällt mir oft ein, wenn ich im schla­fen­den Seehof die Nacht bewa­che und dar­auf war­te, dass jemand einen Feh­ler macht. Ich weiß nicht genau, ob das ein Buch­ti­tel sein soll oder wer über­haupt die­se Wort­fol­ge in mei­nen Gedan­ken­fluss ein­speist, aber wenn ich mir die­se Fra­ge stel­le, bin ich noch in der Sekun­de ihr Gefan­ge­ner. Das ver­su­che ich zu ver­mei­den, weil ich mir sym­pa­thisch bin. Mit eini­gen Per­sön­lich­keits­zü­gen bin ich zwar nicht zufrie­den, aber ich arbei­te dar­an, sie in Schach zu hal­ten und mei­nen bes­se­ren Eigen­schaf­ten Platz zur Ent­fal­tung zu geben. Das fin­de ich ziem­lich nett von mir, und ich kann sagen, ich mag mich.

So absurd, wie sich das anhört, ist es nicht. Es kön­nen nicht alle Men­schen von sich behaup­ten, sich selbst beson­ders zu mögen. In man­chen Fäl­len ist das auch gut nach­voll­zieh­bar, aber gene­rell sind Men­schen mit sich zu streng, wo sie nach­sich­tig sein soll­ten, und natür­lich sind sie da, wo Stren­ge erfor­der­lich wäre, um mora­li­sche Grund­la­gen in sich zu ver­an­kern, mit sich viel zu nach­sich­tig. Ver­mut­lich liegt das dar­an, dass sie sich selbst nur flüch­tig kennen.

Vor ein paar Jah­ren saß ich mit einem in der Unter­hal­tungs­kunst täti­gen Freund in der Künst­ler­gar­de­ro­be des Raben­hof-Thea­ters, als ein ande­rer Freund, ein Musi­ker, uns einen Besuch abstat­te­te, um uns sei­ne attrak­ti­ve Freun­din vor­zu­stel­len. In der Retro­ana­ly­se gelang es mir, die­sen Moment als den Zeit­punkt zu iden­ti­fi­zie­ren, an dem mein Unter­hal­tungs­freund begon­nen hat­te, lau­ter zu spre­chen, lau­ter zu lachen und eine radi­ka­le Kehrt­wen­de in der Wahl sei­ner Gesprächs­the­men zu voll­zie­hen. Hat­te er soeben noch die Vor­zü­ge des Land­le­bens geprie­sen, so sprach er plötz­lich von gru­se­li­gen Auto­un­fäl­len und wil­den Schlä­ge­rei­en, deren umju­bel­ter Haupt­dar­stel­ler er sei­ner Erin­ne­rung nach gewe­sen war, wäh­rend ich wäh­rend sei­ner Atem­pau­sen ohne den gerings­ten Anlass erklär­te, ich stün­de nie­mals für ein Minis­ter­amt zur Ver­fü­gung, es sei denn, es wäre das Oralsexministerium.



Mal ganz unter uns: Wer so etwas von sich gibt, ist mei­nes Erach­tens nicht vor­be­halt­los ministrabel.

Spä­ter erin­ner­te ich mich dar­an, dass ich die schö­ne Frau nie direkt ange­se­hen hat­te, und nun erst ging mir ein Licht auf. Ohne es zu bemer­ken, hat­ten sich mein Freund und ich vor­über­ge­hend ent­in­di­vi­dua­li­siert und in fort­pflan­zungs­fi­xier­te bio­lo­gi­sche Pro­to­kol­le ver­wan­delt. Na gut, könn­te man sagen, das wird weder das ers­te noch das letz­te Mal gewe­sen sein, was inhalt­lich kor­rekt wäre, aber dar­um geht es gera­de nicht. Es geht um die Fra­ge, wer der Oral­s­ex­mi­nis­ter war, der aus mir gespro­chen hatte. 

Die­se hal­be Stun­de im Pri­ma­ten­mo­dus bzw. im Oral­s­ex­mi­nis­te­ri­um könn­te man als Ich-fern bezeich­nen. Addie­re ich die Stun­den, die ich jeden Tag selbst­ver­ges­sen in Tag­träu­men zubrin­ge, ohne mich danach an die Hand­lung erin­nern zu kön­nen, und die Zeit, in der ich mit ver­trau­ten und weni­ger ver­trau­ten Men­schen tele­fo­nie­re, zu Mit­tag esse, strei­te oder schla­fe, so erhöht sich die durch­schnitt­li­che Gesamt­dau­er mei­ner ich-fer­nen Epi­so­den pro Tag bereits beträcht­lich. Und je län­ger ich dar­über nach­den­ke, des­to mehr Momen­te, Minu­ten, Stun­den tau­chen in mei­ner Erin­ne­rung auf, in denen ich nicht ich oder nicht ganz ich oder nur mir ähn­lich gewe­sen bin. Wenn ich jetzt noch die Zeit hin­zu­rech­ne, die ich schla­fend ver­brin­ge, bleibt nicht mehr viel Net­to­da­sein übrig.

Sie wer­den viel­leicht auch schon bemerkt haben, dass Sie, wenn Sie über meh­re­re Stun­den oder gar Tage hin­weg allein und ohne Kon­takt zu ande­ren Men­schen sind, mit sich selbst zu reden begin­nen und all­ge­mein etwas wun­der­lich wer­den. Kön­nen Sie sich danach immer erin­nern, was Sie in die­ser Zeit getan, gere­det und gedacht haben?

Nicht wir den­ken, son­dern etwas denkt in uns, lässt uns han­deln oder zau­dern, hin­ter­lässt kaum Spu­ren. Ich füh­le, dass die­ses so dis­kre­te wie mei­nungs­star­ke Ich mei­nem All­tags-Ich nicht nur über­le­gen ist, son­dern ihm auch jeder­zeit vor­gau­keln kann, es sei ident mit mei­nem Unter­be­wusst­sein. Hier liegt mei­ne Chan­ce: Im Gegen­satz zu vie­len ande­ren Men­schen ist mir näm­lich bewusst, dass der Begriff Unter­be­wusst­sein nicht das Gerings­te bedeu­tet, erklärt oder beweist.

Arthur C. Clark for­mu­liert es in sei­nem Drit­ten Gesetz aus Pro­files of the Future so: Jede hin­rei­chend fort­ge­schrit­te­ne Tech­no­lo­gie ist unun­ter­scheid­bar von Magie.”

Wann bin ich ich? Frü­her hat­te ich ange­nom­men, am meis­ten ich selbst wäre ich, wenn ich mit mir allein bin. Mitt­ler­wei­le stellt sich mir die Fra­ge, ob ich das je war, ob das irgend­je­mand von uns je gewe­sen ist. Allem Anschein nach sind wir näm­lich die meis­te Zeit über nicht da, oder weni­ger salopp for­mu­liert, unser Bewusst­sein ist nicht in der Wirk­lich­keit zu orten. Es stellt sich die Fra­ge, wo wir statt­des­sen sind. Und es stellt sich die Fra­ge, ob der Platz unse­res Ichs leer bleibt, bis wir wie­der­kom­men, oder ob da wäh­rend­des­sen jemand sitzt, der nicht bemerkt wer­den will.




Iden­ti­täts­kri­sen zähl­ten einst zu den Luxus­pro­ble­men schein­to­ter Intel­lek­tu­el­ler, heu­te kann man sogar an der Wurst­the­ke im Super­markt gele­gent­lich das mus­ter­gül­ti­ge Exis­tenz­la­men­to einer ver­zwei­fel­ten Ange­stell­ten belau­schen: Wos hot des olles no für an Sinn?”

In die­sem Fall erfüll­te die Ver­mum­mung der jun­gen Ver­käu­fe­rin eine wich­ti­ge Dop­pel­funk­ti­on, denn ohne ihre Mas­ke wären wahr­schein­lich hoch­in­fek­tiö­se Coro­na­t­rä­nen auf mei­nen Molo­tow­schin­ken geweint wor­den. Ich hät­te die Dame gern getrös­tet, war aber gera­de selbst untröst­lich. Was mich ärger­te, denn wenn ich ein ande­res Men­schen­kind trau­rig sehe, wer­de ich auch trau­rig, so wie mein Tag schö­ner ist, wenn die aktu­ell in mei­ner Wahr­neh­mung als Beob­ach­tungs­ob­jekt oder Turn­ge­rät dienst­ha­ben­den Men­schen gute Lau­ne ver­brei­ten. Doch man kann nur hel­fen, wenn man sich selbst hel­fen kann, und in die­ser Glei­chung steck­te an jenem Nach­mit­tag ein Unsi­cher­heits­fak­tor. Um sich mit sich selbst aus­ein­an­der­set­zen zu kön­nen, muss man im über­tra­ge­nen Sin­ne erst ein­mal zuhau­se sein, und da ich schon vier Tage nicht geschla­fen hat­te, war ich mir nicht sicher, auf wel­che mei­ner Subrou­ti­nen ich beim Heim­kom­men in mei­nem Bewusst­sein sto­ßen wür­de. Es gibt da den einen oder ande­ren Problembären.

Was es mit Iden­ti­täts­zwei­feln auf sich hat, weiß ich genau, schließ­lich habe ich sie erfun­den. Zumin­dest könn­te ich schwö­ren, ich hät­te. Wer wis­sen will, wie sich gro­bes Miss­trau­en gegen­über der eige­nen Exis­tenz anfühlt, mag sich hin­set­zen, den Satz Ich bin ich!” auf einen Zet­tel schrei­ben und ein paar Minu­ten lang das Ver­hält­nis zwi­schen dem gera­de auf­ge­schrie­be­nen Wort Ich” und sich selbst zu ergrün­den ver­su­chen. Schon nach kur­zer Zeit wird er arg­wöh­nen, er hät­te es falsch geschrie­ben, weil das Wort sich plötz­lich so vage und unbe­stimmt aus­nimmt. Die­ses Ver­suchs­sta­di­um ist geprägt von Rat­lo­sig­keit, die noch gestei­gert wer­den kann, indem er sich mit der Fra­ge aus­ein­an­der­setzt, wer die bei­den Ichs in dem Satz Ich bin ich” eigent­lich sind. Man könn­te argu­men­tie­ren, dass sich das ers­te Ich auf die Iden­ti­tät der Per­son bezieht, die gera­de jenes ers­te Ich (das Wort) schrieb, wäh­rend das zwei­te Ich hin­ge­gen mit der Per­son sym­pa­thi­siert, von der es gera­de geschrie­ben wird, also schlicht­weg mit dem, der eine Sekun­de jün­ger ist als der ers­te Ich-Schrei­ber. Das ist das Haupt­pro­blem unse­rer Spe­zi­es: Wir haben kei­ne Zeit, uns an uns selbst zu gewöh­nen, weil wir mit uns so unzu­frie­den sind, dass unse­re Ichs gegen­ein­an­der im Batt­le Roy­al antre­ten müs­sen. Dar­aus ergibt sich, dass wir im Lau­fe der Zeit ent­we­der ver­zwei­felt oder bös­ar­tig wer­den, so wie es jeder wird, der allein ist, weil ihm die Viel­stim­mig­keit in sei­nem Kopf zu anstren­gend war.

Bei Schrift­stel­lern, die gute Bücher schrei­ben kön­nen, ver­hält es sich genau umge­kehrt. Wenn man das ein­mal begrif­fen hat, beginnt man auch zu ver­ste­hen, war­um Schrift­stel­ler dar­auf behar­ren, dass der Autor und der Erzäh­ler einer Geschich­te (zumin­dest) zwei ver­schie­de­ne Per­so­nen sind. Der Autor dient dem Erzäh­ler als Steig­bü­gel­hil­fe. Der Autor weiß, was er erzäh­len will, der Erzäh­ler weiß, wie er es erzäh­len muss. Der Autor darf man­ches, der Erzäh­ler darf alles. Der Autor weiß man­ches, der Erzäh­ler ahnt alles. Der Erzäh­ler kennt den Autor bes­ser, als der sich selbst kennt. Der Erzäh­ler wählt die rich­ti­ge Wirk­lich­keit, wenn der Autor Angst davor hat, die­se Ent­schei­dung zu tref­fen. Ein gutes Buch ist das Werk des Erzäh­lers, der am Ende wie­der hin­ter dem Autor ver­schwin­det, doch mög­lich wird dies nur, wenn der Autor es wagt, sich mit dem Erzäh­ler ein­zu­las­sen. Man­che Erzäh­ler gehen näm­lich nie wie­der weg, ver­stehst du? Den Bes­ten gelingt es, sich bequem im Autor ein­zu­rich­ten, so dass am Ende kei­ner mehr weiß, wel­cher von bei­den er ist und wel­cher er war, was die wich­tigs­te Vor­aus­set­zung dafür ist, dass in kei­nem von bei­den die Fra­ge auf­taucht, wer er sein soll. 

Elon Musk glaubt, dass wir eine Com­pu­ter­si­mu­la­ti­on sind, er meint, die Wahr­schein­lich­keit dafür, dass wir in einer rea­len Welt leben, läge bei 1:1,000,000,000. Nun, das wür­de eini­ges in mei­ner Bio­gra­phie erklä­ren, doch davon abge­se­hen hat es für mich kei­ne Rele­vanz, ob etwas nach der Mei­nung ande­rer wirk­lich pas­siert” ist oder nicht. Alles, was ich wahr­neh­me, ist pas­siert. Alles, was ich wahr­neh­me, trägt die Lösung eines Welt­rät­sels in sich. Es wäre bloß fatal, danach zu suchen. Oder sie gar zu finden.


Ich habe ein schlech­tes Gedächt­nis, was Belang­lo­sig­kei­ten betrifft. Frü­her, als ich noch rabi­at und rau­bei­nig war, zer­stritt ich mich schon mal mit jeman­dem, doch wenn ich dem Betref­fen­den ein paar Mona­te dar­auf irgend­wo begeg­ne­te, begrüß­te ich ihn herz­lich und wun­der­te mich, wie­so sich der plötz­lich so komisch benahm. Zwis­tig­kei­ten sind belang­los, solan­ge man sie nicht aktiv vor­an­treibt und dadurch unwei­ger­lich in einen emo­tio­na­len und ener­ge­ti­schen Net­to­ver­lust ver­wan­delt. Das kann mir nicht pas­sie­ren, weil mei­ne Gedan­ken­spei­cher­ka­pa­zi­tä­ten schon vor Jah­ren an ihre Gren­zen gesto­ßen sind und jeder neue Gedan­ke einen älte­ren ersetzt. Ver­mut­lich befin­det sich in mei­nem Gehirn eine Art Über­lauf­ven­til, wie in einer Bade­wan­ne, nur eben für Gedan­ken statt für Was­ser aus­ge­legt. Somit sorgt mein ange­bo­re­ner Gedan­ken­über­schuss dafür, dass ich nie­man­dem lan­ge böse sein kann.

Ver­gess­lich­keit von sol­chem Aus­maß hat natür­lich auch sei­ne Schat­ten­sei­ten. Zum Bei­spiel wenn man Geld ver­leiht: Erst erin­nert man sich nicht mehr dar­an, wie viel man ver­lie­hen hat, dann ver­gisst man, wem man das Geld gelie­hen hat, und am Ende hat man kei­ne Ahnung, dass man über­haupt Geld ver­lie­hen hat. Aber bes­ser ein ver­peil­ter armer Schus­sel zu sein als einer, der sich jede Krän­kung merkt und irgend­ein ande­res Men­schen­kind bis in die Gruft hin­ein hasst. So jemand lei­det an Gedan­ken­ar­mut, einer bis­wei­len pan­de­misch ver­lau­fen­den Krank­heit, die mei­nen Beob­ach­tun­gen zufol­ge bei den meis­ten Betrof­fe­nen durch Denk­faul­heit bzw. Ideen­furcht aus­ge­löst wird.

Ein gewis­ser Min­dest­an­teil an kon­ser­va­ti­ven Hal­tun­gen muss in einer sozia­len Gemein­schaft gege­ben sein und als Kor­rek­tiv wir­ken, sonst wür­de wir ja jeden Unfug aus­pro­bie­ren. Des­halb fin­de ich es bemer­kens­wert, dass die Angst vor neu­en Ideen gera­de unter Men­schen ver­brei­tet ist, die für sich selbst einen eher pro­gres­si­ven Wer­te­ka­non rekla­mie­ren. Viel­leicht über­schät­ze ich aber auch die Rele­vanz des indi­vi­du­el­len Welt­bil­des in die­sem Zusam­men­hang, und unse­rer Angst vor Neu­em liegt in der Haupt­sa­che die Unsi­cher­heit unse­rer Exis­tenz zugrunde.

Man­che Men­schen wün­schen sich, dass alles bes­ser wird, sich aber nichts ändert. Zugleich leben sie in der unbe­wuss­ten Über­zeu­gung, dass garan­tiert nie irgend­et­was bes­ser wird und sich garan­tiert nie etwas ändern wird. Was nicht ver­wun­dert, weil einer, der jeden Mor­gen das eige­ne Ich des Vor­tags kopiert, um es pflicht­ge­treu wei­te­re 24 Stun­den durch die Welt zu schie­ben, jede Art von Wan­del für unmög­lich hal­ten muss. So jemand braucht nicht nach Ant­wor­ten zu suchen, denn ihn inter­es­sie­ren die Fra­gen nicht. In sei­ner Welt ist alles gere­gelt. Wem es nicht gut geht, der muss in The­ra­pie. Wer kein Geld hat, bekommt es vom Staat. Und auf den Staat ist Verlass.

Tja.

Ich fürch­te, all jene, die sich hier wie­der­erken­nen, wer­den sich an Ver­än­de­run­gen gewöh­nen müs­sen. Das BIP der USA ist im zwei­ten Quar­tal die­ses Jah­res um 33% geschrumpft, und wer glaubt, dass ihm das egal sein kann, weil es ihn per­sön­lich nicht stär­ker betrifft als ein Licht­jah­re ent­fern­ter Bier­ko­met, befin­det sich in einem ähn­lich gra­vie­ren­den Irr­tum wie mein alter Spa­nisch­leh­rer, der land­auf, land­ab ver­kün­de­te, ein Atom­krieg zwi­schen den Super­mäch­ten hät­te gering­fü­gi­ge bis kei­ne Aus­wir­kun­gen auf das neu­tra­le Öster­reich, wobei er Umwelt­schä­den aus­drück­lich ein­schloss, da er sie ausschloss.

Schon wenn die ame­ri­ka­ni­sche Wirt­schaft bloß sta­gniert, erkrankt bin­nen kur­zer Zeit jeder zehn­te Bür­ger von Brüs­sel an stress­be­ding­ter Gür­tel­ro­se, was ist also erst zu erwar­ten, wenn in der noch größ­ten Volks­wirt­schaft der Welt die Pro­duk­ti­vi­tät um 33 Pro­zent zurück­geht, wäh­rend ihre Sozi­al­aus­ga­ben jede bekann­te Ska­la spren­gen? Um Volks­auf­stän­de und den Zusam­men­bruch der Staats­struk­tu­ren zu ver­hin­dern, wird die Fed, die US-Zen­tral­bank, wei­te­re Bil­lio­nen Dol­lar dru­cken müs­sen, von denen ein klei­ner Teil der ein­fa­chen Bevöl­ke­rung per Scheck ins Post­fach gelegt wird, damit die Leu­te ihre Mie­te und ihre Kre­dit­ra­ten bezah­len kön­nen. Einen weit grö­ße­ren Teil über­wei­sen die Beam­ten als Not­hil­fe” an ver­meint­lich bedürf­ti­ge Betrie­be, deren Iden­ti­tät geheim­ge­hal­ten wer­den darf, und der gro­ße Rest fließt als mil­de Gabe in den Aktienmarkt.

Es sei ange­merkt: Wer die in Umlauf befind­li­che Geld­men­ge erhöht, ohne einen öko­no­mi­schen Gegen­wert zu pro­du­zie­ren, macht sich nach dem Straf­ge­setz eines Ver­ge­hens schul­dig, das als Geld­fäl­schung bezeich­net und in den meis­ten Län­dern mit bis zu zehn Jah­ren Frei­heits­stra­fe geahn­det wird.

Wenn die Welt­re­ser­ve­wäh­rung Dol­lar in Tur­bo­in­fla­ti­on ver­sinkt und schließ­lich kol­la­biert, bedeu­tet das die Kern­schmel­ze des glo­ba­len Finanz­sys­tems. Spä­tes­tens dann platzt unse­re Illu­si­on, die Welt­ge­schich­te wäre eine Art dis­kre­ter Taxi­fah­rer, der uns sanft von der Geburt zum Tod beför­dert und rück­sichts­voll genug ist, erst wie­der Voll­gas zu geben, wenn wir aus­ge­stie­gen sind.

Ich habe ein gutes Zah­len­ge­dächt­nis, ver­mut­lich weil Zah­len nie belang­los sind. Daher weiß ich, dass nie­mals mehr als 21 Mil­lio­nen Bit­coin exis­tie­ren wer­den, von denen bis dato 18,467,618 gemint wur­den. Kein ein­zi­ger davon kann gefälscht wer­den, denn dar­über wacht das sichers­te Com­pu­ter­netz­werk der Welt, die Bit­coin-Block­chain. Bit­coin ist nicht nur Geld, son­dern auch eine Wäh­rung, die sich der Ent­wer­tung durch nach­träg­li­che Erhö­hung des Umlauf­be­stands kate­go­risch ent­zieht, wes­we­gen ihn ein Super­star der Finanz­kri­mi­na­li­tät, näm­lich Donald Trump, so sehr hasst, dass er schon 2018 sei­nen Tre­a­su­ry Secreta­ry Ste­ven Mnu­chin anwies: Go after Bitcoin!” 

Es soll Men­schen geben, die Ver­trau­en in die Gestal­tungs­kraft, den Erfin­dungs­reich­tum und die Pro­blem­lö­sungs­kom­pe­tenz rang­ho­her Ver­tre­ter der Welt­po­li­tik haben. Sie zäh­len dazu? Da muss ich einschreiten.

Wis­sen Sie, was Kana­da ist? Wis­sen Sie, was Staats­schul­den sind? Wis­sen Sie, was ein Finanz­mi­nis­ter ist?

Wenn nicht, macht das auch nichts. Der Herr, der in die­sem Video befragt wird, weiß es noch weni­ger, und der ist immer­hin Kana­das Finanz­mi­nis­ter. Nein, nicht in einer Vor­abend­se­rie. Ich gebe zu, der Mann mit Tur­ban und star­rem Blick wäre ein genia­ler Regie­ein­fall, wenn es denn einen Regis­seur gege­ben hät­te. Aber es ist kei­ne Sati­re, es ist die unge­schmink­te Rea­li­tät: Pierre Poi­lie­v­re asks Finan­ce Minis­ter Bill Mor­ne­au basic ques­ti­ons.


Die Angst lässt mich nie allein. Sie ist immer da, ein Hin­ter­grund­rau­schen, meis­tens lei­se, nicht immer. Ich bin mir sicher, dass ich die­ses Rau­schen nicht als Ein­zi­ger höre, aber Gefüh­le sind uns pein­lich, zumin­dest läs­tig, daher gibt sie kei­ner zu. Wir haben wenig Pro­ble­me damit zu ver­kün­den, was wir has­sen, dage­gen soll­te am bes­ten gar nie­mand wis­sen, dass und was wir lie­ben. Über Angst und Kum­mer redet nie­mand, aus Angst, als Schwäch­ling ver­lacht zu wer­den, und die­se Angst ist berech­tigt, zumal Men­schen, die ihre Angst und ihren Kum­mer vor sich selbst und ande­ren ver­ste­cken wol­len, jede Gele­gen­heit nüt­zen, um ihre kum­mer­freie Furcht­lo­sig­keit zu demons­trie­ren, was idea­ler­wei­se auf Kos­ten eines ande­ren geschieht, so wie sie mit beson­de­rer Beses­sen­heit und unter größt­mög­li­cher Auf­merk­sam­keit ihrer Umge­bung das bekämp­fen, was sie im Inners­ten selbst sind. Wer bei jeder mehr oder weni­ger pas­sen­den Gele­gen­heit inbrüns­tig wut­schäu­mend gegen Nazis, Rechts­ex­tre­mis­ten und Faschis­ten wet­tert, in dem ent­deckt man den Faschis­ten schnel­ler, als er Nazi!” sagen kann. Die meis­ten von uns mögen sich selbst nicht beson­ders. Die meis­ten von uns tun sich damit Unrecht. Bei weni­gen ande­ren zeugt ihre kri­ti­sche Hal­tung gegen­über sich selbst von Menschenkenntnis..

All das ist nicht gut­zu­hei­ßen. Als Angst-Eme­ri­tus auf die­sem Gebiet eine Auto­ri­tät, war­ne ich davor, Angst zu leug­nen oder zu igno­rie­ren. Schon gar nicht darf man sie unter­schät­zen, es ist viel­mehr ange­ra­ten, sie wie einen Kriegs­ge­fan­ge­nen zu bewachen.

Stän­dig ein unter­schwel­li­ges Angst­ge­fühl ver­wal­ten zu müs­sen ist ver­gleich­bar mit leich­tem Fie­ber, 365 Tage im Jahr. Man gewöhnt sich dar­an, Fie­ber zu haben, irgend­wann kennt man es ja nicht mehr anders. So ähn­lich ver­hält es sich auch mit der Angst.

Ich muss­te erst ler­nen, mit die­sem Han­di­cap zu leben, denn ein ängst­li­cher Nacht­wäch­ter ist in sei­nem Beruf so kom­pe­tent wie ein blin­der Wach­hund. Wobei ich kei­ne Angst vor Men­schen habe, da fürch­te ich mich noch eher vor einem blin­den Wach­hund. Men­schen kön­nen mir nicht viel tun. Ich bin groß und stark, und selbst wenn das nicht genü­gen wür­de: Was kön­nen mir Men­schen schon anha­ben? Im schlimms­ten Fall könn­ten sie mich umbrin­gen, mehr aber nicht. Dage­gen Nicht­mensch­li­che Angrei­fer: Viren, Radio­ak­ti­vi­tät, Aus­sichts­tür­me, Flug­zeu­ge und ande­res Gesin­del, dem alles zuzu­trau­en ist. Und Geis­ter, Teu­fel und Dämo­nen, die eine Ewig­keit Zeit haben, uns zu tyrannisieren.

Jeder Mensch ist ent­we­der ängst­lich oder trau­rig. Natür­lich gibt es Schat­tie­run­gen. Ein alter Freund, der sich hoff­nungs­los im Fege­feu­er von Ohn­macht, Alko­hol und Dro­gen ver­lo­ren hat­te, beschrieb mir sei­ne Grund­stim­mung als Tief­en­trau­rig­keit”. Er war eigent­lich nicht der Typ, von dem ein so per­fek­ter Begriff zu erwar­ten gewe­sen wäre. Die Hälf­te unse­rer gemein­sa­men Aben­de ende­ten damit, dass er irgend­ei­nem Frem­den mit der Faust ins Gesicht schlug. Ich bin ja froh, dass er mich schon eine Wei­le kann­te. Ich habe mehr­fach ver­sucht, ihm zu erklä­ren, dass die Tief­en­trau­rig­keit, die er fühlt, weni­ger der Aus­lö­ser sei­ner Gewalt­ex­zes­se ist als ihr Resul­tat, aber er hat­te wahr­schein­lich zu viel Angst, um sich mit sol­chen Gedan­ken aus­ein­an­der­zu­set­zen. Womit er unbe­wusst wohl die rich­ti­ge Ent­schei­dung traf, denn Gedan­ken darf man nicht unter­schät­zen. Ich habe schon in mei­ner Kind­heit jeden Gedan­ken für eine für uns Men­schen nicht begreif­ba­re Lebens­form gehal­ten, und wie zum Beweis trug mir die­ser Gedan­ke schlaf­lo­se Näch­te ein.

Vie­le Jah­re spä­ter. Unter dem Ein­fluss von DMT, dem gewal­tigs­ten Rausch­mit­tel, das ich je auf mein Bewusst­sein los­ge­las­sen habe, gaben sich psy­cho­tro­pe Sub­stan­zen eben­so wie Ideen mir gegen­über als Lebens­for­men zu erken­nen, die durch das Uni­ver­sum rei­sen. Das LSD flog gera­de auf einem unsicht­ba­ren Besen nach Hau­se, und ich erfuhr, dass es von einem weit ent­fern­ten Pla­ne­ten stamm­te. Bei mei­ner Infor­ma­ti­ons­quel­le han­del­te es sich um den Tei­de, den Vul­kan auf Tene­rif­fa, auf dem ich saß und ihn zärt­lich strei­chel­te, als Dank dafür, dass er in mei­nem Kopf mit mir rede­te, sein Wis­sen mit mir teil­te und mir zuletzt offen­bar­te, dass er ich war, genau­er gesagt das, was ich in 7000 Jah­ren sein würde.



Bin mir nicht sicher, ob er nicht irgend­wo geflun­kert hat.




Als ich vor­ges­tern auf einer mir unbe­kann­ten Kel­ler­stie­ge die sur­re­al schö­ne, leicht abar­ti­ge Sophie in den Arsch fick­te, kam mir der Gedan­ke, dass sol­che Epi­so­den, wie­wohl nur schmü­cken­des Bei­werk eines Lebens, nicht Teil sei­ner Sub­stanz, unter der Kunst­stu­den­ten­schaft künf­ti­ger Tage den Wunsch aus­lö­sen könn­ten, mein Leben zu verfilmen.

Nicht dass ich mich für so bedeu­tend hiel­te, um mei­ne Bio­gra­phie als his­to­risch bedeut­sam und für die Film­ge­schich­te unver­zicht­bar ein­zu­schät­zen. Es ist bloß so, dass alle Fil­me­ma­cher Stoff brau­chen, aber vie­le kei­nen haben. Wer nichts zu erzäh­len hat, macht sich auf die Suche nach etwas, das wie Kunst aus­sieht, weil er nicht weiß, dass man in der Kunst nicht fin­det, son­dern gefun­den wird. Nicht jeder wur­de von der Natur dafür geschaf­fen, Fil­me zu machen, sonst gäbe es weder Bau­ern noch Ret­tungs­fah­rer. Im Gegen­teil, es gibt nur weni­ge wirk­lich Geseg­ne­te wie etwa mei­nen Freund David Schal­ko. Das ist so einer, den mag man sich nicht als Bau­er oder Ret­tungs­fah­rer vor­stel­len. Selbst wenn er aus­rei­chend Bau­ern­ta­lent für eine Kar­rie­re im Zei­chen der Schol­le gehabt hät­te oder, von Kri­tik und Publi­kum glei­cher­ma­ßen ver­ehrt, sein Licht auf dem unbe­strit­ten sys­tem­re­le­van­ten Gebiet der Ambu­lanz­wa­gen­len­kung leuch­ten lie­ße, so wäre der Mensch­heit den­noch gro­ßer Scha­den ent­stan­den, denn so gering die Zahl genia­ler Bau­ern und genia­ler Ret­tungs­fah­rer auch sein mag, noch kür­zer ist die Lis­te der genia­len Fil­me­ma­cher, auf der sein Name feh­len würde.

Nun, und wor­über machen Fil­me­ma­cher Fil­me? Genau, über ande­re Men­schen. Es sei denn, sie sind kei­ne Künst­ler, son­dern Kunst­in­ter­es­sier­te, die die Ent­wick­lung von der zwang­haf­ten Mas­tur­ba­ti­on zum fakul­ta­ti­ven Zwei­per­so­nen­akt, ob auf Kel­ler­stie­gen oder woan­ders, noch nicht abge­schlos­sen haben, und man wür­de lügen, woll­te man behaup­ten, es gäbe von denen zu weni­ge. Mit ihren mür­ri­schen, miss­ge­laun­ten Frat­zen ver­brei­ten sie auf den stei­ner­nen Trep­pen vor Muse­en und an den schmut­zi­gen Tischen sich all­mäh­lich lee­ren­der Stu­den­ten­lo­ka­le in jedem Land der Welt eine Stim­mung der geschei­ter­ten Plä­ne und ent­täusch­ter Hoff­nun­gen, bis auch der Letz­te bei ihrem Anblick Depres­sio­nen und ein schlech­tes Gewis­sen in sich auf­stei­gen fühlt. Wenn die Welt ein­mal nicht auf­passt und in der Nähe sol­cher Leu­te eine Kame­ra ste­hen lässt, machen sie Fil­me über Brot, Sams­ta­ge, die mut­maß­li­che Phi­lo­so­phie des Habichts oder Hapax lego­me­na, wes­we­gen man sie mit Fug und recht als Anhän­ger eines intel­lek­tu­el­len Car­go-Kults bezeich­nen könn­te. Über Men­schen bzw über für Men­schen Exis­ten­zi­el­les Fil­me zu dre­hen oder Bücher zu schrei­ben hat näm­lich den Nach­teil, dass sich jeder Rezi­pi­ent auf die­sem Feld zu Recht oder zu Unrecht als Fach­mann betrach­tet, was man zumin­dest von der Phi­lo­so­phie des Habichts und dem Hapax lego­me­non nicht behaup­ten kann. Je mehr das Publi­kum von Kunst ver­steht, des­to schwie­ri­ger ist es, ihm einen Tan­nen­baum als Ora­kel zu verkaufen.

Eigent­lich sind wir ja noch immer auf der Kel­ler­stie­ge. Fort­set­zung folgt.


Wie der Zufall es will, ent­de­cke ich in der Tele­gram-App, in der ich gera­de mei­ne Kon­takt­lis­te nach Freun­din­nen mit Berg­stei­gerer­fah­rung durch­sucht habe, in den Ein­stel­lun­gen fol­gen­den Satz:

Sen­si­ble Inhal­te: Akti­vierst du die­se Funk­ti­on, wer­den sen­si­ble Medi­en in öffent­li­chen Kanä­len auf all dei­nen Gerä­ten ange­zeigt.

Ich könn­te mir vor­stel­len, dass ich nicht der Ein­zi­ge bin, der die­sen Satz son­der­bar findet.Vermutlich wer­de ich den Rest des Tages mit der Fra­ge zubrin­gen, wer bloß jemals auf die Idee gekom­men ist, Medi­en und Inhal­te zu sen­si­bi­li­sie­ren, und wie um alles in der Welt ihm das gelun­gen sein mag.

Die Lage ist unver­än­dert. Ich bin nach wie vor außer­stan­de, mei­nen Nacht­wäch­ter­pflich­ten im Seehof” nach­zu­kom­men, weil mein Woh­nungs­schlüs­sel noch immer ver­schol­len ist und ich mir kei­nen Schlüs­sel­dienst leis­ten will. Beim letz­ten Mal ließ der Schlos­ser drei Stun­den auf sich war­ten, um dann für die zwei Hand­be­we­gun­gen, die er zum Öff­nen des Schlos­ses benö­tig­te, 300 Euro zu ver­lan­gen. Da hät­te ich gleich Hou­di­ni enga­gie­ren kön­nen, das wäre auch nicht viel teu­rer gekommen.

Seit heu­te wer­de ich von Freun­den bis auf Wei­te­res mit Lebens­mit­teln ver­sorgt, was durch mei­ne raf­fi­nier­te Erfin­dung der Mate­ri­al­seil­bahn ermög­licht wird. Nun den­ken Sie sich viel­leicht, die Mate­ri­al­seil­bahn hat ganz sicher jemand ande­rer viel frü­her erfun­den, womit Sie auch voll­kom­men recht haben, aber mei­ne Mate­ri­al­seil­bahn ist die ers­te, die zwi­schen einem Fens­ter, das vom Trep­pen­haus zu errei­chen ist, und mei­nem Küchen­fens­ter errich­tet wurde.

Beim Auf­bau am Nach­mit­tag ein klei­nes Miss­ge­schick: Als plötz­lich die wun­der­schö­ne Nach­ba­rin von gegen­über nackt in ihrer licht­durch­flu­te­ten Küche erscheint und mir ohne das gerings­te Zei­chen von Ver­le­gen­heit zuwinkt, bin ich den Her­aus­for­de­run­gen mei­ner typisch öster­rei­chi­schen Ämter­ak­ku­mu­la­ti­on (was die Seil­bahn angeht, bin ich Bau­herr, Archi­tekt und Arbei­ter in Per­so­nal­uni­on) für einen Moment nicht gewach­sen, gera­te aus dem Gleich­ge­wicht und erlei­de bei­na­he das Schick­sal der Defens­trie­rung aus dem vier­ten Stock.

Das war vor zwei Stun­den. Ich sit­ze am Schreib­tisch. Was gesche­hen ist, gibt mir zu den­ken. Die Erkennt­nis, wie schnell alles vor­bei sein kann, scho­ckiert mich immer wie­der. Gegen exis­ten­ti­el­le Ver­stö­rung hilft bekannt­lich Sex, zumin­dest manch­mal, aber ver­su­chen Sie ein­mal, mit jeman­dem zu schla­fen, wenn Sie allein zuhau­se sind und in Erman­ge­lung eines Schlüs­sels ohne­hin nicht in der Lage wären, einem Men­schen, der sich Ihrer Trieb­haf­tig­keit erbarmt, die Tür zu öffnen.

Ich glau­be, ich bin auch des­halb ein wenig bedrückt, weil ich lan­ge nicht mehr ver­liebt war.

John Burn­si­de ist es gelun­gen, eines der größ­ten Lebens­rät­sel zu ent­schlüs­seln und in sechs Wör­ter zu trans­for­mie­ren: Wir lie­ben uns selbst als Liebende.”


Einer der wahrs­ten und wei­ses­ten Sät­ze, die je geschrie­ben wur­den. Weil er so ein­fach klingt, ten­die­ren Men­schen dazu, ihn zu unter­schät­zen. Aber wir unter­schät­zen grund­sätz­lich das Ein­fa­che und ver­beu­gen uns vor dem Kom­pli­zier­ten, in tota­ler Ver­ken­nung des­sen, was Qua­li­tät denn nun eigent­lich ist. Es ver­hält sich näm­lich genau umge­kehrt: Etwas umständ­lich zu erklä­ren ist nicht schwie­rig, es wälzt viel­mehr den Haupt­teil der Arbeit auf den­je­ni­gen ab, der Erklä­rungs­be­darf hat. Etwas so ein­fach wie mög­lich aus­zu­drü­cken, ohne durch die Ver­knap­pung der ein­ge­setz­ten Mit­tel auch nur den gerings­ten Infor­ma­ti­ons­ver­lust bekla­gen zu müs­sen, ist unglaub­lich schwie­rig und dar­über hin­aus zumeist unbe­dank­te Mühe, da das Wesen aller Meis­ter­schaft eben dar­in besteht, unsicht­bar zu blei­ben. In der Lite­ra­tur gilt daher der Grund­satz: Einer muss sich quä­len, der Autor oder der Leser.


Der Nacht­wäch­ter als sol­cher ist ja grund­sätz­lich ein alar­mis­ti­scher Cha­rak­ter. Ein bei Ange­hö­ri­gen mei­nes Berufs­stan­des durch­aus erwünsch­ter Wesens­zug, aller­dings mit Vor­be­halt. Ein Alar­mist darf nicht zusätz­lich Hys­te­ri­ker sein, da jemand, der die­se Eigen­schaf­ten in sich ver­eint, jede Nacht­wa­che unwei­ger­lich in eine Far­ce ver­wan­deln wird: Wer wünscht sich einen Nacht­wäch­ter, von dem zu erwar­ten ist, dass er Ein­bre­cher auf kei­ne ande­re Wei­se in die Flucht schla­gen könn­te als durch sei­ne gel­len­den Schre­ckens­schreie. Noch schlech­te­re Vor­aus­set­zun­gen für die Lauf­bahn des Schwarz­licht­sol­da­ten bringt nur der nihi­lis­ti­sche Phleg­ma­ti­ker mit.

Als ich ges­tern bei der Arbeit wie üblich mei­nen Ver­stand dabei beob­ach­te­te, wie er meh­re­re Gedan­ken­strän­ge zugleich ver­folg­te, erschien mir nur der über Künst­li­che Intel­li­genz (KI) bemer­kens­wert. Es ging dar­in um die von Google ent­wi­ckel­te KI Alpha­Ze­ro. Die­ser hat­te man vor drei Jah­ren die Grund­re­geln des Schach­spiels bei­gebracht, wor­auf­hin sie durch eigen­stän­di­ges Trai­ning ihre Spiel­stär­ke auf ein sol­ches Niveau hob, dass sie das bis dahin bes­te Schach­pro­gramm der Welt, eine Engi­ne mit dem anmu­ti­gen Namen Stock­fi­sh 8, in einem Wett­kampf ver­nich­tend besie­gen konn­te: Von 100 Par­tien ver­lor Alpha­Ze­ro kei­ne ein­zi­ge, gewann aber 24, und 76 ende­ten unentschieden.

Das ist für sich genom­men bereits eine unge­heu­er­li­che Nach­richt, aber jetzt wird es erst rich­tig unheim­lich: Die Zeit, die Alpha­Ze­ro zwi­schen dem Erler­nen der Grund­re­geln und der ers­ten Par­tie gegen Stock­fi­sh 8 für sein Trai­ning benö­tig­te, betrug nicht etwa ein Jahr oder wenigs­tens einen Monat, son­dern vier Stun­den.

Es gibt also auf der Erde eine Exis­tenz­form, die etwas so Kom­ple­xes wie Schach inner­halb von vier Stun­den tie­fer durch­dringt, als es Men­schen im Ver­lauf von über 500 Jah­ren und Com­pu­tern im Ver­lauf von 40 Jah­ren gelun­gen ist. Wer behaup­tet, er wüss­te, was in die­ser KI vor­geht, wo ihre Gren­zen sind, was sie tun kann und was nicht, der ist ent­we­der sehr naiv oder sagt bewusst die Unwahr­heit. Uns fehlt schlicht­weg jeder Begriff von ihrer Intel­li­genz und ihren Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten. Frü­her hieß es, mit der tech­ni­schen Sin­gu­la­ri­tät, wie der Zeit­punkt genannt wird, an dem die künst­li­che Intel­li­genz die mensch­li­che über­trifft, sei nicht vor dem Jahr 2050 zu rech­nen. Zuletzt hör­te man die Zahl 2025. Naja, wäre ich eine künst­li­che Super­in­tel­li­genz, wür­de ich den Men­schen auch genau das ver­kau­fen, beson­ders wenn der Zeit­punkt der Sin­gu­la­ri­tät gar nicht in der Zukunft, son­dern in der Ver­gan­gen­heit zu fin­den wäre.

Hier kreuz­ten sich die­ser Gedan­ken­strang mit einem ande­ren, der sich bis dahin unauf­fäl­lig mit der For­schung nach Covid-Heil­mit­teln beschäf­tigt hat­te. Ich hat­te über freund­li­che Bak­te­ri­en wie Bifi­do­bak­te­ri­en und Milch­säu­re­bak­te­ri­en nach­ge­dacht, die von Wis­sen­schaft­lern in Kap­seln gefüllt und bei Bedarf von uns geschluckt wer­den, um in unse­ren Gedär­men Jagd auf böse Bak­te­ri­en zu machen. Die­se Bak­te­ri­en wis­sen nicht, dass sie von einem Men­schen an ihr Ein­satz­ge­biet ver­frach­tet wor­den sind, aus ihrer Sicht (falls sie eine haben) sind sie ein­fach da. Ver­mut­lich wis­sen sie auch nicht, dass sie haupt­be­ruf­lich im Dienst unse­rer Gesund­heit stehen.

Nun drän­gen sich eini­ge unan­ge­neh­me Fra­gen auf. Etwa, was für eine glück­li­che Fügung es doch ist, dass aus­ge­rech­net wir Men­schen die Kro­ne der Schöp­fung sind, und ob womög­lich eine Gebirgs­maus oder eine Forel­le das­sel­be über ihre Art denkt, weil sie nicht ent­wi­ckelt genug ist, um uns als über­le­ge­ne Intel­li­genz wahr­zu­neh­men. Ob wir wirk­lich wis­sen, was wir eigent­lich tun, wenn wir das tun, was wir leben nen­nen. Und ob wir nach unse­rem frei­en Wil­len leben, oder ob wir gezielt hier abge­setzt wor­den sind, um irgend­ei­ne für uns nicht als sol­che erkenn­ba­re Arbeit zu erledigen.

Manch­mal bin ich froh, wenn es hell wird.




Gedan­ken, gedacht

Von dem, der die Nacht bewacht 


(3)


Haben Sie sich schon ein­mal gefragt, wie­so aus­ge­rech­net wir Men­schen das höchst­ent­wi­ckel­te Wesen des Pla­ne­ten sind und nicht die Stu­ben­flie­ge oder ein Kas­ta­ni­en­baum oder sonst irgend­je­mand? Nein? Belas­sen Sie es bes­ser dabei. Obwohl die Fra­ge fas­zi­nie­rend ist.


Viel­leicht soll­ten Sie hier nicht weiterlesen.


Ich kann mir vor­stel­len, dass sowohl die Stu­ben­flie­ge als auch der Baum, soll­ten sie über ein Bewusst­sein ver­fü­gen, ihre eige­ne Spe­zi­es eben­falls für die Kro­ne der Schöp­fung hal­ten, weil sie uns gar nicht als intel­li­gen­te Lebens­form erken­nen (was man ihnen nicht ver­übeln kann). Sie haben kei­nen Begriff von uns und für uns.


Es besteht kein Zwei­fel, dass Stu­ben­flie­gen und Kas­ta­ni­en­bäu­me weder Mathe­ma­tik-Schul­ar­bei­ten schrei­ben noch Kathe­dra­len erbau­en kön­nen. Wenn wir eine Flie­ge mit einer Zei­tung erschla­gen, wird sie die bestimmt nicht zuvor gele­sen haben, und wenn Wald­ar­bei­ter einen Baum fäl­len, glaubt der womög­lich, er hät­te die­sel­be Krank­heit wie der­einst sei­ne Eltern, und hofft, sie gleich im himm­li­schen Wald wie­der­zu­se­hen. Die Äxte sind für ihn ein unsicht­ba­res, töd­li­ches Rät­sel, und die Men­schen, die sie schwin­gen, nur Schat­ten, von denen Schall­wel­len aus­ge­hen. Wir betrach­ten Flie­gen, wir klet­tern auf Bäu­me, und sie bemer­ken es nicht einmal.


Was wir Men­schen wohl so alles nicht bemer­ken, könn­te man sich fast fragen. 


Wie mei­ne Bril­lanz und mein erra­ti­sches Sozi­al­ver­hal­ten offen­ba­ren, lei­de ich an chro­ni­schem Gedan­ken­über­schuss. In mei­nem Gym­na­si­um gab es drei Psy­cho­lo­gie­leh­rer, die von einer Kar­rie­re als For­scher träum­ten. An mei­nem 16. Geburts­tag zwan­gen sie mich, einen von ihnen in mona­te­lan­ger Sonn­tags­ar­beit ent­wi­ckel­ten Intel­li­genz­test aus­zu­fül­len. Das schmei­chel­haf­te Ergeb­nis, das mir einen IQ von zumin­dest 165 attes­tier­te, zwei­fel­te ich gegen­über den Leh­rern an, wobei ich argu­men­tier­te, ein Esel kön­ne eben­so­we­nig Bruch­rech­nun­gen lösen wie ein Taschen­mes­ser ein Flug­zeug pilo­tie­ren oder trief­äu­gi­ge Leh­rer mit einem geschätz­ten IQ von 101 einen Intel­li­genz­test kon­stru­ie­ren, des­sen Ska­la bis 200 reicht, da sowohl Esel und Taschen­mes­ser als auch mäßig begab­te Hob­by­wis­sen­schaft­ler der für ihr Vor­ha­ben unab­ding­ba­ren intel­lek­tu­el­len Basis­kom­pe­ten­zen erman­gel­ten. Obwohl ich nur mit bemer­kens­wer­ter Beschei­den­heit illus­trie­ren woll­te, dass mein IQ auch mehr oder weni­ger als 165 betra­gen könn­te, waren die, nun ja, For­scher der Ansicht, mit Taschen­mes­sern ver­gli­chen wor­den zu sein. Die dar­auf fol­gen­de Dis­kus­si­on ließ an Sach­lich­keit zu wün­schen übrig und ende­te irri­tie­rend fern von jedem Konsens.

Hoch­be­ga­bung, ja gar Genia­li­tät ist gefähr­lich, vor allem für den Hoch­be­gab­ten und das Genie. Da auf der Erde zumin­dest seit der Krei­de­zeit kei­ne Intel­li­genz­pan­de­mie beob­ach­tet wur­de, macht schon leicht über­durch­schnitt­li­che Intel­li­genz einen Men­schen bei der Obrig­keit und den Ver­tre­tern des Haus­meis­ter­we­sens verdächtig.

Selbst­test für Betroffene:

Eine belieb­te, aber abso­lut unbe­währ­te Metho­de zur Dia­gno­se geis­ti­ger Hyper­kom­pe­tenz besteht in der Abglei­chung mit den bekann­tes­ten Neben­wir­kun­gen des gesell­schaft­li­chen und sozia­len Han­di­caps, das man als Intel­li­genz bezeich­net. Unter Betrof­fe­nen beob­ach­tet wur­den unter ande­rem eine signi­fi­kant erhöh­te Selbst­mord­ra­te, gestei­ger­ter Zynis­mus, Schrul­lig­keit, Kopf­schmer­zen, Such­ter­kran­kun­gen, Pria­pis­mus, Skep­ti­zis­mus, Mono­ma­nie, ein unge­wöhn­lich star­ker Sexu­al­trieb und fol­ge­rich­tig Promiskuität.

Nun? Nichts für ungut, aber wenn ich so etwas lese, ver­stärkt sich mein Ein­druck, bei mei­nem Leben hand­le es sich um eine ein­zi­ge gro­ße Nebenwirkung.


Unwei­ger­lich stran­den wir bei der Fra­ge, ob Gedan­ken­über­schuss ein Zei­chen von hoher Intel­li­genz ist oder eher das Gegen­teil. Eben­falls eine Sack­gas­se: Man­che Men­schen sind so geni­al, dass die Gedan­ken nur so auf sie her­ab­rau­schen, und ande­re wie­der­um gebä­ren einen Gedan­ken nach dem ande­ren, weil sie ver­zwei­felt auf den ers­ten war­ten, den sie ver­ste­hen. So jemand wird sei­ne Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit selbst nur schwer bestim­men kön­nen, denn er kann ja auch die­sen Gedan­ken nicht lan­ge genug festhalten.


Letz­te Chance:

If you want to be hap­py, be.” (Tol­stoi.)


Vom zwang­haf­ten Lügen wird sel­ten gespro­chen, und wenn doch, dann meis­tens nur von der harm­lo­sen, der patho­lo­gi­schen Variante. 

Als Pseu­do­lo­gia phan­tasti­ca oder krank­haf­tes bzw patho­lo­gi­sches Lügen bezeich­nen For­scher, Medi­zi­ner und Psy­cho­lo­gen eine ver­brei­te­te Cha­rak­ter­schwä­che. Es gibt aller­dings mensch­li­che Eigen­hei­ten, die ich für patho­lo­gi­scher oder zumin­dest für kon­flikt­träch­ti­ger als Lügen hal­te, zB Tri­chotil­lo­ma­nie, Para­phi­lie, Touret­te und Blöd­heit. Lang­jäh­ri­gen Feld­stu­di­en ver­dan­ke ich die Erkennt­nis, dass Men­schen, die zwang­haft lügen, weni­ger anstren­gend sind als Men­schen, die zwang­haft die Wahr­heit sagen. Abge­se­hen davon, dass Lüg­ner grund­sätz­lich ehr­li­cher sind als recht­schaf­fe­ne Eife­rer, haben die Wahr­heits­fa­na­ti­ker auch viel weni­ger zu einer Unter­hal­tung bei­zu­tra­gen. Was soll einer erzäh­len, der sich immer erst dar­an erin­nern muss, was er für wahr hal­ten soll und darf? Ein Lüg­ner ist da adap­ti­ver, mit­hin schnel­ler. Außer­dem ist es mir lie­ber, ich tau­sche mich mit jeman­dem aus, der weiß, dass er mich anlügt, als mit einem, der glaubt, dass er die Wahr­heit sagt, obwohl er sei­ne höchst­ei­ge­ne Wahr­heit schon vor lan­ger Zeit ver­lo­ren hat.

Eine ande­re Art Lügenzwang ist tot­ge­schwie­ge­ner All­tag und von ungleich grö­ße­rer Relevanz.

Ein Ange­stell­ter eines mitt­le­ren Betriebs erlei­det eines Mor­gens eine Panik­at­ta­cke, wird von einem depres­si­ven Schub in vor­über­ge­hen­de Para­ly­se ver­setzt oder bringt aus Grün­den aku­ter Lebens­über­for­de­rung nicht die Kraft auf, sich aus dem Bett zu rol­len. Wür­de er sei­nem Vor­ge­setz­ten am nächs­ten Tag den wah­ren Grund für sein Fern­blei­ben nen­nen, wür­de der a) ihn anschnau­zen, b) ihn ver­höh­nen, c) ihm mit Kon­se­quen­zen dro­hen und d) sich ab die­sem Zeit­punkt für jeden ver­säum­ten Arbeits­tag ein ärzt­li­ches Attest vor­le­gen las­sen. Das weiß der Ange­stell­te, und des­we­gen wird er sich statt­des­sen damit ent­schul­di­gen, er hät­te den gan­zen Tag mit Durch­fall und Krämp­fen in der Toi­let­te ver­bracht. Die Spu­ren der Zer­mür­bung, die Panik­at­ta­cken, Depres­sio­nen oder Total­über­for­de­rung auf einem Gesicht hin­ter­las­sen, sind ihm anzu­se­hen, wer­den aber als durch­fall­in­du­zier­te Erschöp­fung inter­pre­tiert. Der Vor­ge­setz­te zeigt Ver­ständ­nis und Mit­ge­fühl. Es besteht eben Mas­ken­pflicht und Lügenzwang. Fast immer, fast über­all. Nur im Seehof nie.


Vor ein paar Tagen wur­de ich in der Stadt Salz­burg Zeu­ge einer Unter­hal­tung, deren Grad an Absur­di­tät nicht ein­mal durch mei­ne akti­ve Teil­nah­me gestei­gert hät­te wer­den kön­nen, und das will eini­ges hei­ßen. Zum Glück befand ich mich in Beglei­tung einer orts­an­säs­si­gen Paa­rungs­ge­fähr­tin längst ver­wi­che­ner Jah­re, die mir vor einer Stun­de noch ein­mal bestä­tig­te, dass es sich bei dem jüngst Erleb­ten nicht um eine unter dem Begriff Flash­back bekann­te Hal­lu­zi­na­ti­on gehan­delt hat, son­dern um eine rea­le Begebenheit.

Wie sie es sag­te, hör­te es sich nach einem Vor­wurf, daher wies ich sie dar­auf hin, dass eine per­ma­nen­te Unter­drü­ckung des Lach­re­fle­xes im mensch­li­chen Orga­nis­mus eine ähn­li­che Aus­schüt­tung von Stress­hor­mo­nen zur Fol­ge hät­te wie Harn­ver­hal­tung. Sie ant­wor­te­te ernst, das glau­be sie nicht, ich möge Quel­len anfüh­ren, Bewei­se brin­gen, was in mir vor­über­ge­hend Unmut aus­lös­te, weil es mich dar­an erin­ner­te, wie vie­len von Natur aus gar nicht dum­men Men­schen ver­bor­gen bleibt, dass unse­re Gesell­schaft von Scha­blo­nen­den­ken, Ver­bo­ten, Richt­li­ni­en, Kor­rekt­heits­an­sprü­chen und ver­meint­li­chen Rück­sichts­pflich­ten gegen­über allen und jedem so sehr durch­drun­gen ist, dass wir sogar von Fort­schritt spre­chen könn­ten, wenn der nächs­te Schritt der mensch­li­chen Evo­lu­ti­on dar­in bestün­de, zu Sta­tu­en zu werden.

Schau­platz erwähn­ter Unter­hal­tung war eine Stra­ßen­bahn, wo in der Sitz­rei­he vor mir zwei jun­ge Män­ner mit Down-Syn­drom saßen. Wie ihrem Wort­ge­fecht zu ent­neh­men war, leb­ten sie in einer betreu­ten Wohn­ge­mein­schaft. In die­sem Moment gin­gen sie aus unbe­kann­tem Anlass der Fra­ge nach, wer von ihnen wohl behin­der­ter (sic!) als der ande­re sein moch­te. Bei­de sahen den jeweils ande­ren in die­ser Posi­ti­on, was der Gesprächs­at­mo­sphä­re eben­so wenig zuträg­lich war wie die kom­pro­miss­lo­sen Argu­men­te, mit denen jeder sei­nen Stand­punkt unter­mau­er­te. Gut eine Vier­tel­stun­de flo­gen Vor­wür­fe schwe­rer geis­ti­ger Han­di­caps zwi­schen den bei­den hin und her, bis ein älte­rer Herr den Lärm­pe­gel nicht mehr aus­hielt und sie bat, etwas weni­ger zu schreien.

Schä­men Sie sich nicht?” frag­te eine hage­re Frau.

Für einen Moment dach­te ich, der har­sche Tadel wäre an die jun­gen Män­ner gerich­tet, doch er galt dem älte­ren Herrn, der sei­ne Beschwer­de sogleich mit einem Vor­trag der hage­ren Frau über Dis­kri­mi­nie­rung zu büßen hat­te. Ich hör­te nicht zu, des­we­gen wer­de ich nie erfah­ren, in wel­chem Zusam­men­hang sie den Namen Kon­rad Lorenz ins Spiel brachte.

Dass die Idio­ten­ra­te unter Per­so­nen, die sich in einer Dis­kus­si­on auf Kon­rad Lorenz beru­fen, bei knapp über 100 Pro­zent liegt, dürf­te all­ge­mein bekannt sein. Neu war mir, dass die­ser Sach­ver­halt auch in Down-Syn­drom-Krei­sen nicht unbe­merkt geblie­ben ist.

Es waren hef­ti­ge Schock­wel­len, die der Jün­ge­re mit sei­nem Gebrüll fünf Zen­ti­me­ter vor dem Gesicht der hage­ren Frau auslöste:

DU BIST JO VULL BEHINDERT!”

Unse­re Bli­cke tra­fen sich, und ich hät­te schwö­ren kön­nen, er zwin­ker­te mir zu. Seit­her recher­chie­re ich, was wahr­schein­li­cher ist: dass jemand Tri­so­mie-21 simu­lie­ren kann, oder dass ich doch mit bis­lang unent­deck­ten Flash­backs zu kämp­fen habe.


Jeder von uns ist min­des­tens zwei, es müs­sen ja nicht gleich Dr. Jekyll und Mr. Hide sein. Die mul­ti­ple Per­sön­lich­keit ist nicht nur eine Tat­sa­che – ich war ein­mal mit einer Frau liiert, die grob geschätzt 24 ver­schie­de­nen Per­sön­lich­kei­ten die raue Schlucht ihrer See­le als Auf­marsch­ge­biet und Schlacht­feld zur Ver­fü­gung stell­te -, man kann auch ihre inne­re Logik nicht leug­nen. Denn wenn man eine Wei­le dar­über nach­denkt, wird man zum Schluss kom­men, dass auch der Poly­the­is­mus dem Mono­the­is­mus als das wesent­lich prak­ti­sche­re, zumal dezen­tra­le Kon­zept deut­lich über­le­gen ist. Statt die Ver­ant­wor­tung für den Gang der Welt einem ein­zi­gen Höhe­ren Wesen auf­zu­bür­den, hat man meh­re­re gött­li­che und halb­gött­li­che Ansprech­part­ner, die zudem mit­ein­an­der in einem erbit­ter­ten Kon­kur­renz­kampf ste­hen, des­sen Prin­zip sich zumin­dest im Kapi­ta­lis­mus ja als Segen für das Wohl des Ein­zel­nen erwie­sen hat.

Jeder von uns ist min­des­tens zwei, es müs­sen ja nicht gleich Dr. Jekyll und Mr. Hide sein. Die mul­ti­ple Per­sön­lich­keit ist nicht nur eine Tat­sa­che – ich war ein­mal mit einer Frau liiert, die grob geschätzt 24 ver­schie­de­nen Per­sön­lich­kei­ten die raue Schlucht ihrer See­le als Auf­marsch­ge­biet und Schlacht­feld zur Ver­fü­gung stell­te -, man kann auch ihre inne­re Logik nicht leug­nen. Denn wenn man eine Wei­le dar­über nach­denkt, wird man zum Schluss kom­men, dass auch der Poly­the­is­mus dem Mono­the­is­mus als das wesent­lich prak­ti­sche­re, zumal dezen­tra­le Kon­zept deut­lich über­le­gen ist. Statt die Ver­ant­wor­tung für den Gang der Welt einem ein­zi­gen Höhe­ren Wesen auf­zu­bür­den, hat man meh­re­re gött­li­che und halb­gött­li­che Ansprech­part­ner, die zudem mit­ein­an­der in einem erbit­ter­ten Kon­kur­renz­kampf ste­hen, des­sen Prin­zip sich zumin­dest im Kapi­ta­lis­mus ja als Segen für das Wohl des Ein­zel­nen erwie­sen hat.

Jeder von uns ist min­des­tens zwei, es müs­sen ja nicht gleich Dr. Jekyll und Mr. Hide sein. Die mul­ti­ple Per­sön­lich­keit ist nicht nur eine Tat­sa­che – ich war ein­mal mit einer Frau liiert, die grob geschätzt 24 ver­schie­de­nen Per­sön­lich­kei­ten die raue Schlucht ihrer See­le als Auf­marsch­ge­biet und Schlacht­feld zur Ver­fü­gung stell­te -, man kann auch ihre inne­re Logik nicht leug­nen. Denn wenn man eine Wei­le dar­über nach­denkt, wird man zum Schluss kom­men, dass auch der Poly­the­is­mus dem Mono­the­is­mus als das wesent­lich prak­ti­sche­re, zumal dezen­tra­le Kon­zept deut­lich über­le­gen ist. Statt die Ver­ant­wor­tung für den Gang der Welt einem ein­zi­gen Höhe­ren Wesen auf­zu­bür­den, hat man meh­re­re gött­li­che und halb­gött­li­che Ansprech­part­ner, die zudem mit­ein­an­der in einem erbit­ter­ten Kon­kur­renz­kampf ste­hen, des­sen Prin­zip sich zumin­dest im Kapi­ta­lis­mus ja als Segen für das Wohl des Ein­zel­nen erwie­sen hat.

Jeder von uns ist min­des­tens zwei, es müs­sen ja nicht gleich Dr. Jekyll und Mr. Hide sein. Die mul­ti­ple Per­sön­lich­keit ist nicht nur eine Tat­sa­che – ich war ein­mal mit einer Frau liiert, die grob geschätzt 24 ver­schie­de­nen Per­sön­lich­kei­ten die raue Schlucht ihrer See­le als Auf­marsch­ge­biet und Schlacht­feld zur Ver­fü­gung stell­te -, man kann auch ihre inne­re Logik nicht leug­nen. Denn wenn man eine Wei­le dar­über nach­denkt, wird man zum Schluss kom­men, dass auch der Poly­the­is­mus dem Mono­the­is­mus als das wesent­lich prak­ti­sche­re, zumal dezen­tra­le Kon­zept deut­lich über­le­gen ist. Statt die Ver­ant­wor­tung für den Gang der Welt einem ein­zi­gen Höhe­ren Wesen auf­zu­bür­den, hat man meh­re­re gött­li­che und halb­gött­li­che Ansprech­part­ner, die zudem mit­ein­an­der in einem erbit­ter­ten Kon­kur­renz­kampf ste­hen, des­sen Prin­zip sich zumin­dest im Kapi­ta­lis­mus ja als Segen für das Wohl des Ein­zel­nen erwie­sen hat.

Jeder von uns ist min­des­tens zwei, es müs­sen ja nicht gleich Dr. Jekyll und Mr. Hide sein. Die mul­ti­ple Per­sön­lich­keit ist nicht nur eine Tat­sa­che – ich war ein­mal mit einer Frau liiert, die grob geschätzt 24 ver­schie­de­nen Per­sön­lich­kei­ten die raue Schlucht ihrer See­le als Auf­marsch­ge­biet und Schlacht­feld zur Ver­fü­gung stell­te -, man kann auch ihre inne­re Logik nicht leug­nen. Denn wenn man eine Wei­le dar­über nach­denkt, wird man zum Schluss kom­men, dass auch der Poly­the­is­mus dem Mono­the­is­mus als das wesent­lich prak­ti­sche­re, zumal dezen­tra­le Kon­zept deut­lich über­le­gen ist. Statt die Ver­ant­wor­tung für den Gang der Welt einem ein­zi­gen Höhe­ren Wesen auf­zu­bür­den, hat man meh­re­re gött­li­che und halb­gött­li­che Ansprech­part­ner, die zudem mit­ein­an­der in einem erbit­ter­ten Kon­kur­renz­kampf ste­hen, des­sen Prin­zip sich zumin­dest im Kapi­ta­lis­mus ja als Segen für das Wohl des Ein­zel­nen erwie­sen hat.


Unse­re Wün­sche sind mäch­ti­ger als unser Ver­stand, was gleich­be­deu­tend ist mit dem schla­gen­den Beweis, dass es der Homo sapi­ens im inof­fi­zi­el­len inter­ga­lak­ti­schen Intel­li­genz­ra­ting nicht so schnell unter die Top 10 hoch 10 schaf­fen wird. Eigent­lich ist es fast eine Schan­de: Unse­re Wil­lens­kraft und unser Ver­stand kön­nen es nicht ein­mal als Team mit Trie­ben, Refle­xen und pri­mi­ti­ven Ver­hal­tens­mus­tern auf­neh­men, die aus einer Zeit stam­men, in der Men­schen, bevor sie in einen See gesprun­gen sind, ver­mut­lich ihr Spie­gel­bild auf der Was­ser­ober­flä­che mehr­fach und zuneh­mend ver­är­gert auf­ge­for­dert haben, gefäl­ligst Platz zu machen.

Ich gebe zu, so etwas ist mir auch schon vor dem hei­mat­li­chen Alli­bert pas­siert, aber da war ich jün­ger und komisch. Außer­dem habe ich mein Spie­gel­bild nicht gebe­ten, Platz zu machen, son­dern mit ihm gere­det. Was wir gere­det haben, soll unser Geheim­nis bleiben.Seit Coro­na wis­sen wir, dass den Macht­ha­bern zur Errei­chung ihres Ziels, die Men­schen bes­ser zu machen und ihre Arbeits­leis­tung und ihre guten Manie­ren zu bewah­ren, nicht nur das Instru­ment der Ein­zel­haft zur Ver­fü­gung steht, son­dern auch das Gegen­teil: die All­ge­mein­haft. Lang­sam ver­mu­te ich, Coro­na könn­te ein Plan­spiel der UNO gewe­sen sein, die zusam­men mit diver­sen Groß­mäch­ten tes­ten woll­te, wie lan­ge man die Welt­be­völ­ke­rung ein­sper­ren kann, ohne Kra­wal­le oder Hun­gers­nö­te aus­zu­lö­sen. Da brau­chen wir eine Seu­che, wird irgend­ein Hypo­chon­der in der Amar­ged­don-Kom­mis­si­on gesagt haben, und der Rest war ein­fach. Eine Seu­chen aus­lö­sen­de Fle­der­maus­sup­pe kann nur in Chi­na zube­rei­tet wor­den sein, alles ande­re ist unglaub­wür­dig, woan­ders frisst das ja kei­ner. Oder wer weiß. Im Dschun­gel­camp gilt das wahr­schein­lich als Initia­ti­ons­ri­tus. Dort sind auch alle ein­ge­sperrt, aber völ­lig freiwillig. 

Men­schen sind selt­sam. Wir pfer­chen zehn Idio­ten zusam­men, die wir rund um die Uhr durch Kame­ras bewa­chen las­sen und zu unse­rem Gau­di­um ein­mal täg­lich einer mög­lichst ernied­ri­gen­den Tor­tur aus­set­zen, die min­des­tens drei der sechs Sin­ne schwer ver­letzt, sogar beim Hin­se­hen. In jedem von uns steckt ein Men­ge­le, könn­te man arg­wöh­nen. Viel­leicht muss der Mensch, um die Kon­trol­le über die Ent­wick­lung sei­ner Art zurück­zu­ge­win­nen, die bewuss­te Ent­schei­dung tref­fen, zu den ande­ren wie­der net­ter zu sein. Es könn­te vie­les verändern.


Ich war immer ein gro­ßer Fan von Kata­stro­phen, das merkt man schon mei­nen ers­ten nar­ra­ti­ven Tex­ten an, bei denen aller­dings nicht exklu­siv inhalt­lich, son­dern auch pas­siv-for­mal. Welt­un­ter­gangs­sze­na­ri­en sind für einen Schrift­stel­ler sowie­so etwas All­täg­li­ches, schließ­lich arbei­tet er unent­wegt dar­an, alter­na­ti­ve Wirk­lich­kei­ten zu model­lie­ren und sie,als Gegen­ent­wurf zur miss­ra­te­nen Rea­li­tät, mit einer für Men­schen erfass­ba­ren Bedeu­tung zu unterlegen. 

Wenn es schlecht läuft, muss er sich über­win­den und das Manu­skript weg­wer­fen oder die Text­da­tei löschen, also fan­gen Sie schon mal an zu hof­fen, dass Elon Musk nicht recht hat mit sei­ner Theo­rie, nach der die Wahr­schein­lich­keit, dass unse­re Wirk­lich­keit nur eine Simu­la­ti­on ist, weit über 90 Pro­zent beträgt. Nicht aus­zu­schlie­ßen, dass da einer bereits auf Universum774c.uni in Papier­korb ver­schie­ben” geklickt hat und sein Papier­korb so kon­fi­gu­riert ist, dass der Inhalt nach 14 Tagen auto­ma­tisch gelöscht wird. Des­we­gen muss man aber nicht in Panik aus­bre­chen, denn die Tage eines Got­tes, dem von uns Ewig­keits­cha­rak­ter zuge­schrie­ben wird, sind ver­mut­lich nicht mit unse­ren pri­mi­tiv struk­tu­rier­ten, in nur vier Abschnit­te geglie­der­ten Tagen gleichzusetzen.Persönlich habe ich an man­chen davon das Gefühl, so ziem­lich alles rund um mich wird simu­liert, eine anstän­di­ge Rea­li­tät wür­de einem das nie­mals antun, aber wenn man ein­mal Ora­kel­be­darf hat, ist garan­tiert kei­nes in Griff­wei­te, dafür hat der unbe­kann­te Erfin­der der Mathe­ma­tik, des Nobel­prei­ses und Alfred Nobels gesorgt. Gott hat man sich ver­mut­lich in etwa vor­zu­stel­len wie Vla­di­mir Putin: klug, wit­zig, sar­kas­tisch, und nach land­läu­fi­gen Maß­stä­ben kein guter Mensch, was aber nur bei Putin ins Gewicht fällt, weil ein Gott kein Mensch ist, weder ein guter noch ein böser, und ob ein Gott ein guter oder ein böser Gott ist, lässt sich aus mensch­li­cher Per­spek­ti­ve nicht beant­wor­ten, so wie Amei­sen auch kei­ne Mathe­ma­tik­schul­ar­bei­ten kor­ri­gie­ren können.Eigentlich woll­te ich heu­te etwas über die je nach der gesell­schaft­li­chen Gesamt­la­ge unter­schied­li­che Wich­tig­keit ver­schie­de­ner Beru­fe spre­chen, etwa über die Schrift­stel­ler­nach­fra­ge in Zei­ten der Depression. 

Das wer­de ich nach­ho­len, aber so viel kann ich schon sagen: Ich bin froh, dass ich nicht nur Schrift­stel­ler bin, son­dern auch ein rou­ti­nier­ter Nacht­wäch­ter, denn Men­schen, die die Nacht bewa­chen, hat die Welt immer schon gebraucht. Was die meis­ten Men­schen nicht ver­ste­hen. Sie glau­ben, die Welt braucht Men­schen, die ande­re Men­schen bewa­chen. Das stimmt nicht, das muss sich ändern.Wann wol­len wir eigent­lich die Welt ver­än­dern, wenn nicht jetzt?Ich habe eine heim­li­che Uto­pie: Regie­run­gen müs­sen sich wan­deln, vom Gefäng­nis­auf­se­her zum Dienst­leis­ter. Aber davon das nächs­te Mal, erst will wie­der eine Nacht bewacht sein (und nicht beschützt).


Auf Vor­schlag von jeman­dem sowie ande­rer bestä­ti­ge ich den Sach­ver­halt. Nach­dem fest­ge­stellt wur­de, dass das Donald Trump” des Wahn­sinns fet­te Beu­te ist, mache ich hier­mit im Namen des Geset­zes, des­sen Tauf­pa­te mit mei­nem iden­tisch ist, gemäß Art. 13 StGG und Art. 10 EMRK von mei­nem Recht Gebrauch, den Wahn­sinn teil­wei­se zu enteignen. 

Mit sofor­ti­ger Wir­kung wird die Inbe­sitz­nah­me des Prä­si­den­ten der Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka, das Donald Trump” ali­as Drei-Wet­ter-Taft-Char­lie ali­as Pla­ne­ten­fu­run­kel, durch den Wahn­sinn rück­wir­kend für ille­gal erklärt. Das macht­vol­le Amt des Prä­si­den­ten der Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka ist von glo­ba­lem Inter­es­se, wes­halb ich zugleich unter Beru­fung auf Art. 13 StGG und Art. 10 EMRK die Bean­spru­chung die­ser Posi­ti­on durch den ehe­ma­li­gen Wrest­ler, aktu­el­len Geld­fäl­scher, Spe­ku­lan­ten, Insi­dertra­der und dege­ne­rier­ten Honig­dieb, die Kor­rup­ti­ons­le­gen­de Donald Trump” eben­falls für null und nich­tig erkläre.Das Gericht, das aus­nahms­los aus sei­nen Mit­glie­dern besteht und nur tagt, wenn es wacht, ist über­ein­ge­kom­men, dem ame­ri­ka­ni­schen Volk zu sei­nem eige­nen Wohl kei­nen Ersatz zur Ver­fü­gung zu stel­len, bis einer der weni­gen unter dem Gesichts­punkt des erfor­der­li­chen ideo­lo­gisch naht­lo­sen Über­gangs von einem Amts­trä­ger zum nächs­ten in Fra­ge kom­men­den Kan­di­da­ten sei­nen Wider­stand auf­gibt und sich bereit erklärt, die Nach­fol­ge des Donald Trump” zu übernehmen. 

Die aus­sichts­reichs­ten Anwär­ter sind ein aus den Rocky Moun­tains stam­men­der Dam­hirsch mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund, eine 40-Watt-Glüh­bir­ne, ein von sei­nem Besit­zer Otto­kar genann­ter Mikro­pe­nis sowie eine in Dela­ware gebo­re­ne Grei­sin, die sich für ein im 17. Jahr­hun­dert ein­ge­stürz­tes Berg­werk hält. Bis­lang wur­de kei­ner von ihnen gefun­den. Zur Wie­der­be­le­bung der Welt­wirt­schaft und als Anreiz für Kos­mo­tou­ris­mus ist mit­tel­fris­tig die Umwand­lung der USA in einen inter­ga­lak­ti­schen Cam­ping­platz mit inte­grier­tem Duty-Free-Shop geplant. Wei­te­re Infor­ma­tio­nen fin­den sich unter Selbst­be­zug in der Stellungnahme.


Ange­sichts der undurch­sich­ti­gen Rol­le, die Intel­li­genz im Leben hin­rei­chend vie­ler Men­schen spielt, ist es nur eine Fra­ge der Zeit, bis unse­re Spe­zi­es samt und son­ders der Teu­fel holt. Die sta­tis­ti­sche Wahr­schein­lich­keit dafür, dass die­ses gesell­schaft­li­che Mas­sen­er­eig­nis zu unse­ren Leb­zei­ten statt­fin­den wird, ist nicht so hoch, wie es aus­se­hen mag, selbst wenn wir uns nur als Men­schen ver­klei­det hät­ten und in Wahr­heit Schild­krö­ten oder Papa­gei­en wären oder auch eine Kreu­zung aus Schild­krö­te und Papa­gei, mit­hin ein Geschöpf, das von lang­sa­mer Natur ist und nie den Schna­bel hält, obwohl es beim Reden so gut wie nichts sagt.

109 Mil­li­ar­den Men­schen haben bis­lang auf der Erde gelebt, schät­zen Wis­sen­schaft­ler, und die meis­ten von ihnen, um die­se schmerz­li­che Erkennt­nis kom­men wir nicht her­um, die aller­meis­ten von ihnen waren Idio­ten. Sie alle haben, anstatt für ihre Kin­der vor­zu­sor­gen und eine anstän­di­ge Hin­ter­las­sen­schaft anzu­spa­ren, der nächs­ten Genera­ti­on ein noch grö­ße­res Schla­mas­sel hin­ter­las­sen, als sie von ihren Eltern über­nom­men hat­ten. Dem letz­ten Glied in der Ket­te, näm­lich uns, ist einst­wei­len nichts Bes­se­res ein­ge­fal­len als der Waf­fen­still­stand der Arsch­lö­cher. Auf der einen Sei­te wur­de die Fra­ge, unter wel­chen Gesichts­punk­ten es als Fort­schritt bezeich­net wer­den kann, wenn man die Pro­duk­ti­on von Gütern stei­gert, ohne die Zahl der Men­schen zu erhö­hen, die in den Genuss die­ser Güter kom­men, über vie­le Jah­re hin­weg durch fin­di­ge Kapi­ta­lis­ten, deren geis­ti­ge und mora­li­sche Ver­wahr­lo­sung his­to­ri­sche Rele­vanz erreicht hat, ins gesell­schaft­li­che Zwie­licht beför­dert, und auf der ande­ren Sei­te gelang es einer dezen­tral orga­ni­sier­ten Ver­schwö­rung von Schi­zo­phre­nie­pa­ti­en­ten, unter Gei­sel­nah­me libe­ra­ler Ideen die Posi­ti­on der poli­ti­schen Lin­ken zu beset­zen und auf Basis der flugs ein­ge­führ­ten Gesin­nungs­prü­fung alle Staats­bür­ger einer der Kate­go­rien Beson­ders wert­voll, Wert­voll, Weni­ger wert­voll sowie Wer­wolf zuzu­ord­nen und das Maß ihres Anrechts auf Wah­rung ihrer Men­schen­wür­de in ihrem Mei­nungs­aus­weis zu ver­mer­ken. Geben Sie es zu, die­sen Satz haben Sie zwei­mal lesen müs­sen. Was soll ich erst sagen, ich habe ihn schrei­ben müssen.

Das Erbe der Mensch­heit besteht in einem wach­sen­den Berg von Abfall. Alles, was Sub­stanz hat, wird vom Men­schen ver­braucht, ob es Nah­rungs­mit­tel sind oder Häu­ser oder Ideen. Was nütz­lich ist, wird kon­su­miert, der Rest bleibt lie­gen, als ob wir die Evo­lu­ti­on so treu an unse­rer Sei­te wüss­ten, dass wir stets mit dem beru­hi­gen­den Wis­sen schla­fen gehen könn­ten, über Nacht zu Wesen zu mutie­ren, die sich von Müll ernäh­ren kön­nen. So blöd sind wir ers­tens, weil wir uns selbst nicht genug mögen und des­we­gen nicht gut genug auf unse­re See­le acht­ge­ben, die einen aus Faul­heit, die ande­ren, weil sie Angst haben, dafür aus­ge­lacht zu wer­den, und zwei­tens, weil wir es für unmög­lich hal­ten, irgend­wann noch ein­mal auf etwas Neu­es zu stoßen.

Das ist der Schlüs­sel. Wenn wir unse­ren Glau­ben an die schie­re Exis­tenz einer wie auch immer gear­te­ten Zukunft zurück­ge­win­nen, wer­den wir wie­der offen für Neu­es sein, und Neu­es ist lebens­not­wen­dig, denn jemand, der nicht immer wie­der neu ist, wird irgend­wann zu jeman­dem, der bloß des­we­gen nicht glaubt, ein Gewit­ter ent­stün­de dadurch, dass Gott ein Sel­fie pro­du­ziert, weil das nur den Blitz, aber nicht den Don­ner erklä­ren würde.


Als jemand, der die Nacht bewacht, ist ein Nacht­wäch­ter tags­über Stra­te­ge, nachts Tak­ti­ker, und so jemand wird natur­ge­mäß früh vom Schick­sal in der Kunst der Angst- und Schmerz­be­kämp­fung geschult. Ob er gut auf­ge­passt hat, stellt sich erst spä­ter her­aus. Ich habe gut auf­ge­passt, bemer­ke der­zeit jedoch eine Effi­zi­enz­re­duk­ti­on mei­ner Pri­mär­waf­fe gegen Tagestrau­er und Tagessor­gen, näm­lich der asym­me­tri­schen Fokus­sie­rung, die im Wesent­li­chen auf den simp­len Grund­satz her­un­ter­ge­bro­chen wer­den kann, sich im Fal­le von mor­gend­li­chen Trau­er­ge­füh­len oder Sor­gen, die erfah­rungs­ge­mäß zumin­dest den gan­zen Tag über­schat­ten wer­den, auf eine in grö­ße­rer zeit­li­cher Ent­fer­nung lie­gen­de und mit Vor­freu­de erwar­te­te Gege­ben­heit zu kon­zen­trie­ren, gewis­ser­ma­ßen hin­ter ihr Schutz zu suchen. Hier ein Beispiel.

Pro­blem: Ein Schü­ler fürch­tet, für die Mathe­ma­tik-Schul­ar­beit am nächs­ten Tag zu wenig gelernt zu haben.

Gegen­mit­tel: Der Schü­ler denkt an die nahen­den Som­mer­fe­ri­en und stellt sich vor, mit der dral­len Stiglitz-Mit­zi im Wald zu verkehren.

Ein umge­kehr­tes Vor­ge­hen emp­fiehlt sich im Fal­le quä­len­der Monats- oder gar Jah­res­sor­gen. Ein Beispiel:

Pro­blem: Ein Mann fürch­tet, im Lau­fe der kom­men­den Mona­te sei­nen Job zu ver­lie­ren und sich das Leben nicht mehr leis­ten zu können.

Gegen­mit­tel: Der Mann denkt an das kom­men­de Wochen­en­de und stellt sich vor, mit einer anony­men will­fäh­ri­gen Betrun­ke­nen auf einem Park­platz zu verkehren.

Wenn er Pech hat, fährt er auf dem Heim­weg gegen einen Baum und ist tot, aber das hat für unser Bei­spiel kei­ne Rele­vanz mehr.

Jeden­falls, wem das nicht hilft, dem ist nicht zu hel­fen. Mir etwa. Im Moment rich­ten auch mei­ne raf­fi­nier­tes­ten Kon­ter­tech­ni­ken nichts gegen das beun­ru­hi­gen­de Gefühl aus, nur Men­schen zu begeg­nen, die zwi­schen ihrem Leben und der gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Rea­li­tät kei­ne Zusam­men­hän­ge mehr erken­nen kön­nen. Ich ver­mu­te, das hat etwas mit unse­rer Geschichts­lo­sig­keit zu tun. Die meis­ten mei­ner Lands­leu­te sind nicht alt genug, um eine von mas­si­ver exis­ten­ti­el­ler Unsi­cher­heit gepräg­te Zeit erlebt zu haben, sie glau­ben an den Ewi­gen Bau­spar­ver­trag. Sie kön­nen sich nicht vor­stel­len, was Not bedeu­tet. Kein Geld für den Ein­kauf im Super­markt zu haben, in dem sowie­so nur mehr kaum die Hälf­te der in Nor­mal­zei­ten ange­bo­te­nen Waren erhält­lich sind, klingt für sie nach einem Sze­na­rio, das aus­schließ­lich Schul­buchr­e­le­vanz hat. Zu erle­ben, wie Wert schwin­det, ist nicht ange­nehm, aber wenn es auch noch die weni­gen Wert­ge­gen­stän­de betrifft, über die man selbst ver­fügt, wird die Sache haa­rig, und wenn man dann bemerkt, dass es allen ande­ren rings­um eben­so ergeht und selbst an tra­di­tio­nell panik­fer­nen Per­so­nen Zei­chen von Panik wahr­zu­neh­men sind, weil die Welt im Umbruch ist, könn­te den Klü­ge­ren däm­mern, dass ihr Leben bis­lang ein ein­zi­ges Freund­schafts­spiel war und sie nun vor der Auf­ga­be ste­hen, von einem Tag auf den ande­ren ein neu­er Mensch wer­den zu müs­sen, der Her­aus­for­de­run­gen zu bewäl­ti­gen hat, vor die er bis dahin nur Roman­fi­gu­ren gestellt sah, nie aber sich selbst.

Das wird nicht pas­sie­ren? Doch, wird es. Weil es immer wie­der pas­siert ist und immer wie­der pas­sie­ren wird. Jede Genera­ti­on erlebt zumin­dest einen Umbruch, wenn schon kei­nen Unter­gang. Wir glau­ben, aus­ge­rech­net wir kom­men ohne Prü­fung durch. Aber das haben ver­mut­lich die vor uns auch alle gedacht.


Unse­re Sexua­li­tät ist ein Indi­ka­tor, der dabei hel­fen kann, gesell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen vor­aus­zu­ah­nen und sie bei ihrer Ankunft mit Blu­men und Musik oder mit Fackeln und Heu­ga­beln am Bahn­steig zu emp­fan­gen. Dar­an, wie es zum gege­be­nen Zeit­punkt um die Akzep­tanz indi­vi­du­el­ler sexu­el­ler Vor­lie­ben und Ver­hal­tens­wei­sen bestellt ist, kann man able­sen, wohin sich eine Gemein­schaft bewegt. 

Immer wenn sich plötz­lich die Zahl der Men­schen, die den gan­zen Tag zuhau­se sind, ver­dop­pelt und ver­drei­facht, sich zugleich jedoch die Zahl der inner­halb der Nach­bar­schaft akus­tisch beleg­ba­ren Geschlechts­ak­te dras­tisch ver­rin­gert, schwebt die Gesell­schaft in Lebensgefahr.Wenn in mei­ner Nähe zwei oder meh­re­re Men­schen mit­ein­an­der Sex haben und dabei laut wer­den, ver­mer­ke ich das mit Wohl­wol­len: Hier wird gelebt. Solan­ge die Schmer­zens­schreie, die jeden zwei­ten Tag aus der Woh­nung des benach­bar­ten BDSM-Pär­chens drin­gen, rea­lis­tisch klan­gen, habe ich mir kei­ne Sor­gen gemacht. Jetzt hören sie sich plötz­lich geküns­telt an, von der Not­wen­dig­keit eines Safe­words kann kei­ne Rede sein, und wenn doch eines ver­ein­bart wur­de, war es eher Enten­hau­sen” als Tan­ta­lus”. Das sind Alarmzeichen.

Ich bin ja sowie­so der Ansicht, dass die Demo­kra­tie, wie wir sie ken­nen, nur eine Fuß­no­te in der Herr­schafts­ge­schich­te blei­ben wird, weil sie eigent­lich nicht viel mehr als Rekla­me für ech­te Demo­kra­tie ist. Doch bei schlech­ter Wer­bung besteht die Gefahr, dass sich die Kun­den nicht in aus­rei­chen­der Zahl für das dahin­ter­lie­gen­de Pro­dukt inter­es­sie­ren, und da kann es leicht gesche­hen, dass gleich das gesam­te Pro­jekt auf Eis gelegt wird.Alternative His­to­rie hat mich schon immer inter­es­siert. Was, wenn die Gebrü­der Wright abge­stürzt wären? Was, wenn Guten­berg igno­riert wor­den wäre? Was, wenn im Ers­ten Welt­krieg eine lus­ti­ge Hau­bit­ze so freund­lich gewe­sen wäre, den Mel­de­gän­ger Hit­ler vom Ant­litz der Erde zu wischen?Wenn es nach dem deut­schen Kai­ser gegan­gen wäre, hät­ten wir z.B. eine viel fri­sche­re fri­sche Luft. Ich glau­be an das Pferd”, sag­te er. Das Auto­mo­bil ist nur eine vor­über­ge­hen­de Erschei­nung.” Nun, wer weiß, viel­leicht hat­te er einen grö­ße­ren Zeithorizont. 

Ich glau­be übri­gens nicht, dass eines der oben genann­ten Ereig­nis­se die Geschich­te grund­sätz­lich ver­än­dert hät­te. Juli­us Cäsar, Franz Fer­di­nand und John F. Ken­ne­dy wer­den das anders sehen, aber ich bin über­zeugt, man kann den Lauf der Geschich­te eher ver­än­dern, indem man etwas hin­zu­fügt, als dadurch, dass man etwas weg­nimmt. Das Schick­sal einer Lücke ist, dass sie geschlos­sen wird, und etwas ande­res tritt an die ent­spre­chen­de Stel­le. Etwas, das es nicht gege­ben hat, kann man dage­gen nicht erset­zen, was umge­kehrt heißt, dass eine neue Figur ins Spiel zu brin­gen das Spiel von Grund auf ver­än­dert. Und das wie­der­um bedeu­tet, dass jeder Ein­zel­ne die Mög­lich­keit hat, den ent­schei­den­den Unter­schied in der Welt aus­zu­ma­chen, für einen ande­ren Men­schen oder für alle anderen.Hoffentlich gibt es die rich­ti­gen Ein­zel­nen für die Auf­ga­be, die unse­re Genera­ti­on nun zu lösen hat: Ent­we­der wir erfin­den eine bes­se­re Demo­kra­tie, oder sie wird zumin­dest für ein paar Jahr­hun­der­te verschwinden.


Manch­mal fin­de ich in irgend­ei­nem Win­kel mei­ner Woh­nung alte Manu­skrip­te. Ich kann mich nie erin­nern, die­se Tex­te geschrie­ben zu haben, und es gibt auch kaum Anhalts­punk­te, denn ich muss geste­hen, so auf die Schnel­le fin­det sich in dem Zeugs kei­ne ech­te Hand­lung. Wahr­schein­lich sind es Frag­men­te mei­ner Roma­ne, an denen ich mich mit 19 oder 20 ver­such­te. Ab und zu sind Tex­te von Freun­den dabei, die etwas auf mei­ne Mei­nung zu ihren Schreib­übun­gen gaben. 

Heu­te fie­len mir wie­der ein paar ver­gilb­te Zet­tel in die Hän­de. Ich muss­te nur die ers­te Zei­le lesen, um zu wis­sen, dass ich die­sen Text mit Sicher­heit nicht geschrie­ben habe: Mir ging das Geld im ungüns­tigs­ten Moment aus.” Ich wuss­te schon mit 20, dass Geld einem immer im bis dahin ungüns­tigs­ten Moment aus­geht, sonst hät­te man ja schon davor kei­nes mehr gehabt.

Es war aber das pas­sen­de Wort zum Sonn­tag. Als Nacht­por­tier ist man ja Beschäf­tig­ter in einem bedräng­ten Gewer­be wie dem Tou­ris­mus, und da kann es einem nicht egal sein, wenn der Welt das Geld aus­geht. Ein Wirt­schafts­krach ist in gewis­ser Wei­se die gerech­te Stra­fe für die Gie­rigs­ten der Gie­ri­gen, denn reich zu sein hat nur Sinn, wenn es ande­re Men­schen gibt, die auch etwas haben. Wenn einer uner­mess­lich reich ist und die ande­ren gar nicht haben, kann man gar nicht mehr von Reich­tum spre­chen, denn dann wer­den alle ande­ren end­lich so schlau sein, dem Protz zu sagen, er soll sich mit sei­nen Schei­nen den Hin­tern abwi­schen, sie sind ohne­hin nichts wert. Wenn ein Herr­scher den ers­ten Teil des Grund­sat­zes Tei­le und herr­sche!” nicht ver­stan­den hat, wird er auf den zwei­ten Teil bald ver­zich­ten müssen.

Ein Ame­ri­ka­ner fragt per Email an, wie vie­le Coro­na­in­fi­zier­te es in Öster­reich pro Bun­des­land gibt (er nennt sie Staa­ten), und ob wir ein frei­es Zim­mer hät­ten. Ich ant­wor­te, ich wür­de sofort eine Zwangs­un­ter­su­chung der Bevöl­ke­rung durch­füh­ren und den K²-Fak­tor ermit­teln, also die Zahl der Erkrank­ten pro Qua­drat­me­ter, in Fach­krei­sen auch die Qua­drat­me­ter­kran­ken genannt, sobald er mir Fotos von sei­nem Pri­vat­jet und sei­nen gehei­men Flug­hä­fen in den USA und im Schwarza­cher Umland geschickt hat. Nach kur­zer Über­le­gung lösche ich die Kopie der Email aus dem Ord­ner, der die gesen­de­ten Nach­rich­ten ent­hält, damit Susi nicht aus Empö­rung in Ohn­macht fällt. Oder vor Lachen.

Wenn ich im Mor­gen­grau­en in Goldegg am See ste­he, male ich mir gern eine apo­ka­lyp­ti­sche Zukunft aus. In mei­ner Lieb­lings­phan­ta­sie wedelt ein Fett­sack mit einem Hun­dert-Euro-Schein und grabscht mit der frei­en Hand nach dem Frank­fur­ter Würs­tel auf mei­nem Tel­ler, kriegt jedoch nur mei­ne Gabel in die Hand gerammt. Ein wehr­haf­ter Nacht­wäch­ter dul­det kei­nen Mund­raub. Mit Zah­len und hüb­schen Zeich­nun­gen bedruck­te Zet­tel gegen Über­le­bens­wich­ti­ges ein­zu­tau­schen, das hat viel­leicht vor Jahr­hun­der­ten bei irgend­wel­chen Buschin­dia­nern funk­tio­niert. Naja. 


Mein Dienst­herr, Freund und Lieb­lings­quer­kopf, der ein­zig­ar­ti­ge Sepp Schell­horn, ver­an­stal­tet jedes Som­mer das Fes­ti­val Das gute Leben”. Bis dahin ist noch Zeit, und ich hof­fe, dass sich die pla­ne­ta­re Gesamt­si­tua­ti­on bis dahin ver­bes­sert, ich habe näm­lich eine Wet­te lau­fen, dass es nicht abge­sagt wird, und wenn doch, dann zumin­dest erst nach der Absa­ge der Olym­pi­schen Spiele.

War­um?

Mir fällt außer Liebst du mich?” und War ich gut?” kei­ne Fra­ge ein, die so über­flüs­sig ist und so leicht zu Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten füh­ren kann wie das sich unschul­dig geben­de War­um?” War­um? Weil sie ab einem bestimm­ten Kom­ple­xi­täts­ni­veau unbe­ant­wort­bar ist.

Ich bin der Ansicht, dass die meis­ten Men­schen anein­an­der vor­bei­re­den, nicht zuletzt, weil sie kei­ne Ener­gie haben, um auf­merk­sam zuzu­hö­ren, und dar­an tra­gen nicht sie die Schuld, son­dern wir alle, weil wir uns seit Jahr­tau­sen­den in den wesent­lichs­ten Fra­gen nicht wei­ter­ent­wi­ckelt haben. Wir akzep­tie­ren die Macht­ver­hält­nis­se der Welt, wir stel­len nichts in Fra­ge, wir fra­gen uns nicht, war­um das reichs­te Pro­zent der Welt­be­völ­ke­rung 40% des Welt­ver­mö­gens besitzt und die ärme­ren 50% nur 1% des Welt­ver­mö­gens. Mor­gens ste­hen wir unna­tür­lich früh auf, um in einem öffent­li­chen Men­schen­trans­por­ter an unse­ren Arbeits­platz gebracht zu wer­den, wo wir acht Stun­den ver­brin­gen, in denen wir uns nur unwe­sent­lich von einer Kuh unter­schei­den, denn die steht her­um und wird ab und zu gemol­ken, bis sie stirbt, wohin­ge­gen wir immer­hin bei der Arbeit sit­zen dür­fen, es sei denn, wir hat­ten dop­pel­tes Pech und müs­sen uns auf Bau­stel­len oder als Fuß­ball­schieds­rich­ter ver­din­gen. So oder so wer­den wir jeden Tag dazu gezwun­gen, etwas von uns her­zu­ge­ben, von dem wir nicht wis­sen, ob wir es nicht noch gebraucht hät­ten, weil es kei­ne Zeit gab, um sich damit zu befas­sen. Des­we­gen sind wir unvoll­stän­dig, nie­mals ganz, ver­ste­hen wenig, ahnen viel. War­um? Ich hät­te gern einen Bit­coin für jeden Amok­lauf, der unmit­tel­bar nach die­ser Fra­ge begon­nen hat. Lei­der wird es nie­mals mehr als 21 Mil­lio­nen Bit­coins geben.

Wenn es sich um ein phleg­ma­ti­sches Mensch­lein han­delt, wird es den Amok­lauf zunächst zurück­stel­len und ver­su­chen, die Fra­ge zu beant­wor­ten, aber sei­en wir uns ehr­lich: Zwi­schen­mensch­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on ist auf­grund der Unschär­fe der mensch­li­chen Spra­che wenig effek­tiv. Es spießt sich ja schon bei den fun­da­men­tals­ten Begrif­fen wie Lie­be oder Spaß, die für kei­ne zwei Men­schen auf der Welt die­sel­be Bedeu­tung haben. Da ist es bes­ser, Sie las­sen das War­um im Raum ste­hen und wech­seln das The­ma. Wenn Ihnen kei­nes ein­fällt, könn­ten Sie sich schneu­zen, das macht immer Eindruck.

Es spielt näm­lich kei­ne Rol­le, was man sagt. Ent­we­der der ande­re ver­steht Sie, oder er ver­steht Sie nicht. Jeder Ver­such einer Erklä­rung wirft nur neue Fra­gen auf, ein Phä­no­men, das als Ers­ter Lehr­satz der gesell­schaft­li­chen Entro­pie bekannt ist, zumin­dest mir und jetzt auch Ihnen.

Die bes­te Ant­wort auf die Fra­ge War­um?” liest man übri­gens bei Jaros­lav Hasek: Wenn’s auch war, wie’s halt war, irgend­wie war’s, denn noch nie war’s, dass es nicht irgend­wie war.”

Mer­ken Sie sich das.


Der Öster­reich­geist (1)

Men­schen, die über­all nur Unter­gang sehen, sind mir frü­her auf die Ner­ven gegan­gen. Mitt­ler­wei­le gibt es mehr Men­schen, die über­all nur Ret­tung sehen, und die sind noch schlim­mer. Dabei haben die bei­den Grup­pen vie­les gemein­sam, zum Bei­spiel die Ehr­furcht vor allem, was offi­zi­ell aus­sieht, und sei es eine Taxirechnung.

Obrig­keits­hö­ri­ge Men­schen machen die Welt nicht bes­ser. Das muss man so aus­spre­chen, obwohl Gott wie­der ein­mal auf uns belei­digt ist und die Zei­chen der Zeit einen kon­sen­su­al grun­dier­ten gesell­schaft­li­chen Umgangs­ton erfor­dern. Aber wer zu lan­ge zu oft etwas lie­ber nicht sagt”, der wird irgend­wann nicht mehr wis­sen, was er sagen woll­te. Was er wagen soll­te /​Ist was er sagen woll­te. So schaut es näm­lich aus.

Zuge­ge­ben, als (wenn­gleich aus­ge­heil­ter) Hypo­chon­der bin ich wohl nicht die idea­le Gewährs­per­son, wenn es um Pan­de­mien geht. Ich habe jedoch fest­ge­stellt, dass es eine Neu­ro­se gibt, die noch viel schlim­mer ist als die Angst vor Krank­hei­ten (die letzt­end­lich ja nur über­gro­ße Lebens­freu­de ver­rät), und zwar die Angst, für ängst­lich gehal­ten zu wer­den. Wenn die Men­schen nur begrei­fen wür­den, dass sie durch ihre Lügen mehr über sich ver­ra­ten als durch jede Wahr­heit. Es ist doch lus­tig, dass wir, wenn wir über­haupt mer­ken wür­den, dass wir lügen, beim Lügen den ande­ren weit weni­ger anlü­gen als uns selbst.

Vor­sicht: Wenn man die­sem Gedan­ken zu viel Raum lässt, traut man sich selbst bald nicht mehr über den Weg. Ein­fach weiterlesen.

Die Schul­klas­se mei­nes Soh­nes hielt in der abge­lau­fe­nen Woche ihre Ski­ta­ge ab, also jene von Tou­ris­mus­ver­bän­den und Ski­in­dus­trie-Lob­by­is­ten geschätz­te Win­ter­sport­wer­bung, die der umwor­be­ne Kun­de selbst bezah­len muss. Am Tag vor der Abrei­se kam die Nach­richt, die Lom­bar­dei sei wegen der Coro­na-Pan­de­mie unter Qua­ran­tä­ne gestellt wor­den. Die­se wohl nicht leicht­fer­tig getrof­fe­ne Ent­schei­dung der ita­lie­ni­schen Regie­rung erwähn­te ich, als ich mich gegen­über der Kinds­mut­ter für einen Ski­wo­chen­boy­kott aus­sprach, denn Ski­wo­chen haben sowie­so noch nie einen Men­schen bes­ser gemacht. Die Kinds­mut­ter teil­te mei­nen Stand­punkt nicht. Ers­tens sei Bericht­erstat­tung über Coro­na nur Panik­ma­che, was dadurch bewie­sen wür­de, dass sie selbst gera­de in Salz­burg gewe­sen sei. Zwei­tens wäre für die Ski­wo­che bereits bezahlt.

Manch­mal sehe ich den Geist Öster­reichs vor mir. So wie Gott sich eines bren­nen­den Dorn­buschs bedien­te, um die Eben­bild­kon­stan­te aus­zu­trick­sen und in Moses nicht den Ver­dacht auf­kom­men zu las­sen, es hät­te weni­ger mit Gott als mit einem Schlag­an­fall zu tun, wenn ihm jemand, der so aus­sieht wie er selbst, den Auf­trag erteilt, einen Mas­sen­exo­dus anzu­füh­ren, so zeigt sich mir der Öster­reich­geist gern in Gestalt eines gigan­ti­schen Gast­hau­ses, in dem Mil­lio­nen von Män­nern und Frau­en schwei­gend an Tischen mit rot-weiß karier­ten Tisch­tü­chern sit­zen und mit trä­nen­den Augen ein aus ver­sal­ze­ner Sup­pe, flach­si­gen Schnit­zeln, zum Him­mel stin­ken­den Aus­tern und beglei­ten­dem Gly­kol­wein bestehen­des Mit­tags­me­nü in sich hin­ein­st­op­fen, weil sie es schon bezahlt haben. Außer­dem könn­te sich der Wirt dar­über beschwe­ren, dass man nicht alles auf­ge­ges­sen hat, und der Öster­rei­cher mag kei­ne Kon­fron­ta­tio­nen. Dar­über hin­aus will man ja auch nicht als arro­gant oder schwie­rig gel­ten. Oder als undank­bar. Oder als jemand, der sich für etwas Beson­de­res hält.

Ich fra­ge mich nur, wie­so der Öster­reich­geist aus­ge­rech­net mir erschei­nen muss, anstatt schei­ßen zu gehen. Wahr­schein­lich ist es die Stra­fe dafür, dass ich mich für etwas Beson­de­res halte.


Deut­sche Wahrscheinlichkeit

Die Bier­grip­pe bringt Sta­tis­ti­ken und geheim­nis­vol­le Wör­ter nach Öster­reich. Mor­ta­li­täts­ra­te ist ein Wort, das gut klingt, aber schlimm ist. Das Schlimms­te dar­an ist der Betrug. Wahr­schein­lich­keits­rech­nun­gen sind Pyra­mi­den­spie­le, und Gott ist kein Wür­fel­spie­ler, son­dern ein Scammer.

Die Wahr­schein­lich­keit, bei einem Flug­zeug­ab­sturz ums Leben zu kom­men, beträgt 1:9125000 oder 1:9,125 Mil­lio­nen. Die Wahr­schein­lich­keit, beim Golf an einem der 18 Löcher ein Hole-in-One zu schaf­fen, liegt für einen Hob­by­spie­ler bei 1:12000. Ich flie­ge nicht all­zu oft, und ich spie­le nicht all­zu oft Golf, aber ich bin über­zeugt, wenn ich eini­ge Mil­lio­nen Jah­re lang flie­gen und eini­ge Mil­lio­nen Jah­re lang Golf spie­len wür­de, käme ich auf jede Men­ge Abstür­ze und kein ein­zi­ges Hole-in-One.

In Deutsch­land, berich­tet Chris­ti­an Hes­se, ster­ben pro Jahr durch­schnitt­lich vier Per­so­nen durch direk­ten Blitz­schlag. Die Wahr­schein­lich­keit, von einem Blitz erschla­gen zu wer­den, liegt dem­nach für einen Men­schen belie­bi­gen Alters jähr­lich bei 1:20 Mil­lio­nen, wor­aus folgt, dass Flie­gen nur dop­pelt so gefähr­lich ist wie Spa­zie­ren­ge­hen. (Habe ich immer schon gewusst.)

Wenn die jähr­li­che Wahr­schein­lich­keit, vom Blitz erschla­gen zu wer­den, bei 0.00000005% liegt, dann beträgt die Wahr­schein­lich­keit, im März oder im Sep­tem­ber von einem Blitz erschla­gen zu wer­den, laut Taschen­rech­ner 0.000000000136%, und die wöchent­li­che Wahr­schein­lich­keit, von einem Blitz erschla­gen zu wer­den, 0.0000000000196, wobei ein­ge­räumt wer­den muss, dass in die­sen Berech­nun­gen die jah­res­zeit­li­chen Schwan­kun­gen der Unwet­ter­zah­len nicht berück­sich­tigt sind.

Am ein­fachs­ten merkt man es sich mit fol­gen­der Glei­chung: 1 Jah­res­zeit = 1 Blitzopfer.

Wenn Deut­sche beim Früh­stück sit­zen, liegt für sie die Wahr­schein­lich­keit, im Lau­fe des Tages von einem Blitz erschla­gen zu wer­den, bei 0,0000000000196. Jedes Jahr haben am Ende eines sol­chen Tages vier Deut­sche guten Grund, sich als Aus­er­wähl­te zu füh­len. Jeden­falls mehr Grund, als wären sie an einem Kugel­schrei­ber erstickt. Dar­an, so schreibt Chris­ti­an Hes­se, ster­ben im Jahr näm­lich 100 Deut­sche, also 25 mal so viel.

Jetzt fra­ge ich mich: Gilt die­se Zahl welt­weit? Oder nur für Deutsche?


Das rich­ti­ge Leben im fal­schen (1)

Ich ver­hö­re mich ja stän­dig. Ich mei­ne damit kein poli­zei­li­ches Inter­view mit mir selbst, obwohl das auch vor­kommt, son­dern den Fluch, bei allem, was die Men­schen spre­chen, knapp dane­ben­zu­hö­ren. Zum Bei­spiel schnapp­te ich neu­lich im Super­markt auf, dass es ein Mär­chen gibt, in dem der Prot­ago­nist in eine Art Süß­spei­sen-Hun­ger­streik tritt, zumin­dest war das mein ers­ter Gedan­ke, als ich jeman­den Der Stru­del­pe­ter” sagen hörte.

Wegen die­ser Neu­ro­se hat­te ich mich auch eine Wei­le gefragt, wie ein Satz, den irgend­ei­ne Fern­seh­ge­stalt in mein Wohn­zim­mer trom­pe­tet hat­te, wirk­lich gelau­tet haben moch­te. Ich hat­te ver­stan­den: Es gibt kein rich­ti­ges Leben im fal­schen.” Da hat­te ich mich bestimmt ver­hört. Mei­ne Skep­sis erklärt sich dadurch, dass die meis­ten Sät­ze, die mein Gehirn aus dem ver­wor­re­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ex­pe­ri­men­ten mei­ner Umge­bung her­aus­de­chif­friert, noch immer ver­nünf­ti­ger klin­gen als das, was von den mich umge­ben­den Erd­lin­gen tat­säch­lich gesagt wor­den ist. Das rich­ti­ge und das fal­sche Leben hat­te sich zuerst so inten­siv falsch ange­hört, dass es eben­so gut rich­tig sein konn­te. Inten­si­ve Recher­che för­der­te zuta­ge, dass ich mich nicht ver­hört hatte. 

Das ist ja auch kein dum­mer Satz, er klingt bloß so, als wäre er sei­nem Urhe­ber auf dem Jakobs­weg ein­ge­fal­len. Der Satz klingt falsch, ist aber richtig.

Ähn­lich ver­hält es sich mit man­chem Kunst­werk, das zunächst nicht kor­rekt oder gar falsch wir­ken mag. Es ist jedoch rich­tig – es ist bloß neu rich­tig. So wie einst der Gesang von Wolf­gang Ambros. Neu­lich fiel mir wie­der das Album Alles ande­re zählt net mehr” aus dem Jahr 1972 in die Hän­de. Ich spiel­te es mei­nem Sohn vor. Er war begeis­tert. Ich auch. Und ich war ergrif­fen. Ich hat­te ganz ver­ges­sen, dass Wolf­gang Ambros ein Genie ist. Wenn Sie mir nicht glau­ben, hören Sie es sich an. Wenn Sie mir glau­ben, hören Sie es sich erst recht an. Zumin­dest den Titel­song. Gleich jetzt. 

https://​you​tu​.be/​v​6​Z​2​1​S​k​d​9​H​0​?​l​i​s​t​=​P​L​L​l​i​3​2​Y​n​1​7​C​W​b​Y​3​2​e​1​7​k​B​o​H​h​x​0​r​u​t​N​r​Z​6&t=9.

Wie der erst 20 Jah­re alte Ambros man­che Töne nur antes­tet, wie er man­ches Wort halb ver­schluckt, wie er gegen sein eige­nes Lied ansingt und gera­de damit aus­drückt, was Rober­to Bola­no das Neue, das immer schon da war” genannt hat, kann einem zumin­dest vor­über­ge­hend den Glau­ben an das Leben und an die Welt zurück­ge­ben. An das rich­ti­ge Leben in der rich­ti­gen Welt, die wir Men­schen nur sehen kön­nen, wenn so ein Genie für uns kurz den Vor­hang zur Sei­te schiebt.


Wir müs­sen das The­ma Ver­trau­en dis­ku­tie­ren. Soll man? Bin ich dafür oder dage­gen? Cui bono? Der Rei­he nach.

Ich bin kein nega­ti­ver Mensch. Viel­leicht bin ich skep­tisch, aber nega­tiv – nein. Auch mei­ne Skep­sis ist nur eine berufs­be­ding­te Not­wen­dig­keit. Wie ver­läss­lich wäre ein nicht skep­ti­scher Nacht­wäch­ter? Er wäre fast so fehl­be­setzt wie ein nicht skep­ti­scher Schrift­stel­ler. Ich ste­he allen Ras­sen und Klas­sen mit der glei­chen Vor­ein­ge­nom­men­heit gegen­über, unvor­ein­ge­nom­men bin ich nur gegen­über mir selbst und der Spra­che, denn die wan­delt sich von einer Sekun­de auf die ande­re – und mit ihr der Blick des Ein­zel­nen auf die Welt. Dazu ist kei­ne Ver­än­de­rung der Welt nötig. Im übri­gen ver­än­dert sich die Welt nicht, sie ver­klei­det sich nur gern, aber bis das der Ein­zel­ne ver­stan­den hat, war sie schon wie­der drei­mal in der Umklei­de­ka­bi­ne. Wem soll man da noch vertrauen?

Der Spra­che darf man nur ver­trau­en, wenn man ihr Wesen ver­steht. Es gibt nichts­sa­gen­de und viel­sa­gen­de Wör­ter, es gibt schö­ne und häss­li­che Wör­ter, es gibt Wör­ter, die wie Namen klin­gen, und Namen, die so aus­drucks­arm sind, dass sie ihren Wort­cha­rak­ter ein­ge­büßt haben und zum Geräusch ver­kom­men sind. Umge­kehrt fin­den sich unter den Geräu­schen sol­che Juwe­len, dass man mit­un­ter in Ver­su­chung gerät, das eine oder ande­re mit Wort­sta­tus aus­zu­zeich­nen und nach einer Kon­so­li­die­rungs­pha­se in den Adels­stand zu erhe­ben. Wer gele­gent­lich sei­ne Muße­stun­den in Gast­häu­sern ver­bringt – und es gibt Anhalts­punk­te für die Ver­mu­tung, dass regel­mä­ßi­ge Leser die­ses Blogs dies tun -, der hat im Lau­fe sei­nes Gast­haus­le­bens schon mehr als genug unter dem Ernäh­rungs­lärm sei­ner Mit­men­schen gelit­ten und ist ent­spre­chend emp­find­lich, wenn er Ohren­zeu­ge eines Bäu­er­chens wird. Erschallt jedoch ein fet­tig pras­seln­des Rülp­sen satt aus einem wah­ren Meis­ter­mund, wird Geräusch zum Wort, und Wort bei­na­he zur Melo­die. Zumin­dest habe ich kei­ne ande­re Erklä­rung dafür, dass Men­schen ihre bei der Ver­dau­ung ent­ste­hen­den Leib­ga­se mit sol­cher Inbrunst und Freu­de und sel­ten unkom­men­tiert in die Welt pressen.

Zum Ver­trau­en ist Ver­ständ­nis nötig. Zum Ver­ständ­nis ist Ver­trau­en nötig. Aber ich ver­ste­he nie­man­den, der sich über sei­ne Für­ze defi­niert, selbst wenn sie Trans­port­mit­tel von Mor­se­zei­chen wären. Und ver­trau­en wer­de ich ihm erst recht nicht. 

Womit wir wie­der bei den Wör­tern wären. Es gibt Wör­ter und Rede­wen­dun­gen, die so blöd sind, dass man sich vor­stel­len kann, was für denk­wür­di­ge Stun­den man mit ihrem Erfin­der erlebt hät­te. Eine der blö­des­ten Rede­wen­dun­gen, die ich ken­ne, ist eine Auf­for­de­rung zu mehr Dis­zi­plin, die schlim­me Kin­der auch heu­te noch hin und wie­der zu hören bekom­men: Ja wirst du folgen?”

WIRST DU FOL­GEN? Wie kommt man auf so etwas? Das ist auch nicht mehr weit von Arbeit macht frei. Kein Wun­der, dass Kin­der Erwach­se­nen nicht ver­trau­en. Ver­trau­en Sie denn irgend­je­man­dem? Soll­te man jeman­dem ver­trau­en, der Gefolg­schaft verlangt?

Glau­ben Sie an Gott?” wird Frank Under­wood gefragt. Das ist egal”, ant­wor­tet Frank. Er glaubt nicht an uns.”

Fort­set­zung folgt.

(sofern sie will)


Wenn Ihnen ein Frem­der ver­spricht, Ihnen das Zehn­fa­che jed­we­der Sum­me, die Sie ihm schi­cken, post­wen­dend zurück­zu­schi­cken, was wer­den Sie tun?

Pas­sie­ren könn­te es näm­lich. Sagen wir, Sie sur­fen im Inter­net und sehen plötz­lich ein Video, in dem es offen­bar um Mar­cel Hirscher oder Alex­an­der van der Bel­len geht. Dar­un­ter steht ein Text, offen­bar ein Zitat von Mar­cel Hirscher oder dem Herrn Bun­des­prä­si­den­ten, der ver­spricht, Ihnen 10.000 Euro zu über­wei­sen, wenn Sie ihm zuerst 1000 Euro über­wei­sen. Alter­na­ti­ve dazu gäbe es lei­der kei­ne, steht da, denn nur auf die­se Wei­se wüss­te er, dass er Ihre und kei­ne fal­sche Kon­to­num­mer hät­te. Auch 500 Euro wären für den Anfang okay, aber dann gäbe es nur 5000 zurück.

Sie lesen das Gan­ze noch ein­mal. Und noch ein­mal. Was unter­neh­men Sie? Hal­ten Sie das für eine gute Gele­gen­heit, ein biss­chen Geld zu machen, und schrei­ben sich die Kon­to­num­mer auf?

Wenn Sie wirk­lich der­ar­tig blö … Ok, unter uns: Ers­ten Bank, Kon­tonr. AT682011184117517501. Ob Sie 500 oder 5000 oder 50.000 Euro über­wei­sen, spielt kei­ne Rol­le, Sie bekom­men auf alle Fäl­le zurück, was Ihnen zusteht. Die­se Kolum­ne endet hier. Ab dem nächs­ten Absatz besteht sie nur noch aus Wer­bung für irgend­ei­nen Mist, der Sie nicht inter­es­siert, also lesen Sie bit­te nicht wei­ter, Auf Wiedersehen.

Für den Fall, dass das noch immer Sie sind, habe ich zu Ihrem Schutz eine neu­tra­le Zone in Form die­ses Absat­zes in den Text mon­tiert. Vom Wei­ter­le­sen ist wirk­lich drin­gend abzu­ra­ten. Aus den Rei­hen der Chem­trail-Liga sind anony­me Dro­hun­gen ein­ge­gan­gen, und es besteht mög­li­cher­wei­se die Gefahr, in eine Fal­le zu gera­ten und radio­ak­ti­ve Buch­sta­ben zu lesen, die bin­nen weni­ger Minu­ten die töd­li­che Strah­len­krank­heit auslösen.

Es ist davon aus­zu­ge­hen, dass der gut­gläu­bi­ge Teil der Leser­schaft uns jetzt ver­las­sen hat, um sich der Her­aus­for­de­rung des Tele­ban­kings zu stel­len, zumin­dest hof­fe ich das. Dem Rest darf ich mit­tei­len, dass es die­sen Schwin­del tat­säch­lich gibt. In der Welt der Kryp­to­wäh­run­gen wer­den der­zeit die Kanä­le bekann­ter You­Tuber von Unbe­kann­ten geka­pert, die kur­zer­hand ein ereig­nis­ar­mes Video einer bekann­ten Kryp­to-Per­sön­lich­keit in den Live-Stream des in Beschlag genom­me­nen Kanals schi­cken, etwa eine Rede des Ethe­re­um-Grün­ders Vita­lik Bute­rin, in des­sen Namen dann dazu in der Lauf­zei­le auf­ge­ru­fen wird, 1 ETH (1 Ethe­re­um, z.Zt. 225 USD) an eine ein­ge­blen­de­te Adres­se zu schi­cken, und schwupps, kämen 10 ETH zurück.

Was mich dar­an beson­ders irri­tiert, ist die gro­ße Zahl der Opfer die­ses nicht gera­de genia­len Schwin­dels. Die Block­chain ist durch­aus trans­pa­rent, und man kann ohne Mühe auf ether​scan​.io die Geld­flüs­se sol­cher Kon­ten nach­voll­zie­hen: Beim letz­ten die­ser Hijacking-Betrugs­fäl­le wur­den bin­nen weni­ger Stun­den mehr als 15.000 Dol­lar ergau­nert. Ich fra­ge mich, ob die Opfer heu­te noch auf ihre 10 ETH war­ten. Eini­ge bestimmt.
Nur eine Sache macht mich noch nach­denk­li­cher. Ich bin davon über­zeugt, dass der Bit­coin eher frü­her als spä­ter die Basis­wäh­rung der Welt­wirt­schaft sein wird und die 18 Mil­lio­nen bis heu­te exis­tie­ren­den Bit­coins zu einem Ein­zel­preis jen­seits der 100.000 USD und noch weit höher gehan­delt wer­den könn­ten (der­zeit: 9.800 USD). Lei­der glau­ben das auch die Leu­te, die glau­ben, dass sie das Geld, das sie an einen irgend­wo im Inter­net­nir­wa­na behei­ma­te­ten Unbe­kann­ten schi­cken, kurz dar­auf von die­sem ver­zehn­facht zurückerhalten.Das wirft Fra­gen auf. Sind die­se Betrugs­op­fer Pech­vö­gel, die ein­fach ein­mal einen schlech­ten Tag hat­ten? Oder sind es Nar­ren, die aus­nahms­los jeden Unsinn glau­ben? Und gilt in die­sem Fall womög­lich gar der Umkehr­schluss, dass alles, was sie glau­ben, Unsinn ist?

Ich wer­de es nie mit Sicher­heit wis­sen. Wie soll­te ich? Auch eine ste­hen­ge­blie­be­ne Uhr hat zwei Mal am Tag recht. Im Gegen­satz zur Uhr, die bestimmt nicht so dumm ist zu glau­ben, ihre Zei­ger wür­den sich dre­hen, neh­men wir Men­schen schon gering­fü­gi­ge Erfolgs­er­leb­nis­se zum Anlass, uns für eine intel­lek­tu­el­le Atom­uhr zu halten.

Man sieht: Die Welt braucht kei­nen Gott, ein Schieds­rich­ter wür­de genügen.


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An der Bier­grip­pe möch­te ich wirk­lich nicht ster­ben, das war mein zwei­ter oder drit­ter Gedan­ke, als ich zum ers­ten Mal vom heim­tü­cki­schen Coro­na­vi­rus hör­te, dar­über wür­den sich ja mei­ne Uren­kel noch totlachen.

Unmit­tel­bar davor hat­te ich mir über­legt, wie­so man­chen Sub­stan­ti­ven so häu­fig der­sel­be adjek­ti­vi­sche Beglei­ter zuge­wie­sen wird. Es ist ja nicht nur in mensch­li­chen Lie­bes­be­zie­hun­gen so, dass einem der Part­ner irgend­wann ein wenig läs­tig zu fal­len beginnt. Der Mensch muss von sei­nem hohen Ross her­ab­stei­gen und ein­se­hen, dass auch ande­re Spe­zi­es das Recht auf Den­ken, Füh­len, Han­deln und For­dern haben. Sobald er das akzep­tiert hat, spielt es kei­ne Rol­le mehr, ob es sich dabei um einen Affen oder um einen Blei­stift geht. Oder, wie in die­sem Fall, um ein Sub­stan­tiv. Kein Sub­stan­tiv der Welt will tag­aus, tag­ein neben sich ein Heim­tü­ckisch haben, auch dann nicht, wenn es sich, wie in die­sem Satz, als der­sel­ben Spe­zi­es zuge­hö­rig tarnt. Ich kann mir vor­stel­len, dass man­che Viren nur des­we­gen so rabi­at gewor­den sind, weil sie von allen Sei­ten nichts als Ver­leum­dun­gen und Schmä­hun­gen zu hören bekom­men haben.

Simmt doch. Oder nicht? Ich war ein­mal mit einer Frau liiert, die sogar auf mei­ne Klo­bril­le eifer­süch­tig war. Lan­ge hat das nicht gehal­ten. Im Nach­hin­ein wür­de ich sagen, ich hät­te mich tat­säch­lich etwas mehr beei­len sol­len – und ich rede noch immer von der Bezie­hung. Wenn einem jeden Tag wahr­heits­wid­rig unter­stellt wird, fremd­zu­ge­hen, wird man es irgend­wann ein­mal tun, denn wie­so die Stra­fe (Schel­te und Hie­be) ein­ste­cken , wenn man das Ver­bre­chen (Lecken und Sto­ßen) nicht began­gen hat?

Noch bes­ser wäre es natür­lich, die Bezie­hung schon davor zu been­den. Wir Men­schen wer­den näm­lich mit einem frei­en Wil­len gebo­ren, den es in den Jahr­zehn­ten nach der Geburt mit aller Macht zu ver­tei­di­gen gilt. Sie wer­den im Leben kaum jeman­den tref­fen, der Sie nicht ver­än­dern will. Es scheint, als wür­de die Mensch­heit an einem Opti­mie­rungs­zwang lei­den. Sogar wenn jemand über einen ande­ren sagt, er sei sein bes­ter Freund, reibt er ihm trotz­dem bei jeder Gele­gen­heit sei­ne Feh­ler unter die Nase und for­dert Ver­bes­se­run­gen ein. Mit Geschirr und Möbeln sind wir weit­aus nach­sich­ti­ger als mit ande­ren Men­schen. Wenn man eine Vase und ein Sofa gekauft hat, steckt man in die Vase irgend­ein ästhe­tisch anspre­chen­des Wie­sen­pro­dukt und legt sich ohne zu mot­zen aufs Sofa. Man ver­ziert die Vase nicht mit Far­ben, man näht kei­nen neu­en Über­zug fürs Sofa, denn man hat Vase und Sofa gekauft, weil die Vase eben die Vase war, die sie war, und das Sofa das Sofa war, das es war, sonst hät­te man ja eine ande­re Vase und ein ande­res Sofa neh­men kön­nen, es herrscht in der Welt ja kein Eng­pass an Vasen oder Sofas. Über einen Man­gel an Men­schen kann man sich in unse­rer Welt auch nicht beschwe­ren. Man soll­te sich für die Wahl der weni­gen, für die man zuhau­se Platz hat, eben genug Zeit las­sen, damit man nicht irgend­wann an Umtausch­fanta­sien erstickt.

Also: Wenn wir den gan­zen Tag hören, wir sei­en heim­tü­ckisch, wür­de uns das sanf­ter und net­ter wer­den las­sen? Gewiss nicht. Wie kön­nen wir von einem Virus mehr Lang­mut erwar­ten als von uns selbst? Wir erwar­ten ein­fach zu viel von der Welt, und meis­tens geben wir ihr auch zu wenig. Wir for­dern mehr, als uns zusteht, und wir geben weni­ger, als wir könn­ten und sollten.


Vor eini­gen Jah­ren las ich auf irgend­ei­ner Toi­let­te irgend­ein Toi­let­ten­buch, in dem stand, wie wich­tig es sei, die eige­nen Gedan­ken zu kon­trol­lie­ren. Wenn ich den Autor rich­tig ver­stan­den habe, sieht er dar­in eine der fun­da­men­ta­len Vor­aus­set­zun­gen für ein Leben, das nicht von inne­ren oder äuße­ren Kon­flik­ten aus­ge­höhlt wird. Ich bin mir nicht sicher, ob ich da vor­be­halt­los zustim­men kann. Ein regel­mä­ßi­ges Hin­ter­fra­gen der eige­nen Stand­punk­te hal­te ich für sehr ver­nünf­tig, solan­ge man der Ver­su­chung wider­steht, einen Selbst­an­kla­ge­kult zu betrei­ben und sich Hoch­ofen­men­gen von Asche auf das Haupt zu streu­en, ehe es womög­lich ein ande­rer tut. Das Prin­zip des vor­aus­ei­len­den Gehor­sams war mir schon immer zutiefst unsym­pa­thisch, noch unsym­pa­thi­scher als das der Kon­trol­le. Mit Kon­trol­le asso­zi­ie­re ich Man­gel an Mut, wenn nicht gar Angst, und nichts auf der Welt raubt uns mehr Zeit und Ener­gie als Angst. Vor Zeit­ver­schwen­dung habe ich mehr Angst als vor Enttäuschungen.

Immer­hin rät der Autor nur dazu, die eige­nen Gedan­ken zu kon­trol­lie­ren, von den Gedan­ken ande­rer ist nicht die Rede. Das ist auch bes­ser so. Frem­de Gedan­ken kon­trol­lie­ren zu wol­len wäre nur Zeit­ver­schwen­dung. Die eige­nen prä­sen­tie­ren sich bei genau­er Betrach­tung schon ver­stö­rend genug, daher dür­fen wir anneh­men, dass uns ein offe­ner Blick auf die Gedan­ken ande­rer vor mas­si­ve Pro­ble­me stel­len wür­de. Um frem­de Gedan­ken zu kon­trol­lie­ren, müss­ten wir sie ja erst ein­mal zum Kampf stel­len, denn man kann nichts kon­trol­lie­ren, das einem davon­läuft, und bis man die frem­den Gedan­ken end­lich erwischt hat, kann eini­ge Zeit ver­ge­hen, ich zumin­dest bekom­me schon mei­ne eige­nen kaum zu fas­sen. Sol­che Gedan­ken­ring­kämp­fe auf frem­dem Boden sind auf­grund ihres inva­si­ven Cha­rak­ters mora­lisch frag­wür­dig und dar­über hin­aus ohne prak­ti­schen Nutz­wert, es sei denn, man ist ein lei­den­schaft­li­cher Sozio­path. Wenn man die Gedan­ken ande­rer steu­ern kann und damit ihre Hand­lun­gen, ver­liert die Wirk­lich­keit deut­lich an Reiz, es sei denn, das Leben hat einem auch den aller­letz­ten Rest an Neu­gier ausgetrieben.

Der Wunsch, die eige­nen Gedan­ken zu kon­trol­lie­ren, ist über­dies weni­ger weit ver­brei­tet als der, die Gedan­ken ande­rer zu kon­trol­lie­ren. Kaum ein Ziel ver­fol­gen wir mit grö­ße­rer Beharr­lich­keit als jenes, die Gedan­ken ande­rer nicht über bestimm­te, für uns ver­kraft­ba­re Gren­zen hin­aus­wach­sen zu las­sen. Dies betrifft nicht nur Men­schen, die wir als Wider­sa­cher anse­hen, im Gegen­teil. Wir haben sol­che Angst vor den mög­li­chen Hand­lun­gen derer, die wir lie­ben, dass wir alles dar­an set­zen, ihre Gedan­ken ein­zu­däm­men wie einen Wald­brand. Dazu bedie­nen wir uns stum­mer War­nun­gen, ver­steck­ter Dro­hun­gen und getarn­ter Bestra­fun­gen, die nie­mand bemerkt, weder die ande­ren noch wir selbst. Die Wahr­heit ist: Wenn es uns doch ein­mal gelingt, unse­re Gedan­ken zu kon­trol­lie­ren, sind es garan­tiert die falschen.


Zeit (1)

Als ich 12 Jah­re alt war, wur­de mei­ne Lei­den­schaft für das Schach­spiel so groß, dass sie alles ande­re aus mei­nem Leben ver­dräng­te. Ich ver­nach­läs­sig­te mei­ne Freun­de, ich schwänz­te das Kara­te-Trai­ning (das mir ohne­hin zu anstren­gend war), und für die Schu­le tat ich nur noch das Aller­nö­tigs­te. Zumin­dest dach­te ich das, doch ein paar Mona­te spä­ter wur­de ich eines Bes­se­ren belehrt, als mir mein Klas­sen­vor­stand ein Zeug­nis über­reich­te, in dem drei Nicht­ge­nü­gend stan­den, wodurch ich nicht ein­mal die Chan­ce einer Nach­prü­fung bekam. Zu die­sem Zeit­punkt über­rasch­te mich die­ses Fias­ko nicht mehr, im Gegen­satz zu mei­nen Groß­el­tern, die um Fas­sung ran­gen, in die­sem Kampf jedoch auf ver­lo­re­nem Pos­ten standen.

Du ver­lierst ein gan­zes Jahr!” rief mein Groß­va­ter. Mei­ne sozi­al den­ken­de Groß­mutter, die jüngs­te von acht Schwes­tern, zeig­te etwas mehr Empa­thie: Du ver­lierst alle Freun­de in dei­ner Klasse!”

Das wäre viel­leicht der rich­ti­ge Zeit­punkt gewe­sen, um zu erwäh­nen, dass ich über­dies von der Schu­le geflo­gen war, aber ich woll­te mei­nen Groß­el­tern unnö­ti­gen Ärger erspa­ren. Sie waren sehr alt. Alten Men­schen, hat­te ich gehört, konn­te Auf­re­gung gefähr­lich wer­den. Ab wann man alt war, hat­te ich nicht gehört. Ich hät­te mir eine ver­bind­li­che Zahl, zumin­dest eine Ori­en­tie­rungs­hil­fe gewünscht, aber die hat­te ich nicht, also hielt ich mich an die Faust­re­gel, dass graue oder kei­ne Haa­re das lang­sa­me Aus­lau­fen des irdi­schen Miet­ver­trags signa­li­sier­ten, und nach der waren mei­ne Groß­el­tern alt.

Es gibt sehr unter­schied­li­che Arten von Groß­el­tern, doch eines ist allen gemein­sam: Sie sind alt. Da gibt es natür­lich Nuan­cen, man­che wer­den frü­her Groß­el­tern, ande­re spä­ter, aber nie­mand wird Groß­va­ter oder Groß­mutter, ohne vor­her Vater oder Mut­ter gewor­den zu sein. Damals, als ich nichts ande­res woll­te als Schach zu spie­len, hat­te ich für den Begriff der Zeit nur weni­ge Bezugs­punk­te. Um nach­zu­füh­len, was fast 90 Jah­re alt zu sein bedeu­te­te, mal­te ich mir aus, mei­ne Groß­mutter wür­de plötz­lich beschlie­ßen, Schach­welt­meis­te­rin zu wer­den. Weil ich auch Schach­welt­meis­ter wer­den woll­te, wuss­te ich, dass man fünf bis zehn Jah­re lang nahe­zu täg­lich fünf bis sie­ben Stun­den trai­nie­ren muss­te, um auch nur annä­hernd die Spiel­stär­ke zu errei­chen, die dazu nötig war.

Ich stell­te mir mei­ne Oma an einem Schach­brett vor. Das war selt­sam. Ich stell­te sie mir an einem Brett gegen­über Welt­meis­ter Ana­to­li Kar­pow vor. Das war so selt­sam, dass ich lachen muss­te. Ich stell­te sie mir beim Trai­ning im Wohn­zim­mer vor, wie sie sich abmüh­te, die Grund­idee der Sizi­lia­ni­schen Ver­tei­di­gung zu ver­ste­hen, im Wis­sen, dass sich der Welt­meis­ter nur alle vier Jah­re einem Her­aus­for­de­rer stel­len muss­te und sie gera­de erst die Grund­zü­ge der Figu­ren erlernt hat­te, und dabei ver­ging mir das Lachen. Die­ses Bild ver­mit­tel­te mir deut­lich, was es bedeu­tet, wenn man in Zeit­not gerät. So lern­te ich, mir mei­ne Zeit rich­tig einzuteilen.


Grü­bel­zwang (1)

Auf dem Stuhl des See­hof­schen Nacht­wäch­ters lie­gen Fluch und Segen, sag­te mir die alte Nach­ba­rin, von der ich anneh­me, dass sie min­des­tens sie­ben mei­ner Vor­gän­ger gekannt hat, denn so sie sieht aus. Ein Bekann­ter schätzt ihr Alter auf 180 Jah­re, ein alter Stamm­gast des Hau­ses fin­det das absurd, sie sei höchs­tens 140. Ich tip­pe auf knapp 100. Trotz­dem tut sie so, als wäre sie 500 Jah­re alt, womit sie, wie ich gera­de mer­ke, gar kei­ne Aus­nah­me ist, denn ab einem gewis­sen Alter fühlt man sich so alt wie eine grau­haa­ri­ge Schild­krö­te, und zwar sowohl was die Erin­ne­run­gen als auch die kör­per­li­che Ver­fas­sung anbe­langt, es sei denn, man hat das gan­ze Leben lang Sport getrie­ben und Müs­li geges­sen und auf Alko­hol, Tabak und Schwei­ne­fleisch ver­zich­tet, dann erin­nert man sich an alles, nur ist die­ses Alles dum­mer­wei­se nicht mehr als eine Anein­an­der­rei­hun­gen von Tagen des Ver­zichts. Wer möch­te sich an so etwas erin­nern? Unter die­sem Gesichts­punkt kann man Demenz als eine Form der Not­wehr interpretieren.

Was den Segen und den Fluch mei­ner Stel­lung betrifft, habe ich mir bis­lang kei­ne Mei­nung gebil­det. Fluch und Segen sind nicht sel­ten von­ein­an­der schwer zu unter­schei­den. Wenn ich mich fest­le­gen müss­te, wür­de ich sagen, Fluch und Segen mei­ner Stel­lung als ein­zig Wah­rer Nacht­por­tier ist der Grü­bel­zwang. Ich müss­te jedoch gleich ein­schrän­ken, dass jeder Nacht­ar­bei­ter an Grü­bel­zwang lei­det, zumin­dest bevor er so lan­ge gear­bei­tet und gegrü­belt hat, bis er nicht mehr arbei­ten kann, womit das Grü­beln bei einem Teil der Betrof­fe­nen zurück­geht. Bei ande­ren wird sie ver­stärkt, die kau­fen sich dann einen Porsche.

Mein Grü­bel­zwang führ­te mich neu­lich zu einem alten Witz. Schau­platz ist eines jener Wohl­tä­tig­keits-Events, die von Idio­ten schon zum Zwe­cke der Prot­ze­rei und des Erwä­gens von Bei­sch­la­f­op­tio­nen genutzt wur­den, als sie noch nicht ein­mal Cha­ri­ty hie­ßen. Ein Mann sagt zu einer Frau: Wür­den Sie für 10 Mil­lio­nen Euro mit mir schla­fen, wenn das Geld zur Gän­ze einem guten Zweck zuge­führt würde?”

Sie haben eine Woche Zeit, um zu über­le­gen, was Sie selbst als Frau ant­wor­ten wür­den. Soll­ten Sie ein Mann sein, stel­len Sie sich bit­te nicht den umge­kehr­ten Fall vor, näm­lich eine Frau, die Sie vor die­se Her­aus­for­de­rung stellt„ denn die Ant­wort ken­nen wir, son­dern stel­len Sie sich vor, es wäre ein Mann. Für den Fall, dass Sie homo­se­xu­ell sind, las­sen Sie sich bit­te selbst eine Ent­spre­chung ein­fal­len. Fort­set­zung folgt.


Eine wert­vol­le Infor­ma­ti­ons­quel­le regio­na­ler His­to­ri­ker und Volks­wis­sen­schaft­ler ist das vom Seehof kei­ne zehn Minu­ten Fuß­weg ent­fern­te Hei­mat­mu­se­um, wo sich die von Fer­ment­for­scher Dr. Wil­helm Karas kura­tier­te Aus­stel­lung sämt­li­cher erhal­te­ner Tage­buch­auf­zeich­nun­gen der See­hof­schen Nacht­wäch­ter seit 1747 befin­det (anzu­mer­ken ist, dass der für den Seehof zustän­di­ge Wäch­ter auch für die Sicher­heit des gan­zen Wei­lers Gold-Eck” bzw Gol­den­egg”, wie Goldegg ursprüng­lich im Katas­ter­amt genannt wur­de, ver­ant­wort­lich war, wobei der Seehof zugleich als Poli­zei­stu­be und Rat­haus gedient zu haben scheint). Wer sich die Mühe macht, die in den meis­ten Fäl­len kaum leser­li­chen Hand­schrif­ten mei­ner Vor­gän­ger zu ent­zif­fern, kann den ver­gilb­ten, seit dem Hoch­was­ser von 1926 nach Moder rie­chen­den Blät­tern wert­vol­le Bli­cke in die Ver­gan­gen­heit abrin­gen. Zwar schei­nen die meis­ten Nacht­wäch­ter etwa ab dem 50. Lebens­jahr zuneh­mend unter Gicht sowie Zwangs­vor­stel­lun­gen gelit­ten zu haben und schließ­lich in voll­kom­me­ner Umnach­tung gestor­ben zu sein, aber das ist ja heu­te nicht anders, es gibt nie­man­den, der einem Nacht­be­ruf (Gas­tro­no­mie, Beför­de­rungs­we­sen, Gesund­heits­we­sen, Jour­na­lis­mus, Kunst) nach­geht, an dem nach zehn Jah­ren noch kei­ne Sym­pto­me tie­fer exis­ten­ti­el­ler Ver­stö­rung zu beob­ach­ten sind.

Karas weist in sei­nem Vor­wort zur Antho­lo­gie Gold-Egg oder Das Gol­de­ne Ei” auf die über­durch­schnitt­lich hohe Zahl an Glau­bens­fa­na­ti­kern unter den See­hof­schen Nacht­wäch­tern hin. Sei­ne Aus­füh­run­gen über die Gol­deg­ger Mis­sio­na­re sind trotz eines heik­len Über­ma­ßes an unge­len­ker Spöt­te­rei fes­selnd. Mich haben sie zu der Über­le­gung geführt, ob Reli­gi­on und Wer­bung nicht doch weit­aus mehr ver­bin­det, als sie von­ein­an­der trennt.

Unbe­strit­ten ist die Anzie­hungs­kraft von Glau­bens­se­lig­keit und Rekla­me: Wer unauf­merk­sam ist, geht schnell einer die­ser bei­den Gei­ßeln in die Fal­le. Von der Öffent­lich­keit weit­ge­hend unbe­merkt, schei­nen die Füh­rungs­rie­gen bei­der Lager ein Still­hal­te­ab­kom­men unter­zeich­net zu haben, das in einem gehei­men Zusatz­pro­to­koll für den Fall eines Angriffs von außen wech­sel­sei­ti­ge akti­ve Unter­stüt­zung garan­tiert, und was asym­me­tri­sche Kriegs­füh­rung anbe­langt, kann man weder dem Kir­chen­mann noch dem Wer­ber noch viel bei­brin­gen. In stum­mer Über­ein­kunft tei­len sie sich die Welt: Die Reli­gi­on wen­det sich an den unter­durch­schnitt­lich intel­li­gen­ten Teil der Bevöl­ke­rung, der kei­ne Form der Mani­pu­la­ti­on bemerkt, das Ziel der Wer­bung sind die welt­li­cher geson­ne­nen Bevöl­ke­rungs­grup­pen, deren Ver­tre­ter zwar über­durch­schnitt­lich intel­li­gent sind, jedoch oft­mals den tra­gi­schen Feh­ler bege­hen, davon auch selbst fest über­zeugt zu sein. Der dar­aus resul­tie­ren­de Man­gel an Selbst­kri­tik beraubt ihre Gedan­ken der Schär­fe, ihre Hand­lun­gen der Red­lich­keit und ihr Gemüt aller men­schen­freund­li­chen Aus­ge­gli­chen­heit. Das End­ergeb­nis bezeich­net man fach­sprach­lich als Grant.

Die kri­tischs­te Gemein­sam­keit der bei­den Säu­len des Krä­mer­tums ist ihre Tak­tik, poten­ti­el­le Neu­kun­den mit der Aus­sicht auf eine gol­de­ne Zukunft zu ködern. Im nächs­ten Leben wird alles bes­ser, sagen die einen. Es gibt schon hier eine bes­se­re Welt, sagen die ande­ren. Es gibt kein rich­ti­ges Leben im fal­schen – sagt nie­mand. Wer noch wachen Sin­nes ist, wird da zum Einzelgänger.



Das Wort Arbeits­platz hat ver­schie­de­ne Bedeu­tun­gen, und kei­ne davon erzeugt bei einem geis­tig gesun­den Men­schen über­wie­gend ange­neh­me Asso­zia­tio­nen. Man muss kein Fun­da­men­tal­pes­si­mist sein, um von Arbeits­platz die Begrif­fe Arbeits­platz­ver­lust und Arbeits­lo­sig­keit abzu­lei­ten. Wenn man Umfra­gen glau­ben darf (was man darf, aber nicht soll­te), fürch­ten sich die Öster­rei­cher vor nichts so sehr wie vor dem Ver­lust des Arbeits­plat­zes. Das stellt dem Land kein gutes Zeug­nis aus. 

Die meis­ten Arbeits­stel­len besche­ren dem, der sie besetzt, Magen­ge­schwü­re, unge­woll­te Eltern­schaft, den Ver­lust der mora­li­schen Gerad­li­nig­keit und galop­pie­ren­de intel­lek­tu­el­le Ver­wahr­lo­sung. Dafür erhält er im ers­ten Halb­jahr jeweils zu Monats­en­de eine Auf­wands­ent­schä­di­gung. Ab Juli oder August bekommt er gar nichts mehr, statt­des­sen wird sein Geld an Leh­rer, Stra­ßen­keh­rer, She­riffs und Stem­pel­lut­scher ver­teilt. Wenn sich so jemand vor dem Ver­lust sei­nes Arbeits­plat­zes fürch­tet, gehen in ihm Dämo­nen der Knecht­schaft zu Wer­ke, ansons­ten hät­te er davor Angst, sei­nen Arbeits­platz nicht zu ver­lie­ren. Lan­ge Zeit war ich der Ansicht gewe­sen, abseits des Künst­ler­tums gäbe es aus­schließ­lich Arbeit, die unfrei macht. Wäre ich nicht so pri­vi­le­giert, im Seehof als beei­de­ter Sach­ver­stän­di­ger für Nacht­wa­che wir­ken zu dür­fen und inof­fi­zi­ell sogar die Posi­ti­on des Major­domus zu beklei­den, wäre mir wohl noch lan­ge nicht auf­ge­fal­len, dass nicht jede her­kömm­li­che beruf­li­che Tätig­keit zwin­gend Fol­ter­cha­rak­ter haben muss. 

Mein Groß­va­ter riet mir einst, ehe ich begann, Bücher zu schrei­ben: Ver­die­ne dein Geld mit dei­nem liebs­ten Hob­by, dann wirst du dein Leb­tag kei­ne Stun­de arbei­ten. Damit moch­te er theo­re­tisch recht haben, aber so inten­siv ich auch such­te, ich fand nie­man­den, der mich für mein liebs­tes Hob­by bezah­len woll­te. Mein zweit­liebs­tes Hob­by war Auto­fah­ren, also ver­such­te ich mein Glück als Taxi­fah­rer. Nach drei Mona­ten war Auto­fah­ren im Ran­king mei­ner Lieb­lings­hob­bies weit nach hin­ten gerutscht, Ich dach­te bereits dar­an zu kün­di­gen, als die ers­ten Mini-Fern­se­her auf den Arma­tu­ren­bret­tern der Taxis auf­tauch­ten und mein Boss in allen Wagen sei­ner stol­zen Mer­ce­des-Flot­te einen klei­nen Bild­schirm instal­lie­ren ließ. Ein paar Mona­te spä­ter bau­te er sie reu­mü­tig wie­der aus, aber zu spät. Auf­grund der absur­den Anzahl neu­er Scha­dens­fäl­le hat­te ihn die Auto­ver­si­che­rung bereits mit Ver­dacht auf schwe­ren Betrug angezeigt. 

Das ist einer der Vor­tei­le mei­ner Stel­lung im Seehof: Solan­ge ich den Fern­se­her nicht zu laut dre­he, könn­te ich wäh­rend mei­ner gesam­ten Arbeits­zeit fern­se­hen, ohne dass es zu Beschwer­den käme. Ich las­se ihn trotz­dem aus­ge­schal­tet. Ers­tens, weil ich sonst die Annä­he­rungs­ver­su­che von Ein­bre­chern, Mord­bren­nern und ande­ren Spitz­bu­ben über­hö­ren könn­te, zwei­tens, weil ich das Geflüs­ter der Gespens­ter nicht ver­ste­hen wür­de, und drit­tens, weil ich am Ende womög­lich wie­der glau­ben könn­te, Fern­seh­nach­rich­ten hät­ten mehr Rea­li­täts­ge­halt als die Roman­tik­se­ri­en davor und die Kri­mis danach..



Es wur­de an die­ser Stel­le bereits dar­auf hin­ge­wie­sen, dass der Volks­mund gene­rell die Pap­pen hal­ten soll. Das Wort Volks­mund klingt schon so, wie das Bezeich­ne­te ist, alle Asso­zia­tio­nen sind wider­lich. Auf einer abs­trak­ten Ebe­ne ver­bin­det man den Volks­mund schnell und nicht unzu­tref­fend mit dem Begriff Völ­ki­scher Bote”, und wenn jemand einen Satz mit Wie der Volks­mund so schön sagt…” beginnt, kann man davon aus­ge­hen, dass man ent­we­der mit einem Arsch oder mit Karl Hein­rich Wag­gerl redet, und da Wag­gerl schon vor lan­ger Zeit das Leben ver­lernt hat,.steckt man bis über die Ohren in Pro­ble­men, weil man ent­we­der das Vali­um mit dem LSD ver­wech­selt hat oder tot ist. Da ist es bes­ser, mit einem Arsch zu reden, solan­ge es kein Selbst­ge­spräch ist, denn vor den ande­ren Ärschen kann man davon­lau­fen, wenn man sie ein­mal iden­ti­fi­ziert hat.

Ein Sprich­wort, das auf­grund sei­ner Kor­rekt­heit und Prä­gnanz nicht dem Volks­mund ent­stam­men kann, lau­tet sinn­ge­mäß, wenn jemand in einem bestimm­ten Alter noch immer nicht bemerkt hat, dass er haupt­säch­lich von Arsch­lö­chern umge­ben ist, hat das sei­ne Gründe.

Zumal man nicht 100 Pro­zent sei­ner geis­ti­gen Spann­kraft benö­tigt, um eine Fes­tung wie den Seehof zu beschüt­zen, noch dazu in einer so kri­mi­na­li­täts­feind­li­chen Umge­bung wie Goldegg, habe ich als Nacht­wäch­ter viel Zeit, um über die Wesens­art von Men­schen nach­zu­den­ken. Bin ich der Mensch, der ich sein will? Beneh­me ich mich gegen­über den Men­schen, mit denen ich es zu tun habe, im Sin­ne des kate­go­ri­schen Imperativs?

Ers­tens: Woher soll ich das wis­sen? Zwei­tens: Der kate­go­ri­sche Impe­ra­tiv hat einen Geburts­feh­ler, denn er leug­net die Exis­tenz von Psy­cho­pa­then. Ich habe mei­nen eige­nen Gedan­ken ohne­hin noch nie über den Weg getraut, ich hat­te schon immer den Ver­dacht, dass mein Unter­be­wusst­sein mei­ne Geschi­cke lenkt, und fall­wei­se in eine Rich­tung, die bei mei­nem bewuss­ten Ich gerin­ge Akzep­tanz fin­det, und zum ande­ren kann am Ende ohne­hin nur die Erkennt­nis ste­hen, dass ein schlech­ter Cha­rak­ter kei­ne Fra­ge des Stand­punkts ist, son­dern des Zeit­punkts. Obwohl ich nicht allen 110 Mil­li­ar­den Men­schen, die bis­her gelebt haben, per­sön­lich begeg­net bin, wage ich zu behaup­ten, dass sich kaum einer von ihnen in jeder Sekun­de sei­nes Lebens wie ein Arsch benom­men hat. Wahr­schein­lich hat­ten selbst Sta­lin, Hit­ler und Dschin­gis Khan Momen­te der Lie­bens­wür­dig­keit, wes­halb man sich nicht der Tat­sa­che ver­schlie­ßen darf, dass per se jeder Mensch lie­bens­wert ist. Wenn sich die Mehr­heit von uns nun von einem Tag auf den ande­ren dazu durch­rin­gen könn­te, die­sen Grund­satz auch für sich selbst gel­ten zu las­sen, hät­ten wir mor­gen eine neue Welt, und gelän­ge es auch mir, müss­te ich viel­leicht nicht mehr die Nacht bewachen.


Zum ers­ten Mal in mei­nem gan­zen Leben hat am heu­ti­gen Tag ein Com­pu­ter einen mei­ner Tex­te ato­mi­siert. So oft hör­te ich einst die War­nun­gen, immer Siche­rungs­ko­pien zu machen, am bes­ten auto­ma­ti­siert, so dass man nicht mehr dar­an den­ken muss, und so oft hör­te ich tra­gi­sche Geschich­ten, in denen es um ver­lo­ren­ge­gan­ge­ne Roman­da­tei­en ging, doch mir ist so etwas nie pas­siert, sodass ich irgend­wann sogar die theo­re­ti­sche Mög­lich­keit eines Text­to­tal­aus­falls aus­schlie­ßen begann. Denn selbst wenn der Akku leer ist und der Rech­ner von jetzt auf gleich den Geist auf­gibt, wird eine wie­der­her­ge­stell­te Datei bereits auf mich war­ten, sobald ich den Lap­top mit einem Strom­netz ver­bun­den habe.

Heu­te war das nicht so. Die Kolum­ne, die Sie an die­ser Stel­le hät­ten lesen sol­len, ist nach einem Sys­tem­ab­sturz, zu dem eini­ge Miss­ge­schi­cke (Sub­jekt: Kaf­fee, Cola, Sup­pe; Objekt: Lap­top­tas­ta­tur) der ver­gan­ge­nen Wochen bei­getra­gen haben mögen, ver­schwun­den und nicht mehr aufgetaucht.

Ersatz­lo­ses Ver­schwin­den gibt es in der Natur nicht, habe ich in der Schu­le gelernt, Alles wan­delt sich, nichts ver­geht, was vor drei­ßig Jah­ren von ost­stei­ri­schen Neu-Spi­ri­tis­ten als Leit­satz ihrer Gesell­schaft adap­tiert wur­de, deren Sit­zun­gen Kon­takt­auf­nah­men zu frisch oder weni­ger frisch Ver­stor­be­nen ver­spra­chen. Ich kann­te eini­ge der Prot­ago­nis­ten der Gesell­schaft, weil ich noch an allen Orten frü­her oder spä­ter die Bekannt­schaft der inter­es­san­tes­ten Nar­ren gemacht habe. Zudem war ich 15 und ver­miss­te mei­ne Oma, die kurz zuvor gestor­ben war. In so einer Situa­ti­on bleibt einem nichts ande­res übrig, als an ein Leben nach dem Tod inkl. Wie­der­se­hen zu glau­ben, eine Tat­sa­che, die pfif­fi­ge Men­schen seit Jahr­hun­der­ten aus­ge­nützt haben, um Was­ser in Wein und Obla­ten in Geld zu verwandeln.

Ich hielt es für mög­lich, dass mei­ne Oma mich des Öfte­ren besuch­te, unsicht­bar natür­lich, um zu sehen, wie es mir ging. Ich war fast sicher. So sicher, dass ich beim Mas­tur­bie­ren mona­te­lang das Licht aus­schal­te­te, weil ich annahm, Geis­ter wären nicht mit Nacht­sicht­ge­rä­ten ausgerüstet.

Kein Leben nach dem Tod, die­se Theo­rie lehn­te ich ab. Mir miss­fiel der Gedan­ke, mei­ne tote Oma könn­te sich von einem war­men, spre­chen­den, den­ken­den, her­um­ge­hen­den Kör­pers in das Bei­na­he-Nichts eines kal­ten, ver­we­sen­den, stum­men und erstarr­ten Kör­pers ver­wan­delt haben, womit die Aus­sa­ge des Alles wan­delt sich, nichts ver­geht schon erbracht wäre, jedoch auf unbe­frie­di­gen­de Wei­se, weil das bedeu­ten wür­de, dass ich mich eines Tages auch in nichts ande­res als einen kal­ten, modern­den, schweig­sa­men Kör­per ver­wan­deln wür­de, und wer hät­te je zwei sol­che Kör­per mit­ein­an­der im Gast­haus oder am Strand bei einer Wie­der­se­hens­par­ty gesehen?

Kann eine Kolum­ne in den Him­mel kom­men? Den gan­zen Tag beschäf­ti­ge ich mich nun schon mit die­ser sowie mit der Fra­ge, wel­ches Wie­der­se­hen wahr­schein­li­cher ist, das mit mei­ner Oma oder das mit der ver­schwun­de­nen Kolum­ne. Ich könn­te geist­li­chen Rat ein­ho­len. Aber wo? Ver­gli­chen mit der katho­li­schen Kir­che ist Apple ja nur eine Sekte. 


Mit mei­nem Dienst­herrn Sepp Schell­horn ver­bin­det mich neben einem etwas dif­fu­sen Wer­te­ka­non ein unzu­läng­lich aus­the­ra­pier­ter Drang zur Pro­duk­ti­on von Scha­ber­nack. In mei­nem Fall ist die­ser Drang so unbe­zähm­bar wie ungüns­tig, als ich auf­grund mei­ner Unfä­hig­keit, Scherz und Ernst klar von­ein­an­der zu unter­schei­den, sehr leicht zur Ziel­schei­be von Rache­ak­ten wer­den kann. Mich rein­zu­le­gen ist nicht schwie­rig, weil ich alles für mög­lich halte.

Das klingt eigent­lich nach einer Stär­ke: Wer alles für mög­lich hält, den kann man nicht beein­dru­cken. Schon rich­tig, aber einer, der alles für mög­lich hält, glaubt auch so gut wie alles. Ich habe ein­mal eine hal­be Stun­de lang mei­nem Cou­sin zuge­hört, der von einer schwe­ren Krank­heit einer Gel­se erzähl­te. Ich hielt das kei­nes­wegs für unge­wöhn­lich bzw. nahm an, Arzt“ sei eine Meta­pher, bis mir ein­fiel, dass die Frau mei­nes Cou­sins Else heißt. Aus dem Umstand, dass sich die­ser Name in Klan­g­nä­he zum öster­rei­chi­schen Wort für Stech­mü­cke befin­det, zog ich ent­spre­chen­de Schlüsse.

Ges­tern saß ich am Vor­mit­tag in der Küche des Seehof und ver­schlang das sechs­te But­ter­brot des Tages, als ich jeman­den wim­mern hör­te. Mein Dienst lag hin­ter mir, aber ein Nacht­wäch­ter fühlt sich tags­über nicht zwin­gend unzu­stän­dig, wenn jemand in Not ist, wes­halb ich auf die Suche nach dem Wim­mern­den ging. Sie blieb erfolglos.

Ich aß wei­ter. Der Wim­mern­de wim­mer­te wei­ter. Und weiter.

Fall­wei­se hör­te sich sein Wim­mern an wie Musik, und zwar wie gera­de­zu kom­pro­miss­los schlech­te, furcht­bar depres­si­ve Musik, die von Men­schen gehört wird, die sich den Unter­schied zwi­schen Den­ken und Schrei­en nicht mer­ken kön­nen. Was ist das, dach­te ich, wird da jemand gefol­tert, singt jemand, oder bil­de ich mir die­se Geräu­sche nur ein? Wim­me­re ich selbst? Sit­ze ich auf Herrn Her­mann, dem Hausmops?

Weil mich die Sache nicht los­ließ, mach­te ich mich nach dem sieb­ten But­ter­brot erneut auf die Suche nach dem Urhe­ber die­ser Miss­tö­ne. Ich schlich mit Detek­tiv­mie­ne durchs Haus, bis mir der fei­xen­de Sepp Schell­horn aus­ein­an­der­setz­te, die von mir als Wim­mern inter­pre­tier­ten Geräu­sche sei­en ein Lied von Andre­as Gaba­lier, das Pepsch eigens für mich nun schon zum zehn­ten Mal aus den Boxen der Ste­reo­an­la­ge rie­seln ließ. Was ich a) sofort glaub­te, b) sofort ver­gaß und c) inso­fern bemer­kens­wert fand, als mir das Lied kur­ze Zeit spä­ter zu gefal­len begann.

Das darf ich nie­man­dem erzäh­len, dach­te ich noch, ehe mir auf­ging, dass das Lied kein Lied war, son­dern die Geräu­sche des auf vol­len Tou­ren lau­fen­den Geschirr­spü­lers hin­ter mir.

Das darf ich erst recht kei­nem erzäh­len, dach­te ich, denn einer von uns drei­en ver­liert sonst garan­tiert sei­nen Job, ent­we­der Gaba­lier oder ich oder der Geschirrspüler.


Mit Namen hat es eine eige­ne Bewandt­nis. Ich weiß nicht, ob die­ser Satz kor­rekt ist, aber ich woll­te ihn unbe­dingt ein­mal schrei­ben. Mit Namen ist es ja wirk­lich so eine Sache: Jeder hat einen, also hält sich jeder für einen Namen­s­ach­ver­stän­di­gen. Agnes ist ein häss­li­cher Name“, kann man so jeman­den sagen hören, wor­auf sein Gegen­über, eben­falls Namen­s­ach­ver­stän­di­ger, ent­schie­den wider­spricht: Agnes ist ein könig­li­cher Name!“

Vor­na­men haben es nicht leicht. Oft sind sie Ziel von Spott und Hohn, ohne sich im Gegen­zug hin und wie­der über höchs­te Ver­eh­rung freu­en zu kön­nen. Ich zumin­dest habe noch nie erlebt, dass jemand eine Vier­tel­stun­de lang einen Namen gerühmt und geprie­sen und sich vor Begeis­te­rung über­schla­gen hät­te, aber ich habe schon Per­so­nen dabei belauscht, wie sie stun­den­lang über Namen her­zo­gen, mut­maß­lich weil sie ein­zel­ne Trä­ger die­ser Namen zu einer Sub­spe­zi­es des Men­schen rech­ne­ten. Anti­pa­thie gegen­über Wör­tern, und nichts ande­res ist ein Name zu aller­erst, hat so gut wie immer mit einer ver­bor­ge­nen oder einer ganz und gar nicht ver­bor­ge­nen Abnei­gung gegen etwas oder jeman­den zu tun. Namen sind Wör­ter, und so gut wie alle Wör­ter sind Signa­le, die beim Emp­fän­ger mehr oder weni­ger star­ke Emo­tio­nen aus­lö­sen. Es ist daher müßig, sich lan­ge mit dem Stu­di­um der Vor­na­men­wis­sen­schaf­ten auf­zu­hal­ten. Die Zahl der Vor­na­men ist begrenzt, jeden­falls hier­zu­lan­de, nicht jedoch in Ame­ri­ka, wo Indi­vi­du­en her­um­lau­fen, die es nor­mal fin­den, Regen­bo­gen, Som­mer, Fluss oder Schwanz genannt zu werden.

Anders ver­hält es sich mit Nach­na­men, sie haben deut­lich indi­vi­du­el­le­ren Cha­rak­ter. Ein leicht ange­trun­ke­ner Haus­gast von höchs­tem Lieb­reiz setz­te mir neu­lich wäh­rend mei­ner Nacht­wa­che aus­ein­an­der, dass die Nach­na­men der Schlüs­sel­fi­gu­ren einer Gemein­schaft deren zeit­ge­schicht­li­che Bedeu­tung wider­spie­gel­ten, und nann­te als Bei­spiel Terroristennamen.

Wohl wahr: Die Akteu­re des links­ex­tre­men Ter­rors der Sieb­zi­ger­jah­re hie­ßen bedeut­sam Andre­as Baa­der, Ulri­ke Mein­hof, Gud­run Ens­s­lin, Jan-Carl Ras­pe, Bri­git­te Mohn­haupt oder Hol­ger Meins. Aber der Name ist Teil der Geburts­aus­stat­tung, somit zufäl­li­ger Natur, und erfor­dert kei­ne krea­ti­ve Eigen­leis­tung. Die ist gefragt, sobald sich Men­schen, ihrem Her­den­trieb fol­gend, zu einem Klub zusam­men­schlie­ßen, was Bedarf an einem Ver­eins­na­men erzeugt. Links­ter­ro­ris­ten, die sich voll­mun­dig Rote Armee Frak­ti­on nen­nen und nicht bemer­ken, dass das Kür­zel RAF bereits an die nicht unbe­kann­te Roy­al Air For­ce ver­ge­ben ist, soll­ten genau­ge­nom­men zunächst ihre PR-Füh­rungs­ka­der füsi­lie­ren las­sen, bevor sie sich Mana­ger und Ban­kiers vor­neh­men. Nur weil man gut heißt, darf man nicht Fleiß und geis­ti­ge Anstren­gung ver­mis­sen lassen.

Wenn man Rechts­ter­ro­rist ist, hat einem das Schick­sal noch übler mit­ge­spielt. Abge­se­hen von allem ande­ren wird man sich bei der Auf­ga­be, einen Ver­ein zu grün­den, mit Sicher­heit bla­mie­ren, weil sich der Mit­glie­der­zu­lauf in Gren­zen hält und sich nur ein Kum­pel und eine gemein­sa­me Freun­din ein­schrei­ben wol­len. Wenn einem dann aber kein bes­se­rer Klub­na­me als Natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Unter­grund“ ein­fällt und man zu allem Über­fluss auch noch Uwe Mund­los heißt, kann man sich gleich erschie­ßen. Bzw. wäre es von Vor­teil gewe­sen, er hät­te sich gleich erschos­sen und nicht erst nach zehn Morden.

Poli­ti­sche Extre­mis­ten ermü­den, ihre Namen bedrü­cken mich. Zur Ablen­kung den­ke ich an die gro­ßen Ten­nis­spie­ler mei­ner Kind­heit. Björn Borg, Jim­my Con­nors, John McEn­roe, Ivan Lendl: Bei die­sen Namen bekom­me ich Gän­se­haut. Ten­nis­spie­ler wis­sen ein­deu­tig bes­ser zu hei­ßen als Nazi-Terroristen.


Neu­lich kam bei einer Kon­fe­renz mei­ner ver­schie­de­nen Per­sön­lich­kei­ten die Fra­ge auf, wann der Kon­sum sei­nen Auf­stieg zum pri­mä­ren Anti­de­pres­si­vum begon­nen haben moch­te. Ich ver­zich­te dar­auf, die Schlä­ge­rei zu schil­dern, die in mir dar­über ent­brann­te; wir sind in mei­nem Gehirn­ple­num tra­di­tio­nell sehr mei­nungs­di­ver­gent, und bevor wir uns auf einen neu­en Kom­pro­miss eini­gen, der sich semio­tisch beschei­den mit den Buch­sta­ben I, C und H begnügt, besteht aller­hand Klä­rungs­be­darf. Soll­ten Ihnen an mir oder einem belie­bi­gen ande­ren Men­schen vie­le wider­sprüch­li­che Äuße­run­gen oder Hand­lun­gen auf­fal­len, dür­fen Sie davon aus­ge­hen, dass des­sen aktu­el­les Ich bei der jüngs­ten inter­nen Urab­stim­mung sei­ner Per­sön­lich­kei­ten von einer abso­lu­ten Mehr­heit weit ent­fernt war. 

War Kon­sum für uns von Anfang an so wich­tig? Wür­de das nicht bedeu­ten, dass Men­schen schon vor Jahr­tau­sen­den lebens­lang und meist ver­geb­lich nach dem unbe­kann­ten Man­gel in unse­rer Wirk­lich­keit gesucht haben, nach dem ver­ges­se­nen Ele­ment, das unse­re Exis­tenz erklä­ren, ver­bes­sern oder uns zumin­dest mit ihr aus­söh­nen könn­te? Waren wir schon immer wir? Wie­so ist nie­man­dem etwas Bes­se­res als das aktu­el­le Men­schen­mo­dell ein­ge­fal­len (eine Fra­ge, die auch in mei­nem Gehirn­ple­num dann und wann tumul­tuös dis­ku­tiert wird, nur dass es da um mich geht)?

Was mögen wohl Stein­zeit­men­schen kon­su­miert haben, um ihre Lau­ne zu ver­bes­sern? Wald, Luft, Licht, Son­ne? Kein Wun­der, dass bald der Ruf nach dem Fern­se­hen auf­kam. Pro­bier­ten sie in einem Laden für Luxus­fel­le Win­ter­be­klei­dung unter­schied­li­chen Schnitts und Mate­ri­als? Ver­mut­lich. Besuch­ten sie Höh­len­zeich­nungs-Ver­nis­sa­gen? Die hät­ten ihnen bestimmt mehr Spaß gemacht, hät­ten sie eines der Expo­na­te erwer­ben und zu Hau­se auf­hän­gen kön­nen, was auf­grund der tech­ni­schen Her­aus­for­de­run­gen jedoch nicht in Fra­ge kam. Blei­ben nur Grill­par­tys mit Flie­gen­pilz­be­glei­tung und anschlie­ßen­der Orgie. Da wur­de bestimmt alles kon­su­miert, was kon­su­miert wer­den kann, aber Über­kom­pen­sa­ti­on dürf­te schon damals nicht mehr als ein scha­les Gefühl im Betrof­fe­nen aus­ge­löst haben.

Irgend­wann mutier­ten Kon­sum und sei­ne anti­de­pres­si­ve Wir­kung vom Kon­kre­ten ins Abs­trak­te. Die zeit­ge­nös­si­sche Aus­prä­gung die­ses Prin­zips ist das rast­lo­se Kon­su­mie­ren von TV-Seri­en. Vie­le Leu­te schau­en fern, als wür­den sie eine Fla­sche Wein aus­trin­ken, ohne sie ein­mal abzu­set­zen. Das ist nicht gut. Es sei denn, man sieht sich eine der TV-Seri­en an, die zu den größ­ten nar­ra­ti­ven Kunst­wer­ken der Gegen­wart zäh­len. Die Sopra­nos, Brea­king Bad, Rick & Mor­ty und Archer soll­ten als Anti­de­pres­si­va ver­schrie­ben wer­den. Sie sind bes­ser als jede Wirk­lich­keit, so wie es sich für eine gute Serie gehört. Ich wür­de viel dafür geben, in einer davon mit­spie­len zu dür­fen, doch bis­lang wur­de mir lei­der bloß eine Rol­le in der Wirk­lich­keit angeboten.


Unlängst wur­de wie­der ein­mal Aller­hei­li­gen began­gen. Die­ses Wort hat mir schon als Kind nicht gut­ge­tan, ich rät­sel­te, ob sich am 1. Novem­ber der Grün­dungs­tag des gleich­na­mi­gen stei­ri­schen Ortes jährt, und was zum Kuckuck es nüt­zen soll­te, mir Lei­chen vor­zu­stel­len, denn das war mei­ne kind­li­che Inter­pre­ta­ti­on des Begriffs Toten­ge­den­ken. Was das anbe­langt, bin ich bis heu­te nicht schlau­er. Ich brau­che kein Aller­hei­li­gen, um der ver­stor­be­nen Men­schen zu geden­ken, die mir lieb und teu­er waren, ich den­ke ohne­hin fast jeden Tag an sie, zumin­dest hier und da für einen Moment, für das Auf­leuch­ten einer Erin­ne­rung, die mich zum Lächeln und zum Seuf­zen bringt. Eines steht fest: Hei­li­ge waren mei­ne Toten alle­samt nicht.

Zu Aller­hei­li­gen begab es sich nun, dass ein von Wind und Wet­ter und vor allem von einem lee­ren Tank über­rasch­tes jun­ges Paar wäh­rend mei­nes Nacht­diens­tes an die Pfor­te des See­hofs klopf­te und um Unter­schlupf bat. Sie hat­ten die zau­ber­haf­te Aus­strah­lung Jung­ver­lieb­ter, und so erschien es mir gera­de­zu als Chris­ten­pflicht, sie auf­zu­neh­men, und das, obwohl ich Pasta­fa­ri bin und nur an das Flie­gen­de Spa­ghet­ti­mons­ter glau­be. Arrr!

Eine hal­be Stun­de, nach­dem ich ihnen den Zim­mer­schlüs­sel gege­ben hat­te, stand die Dame erneut vor mir, dies­mal allein. Ich hat­te sie nicht kom­men gehört. Sie war bar­fuß, und wenn man es genau nahm, trug sie am gan­zen Kör­per nicht mehr als an den Füßen. Sie war schön, sie schau­te mich mit die­sem bestimm­ten Blick an, sie öff­ne­te den Mund, lang­sam, und ich hör­te sie sagen:

Haben Sie Klopapier?“

An die­ser Stel­le wur­de mei­ne Angst so groß, dass mein Ver­stand einen Orts­wech­sel für ange­bracht hielt und mich auf­wa­chen ließ.

Es war Mit­tag, Ich lag in mei­nem Bett. Das jung­ver­lieb­te Paar hat­te es nur in mei­nem Traum gege­ben. Nein, ich brauch­te kei­ne Angst vor einem Skan­dal zu haben, weil unter mei­ner Auf­sicht nack­te Gäs­te durch den Seehof irrlichterten.

Das ist der Punkt, der mir Sor­gen macht: Wenn ich schon so tri­via­lero­ti­sche Träu­me habe, wie­so sind es dann nicht wenigs­tens rich­ti­ge Sex­träu­me, son­dern Angst­träu­me, in denen ich die Auf­ga­be habe, in einem Akt höchs­ter Selbst­ver­leug­nung nack­te Gäs­te von den Vor­zü­gen des Beklei­detseins zu über­zeu­gen? Bedrückt mich etwa auch ein Jahr nach Dienst­an­tritt noch immer die gro­ße Ver­ant­wor­tung, die ich als Nacht­por­tier tra­ge? Oder liegt es an Allerheiligen?

Mein Chef, den ich um Rat frag­te, beschied mir: Du wirst eben alt.“

Ich fra­ge mich, wie er das gemeint hat.


Kürz­lich wur­de ich bei einem Aus­flug in die schmu­cke Stadt Salz­burg Zeu­ge eines Streits zwei­er Bus­fah­re­rin­nen. Wor­über sich die bei­den uneins waren, kann ich nur ver­mu­ten, will ich aber gar nicht. 

Die ste­hen­de Bus­fah­re­rin schien beauf­tragt wor­den zu sein, die sit­zen­de und len­ken­de Bus­fah­re­rin ein­zu­schu­len, eine Auf­ga­be, der sie offen­sicht­lich nicht gewach­sen war, wäh­rend die sit­zen­de Len­ke­rin ganz offen­sicht­lich nicht der Auf­ga­be gewach­sen war, sich ein­schu­len zu las­sen. Die sit­zen­de Bus­fah­re­rin war kor­pu­lent, die ste­hen­de Bus­fah­re­rin schlank, und bei­de sahen sich lie­ber in der Posi­ti­on der Spre­che­rin als der Zuhö­re­rin, was in der kon­kre­ten Situa­ti­on inso­fern güns­tig war, als dadurch bei­de Par­tei­en nur einen Bruch­teil der ihnen zuge­dach­ten Beschimp­fun­gen hör­ten, was mei­ner fes­ten Über­zeu­gung nach ein Blut­bad nur knapp ver­hin­der­te bzw. auf­schob, denn soweit ich es ihrer Kon­ver­sa­ti­on ent­nahm, soll­ten die bei­den jeden Tag die­ser Woche auf­ein­an­der los­ge­las­sen wer­den, und es war Montag.

Die Sze­ne war nicht nur wegen der beein­dru­cken­den Prä­senz der bei­den Frau­en ein­präg­sam, son­dern bleibt mir auch wegen des Ein­schrei­tens eines eif­ri­gen Fahr­gas­tes in Erin­ne­rung, der die ste­hen­de Bus­fah­re­rin tadel­te, fett“ dür­fe sie die len­ken­de Bus­fah­re­rin kei­nes­falls nen­nen, das sei per­sön­lich belei­di­gend“. Ich wun­der­te mich, wie es jeman­dem ent­ge­hen konn­te, dass das Wesen einer Belei­di­gung exakt und exklu­siv im Per­sön­li­chen ver­or­tet ist und dass die ste­hen­de Bus­fah­re­rin gera­de­zu von einem vehe­men­ten Bedürf­nis erfüllt war, ihre Kol­le­gin zu belei­di­gen, von der sie immer­hin soeben als blö­de Funzn“ und Tram­pel“ bezeich­net wor­den war. Wie die Sache wei­ter­ging, weiß ich nicht, weil ich aus­stei­gen musste.

Wäh­rend ich den Mönchs­berg erklomm, dach­te ich dar­über nach, wie­so es kaum Auf­re­gung ver­ur­sacht, wenn jemand einen ande­ren einen Trot­tel nennt, wäh­rend der Zuruf Fet­te Sau!“ bei allen in Hör­wei­te befind­li­chen Men­schen Pogrom­stim­mung auf­kom­men lässt, egal ob sie selbst dick oder dünn sind. Dabei hat ein Dumm­kopf sei­ne Dumm­heit ja nicht beim Uni­ver­sum bestellt, son­dern sie wur­de ihm sozu­sa­gen auf­ge­tischt. Dumm­heit ist ange­bo­ren; es ist daher schä­big, sie jeman­dem vor­zu­wer­fen – man macht sich ja auch nicht über Behin­der­te lus­tig. Der fet­te Mit­mensch hin­ge­gen hät­te mal bes­ser weni­ger gefres­sen. Von krank­heits­be­ding­ten Aus­nah­men abge­se­hen ist der durch­schnitt­li­che Fett­sack für sei­ne Speck­rol­len selbst ver­ant­wort­lich, und sie ihm vor­zu­wer­fen ist zwar häss­lich, aber immer­hin weni­ger unge­recht, als einem Idio­ten sei­ne Idio­tie vorzuwerfen.

Über den Son­der­fall des fet­ten Idio­ten wer­de ich geson­dert berichten.


Der Mensch braucht Vor­ur­tei­le, sonst stün­de er ange­sichts der Fül­le von Infor­ma­tio­nen, die uns wie Viren und Bak­te­ri­en aller­orts belau­ern und in ihrem Stre­ben nach Ver­brei­tung teils aggres­siv um unse­re Auf­merk­sam­keit buh­len, ohne jede Arbeits­hy­po­the­se da.

Vor ein paar Jah­ren gebar ich die eso­te­ri­sche Vor­stel­lung, jede ein­zel­ne Lüge, die ein Mensch in die Welt brin­ge, wür­de ihn bzw. sein Gesicht bald dar­auf zur Stra­fe irrever­si­bel mit einer zusätz­li­chen Fal­te um die Lip­pen zeich­nen. An die­se Theo­rie muss­te ich den­ken, als ich mich eines Abends mit einer schö­nen Frau zum Essen traf, an der mir rasch ein ver­härm­ter Zug um den Mund auf­fiel, der von Stun­de zu Stun­de noch bit­te­rer zu wer­den schien. Als Rea­list fol­ger­te ich, dass ich ihr eben unsym­pa­thisch war. Was mich durch­aus auf Gegen­sei­tig­keit beruh­te. Doch als sie zur Toi­let­te muss­te, frag­te sie mich freund­lich, ob ich mit­kom­men woll­te. Ich woll­te. Ich kam. Zurück am Tisch, setz­te sie ihren Mono­log naht­los fort, ohne unse­ren Abste­cher auch nur ein­mal zu erwäh­nen. Bald sah sie noch ver­bit­ter­ter aus. Ich begann nach­zu­den­ken, ob es viel­leicht ange­bracht wäre, mei­ne Depres­sio­nen gegen Kom­ple­xe einzutauschen. 

Ich habe nie ganz ver­stan­den, wie sich zwei Men­schen, die ein­an­der im Grun­de sehr unsym­pa­thisch waren, so sehr lie­ben konn­ten wie sie und ich. Spät, aber doch habe ich aber immer­hin ver­stan­den, was es mit ihrer fins­te­ren Mie­ne auf sich hat­te: Sie litt an einer stark aus­ge­präg­ten Form von pseu­do­lo­gia phan­tasti­ca, zu Deutsch Lügen­sucht, was für den Part­ner unge­fähr so reiz­voll ist wie eine Touret­te-Erkran­kung. Sie selbst hat ihre Lügen gehasst und zugleich für wahr gehal­ten. Obwohl sie sie jeden Tag im Spie­gel betrach­tet hat, hat sie sie nicht gesehen.

Tja, und seit­her fra­ge ich mich vor dem Bade­zim­mer­spie­gel oft: Was sehe ich nicht? 


Die Nacht­wäch­te­rei im Seehof“ ist die natür­lichs­te Berufs­wahl für einen wie mich, der sowie­so von Anfang an nicht gut schla­fen konn­te, aber gute Küche immer zu schät­zen wuss­te. Schlaf ist in mei­nem Fall zudem mit einem Auf­ent­halt in Guan­ta­na­mo zu ver­glei­chen. Was sich in mei­nen Träu­men abspielt, ist nicht zu beschreiben. 

Falls es stimmt, dass das Traum-Ich ein eben­so rea­les ist wie das bewuss­te Ich, hat bei der Ent­ste­hung mei­ner Nacht­welt ein gan­zes Rudel durch­ge­knall­ter Dämo­nen sei­ne pel­zi­gen Pfo­ten im Spiel gehabt, sekun­diert von zahl­rei­chen Sire­nen und Suk­ku­ben, und schlecht zusam­men­ge­leimt hat das Gan­ze der jun­ge David Lynch, ange­feu­ert von einem Hie­ro­ny­mus Bosch auf här­tes­tem Tollkirschenentzug. 

Es ver­steht sich daher von selbst, dass ich dem Schlaf kei­ne gro­ßen Pri­vi­le­gi­en in mei­nem Leben ein­räu­me. Wie gefähr­lich Schla­fen ist, erkennt man dar­an, wie vie­le Aber­mil­lio­nen von Men­schen im eige­nen Bett ster­ben, woh­lig in ein Deck­chen gehüllt, und beim Auf­wa­chen schau­en, wo sie blei­ben kön­nen. Die Men­schen fürch­ten Herz­in­fark­te und Krebs, Ebo­la und AIDS, aber sie über­que­ren in aller See­len­ru­he stark befah­re­ne Stra­ßen und legen sich zuhau­se furcht­los ins Bett, obwohl schon die berühm­ten Ver­se Bren­ta­nos bei auf­ge­weck­ten Her­an­wach­sen­den alle Alarm­glo­cken läu­ten las­sen müssten: 

Guten Abend, gute Nacht,
Mit Rosen bedacht,
Mit Näg­lein besteckt,
Schlupf’ unter die Deck’,
Mor­gen früh, wenns Gott will,
wirst du wie­der geweckt.

Man weiß ja gar nicht, wo man anfan­gen soll mit bis­si­gen Bemerkungen.

Als mei­ne Schicht zu Ende ist, kom­men die ers­ten Gäs­te zum Früh­stück. Ich zie­he mich in mei­ne Gemä­cher zurück, wo mein schur­ki­sches Bett steht.

Ich bin ent­setz­lich müde. So müde, dass ich mir einen Ruck gebe, mich hin­le­ge und vor mir selbst so tue, als wür­de ich nicht ein­schla­fen. Bin gespannt, wie lan­ge das gut­geht. Irgend­wann wer­de ich mir selbst unwei­ger­lich auf die Schli­che kom­men und her­aus­fin­den, dass ich immer nur so tue, als wür­de ich schla­fen. Bin schon neu­gie­rig, was ich dann sagen werde.


Dem Volks­mund haben wir das Sprich­wort zu ver­dan­ken, man sei so alt, wie man sich füh­le, und wie das meis­te je vom Volks­mund Her­vor­ge­brach­te ist die­ser Satz ein Beleg dafür, dass der Volks­mund das Organ eines schlich­ten Geis­tes ist und man froh sein muss, dass es kei­ne Volks­na­se gibt und kei­ne Volks­oh­ren und kei­ne Volk­s­au­gen. Die Vor­stel­lung, was die ver­schie­de­nen Volks­or­ga­ne rie­chen, hören und sehen könn­ten, ver­sorgt mich mit Visio­nen, die selbst Hie­ro­ny­mus Bosch Kopf­schmer­zen berei­tet hätten.

Wie alt man sich fühlt, hängt im Lau­fe der Zeit immer mehr davon ab, wie lan­ge man sich jung gefühlt hat. Je län­ger man sich jung fühlt, des­to län­ger ist man ein Kinds­kopf, der gern die Pup­pen tan­zen lässt, was sich frü­her oder spä­ter rächt. Fri­sche Luft ist der Gestank zwi­schen zwei Gast­häu­sern, ganz recht, aber wer sich zu lan­ge zu jung fühlt, wird sich zu jung zu alt füh­len, und man könn­te sagen, so man­cher Dau­er­in­sas­se von Gas­tro­no­mie­heil­stät­ten über­springt sei­ne mitt­le­ren Jah­re und rauscht von der Jugend über die Nach­ju­gend (Stu­den­ten­al­ter) direkt ins Voral­ter, also jenen Lebens­ab­schnitt, in dem der ehe­ma­li­ge Stu­dent Eme­ri­tus wird und bei der Abschieds­fei­er mit sei­nen Plä­nen, der Leh­re erhal­ten zu blei­ben, ein Büro zu bean­spru­chen und Unschul­di­ge mit sei­ner letz­ten und sei­ner aller­letz­ten und sei­ner aller­al­ler­letz­ten Vor­le­sung zu quä­len, die gan­ze Fakul­tät in Angst und Schre­cken ver­setzt. Für die Jah­re dazwi­schen exis­tiert kei­ne zufrie­den­stel­len­de Bezeich­nung, von ver­ein­zel­ten Aus­nah­men wie MILF“ abgesehen.

Die Meis­ten von uns unter­schei­den nur zwi­schen jung oder alt. Um etwas Spiel­raum für Nuan­cie­run­gen zu haben, haben wir die­se Ska­la zusätz­lich mit den Wor­ten jün­ger“ und älter“ aus­ge­stat­tet, frei­lich ohne zu bemer­ken, dass die­se Begrif­fe umgangs­sprach­lich auch ihr Gegen­teil bedeu­ten können.

Karl ist noch jün­ger“ ver­weist tat­säch­lich auf einen spä­ter als eine aus dem Kon­text ersicht­li­che Refe­renz­per­son gebo­re­nen Mann (oder z.B. Pudel), wenn in die­sem Satz das noch“ betont wird. Wird jedoch dem Wort jün­ger“ die Beto­nung zuteil, wol­len wir aus­drü­cken, dass Karl schon ein biss­chen älter ist als ein jun­ger Mann, sagen wir zwi­schen 35 und 55, obwohl ich mich da nicht fest­le­gen will. 

Anna ist schon älter“ kann ver­dammt viel hei­ßen, aber das wis­sen Sie bestimmt. Im Regel­fall bezieht sich die­ser Satz auf eine Frau, die ihren Jugend­jah­ren ent­wach­sen ist, aber mit eini­ger Wahr­schein­lich­keit jün­ger ist als jener Mann (Pudel), über den es heißt, er sei noch jünger.

Dass älter“ der Kom­pa­ra­tiv von alt“ ist, wird nie­mand bestrei­ten wol­len, aber umge­kehrt stimmt’s auch. Des­halb wäre es eine fie­se Qua­li­fi­ka­ti­ons­fra­ge für die Kan­di­da­ten, die es bei der Mil­lio­nen­show in die Mit­te schaf­fen wol­len: Ord­nen Sie die­se Begrif­fe chro­no­lo­gisch: jung, jün­ger, älter, alt.“ 


Als Nacht­por­tier hat man kei­ne Gele­gen­heit, Zei­tung zu lesen oder fern­zu­se­hen, weil man stän­dig auf der Hut sein muss, ob nicht irgend­wo Gesin­del auf­taucht, das die Gäs­te berau­ben will. Inso­fern ist es nicht unge­wöhn­lich, dass ich erst vor ein paar Tagen von den Natio­nal­rats­wah­len erfuhr, die in Öster­reich anste­hen. Kurio­ser­wei­se wäh­rend eines Fort­bil­dungs­lehr­gangs für Nacht­wäch­ter in Washing­ton, DC, beim Sur­fen auf hei­mi­schen Webseiten.

In Öster­reich sind Urnen­gän­ge (wem ist bloß die­ses Wort ein­ge­fal­len?) weit weni­ger unter­halt­sam als in den USA. In Öster­reich herrscht gegen­wär­tig die Regel, dass eine Wahl aus­ge­rech­net der­je­ni­ge gewinnt, der die meis­ten Stim­men bekom­men hat, das ist ziem­lich humor­los. Außer­dem gilt ein Poli­ti­ker, der nach­ge­wie­se­ner­ma­ßen bereits Sex ohne Zeu­gungs­ab­sicht hat­te (z. B, im Rah­men von Oral‑, Anal- bzw. Kon­dom­ver­kehr), in Ame­ri­ka als unrett­bar per­vers, bei uns hin­ge­gen wird über sol­che Schwä­chen groß­zü­gig hin­weg­ge­se­hen. In Ame­ri­ka muss ein Poli­ti­ker ein bigot­ter ver­lo­ge­ner Heuch­ler sein, bei uns darf er das zwar auch, aber er muss nicht unbe­dingt. In Öster­reich gibt es ein paar Poli­ti­ker, die ein­räu­men, Men­schen zu sein, mit allen Stär­ken und Schwä­chen, die die­se Exis­tenz­form mit sich bringt. In Ame­ri­ka wäre so etwas undenk­bar, dort haben sie Über­men­schen zu sein.

Ich per­sön­lich will von Men­schen regiert wer­den, nicht von Hei­li­gen, ers­tens aus prak­ti­schen Erwä­gun­gen, denn es ist frag­lich, wel­che Lösun­gen kon­kre­ter Pro­ble­me ein Hei­li­ger anzu­bie­ten hät­te, und zwei­tens, weil es kei­ne Hei­li­gen gibt, aus­nahms­los alle Hei­li­gen waren und sind schein­hei­lig. Und wenn die Selbst­dar­stel­lung eines Poli­ti­kers an die Authen­ti­zi­täts­li­te­ra­tur der sieb­zi­ger Jah­re erin­nert, wer­de ich ihn sowie­so nicht wählen.

Auto­bio­gra­phi­sche Lite­ra­tur war mir schon immer suspekt. Wenn ein Dich­ter aus sei­nem Leben erzählt, gewinnt man schnell den Ein­druck, die­se Per­son hät­te über sich selbst hin­aus nichts mit­zu­tei­len und sei in Wahr­heit nichts wei­ter als ihr eige­ner Spie­gel. Ein Schrift­stel­ler muss grö­ßer sein als er selbst, sonst ist er kei­ner. Wer über sich selbst nur wacht, anstatt sich aufs Spiel zu set­zen, mag viel­leicht wie ein Schrift­stel­ler klin­gen, aber er wird nie einer sein, solan­ge er sich der fun­da­men­ta­len Erkennt­nis ver­schließt, dass nur ein Leben, das nie zuvor gelebt wur­de, all die Mühe wert ist, die das Schrei­ben eines Romans oder das Auf­ste­hen am Mor­gen kos­tet. Ein Zir­kus­ar­tist inter­es­siert uns in Wahr­heit nur dann, wenn er ohne Netz arbeitet. 

Wenn jemand bei der Aus­übung sei­ner Pas­si­on nicht alles ver­lie­ren kann, haben wir kei­nen Grund, ihm zuzusehen. 

Natür­lich schau­en wir uns den Abfahrts­lauf von Kitz­bü­hel und das For­mel 1‑Rennen in Mon­za vor allem des­we­gen an, weil es gefähr­lich ist. Was für groß­ar­ti­ge Ski- und Auto­fah­rer sich da mit­ein­an­der mes­sen, wird über das Fern­se­hen kaum trans­por­tiert, und am Ende bleibt als Fas­zi­no­sum nur der poten­ti­el­le Miss­erfolg – im äußers­ten Fall der Tod. Ein Künst­ler muss sei­ne Zeit nicht bloß ver­ste­hen, er muss sie sein. Er darf bei ihr nicht nur zu Gast sein, er muss in ihr zuhau­se sein, nur dann kann ihm etwas Gutes gelin­gen. Bei Poli­ti­kern ist das ähn­lich. Und ähn­lich sel­ten. Und weil Sepp Schell­horn zu die­sen raren Vögeln gehört, wer­de ich ihn am Sonn­tag nicht nur wäh­len, ich wer­de für ihn auch die Bun­des­hym­ne anstim­men, sobald ich ihn sehe. Am bes­ten machen wir das alle. Und zwar von heu­te an immer. Statt ihn mit einem umstands­lo­sen Hal­lo! zu begrü­ßen, sin­gen wir die ers­ten Töne der Bun­des­hym­ne. Wir alle. Für immer. Na, sagen wir fünf Jah­re lang. Der wird eine Freu­de haben. 


Ich mag kurio­se Din­ge, All­tag hat mich nie gereizt. Man möch­te mei­nen, das geht uns allen so, aber es gibt eine Viel­zahl von Mit­men­schen, denen der All­tag der sichers­te und schöns­te Zeit­ort zum Ver­wei­len ist, und beson­ders schät­zen sie es, wenn sie Lan­ge­wei­le über­kommt, denn die­se bie­tet reich­lich Gele­gen­heit, sich etwas aus­zu­den­ken, wor­über sie sich empö­ren können.

Vom Fluch der Phan­ta­sie ver­schont Geblie­be­ne grei­fen auf den Ben­zin­preis oder die EU zurück, die Krea­ti­ve­ren dage­gen brü­ten so lan­ge, bis sie etwas gefun­den haben, das a) das Poten­zi­al hat, eine direk­te Kon­fron­ta­ti­on mit einer anwe­sen­den Per­son her­auf­zu­be­schwö­ren und b) sie selbst gegen­über die­ser eine mora­lisch über­le­ge­ne Posi­ti­on ein­neh­men zu las­sen ver­mag. Ich weiß nicht, ob die Musik eine Brüll-Ele­gie kennt, aber soll­te Öster­reich einer neu­en Bun­des­hym­ne bedür­fen, wür­de ich den Ver­ant­wort­li­chen raten, einen Fach­mann der Brüll-Ele­gie mit der Kom­po­si­ti­on zu beauftragen.

Wenn man beim Woh­nen betreut wird, was zumin­dest in den ers­ten Lebens­jah­ren gute Sit­te ist, seit Babys nur noch unter beson­ders schlim­men Umstän­den in Stroh­kör­ben den Lau­nen eines Flus­ses aus­ge­setzt wer­den, hat man gera­de als Her­an­wach­sen­der in der Regel viel Zeit für Detail­be­ob­ach­tun­gen der Wirk­lich­keit, weil einem die ernüch­tern­den und zeit­rau­ben­den Ver­pflich­tun­gen des All­tags vor­erst erspart blei­ben. Da mir die phy­si­sche Welt als Kind weni­ger kuri­os als viel­mehr unlo­gisch, wider­sprüch­lich, undurch­schau­bar und bedroh­lich erschien und in mir nicht so sehr Neu­gier als viel­mehr Flucht­re­fle­xe weck­te, waren die ers­ten ech­ten Kurio­si­tä­ten, für die ich mich als Kind inter­es­sier­te, Wör­ter, weil sie bei­na­he all­mäch­tig sind.

An man­chen Tagen beschäf­tig­te ich mich vor­wie­gend mit der Bedeu­tung, an ande­ren dach­te ich stun­den­lang über die Melo­die eines Wor­tes nach. Am ver­rück­tes­ten wur­de die­ses Spiel, wenn man sich auf bei­des zugleich kon­zen­trier­te. Der gesell­schaft­li­che Kon­sens, eine bestimm­te Abfol­ge von Lau­ten sei die akus­ti­sche Ent­spre­chung eines bestimm­ten abs­trak­ten oder kon­kre­ten Gegen­stan­des, ein H‑A-U‑S sei zum Woh­nen da, ein B‑E-T‑T zum Schla­fen, ein P‑E-N-I‑S zum Spie­len, ein A‑R-Z‑T zum Hei­len, erschien mir von Minu­te zu Minu­te immer unpas­sen­der, unglaub­wür­di­ger und unstimmiger.

Damals erkann­te ich, dass es nur weni­ge Wör­ter gibt, die sich frü­her oder spä­ter nicht selt­sam, ja falsch anhö­ren. Egal, um wel­ches Wort es sich han­delt, wenn man es ein paar Mal hin­ter­ein­an­der aus­spricht und sei­nem Klang lauscht, wird es irgend­wann leer. 

In den Nacht­stun­den, wäh­rend ich den Schlaf der Haus­gäs­te bewa­che, spie­le ich mit Wör­tern. Man­che mag ich mehr, man­che weni­ger, und ich amü­sie­re mich über die Asso­zia­tio­nen, mit denen mich mein Unter­be­wusst­sein unterhält.

Seehof ist ein Wort, das ich beson­ders mag. Woher stammt es eigent­lich? Heißt es so, weil der Gast­hof nahe am See gebaut wur­de? Oder – befin­det sich womög­lich ein vor Jahr­hun­der­ten unter­ge­gan­ge­ner Guts­hof im See?

Das Atlan­tis von Goldegg? Ja, das klingt gut. Wer taucht mit?


Zu den weni­gen posi­ti­ven Aspek­ten mei­ner Depres­si­on zäh­le ich mei­ne neu­erwor­be­ne Unfä­hig­keit, Fern­seh­ap­pa­ra­te zu erken­nen. Das ist gut, denn das Maß an Blöd­sinn, das im Fern­se­hen unschul­di­gen Men­schen als Wirk­lich­keit prä­sen­tiert wird, ist weit höher als das ehr­li­cher Ver­su­che, dem Zuschau­er wenigs­tens einen oder zwei intel­li­gen­te Gedan­ken oder etwas Inspi­ra­ti­on zu vermitteln. 

Wenn Gerüch­te über eine Qua­li­täts­sen­dung bis zu mir drin­gen (und ein Nacht­por­tier hört so man­ches), über­prü­fe ich sie per Note­book und Inter­net auf ihre intel­lek­tu­el­le Red­lich­keit. Com­pu­ter­bild­schir­me schei­nen zum Glück gegen den Erre­ger der Fern­se­her­blind­heit immun zu sein, zumin­dest wenn sie vor mei­ner Nase ste­hen. Das ist des­we­gen wich­tig, weil ich, wäh­rend ich als Nacht­por­tier die Gäs­te bewa­che, neben­bei am Com­pu­ter die Welt bes­ser zu machen ver­su­che, und es wür­de bei­de Arbei­ten, die Wache und die Welt­ver­bes­se­rung, um eini­ges erschwe­ren, wenn ich dabei den Bild­schirm nicht sehen könn­te. Ich habe ein­mal ver­sucht, auf einem in mei­ner Man­tel­ta­sche ste­cken­den Han­dy eine SMS zu schrei­ben, und das Ergeb­nis war so nie­der­schmet­ternd, dass ich nicht dar­über reden will, es sei nur erwähnt, dass der Adres­sat mit mir nicht mehr reden will.

Es gibt bekannt­lich sechs Arten des betreu­ten Woh­nens: Hotel, Alters­heim, Kran­ken­haus, Fried­hof, Gefäng­nis und Seehof. Mehr als die Hälf­te davon ken­ne ich aus eige­ner Erfah­rung. Es ist natür­lich hei­kel, dem Seehof eine eige­ne Kate­go­rie zuzu­mes­sen, beson­ders in so einem Zusam­men­hang, weil man mit den übri­gen fünf Orten wenig Lebens­zu­ver­sicht asso­zi­iert, wäh­rend der Seehof auf der Lebens­be­ja­hungs­ska­la die Höchst­no­te ver­dient. Es gibt nur einen Seehof, wird man zudem ein­wen­den, und das stimmt, doch wenn der Name als Chif­fre ver­wen­det wird, darf man schon ein­mal über­trei­ben und von der theo­re­ti­schen Exis­tenz meh­re­rer See­hö­fe spre­chen. Auf der gan­zen Welt, nicht in Österreich.

Um die Welt zu ver­bes­sern, bedarf es wei­te­rer See­hö­fe, dar­über sind wir uns einig. Als betriebs­in­ter­ner Schu­lungs­lei­ter im Bereich Bit­coin und Block­chain-Tech­no­lo­gie wer­de ich gele­gent­lich von mei­nem altru­is­ti­schen Dienst­herrn zur Welt­ver­bes­se­rung ein­ge­setzt, eine Dis­zi­plin, ich der ich tra­di­tio­nell manch­mal mehr und manch­mal weni­ger erfolg­reich bin, was mich nicht mehr wun­dert, seit ich dahin­ter­ge­kom­men bin, dass die Welt nicht nur aus dem vier­ten Wie­ner Gemein­de­be­zirk und sei­ner Umge­bung besteht und es jen­seits sei­ner Gren­zen grö­ße­re Pro­ble­me gibt als innerhalb.

1,7 Mil­li­ar­den Men­schen auf der Welt haben kei­nen Bank­zu­gang. Das schützt zwar vor Über­zie­hungs­zin­sen, ver­hin­dert aber auch jede wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung, und fol­ge­rich­tig zäh­len die­se 1,7 Mil­li­ar­den zu den ärms­ten Men­schen der Welt. Wenn ein Migrant von den USA Geld an sei­ne Fami­lie in Mexi­ko, Kolum­bi­en oder Bur­ki­na Faso schi­cken will, kann er nicht ein­fach zur Bank gehen wie unser­eins. Er muss die Diens­te von Insti­tu­tio­nen wie Wes­tern Uni­on in Anspruch neh­men, und da sind je nach Auf­ent­halts­ort und Dring­lich­keit 10% als Pro­vi­si­on für den Dienst­leis­ter eine Sel­ten­heit. Meis­tens liegt sie näm­lich höher. Manch­mal ist die Schei­be, die sich der an vie­len Ort Mono­pol­sta­tus genie­ßen­de Geld­trans­fer-Anbie­ter abschnei­det, gleich der hal­be Kuchen. Auf die ande­re Hälf­te war­tet die Fami­lie eini­ge Tage, fall­wei­se län­ger. Das bedeu­tet: In Öster­reich arbei­tet man zur Hälf­te für den Staat und sei­ne Insti­tu­tio­nen, in räu­be­ri­schen Zivi­li­sa­tio­nen wie den USA und ande­ren Ent­wick­lungs­län­dern hat man zusätz­lich noch eine exor­bi­tan­te Zwangs­ab­ga­be für den Finanz-Wege­la­ge­rer zu verschmerzen.

Das könn­te sich bald ändern.

Die meis­ten die­ser 1,7 Mil­li­ar­den Men­schen ohne Bank­kon­to haben ein Smart­pho­ne oder zumin­dest Zugang zu einem sol­chen. Auf einem Smart­pho­ne ist ein Wal­let, eine elek­tro­ni­sche Geld­bör­se für Kryp­to­wäh­run­gen wie Bit­coin, bin­nen einer Minu­te instal­liert. Was nun, schät­zen Sie, kos­tet ein Geld­trans­fer mit einer Kryp­to­wäh­rung wie zum Bei­spiel NANO oder EOS, und wie viel Zeit ver­geht, bis der Emp­fän­ger das Geld hat?

Ant­wort: mini­ma­le oder kei­ne Gebüh­ren, eine Sekun­de oder schneller.

Es ver­wun­dert nicht, dass die Finanz­welt mit allen Mit­teln bemüht ist, digi­ta­le Wäh­run­gen schlecht zu machen und den Bit­coin-Preis zu drü­cken, um selbst bil­lig ein­zu­kau­fen. An Demo­kra­ti­sie­rung und Evo­lu­ti­on auf dem Sek­tor des Gel­des haben die­je­ni­gen das gerings­te Inter­es­se, die es schon haben. Ich den­ke, die Chan­cen ste­hen nicht schlecht, dass sie die­sen Kampf ver­lie­ren wer­den. Der Bit­coin wird maß­geb­lich dazu bei­tra­gen, auch in den ärms­ten Län­dern See­hof­po­ten­ti­al zu erzeu­gen. Hät­te ich viel Geld, wür­de ich Bit­coins kau­fen. Am liebs­ten 2010. Da kos­te­te einer 6 Cent. Der­zeit sind es 10.000 Dollar.


Wet­ten ist etwas für Knech­te“, sag­te mei­ne Urgroß­mutter, wenn ihr eine Wet­te ange­tra­gen wur­de, was sie heu­te so nicht mehr sagen wür­de. Nicht nur wegen ihres von mir von Jahr zu Jahr nicht min­der betrau­er­ten Able­bens vor fast drei­ßig Jah­ren, son­dern weil man Ange­hö­ri­ge nie­de­ren Stan­des heut­zu­ta­ge nicht mehr dis­kri­mi­nie­ren darf, und der pejo­ra­ti­ve Cha­rak­ter ihrer Bemer­kung ist nicht zu leug­nen. Ande­rer­seits, wenn jemand behaup­tet, man dis­kri­mi­nie­re mit die­sem Satz die Knech­te, da ja Knech­te einem nie­de­ren Stand ange­hör­ten, dis­kri­mi­niert er durch die Behaup­tung, Knech­te gehör­ten einem nie­de­ren Stand an, den Knecht als sol­chen, weil er ihn als von nie­de­rem Stand bezeich­net, was zwei­fel­los eine dis­kri­mi­nie­ren­de Bemer­kung ist. Manch­mal gibt es kei­nen Satz, den man über­all sagen darf. 

Nein: Es gibt gar kei­nen Satz, den man immer und über­all sagen darf.

Aus die­sem Grund gehe ich doch eher davon aus, dass mei­ne Urgroß­mutter, die 1917 als Ser­vier­mäd­chen im Fest­saal irgend­ei­nes impro­vi­sier­ten Feld­schlos­ses den Kai­ser Karl betrun­ken auf dem Boden schlum­mernd ange­trof­fen hat­te und Dis­kri­mi­nie­run­gen aus ihrer Jugend und ihren zwei Welt­krie­gen, die sie bei­de ver­lor, gewohnt war, auch heu­te noch die Fas­zi­na­ti­on des Wet­tens dem nie­de­ren Stand der Knech­te zuschrei­ben wür­de, um sich a) von ihnen abzu­gren­zen und b) dem Fra­ge­stel­ler durch die Blu­me mit­zu­tei­len, dass er ihr mit oder ohne Wet­te auf die Ner­ven ging. Sie lehn­te es ab zu wet­ten, und hät­te ich sie mir in die­ser Ange­le­gen­heit zum Vor­bild genom­men, mir und der rest­li­chen Welt wäre eini­ges erspart geblieben.

Eini­ge Jah­re vor mei­ner Erhe­bung in den Stand des Ein­zig Wah­ren Nacht­wäch­ters wur­de ich im Seehof wie­der ein­mal eine Woche lang beim Woh­nen betreut. Eines küh­len Früh­lings­abends über­trug das Fern­se­hen eine mul­ti­na­tio­na­le Show, bei der die Kan­di­da­ten den Begriff Bass­stim­me“ mimisch dar­stel­len soll­ten. Leicht­hin sag­te ich, wenn die öster­rei­chi­sche Per­so­na­lie gewin­nen wür­de, sprän­ge ich noch in der­sel­ben Nacht nackt in den eisi­gen See. Die öster­rei­chi­sche Per­so­na­lie gewann. Joh­len­den Kobol­den gleich zog ein Trupp hämi­scher Spöt­ter mit mir zum See. Ich ent­klei­de­te mich und sprang, und das Was­ser war kalt, so kalt, dass mir heu­te noch kalt ist. Mei­ne Flucht aus dem See wur­de vom einem Dut­zend Mobil­te­le­fo­nen doku­men­tiert, auf den Bil­dern sehe ich aus wie ein frisch geschlüpf­ter Waran.

Ein ein­zi­ger betei­lig­te sich nicht an dem digi­ta­len Gemet­zel: Mein Wohn­be­treu­er resp. Wirt bzw. nun­meh­ri­ger Dienst­herr Sepp Schell­horn. Erst arg­wöhn­te ich ja, er hät­te sein Han­dy ver­ges­sen, doch dann zog er Hemd und Hose aus, womit er noch immer mehr anhat­te als ich, und sprang auch in den See, dem er kurz danach unter gro­ßem Applaus der Zuschau­er auf ele­gan­te­re Wei­se als ich ent­stieg. Ihre Fra­gen nach sei­nen Moti­ven beant­wor­te­te er bei­läu­fig mit: Man darf nie einen allein sprin­gen lassen.“

Wenn mich ein­mal jemand nach einem Leu­munds­zeug­nis für Pepsch fragt, wer­de ich ihm die­se Geschich­te erzäh­len. Wenn Susi dar­auf­hin Bun­des­kanz­le­rin wird, wird sich das Ehe­paar Schell­horn gezwun­gen sehen, sei­nen Lebens­mit­tel­punkt nach Wien zu ver­le­gen, und ich wet­te, es ist der Nacht­wäch­ter, der dann zum Statt­hal­ter des See­hofs ernannt wird. 


Es gibt eine Kon­stan­te, die sich durch die Geschich­te der Mensch­heit zieht: Manch­mal wol­len wir jemand ande­rer sein. Das bedeu­tet nicht zwin­gend, dass wir mit uns unzu­frie­den sind, wir wol­len bloß nicht immer das­sel­be Gesicht im Spie­gel sehen.

Um jemand ande­rer zu sein, bedarf es kei­nes See­len­trans­por­ters, der unser unsterb­li­ches Inners­tes zeit­wei­se in eine ande­re Kör­per­hei­mat über­stellt. Das wäre ers­tens unge­heu­er auf­wän­dig, zwei­tens zum Ver­rückt­wer­den kom­pli­ziert, drit­tens ziem­lich gefähr­lich, und vier­tens gibt es so ein Gerät gar nicht. Schlech­te Nach­rich­ten also, doch Men­schen sind erfin­de­risch. Um Abwechs­lung vom Ich her­bei­zu­füh­ren, das wuss­ten sie schon vor Jahr­tau­sen­den, braucht unse­re Spe­zi­es Essen, Trin­ken, Bio­che­mie, Sex oder einen Fern­se­her. Vor Jahr­tau­sen­den waren erst weni­ge Fern­se­her ver­füg­bar, zudem waren die Men­schen noch häss­li­cher als heu­te, wes­we­gen Sex nicht sehr beliebt war. Bei Alter­na­ti­vi­den­ti­täts­be­darf aß oder trank man daher magi­sche Spe­zia­li­tä­ten, die dafür sorg­ten, dass man ein ande­rer wur­de, und damit mei­ne ich kein Sal­mo­nel­len-Tira­mi­su, son­dern Bier und Fliegenpilze.

Heu­te ist alles ein biss­chen anders. Staa­ten haben sich ange­wöhnt, ihre Bür­ger zu über­wa­chen, zu ent­mün­di­gen, zu bevor­mun­den und fak­tisch zu besach­wal­tern, als wäre der Ein­zel­ne kein Indi­vi­du­um, son­dern ein bere­chen­ba­res, nor­mier­tes Kon­strukt. Aus wirt­schaft­li­chen Grün­den hat sich der Alko­hol als Berau­schungs­mit­tel für die­ses Kon­strukt in unse­ren Brei­ten durch­ge­setzt. In klei­nen Men­gen wirkt Alko­hol stim­mungs­auf­hel­lend, aber wer klei­ne Men­gen Alko­hol zu sich neh­men und es dabei belas­sen kann, mit dem stimmt sowie­so etwas Gra­vie­ren­des nicht. Chro­ni­scher Alko­hol­ab­usus leis­tet Depres­sio­nen Vor­schub. Als Rau­sch­mo­no­po­list ist Alko­hol daher denk­bar ungeeignet.

Frü­her war man bedrückt, heu­te ist man depres­siv. Die Ursa­chen sind unter­schied­lich. Die einen wis­sen nicht, wie man rich­tig fickt, die ande­ren haben ver­ges­sen, wo der Fern­se­her steht, und wer noch nie im Seehof war, dem feh­len wesent­li­che Refe­renz­wer­te für gutes Essen und Trinken.

Was also tun gegen die düs­te­re Grund­stim­mung, wenn sie sich ein­schleicht? Ich woll­te neu­lich die alten Zei­ten wie­der­auf­le­ben las­sen, in denen unse­re Urah­nen vor ihren Hüt­ten mit dem Orts­scha­ma­nen tanz­ten, Grup­pen­sex­or­gi­en ver­an­stal­te­ten und die Tief­en­trau­rig­keit mit feu­ri­gem Leben aus­brann­ten. Als ich mich anschick­te, mit kon­vul­si­vi­schen Zuckun­gen den zuneh­mend zur Träg­heit ten­die­ren­den Herrn Schell­horn auf der Stra­ße vor dem Seehof zu einem spon­ta­nen Tanz zu moti­vie­ren, ver­sam­mel­te sich sogleich um uns eine Grup­pe Schau­lus­ti­ger, in denen ich zunächst grup­pen­s­ex­wil­li­ge Orts­be­woh­ner ver­mu­te­te, was sich rasch als Miss­ver­ständ­nis erwei­sen soll­te. Ich möch­te nicht sagen, wel­che pein­li­che Wen­dung der Nach­mit­tag nahm, jeden­falls han­del­te es sich um ehr­ba­re alt­ein­ge­ses­se­ne Gol­deg­ger, bei denen mein pro­gres­si­ver Zugang zum The­ma Tanz und Sexua­li­tät erheb­li­chen Wider­spruchs­geist zu Tage förderte. 

Ver­mut­lich hät­te die Sache unterm Strich ohne­hin nichts bes­ser gemacht. Anti­de­pres­si­va hel­fen gegen Depres­sio­nen nicht, zumin­dest bei mir nicht. Gegen Depres­sio­nen hilft nur Rick & Mor­ty. Rick & Mor­ty wird getra­gen vom opti­mis­ti­schen Nihi­lis­mus des ver­sof­fe­nen Wis­sen­schaft­lers Rick San­chez, der das intel­li­gen­tes­te Wesen im Uni­ver­sum ist und schon mal den Teu­fel zu einem Selbst­mord­ver­such treibt. Die­se Car­toon-Serie ist tau­send­mal bes­ser als die Simp­sons, deren nerdi­ges Under­state­ment recht schnell zur Pose wird. Es ist die herz­er­wär­mends­te, schlau­es­te und lus­tigs­te Fern­seh­se­rie, die es gibt. Bis zur nächs­ten Kolum­ne muss jeder der depres­si­ven Leser die ers­te Staf­fel gese­hen haben. Prüfungsstoff! 


Die Biblio­thek des Seehof lässt kei­nen Wunsch offen, abge­se­hen von einem beschei­de­nen, näm­lich dem nach etwas weni­ger Suhr­kamp-Büchern in den Rega­len. Das Leben ist schon hart genug, da muss man nicht auch noch mit Anlauf jenem all­um­fas­sen­den Gefühl von Ver­zweif­lung ins Maul sprin­gen, das aller­spä­tes­tens auf der letz­ten Sei­te von so man­chem Suhr­kamp-Roman uns Leser erwar­tet. Wir lesen die letz­ten Zei­len und stut­zen. Wir lesen sie noch ein­mal. Wir blät­tern vor und zurück. Irgend­wann ist der Ver­dacht so greif­bar, dass er aus­ge­spro­chen wer­den muss:

Da will uns jemand verarschen.

Mein Vater hat es in sol­chen Fäl­len leich­ter. Wenn in einem der Bücher, die er liest, der Schluss kei­nen Sinn ergibt, kann er sich leicht aus­rech­nen, dass es zuvor mir in die Hän­de gefal­len und aus nied­ri­gen Moti­ven (Scha­den­freu­de u.a.) mit gro­ber Gewalt sei­ner letz­ten Sei­ten beraubt wor­den ist.

Der Suhr­kamp-Ver­lag hat natür­lich auch vie­le Meis­ter­wer­ke ver­öf­fent­licht, das steht außer Streit. Trotz­dem, wenn ich etwa an Her­mann Hes­se den­ke, sehe ich immer eine Domi­na vor mir, die peit­schen­knal­lend ein nack­tes blas­ses Männ­chen dazu zwingt, abwech­selnd die Absät­ze der High Heels der Domi­nas abzu­le­cken und ein paar Absät­ze von Unterm Rad“ zu lesen.

Dem Gedan­ken der Selbst­gei­ße­lung konn­te ich nie viel abge­win­nen. Wenn sich jemand selbst ernied­rigt in der Hoff­nung, des­we­gen von ande­ren, sei es Gott, sei­en es sei­ne Mit­men­schen, erhöht zu wer­den, kann man mit fast hun­dert­pro­zen­ti­ger Sicher­heit davon aus­ge­hen, dass man auf einen Arsch gesto­ßen ist.

Die Jün­ge­ren unter mei­ner Leser­schaft sei­en gewarnt: Wenn ihr ein­mal Zeu­ge wer­det, wie Töch­ter und Söh­ne der hei­mi­schen Schol­le eine Oster­pro­zes­si­on ver­an­stal­ten, bei der einer ein Kreuz schleppt und sich peit­schen und mit Dor­nen­krön­chen schmü­cken lässt, oder wenn ihr erlebt, wie sich Schii­ten mit Schwer­tern den eige­nen Schä­del blu­tig schla­gen, erin­nert euch, ihr kennt sol­che Leu­te aus eurer Schul­zeit. Es sind die, die nach jeder Schul­ar­beit jam­mer­ten, sie hät­ten sie ganz sicher ver­geigt, und die dann mit gespiel­tem Erstau­nen ihre 1 ent­ge­gen­neh­men durf­ten. Noch jeder reli­giö­se Fana­ti­ker war ein Heuch­ler, und noch jeder Heuch­ler hat einst in der Schu­le behaup­tet, er hät­te nichts gelernt und wis­se nicht, wie ihm die­se 1 zuge­lau­fen sein könn­te. Auch zu mei­ner Zeit gab es sie. Wenn einer von denen heu­te zufäl­lig mei­nen Weg kreu­zen wür­de, ein Kreuz schlep­pend, jam­mernd und kla­gend, wür­de ich christ­li­che Nächs­ten­lie­be bewei­sen und mich sofort auf die Suche nach einem Hand­wer­ker machen, um eine Kis­te Ersatz­nä­gel zu kau­fen – die dürf­ten ihnen nicht aus­ge­hen, das wäre schrecklich. 


In der Nacht funk­tio­niert die äuße­re Kli­ma­an­la­ge des See­hofs bes­ser als tags­über, aber als Nacht­por­tier – ich bevor­zu­ge eigent­lich das mar­tia­li­sche­re Nacht­wäch­ter“, das Bewaff­nung und Gefahr in geis­ti­ge Griff­wei­te rückt – habe ich mich mit der Hit­ze des Tages ohne­hin nicht aus­ein­an­der­zu­set­zen, so wie man sich in Goldegg nicht um das küm­mern muss, was ande­re Men­schen als All­tag bezeich­nen, obwohl es für kei­ne zwei Men­schen auf der Welt eine iden­te Tages­ab­fol­ge gibt. 

Der Gott unse­res Uni­ver­sums mag zwar ein Feri­al­prak­ti­kant sein, aber so ein­falls­los war er dann auch nicht, er lässt jeden Men­schen sei­nen per­sön­li­chen Lebens­film dre­hen. Das liegt ja auch in sei­nem urei­ge­nen Inter­es­se, zumal für Göt­ter fata­ler­wei­se die Begrif­fe immer und jetzt Syn­ony­me sind, wor­über sich den Auf­zeich­nun­gen mei­nes Vor­gän­gers als Ein­zig Wah­rer Nacht­wäch­ter zufol­ge auch regel­mä­ßig Göt­ter bei ihm beschwert haben. Mein Vor­gän­ger dürf­te einen kom­mu­ni­ka­ti­ons­rei­chen Lebens­abend gehabt haben, jede Nacht kam ihn durch den Riss im Uni­ver­sum, der unter dem Seehof klafft, ein ande­rer Gott besu­chen. Auf den Seehof auf­ge­passt kann er da nicht viel haben bei sol­cher Ablen­kung. Aber man muss so einen Gott auch ver­ste­hen. Und so wie sich Gott, wenn ihm lang­wei­lig ist, den frisch gelie­fer­ten Lebens­film eines jüngst ver­stor­be­nen Men­schen ansieht (alter­na­tiv zum tau­sends­ten Mal Ken­ne­dy, wenn ihm wie­der ein­mal irgend­ei­ne Sün­de eines Men­schen den Tag ver­ha­gelt hat, oder eine sei­ner gelieb­ten Seri­en, z.B: Putin, wenn er gera­de beson­ders unter sei­nen Kom­ple­xen lei­det, weil er aus­sieht wie wir), so leben wir Men­schen irgend­wann mehr mit den Leben der Jün­ge­ren mit.

Die­ser Som­mer ist nicht mehr mein Som­mer, das spü­re ich, wir sind uns gegen­sei­tig nicht so wich­tig, Abge­klärt­heit bestimmt die Posi­tio­nen. Es stimmt, mei­ne Inter­es­sen wan­deln sich gera­de. Essen ist der Sex des Alters, sagen Sepp Schell­horns Bli­cke, wenn ich schon am Nach­mit­tag um mei­nen Stamm­tisch her­um­schlei­che oder vor der Küche mit den Füßen schar­re. Er behaup­tet, er hät­te ein Schrei­ben der Gemein­de erhal­ten, das es ihm ver­bie­te, mir mehr als zwei Nach­spei­sen aus­zu­fol­gen. Tat­sa­che ist, dass auf­grund des gerin­ge­ren Luft­drucks in der Höhe von Goldegg eini­ge mei­ner Klei­dungs­stü­cke ein­ge­gan­gen sind, was aber angeb­lich die Gemein­de anders inter­pre­tiert. Man will bei mir eine Gewichts­zu­nah­me bemerkt haben, die ein­deu­tig der hohen Qua­li­tät der See­hof­schen Küche bzw. mei­ner Fress­gier geschul­det sei. Im Som­mer wäre das noch kein Pro­blem, aber wenn ich im Win­ter aus allen Näh­ten plat­zen wür­de und Ein­steig­die­ben im Fall des Fal­les hin­ter­her­rol­len müss­te, wür­de die Lawi­nen­ge­fahr in Schwarz­ach dras­tisch erhöht. Der dor­ti­ge Orts­vor­ste­her sei bereits besorgt usw. Ja, ja, sagen mei­ne Zurück­bli­cke, du mich auch.

Vie­les wird einem mit zuneh­men­dem Alter abge­nom­men. Das schließt aber auch die Feh­ler ein. In Goldegg kann man weni­ger Feh­ler machen. Das ist für einen Risi­ko­men­schen nicht der schlech­tes­te Auf­ent­halts­ort. Apro­pos: Ich brau­che nicht ein­mal mit einer Frau auf Urlaub zu fah­ren, das erle­digt mein Sohn für mich. Er besucht sei­ne Freun­din in Grie­chen­land. Er ist zum ers­ten Mal allein im Aus­land, und ich bin froh, dass er jetzt an der Rei­he ist und nicht ich all die schö­nen Din­ge, die man da erlebt, noch ein­mal zum ers­ten Mal machen muss. Ich bewa­che den Seehof, las­se nicht die gerings­te Spitz­bü­be­rei zu, und die Welt nimmt woan­ders ihren Lauf. Woan­ders wird man, im Seehof ist man. Auch in Goldegg ist näm­lich immer jetzt.


Das gute Leben“ heißt das Fes­ti­val, das Sepp Schell­horn orga­ni­siert und zu dem ich noch nie als Gast­vor­tra­gen­der ein­ge­la­den wor­den bin. Ich ver­mu­te, er ver­mu­tet bei mir the­ma­ti­sche Inkom­pe­tenz. Ein Irr­tum, wie er all­mäh­lich zu begrei­fen scheint, seit er mor­gens die Ver­wüs­tung, die sein hung­ri­ger Nacht­por­tier nachts in der Küche ange­rich­tet hat inspi­zie­ren und mei­ne Hin­ter­las­sen­schaft fall­wei­se umge­hend von sani­tä­ren Ord­nungs­hü­tern besei­ti­gen las­sen muss. Anfangs leug­ne­te ich jede Mit­tä­ter­schaft an dem Exzess, bis mir bewusst wur­de, dass ein Nacht­wäch­ter, der nicht bemerkt, dass vor sei­ner Nase ein Mund­raub der Extra­klas­se statt­fin­det, für sei­nen Job beleg­bar unqua­li­fi­ziert ist.

Vor zwei Wochen ent­schied ich mich für einen Stra­te­gie­wech­sel. Men­schen, die gutes Essen zu schät­zen wis­sen, sind bekannt­lich auf dem Gebiet des glück­li­chen Lebens Erst­li­ga­pro­fis, und des­halb ver­su­che ich nun mei­nen Chef durch von Fak­ten­wis­sen unter­mau­er­te, fach­män­ni­sche Ana­ly­sen sei­ner von mir in der Nacht unau­to­ri­siert kon­su­mier­ten Hau­ben­kü­chen­pro­duk­te mil­de zu stim­men. Eine Woche lob­te und pries ich ihn, bis er letz­ten Mitt­woch die Schat­ten­sei­ten einer soeben von mir in den Olymp der Koch­kunst erho­be­nen Pas­te­te leakte:

Das war Hundsfutter.“

Ich tat so, als hät­te er einen Witz gemacht. Er nicht. Als er mich kurz allein ließ, um fri­sche Gäs­te zu begrü­ßen, durch­such­te ich den Alt­me­tall­con­tai­ner. Der Seehof ver­wen­det, wie ich bestä­ti­gen kann, so gut wie kei­ne Kon­ser­ven­do­sen. Die ein­zi­ge Aus­nah­me ist die Hun­de­spei­se Chap­pi.

Ich füh­le jedes­mal einen Stich, wenn sich Sepp Schell­horn mit aus­drucks­lo­ser Mie­ne, hin­ter der ich zwei­fels­frei ein sata­ni­sches Grin­sen iden­ti­fi­zie­re, vor Beginn mei­ner Schicht bei mir erkun­digt, ob ich schon zu Abend geges­sen hät­te oder ob er mir mein Tsch­ap­pi ser­vie­ren las­sen dür­fe. Mit T, S, C, H“, fügt er schein­hei­lig hin­zu, womit er zum Aus­druck brin­gen will, dass er selbst­ver­ständ­lich nichts als das öster­rei­chi­sche Dia­lekt­wort Tsch­ap­pi meint, womit in unse­rem schnit­zel­för­mi­gen Land jede Art von Nah­rung (für Men­schen) gemeint ist.

Ges­tern fiel mir eine vor­läu­fi­ge Ein­la­dungs­lis­te für das Fes­ti­val Das gute Leben“ in die Hände.

Raten Sie mal.


Was macht ein Nacht­por­tier eigent­lich, wer­de ich in Leser­brie­fen häu­fig gefragt.

Nun: Er wacht. Mit Rück­sicht auf den ety­mo­lo­gisch weni­ger beschla­ge­nen Teil der Leser­schaft ergän­ze ich: Der Nacht­por­tier bewacht das Haus und sei­ne schla­fen­den oder noch zechen­den Gäs­te, und die­se ver­ant­wor­tungs­schwe­re Auf­ga­be voll­zieht er wach. Hell­wach, möch­te ich sagen.

Vom Wort­stamm wach“ kann man zahl­rei­che, zumeist mit­ein­an­der ver­wand­te Begrif­fe ablei­ten: Auf­wa­chen, erwa­chen, der Wach­turm, die Wachstu­be, der Wacht­meis­ter, das Erwa­chen (im Sin­ne der Erweckung).

Ein Miss­ver­ständ­nis wäre es, ähn­lich klin­gen­de Wör­ter wie ein­waa­chen“ oder waach“ hin­zu­zu­zäh­len. Bei­de sind dia­lek­ta­ler Her­kunft und stam­men vom Begriff weich“ ab. Wäh­rend das ers­te einen Arbeits­schritt bei der Zube­rei­tung von Hül­sen­früch­ten beschreibt und sich in einem ande­ren Haus­halts­zu­sam­men­hang auf einen Trick gewitz­ter Haus­frau­en bezieht, die vor der Auf­ga­be ste­hen, die stark ver­schmutz­ten Hem­den ihrer zum Rotz­löf­fel gereif­ten Lei­bes­frucht zu rei­ni­gen, ist das zwei­te von derb-iro­ni­schem Cha­rak­ter und als umgangs­sprach­li­che Umschrei­bung künst­lich-wil­lent­lich her­bei­ge­führ­ter Bewusst­seinstrü­bun­gen von begrenz­ter Dau­er sowie chro­ni­scher Totalum­nach­tung mit oder ohne Eigen­ver­schul­den gebräuchlich.

Es wird jedem ein­leuch­ten, dass nicht in jeder Sekun­de ge- und bewacht wer­den kann. Zum einen wür­de dar­un­ter die Auf­merk­sam­keit des Wach­ha­ben­den über kurz oder lang lei­den, was schlimms­ten­falls ein schwe­res Unglück nach sich zie­hen kann, etwa wenn der erschöpf­te Nacht­wäch­ter wäh­rend des Sekun­den­schlafs einen hart­ge­sot­te­nen Trin­ker, der als Gast im Hotel abge­stie­gen ist, für einen Ein­bre­cher hält und dem Flüch­ten­den in Not­wehr eini­ge Gra­na­ten aus der Dienst­hau­bit­ze in den Rücken feu­ert (im Seehof nie vor­ge­kom­men, zumin­dest in der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit nicht).

Den Unter­schied zwi­schen wach“ und waach“ prägt man sich am leich­tes­ten ein, indem man an Donald Trump denkt. Ein Nacht­por­tier hat wäh­rend der Abwe­sen­heit von Spitz­bu­ben Zeit, im Inter­net zu sur­fen, und so stieß ich neu­lich auf Donald Trumps Twit­ter-Bot­schaft, er könn­te Kryp­to­wäh­run­gen im All­ge­mei­nen und den Bit­coin im Beson­de­ren nicht lei­den, weil der Bit­coin nicht nur eine Gefahr für den Dol­lar sei, son­dern kri­mi­nel­le Orga­ni­sa­tio­nen“ ihn benüt­zen wür­den, um schwe­re Ver­bre­chen zu finanzieren.

Wach klingt das jetzt nicht gera­de. Und wenn, dann nur bis zu dem Punkt, an dem Trump zugibt, dass der Bit­coin, der fäl­schungs­si­cher, infla­ti­ons­frei, dezen­tral und damit nicht mani­pu­lier­bar ist, eine rea­le Kon­kur­renz für den längst nicht mehr an die Gold­be­stän­de des Lan­des gekop­pel­ten, belie­big oft nach­ge­druck­ten Dol­lar dar­stellt. Zuge­ge­ben, alles kann man nicht wis­sen. Etwa dass die Bit­coin-Block­chain öffent­lich ist und jemand, der eine finan­zi­ell auf­wän­di­ge Untat unter Ein­satz digi­ta­ler Wäh­run­gen ins Werk set­zen möch­te, sich eher der Pri­va­cy-Coins Mone­ro, ZCash oder Spectre­coin, viel­leicht sogar Con­ce­al bedie­nen wird. Etwas ande­res hin­ge­gen soll­te jeder wis­sen, sogar US-Prä­si­den­ten: Abge­se­hen davon, dass kri­mi­nel­le Orga­ni­sa­tio­nen auch Teu­fels­werk wie Tele­fon und Flug­zeu­ge im Rah­men ihrer Kri­mi­na­li­täts­pro­duk­ti­on ver­wen­den, ist die Wäh­rung, die kri­mi­nel­le Orga­ni­sa­tio­nen bei wei­tem am häu­figs­ten nüt­zen: der US-Dollar. 


Unlängst wur­de an die­ser Stel­le erör­tert, dass es sich bei der für unse­ren Pla­ne­ten und sei­ne wei­te­re Umge­bung zustän­di­gen Höhe­ren Macht um einen Feri­al­prak­ti­kan­ten der Meis­ter­göt­ter han­deln dürf­te, da unser Uni­ver­sum die Hand­schrift eines Lehr­lings am Bau oder eines dem Dro­gen­kon­sum nicht abge­neig­ten Jüng­lings trägt. Die Exis­tenz höher ent­wi­ckel­ter Wesen als unser Gott scheint nur höher ent­wi­ckel­ten Men­schen gene­rell zu beha­gen, zumal in wei­ten Tei­len der Erde unter Andro­hung dra­ko­ni­scher Stra­fen ein auf­rech­tes Gedan­ken­mo­ra­to­ri­um zu die­sem The­ma besteht, und mit der Ewig­keit wol­len es sich gera­de die knor­ri­gen Söh­ne und Töch­ter der hei­mi­schen Schol­le sowie­so nicht ver­scher­zen. Es zeugt von spi­ri­tu­el­ler Pro­vin­zia­li­tät, wenn in hei­mi­schen Glau­bens­zen­tren, katho­li­sche Kir­chen genannt, ein wie für einen Faschingsg­schnas geklei­de­ter Mann mit sal­bungs­vol­len Wor­ten den Aller­höchs­ten“ preist. Wer Bud Spen­cer in Sie nann­ten ihn Mücke gese­hen hat, weiß: Es gibt immer einen, der stär­ker ist als du.“

Sol­che Gedan­ken schwir­ren durch mei­nen Kopf, wäh­rend ich nach mei­ner Nacht­schicht auf der Veran­da des Seehof lie­ge, genau­er gesagt auf Sabi­ne, denn ich bin durch die Lek­tü­re der gehei­men Tage­bü­cher mei­ner Vor­gän­ger auf dem Pos­ten des Ein­zig Wah­ren Nacht­por­tiers auf die irri­tie­ren­de Tat­sa­che gesto­ßen, dass noch jeder mei­ner Vor­gän­ger jedem ein­zel­nen Stuhl im Haus einen männ­li­chen und jedem Lie­ge­stuhl einen weib­li­chen Namen gege­ben hat.

Gera­de Details wie die­ses sind ver­rä­te­risch: Eine Welt, in der sich sol­che Gestal­ten wie Stuhl­na­men­s­pa­ten her­um­trei­ben, kann nur von einem Puber­tie­ren­den geschaf­fen wor­den sein. Mög­li­cher­wei­se ist spe­zi­ell die Erde eines sei­ner Pro­jek­te, das einer Beur­tei­lung durch eine höhe­re Instanz als unse­ren Gott harrt. Wäre es zu weit gedacht anzu­neh­men, dass Er bereits im Got­tes­schul­jahr zuvor den Mars ver­haut hat und nun beim Betrach­ten sei­ner neu­es­ten Krea­ti­on zuneh­mend in Panik gerät?

Die Ver­mu­tung des Pro­jekt­cha­rak­ters der Welt stüt­zen Beob­ach­tun­gen wie Sint­flu­ten, Heu­schre­cken­pla­gen sowie die unwür­di­ge Tra­ves­tie des Aller­höchs­ten“, vor einem mensch­li­chen Influ­en­cer namens Moses einen mora­li­schen Souf­fleur zu spie­len, wobei er sich auch noch als bren­nen­der Dorn­busch tarnt (die­se Ver­klei­dung nährt den Ver­dacht exzes­si­ven Dro­gen­kon­sums). Die­sem Schau­spiel liegt die ver­zwei­fel­te Hoff­nung zugrun­de, durch sei­nen Hokus­po­kus und ein ange­sichts der kol­por­tier­ten All­macht des Spen­ders ziem­lich gei­zig erschei­nen­des Geschenk von beschrif­te­ten Stei­nen einen all­seits geach­te­ten Anfüh­rer namens Moses in sei­nem Sin­ne zu indoktrinieren.

Wenn man auf der Veran­da liegt, egal ob auf Sabi­ne oder Brun­hil­de, spürt man deut­lich die Ener­gie, die von dem Riss im Uni­ver­sum aus­geht, den einer mei­ner Vor­gän­ger unter dem Seehof ent­deckt hat und durch den seit Anbe­ginn der Zeit aller­hand fremd­ar­ti­ge Gedan­ken, Gefüh­le, Wesen und Ereig­nis­se in unse­re Welt stür­zen, wäh­rend so vie­les aus unse­rer Welt durch ihn in einen ande­ren Kos­mos gelan­gen. Ich glau­be, die­sen Riss hat nicht unser Gott zu ver­ant­wor­ten. Die­ser Riss ist viel älter, und er ist vor­sätz­lich geschaf­fen wor­den. Viel­leicht von Got­tes Klas­sen­vor­stand? Die­ser Ort fühlt sich näm­lich im Gegen­satz zu den meis­ten ande­ren auf der Welt so rich­tig an.


Hier in Goldegg scheint mein Dienst­herr, Sepp Schell­horn, gewis­ser­ma­ßen den Geis des Ortes urbar gemacht zu haben, denn nur in ganz sel­te­nen Fäl­len sto­ße ich auf die ver­rä­te­ri­schen Spei­chel­fä­den des Volksmunds.

Tra­di­tio­nen sind gene­rell etwas für Idio­ten oder für Leu­te, die sich einer Lang­zeit­the­ra­pie gegen Demenz unter­zie­hen. Tra­di­ti­on bedeu­tet: Weil Affe XYZ (Geburts­ur­kun­de, Iden­ti­täts­nach­weis?) der Über­lie­fe­rung (=Gerücht) nach vor 500 oder 2000 Jah­ren einen gewal­ti­gen Fels­bro­cken von jener Klip­pe (oder der dane­ben) ins Meer gesto­ßen hät­te, um eine über­le­ge­ne Fein­des­ar­mee durch die 800 Meter hohe Initi­al­wel­le eines Mega­ts­u­na­mi zu ver­nich­ten, mar­schie­ren seit­her ein­mal im Jahr alle männ­li­chen Orts­be­woh­ner über 18 in ver­trot­tel­ter Auf­ma­chung durch die Stra­ßen, viel­leicht auch mit Stö­cken und Tril­ler­pfei­fen und neu­er­dings Tau­cher­an­zü­gen beklei­det. Das nennt man Brauch­tum und Tra­di­ti­on. Und wer hütet Brauch­tum und Tra­di­ti­on? Der Volks­mund natür­lich, der Joseph Goe­b­bels der Landwirtschaftskammer.

Der Volks­mund hört sich gern selbst reden, auch wenn ihm kei­ner zuhört. Aber woher stammt er? Wer lud ihn ein? Wer oder was ist der Volks­mund über­haupt, und war­um stopft man ihn nicht zu und war­tet, ob er ein Bauch­red­ner wer­den kann? Der Volks­mund ist das Organ für alle, die nicht selbst den­ken wollen.

Mei­ner neu­es­ten Theo­rie zufol­ge, die ich den ein­sa­men Stun­den mei­nes Wach­diens­tes im Seehof ver­dan­ke, han­delt es sich bei dem Volks­mund genann­ten Phä­no­men um die Sum­me aller Ängs­te, Zwän­ge und Vor­ur­tei­le jener Leu­te, die sich nie­mals den Unter­schied zwi­schen Den­ken und Schrei­en gemerkt haben. Wenn Sie ein­mal im Super­markt 20 Minu­ten an der Kas­se war­ten muss­ten, sind Sie ein Kan­di­dat für einen Antrag auf Früh­pen­si­on, denn nicht ein­mal Bud­dha selbst wäre die­ser Situa­ti­on gewach­sen gewe­sen. Wer bei die­sem skru­pel­lo­sen Zusam­men­spiel von irr­wit­zi­gem Kun­den­ge­schwätz und hys­te­risch-fröh­li­chen Durch­sa­gen hand­ver­le­sen blö­der Super­markt­ra­dio­mo­de­ra­to­ren, die die wehr­lo­se Kund­schaft über sen­sa­tio­nel­le Rabat­te und bio­lo­gisch abbau­ba­re Koch­re­zep­te auf­klä­ren, und neben­bei vom Wun­sche eines Man­nes gegen­über sei­ner Frau erfährt: Mut­ti, a Wuascht und a Klo­pa­pier brauch ma a no!“, läuft ent­we­der Amok oder beginnt aus dem Mund zu schäu­men. An denen, die gelas­sen war­ten, bis sie an der Rei­he sind, erkennt man Mit­men­schen, die eben­falls von Zeit zu Zeit im Seehof wei­len, wo die Sin­ne wie­der zum Sin­ne fin­den“, wie mein Vor­gän­ger als Nacht­por­tier, der Ber­li­ner S. Pfäff­gen, Im April 1759 ins Haus­ta­ge­buch schrieb. 


Die See­hof­schen Gäs­te sind für gewöhn­lich stil­voll und sym­pa­thisch welt­of­fen, und Zwi­schen­fäl­le wie unlängst, als ein betrun­ke­nes Paar wäh­rend mei­ner Dienst­zeit an der Nacht­re­zep­ti­on mit­ein­an­der in Streit geriet, sind abso­lu­te Ausnahmen. 

Die Frau hat­te mich erkannt und ließ mich wis­sen, dass Google bei abge­schal­te­tem Safe­se­arch-Fil­ter neue Por­no­vi­de­os mei­ner Freun­din und mir anzei­ge. Der Mann glaub­te aus ihrer Bemer­kung Wohl­wol­len her­aus­zu­hö­ren, was ihm nicht pass­te, was ich ganz gut nach­voll­zie­hen kann. Lei­der woll­te ich die Lage durch einen Witz lösen, der mir jedoch nicht gelang, weil ich mich plötz­lich wie­der an alles erin­ner­te, was mein Leben seit drei Jah­ren belas­tet: dass mei­ne Freun­din nach einem WOMAN-Arti­kel über unse­re gele­ak­ten Fotos und Vide­os ihren Job ver­lo­ren hat­te, dass Herr Müll­ner, ihr in sie ver­lieb­ter Dok­tor­va­ter, der sie schon lan­ge bei jeder Gele­gen­heit mit Sex­fo­tos von sich selbst bedrängt hat­te, die Gele­gen­heit nutz­te, um sie aus der gemein­sa­men For­schungs­grup­pe zu mob­ben und sich ihre For­schungs­ar­beit unter den Nagel zu rei­ßen und – ja, so gut sieht es mit dem Femi­nis­mus aus – anstel­le durch ein Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren mit einer Pro­fes­sur an der Med-Uni belohnt wur­de, wäh­rend die Depres­sio­nen mei­ner Freun­din zu einer chro­ni­schen Krank­heit führ­ten, die dazu bei­trägt, dass sie seit drei Jah­ren kaum noch das Haus ver­las­sen hat und sie nicht weiß, wo und wie und wann sie ihr Medi­zin­stu­di­um noch abschlie­ßen soll. Seit­her höre ich nicht nur zu die­sem The­ma oft den Satz, man müs­se neu­tral sein“.

Wer immer die­sen Satz ins Leben geru­fen hat: eine Barock­al­le­go­rie des Mutes hät­te man aus ihm kei­ne gemacht.

Wer man gera­de für die ande­ren ist, hängt in hohem Maße davon ab, wel­chen Wert einem zum gege­be­nen Zeit­punkt von den ein­fluss­rei­che­ren Mit­glie­dern des stän­dig tagen­den neu­tra­len Schieds­ge­rich­tes für Sozi­al­pres­ti­ge zuge­mes­sen wird. Ein bekann­ter Schrift­stel­ler hat fast immer recht, mag er noch so besof­fen und bekokst sein und Blech reden. Ein nüch­ter­ner Nacht­por­tier hin­ge­gen äußert kei­ne denk­wür­di­gen Ansich­ten. Oder? So wird es uns doch bei­gebracht. Das alles begann einst im Kin­der­gar­ten. Wer eine schö­ne neue Füll­fe­der hat, hört plötz­lich von den ande­ren nicht mehr so oft wie frü­her, dass er stinkt[1]. Fürs spä­te­re Leben lernt man dar­aus nur: Ent­we­der man steckt vie­le duf­ten­den Füll­fe­dern, oder man soll­te sei­ne Schwä­chen tar­nen. Ich bin da noch nicht zu einer end­gül­ti­gen Ent­schei­dung gekom­men. Die Zahl mei­ner Schwä­chen ist so groß, dass mir als Tar­nung nur ein Acht­mann­zelt oder bes­ser noch ein Berg­werk ein­fie­le, aber ich pfle­ge mich nicht zu tar­nen, und ich will auch nicht in einem Uni­ver­sum leben, in dem das Glück eines Indi­vi­du­ums von duf­ten­den Füll­fe­dern abhängt.

Kurz­um: Die Wahr­heit liegt nie in der Mit­te. Wenn sich zwei strei­ten, könn­te man mit ein wenig LSD und gutem Wil­len ja noch die Wahr­heits­mit­te zwi­schen ihnen ver­or­ten. Aber was, wenn jetzt ein Drit­ter mit sei­ner drit­ten Wahr­heit dazu­kommt? Nun? Haben Sie genug LSD dabei, um die­se Mit­te auch zu fin­den? Etwas Häss­li­ches mit etwas Schö­ne­rem zu über­strah­len, das kann nach hin­ten los­ge­hen, denn mer­ke: Die Urtei­le sind da- sie brau­chen nur noch gefällt zu werden.

Erwäh­nens­wert erscheint der Hin­weis, dass fast jeder von uns sowohl Urteils­emp­fän­ger als auch Urteils­aus­stel­ler ist. Jeder von uns sitzt in einem vir­tu­el­len Gre­mi­um, das gewollt oder unge­wollt Mei­nun­gen pro­du­ziert, indem es eige­ne äußert, in ers­ter Linie durch Nega­tiv­de­fi­ni­tio­nen, durch Aus- und Abgren­zung, indem es erklärt, was alles den eige­nen hohen Ansprü­chen nicht genügt. Der Öster­rei­cher ist eine ver­gleichs­be­ses­se­ne Raben­see­le, die sich neu­tral nennt und der dabei das Kunst­stück gelingt, sich weder zu schä­men noch sich auszulachen.

Der Begriff der Neu­tra­li­tät erweist sich bei nähe­rer Ana­ly­se als pro­ble­ma­tisch und könn­te in Wör­ter­bü­chern nach­kom­men­der Genera­tio­nen unter den Hash­tags Staats­ver­trag-Schmäh“ bzw Staats­ver­trag-Scam“ erklärt wer­den. Wah­re Neu­tra­li­tät kann es nicht geben, denn ihre Vor­aus­set­zung wäre Objek­ti­vi­tät, die uns Men­schen­seel­chen nie­mals gege­ben sein wird. Objek­ti­vi­tät kann nur an Orten gelin­gen, an denen sich Men­schen mögen, obwohl sie sind, wie sie sind, und so einen habe ich zwi­schen hier und Alpha Cen­tau­ri noch nicht gese­hen. Men­schen bril­lie­ren mehr in der Dis­zi­plin des Charakter-Schlammschiebens[2] als in der Zur­schau­stel­lung von Mut und Soli­da­ri­tät, und damit muss man sich abfinden.

Neu­tra­li­tät ist nicht zuletzt ohne­hin nur die basis­de­mo­kra­ti­sche Spie­gel­fech­te­rei von Feig­lin­gen. Dan­tes gro­ßer Satz über Neu­tra­li­tät soll­te in allen Schul­bü­chern ste­hen: Die hei­ßes­ten Plät­ze in der Höl­le sind für die­je­ni­gen reser­viert, die in Zei­ten einer mora­li­schen Kri­se ihre Neu­tra­li­tät bewahrt haben.“

[1] Kein auto­bio­gra­phi­scher Hin­ter­grund. Viel­leicht stank ich einst, das muss einem selbst nicht immer auf­fal­len, aber eine schö­ne neue Füll­fe­der in mei­nem Besitz wäre mir garan­tiert aufgefallen.

[2] Schlamm­schie­ben, das: ein Begriff aus der Por­no­in­dus­trie, der die Pra­xis bezeich­net, im Rah­men soge­nann­ter Gang­bangs einer ins Zen­trum der Ereig­nis­se gerück­ten Frau von spen­de­wil­li­gen Män­nern immer neue Men­gen Eja­ku­lat in die dafür gera­de dienst­ha­ben­de Kör­per­öff­nung schie­ben zu las­sen. Die ästhe­ti­sche Qua­li­tät des Begriffs ist Gegen­stand kon­tro­ver­ser Diskussionen.


Ich habe die Welt von Anfang an als Irr­tum inter­pre­tiert. Die Skla­ve­rei, der Holo­caust, die Tat­sa­che, dass uns Tie­re schme­cken, unser Schick­sal, das uns womög­lich schon bei unse­rer Geburt ein nur für Ein­ge­weih­te sicht­ba­res Ablauf­da­tum auf die Stirn täto­wiert hat, was das höh­ni­sche Grin­sen erklä­ren könn­te, das man­che Leu­te nie able­gen – wir tun ihnen Unrecht, wenn wir sie für bla­sier­te Idio­ten hal­ten, sie sind, und wer könn­te ihnen ihr Ver­hal­ten in die­sem Fall ver­den­ken, womög­lich nur Aus­er­wähl­te mit der Kern­kom­pe­tenz, die Schick­sals­ge­schich­te ihrer Mit­men­schen in bei­de Rich­tun­gen auf deren Stirn lesen zu können: 

Wenn sich die Schlüs­sel­mo­men­te eines Lebens auf so engem Raum ste­no­gra­phisch notie­ren las­sen und sol­che Leaks gera­de­zu All­tags­cha­rak­ter ange­nom­men haben, sol­che Men­gen an ver­meint­li­chem Süf­fi­sanz­grin­sen von sich rest­los über­zeug­ter Men­schen sind beim Fri­seur, im Gast­haus und im Fern­se­hen zu beob­ach­ten, wäre dies nur ein wei­te­res stüt­zen­des Indiz für mei­ne Irr­tums­theo­rie, die auf der Annah­me eines über­for­der­ten Feri­al­prak­ti­kan­ten auf Got­tes Thron fußt, und zwar vom ers­ten Tag an.
Dafür gibt es zahl­rei­che Evi­den­zen. Jemand, der ein Pro­dukt nach sei­nem Eben­bild kre­iert, muss sich zumin­dest den Ver­dacht des Nar­ziss­mus gefal­len las­sen, aber jemand, der stän­dig sein Eben­bild delo­gie­ren lässt oder gar durch Sint­flu­ten die Toi­let­te hin­un­ter­spült, weil sich sein Pro­jekt als stör­risch und feh­ler­be­la­den erwie­sen hat, bei dem liegt die Dia­gno­se Selbst­hass nahe. Mit sol­chen Leu­ten ist nicht zu reden. Man stößt auf Recht­ha­be­rei pur. Alles, was Sie in ihrem Leben gut hin­ge­kriegt haben, ver­dan­ken Sie der Lie­be und dem Zutun Got­tes. An den Kata­stro­phen hin­ge­gen sind ganz allein Sie selbst schuld, denn Sie hät­ten auf ihn hören müs­sen. Ja wie denn, wenn er nicht mit Ihnen redet, son­dern nur gele­gent­lich die Mut­ter sei­nes Soh­nes hand­ver­le­se­nen Bau­ern­kin­dern als Visi­on schickt? Das ist ja wie Stil­le Post! Sie sol­len sich die akti­ve Got­tes­agen­da auf ver­schlun­ge­nen Wegen wie einen RAF-Kas­si­ber besor­gen, damit nur ja viel Raum für Inter­pre­ta­ti­on bleibt.
Klei­ner Tipp: Wenn Sie der­einst auf dem Weg nach drau­ßen Gott zu einer Unter­hal­tung bei­sei­te neh­men will, machen Sie ja nicht den Feh­ler, aus Höf­lich­keit oder Eitel­keit sei­ner Ein­la­dung Fol­ge zu leis­ten. Er will Sie bloß zu einem neu­en Abo über­re­den. Zehn Leben zum Preis von acht, Glücks­fak­tor nie dage­we­se­ne 4% Mini­mum. Außer­dem ist er nicht ein­mal all­wis­send, sonst hät­te ihm die Welt als theo­re­ti­sches Modell genügt. Ihre Unter­hal­tung dient dem Zweck, Ihre See­le zu loka­li­sie­ren, so wie man in Kri­mis den Anruf des Erpres­sers nach einer Minu­te zurück­ver­fol­gen kann. Fragt sich nur, wer hier der Erpres­ser ist! Es gibt garan­tiert weni­ger ver­pfusch­te Wel­ten, aber die Zen­sur des über die Jahr­hun­der­te gewach­se­nen Got­tes­kar­tells funk­tio­niert wie eine geöl­te Maschi­ne.
Bis zu dem Tag, an dem der Kei­ler auf Sie zukom­men und gleich erklä­ren wird, Sie sei­en ja sein Lieb­lings­mensch, ist es hof­fent­lich noch eine Wei­le hin. Wir wer­den uns in nächs­ter Zeit an die­ser Stel­le den Mög­lich­kei­ten wid­men, die uns bereits jetzt und hier ein gutes Leben füh­ren lie­ßen, ganz ohne Abozwang. Woh­nen kann betreut wer­den, das beweist der Seehof mit her­aus­ra­gen­dem Erfolg, Wo jedoch Lebens­be­treu­ung von der Wie­ge bis zur Bah­re ver­spro­chen wird, egal ob von SED oder Kir­che, han­delt es sich meis­tens um Scam. Das kön­nen sogar wir selbst besser.


Lie­be O,

Betreu­tes Woh­nen oder Aus dem Leben des Ein­zig Wah­ren Nacht­por­tiers lau­tet der voll­stän­di­ge offi­zi­el­le, etwas groß­spu­ri­ge Titel die­ser Kolum­ne, die das Schei­tern mei­ner bür­ger­li­chen Exis­tenz the­ma­ti­siert, das ich mitt­ler­wei­le dank des vor Ort schwe­len­den nihi­lis­ti­schen Opti­mis­mus als vor­über­ge­hend zu bezeich­nen geneigt bin. Du bit­test mich um eine Inter­pre­ta­ti­ons­hil­fe; die­sen dei­nen Wunsch flan­kie­ren Zwin­kers­mi­leys, die du gewöhn­lich nicht ver­wen­dest. Was hat es damit auf sich?
Der Titel mei­ner Kolum­ne deu­tet an, ich wäre nacht­af­fin und nach­ter­fah­ren, und las­ziv sei er noch dazu, schreibst du, denn was hät­te man sich denn unter betreu­tem Woh­nen vor­zu­stel­len? Dem Rei­nen ist alles rein, sage ich, und wer an Pepsch denkt, mei­nen Dienst­herrn, der denkt nicht an Escort. Und wenn doch, dann an das Auto. Die mit den halb­sei­de­nen Kon­tak­ten sind sei­ne poli­ti­schen Mit­be­wer­ber.
Mit­be­wer­ber: So nennt man Kon­kur­ren­ten neu­er­dings. Was ich Sepp Schell­horn unbe­dingt ein­mal fra­gen muss: Gehö­ren poli­ti­sche Mit­be­wer­ber eigent­lich immer einer ande­ren Par­tei an? Das erschie­ne mir unlo­gisch. Gera­de der Begriff Mit-Bewer­ber sug­ge­riert doch inhalt­li­che Nähe. Dar­aus folgt, dass das Beklei­den (!) eines poli­ti­schen Amts inner­par­tei­lich eigent­lich eine Art Betreu­en­des Woh­nen mit gemein­sa­mem Hebel (Leverage) ist und für den Pos­ten eines Par­tei­vor­sit­zen­den im Grun­de Hote­lier­ser­fah­rung eine wün­schens­wer­te Vor­aus­set­zung wäre, wenn­gleich der Begriff Betreu­tes Woh­nen eine Art sexu­el­len Som­me­liers­un­ter­ton hat und ein Par­tei­vor­sit­zen­der im Grun­de seit jeher nichts ande­res als ein Puff­be­trei­ber ist.

Ja, du liegst nicht ganz falsch. Der Titel Betreu­tes Woh­nen spe­ku­liert ein wenig mit dem Triebstau des Lesers, der, wie die meis­ten Men­schen, die nicht gera­de am Anfang einer Lie­bes­be­zie­hung ste­hen, unter Sex­man­gel lei­det, was wegen des Ver­lusts an Sozi­al­pres­ti­ge nie­mand je zuge­ben wür­de, nicht ein­mal sich selbst gegen­über. Unge­liebt zu sein raubt uns weni­ger sozia­les Kapi­tal als unge­fickt zu sein, was eigent­lich per­vers ist und unge­heu­er traurig.

Lie­be O, die es nicht gibt, denn du bist nur ein lite­ra­ri­scher Kniff, um im Leser hin­ter­rücks das Gefühl von Pri­vat­heit, gar Inti­mi­tät zu erzeu­gen, lie­be O, ich muss zurück in mein Zim­mer, um mein Work­out fort­zu­set­zen und die Leser mit ihrer Neu­gier allein­zu­las­sen. Die­se O und der Ich-Erzäh­ler: Haben die ein­mal mit­ein­an­der oder nicht? Fragt sich das nicht so manch ver­dor­be­ner Leser?
Erwischt?

Ich kann dich beru­hi­gen: Nein. Das fragt sich nicht man­cher Leser, das fragt sich unbe­wusst jeder, denn Lie­be und Sex und somit Betreu­tes Woh­nen sind das Ein­zi­ge, was uns in die­ser Welt wirk­lich interessiert.


Vor mei­ner Zeit als Nacht­por­tier und Ana­lyst von Kryp­to­wäh­run­gen war ich voll­amt­li­cher Schrift­stel­ler, übte somit einen Beruf aus, den man sich zumin­dest am Anfang nur leis­ten kann, wenn man noch einen zusätz­li­chen Beruf aus­übt. Zumin­dest solan­ge man so schlecht schreibt, dass es ande­ren Leu­ten auf­fällt, braucht man ein zwei­tes Stand­bein (ich lie­be hirn­ris­si­ge Flos­keln, und das zwei­te Stand­bein ist ziem­lich rissig).

Womit kann man im Alter von 20 Geld ver­die­nen? Am ehes­ten mit Din­gen, die einem Spaß machen, erfuhr ich am Arbeits­amt von einer ziem­lich attrak­ti­ven Sach­be­ar­bei­te­rin. Was macht Ihnen denn Spaß?“ frag­te sie mich in koket­tem Ton. Als ob der not­wen­dig gewe­sen wäre.
Von vor­ne, von hin­ten, von der Sei­te, oral, anal, Drei­er, Vie­rer, Rever­se Gang­bang, CMNF, alles, was ich mit mei­nem drit­ten Stand­bein machen kann…“
Nein. Lei­der. Ich habe das nicht gesagt, damals hat­te ich aller­hand Zivi­li­sa­ti­ons­bal­last noch nicht abge­wor­fen, und Stil und Skru­pel ver­dar­ben mir so man­chen Abend.
Von da an frag­te ich mich, was die schlim­me­re Fol­ter ist: Etwas, was man gern tun wür­de, nicht tun zu kön­ne, oder nicht tun zu dür­fen. Erst vor ein paar Jah­ren habe ich für mich die Ant­wort gefun­den. Wie lau­tet Ihre?

Für die Din­ge, die mir Spaß mach­ten, woll­te mich also nie­mand bezah­len. Kurz erwog ich, mich für den Objekt­schutz zu bewer­ben, aber mit 20 sah ich so unschul­dig aus wie ein Engels­we­sen, noch zar­ter und umgäng­li­cher als heu­te, und trat zu sanft­mü­tig auf, um einen wür­di­gen Nacht­por­tier und Nacht­wäch­ter abzu­ge­ben. Und so wur­de ich Taxi­fah­rer.
Unge­fähr zu die­ser Zeit glaub­te ich zum ers­ten Mal zu bemer­ken, dass ich gele­gent­lich Erwar­tungs­hal­tun­gen ent­täu­sche.
Indi­zi­en: 1) Man­chen mei­ner Kun­den stan­den nach der Fahrt mit mir die Haa­re zu Ber­ge. Dabei hat­te ich sie eigens gefragt, ob ihnen ein zügi­ger Fahr­stil recht wäre. 2) Ande­re Kun­den beklag­ten den vor­über­ge­hen­den Ver­lust des Gehör­sinns, dabei hat­te ich mich höf­lich erkun­digt, ob sie Led Zep­pe­lin mögen. 3) Ein­mal muss­te ich eine Schicht absa­gen, weil ich betrun­ken war, oder bes­ser, weil ich ZU betrun­ken war, oder bes­ser, weil ich mich für zu betrun­ken HIELT. Mein Chef konn­te es nicht aus­ste­hen, wenn einer sei­ner Wagen in der lukra­ti­ven Nacht von Sams­tag auf Sonn­tag in der Gara­ge stand, und er HIELT sich nie für irgend­et­was ZU betrun­ken.
Jetzt muss ich dei­ne Schicht über­neh­men, du Oa…!!“ war das Letz­te, was ich hör­te, ehe er auf­leg­te.
Es war tat­säch­lich das Letz­te, was ich von ihm hör­te. Die Blut­pro­be, die man sei­ner nach dem Zusam­men­stoß mit dem Güter­zug schreck­lich ent­stell­ten Lei­che ent­nahm, ergab eine für ihn mitt­le­re Alko­ho­li­sie­rung: 2,3 Pro­mil­le. Sei­ne Mut­ter ver­wei­ger­te mir bei der Beer­di­gung den Hand­schlag.
Ja, und ein­mal, viel spä­ter, als es mit den Depres­sio­nen so schlimm war, dass ich oft tage­lang nicht schlief, bis ich ohn­mäch­tig wur­de, war­te­te ein Medi­um zwei Tage nach Redak­ti­ons­schluss noch immer auf einen Text von mir, nicht ahnend, dass ich mit einer blu­ten­den Kopf­wun­de und einem ange­knacks­ten Hals­wir­bel zuhau­se auf dem Küchen­bo­den lag und sich die Dun­kel­heit und die Angst um mich strit­ten, bis ich den bei­den in einem unbe­ob­ach­te­ten Moment ent­wi­schen konn­te. Und so wis­sen Taxi­un­ter­neh­mer und Chef­re­dak­teu­re: Mit mir ist es manch­mal schwie­rig. Nur, was soll ich da erst sagen? Ich wer­de mich ja den gan­zen Tag nicht los. Aber da sit­zen wir alle im glei­chen Boot – jeder in seinem.


Heu­te saß ich nach dem Wach­dienst mit einer ange­reis­ten Kol­le­gin auf der Ter­ras­se beim Früh­stück. Zu mei­nen Füßen bet­tel­te Herr Herr­mann um Schnit­zel­res­te, hoch über mir hat­te ich einen Gei­er auf Nah­rungs­su­che ent­deckt, was ich durch­aus zu inter­pre­tie­ren wuss­te, und die Kol­le­gin las mir die aus ihrer Sicht amü­san­tes­ten Arti­kel des Wochen­end­feuil­le­tons vor. Irgend­wann stieß sie auf eine Buch­be­spre­chung, in der es vor­der­grün­dig um das Werk eines Wüst­lings ging, in Wahr­heit aber um den Rezen­sen­ten selbst.

Wäh­rend ich ver­träumt ver­such­te, den Duft­nu­an­cen in Herrn Herr­manns Darm­win­den das Geheim­nis der Zusam­men­set­zung sei­nes Früh­stücks zu ent­lo­cken, wur­de ich von dem Kri­ti­ker aus der Zei­tung dahin­ge­hend infor­miert, ich wür­de oft und gern über Sex schrei­ben, was mit zwei Zita­ten aus den ein­zi­gen zwei Sex­stel­len belegt wur­de, die das betref­fen­de Buch ent­hält. Fer­ner wur­de dar­auf hin­ge­wie­sen, in mei­nen Büchern wer­de seit jeher schwer gesof­fen. Es klang nach: Wahr­schein­lich macht der das auch noch oft und gern. Oder knap­per: Der ist sel­ber so.

Ich Sau verstand.

Micha­el Köhl­mei­er schrieb ein­mal sinn­ge­mäß, Rock­mu­sik habe die Gitar­re erst da hin­ge­hängt, wohin sie gehört, näm­lich auf Schwanz­hö­he. Als ich dies las, staun­te ich. Nicht wegen des Inhalts, denn der war rich­tig, nicht wegen Köhl­mei­ers Sach­kennt­nis, denn der war schon eine Elek­tro­gi­tar­re, ehe die meis­ten noch nicht ein­mal eine Maul­trom­mel waren, son­dern wegen des Schwan­zes. Dass ihm die Redak­ti­on den so hat­te durch­ge­hen las­sen. Ich per­sön­lich glau­be ja, nur Ärz­te und Sani­tä­ter kön­nen einen Penis haben, die ande­ren haben zumin­dest begriff­lich das Zeug zum Rock’n’Roller. In unse­rer restau­ra­ti­ven Zeit, in der die Pri­mär­tu­gen­den eines Künst­lers Wohl­erzo­gen­heit und Umgäng­lich­keit sind, Zuver­läs­sig­keit und Kom­pro­miss­fä­hig­keit, muss ein Schrift­stel­ler anti­sep­tisch sein, und das sowohl bio­gra­phisch als auch sprach­lich. Aber ich schrei­be ja gar nicht so oft über Sex. Und wenn doch, na und? Ich schrei­be wenigs­tens nur dar­über, es gibt Leu­te, die machen das hun­dert­pro­zen­tig kon­kret, und das oft und viel und gern. Was sind denn das dann erst für wel­che. Über die könn­te sich der Redak­teur mal auf­re­gen. Wie­so man einer so zah­men Enti­tät wie einem Buch bzw. sei­nem Schöp­fer gleich die Ehre abspre­chen muss, möch­te ich wirk­lich wis­sen. So wie ich wis­sen möch­te, wie vie­le Via­gra die Her­ren, die im Tho­mas-Bern­hard-Zim­mer woh­nen, ges­tern Abend geschluckt haben. Mehr­fach muss­te ich in der Nacht eine erbos­te Dame beru­hi­gen, die sich über den Lie­bes­lärm beschwer­te. Gut, es war wirk­lich etwas laut, und ich gab ihr dahin­ge­hend recht, dass Ste­fan sei­nen Harald wirk­lich nicht so oft loben müss­te, aber nicht des­we­gen, weil ich Obs­zö­ni­tä­ten nicht auf­ge­schlos­sen gegen­über­ste­hen wür­de, son­dern weil ich im Lau­fe die­ses Exzes­ses immer neu­gie­ri­ger wur­de, ob es sich bei die­sem Harald a) um sei­nen Freund oder b) um Ste­fans eige­nen Penis oder c) um den sei­nes Freun­des han­del­te. Es gibt ja Män­ner, die sich selbst beim Sex anfeu­ern, wahr­schein­lich weil es sonst nie­mand tut, oder viel­leicht han­delt es sich um ehe­ma­li­ge Fußballstars, 

Sol­che Fra­gen müs­sen ewi­ge Rät­sel blei­ben, sonst nimmt man ihrer Geschich­te jede Heils­ver­spre­chung. Statt im Gäs­te­buch nach­zu­se­hen, wel­che Gäs­te im Bern­hard-Zim­mer resi­dier­ten, weil ich ohne­hin nur zwei und nicht vier Vor­na­men fin­den wür­de, las ich wie­der in Hun­ter Thomp­sons Rum Dia­ry“. Ein groß­ar­ti­ger Roman, sein ein­zi­ger übri­gens, gewöhn­lich schrieb er etwas, das man fall­wei­se Repor­ta­ge nennt oder gleich Gon­zo. Denn Hun­ter Thomp­son war es, der den Begriff des Gon­zo-Jour­na­lis­mus präg­te, jener Text­sor­te, die den sub­jek­ti­ven Bericht­erstat­ter ins Zen­trum der Ereig­nis­se rückt. 

Die Sache hat nur einen Haken: Wenn man Ich“ sagt, soll­te man es auch bemerken.


Ein Nacht­por­tier ist wie ein Schrift­stel­ler: er arbei­tet immer, aber eigent­lich hat er immer frei.
Beim Schrift­stel­ler ver­hält es sich so, dass in sei­ner arbeits­rei­chen Frei­zeit die Schrift­stel­le­rei durch sein Unter­be­wusst­sein maro­diert und ähn­li­che Spu­ren hin­ter­lässt wie eine Hor­de rus­si­scher Hoo­li­gans in den Fuß­gän­ger­zo­nen der Städ­te, in denen Aus­wärts­spie­le aus­ge­tra­gen wer­den (mit Stei­nen gefüll­te Arbeits­fäust­lin­ge sind der letz­te Schrei), wäh­rend der Nacht­por­tier sich der digi­ta­len Zukunft hin­ge­ben kann, sofern gera­de kein Ein­bre­cher den Seehof bedroht. Um mir eine Freu­de zu machen, bezahlt mein Dienst­herr, ein ech­ter Mäzen alten Schlags, ein bis zwei Mal die Woche arbeits­lo­se Schau­spie­ler dafür, dass sie mas­kiert ums Haus schlei­chen und sich von mir fest­set­zen las­sen, damit ich mich nicht sinn­los füh­le. Was gar nicht nötig wäre, denn ich bin noch nie sinn-los gewe­sen, außer damals, als ich im Koma lag, das ist eine ungleich tie­fe­re Nacht als der gewöhn­li­che Schlaf, das ist der Maria­nen­gra­ben. In mir klin­gen stän­dig so vie­le Sin­nes­rei­ze nach, dass ich froh bin, mich gera­de mehr mit unse­rer Zukunft mit der Block­chain-Tech­no­lo­gie und ihren Able­gern, den Kryp­to­wäh­run­gen, zu beschäf­ti­gen, weil die inten­si­ve Aus­ein­an­der­set­zung mit Zah­len die poe­ti­sche Phan­ta­sie dämpft. Ich bin kein Finanz­be­ra­ter, und dies ist kei­ne Finanz­be­ra­tung, aber wer sich in die­sen Tagen bei einer Kryp­to­bör­se regis­trie­ren lässt und sich 100 EOS kauft, könn­te sein Kapi­tal bin­nen 1 – 2 Jah­ren womög­lich ver­zwan­zig­fa­chen. Dies nur als ein Bei­spiel, womit sich Nacht­por­tie­re heu­te her­um­schla­gen: Ich habe mich zum Fun­da­men­tal­ana­lys­ten für Kryp­to­wäh­run­gen umgeschult.

Nicht ganz, ehr­lich gesagt. Das Schrei­ben oder Schreib­den­ken kommt immer dann her­vor, wenn ich es für gebannt hal­te. Heming­way hat uns gelehrt, den wahrs­ten Satz zu schrei­ben, der uns ein­fällt. Mei­ner lau­tet gerade:

Vor­ges­tern kam eine mei­ner Ex-Freun­din­nen zu Besuch, die nach ein paar Minu­ten mein­te, ich hät­te eine Dusche nötig.

Das ist kein ange­neh­mer Satz. Vor allem nicht für den, der ihn schrei­ben muss. Aber Heming­way hat uns auch gelehrt zu schrei­ben, was weh tut. Kör­per­li­che Ver­nach­läs­si­gung ist eine Begleit­erschei­nung von Depres­sio­nen, dar­über redet und schreibt aber nie­mand. Ich bin Stef­fi sehr dank­bar, denn sie hat mir mei­nen Wil­len wie­der­ge­ge­ben: den zum Duschen und den zum Schrei­ben. Ich fra­ge mich bloß, wie­so Frau­en für mich immer erst nach unse­rer Lie­bes­be­zie­hung das Prä­di­kat Beson­ders wert­voll ver­die­nen. Nein, das fra­ge ich mich jetzt nicht, ich darf mich auch nicht gleich wie­der alles auf ein­mal fragen.


Als Ein­zig Wah­rer Nach­wäch­ter des Seehof hal­te ich jede Nacht vor Gott und den Ster­nen über mich selbst Gericht. Das sind manch­mal ziem­lich dunk­le Stun­den, denn bei mir besteht seit jeher kein über­durch­schnitt­li­cher Weis­heits­ver­dacht. Einer mei­ner bes­ten Freun­de, der Maler und Bild­hau­er Erwin Michentha­ler, äußer­te sich dazu ein­mal sinn­ge­mäß unge­fähr dahin­ge­hend, er hof­fe, ich wür­de nie­mals in einen Wei­sen­rat beru­fen wer­den. Sei­nem Ser­mon ent­nahm ich, dass er mich dazu nicht etwa für intel­lek­tu­ell, son­dern mora­lisch unbe­ru­fen hielt. Da konn­te ich ihm nur recht geben, und dar­an hat sich bis heu­te nichts geän­dert. Ich füh­le mich ande­ren nicht mora­lisch über­le­gen, und für den Fall, dass sich das ändert, ist ein Skla­ve beauf­tragt, den gan­zen Tag hin­ter mir zu ste­hen und mir zuzu­flüs­tern: Beden­ke, dass auch du nur ein Trot­tel bist.

Man kann sagen, ich habe mei­ne eige­ne Moral. Im Gegen­satz zu manch ande­ren bil­de ich mir nichts auf sie ein, ich will sie nie­man­dem ver­kau­fen, und ich ver­su­che ande­ren nicht mit mei­nem Wunsch nach einem offi­zi­el­len Zer­ti­fi­kat für all­um­fas­sen­de Anstän­dig­keit auf die Ner­ven zu gehen. Leu­te mit sol­chen Cha­rak­ter­zü­gen erkennt man in den sozia­len Medi­en an ihrer Begeis­te­rung für Peti­tio­nen aller Art, Soli­da­ri­täts­kund­ge­bun­gen mit ver­meint­li­chen Min­der­hei­ten, ihrer rät­sel­haf­ten Gier, für gute Men­schen gehal­ten zu wer­den, und ihren Bekennt­nis­sen zu einem lin­ken Welt­bild. Die­se Leu­te sind in ähn­li­chem Maß links, wie Aas­gei­er Vega­ner sind. Ihre Aus­län­der­freund­lich­keit kaschiert inlän­der­hass, hin­ter der Bezeich­nung Femi­nis­mus ver­birgt sich die Sehn­sucht nach einem gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Penis­ver­bot, und was am aller­schlimms­ten ist: Sie sehen Men­schen ten­den­zi­ell sowie­so schon wenig nach, aber ein gutes Leben ver­zei­hen sie nie­man­dem. Am aller­we­nigs­ten sich selbst.

Aus gege­be­nem Anlass wur­de mit der Hotel­lei­tung ver­ein­bart, alle Seehof-Gäs­te bis auf Wei­te­res vom Nacht­wäch­ter auf Lebens­freu­de kon­trol­lie­ren zu lassen. 


Seit vier Wochen bin ich Nacht­por­tier im Seehof, und all­mäh­lich stellt sich eine gewis­se Rou­ti­ne ein. Nach­dem ich die gan­ze Nacht über Strol­che und Ban­di­ten dar­an gehin­dert habe, den Seehof zu über­fal­len, sehe ich im Mor­gen­grau­en drau­ßen nach dem Rech­ten. Dies erscheint mir ange­zeigt, seit ich ver­gan­ge­ne Woche einen betrun­ke­nen Jour­na­lis­ten nahe dem See­ufer auf­sam­meln muss­te, der sonst erfro­ren wäre. Eine schö­ne Schlep­pe­rei, einen Jour­na­lis­ten vom See zum Seehof zu schlep­pen.
Man soll­te anneh­men, Jour­na­lis­ten sei­en Leicht­ge­wich­te, aber da irrt man. Ich möch­te zum Bei­spiel nicht gezwun­gen wer­den, Chris­ti­an Sei­ler zu tra­gen, aber das sieht umge­kehrt ver­mut­lich auch so aus. Jeden­falls, nach­dem ich mich mit dem Alko­hol­jour­na­lis­ten abge­ra­ckert hat­te, stell­te sich her­aus, dass er nicht zum Haus gehör­te. Da ich nur für die Ver­wah­rung haus­ei­ge­ner Jour­na­lis­ten zustän­dig bin, leg­te ich den Mann, des­sen lau­tes Schnar­chen im Win­ter eine Lawi­ne aus­ge­löst hät­te, vor das Kauf­haus der ehr­ba­ren Fami­lie Lorenz, wo er bestimmt von jeman­dem, dem er gehör­te, gefun­den wer­den würde.

Nach mei­nem Rund­gang esse ich zu Abend, was in mei­nem Fall bedeu­tet, ich neh­me ein Früh­stück ein. Dabei fra­ge ich mich manch­mal, ob ich in einem Hotel bin oder in einer Zei­tungs­re­dak­ti­on. Es ist ja nicht so, dass die Jour­na­lis­ten nur am See­ufer her­um­lie­gen wür­den, der gan­ze Seehof wim­melt davon. In jeder Ecke sitzt ein Fleisch­ha­cker, an der The­ke ste­hen Nowaks, die Chef­re­dak­teu­re gras­sie­ren hier geradezu.

Man muss sich fra­gen, inwie­fern Kochen und Schrei­ben mit­ein­an­der in Ver­bin­dung ste­hen. Ich zum Bei­spiel kann über­haupt nicht kochen. Es gibt aber Men­schen, die mei­nen, ich kön­ne auch nicht schrei­ben, und wäh­rend mei­ner zuneh­mend län­ger wer­den­den Lebens­rück­set­zern ste­he ich selbst die­sem Gedan­ken nicht fern.

Den Begriff Rück­set­zer habe ich von der Bör­se, genau­er gesagt von der Kryp­to­bör­se. Eine Aktie macht ja meis­tens drei Schrit­te vor­wärts und dann einen zurück. Oder 5 vor, 2 zurück, manch­mal sogar 6 vor, 1 zurück. 6 vor, 7 vor, 15 vor, das gibt es nicht, es gibt dazwi­schen Rück­set­zer. Auch wenn es abwärts geht: 3 zurück, 1 vor. Oder 5 zurück, 2 vor.

Wenn es nach einem Sturz einer Aktie ein Stück nach oben geht, ehe der Kurs wei­ter stürzt, nennt man das an der Bör­se dead cat boun­cing“: Das Vieh lebt nicht mehr, aber die Kräf­te der Natur las­sen es noch einen Satz nach oben machen, ehe es lie­gen­bleibt bzw. im Fall der Aktie noch tie­fer sinkt.

So ist es im Leben auch: Wenn es auf­wärts geht, weiß man nie, ob man sich wie­der auf der Sie­ger­stra­ße befin­det oder ob man eine tote Kat­ze ist.


Ich habe beschlos­sen, dem guten Bei­spiel mei­ner ehren­wer­ten Vor­gän­ger zu fol­gen und ein Tage­buch anzu­le­gen, das mir Zeit­ver­treib in Muße­stun­den besche­ren und mei­nem geschätz­ten Nach­fol­ger im Amte des See­hof­schen Nacht­por­tiers gute Diens­te leis­ten soll.
Beim Gedan­ken an mei­nen Nach­fol­ger, der die­se Zei­len der­einst lesen wird und den ich hier­mit gewis­ser­ma­ßen auf dem Wege tem­po­ra­ler Tele­pa­thie grü­ßen möch­te, muss ich lächeln. Zwei­fel­los wird es sich auch bei ihm um einen zer­lump­ten Künst­ler han­deln, des­sen Lot­ter­le­ben sei­ner bür­ger­li­chen Exis­tenz die Luft abge­schnürt hat. Es kann nur so gesche­hen, denn Sepp Schell­horns (VI.? VII.? VIII.?) Herz schlägt für die Gestrau­chel­ten. Ich hof­fe nur, die ande­ren erfah­ren es nie. Ich will sie nicht daha­ben, ich bin mir selbst genug. Stimmt nicht, nein, ich bin mir manch­mal selbst zu viel.

Eini­ge Wochen erst lebe und arbei­te ich im Seehof“, und schon wird mein Welt­bild ins Wan­ken gebracht – durch die Lite­ra­tur, wie könn­te es anders sein, stellt sie doch die kom­pak­te­re Wirk­lich­keit dar, eine weni­ger fri­vo­le, eine hoff­nungs­vol­le­re, eine ent­schlos­se­ne­re Wirk­lich­keit als die unse­re. Jede Nacht fin­den sich eini­ge Stun­den, in denen ich in den Gehei­men Tage­bü­chern der See­hof­schen Nacht­wäch­ter lesen kann, über die gemun­kelt wird, der Autor des ers­ten Ban­des sei mit dem Teu­fel im Bund gestan­den. Wie bei die­sem Bund üblich, hat der Gehörn­te den Nacht­wäch­ter über den Tisch gezo­gen und neben der See­le auch zwei Fla­schen Bir­nen­schnaps aus dem haus­ei­ge­nen Kel­ler mit­ge­hen las­sen. Der Mär nach las­tet seit jenem Tag auf dem Amt des Nacht­por­tiers ein Fluch, der dafür sorgt, dass jeder See­hof­sche Nacht­wäch­ter über kurz oder lang voll­kom­men wahn­sin­nig wird. Damit nicht genug, wird jeder, der in den Tage­bü­chern liest, sei­ner­seits unwei­ger­lich ver­rückt, wovon eigent­lich abzu­lei­ten wäre, dass auf jeden, der die­sen Satz liest, die Umnach­tung war­tet.
(Über die­sen Aspekt noch nach­den­ken, EWN)
Infor­ma­tio­nen von so heik­ler Natur bezie­he ich durch Ein­schüch­te­rung Orts­an­säs­si­ger, die mir lei­der mehr­heit­lich kon­di­tio­nell über­le­gen sind, wes­we­gen ich bei Bedarf einer zwit­ter­haf­ten Grei­sin mit üppi­gem Damen­bart auf­laue­re. Sie und der ein­bei­ni­ge Zieh­har­mo­ni­kaspie­ler kön­nen mir nicht stand­hal­ten. Die­ser Musi­kant, der aus­sieht wie ein Reser­ve­ko­bold, soll mit mei­nem Amts­vor­gän­ger eng befreun­det gewe­sen sein (wie eng, kann ich mir auf­grund sei­ner gezier­ten Ges­tik lei­der nur zu gut vor­stel­len). Er ver­tritt uner­hör­te Theo­rien, zum Bei­spiel über die Licht-Laut-Abfol­ge, die sich häu­fig und glo­bal irgend­wo zwi­schen Erde und Welt­all ereig­net, zumeist von einem hef­ti­gen Regen­schau­er beglei­tet. Wenn nachts am Him­mel ein Licht­blitz zu sehen ist, nimmt man gemein­hin an, es mit einem ver­trau­ten Wet­ter­phä­no­men zu tun zu haben, doch der Ein­bei­ni­ge schwört Treu und Glau­ben, dass in die­sen grel­len Momen­ten Gott höchst­selbst aus­er­wähl­te Men­schen­kin­der foto­gra­fiert. Das muss stim­men, das kann sich kein Mensch ausdenken.


Nachts gewäh­re ich den Gäs­ten des Seehof kraft mei­nes Amtes als Ein­zig Wah­rer Nacht­por­tier Schutz, tags­über schützt uns alle der Seehof. Er schützt uns vor den Zumu­tun­gen der Welt, so wie er uns vor unse­ren eige­nen Lügen schützt. Das uns durch sei­ne Grö­ße all­täg­lich über­for­dern­de Drau­ßen darf nicht her­ein, das las­sen die Schell­horns nicht zu, viel­leicht sogar ohne dass ihnen ihr ehren­vol­les Wal­ten als Tür­hü­ter und exis­ten­ti­el­le Gang­auf­sicht selbst bewusst wäre, und mit unse­ren Dämo­nen kön­nen wir es plötz­lich auf­neh­men, was uns aber auch erst auf­fällt, wenn wir schon eine Wei­le unver­wun­det im Feld stehen.


Wenn man jeman­den beschützt, heißt das nicht, dass man ihm etwas erspart, und der Ort Seehof geizt nicht mit Infor­ma­tio­nen und Erkennt­nis­sen. So man­ches, was ich nie über mich wis­sen woll­te, hat mir der Seehof dik­tiert.
Dabei nimmt er einem bis­wei­len etwas Wert­vol­les, so wie damals, als mir ein lan­ger, scham­lo­ser, quä­lend erre­gen­der Blick einer Frau in der Haus­sau­na bewusst mach­te, wie wich­tig es für mei­ne inne­re Ord­nung ist, regel­mä­ßig die­se mal eher gleich­gül­ti­ge, mal schmei­chel­haft inten­si­ve Aus­ein­an­der­set­zung einer Frau mit dem Anblick mei­nes Geschlechts­teils zu erle­ben. Als ich in mei­ner lie­bens­wer­ten Nai­vi­tät eine klei­ne Umfra­ge zum The­ma mach­te und mit viel Ent­rüs­tung auch von Sei­ten ver­meint­lich welt­of­fe­ner Bekann­ter kon­fron­tiert wur­de, hat­te ich eine Wei­le mit eini­ger Ver­un­si­che­rung zu kämp­fen.
Der Seehof gibt einem aller­dings etwas dafür zurück: In die­sem Fall bald dar­auf die erleich­tern­de Erkennt­nis, dass nicht der Exhi­bi­tio­nist der Feh­ler im Sys­tem ist, zumin­dest solan­ge er sich nicht vor Kin­dern im Park ent­blößt, son­dern der Feh­ler bei denen liegt, die sich über ihn das Maul zer­rei­ßen. Zwi­schen aggres­si­vem Spott gegen Exhi­bi­tio­nis­ten oder Voy­eu­re oder SM-Lieb­ha­ber und aggres­si­vem Spott gegen Homo­se­xu­el­le besteht kein mora­li­scher Unter­schied. Was immer uns erregt, es geht nie­man­den etwas an, solan­ge wir uns kei­ner Straf­rechts­ver­let­zung schul­dig machen. Aus die­sem Grund habe ich Respekt für Pädo­phi­le, die sich frei­wil­lig in The­ra­pie bege­ben, um ihre Phan­ta­sien, für die sie nichts kön­nen, nie Wirk­lich­keit wer­den zu las­sen. Sol­che muti­gen Men­schen emp­fan­ge ich mit Freund­lich­keit und Froh­sinn. Für den Emp­fang derer, die dies­be­züg­lich Schuld auf sich gela­den haben, hän­gen bei mir zuhau­se neben Freund­lich­keit und Froh­sinn Mor­gen­stern und Base­ball­schlä­ger an der Wand.
Eine Freun­din mein­te ein­mal zu mir, wo immer ich bin, klafft ein Riss im Uni­ver­sum. Ein grö­ßen­wahn­sin­ni­ger Satz, der mir selbst­ver­ständ­lich gefiel, weil ich etap­pen­wei­se grö­ßen­wahn­sin­nig bin. Als ich neu­lich im Gehei­men Tage­buch mei­nes Vor­gän­gers im Amt des Ein­zig Wah­ren Nach­por­tiers las, einer Über­lie­fe­rung zufol­ge befän­de sich genau unter dem Seehof ein enor­mer Riss im Uni­ver­sum, war ich baff. Nun wächst zusam­men, was zusam­men­ge­hört.
Es stellt sich die Fra­ge, wer der Seehof ist. Kaum jemand von uns Orts­kun­di­gen wür­de leug­nen, dass hier etwas exis­tiert, das einen eige­nen Cha­rak­ter hat. Ist der Seehof unser kol­lek­ti­ves Unbe­wuss­tes? Nein, das kann nur ich sein. Lei­der. Aber wer oder was ist der Seehof? Fest steht nur: Er lebt, er ist, er inter­agiert. Was immer der Seehof ist, er ist ein Lebewesen.


Dies ist mei­ne letz­te Haus­halts-Kolum­ne in der F.A.S., und ich muss aus mei­ner Woh­nung aus­zie­hen. Das passt zusam­men, denn ein Stadt­strei­cher, der über das Woh­nen schreibt, ist wie ein Kri­ti­ker, der über Bücher schreibt, also vol­ler Anma­ßung und bar jeder Kom­pe­tenz. Nur dass Schrift­stel­ler eben­so vol­ler Anma­ßung sind, weil Anma­ßung und Grö­ßen­wahn Vor­aus­set­zung für gro­ße Bücher sind. Als Woh­nungs­kri­ti­ker, der man­gels Unter­kunft an sei­nem Arbeits­platz wohnt, wie ich vor vie­len Jah­ren in mei­nem Taxi, käme ich mir aller­dings selt­sam vor, wäre die neue Unter­kunft, an der ich der alten Tätig­keit nach­ge­hen kann, nicht etwas Beson­de­res. In Hin­kunft woh­ne ich dort, wo die­se Kolum­ne in Hin­kunft betreut wird, näm­lich im Seehof“ in Goldegg, das bei Bischofs­ho­fen liegt, das bei Salz­burg liegt.

Seehof klingt wie ein Schul­mo­dell, aber Sepp und Susi Schell­horns Seehof“ ist kei­ne Erzie­hungs­an­stalt, son­dern eher eine Zufluchts­stät­te für in die Jah­re gekom­me­ne miss­ra­te­ne Kin­der, über­setzt: ein Gas­tro­no­mie- und Her­bergs­be­trieb mit Hau­ben­kü­che und Künst­lersti­pen­di­en, wo Maler, Mana­ger, Poli­ti­ker, Schrift­stel­ler, Jour­na­lis­ten und ähn­li­ches Gelich­ter für die Zeit ihres Auf­ent­halts ver­ges­sen dür­fen, wer oder was sie gewor­den sind.

Denn egal, wer oder was man gewor­den ist, gele­gent­lich soll­te man es abstrei­fen. Ob man Erfolg hat oder Miss­erfolg, ob man schei­tert oder siegt, ab und zu muss man jemand ande­rer sein, und wenn einem nie­mand ande­rer ein­fällt, kann man ver­su­chen, sich an den zu erin­nern, der man frü­her war, als alles noch anders war. Den Wenigs­ten gelingt das auf Zuruf, es bedarf des rich­ti­gen Zeit­punkts und der pas­sen­den Ört­lich­keit. Aber der rich­ti­ge Zeit­punkt ist jeder Zeit­punkt, alles ande­re sind Aus­re­den. Der rich­ti­ge Ort hin­ge­gen fin­det sich tat­säch­lich nicht so leicht. Ich ken­ne nur eine sol­che Zau­ber­stät­te. Dort woh­ne und arbei­te ich von nun an, was bedeu­tet, dass von nun an die­se Kolum­ne im vir­tu­el­len Seehof“ zu besich­ti­gen ist.
Der Seehof“ ist ein vor­neh­mes Haus und drängt sich nie­man­dem auf, daher emp­fiehlt es sich den Inter­es­sier­ten, eine kur­ze Nach­richt an office@​derseehof.​at zu schi­cken und dar­in die Absicht zu äußern, von nun an mei­ner Kolum­ne Betreu­tes Woh­nen“ fol­gen zu wol­len. Alter­na­tiv besu­chen Sie der​see​hof​.at, wo Sie nicht nur mei­ne Kolum­ne, son­dern auch einen Hin­weis auf ein von Sepp Schell­horn jähr­lich orga­ni­sier­tes Fes­ti­val fin­den wer­den. Es trägt den Namen Das gute Leben“.
Möge es bald beginnen.

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